Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

Der Brief des Mathetes an Diognet

Mathetes ⏱️ 18 Min. Lesezeit
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Da ich sehe, hochgeehrter Diognet, wie sehr du danach verlangst, die Gottesverehrung der Christen kennenzulernen, und wie klar und sorgfältig du dich über sie erkundigst: auf welchen Gott sie vertrauen, wie sie ihm dienen, dass sie alle die Welt selbst gering achten und den Tod verachten, dass sie weder die von den Griechen sogenannten Götter für Götter halten noch den Aberglauben der Juden befolgen, welche liebevolle Zuneigung sie zueinander haben, und was es denn mit diesem neuen Geschlecht oder dieser Lebensweise auf sich hat, die erst jetzt und nicht früher in die Welt gekommen ist, nehme ich deinen Eifer gern an und bitte Gott, der uns sowohl das Sprechen als auch das Hören gewährt, mir zu geben, so zu sprechen, dass dir das Gehörte möglichst zum Guten dient, und dir, so zu hören, dass der Sprechende nicht betrübt wird.

Komm also: Reinige dich von allen Gedanken, die deinen Sinn im Voraus gefangen halten; lege die Gewohnheit ab, die dich täuscht, und werde gleichsam von Anfang an ein neuer Mensch, um ja auch Hörer einer neuen Lehre zu werden, wie du selbst bekannt hast. Sieh nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Verstand, von welcher Substanz oder welcher Gestalt die sind, die ihr Götter nennt und dafür haltet. 1Ist nicht der eine ein Stein, wie der, auf den man tritt; der andere Bronze, nicht besser als die bronzenen Geräte, die wir zum Gebrauch haben; der andere Holz, schon morsch; der andere Silber, das einen Menschen braucht, der es bewacht, damit es nicht gestohlen wird; der andere Eisen, vom Rost zerfressen; der andere Ton, um nichts ansehnlicher als das, was für den niedrigsten Dienst hergestellt ist? Ist dies nicht alles vergänglicher Stoff? Ist es nicht mit Eisen und Feuer bearbeitet? Hat nicht das eine von ihnen der Steinmetz, das andere der Bronzeschmied, das andere der Silberschmied, das andere der Töpfer geformt? War nicht jedes von ihnen, bevor es durch die Künste dieser Handwerker in diese Gestalt geprägt wurde, noch ebenso wie jedes andere, und ist es nicht auch jetzt nur umgeformt? Könnten nicht die Geräte, die jetzt aus demselben Stoff bestehen, wenn sie in die Hände derselben Handwerker kämen, solchen Dingen ähnlich werden? Könnten nicht umgekehrt diese Dinge, die jetzt von euch angebetet werden, von Menschen zu Geräten gemacht werden, den übrigen gleich? Sind sie nicht alle stumm, nicht alle blind, nicht ohne Seele, nicht empfindungslos, nicht unbeweglich? Verrotten sie nicht alle, vergehen sie nicht alle? Diese nennt ihr Götter, diesen dient ihr, vor diesen werft ihr euch nieder; und am Ende werdet ihr ihnen völlig gleich. Darum hasst ihr die Christen, weil sie diese nicht für Götter halten. Denn ihr, die ihr sie jetzt dafür haltet und so meint: Verachtet ihr sie nicht noch weit mehr? Verhöhnt und beschimpft ihr sie nicht noch viel eher, wenn ihr die aus Stein und Ton unbewacht verehrt, die aus Silber und Gold aber nachts einschließt und tagsüber Wächter daneben setzt, damit sie nicht gestohlen werden? Und mit den Ehren, die ihr ihnen darzubringen meint, straft ihr sie vielmehr, wenn sie empfinden; wenn sie aber empfindungslos sind, dann überführt ihr sie gerade dadurch, dass ihr sie mit Blut und Opferdunst verehrt. Das soll einmal einer von euch ertragen; das soll einer hinnehmen, dass ihm selbst so etwas geschieht. Aber kein einziger Mensch wird diese Strafe freiwillig ertragen, denn er hat Empfindung und Verstand. Der Stein aber erträgt es, denn er ist empfindungslos; also beweist ihr selbst, dass er keine Empfindung hat. Darüber nun, dass Christen solchen Göttern nicht versklavt sind, könnte ich noch vieles andere sagen. Wenn aber jemandem schon dies nicht ausreichend erscheint, halte ich es für überflüssig, noch mehr zu sagen.

Als Nächstes, denke ich, möchtest du vor allem hören, dass sie Gott nicht wie die Juden verehren. Wenn die Juden sich nun von dem eben genannten Opferdienst fernhalten und beanspruchen, an einen einzigen Gott zu glauben und ihn als Herrn über alles zu verehren, dann urteilen sie vernünftig. Wenn sie ihm aber diese Verehrung auf dieselbe Weise darbringen wie die zuvor Genannten, verfehlen sie sich. Denn was die Griechen den empfindungslosen und tauben Dingen darbringen und damit ein Zeichen ihrer Unvernunft geben, das meinen jene Gott darzubieten, als hätte er es nötig; folgerichtig müsste man das eher für Dummheit halten als für Gottesverehrung. Denn der den Himmel und die Erde und alles, was in ihnen ist, gemacht hat2 Apostelgeschichte 14:15 und uns allen gewährt, was wir brauchen, dürfte selbst nichts von dem benötigen, was er denen selbst gibt, die meinen, ihm etwas zu geben. Die, die aber meinen, ihm durch Blut, Opferdunst und Ganzopfer Opfer darzubringen und ihn mit solchen Ehren zu ehren – in der Annahme, sie könnten dem etwas geben, der nichts braucht –, scheinen mir sich in nichts von denen zu unterscheiden, die dieselbe Ehrerbietung an tauben Dingen zeigen, die an der Ehre gar keinen Anteil nehmen können.

Doch gewiss glaube ich nicht, dass du von mir noch lernen musst, dass ihre ängstliche Scheu in Bezug auf Speisen, ihr Aberglaube in Bezug auf die Sabbate, ihr Prahlen mit der Beschneidung und ihre Verstellung bei Fasten und Neumondfeiern lächerlich und keiner Rede wert sind. Denn wie könnte es recht sein, von dem, was Gott zum Gebrauch der Menschen geschaffen hat, das eine anzunehmen, als sei es gut geschaffen, das andere aber abzuweisen, als sei es nutzlos und überflüssig? Und wie wäre es nicht gottlos, Gott lügnerisch nachzusagen, er verbiete, am Sabbattag etwas Gutes zu tun? Und wenn sie sich auch noch mit der Beschneidung des Fleisches als einem Zeugnis der Erwählung brüsten, als seien sie deshalb von Gott in besonderer Weise geliebt, wie gäbe das nicht Anlass zu Spott? Und wenn sie bei Sternen und Mond Wache halten, um Monate und Tage zu beobachten, und Gottes Ordnungen sowie die Wechsel der Zeiten nach ihren eigenen Regungen aufteilen, die einen zu Festen, die anderen zu Trauerzeiten: Wer sollte darin ein Zeichen von Gottesverehrung sehen und nicht weit eher eines von Unverstand? Dass Christen sich also mit Recht von der allgemeinen Nichtigkeit und Täuschung und von der jüdischen Geschäftigkeit und Prahlerei fernhalten, hast du, meine ich, hinreichend gelernt. Erwarte aber nicht, dass du das Geheimnis ihrer eigenen Gottesverehrung von einem Menschen lernen kannst.

Denn die Christen unterscheiden sich von den übrigen Menschen weder durch Land noch durch Sprache noch durch Kleidung. Sie bewohnen ja auch nirgends eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Rede und führen kein auffälliges Leben. Diese Lehre ist ihnen auch nicht durch irgendeinen Einfall und die Grübelei vielgeschäftiger Menschen zuteilgeworden, noch treten sie, wie manche, für eine menschliche Lehrmeinung ein. Sie wohnen in griechischen und barbarischen Städten, wie es einem jeden zugeteilt wurde, und folgen in Kleidung, Nahrung und der übrigen Lebensweise den örtlichen Gewohnheiten; dabei zeigen sie die wunderbare und unbestritten erstaunliche Verfassung ihrer eigenen Lebensordnung. Sie wohnen in ihren eigenen Vaterländern, aber wie Beisassen; sie nehmen an allem teil wie Bürger und ertragen alles wie Fremde. Jede Fremde ist ihnen Vaterland, und jedes Vaterland Fremde. Sie heiraten wie alle, sie zeugen Kinder; aber sie setzen die Geborenen nicht aus. Sie stellen einen gemeinsamen Tisch bereit, aber kein gemeinsames Lager. Sie befinden sich im Fleisch, leben aber nicht nach dem Fleisch. Sie verweilen auf der Erde, doch ihr Bürgerrecht ist im Himmel3 Philipper 3:20. Sie gehorchen den festgesetzten Gesetzen und übertreffen durch ihr eigenes Leben die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Sie werden verkannt und verurteilt; sie werden getötet und zum Leben gebracht. Sie sind arm und machen viele reich; ihnen fehlt alles, und in allem haben sie Überfluss. Sie werden entehrt und gerade in den Entehrungen verherrlicht; man lästert sie, und sie werden gerechtfertigt. Sie werden geschmäht und segnen4 1. Korinther 4:12; sie werden misshandelt und erweisen Ehre. Sie tun Gutes und werden wie Übeltäter bestraft; während sie bestraft werden, freuen sie sich, als würden sie zum Leben gebracht. Von den Juden werden sie als Fremdstämmige bekämpft, und von den Griechen werden sie verfolgt; doch den Grund der Feindschaft können ihre Hasser nicht nennen.

Kurz gesagt: Was die Seele im Körper ist, das sind die Christen in der Welt. Die Seele ist über alle Glieder des Körpers hin verstreut, und die Christen sind über die Städte der Welt verstreut. Die Seele wohnt zwar im Körper, ist aber nicht aus dem Körper; und die Christen wohnen in der Welt, sind aber nicht aus der Welt5 Johannes 17:16. Unsichtbar wird die Seele in dem sichtbaren Körper bewacht; und auch von den Christen weiß man zwar, dass sie in der Welt sind, doch ihre Gottesfurcht bleibt unsichtbar. Das Fleisch hasst die Seele und bekämpft sie, obwohl ihm kein Unrecht geschieht, weil es daran gehindert wird, die Lüste auszuleben; so hasst auch die Welt die Christen, obwohl ihr kein Unrecht geschieht, weil sie den Lüsten entgegentreten. Die Seele liebt das Fleisch, das sie hasst, und seine Glieder; und die Christen lieben die, die sie hassen. Die Seele ist zwar in den Körper eingeschlossen, hält aber selbst den Körper zusammen; und die Christen werden zwar wie in Gewahrsam in der Welt festgehalten, doch sie selbst halten die Welt zusammen. Unsterblich wohnt die Seele in einem sterblichen Zelt; und die Christen leben als Fremdlinge im Vergänglichen und erwarten die Unvergänglichkeit in den Himmeln. Wird die Seele mit Speisen und Getränken misshandelt, so wird sie besser; und die Christen nehmen, wenn sie Tag für Tag bestraft werden, nur noch mehr zu. In eine so hohe Ordnung hat Gott sie gestellt, dass es ihnen nicht erlaubt ist, sich ihr zu entziehen.

Denn nicht eine irdische Erfindung, wie ich sagte, ist ihnen überliefert worden; nicht eine sterbliche Einsicht halten sie für würdig, mit solcher Sorgfalt bewahrt zu werden; auch ist ihnen nicht die Verwaltung menschlicher Geheimnisse anvertraut. Sondern wahrhaftig Gott selbst, der Allherrscher, der Schöpfer aller Dinge und der Unsichtbare, hat selbst vom Himmel her die Wahrheit und das heilige, für Menschen unbegreifliche Wort in ihren Herzen eingesetzt und fest verankert. Er tat es nicht, wie man vermuten könnte, indem er zu den Menschen irgendeinen Diener sandte oder einen Engel oder einen Herrscher oder einen von denen, die das Irdische ordnen, oder einen von denen, denen die Verwaltungen im Himmel anvertraut sind, sondern den Werkmeister und Schöpfer des Alls selbst, durch den er die Himmel schuf, durch den er das Meer in seine eigenen Grenzen einschloss, dessen Geheimnisse alle Elemente treu bewahren, von dem die Sonne die Maße ihrer Tagesläufe empfangen hat, um sie einzuhalten, dem der Mond gehorcht, wenn er ihm befiehlt, in der Nacht zu leuchten, dem die Sterne gehorchen, indem sie dem Lauf des Mondes folgen, dem alles geordnet, bestimmt und unterworfen ist: die Himmel und was in den Himmeln ist, die Erde und was auf der Erde ist, das Meer und was im Meer ist, Feuer, Luft, Abgrund, was in den Höhen, was in den Tiefen und was dazwischen ist. Ihn sandte er zu ihnen. Etwa, wie ein Mensch meinen könnte, zu Tyrannei, Furcht und Schrecken? Keineswegs. Sondern in Milde und Sanftmut sandte er ihn, wie ein König seinen königlichen Sohn sendet; als Gott sandte er ihn; zu Menschen sandte er ihn; als Rettenden sandte er ihn; als einen, der überzeugt, nicht zwingt. Denn Gewalt gehört nicht zu Gott. Er sandte ihn als einen, der ruft, nicht verfolgt; er sandte ihn als einen, der liebt, nicht richtet. Denn er wird ihn senden, um zu richten, und wer wird seine Ankunft bestehen? Siehst du nicht, wie sie wilden Tieren ausgeliefert werden, damit sie den Herrn verleugnen, und doch nicht besiegt werden? Siehst du nicht, dass, je mehr von ihnen bestraft werden, desto mehr andere hinzukommen? Das scheint nicht Menschenwerk zu sein; das ist Gottes Kraft. Das sind Zeichen seiner Gegenwart.

Denn wer von den Menschen wusste überhaupt, was Gott ist, bevor er selbst kam? Oder nimmst du etwa die leeren und törichten Reden jener glaubwürdigen Philosophen an? Die einen von ihnen behaupteten, Gott sei Feuer, und eben das, wohin sie selbst einmal geraten werden, nennen sie Gott; andere nannten ihn Wasser, wieder andere irgendeines der Elemente, die von Gott geschaffen sind. Und doch: Wenn eine dieser Reden annehmbar ist, könnte man ebenso jedes einzelne der übrigen Geschöpfe als Gott ausgeben. Aber das ist Gaukelei und Irrtum der Zauberer. Von den Menschen aber hat ihn keiner gesehen oder erkannt; er selbst hat sich offenbart. Offenbart hat er sich durch den Glauben, dem allein es gewährt ist, Gott zu sehen. Denn Gott, der Gebieter und Schöpfer des Alls, der alles gemacht und nach Ordnung unterschieden hat, erwies sich nicht nur als menschenfreundlich, sondern auch als langmütig. Er aber war immer schon so, und er ist es und wird es sein: gütig, gut, ohne Zorn und wahrhaftig, und er allein ist gut6 Markus 10:18. Als er aber einen großen und unaussprechlichen Gedanken gefasst hatte, teilte er ihn allein seinem Kind mit. Solange er nun seinen weisen Ratschluss im Geheimnis bei sich behielt und bewahrte, schien es, als vernachlässige er uns und kümmere sich nicht um uns. Als er aber durch das geliebte Kind offenbarte und sichtbar machte, was von Anfang an bereitet war, gewährte er uns alles zugleich: an seinen Wohltaten teilzuhaben, zu sehen und zu verstehen, was hätte je einer von uns erwartet? Da er also schon alles bei sich selbst zusammen mit dem Kind geordnet hatte.

Bis zur früheren Zeit ließ er uns also gewähren, wie wir wollten: Wir wurden von ungeordneten Regungen getrieben und von Lüsten und Begierden abgeführt. Nicht etwa, weil er an unseren Sünden Gefallen gehabt hätte, sondern weil er uns ertrug; auch stimmte er der damaligen Zeit der Ungerechtigkeit nicht zu, sondern schuf die jetzige Zeit der Gerechtigkeit, damit wir, nachdem wir damals durch unsere eigenen Werke als des Lebens unwürdig erwiesen worden waren, jetzt durch die Güte Gottes für würdig erachtet werden und, nachdem offenbar geworden ist, dass es uns aus eigener Kraft unmöglich ist, in das Reich Gottes einzugehen, durch die Macht Gottes dazu fähig werden. Als aber unsere Ungerechtigkeit voll geworden war und vollkommen offenbar zutage lag, dass als ihr Lohn Strafe und Tod zu erwarten waren7 Römer 6:23, und als die Zeit gekommen war, die Gott dazu bestimmt hatte, nun seine eigene Güte und Macht sichtbar zu machen, o übergroße Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes, da hasste er uns nicht, stieß uns nicht fort und trug uns nichts nach, sondern er war langmütig, ertrug uns, erbarmte sich und nahm selbst unsere Sünden auf sich. Er gab seinen eigenen Sohn als Lösegeld für uns hin, den Heiligen für die Gesetzlosen, den Schuldlosen für die Bösen, den Gerechten für die Ungerechten8 1. Petrus 3:18, den Unvergänglichen für die Vergänglichen, den Unsterblichen für die Sterblichen. Was anderes hätte unsere Sünden bedecken können als seine Gerechtigkeit? In wem konnten wir Gesetzlosen und Gottlosen gerechtfertigt werden außer im einzigen Sohn Gottes? O süßer Tausch, o unerforschliches Wirken, o unerwartete Wohltaten: Die Gesetzlosigkeit vieler sollte in dem einen Gerechten verborgen werden, und die Gerechtigkeit des Einen viele Gesetzlose gerecht machen. Nachdem er also in der früheren Zeit erwiesen hatte, dass unsere Natur unfähig ist, das Leben zu erlangen, jetzt aber den Retter gezeigt hat, der auch das Unmögliche zu retten vermag, wollte er, dass wir aus beidem lernen, seiner Güte zu vertrauen, ihn selbst für unseren Ernährer, Vater, Lehrer, Ratgeber, Arzt, Vernunft, Licht, Ehre, Herrlichkeit, Stärke und Leben halten und uns um Kleidung und Nahrung keine Sorge machen9 Matthäus 6:25.

Wenn auch du dich nach diesem Glauben sehnst und ihn empfängst, wirst du zuerst den Vater erkennen. Denn Gott hat die Menschen geliebt: für sie hat er die Welt geschaffen; ihnen hat er alles auf der Erde unterworfen; ihnen gab er Vernunft, ihnen Verstand; ihnen allein erlaubte er, nach oben zum Himmel zu schauen;10 sie formte er nach seinem eigenen Bild; zu ihnen sandte er seinen eingeborenen Sohn; ihnen verhieß er das Königreich im Himmel, und er wird es denen geben, die ihn lieben. Wenn du ihn aber erkannt hast, von welcher Freude, meinst du, wirst du erfüllt werden? Oder wie wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat? Wenn du ihn liebst, wirst du Nachahmer seiner Güte sein. Und wundere dich nicht, dass ein Mensch Nachahmer Gottes werden kann; er kann es, wenn Gott es will. Denn Glück besteht nicht darin, über die Nächsten zu herrschen, mehr haben zu wollen als die Schwächeren, reich zu sein und die Geringeren mit Gewalt zu bedrängen; auch kann darin niemand Gott nachahmen. Das alles liegt außerhalb seiner Größe. Wer aber die Last des Nächsten auf sich nimmt11 Galater 6:2, wer dort, wo er stärker ist, einem anderen, der benachteiligt ist, Gutes tun will, wer das, was er von Gott empfangen hat und besitzt, den Bedürftigen darreicht und so für die Empfangenden zu einem Gott wird, der ist ein Nachahmer Gottes. Dann wirst du, noch auf Erden lebend, schauen, dass Gott in den Himmeln seinen Wandel führt; dann wirst du beginnen, von den Geheimnissen Gottes zu sprechen; dann wirst du die lieben und bewundern, die bestraft werden, weil sie Gott nicht verleugnen wollen; dann wirst du den Betrug und die Irreführung der Welt verurteilen, sobald du das wahrhaftige Leben im Himmel erkannt hast; sobald du den Tod verachtest, der hier nur als Tod erscheint; sobald du den wahren Tod fürchtest, der denen vorbehalten ist, die zu dem ewigen Feuer12 Matthäus 25:41 verurteilt werden, das die ihm Übergebenen bis zum Ende strafen wird. Dann wirst du die bewundern und seligpreisen, die um der Gerechtigkeit willen dieses Feuer ertragen, sobald du jenes Feuer erkannt hast.13

Ich spreche nicht von fremden Dingen und suche nichts Widersinniges; vielmehr bin ich ein Schüler der Apostel geworden und werde zum Lehrer der Völker. Was überliefert wurde, diene ich denen würdig, die Schüler der Wahrheit werden. Denn wer, recht unterwiesen und durch das geliebte Wort geboren, wollte nicht klar erkennen, was den Schülern durch das Wort offen gezeigt wurde? Ihnen hat das Wort es offenbar gemacht, indem es erschien und mit Freimut sprach: Von Ungläubigen wurde es nicht verstanden, den Schülern aber legte es aus; sie wurden von ihm als treu erkannt und erkannten die Geheimnisse des Vaters. Darum sandte er das Wort, damit es der Welt erscheine: von dem Volk entehrt, durch die Apostel verkündigt, von den Völkern geglaubt14 1. Timotheus 3:16. Dieser ist der von Anfang an, der neu erschien und als alt befunden wurde und immer neu in den Herzen der Heiligen geboren wird. Dieser ist der Immerwährende, der heute als Sohn erkannt wurde; durch ihn wird die Kirche reich, und die Gnade breitet sich unter den Heiligen aus und mehrt sich: Sie schenkt Einsicht, offenbart Geheimnisse, kündigt Zeiten an, freut sich über die Gläubigen und wird denen geschenkt, die nach ihr suchen, bei denen die Eide des Glaubens nicht gebrochen und die Grenzen der Väter nicht verschoben werden.15 Dann wird die Furcht des Gesetzes besungen, die Gnade der Propheten erkannt, der Glaube der Evangelien gefestigt, die Überlieferung der Apostel bewahrt, und die Gnade der Kirche jubelt auf. Wenn du diese Gnade nicht betrübst, wirst du erkennen, was das Wort spricht, durch wen es will, wann es will. Denn an allem, was wir nach dem Willen des gebietenden Wortes unter Mühe auszusprechen bewegt wurden, lassen wir euch aus Liebe zu dem, was uns offenbart wurde, teilhaben.

Wenn ihr dem begegnet und mit Ernst darauf hört, werdet ihr erkennen, was Gott denen schenkt, die ihn recht lieben: Ihr werdet zu einem Paradies der Wonne, lasst in euch einen allfruchtbaren, frisch grünenden Baum aufgehen und seid mit vielerlei Früchten geschmückt. Denn an diesem Ort sind der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens16 Genesis 2:9 gepflanzt. Doch nicht die Erkenntnis tötet, sondern der Ungehorsam tötet. Denn die Schrift sagt nicht undeutlich, dass Gott von Anfang an den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens mitten im Paradies pflanzte16 Genesis 2:9 und durch Erkenntnis das Leben zeigte. Weil die von Anfang an damit nicht rein umgingen, wurden sie durch die Täuschung der Schlange entblößt. Denn es gibt kein Leben ohne Erkenntnis, und keine Erkenntnis ist sicher ohne wahres Leben. Darum sind beide nahe beieinander gepflanzt. Diese Kraft sah der Apostel und tadelte die Erkenntnis, die ohne das Gebot der Wahrheit zum Leben hin geübt wird, wenn er sagt: Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf17 1. Korinther 8:1. Denn wer meint, etwas zu wissen, ohne wahre Erkenntnis, die vom Leben bezeugt wird, der hat nicht erkannt; er wird von der Schlange getäuscht, weil er das Leben nicht geliebt hat. Wer aber mit Furcht zur Erkenntnis gelangt und das Leben sucht, der pflanzt auf Hoffnung hin und erwartet Frucht. Erkenntnis soll dein Herz sein, Leben aber das wahre Wort, das in dir Raum findet. Wenn du diesen Baum trägst und seine Frucht begehrst, wirst du immer ernten, was bei Gott ersehnt wird: Dinge, die keine Schlange berührt und mit denen keine Täuschung in Berührung kommt. Auch Eva wird nicht verdorben, sondern als Jungfrau geglaubt. Und das Heil wird gezeigt, die Apostel werden unterwiesen, das Passah des Herrn schreitet voran, die Zeiten werden zusammengeführt und mit der Welt in Einklang gebracht; und das Wort, das die Heiligen lehrt, freut sich, durch das der Vater verherrlicht wird. Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

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