Vom Untergang Jerusalems, Buch 5
Im ersten Jahr, nachdem Vespasian die höchste Gewalt übertragen worden war, wurde Judäa von wilden Kämpfen und Bürgerunruhen gequält und hatte auch während des Winters, in dem die Grausamkeiten der Kriege gewöhnlich nachlassen, kein Nachlassen seiner Übel erfahren. Doch auch der dritte Tyrann, Eleazarus, war hinzugekommen, als wolle er die Fehler seiner Vorgänger ausbessern: Iudas und Simon, der Sohn Ezerons, sowie Ezechia, ein junger Mann nicht geringer Herkunft, verschworen sich mit ihm; viele andere folgten ihnen, und nachdem sie die inneren Teile des Tempels und den ganzen äußeren Bereich besetzt hatten, stellten sie bewaffnete Männer vor die Tore, unmittelbar vor den Eingang. Johannes jedoch übertraf sie an Zahl der Verschwörer und an Größe seiner Partei, stand aber räumlich tiefer und konnte keineswegs Ruhe halten, sondern musste gegen die weiter oben Stellung Beziehenden zurückkämpfen; er war jedoch im Nachteil, weil er Feinde über sich hatte. Simon dagegen, den das Volk als Tyrannen über sich selbst hereingeholt hatte, hielt die höchsten Plätze der Stadt; auch die tiefer gelegenen Orte waren von seinen Leuten besetzt. Die Stadt litt in sich selbst unter einem dreifachen Kampf: kein Nachlassen, keine Erholung, keine Unterbrechung der Feindseligkeiten, jeden Augenblick gab es Streit. Viele fielen, Unzählige wurden abgeschlachtet, Blut floss; es besudelte alles, füllte selbst die Schwelle des Tempels, und überall häuften sich Leichen; die einen wurden von Pfeilen getroffen, die anderen von Wurfgeschossen. Unter den dreien stand Johannes in der Mitte, niedriger als Eleazarus, höher als Simon; in dem Maß, in dem Eleazarus über ihm stand, stand er selbst über Simon: So hielt er also zwischen beiden jenen mittleren Platz, sodass er, in dem Maß, in dem er von dem einen stärker bedrängt wurde, selbst den anderen stärker bedrängte. Da er jedoch mit anderen Hilfsmitteln der Belagerungsmaschinen und Arten von Waffen besser ausgerüstet war, glich er den Kampf aus, sodass außer denen, die den Krieg vorantrieben, tatsächlich auch viele Priester getötet und mitten unter den Opfertieren, die sie geschlachtet hatten, dahingemetzelt wurden. Obwohl nämlich eine dichte Menge von Geschossen auf alles niederging und überall die Kämpfe tobten, versahen die Priester dennoch gewissenhaft die Pflichten des Opferdienstes und ließen das ihnen anvertraute Amt nicht ruhen.
Und dort, wo sie sich im Inneren des Tempels befanden, wurden sie noch schwerer getötet, weil die Wirkungen der Belagerungsmaschinen mit heftigerer Wucht trafen. Denn viele, die von den Enden der Erde gekommen waren, um zu beten, in der Hoffnung auf den Segen der Rettung, gerieten, je enger sie sich an den Tempel hielten, desto tiefer in große Gefahr. Du hättest Fremde zusammen mit Bürgern, Priester und Laien gemeinsam zu Boden gestreckt sehen können, die Vornehmen mit den Niedrigen, die Zügellosen mit den Enthaltsamen; das Blut aller floss unterschiedslos vermischt wie ein Strom, und in den innersten Räumen des Tempels selbst standen Lachen, auf jedem Pfad schwoll Blut an. So kam es, dass viele, während sie einander als Vorkämpfer der Parteien suchten, auf dem glatten Boden ausglitten und, im Begriff, ihre Wut zu stillen, ins Blut stürzten. Doch nicht einmal durch solche Gefahren erschreckt zogen sich die Anhänger der Tyrannen aus dem Kampf zurück; vielmehr tobte dort, wo die Gefahr größer war, auch der größere Sturm des Wahnsinns. Und wenn einem der Untergang schwer drohte, vernichteten andere, als unterstützten sie mit aller Kraft den Sieg, die in Verwirrung Geratenen. Zwar gab es noch die Möglichkeit, Eleazarus oder Simon nachzugeben, sodass sie gleichsam durch bestimmte Vermittler oder durch zeitweilige Waffenruhen voneinander getrennt wurden. Johannes aber war immer kampfbereit, in jedem Augenblick im Gefecht. Wenn die oben untätig waren, bedrängte er die unten aus der Partei Simons; wenn er diese vertrieb, griff Eleazarus an. Hatte er die einen zurückgeschlagen, sprang er auf die anderen los, stets wachsam im Kampf und unermüdlich gerade in der Grausamkeit. Wenn sie mit Wurfspießen sparten, schleuderten sie brennende Geschosse. Diese griffen, von den Dächern der Häuser erfasst, auf die Gebäude über, die, bis zum Bersten gefüllt mit Vorräten und anderen Lebensmitteln zur Überdauerung eines langen Krieges, samt großen Mengen an Futter dem Feuer preisgegeben wurden und verbrannten. Sie vernichteten die verkohlten Reste des Materials, die Dächer der hohen Gebäude stürzten herab. So wurden durch Blut, Feuer, Zerstörung und Hunger die Lebensadern der ganzen Stadt durchschnitten. Kein Ort war frei von Gefahr, keine Zeit fand sich zum Überlegen, keine Hoffnung auf Veränderung, keine Gelegenheit zur Flucht. Alles war düster, voll Schrecken, voll Entsetzen; überall Klagen und Panik, überall die Schreie der Frauen, die Klagen der Greise, das Stöhnen der Sterbenden, die Verzweiflung der Lebenden, sodass du hättest sagen können: Elend waren die, die übrig blieben, glücklich die, die gestorben waren.
Wie sehr bist du, Stadt, von deinem eigenen Volk getäuscht worden, dem du einst selig erschienen bist; wie bist du durch deine eigenen Kräfte überwunden worden, ja deine eigenen Hände haben sich gegen dich gewandt. Wie warst du es gewohnt, ohne Waffen zu siegen und den Feind ohne jede Schlacht zu schlagen, wenn die Engel für dich kämpften und die Wogen des Meeres, die Öffnungen der Erde und die Geräusche des Himmels deine Soldaten waren? Erhebe dich nun, Mose, und sieh dein Volk und das Erbe des Volkes, das dir anvertraut wurde, durch eigene Hände zugrunde gehen. Schau auf jenes Volk Gottes, für das beim Vordringen ins Unpassierbare das Meer sich öffnete, dem der Himmel Nahrung reichte, als es hungerte: ohne Einschließung durch das Meer, ohne Blockade durch den Pharao, ohne Hunger wegen der Unfruchtbarkeit der Länder. Erhebe dich, Aaron, du, der einst, als wegen des Missfallens des allmächtigen Gottes der Tod viele aus dem Volk verzehrte, zwischen den Lebenden und den Toten stand; und der Tod hielt inne, und durch das Dazwischentreten deines Körpers blieb die Plage an dir haften und konnte nicht zur Ansteckung der Lebenden hinübergehen. Erwache auch du, Jesus Navis, der du die uneinnehmbaren Mauern Jerichos niederwarfst, während die Priester die Trompeten bliesen, und sieh das Volk, dem du die Fremden unterworfen hast, nun selbst unterworfen und bedrückt. Erwache, David, der du gewohnt warst, den rauen Geist mit dem Zauber der Leier zu besänftigen, und sieh, wie der Wahnsinn herrscht und jede Süße deiner Psalme aus dem Empfinden der Verderber ausgelöscht hat; jeder einzelne der Führer liefert das ganze Volk dem Tod aus, um ihm die Freiheit zu entwinden, für die du dich selbst dem Tod ausgeliefert hast. Erwache, Heliseus, der du den Feind nach Samaria hineingeführt und ihn zum Verbündeten gemacht hast. Durch dich erklang in den Lagern Syriens das Rasseln der Wagen und die Stimme der Reiterei und die Stimme der Manneskraft; der Feind floh, der Judaeus entging der Belagerung. Wo sind nun jene Verdienste, wo nun jene göttlichen Dienste der Seligen? Es ist nicht verwunderlich, wenn sie die Hilfe der Propheten verloren haben, weil sie den Mittler der Propheten zurückgewiesen haben. Darum sind deine Waffen gegen dich selbst gewandt, Judäa; deine Gebete nützen dir nichts, weil dein Glaube auf nichts achtet. So ist dein Volk gegen dich geworden, weil deine Treulosigkeit sich gegen dich gewandt hat. Welches Heilmittel wird gesucht, wenn der, der das Heilmittel anbietet, nicht versöhnt wird?
Was dachtest du, was geschehen würde, als du mit eigenen Händen dein Heil ans Kreuz brachtest, mit eigenen Händen dein Leben auslöschtest, mit eigenen Stimmen deinen Beistand verbanntest, mit eigenen Angriffen deinen Helfer tötetest, wenn nicht dies, dass du auch die Hand gegen dich selbst legtest? Du hast, was du gesucht hast: Du hast dir den Schutzherrn des Friedens entrissen, du wolltest, dass der Schiedsrichter des Lebens getötet und dir Barabbas freigelassen werde, der wegen eines in der Stadt begangenen Aufruhrs und Mordes ins Gefängnis geworfen worden war. So wich das Heil von dir, der Friede ging fort, die Ruhe hörte auf; Aufruhr wurde dir gegeben, Verderben wurde gegeben. Erkenne: Barabbas lebt heute, Jesus ist tot. So herrscht in dir der Aufruhr, der Friede liegt begraben, und du wirst von deinem eigenen Volk grausamer vernichtet, als wenn du von Fremden vernichtet würdest. Wie viel Unheil, elende Stadt, hat ein Römer mit seinen Heeren über dich gebracht im Vergleich zu deinem eigenen Volk? Die Römer wollten Frieden, du riefst den Krieg aus. Welchen Grund gab es, die Stärkeren herauszufordern? Es war wahrhaft hart, dass gegen das heilige Gesetz ein Heide den Tempel betrat; doch schon war er nicht mehr der Tempel Gottes. Du warst nicht die Stadt Gottes, und du konntest es auch nicht sein; denn du warst ein Grab der Toten, vor allem deiner eigenen Leute, die du selbst getötet hattest, nicht solcher, die du durch einen Feind verloren hattest. Denn wie konntest du Wohnort des Lebens sein, da du Wohnung des Todes warst, Herberge der Bosheit, Räuberhöhle1 Matthäus 21:13? In dir lagen unbestattet Ananus und Jesus tot, die Ersten der Priester, die noch vor kurzem die priesterlichen Gewänder getragen hatten, die sogar für Fremde Gegenstände der Ehrfurcht waren; nun lagen sie mit entstelltem Körper da, Speise der Vögel und Fraß der Hunde, zerstückelt und über die ganze Stadt verstreut, sodass der Anblick der früheren Heiligkeit eine so große Schmähung des heiligen Namens und die Erniedrigung des öffentlichen Amtes zu beklagen schien. Doch du selbst hast dir den Anfang dieser Schändlichkeit bereitet, du, die du die Propheten mitten in deinem Schoß getötet, die Seligen des Herrn gesteinigt hast. Zacharias lag leblos vor dem Tempel, er lag unbestattet. Hier also badet ihn Blut. Doch welchen Todesgrund gab es für Ananus, außer dass er dein Volk tadelte, weil es nicht zur Verteidigung des Tempels aufstand, weil er über die preisgegebene Freiheit klagte, über den verlassenen Mut, über die zertretenen Überreste der alten religiösen Riten, über die befleckten Altäre? Er erklärte, das Volk werde verlassen werden, da es durch den Gebrauch gefühlloser Abbilder und marmorner Standbilder schon nichts mehr wahrnahm. Selbst stumme Tiere pflegen eine Änderung der Strafe zu bemerken, Verletzung zu empfinden, durch einen Stich aufgeschreckt zu werden und Schlägen auszuweichen. Wer also weder aufgeschreckt wird noch das Schädliche zu meiden weiß, gleicht denen, die nichts fühlen.
Und wo ist deine wahre Freiheit, aus deren Geist du einst geurteilt hast, man dürfe sich weder den Ägyptern noch den Palästinern noch den Assyrern, später auch nicht den Medern unterwerfen? Wo ist jener Glaube der Makkabäer, der einst mit wenigen die Babylonier in die Flucht schlug, die Perser vertrieb, Demetrius überwältigte und schließlich in den Frauen und Kindern von Antiochien Waffen, Schwerter und Feuer besiegte und nach väterlichem Gebot lieber sterben wollte, als den Befehlen des Königs untertan zu sein? Wo ist jene Hingabe der Väter, die schönste aller Leidenschaften, mit der sie sich dem Tod darboten: nicht für ihre Kinder, nicht für ihre Ehefrauen mehr als für den Tempel Gottes? Früher sprosste zwar der Priesterstab, von seiner Wurzel im Wald getrennt, doch jetzt verdorrt der Glaube, die Frömmigkeit liegt begraben, und der Eifer um jede Tugend ist verschwunden. Es ist kein Wunder, wenn das Volk, das sich von Gott abgewandt hat und einem bösen Geist des Widerspruchs folgt, unter sich gespalten ist; denn wie hätten die Frieden halten können, die den Frieden Gottes verworfen haben? Christus ist der Friede Gottes, der beide eins gemacht hat. Darum sind mit Recht aus einem Volk viele geworden, die gegen sich selbst stehen, weil sie, gespalten, Jesus nicht folgen wollten, der sie zur Gemeinschaft vereinte, sondern, vereint, dem spaltenden Geist des Wahnsinns folgten. So hast du also, Jerusalem, den Preis deiner Treulosigkeit bezahlt, als du selbst mit eigenen Händen deine Schutzwehren zerstörtest, als du mit eigenen Schwertern deine Eingeweide herausgrubst, sodass der Feind Mitleid empfand, sodass er Milde übte, damit du wüten konntest. Denn er sah, dass Gott gegen dich kämpfte und für die Römer eintrat, und du selbst den freiwilligen Verrat hereinführtest. Und so wollten die Zuschauer lieber Römer sein als Mörder, damit, während deine Eingeweide untereinander rasten, nicht der Eindruck entstünde, es näherten sich Scharen der Ansteckung statt der Tapferkeit. Zu diesen Leiden abscheulichen Mordens kam die Barbarei gottloser Unmenschlichkeit hinzu, dass sie jedem das Begräbnis verweigerten, der entweder im Tempel oder auf den Straßen der Stadt getötet wurde. Auch stand es niemandem frei, Bestattungen vorzunehmen, während sie untereinander mit Krieg beschäftigt waren und die Aufgabe des Tötens alle mehr fesselte als das Begraben. So gingen durch eine Art Wahnsinn die Dienste der Frömmigkeit zugrunde, das Werk der Gottlosigkeit wurde immer schlimmer, und in so großen Unglücksfällen wurde nichts mehr zerstört als das Erbarmen, das allein die Nöte zu erleichtern und die Härten zu mildern pflegt. Tatsächlich wagten weder die, die ihre Angehörigen verloren hatten, sie aus Furcht zu begraben, weil von den Anführern der gegnerischen Parteiungen großer Schrecken ausging, noch duldeten die, die Fremde getötet hatten, dass jemand sie zur Bestattung fortschaffte. So musste jeder fürchten, sich selbst zu entziehen, was er einem anderen gewähren wollte, oder, was schlimmer ist, ihm selbst werde die Benutzung des Grabes nicht gewährt, das er für einen anderen bereitet hatte.
Im Tempel selbst also war statt wohlriechender Salben, statt der Räuchergefäße, die Wohlgeruch ausströmten, statt der Düfte verschiedener Blumen der Gestank unbegrabener Leiber kaum zu ertragen, die die Regenfälle aufgelöst, die Feuer verkohlt, die Sonne erhitzt hatten. Alle Glieder der ermordeten Bürger verbreiteten einen entsetzlichen Geruch. Von hier erfüllte die Fäulnis der aufgelösten Eingeweide, von dort der scharfe Geruch der verbrannten Körper jeden Sinn und die Münder der Lebenden, sodass sie nicht viel später von sehr schwerer Krankheit ergriffen wurden und darüber seufzten, dass sie überlebt hatten, um durch eine härtere Strafe zu sterben, und dass sie nur deshalb verschont geblieben waren, damit sie sahen, wie zugleich mit ihrem Vaterland die Gesetze der Natur aufgelöst wurden, den Lebenden das Recht, den Bürgern der Friede, den Toten die Bestattung verweigert wurde, Menschliches und Göttliches gleichermaßen entehrt und befleckt wurde, alles miteinander vermengt war, Erbarmen als Verbrechen galt und Grausamkeit an die Stelle der Ehrfurcht gesetzt wurde. Ein Heerlager im Tempel, Krieg auf der Schwelle, Tod auf den Altären: Sie selbst mussten geschehen sehen, was sie den Propheten nicht geglaubt hatten, als diese es ankündigten. Hatte David nicht gerade darüber gesagt: „Sie haben deinen heiligen Tempel verunreinigt2 Psalmen 78:1, sie haben die Leichname deiner Knechte den Vögeln des Himmels zur Speise gegeben3 Psalmen 78:2, sie haben ihr Blut wie Wasser rings um Jerusalem vergossen, und es war niemand da, der begrub4 Psalmen 78:3 “? Denn damals kamen Heiden in das Erbteil Gottes, die alles an sich reißen würden, und der Tempel wurde durch ihre Leichen entweiht; die unbegrabenen Körper der Toten lagen als Fraß für die Vögel da, als Beute für die Gier der wilden Tiere. Blut wurde vergossen, sodass es im Tempel zu Lachen stand, und es fehlte einer, der begrub, weil sich der Wahnsinn von den Lebenden auf die Toten und von den Toten auf die noch Lebenden verlagerte. Wer einen Toten begraben wollte, wurde selbst getötet, und wer den Toten getötet hatte, übertrug seinen Zorn auf den Bestatter, sodass er dem einen die Bestattung verweigerte, indem er den anderen tötete. Wiederum übte der, der den Bestatter getötet hatte, eine noch größere Barbarei an dem Toten, den er, obwohl er ihm schon keinen Hass mehr schuldete und der keine Leiden mehr empfand, der von Natur geschuldeten Begräbnisriten beraubte. Was anderes konnte ihnen widerfahren, da sie göttliche Gebote nicht annahmen? Sie verspotteten die Ankündigungen der Propheten, sie verachteten jedes Gebot des Himmels. Sie glaubten nicht an das Bevorstehende, dessen Eintreten sie selbst beschleunigten. Denn es gab ein altes und oft wiederholtes Wort, dass die Stadt Jerusalem dann zugrunde gehen und die heiligen Dinge zerstört würden, wenn der Streit des Krieges das Gesetz angreifen und eigene Hände den Tempel Gottes beflecken würden. Nicht einmal das verstanden sie; denn wie oft wurde das Haus Gottes zerstört, wie oft gab es Aufruhr, wie oft Belagerung, wie oft Krieg! Niemals wurde jene Stadt zerstört, außer als sie den Tempel Gottes wirklich mit eigenen Händen ans Kreuz schlugen. Und über diesen Tempel sollen sie hören: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten5 Johannes 2:19. “
Und wahrhaftig, was war es anderes als Frevel, als sie ehrfurchtslose Hände gegen die Quelle des Heils ausstreckten, als sie ihn steinigten, als sie ihn geißelten, als sie ihn ergriffen, als sie ihn töteten? Damals verzehrte das göttliche Feuer wirklich ihre heiligen Dinge. Denn als sie von den Babyloniern verbrannt worden waren, wurden sie danach wieder erneuert; von Pompey zerstört, wurden sie wiederhergestellt; doch als Jesus kam, wurden sie völlig verbrannt, von der Glut des göttlichen Geistes aufgelöst und verschwanden. Mit reichlichem Klagen mussten wir gewissermaßen einige Begräbnisriten unserer ererbten Bräuche vortragen, gleichsam einem Leichenzug folgen und die Totenfeier nach der Sitte unserer Väter vollziehen. Doch kommen wir zum Anfang der Belagerung Jerusalems.
Titus war nach Judäa zurückgekehrt, und nachdem einige Tage vergangen waren, damit die Reihen des Heeres wieder aufgefüllt würden, aus denen eine ausgewählte Schar nach Italien entsandt worden war, verstärkte er die Kampfhandlungen und eilte, sich seinem Vater anzuschließen, damit dieser nicht allein in die Gefahr zöge, gegen die vitellianischen Truppen zu kämpfen. Mit großer Umsicht führte er den Marsch des Heeres; überall war die Kolonne wachsam und gerüstet, auf Hinterhalte gefasst, weil sie wusste, dass sie an Tapferkeit überlegen war. Sie kam in das Gebiet von Samaria. Gofna nahm sie auf, das sich schon längst den Römern ergeben hatte. Sie gelangte nach Aulona, von wo Jerusalem nicht mehr als dreißig Stadien entfernt war. Von dort nahm er sechshundert Reiter mit und ließ die Reiterei vor der Stadt aufmarschieren, um auch die Lage des Ortes, die Beschaffenheit der Verteidigungsanlagen, die Höhe der Mauern und die Stimmung des einfachen Volkes zu erkunden. Dieses, so hieß es, werde von den Kräften der Räuber bedrückt, habe nur widerwillig der Belagerung zugestimmt und würde deshalb, wenn ihm freie Rede gewährt würde, den Römern wohl weniger Widerstand entgegensetzen. Eindrücklich ritt er daher mit kleinem Geleit auf dem gemeinsamen Wall entlang, der auf die Mauern der Stadt zulief, doch niemand ließ sich blicken. Als er aber sein Pferd zur Seite wandte, um den Mauerring zu umgehen, während der übrige Trupp seinem Anführer folgte, stürmten plötzlich sehr viele aus der Gegend gegenüber dem Grab der Helena hervor, brachen los und besetzten den Weg, sodass sie den größeren Teil der Reiter abschnitten, die Titus folgten. Er war mit wenigen, ganz nach dem Plan derer, die den Hinterhalt gelegt hatten, schon vorübergezogen, damit er, von den anderen getrennt, leichter überwältigt werden konnte. Denn wegen der dazwischengedrängten Menge der Feinde war es weder leicht, zu seinen Leuten zurückzukehren, noch ließen Graben, Mauer und andere Hindernisse des Ortes ein weiteres Vorrücken zu; so drohte Gefahr von zwei Seiten.
Da er also sah, dass für ihn allein in der Tapferkeit eine Aussicht auf Rettung lag und der Weg nur mit dem Schwert geöffnet werden konnte, denn die anderen hatten ihre Pferde bereits gewendet und zogen ab, obwohl sie darauf vertrauten, der Sohn des Kaisers werde ihnen folgen, wandte er sein Pferd. Mit lautem Ruf trieb er die übrigen an, ihm zu folgen, und stürzte sich gegen den Feind. Es schien unmöglich, wie er entkommen könnte, wenn man nicht bedenkt, dass im Krieg oft die Kühnheit, auch wenn sie allein steht, für den eigenen Schutz leisten kann, was eine Mauer leistet; später kam hinzu, dass die nachrückende Menge in der Gefahr mehr darauf bedacht war, für sich selbst zu sorgen, als den Feind zu verfolgen, als müsste etwa der, der seine Hand ausstreckte, um ein Pferd zu ergreifen, getötet werden. Schließlich wurden nur zwei von den Gefährten des Titus getötet; mit den übrigen kehrte der Sohn des Kaisers zu seinen Leuten zurück. Und wahrlich scheint kein Zweifel möglich: Da er mit unbedecktem Haupt und auch sonst ungeschützt bei dem Ausfall vorgerückt war, nicht zum Kampf gerüstet, weder mit Helm noch mit Brustpanzer versehen, und dabei keine Wunde davontrug, obwohl die Geschosse vor allem gegen ihn gerichtet waren, wurde ein so großer Mann für den Sturz dieser Stadt aufbewahrt. Gewiss ist das Herz des Königs in der Hand Gottes6 Sprüche 21:1. Darum wuchs den Juden aus dem Ausgang ihrer List und dem Gelingen ihrer Täuschung keine größere Kühnheit zu. Nach einer Nacht kehrte er mit dem Heer zur Stadt zurück und zeigte seinen Truppen von einem bestimmten Turm aus, von dem man die Stadt und die gewaltige Größe des Tempels überblickte, welche Stadt ihm im Krieg gegenüberstand. Sie müssten tatkräftig und umsichtig sein, weil sie ein zahlloses Volk zu besiegen hätten, das zur List bereit war. Er ordnete an, welche Abteilungen gegen die Mauern vorrücken sollten;
Nachdem er erkundet hatte, welche noch vom nächtlichen Marsch erschöpft waren, stellte er sie in einiger Entfernung als Reserve auf. Langsam ging es voran. Als man zum Ölberg kam, lag unterhalb, zwischen dem Marschweg und der Stadt, ein Tal, das den Namen Kidron trägt. Von den Mauern aus blickten sie dort auf das aufgestellte Heer, das sechs Stadien entfernt stand, und legten für den Augenblick ihren Eifer für den Streit beiseite; der heranrückende äußere Feind ließ die Kämpfe der Bürgerkriege in innerer Einigung ruhen. Denn gewöhnlich unterdrückt sogar die Furcht heftige Feindschaften. Schließlich ermunterten die Männer der Parteien einander abwechselnd und vereinten ihren Eifer, um gemeinsam ihr Vaterland zu verteidigen, damit sie nicht durch ihre Zwietracht den Römern einen unblutigen Sieg verschafften. Im Vertrauen auf ihre Zahl meinten sie, der Feind müsse rasch angegriffen und die vordersten Reihen durch einen unerwarteten Angriff in Verwirrung gebracht werden. Als aber die Römer, durch lange Übung und Kämpfe verschiedenster Art geschult, Mut fassten, begannen sie, im Vertrauen auf ihre Ordnung die Angreifenden niederzumachen, sie mit den Schilden zurückzudrängen und durch das Schleudern von Wurfspießen abzuwehren, freilich keineswegs ohne beiderseitige Verluste. Schon bedrängten nämlich die Juden sie aus nächster Nähe, und die römische Schlachtreihe begann zu wanken. Hätte Titus nicht, nachdem er die Lage erfahren hatte, eingegriffen, wäre er nicht gegen die Gegner vorgestürmt, hätte er nicht seine Truppen ermuntert, die Schlacht erneuert, den Mut der Soldaten entfacht und die römischen Reihen zurechtgewiesen, dann wäre der ungeordneten Menge der Sieg überlassen worden, nicht ohne die Schande großer Verzagtheit. Nachdem die Juden vertrieben waren, verfolgten sie sie, durch das Tal getrennt. Der Sieger zog sich zu seinen eigenen Leuten zurück, sicher in seinem Urteil, weil die höher gelegenen Stellungen gegenüber den tieferen hilfreich waren, falls sie versuchen sollten, eine Schlacht zu liefern; dann begab er sich zu einem anderen Teil des römischen Heeres. Als Caesar sich entfernte, stürzten sich die Juden von den Mauern herab und warfen sich in dichtem Gedränge auf den Feind, sodass die Soldaten vor dem Ansturm der unzähligen Menge flohen und sich in die höheren Berglagen zurückzogen. Da die Flanke ungeschützt blieb, flohen auch die Übrigen, die den Kampf vorgezogen hatten. Inzwischen stand Caesar mitten im Geschehen. Die meisten flehten ihn an, er solle sich nicht in Gefahr bringen und, während das Heer zerstreut sei, allein in die größte Gefahr geraten, da er doch der Herr der Welt sei; denn er solle nicht wie zuvor an der Stelle eines Soldaten kämpfen, sondern an der eines Kaisers, in dessen Gefahr das Verderben aller lag. Er aber gab nicht nach, sondern stellte die Ehre des Kriegsdienstes über die Sicherheit, weil in seinen Augen ein ruhmvoller Tod schwerer wog als die Schande des Lebens. Er wandte seine Brust gegen den Feind, stürmte auf die, die vor ihm zurückschreckten, und warf sich dann gegen andere.
Denn schon durch sein Erscheinen und den Ruf seiner weithin bekannten, tapferen Kühnheit trieb er den Feind zurück. So wichen diejenigen, gegen die er angestürmt war; doch von anderen Seiten strömten immer mehr Juden heran. Sie hätten Titus beinahe eingeschlossen, wenn nicht viele Soldaten, als sie sahen, dass Caesar mitten in die Schlacht verwickelt war, den Übrigen zugerufen hätten, der Sohn des Kaisers dürfe nicht in Gefahr zurückgelassen werden. So rief ihr Ehrgefühl alle zurück und machte ihre Furcht wehrhaft: Sie sollten nicht mit der Schande gebrandmarkt werden, Caesar im Stich gelassen zu haben. Da wandten sie sich mit aller Kraft und Tapferkeit gegen die Juden und trieben den ungeordneten Haufen ins Tal; auch fiel es denen, die aus dem Tal hinaufkletterten, nicht schwer, zurückzuweichen. So rief Titus zweimal eine Anzahl fliehender Soldaten von der Flucht zurück und entriss sie Gefahr und Schande. Dabei machte er von gleicher Tapferkeit und schließlich von ihrem Ehrgefühl Gebrauch; dieses wandte die Mutlosigkeit ab und weckte Tapferkeit: zuerst, damit Caesar nicht verlassen würde, und danach sogar, damit der Feind zurückgetrieben würde.
Als die öffentlichen Kämpfe für kurze Zeit ruhten, gingen die inneren Kämpfe weiter. Denn Johannes hatte viele durch den Anlass des Passahfestes dazu veranlasst, zum Tempel zu kommen, angeblich um es zu begehen; und als wäre Verbündeten Gelegenheit zum Eintritt gegeben worden, bereitete er eine List vor. Sie traten mit friedlichem Anschein ein, waren aber unter ihren Hüllen bewaffnet; sobald diese abgeworfen waren, standen sie gut gerüstet, mit Schutzwaffen und Brustpanzern da und erhoben ihre Schwerter zum Kampf. Durch diesen Schrecken entmutigt, stürzten die, die unbewaffnet und untätig im Tempel waren, hinaus und ließen den Tempel leer zurück. Jene aber folgten ihnen, schnitten denen, die sie fassen konnten, die Kehlen durch und verfolgten die übrigen über die Grenzen des Tempels hinaus; so eröffnete sich Johannes und seinen Gefährten die Gelegenheit zum Eindringen. Viele wurden an jenem Ort getötet, sodass selbst diejenigen, die keinen Widerstand geleistet hatten, unter irgendeinem vorgetäuschten Vorwand umgebracht wurden; weder nützte Ruhe den Friedfertigen noch Schweigen denen, die übergangen worden waren, noch Geduld denen, die nachgaben. Nachdem die inneren Bereiche des Tempels besetzt waren, rückte Johannes sogar gegen Simon vor, während Eleazarus und die übrigen führenden Männer der dritten Partei nach ihm an zweiter Stelle genannt wurden.
Auch am dritten Tag rückte Titus gegen den Feind vor und führte das Heer hinaus. Als er herangekommen war, stieß er vor der Stadt auf die dicht gedrängte Menge der Juden, die den Anschein erweckte, sich den Römern ergeben zu wollen, aber zugleich so tat, als fürchte sie sich. Da er Verrat vermutete, zumal er erst kürzlich gesehen hatte, wie sie untereinander Ränke schmiedeten und hartnäckig blieben, und es nicht für glaubhaft hielt, dass sie sich plötzlich geändert hätten, mahnte er die Soldaten, man müsse sich vor List hüten und dürfe sich den Mauern nicht unbesonnen in geschlossenen Reihen nähern, außer auf seinen Befehl; sonst könnten jene, die aus der Stadt herausgekommen waren, sie von hinten umzingeln. Plötzlich erhob sich aus der Stadt ein Lärm, und nach und nach war ein Streit zu hören: Die einen täuschten einen freiwilligen Auszug vor, die anderen leisteten noch Widerstand, denn die Ersten verlangten, man solle ihnen die Tore öffnen, die Letzten befahlen, sie geschlossen zu halten; die einen wollten Frieden, die anderen Krieg. Die Menge der Soldaten stürmte vor, um denen zu helfen, die von den Mauern her um Unterstützung gebeten hatten. Sehr viele gingen ohne Ordnung und ohne jeden Plan über den Befehl hinaus, als eilten sie den Kommenden entgegen und brächten ihnen Hilfe, damit durch die nähere Unterstützung einer großen Zahl die Zuversicht zum Ausbruch gegeben werde und den Widerstehenden Furcht, oder damit sich unter den Kämpfenden eine Gelegenheit böte, selbst auszubrechen. Diejenigen aber, die draußen standhielten, begannen jene von hinten zu umströmen und drängten die Umzingelten zusammen. Diese flohen zur Mauer, als ahnten sie nichts von denen, die Frieden vortäuschten. Da wurden Steine und Geschosse hinabgeworfen, und plötzlich verwandelte sich die Vorspiegelung des Friedens in Kampf. Dadurch aufgestachelt, stürmten sie gegen den Feind. Obwohl sie versucht hatten, die vordersten römischen Soldaten einzuschließen, fürchteten sie dennoch, nun selbst vom ganzen Heer umzingelt zu werden; und so verloren sie, während sie das ganze Heer fürchteten, beinahe aus den Händen diejenigen, die sie schon gefangen glaubten, obgleich sie viele Wunden zugefügt hatten und selbst größtenteils verwundet waren. Sie folgten ihnen jedoch bis zum Grab Helenas; dort machten sie, wie es Brauch ist, mit aneinandergeschlagenen Schilden Lärm und verspotteten die Römer, weil sie sie ein zweites Mal durch List umzingelt hatten.
Caesar war einigermaßen beunruhigt, verbot, dass die Zurückkehrenden sich mit den Übrigen vermischten, und berief eine Versammlung ein. Er sagte: „Obwohl die römische Tapferkeit groß ist und die Völker aller Stämme überragt, zeichnet sie sich doch besonders durch geordnete Aufstellung und Gehorsam gegenüber Befehlen aus. Denn darin liegt die Bewahrung militärischer Schulung. Es ist auch nicht verwunderlich, dass die Juden Listen ersinnen; sie schmieden Listen, weil sie sich an Kräften unterlegen wissen. Wie es aber Sache des Schwächeren ist, sich auf Verrat zu stützen, so ist es Sache des Stärkeren, sich davor zu hüten, dass List die Stärke täuscht. Darum muss man sich über ihre Bestürzung nicht wundern: Sie selbst gestehen ja ein, in verzweifelter Lage zu sein, während sich für die Römer die Lage nicht zu besseren Aussichten fügt; daraus folgt, dass für jene die Ausführung der List zweifelhaft bleibt, für uns aber der Einsatz der Tapferkeit unsicher steht. Wenn aber die Stärke des Feindes stärker ist als große List, ist das weniger anstößig. Denn von Gleichen oder gar von Stärkeren besiegt zu werden, ist frei von Schande. An euch aber gibt in Wahrheit nichts Anstoß außer allein ein Übermaß an Kampfeseifer und eine gewisse übereilte Unbeherrschtheit der Truppen. Was kann schlimmer sein, als dass vor Caesars Augen die Disziplin der Truppen preisgegeben wird? Sehr, so glaube ich, werden die Regeln des Kriegsdienstes selbst über die Schande eines so großen Zerfalls seufzen, sehr auch der Kaiser, wenn er davon erfährt, er, der immer lieber wollte, dass ihm seine Soldaten gehorchen, als dass der Feind ihn fürchtet. Denn Gehorsam beschleunigt die Wirkung des Soldaten, Furcht vor dem Feind verzögert den Sieg. Was wird ein Vater über seinen Sohn denken, dessen Autorität über das Heer so schwach ist? Denn von einem Heerführer, dessen Befehl missachtet wird, soll verkündet werden, dass er häufiger gegen diejenigen durchgreift, die dem Feind gegen Befehl gekämpft haben, als gegen diejenigen, die nach Befehl angegriffen und der Tapferkeit nachgegeben haben. Denn nach den Gesetzen ist für jeden, der die Reihen verlässt, der Tod festgesetzt. Was wird also geschehen, wenn nicht einer, sondern überall das Heer seinen Posten verlässt und die Befehle seines Feldherrn missachtet? Seid euch bewusst, dass ihr Soldaten des römischen Reiches, des Volkes und des Senats seid; für sie ist sogar ein Sieg ohne die Ermächtigung eines Befehls ein Verbrechen. “ Mit einer solchen Rede erschreckte er nicht nur die Befehlshaber der Soldaten, sondern sogar das ganze Heer. Denn als er gezielt die Führer der Reihen ins Auge fasste, schien er im Begriff zu sein, alle zu bestrafen. Darum baten alle, die ringsum verstreut waren, die Ahndung der wenigen, die zuerst ihre Posten verlassen hatten, solle allen auferlegt werden. Obwohl Caesar nicht rasch zur Vergeltung der Übertretung schritt, verschloss er sich doch der Milde nicht. Mit großem Ernst gewährte er Verzeihung und sagte, er vergebe allen und sei gegenüber allen durch die Folgen des Angriffs hinreichend zufriedengestellt worden; denn bei jedem Einzelnen müsse man auf den Ausgang achten, bei der Menge auf den Befehl, bei jenen Dingen bis zur Strafe, bei diesen bis zur Zurechtweisung. Oft haben sogar in guten Heeren Fehlschläge im Kampf Anlass zu künftiger Tapferkeit gegeben.
Danach richtete Titus seinen Zorn gegen den Feind. Er bedachte, wie gefährlich eine Blockade inmitten so vieler jäher und steiler Stellen war: Bei unerwarteten Ausfällen hatten die überholten Soldaten keine Möglichkeit, ihre Stellung wiederzugewinnen, dem Feind zuvorzukommen oder Kriegsmaschinen aufzustellen. Deshalb befahl er, die Steilhänge vor der Stadt aufzufüllen. Als dies geschehen war, stellten die jüdischen Ausfälle nicht einmal mehr eine unmittelbare Gefahr dar. Sie litten unter ihrem inneren Kampf, während die Römer damit beschäftigt waren, die Steilhänge aufzufüllen. Auch war die Schar auf keiner der beiden Seiten klein. Bei Simon standen zehntausend Mann und ihre fünfzig Anführer. Auch die Idumäer, fünftausend an der Zahl, hatten sich der Partei Simons angeschlossen; über sie standen Iacobus und Simon der Jüngere. Johannes aber hatte durch jene List, von der wir früher gesprochen haben, das Innere des Tempels besetzt und schürte, zusammengedrängt mit sechstausend Bewaffneten, den Kampf. Zu ihm stießen zweitausend und weitere vierhundert Männer, nachdem sie begonnen hatten, sich in einmütigem Geist zur Verteidigung der Stadt zu verbinden; Eleazarus und Simon Arinis hatten sie zuvor als Anführer gebraucht. Während diese um Beute gegeneinander kämpften, stand das Volk zwischen den Siegern, als würde der Preis des Wettstreits je nach wechselndem Ausgang hin und her übertragen. Für kurze Zeit waren sie nach Art eines Waffenstillstands zusammengekommen und beim ersten Angriff der Römer aufgerüttelt worden; doch mit krankem Inneren fielen sie in die alte Krankheit des inneren Fiebers zurück, sobald der Anfall der äußeren Krankheiten nachließ. Draußen herrschte überall Krieg, drinnen Aufruhr, und dieser war noch schwerer, weil der Aufruhr selbst zugleich vom Krieg genährt wurde und den Krieg nährte. Die beiden Parteien kämpften um die Herrschaft; das Volk zwischen beiden sorgte sich nicht um die Knechtschaft, sondern darum, nicht dem schlimmsten Herrn in die Hände zu fallen.
Ein gewisser mächtiger Mann gründete die Stadt Jerusalem der Kanaanäer; in der einheimischen Sprache wurde er gerechter König genannt. Zuerst gab er ihr den Namen Solymam, später fügte er einen Tempel hinzu, und nach diesem Ort wurde die Stadt Jerusalem genannt. Von Anfang an hatte sie ihre Bewohner aus dem Geschlecht der Kanaanäer. David, der führende Mann des hebräischen Volkes, vertrieb die Kanaanäer, setzte sein eigenes Volk ein, das in jenem Land einen Königspalast für ihn errichtete. Auch er wollte Gott einen Tempel gründen, doch durch eine Prophetie daran gehindert, hinterließ er Salomon als seinen Erben, der den Tempel bauen sollte, den er selbst gewollt hatte. Deshalb errichtete Salomon den Tempel, zu dessen Verschönerung die Könige der Stadt vieles hinzufügten. Aus seiner Pracht erwuchs Neid. Unter allen Bauwerken aber ragte der Tempel hervor durch gewaltige Arbeit und glänzenden Marmor; darin hingen große und kostbare Vorhänge, gewebt aus Scharlach, Blau, feinem Leinen und Purpur. Diese so vielfältige Materie war nicht untätig, sondern ihr Glanz bezeichnete Geheimnisse verborgener Dinge, weil dies der Tempel dessen war, der als Schöpfer der Elemente Herr des Himmels und der Luft, der Erde und des Meeres war und allein alles beherrschte und lenkte. Im Scharlach war der feurige Himmel gestaltet, im Blau die Luft, im feinen Leinen die Erde, aus der es hervorgebracht wird, im Purpur das Meer, das mit der Meeresschnecke gefärbt wird, sodass du zwei aus der Farbe, zwei aus ihrer Herkunft zusammenbindest. Auch der Hohepriester pflegte diese vier Dinge in seinen Gewändern darzustellen, denn bei der größten Versammlung der Festtage kleidete er sich, als wolle er für das Volk beten, in die ganze Welt, im Bild dessen, der kommen sollte: des Hohepriesters Jesus, der die Sünden der Welt hinwegnehmen sollte7 Johannes 1:29. Der Hohepriester bedeckte die Hüften innen mit einem leinenen Überwurf, weil bei einem Priester vor allem der Glaube des Geistes und die Reinheit des Körpers gesucht werden, die die Ausschweifung des Fleisches umgürten sollen.
Es gab zwei heilige Zelte, das eine innen, das andere außen. In das äußere traten die Priester stets ein; in das innere aber, das das zweite genannt wurde, trat allein der oberste der Priester einmal ein, ohne Blut, um für sich selbst und für die Übertretungen des Volkes Opfer darzubringen. Dies deutete auf den kommenden Jesus mit dem Heiligen Geist hin, der wahrhaft allein in das innere Heiligtum der göttlichen Sakramente eintreten und, weil er alle Geheimnisse der himmlischen Natur kannte, auch allein die ganze Welt durch sein Blut mit dem Vater versöhnen sollte, sodass er sich des Himmels und der Erde erbarmte. Nachdem er schließlich gekommen war, befriedete er durch das Blut seines Kreuzes alles, was auf Erden oder im Himmel ist8 Kolosser 1:20. Innen stand ein Räucherfass, innen ein Tisch, innen eine Lampe: das Räucherfass, weil so das Gebet des Hohepriesters wie Weihrauch zu Gott, dem Vater, emporgerichtet wird; der Tisch, weil auf ihm das Leiden Christi und die Geheimnisse der Sakramente liegen, weshalb David sagte: „Du hast vor meinen Augen einen Tisch bereitet9 Psalmen 21:5 “, so wie dessen zwölf Brote bezeugen, dass die zwölf Apostel Zeugen seines Leidens und seiner Auferstehung sind. Die Lampe, die auf den Leuchter gestellt ist, war zuvor unter dem Scheffel, das heißt unter dem Maß des Gesetzes; jetzt aber ist sie in der Fülle der Gnade siebenflammig und gießt Licht aus, weil der Heilige Geist den Tempel Gottes mit den Tugenden der sieben größten Gnaden erleuchtet. Die Erkenntnis der Dreifaltigkeit lag also im Inneren des Tempels, das Allerheiligstes genannt wurde, wo der einst niedergelegte Stab Aarons blühte; dies sollte durch die Gnade der Priester in Christus nach dem Tod wirksam werden, der die Welt erlöste. Vor dem Tempel gab es vierzehn Stufen, über die zur Zeit des Königs Ezechia ein Schatten hinaufstieg und ihm damit anzeigte, dass das Ende seines Lebens bevorstand. Durch eine Weissagung gewarnt, betete er jedoch und erlangte Aufschub des Todes durch dieses Zeichen: Die Sonne strömte über eben diese Stufen zurück, was durch diese große Zahl die Rückgabe der ihm geschenkten Lebensjahre bezeichnete.
Da die Stadt also auf allen Seiten durch die Bauten vieler Könige, besonders aber des Herodes, befestigt war, der die Festung mit dem Namen Antonia zu einem Werk von höchstem Glanz ausgebaut und mit großer Schönheit geschmückt hatte, umschritt Caesar sie und suchte, von welcher Seite her er sich am leichtesten in die Stadt ergießen könnte. Nachdem der ganze Umfang der Mauer geprüft war, bestimmte er für die Belagerung das Gelände nahe dem Hügel, wo Johannes, der Hohepriester, begraben lag. Als Nicanor, einer seiner Freunde, bei der Erkundung allzu nahe heranging und sich zu eifrig der Aufgabe widmete, wurde er von einem Pfeil getroffen und getötet. Er war nämlich zu nahe herangetreten, weil er meinte, es könnte ein Schritt zu künftigem Frieden sein, wenn man ihm Gelegenheit zu einem Gespräch gäbe; dessen Wirkung, so glaubte man, würde stark und kräftig sein, um auf die Gemüter der Zuhörer einzuwirken. Caesar, erzürnt darüber, dass sie einem, der zum Heil mahnte, durch eine unerwartete Verwundung den Tod zugefügt hatten, befiehlt den Truppen den Angriff. Durch das feindliche Schleudern von Wurfspießen, besonders aber durch Geschosse, wird der Krieg entfacht; die Widder werden herangebracht, mit denen die starken Mauern geschlagen werden. Dadurch erschreckt, kommen alle, die zuvor mit Eifer untereinander um die Herrschaft gekämpft hatten, zu einer Einigung; nachdem ihnen von ihren Oberen Straflosigkeit zugesichert worden ist, bilden sie einen einzigen Körper und verteidigen, von der Gefahr gedrängt, einmütig die Stadt. Sie rücken gegen die Aufschüttungen vor und schleudern Feuer auf die Kriegsmaschinen, um die Schanzen zu zerstören, die beweglichen Schutzdächer zu verbrennen und die Widder in Brand zu setzen. Und sie hätten beinahe alle Arten von Maschinen verbrannt, wenn nicht viele auserlesene Soldaten und Verbündete, besonders aus dem Gebiet der Stadt Alexandria, kraftvoll Widerstand geleistet hätten. Ihnen fügte Caesar, als sie heftig standhielten, die Hilfe einer mächtigen Reiterei hinzu. Er selbst tötete im erbitterten Kampf zwölf Vorkämpfer der gegnerischen Streitkräfte. So entging die Macht der übrigen Menge der Vernichtung und kehrte in die Stadt zurück, während die römischen Werke vor dem Abbrennen bewahrt wurden. Iohannes, der Anführer der Idumäer, fiel in jener Schlacht: Als er vor den Mauern mit einem ihm bekannten römischen Soldaten im Gespräch war, wurde er durch einen Pfeilschuss am Rücken getroffen und stürzte sogleich. Als Urheber seines Todes betrachten sie Arabis, den geschicktesten seiner Speerwerfer; die Idumäer waren von großem Schmerz ergriffen, weil sie einen Mann verloren hatten, der im Kampf schnell und im Rat weise war.
In der folgenden Nacht geschah es, dass drei Türme, die Titus auf dem Wall hatte errichten lassen, um von dort die Juden entweder auf gleicher Höhe oder von oben mit Geschossen zu durchbohren, plötzlich, ohne Gewalteinwirkung der Feinde, einstürzten. Durch dieses Getöse geriet das ganze Heer der Römer in Verwirrung, denn sie meinten, die Wälle seien vom Feind zerstört worden; sie glaubten, die Türme seien gefällt worden und hätten bei ihrem Einsturz weithin große Zerstörung angerichtet. Beinahe wäre ein kläglicher Frevel geschehen: Die Sieger hätten in der Nacht vor einem unbekannten Feind die Flucht ergriffen, wenn ihnen nicht die Finsternis und der Einsturz selbst durch den aufgewirbelten Staub die Sicht genommen hätten, sodass sie nicht wussten, wohin sie fliehen sollten. Jeder fragte den Nächststehenden, was geschehen sei, doch niemand konnte die Wahrheit über die Sache erfahren, weil die Ursache allen gleichermaßen unbekannt war, bis Caesar die Angelegenheit untersuchen ließ und anordnete, verbreiten zu lassen, das Geschehene sei auf einen plötzlichen Einsturz zurückzuführen, nicht auf irgendeinen feindlichen Angriff. So beruhigte sich die Panik, und alle Hilfsmittel zur Erstürmung der Stadt wurden in voller Stärke bereitgestellt. Denn da sie auf Höhe der Mauern standen, das meiste aber mit Eisen oder Bronze bedeckt war und die Feinde durch Geschosse und schon durch die Höhe abgewehrt wurden, brachten die Römer die Maschinen mit den Mauerbrechern vor. Durch deren wiederholte Stöße wurde das Gefüge der Mauer gelockert; zugleich begannen sie, auf leichtere Geschosse und Pfeile zu setzen, um die Verteidiger abzulenken und die Hindernisse derer, die sie aufhielten, beiseitezudrängen. So wich die Mauer den Schlägen nach und nach. Daher nannten die Juden den allergrößten Mauerbrecher einen Städtezerstörer. Als nun ein Teil der Mauern niedergerammt war, gaben die Juden die Verteidigung dieser Mauer selbst unbekümmert auf, weil sie noch zwei weitere innere Mauern hatten, und zogen sich zur zweiten Mauer zurück. Während sie flohen, drangen die Römer durch die Mauerbreschen ein und öffneten die Tore. Nachdem das ganze Heer tief ins Innere gelangt war, zerstörte es die äußere Mauer, damit sie den Kämpfenden nicht zum Hindernis würde oder, falls es Rückschläge gäbe, den Flüchtenden keinen Schutzraum böte.
Verbündet teilten sie die Stellungen des Johannes und des Simon rings um die zweite Mauer unter sich auf. Johannes kämpfte mit seinen Leuten in der Burg, die den Namen Antonia trägt. An ihn schloss sich die Halle des Tempels an, die nach Norden blickte. Denn jener Ort, an dem die später nach dem Namen Antonia bezeichnete Burg lag, zwischen zwei Hallen gelegen, wurde nach Norden hin benannt, das heißt als der nördliche. Simon übernahm die Aufgabe, die Stadt bis zum Grab des Johannes zu verteidigen. Für sie ging es im Kampf um Rettung, für die Römer um den Sieg. Zwar war ihnen die Tapferkeit für den Kampf wichtiger, doch war die Lage für die Belagerung ungünstiger, da der Kampf sie von der Mauer her bedrängen konnte. Bei den Juden war der Wagemut maßloser, bei den Römern die Standhaftigkeit gewichtiger. Die Anführer standen dicht über ihren Parteien, und daraus entstand der größte Wettstreit, da jeder darauf brannte, seinen Befehlshabern die eigene Tapferkeit zu beweisen. Simon trieb seine Leute mit Furcht und Schrecken an; Titus spornte die Römer so sehr wie möglich bei ihrem Ehrgefühl an, weil sie es für schlimmer als den Tod hielten, Caesar ihren Mut nicht zu zeigen, zumal er selbst so oft nicht gezögert hatte, sich vor dem Heer den Gefahren auszusetzen. Die Gewohnheit zu siegen bewaffnete sie und die Unkenntnis des Verlierens, besonders da Titus zugegen war, der Richter über die Tapferkeit eines jeden: Von ihm erwartete man nicht einen Lohn für Tapferkeit, sondern vor allem galt als höchst wertvoller Lohn, vor seinen Augen etwas kraftvoll getan zu haben, das ihm nicht missfiel. Von diesem Anreiz angefeuert, sah Longinus, ein Mann aus der Reiterei, vor den Mauern Feinde, dicht gedrängte Scharen von Juden, und als wäre er empört darüber, dass sie die Römer zum Krieg herausgefordert und gewagt hatten, zu gleichen Bedingungen hervorzutreten, stieg er vom Pferd und warf sich mitten unter die Feinde. Einen, der sich zum Widerstand rüstete, durchbohrte er mit dem Speer mitten in den Mund und nahm ihm zugleich Stimme und Leben; den aus dem hingestreckten Leib herausgerissenen Speer stieß er in einen anderen und kehrte als Sieger zu den Seinen zurück. Wir sprechen hier von den Hervorragendsten; doch auf beiden Seiten gab es viele Nachahmer, freilich von verschiedener Art. Den Juden gab die Verzweiflung Kühnheit, den Römern fügte das Verlangen nach Ruhm Mut hinzu: eine gleiche Verachtung des Todes, aber bei ungleichen Geistern. Die Juden hielten es für Trost, zusammen mit dem Feind zu sterben; Titus aber drängte darauf, den Krieg zu beenden, jedoch ohne Verlust der eigenen Männer. Er hätte lieber sogar alle Feinde selbst gerettet, wenn er es vermocht hätte, als sie zu vernichten. Einen Soldaten ermahnte er stets nur dahin, dass der Kampf einem Zweck dienen müsse; wahre Tapferkeit sei allein die, deren Begleiterin die Umsicht ist, denn Tapferkeit ohne Urteil müsse als Verwegenheit gelten, und nirgends müsse man vorsichtiger sein als im Sieg. Als Besiegter mit dem Sieger zu sterben, ist ein Triumph. Darum müsse man Rat halten, damit der Ausgang nicht so erscheint, als habe jener gesiegt, sondern als sei es Unwert gewesen, dass er die Verbindung mit der Gefahr nicht gemieden hat. Daher befiehlt er, den Mauerbrecher in die Mitte der Nordmauer zu verlegen.
Dort war Castor, ein listiger und zu Betrug bereiter Mann. Nachdem die Übrigen durch die Pfeile der Bogenschützen in die Flucht geschlagen worden waren, blieb er mit neun anderen Gefährten des Betrugs zurück. Als er merkte, dass der Turm zerstört war, die Mauer wankte und leicht fallen würde, wenn der Schlag der Kriegsmaschine wiederholt würde, streckte er die Hände aus und flehte Caesar mit kläglicher Stimme an, er möge nun die dem Untergang geweihte Stadt verschonen und nicht meinen, sie müsse bis zur letzten Vernichtung untergraben werden. Caesar glaubte, er bitte um Verzeihung und sei im Begriff, seine Truppen zu übergeben. Damit die Übergabe vorangehen konnte, befahl er, die Kriegsmaschine anzuhalten und die Speerwerfer vom Kampf abzulassen. Er gab Castor Gelegenheit zu sprechen. Dieser tat, als wolle er hinabsteigen, dann als rede er seinen Leuten zu, von denen einige willig, andere aber nicht nachgiebig waren; und plötzlich, als wären es Widerstrebende, die gezwungen würden, schlugen sie sich oberhalb der Brustpanzer und stürzten zu Boden. Großes Staunen entstand, obwohl eine List dahintersteckte. So gewannen sie Zeit. Dabei traf einer der römischen Soldaten Castor mit einem Pfeilschuss an der Nase. Er jammerte, beklagte sich bei Caesar und bat, dieser solle jemanden anweisen, ihm die rechte Hand entgegenzustrecken; er wolle Zuflucht nehmen. Caesar übertrug diese Aufgabe Josefus. Der aber, der mit den Treulosigkeiten der Juden Erfahrung hatte, antwortete, er sehe darin nichts Aufrichtiges. Aeneas jedoch trat näher an die Mauer heran und lief dem Kommenden entgegen, um ihn aufzunehmen. Diesem rief man zu, er solle den Schoß öffnen, um Gold zu empfangen, und schleuderte einen Stein. Mit wachsamen Augen sah er den Stein kommen, warf sich mit einem raschen Sprung nieder und entging ihm. Doch die gewaltige Wucht des Steins erfasste einen anderen, der in der Nähe stand. Caesar nahm dies bitter auf und befahl, die Kriegsmaschine mit größerer Wucht zum Niederreißen der Mauern vorzutreiben. Dagegen wurden Feuer hinabgeschleudert, um die Maschinen zu verbrennen. Als aber die Mauer niedergerissen war, heuchelte Castor Großmut in der Verachtung des Todes, als würfe er sich ins Feuer; mit schändlicher List aber verschaffte er sich lebend einen Fluchtweg.
Inzwischen stand nur noch eine Mauer, nämlich die dritte, nachdem zwei zerstört waren. Bis dahin bewahrte Caesar Geduld, denn er sah, dass alles, was zerstört worden war, für ihn bereits verloren war. Während er schonte und zur Übergabe aufforderte, stürmte unerwartet eine Schar mit wenigen über die zweite Mauer; die Juden schlossen sich zu einer Gruppe zusammen und verwundeten sehr viele. Außerdem fielen viele auf beiden Seiten. Da ließ Caesar die Widerstehenden aus der Ferne mit Pfeilen beschießen; in der zusammengedrängten Menge entging niemand den Geschossen, kein Hieb blieb ohne Verwundung. So begannen die Juden zurückzuweichen, und Titus holte seine eigenen Männer zurück. Schon hatte in der Stadt der Hunger tief um sich gegriffen. Die Juden aber prahlten wegen ihrer Erfolge, weil sie die zweite Mauer wiedergewonnen hatten, als seien die Römer vertrieben worden; doch konnten sie weder das Eingestürzte ausbessern noch das, was einzustürzen drohte, verteidigen. Dennoch hielten sie noch eine Zeit lang Widerstand. Drei Tage lang wurde an der zweiten Mauer gekämpft; am vierten Tag flohen sie, da sie der Tapferkeit der Römer nicht standhielten, wieder hinter die dritte Mauer zurück. Caesar befahl unterdessen, vom Angriff abzulassen; nur die zweite Mauer sollte, wie er anordnete, zerstört werden. Und weil noch ein großer Teil des Krieges bevorstand, beschloss er, dass jeder Soldat für sich Nahrung sammeln sollte, damit den Siegern kein Mangel drohe und der Mangel an Nahrung sie nicht schwäche. Vier Tage lang sammelte das Heer für sich Getreide, und zugleich hielt man die Zeit für geeignet, damit die Juden bei sich Rat hielten und ihren Sinn änderten. Das Volk zog dies tatsächlich vor; die Anführer des Aufruhrs aber meinten, sie hätten sich durch schwere Verbrechen gegen das Volk vergangen, und da sie keine Vergebung mehr erwarteten, hielten sie es für leichter, mit allen zugrunde zu gehen, als wenn sie als Anstifter allein zugrunde gingen.
Am fünften Tag also, weil von den Juden nichts vorgebracht wurde, was auf einen Friedensschluss zielte, griff Caesar die Mauern mit einer doppelten Kolonne an und befahl, zwei Dämme aufzuschütten, den einen gegen Antonia, den anderen gegen die Mauer beim Grab des Johannes. Mit dem Damm gegen diese Mauer suchte er die Oberstadt zu Fall zu bringen, mit dem gegen Antonia aber die Festung zu erobern, ja sogar den Tempel in seine Gewalt zu bekommen. Denn wenn er dies nicht in seine Gewalt brachte, konnte er nicht einmal die Stadt ohne Gefahr halten. Titus hatte sein Heer in zwei Teile geteilt. Auch Johannes und Simon hatten sich getrennt und die Aufgaben der Verteidigung unter sich verteilt. Johannes verteidigte Antonia; Simon richtete sich mit seinen Bewaffneten und dem Volk der Idumäer auf das Grab des Johannes aus und vereitelte von seiner höheren Stellung aus jeden Versuch der Belagerer mit allen Mitteln, die ihm möglich waren. Auch hatten die Geübteren durch ihr Unglück gelernt, gegen die Belagerungsmaschinen vorzugehen, und sie hatten selbst viele Arten von Belagerungsmaschinen übernommen, mit denen sie die Werke der Römer zerstörten und ihre Unternehmungen behinderten. Als Caesar bemerkte, dass ihre kopflose Starrsinnigkeit die Arbeiten durcheinanderbrachte, wollte er verhandeln, damit sie nicht vielleicht aus Verzweiflung an Begnadigung noch hartnäckiger Widerstand leisteten, sondern im Vertrauen auf die gemachten Zusagen aufgäben. Er begann sie zu überzeugen, sie sollten sich nicht selbst in den Untergang der eroberten Stadt hineinziehen, sondern sie seiner Macht überlassen; sie werde ja bereits von seinen Waffen gehalten und, von der Belagerung eingeschlossen, ihrem endgültigen Untergang entgegengedrängt. Denen, die sich ergäben, werde er Begnadigung gewähren, wenn sie nur für sich selbst und für ihr Vaterland Rat hielten, damit nicht die ganze Stadt zerstört werde. Er befiehlt Josef, die Bürger in ihrer Muttersprache anzusprechen, damit er vielleicht selbst seine Stammesgenossen umstimme und sie ihren Wahnsinn aufgäben. Obwohl dieser wusste, dass sich der Hass der Juden über ihn selbst ergossen hatte, zog er sich von den Mauern so weit über Pfeilschussweite hinaus zurück, wie er konnte, jedoch so, dass er gehört werden konnte, und legte ihnen in dieser bekannten Ansprache ausführlich dar, was dem Wohl der Bürger am meisten diente.
„Es gehört zur menschlichen Natur, Hebräer, hartnäckig zu kämpfen, solange die Dinge noch nicht zum Äußersten gekommen sind, solange ihr euch einbildetet, durch die Lage des Ortes und die Unterstützung der bekannten Gegend überlegen zu sein. Dabei wäre es doch angemessen gewesen, die im Krieg unüberwindlichen Römer nicht bewaffnet herauszufordern, von denen schon oft jene besiegt worden sind, die euch besiegt hatten. Doch in günstigen Umständen verfallen unbesonnene Menschenherzen diesem Fehltritt, zumal der Ausgang des Krieges überhaupt ungewiss ist; darum vertraut sich jeder, auch wenn er an Tapferkeit unterlegen ist, dem Zufall an. Schließlich habt ihr auf Mauern vertraut und nicht einmal bis an die bevorstehende Zerstörung des Tempels gedacht. Schont die Heiligtümer, schont die Altäre, schont das einstige Haus Gottes. Denn Gott selbst hat euch bereits verlassen, weil ihr die Einhaltung der Frömmigkeit aufgegeben habt. Wir haben den Krieg mitten im Tempel ertragen. Feuer, die rings um den Tempel gelegt waren, gingen fehl; Feuer, die um den Tempel verstreut waren, verfehlten ihr Ziel; Bewaffnete standen ringsum, aber nicht solche, wie man sie gewohnt war. Bis hierher ziehen sie es jedoch vor, mit von Frevel unbefleckten Händen die heiligen Türpfosten nicht zu entweihen und die alten Riten nicht abzuschaffen, wenn ihr es zulasst. Was wird noch erwartet? Zwei Mauern sind niedergeworfen, eine dritte steht noch, ist aber schwächer als die beiden niedergerissenen. Wird göttliche Hilfe erhofft und Beistand aus dem inneren Heiligtum? Aber der, der uns schützte, ist zum Feind übergegangen, insofern die Römer den verehren, den wir hegten, während wir ihn beleidigen. Wer weiß denn nicht, dass Gott mit ihnen ist, da er ihnen alles unterworfen hat, außer dem, was wegen allzu großer Hitze oder Kälte unzugänglich ist und deshalb außerhalb des römischen Reiches liegt, weil es ebenso außerhalb menschlichen Gebrauchs liegt? Verschiedenen Völkern hat Gott die Herrschaft der Reihe nach gegeben; niemand bestreitet, dass er zuerst den Ägyptern, danach den Juden, auch den Assyrern und Persern Helfer war und sich später den Römern zugewandt hat, um bei ihnen zu bleiben. Tatsächlich sind ihnen alle Königreiche gewichen, die ganze Erde ist in ihren Besitz gegeben worden. Was wollt ihr gegen die Sieger über die ganze Erde ausrichten, denen die verborgenen Teile des Ozeans und die äußersten Grenzen Indiens offenstehen? “
Was soll ich noch von Britannien sagen, das durch ein dazwischenliegendes Meer von der ganzen Welt getrennt war, von den Römern aber wieder in den Erdkreis zurückgeführt wurde? Das Land der Schotten erbebt vor ihnen, obwohl es der Welt nichts schuldet; Sachsen erbebt, unzugänglich durch Sümpfe und von unpassierbaren Gegenden eingeschlossen. Auch wenn es den Anschein erweckt, den Kriegslisten zu trotzen, wird es doch selbst häufig gefangen den römischen Triumphen hinzugefügt. Es gilt als das stärkste Volk und den übrigen überlegen; doch es verlässt sich auf Seeraub und Räuberschiffe, nicht auf Stärke, und ist eher zur Flucht als zum Kampf bereit. Ihr aber sagt: Sterben sei besser, als die Freiheit zu verlieren. Wann, Juden, hatte diese Ansicht bei euch Erfolg, oder wann wurde bei den Hebräern nicht ein nützlicher Dienst einer nutzlosen Freiheit vorgezogen? Jakob selbst, der Patriarch, führte die Hebräer nach Ägypten hinab, damit sie nicht vor Hunger umkämen; ebenso zogen die zwölf Patriarchen, seine Söhne, hinab, jener berühmte Anfang unseres Geschlechts. Dort zog der angesehene Judas aus dem Stamm der Juden hinab, der dem Volk seinen Namen gab; dort zog Josef hinab, erhöht durch Wagen und Pferde, und zog es vor, sich der Herrschaft zu unterstellen, um sein Volk zu ernähren, statt zur Freiheit seiner eigenen Herkunft zurückzukehren; dort ließ sich Benjamin, durch die gewissenhafte List seines Bruders zurückgehalten, auf die Täuschung ein, weil es kein Makel war, den Mächtigeren als Sklave zu dienen; dort wollte ihre Nachkommenschaft, als sie von Mose gerufen wurde, bleiben. So missfiel selbst ein harter Dienst euren Vätern nicht, sodass er den Gefahren vorgezogen wurde. Ihr habt den Ägyptern gedient, und wenn es doch wieder so wäre! Und nicht nur damals habt ihr gedient, als ihr die Nahrung fremder Knechtschaft den Schauern himmlischer Speise vorzogt, sondern auch später seid ihr, besiegt und gefangen, nach Ägypten hinabgezogen, als ihr vor den Assyrern floht. Ihr habt auch den Makedonen gedient, ihr habt auch den Assyrern über den Lauf vieler Jahre gedient, und dieser Dienst war angenehm. Ihr habt den Persern, den Seleukiden, den Palästinern gedient; nur die Römer hieltet ihr für drückend gegen euch, denen doch jene als Sklaven dienten, denen ihr gedient hattet. Was schuldet ihr ihnen also, Hass oder Dankbarkeit, ihnen, die euch euren Herren gleichgemacht haben? Ich meine, dies ist eure Vergeltung, nicht eine Schmach, weil sie euch von dem befreit haben, dem ihr unterworfen wart. Der Assyrer wird durch Knechtschaft gedrückt, der über ganz Asien herrschte. Der Ägypter pflügt für die Römer, er sät von dem Seinen, was er für sie erntet. Makedonien, das nach der Besiegung des Persers seine Herrschaft bis zu den Indern ausbreitete, erkennt die als seine Herren an, die es einst verachtete, und erinnert sich vergeblich daran, dass es seinen Königen den Namen der Aiakiden auferlegte; gewiss hätte es auf keine andere Weise Halt gemacht als durch den Triumph der Römer. Ihnen hat sich sogar Pyrrhus selbst, Spross und Geschlecht des Achilles und Träger seines Namens, nachdem er mit Waffen überwunden war, aus dem Verlangen, Frieden zu verdienen, unterworfen, um Verzeihung zu erbitten. Was soll ich über die Palästiner sagen, die die Macht eines einzigen Statthalters im Zaum hält?
Undankbare, ist es denn nicht euer Ruhm, mit den Persern zu dienen? Das heißt doch, unter königlicher Macht und dem größten König zu dienen und im Sich-Unterwerfen Trost zu finden. Doch ich frage: Wann seid ihr frei gewesen, die ihr jetzt die Knechtschaft zurückweist? Wann also seid ihr frei gewesen? Oder wann wart ihr Herr über andere, da ihr selbst unter einem König standet? Ihr hattet Gott zum König; ihr habt seine Herrschaft verworfen, unter dem allein ihr frei wart. Menschen wolltet ihr dienen. Warum reißt ihr die Testamente der Väter an euch, die ererbte Nachfolge, den Vätern vorsätzlich ungehorsam? Ihr wähltet einen König, der Saul hieß. Nachdem er getötet worden war, herrschte das palästinische Volk über euch. Nach einiger Zeit folgte David in der Herrschaft über das ganze Volk, zwar ein milderer Herr, aber doch ein Herr. Und bevor er zur Ruhe kam, setzte David selbst dem Volk einen König ein. Seit Salomo wurde das Königreich wieder in zwei Teile geteilt, und das Erbe wurde durch eine lange Reihe von Gewaltherrschaften zerspalten. Um die Gefangenschaften zu übergehen: Cyrus stellte den meisten Juden ihre Länder und ihre religiösen Riten wieder her. Eure Väter aber, als sie durch die schweren Kämpfe der Perser zermalmt wurden, wählten sich, so sehr sie auch durch die Siege der Makkabäer erhoben waren, das Bündnis mit Rom. Die göttliche Schrift bewahrte die Verträge vieler Gesandtschaften. Ihr wurdet zu Bundesgenossen der Römer gemacht, die ihr Sklaven der Perser wart. Doch wieder zogt ihr es vor, einen König zu haben statt eines Obersten der Priester, dem das Volk untertan war; als die Grausamkeit eurer Könige unerträglich wurde, Herodes tot war und Archelaus besiegt, erbattet ihr, unter Caesar römisch zu sein, und übergabt euch Caesar, dem alle unterworfen worden sind, zum Wechsel in eine mildere Knechtschaft. In der gemeinsamen Lage aller ist es eine gewisse Freiheit, Sklave zu sein, insofern der Gehorsam der Sklaven durch die Autorität der Herrschenden geadelt wird. Obwohl die Römer keine Sklaverei erzwingen, sind sie doch die Verfechter der Freiheit: Sie haben nicht nur einen harten König getötet, sondern auch keinen hochmütigen König geduldet; und so steht bei ihnen der Name des Reiches in geringem Ansehen, weil es das Ihre vergrößert, nicht weil es das der anderen unterdrückt. Doch sei es so: Mag es euch nützen, dem römischen Reich nicht zu gehorchen; sehen wir, ob das frei ist, wenn es nicht tödlich ist. Die römischen Schlachtreihen bedrängen uns, der Untergang unseres Landes bedrängt uns, der Untergang des Tempels bedrängt uns. Erwägt sorgfältig nicht, was nützlich ist, sondern was möglich ist. Denn nicht der Gedanke an Gelübde, sondern die Klugheit des Möglichen muss bedacht werden. Das Gesetz der Natur ist gewiss für alles dasselbe: für Menschen, Vögel, wilde Tiere, bis in die Tiere hineingegossen; und jedes weicht dem Stärkeren, der Stier dem Löwen, der Hirsch dem Bären, die Wildziege dem Leoparden, der Habicht dem Adler, die Taube dem Habicht, die schwächeren Jungstiere dem Stier selbst, die Schafherden dem Widder, die Geiß dem Bock, damit kein Unterschied verschiedener Geburt sichtbar zu bestehen scheint, ihr dem Stärkeren. Die Römer aber vertreiben niemanden, ihr vertreibt sie; im Gegenteil, sie fördern, dass nicht einmal ein Besiegter aus seinen Ländern fortgehen muss.
Einen Teil seines Reiches behielten sie Antiochus vor. Und worauf arbeitet Caesar jetzt hin, wenn nicht darauf, dass euer Land nicht verödet, eure Gegend nicht entvölkert, die Stadt nicht zerstört, der Tempel nicht niedergebrannt wird? Nicht jedem ist der Sieg gegeben. Die Natur gewährt nur wenigen, an der Spitze zu stehen, vielen aber, sich unterzuordnen. Die Stiere ragen über die Herden heraus, die Widder über die Schafherden. Auszeichnung kommt wenigen zu, Zahmheit vielen. Und du legst dir die Zahmheit an; nimm die Unterwerfung an, wie selbst wilde Tiere sie anlegen. “ Während Josephus dies sagte, wurde er von der Mauer her verspottet; sie verleumdeten den, der zu hilfreichem Handeln riet. Viele schossen sogar Pfeile auf ihn und versuchten, ob sie ihn tödlich treffen könnten. Weil er aber mit vernünftiger Rede bei den Unzähmbaren nichts ausrichtete, meinte er, man müsse ihnen auch mit den Zeugnissen der Schriften begegnen, zumal sie sagten, Gott werde seinem Tempel als Wächter nicht fehlen.
„Ihr Rücksichtslosen, hofft ihr nun endlich, dass euch göttliche Hilfe erscheinen wird, nachdem ihr alles mit Waffen völlig in Aufruhr versetzt, die Altäre durch Kampf entweiht und die Schutzanlagen der ganzen Stadt niedergerissen habt? “, sagte er. „Und ohne an eure Hilfstruppen zu denken, habt ihr Schilde und Schwerter bereitgemacht, und das gegen die Römer? Nicht mit solchen Waffen seid ihr gewohnt zu siegen. Denn wann lag der Sieg der Hebräer in Speer und Schwert? Ruft euch ins Gedächtnis, woher ihr entstanden seid, von welchen Orten ihr aufgebrochen seid, wie eure Väter ihre Feinde besiegten, ihr Rücksichtslosen, welchen Helfer ihr euch entrissen habt, als ihr fremde Hilfe erbatet! Nicht durch eine Menge von Menschen, sondern in der Furcht Gottes zog Vater Abraham nach Ägypten; und als er sah, dass die Sittsamkeit seiner geraubten Frau gefangen genommen war, enthielt er sich dennoch des Krieges. [p. 324] Er griff zu den Waffen frommer Rede, rief den Beschützer an, der den Schlafenden umgeben sollte; und nachdem der Feind besiegt war, sollte er ihm seine Frau unbefleckt vor Augen stellen. Sarra kehrte ohne Waffen zurück und meldete ihrem Mann den triumphalen Sieg. Abraham schlief, und Pharao wurde umgestimmt. Sarra fürchtete sich, und Pharao wies die Schuld zurück; er verstieß die Frau eines anderen, und nachdem das Verbrechen verurteilt war, achtete er die Reinheit mehr, als er danach verlangt hatte, sie zu rauben. Er fügte Gold und Silber zur Beschämung Sarras hinzu, sodass er das Begehren tadelte, das von Gewalttat frei geblieben war. Er bat Vater Abraham, für sein Haus zum Herrn zu beten; denn sein Haus war unfruchtbar. Sarra kehrte reicher zurück, ohne dass ihre Sittsamkeit verletzt war; Abraham kehrte gesegneter zurück, da er die Rücksicht auf die Sittsamkeit seiner Frau durch die Heilung der Unfruchtbarkeit vergolten hatte. Was soll ich von seinem Sohn Isaak sagen? Auch er vertraute gegen den Hochmut eines mächtigen Nachbarn auf den väterlichen Schutz und führte keine bewaffneten Truppen hinaus; dabei hatte er gewiss eine starke Schar von 318 Männern aus seinem Haus, die fünf Könige besiegt, sie ihrer Beute entkleidet und den gefangenen Loth dem Onkel Abraham zurückgegeben hatte. Er zog sein Schwert nicht aus der Scheide, sondern legte gegenüber den Neidern allein Geduld an; er erwiderte ihnen Aufrichtigkeit. Die kamen bittend, die seine Vertreibung verfügt hatten; Freundschaft verlangten die, die einen Nachbarn nicht ertrugen. Ich zittere, ein so großes Wunder der Väter zu betrachten. Jakob, gesegnet, verließ, als sein Bruder Esau mit Verwandtenmord drohte, seine Heimat, ließ seine Eltern zurück und trug als Wegzehrung allein das Gebet mit sich. Mit Recht fürchtete er an fremden Orten Hinterhalte seiner Brüder; und weil ihm die Gemeinschaft und Hilfe von Menschen fehlte, fand er die Gemeinschaft der Engel.
Er wurde, wie er selbst sagte, zur Burg Gottes geführt; er rang mit dem Herrn und, wie die Schrift sagt, „“ siegte über Gott“10 Genesis 32:28 “, weil er sich den Menschen nicht gewachsen glaubte. Was hätten sonst Mose und seine Schlangen gegen Heer und König der Ägypter ausrichten können, wenn er nicht allein seinen Stab erhoben hätte? O mächtiger Stab, der den Himmel mit Finsternis überzog, das Land mit Regen überflutete, das Meer durch Wogen trockenlegte! Die Ägypter hatten die Hebräer umringt; Mose betete und kämpfte nicht. Das Meer teilte sich, und das Volk zog hinein; Pharao folgte, Mose stand zwischen den Wogen und betete. Pharao versank mit seinen Truppen, Mose feierte. Wer bedenkt dies alles und anderes dergleichen und staunt nicht, und begreift nicht, dass für uns die besten Waffen eher im Gebet liegen als in Tapferkeit? Denn jenes zieht göttliche Hilfe auf sich, diese die Hilfe des Körpers. Die Erkenntnis jener Waffen, die nicht aus dem Fleisch sind, sondern Standhaftigkeit in Gott, gewann zuerst der Schüler des Mose und zugleich sein Nachfolger Jesus Nave; als sein Nachahmer und dem Lehrer beinahe ebenbürtig ließ er die Wasser des Jordan zurückweichen und befahl ebenso, als er die unüberwindlichen Mauern der Stadt Jericho sah, den Priestern, ihre Trompeten zu blasen, und dem Volk, laut zu singen. Als dies geschehen war, fielen die Mauern plötzlich, die Stadt wurde zerstört, und alle wurden getötet, außer denen, die der Glaube der guten Dirne Raab vor dem Untergang der gefeierten Stadt bewahrte. Auch Gedeon wählte 300 Männer für den Krieg aus; er befahl ihnen, nicht Waffen, sondern Geheimnisse zu zeigen: in der linken Hand Gefäße voll Wasser zu halten, in der rechten Fackeln. Durch diesen Anblick entmutigt, floh der Feind sofort, und der Sieg kam zu den Hebräern. Die Einhaltung der heiligen Religion wurde durch die Nachlässigkeit des Priesters Helus unterbrochen, die göttlichen Vollmachten wurden verlassen. Der Kampf wurde von Fremden herausgefordert; die Hebräer wurden besiegt, sogar die Lade Gottes wurde erbeutet, und ohne dass irgendwelche Waffen nötig gewesen wären, wurde sie zurückgegeben. Durch diesen Beweis wurde deutlich, dass Waffen ohne Ehrfurcht vor der Religion tatsächlich nicht siegen und die Religion ohne Waffen siegt. Als unter König Sennacherim das Volk der Assyrer beim Volk von Judäa mit der Stimme Rapsacis’ eingefallen war, als gegen Gott Schmähungen ausgestoßen wurden, die, wie Hezekiah zur Genüge erkannte, vom Volk als letzter Untergang verkündet wurden, glaubte König Hezekiah, denen, die herankrochen, dürfe man nicht Worte mit Worten und nicht Waffen mit Waffen vergelten. Vielmehr raffte er sich auf, bekleidete sich wie mit einem Schild mit einem Sack, bedeckte statt mit einem Helm sein Haupt mit Asche und schleuderte statt Wurfspießen ein Gebet. Das Gebet stieg hinauf, ein Engel stieg herab. Hundertfünfundachtzigtausend Assyrer wurden in der Nacht getötet. Wir zählten die Leichen, den Töter sahen wir nicht. Ich übergehe die fünf Könige: Sie waren in den Krieg gezogen, ohne den Herrn befragt zu haben, und als sie durch die Wüste zogen, begann Wassermangel sie schwer zu bedrängen; der Durst quälte auch sie und ihre Pferde. Die Not zwang dazu, die versäumten Pflichten wieder aufzunehmen.
Denn es gab einen König Israhel, der in der Verehrung Gottes nachlässig war. Doch von anderen gemahnt, er solle einen Propheten des Herrn aufsuchen, erfuhr er, dass Heliseus nicht weit von eben den Orten entfernt war, an denen sie sich aufhielten. Die Hilfe des Gebets und die Heilung ihrer Nöte wurden inständig erbeten. Obwohl die Schuld beim König Israhel lag, weil er treulos nicht glaubte, verhieß er dennoch sowohl Wasser in Fülle als auch einen schnellen Sieg. Wasser begann durch die Wüste zu strömen, und ohne jeden Regen ergossen sich von selbst Flüsse über das Land. Die Feinde, die sich erhoben hatten und die, siegessicher und in ihrer Wachsamkeit nachlässig geworden, tiefer Schlaf überwältigt hatte, sahen plötzlich, wie die Sonne über den Wassern rot leuchtete; bei den Völkern der Könige aber, die sie für geschlagen hielten, meinten sie, der Boden sei von deren Blut benetzt. So stürzten sie überall, ohne Ordnung und ohne Plan, zur Beute heran, jeder dem anderen im Weg, und indem sie kopflos mitten in den Feind hineinstürmten, wurden sie umzingelt und getötet und richteten unter sich ein gewaltiges Gemetzel an. So nahm der ehrwürdige Prophet unseren Vätern zugleich Durst und Furcht. Und dieselbe Hilfe brachte er auch gegen den Hunger. Denn als Samaria belagert wurde und König Israhel dort eingeschlossen blieb, entstand eine schwere Hungersnot, sodass man nicht einmal vor abscheulichen Speisen zurückschreckte. Der Prophet, dem die Hässlichkeit so großen Elends vor Augen stand und ebenso ein Bote des Königs entgegentrat, der meinte, die Hungersnot habe sich wegen der Nachlässigkeit des Propheten festgesetzt, antwortete: „Am folgenden Tag werdet ihr sowohl Getreide in Fülle als auch niedrige Preise sehen. “ Dem ungläubigen Boten sagte er, er werde dies gewiss, weil er nicht geglaubt habe, nicht sehen; doch das Vertrauen in die Verheißungen werde nicht fehlen. Plötzlich wurden in der Nacht im Lager Syriens Pferdegewieher, Wagenlärm, das Getöse laufender Viergespanne und Waffengeräusch gehört; dies jagte den Siegern Furcht ein, als seien den Hebräern viele und starke Stämme zu Hilfe gekommen und bedrohten sie. So meinten sie es, und sie beeilten sich, sich durch Flucht aus der Gefahr zu ziehen; die Nacht beschleunigte den Entschluss und vermehrte den Schrecken. Als die Syrer so flohen, fand man am folgenden Tag in ihrem Lager alle Vorräte, die sie herbeigeschafft hatten. Die Fülle führte zu niedrigen Preisen, die niedrigen Preise weckten Vertrauen, der Tod des Ungläubigen riss ihm den Genuss weg; die Rettung des Staates aber verhinderte er nicht. Es ist also erwiesen, dass die meisten Führer der Väter gerade dann den Sieg errangen, wenn sie am wenigsten kämpften; auch andere waren im Krieg siegreich, denen durch die Prophetie, nachdem sie über die Gerechtigkeit der Kriegsführung Rat eingeholt hatten, die Erlaubnis dazu gegeben worden war. Schließlich wäre Amalek besiegt worden, aber nur als Mose seine Hand erhob; Jesus Nave siegte, als er die Sonne stillstehen ließ; und Gideon siegte, nachdem er die zum Kampf Bestimmten am Wasser geprüft hatte; auch Samson siegte, als er sein noch unberührtes Haar bewahrte; auch Samuel siegte, aber erst, als er vorhatte, einen Stein der Hilfe zu durchbohren. David triumphierte, als er sich mit Bersabea verband, das heißt [
die Tochter des Sabbatus als seine Frau in prophetischen Geheimnissen, siegte er sogar im Bürgerkrieg, weil er vor dem ihm aufgezwungenen Krieg floh und keinen Krieg führte. Denn nichts ist verabscheuungswürdiger als Bürgerkrieg, außer einem, den einer allein führen kann. Auch Asaf siegte in der Schlacht; als seine Männer danach verzweifelten, weil sie zahlenmäßig unterlegen waren, sagte er, es spiele keine Rolle, ob sie wenige oder viele seien, da Gott die Wenigen, die sich vor den Vielen fürchteten, stärker machen könne. Gewiss war er ein guter Mann im Glauben, wenn er nur bis ans Ende ausgeharrt hätte. Auch eine Frau siegte mit Waffen, weil sie den Glauben an Gott bewahrte. Saul dagegen wurde besiegt, weil er nicht auf die Gebote Gottes achtete; Iosias wurde verwundet, weil er entgegen den Geboten gegen den Feind auszog, sonst aber war er gesegnet und wurde so hinweggenommen, damit er die unserer Sünden angemessene Gefangenschaft nicht sehen musste. Nechao rief: „Ich bin nicht zu dir gesandt“, und bezeugte damit sein Vertrauen; doch er umgab ihn, wie zuvor Amessia, den Teilhaber einer unwürdigen Gemeinschaft. Schließlich war dieser durch einen Mann Gottes gewarnt worden, er solle die fortschicken, die er für hundert Talente Silber als Bundesgenossen des Krieges angeworben hatte, wenn er siegen wolle. Als er zögerte, weil er eine so große Summe verlieren würde, antwortete ihm der Prophet, der Herr habe viel mehr, woraus er ihm das Silber zurückerstatten könne. Im Vertrauen darauf wies er die angeworbenen Truppen ab und siegte mit weit weniger Männern. Nicht einmal er hätte Gott den Preis eines so großen Sieges entrichtet, sondern er brachte sogleich den Abbildern selbst Opfer dar, die er als Sieger erbeutet hatte, als hätte er durch ihre Hilfe das besiegt, was er als Beute der Eroberung eingesammelt hatte. Als dem Land selbst schon der Untergang drohte, hatte Sedecias durch den Propheten Jeremia, während er von einer feindlichen Belagerung bedrängt wurde, die Zusage erhalten, er solle sich nicht fürchten, aus der Stadt hinauszugehen; es werde Sieg geben, wenn er den himmlischen Geboten gehorche, er werde aber gefangen werden, wenn er meinte, sie müsse verteidigt werden. Durch seinen Mangel an Glauben betrog er sich selbst und seine Männer. Das Volk der Juden wurde von den Assyriern nach Babylonien weggeführt; die Zurückgelassenen, die geblieben waren, überlegten, zu den Ägyptern überzugehen. Der Herr gebot durch den Propheten Jesaja und andere, sie sollten sich mit der Herrschaft eines einzigen Volkes zufriedengeben, damit nicht eine doppelte Gefangenschaft ihr Unglück vermehre. Doch weil sie die Weisungen Gottes missachteten, wurden sie zu Gefangenen zweier Völker, da sie ungeduldig danach verlangt hatten, unter dem Joch des einen Volkes hervorzukommen. Die aber nach Assyrien weggeführt worden waren, kehrten, nachdem die Zeit ihrer Gefangenschaft erfüllt war, die der Herr wegen der Sünden des Volkes bestimmt hatte, später, als Cyrus es befahl und sie die Möglichkeit zur Rückkehr erhalten hatten, dankbar zurück. Der Tempel Gottes wurde mit der Hilfe des Cyrus und durch die Gaben des Darius und der übrigen Perser wiederhergestellt.
So gaben eben jene, die zerstört hatten, die Kosten für den Wiederaufbau; sie stellten sogar die Rechte der Priester wieder her und unterstützten die Einhaltung der Religion. Unsere aber, während sie untereinander um das Priestertum stritten und bei den Parthern darum warben, dass ihnen das denkwürdige Amt übertragen werde, machten aus der Religion eine Ware. Was sollten wir über die Babylonier klagen? Von den Unseren haben wir Schlimmeres erfahren. Jene gaben uns das Recht der Religion zurück, sie stellten die Einsetzung der Priester wieder her, und die Unseren lieferten sie den Persern wieder aus. Jene erlaubten unseren Autoritäten die priesterlichen Stirnbinden, die Unseren machten sie den Babyloniern abgabepflichtig. Was soll ich noch hinzufügen vom blutbefleckten Heiligtum, von der heiligen Schwelle, die von Blut benetzt war, vom halb zerstörten Dach des Tempels, das noch stand? Geringer ist der Zorn Gottes gegen uns als unsere eigenen Streitigkeiten. Die Ersten machten uns zu Gefangenen, diese machten uns zu Frevlern; die Ersten zerstreuten die Juden, die Letzten richteten sie zugrunde. Vergleicht, wenn es euch recht scheint, den Unterschied zwischen unserer Gefangenschaft und unserem Aufstand: Unsere Gefangenschaft breitete die Gemeinschaft unserer Religion zu den Völkern hin aus, unser Aufstand aber hat den Juden die Gunst der Religion tatsächlich genommen. Was brachte die Römer nach Judäa, wenn nicht der Streit des Hyrcanus und des Aristobulus? Wer brachte Sossius, wenn nicht Herodes? Wer Antonius, wenn nicht Sossius? Wer rief Caesar als König für sich an, wenn nicht ihr? Wer anders als ihr vertrieb Antipater aus dem Königtum und aus der Freiheit unter Antipater? Und doch verhehle ich nicht und leugne auch nicht, dass Florus frevelhaft gegen euch gehandelt hat. Aber der Streit hätte den Römern vorgelegt werden müssen; man hätte nicht zu den Waffen greifen dürfen. Ihr habt Nero verachtet, aber Vespasian war ihm gefolgt, der von Natur aus gütig war und aus Überlegung noch gütiger sein konnte, weil er in Judäa die Herrschaft übernommen hatte; oder, wenn euch Pflichtgefühl nicht bewegte, hätte doch wenigstens sein Charakter euch dazu bringen müssen, mit euch selbst zu Rate zu gehen. Denn wie hätte er euch nicht schonen können, der Josefus geschont hatte? Gegen wen nämlich hätte er feindseliger sein müssen als gegen mich? Wer warf den Römern stärkere Befestigungen entgegen? Wer meinte, nach der von euch beschlossenen Entscheidung für den Krieg müsse man umso eifriger für das Vaterland kämpfen? Ich habe den Beginn des Krieges zwar nicht gebilligt, doch als er einmal unternommen war, habe ich ihn nicht verlassen. Die glühende Asche, die den Kampf um die Stadt Iotapata noch bedeckt, bezeugt dies: dass ich vom Krieg nicht abließ, bis diese Stadt zerstört war; dass ich mich, solange ich konnte, im Grab jener zerstörten Stadt verborgen hielt; dass ich den Hunger der Auslieferung an die Römer vorzog; dass ich einen Fluchtweg zu euch suchte, aber gefasst wurde und nicht freiwillig herauskam; dass ich lieber mit meinen Männern sterben wollte, Caesar mich aber schonte; dass ich weiter mit euch kämpfen wollte, nicht weil ich jenen Entschluss billigte, sondern weil ich die Gemeinschaft der Gefahr mit euch wählte.
Gott sei jedoch Dank, dass ich nicht in die Gemeinschaft eines so großen Verbrechens geraten bin, damit ich nicht als Anstifter des Aufruhrs gelte; auch weil ich mich mit diesen nicht vermischen konnte, konnte ich den Mord von meiner Hand abwenden, damit ich sie nicht mit Tod fülle: gewiss auch, dass ich nicht mit ansehen musste, wie meine gesegnete Mutter vor meinen Augen zerrissen und meine Eingeweide zerstreut wurden. Das wäre zwar beklagenswert, doch es ist immer noch erträglicher, dies zu erleiden, als es zu tun. Was also erwartet ihr noch? Zeichen von euren Vorfahren? Die habt ihr nicht verdient, ebenso wenig jene Verpflichtungen gegenüber der Anbetung Gottes. Die Römer aber sind nicht treulos wie die Assyrer, die den Preis für den Abzug annahmen, dann die Treue brachen und meinten, sie sollten nicht abziehen, sondern noch heftiger vorrücken. Ja, aus dem, was geschieht, erkennen wir den Stoß der göttlichen Absicht: Gott ist gewiss gegen die Juden. Denn Siloa, das vor dem Krieg ausgetrocknet war, und jede Wasserader außerhalb der Stadt, die längst zu fließen aufgehört hatte, sodass uns das Wasser zum Gebrauch fehlte, wenn es nicht gegen Geld beschafft wurde, kehren nun zu ihrem Gebrauch zurück und ergießen sich für Titus, der heranrückt. Reiche Bäche sprudeln über, und alles ist von überfließendem Wasser erfüllt, sodass sie nicht nur für das Heer reichlich zum Trinken hervorquellen, sondern auch für die Kriegspferde, Lasttiere und das ganze Vieh; auch fehlt es nicht an Wasserfülle zur Bewässerung der Gärten, sodass man, als stützten die Elemente den römischen Sieg, meinen könnte, es gebe gewaltige Bewegungen der Erde. Wir erinnern uns an höhere Vorzeichen, die schon damals der Einnahme unserer Stadt vorausgingen: Für die Juden versiegte das Wasser, über den Feind ergoss es sich, damit die Belagerung nicht durch Durst behindert werde. Und es ist kein Wunder, dass die göttliche Gnade von den Juden wich, die so große Frevel umschlossen. Ein guter Mensch nämlich flieht entsetzt eine Herberge und verlässt sein Haus, wenn er erfahren hat, dass darin irgendein Verbrechen begangen wurde; er meidet die enge Verbindung mit einer schändlichen Wohnstätte, er verabscheut die unheilvolle Nähe von Gefährten. Und wir zweifeln bei dem großen und makellosen Gott, weil er die Ansteckung so großer Schandtaten verabscheut und vor der Bosheit solch verderblicher Übel zurückweicht und nicht in den Versammlungen von Mördern verweilt, er, der befahl, Dathas und Abiron, weil sie Mose und Aaron angegriffen hatten, indem sie die Gabe einer Wohltat an sich rissen, von den Schuldlosen zu trennen, damit er die Frommen nicht mit einem Makel beflecke oder sie durch Gemeinschaft mit den Schuldigen in die Strafe hineinziehe? Doch warum soll ich mich noch länger mit Worten aufhalten, da sie voll Furcht und Seufzen umstellt sind und das Verderben auf den Tempel zueilt? Welches Auge kann das ansehen, welcher Sinn es ertragen, welche Seele es tragen? O ihr, dauerhafter als Steine, härter als Eisen, die ihr angesichts so großer Wunder menschlicher Dinge bis jetzt aus Bosheit untereinander gekämpft habt, als wäre es ein Wettstreit der Tugend, und, was schlimmer ist, ihr selbst zerstört unser Vaterland und vergrößert seinen Untergang.
Kehrt um, bevor es zu spät ist; kommt zur Besinnung, bevor es zu spät ist; urteilt und seht die Schönheit des Vaterlandes, das ihr verraten habt. Welche Stadt, welchen Tempel, welche Häuser der Frommen, welche Heiligtümer religiöser Riten, welche Werke der Propheten haben eure Hände ausgeweidet? Kann jemand gegen sie Flammen heranführen, Brände ausbreiten und Feuersbrünste nähren und von keinem Mitleid bewegt werden? Die Starre der Felsen würde sich lösen, wenn sie empfinden könnte. Gewiss pflegt das Empfindungslose in der äußersten Härte der Umstände den Anschein von Empfindung vorzutäuschen, sodass Felsen erbeben und Tropfen wie tropfendes Blut fließen. Ihr aber verharrt unbewegt. Was wäre nach alledem besser, als dass es überlebt? Was wäre besser, als dass ihr es verschont? Wenn euch schließlich dies nicht bewegt, was unter den Pflichtbewussten am höchsten steht, dann habt wenigstens Mitleid mit euren nächsten Angehörigen; stellt euch den Tod eurer Söhne vor Augen, sei es durch das Schwert oder durch Hunger, und, was noch härter ist, die Sklaverei eurer Frauen und Töchter. Ihnen wird bei einer Vereinbarung der Übergabe sichere Freiheit zuteil, oder bei der Zerstörung der Stadt gefangene Sklaverei. Gebt acht, solange es erlaubt ist, damit ihr nach eurem Tod nicht Schlimmeres hinterlasst, als ihr vor dem Tod angerichtet habt. Auch ich bin von einer Gefahr dieser Art nicht frei. Ich weiß ja, dass die von mir verehrte Mutter ebenso mit eurem Volk gestritten hat, ebenso meine teure Frau, keineswegs von geringer Herkunft und aus einem einst berühmten Haus. Und vielleicht meint ihr, mich wegen meiner Angehörigen damit überzeugen zu können. Tötet sie und nehmt mein Blut noch über jene Vergeltung hinaus. Gern zahle ich diesen Preis für eure Rettung, wenn ihr nach mir zur Einsicht kommen könnt.
Josephus rief dies unter Tränen aus und brachte sehr viele aus dem Volk dazu, bei den Römern Zuflucht zu suchen, nachdem sie alles verkauft hatten, was sie besaßen. Titus wies sie an, sich dorthin zu begeben, wohin jeder wollte, und sich den Römern ohne Furcht zu ergeben, auch wenn die übrigen noch bedrängt wurden. So bot sich Gelegenheit hinauszukommen, mit sicherer Rettung, wenn sie zu den Römern gingen, und ohne Sorge um Sklaverei, da ihnen die Freiheit bewahrt wurde. Diejenigen aber, die Johannes und Simon unterstützten, die Aufseher und Anstifter des Streits, fürchteten die Strafe für ihre Verbrechen mehr als die Nöte des Krieges und hielten deshalb diese Zuflucht für sich selbst für unsicher. Nicht nur wagten sie selbst nicht hinauszugehen, sie behaupteten sogar, es sei keinem aus dem Volk erlaubt, aus der Stadt hinauszugehen; denn mehr lag ihnen daran, den Abzug ihres Volkes zu verhindern, als den Einzug der Römer. So wurden sie gegen ihren Willen festgehalten, und wenn jemand ergriffen wurde, erhielt er eine schwere Strafe. Schon ein geringer Verdacht war Grund für einen qualvollen Tod. Die Wahrheit suchte man nicht durch Beweise, sondern durch Folter. Waren sie wohlhabend, wurden sie unter dem erdichteten Vorwurf des Verrats ebenfalls in den Tod geschleppt; waren sie mittellos, waren sie dem Tod preisgegeben, weil sie nichts hatten, womit sie sich loskaufen konnten.
Nun hatte auch der Hunger zu wüten begonnen, und der Streit ging in Raserei und Wahnsinn weiter. Getreide war nicht zu finden, Brot stand der Allgemeinheit nicht zur Verfügung. Wenn es irgendwo entdeckt wurde, wurde jenes Haus sogleich geplündert. Der Hausherr oder der Verwahrer des Getreides wurde getötet, weil er es verborgen hatte. Fand man dagegen keine Früchte, wurden, als seien sie nur sorgfältiger versteckt worden, Foltern angewandt. Viele wählten die Erleichterung des Todes, weil sie entweder der Hunger quälte oder die Wildheit sie folterte. Schließlich weigerten sich die Grausamsten sogar zu töten, weil sie ihnen die Wohltat des Todes missgönnten; denn für diese war schon der Hunger der härtere Henker: Nachdem ihre Eingeweide aufgezehrt waren, überzog die beklagenswerte Magerkeit ihre entblößten Knochen mit dünner Haut. Halb tot atmeten sie nur noch durch den bloßen Lebenshauch und schleppten ihre kranken Körper dahin. Wenn sie irgendwo Reste von Gemüse sahen, die zufällig herabgefallen oder vertrocknet weggeworfen waren, sogen sie, schwach am geschwächten Körper, mit dem Mund auf, was am Boden lag. Oder wenn irgendwo zwischen den Mauern Gras wachsen zu sehen war, rissen es die Elenden aus und stillten ihren Hunger mit seinen Säften. Die Reicheren kauften ein Maß Weizen um ihr ganzes Vermögen, denn warum sollten sie bewahren, was ihnen nichts nützen würde? Die aber so arm waren, dass niemand auch nur Gerste bei ihnen verkaufen oder kaufen sah, wurden auch dafür mit jeder Bosheit hart bestraft. Auch wartete man nicht wirklich auf das Brotbacken, damit nicht vorher der Tod komme oder der Aufschub einen Verräter herbeirufe. Heimlich verschlangen die, die etwas hatten, ungekochten Weizen, oder auch nur einen kärglichen Vorrat an Getreide. Kein Tisch, kein Stuhl, kein Licht, damit niemand dazwischentrete und es unvermutet an sich reiße. Gab es irgendein Geräusch, wurde die Nahrung versteckt. Einsamkeit erregte Verdacht, häufig waren Morde an Verwandten, traurige Kämpfe zwischen Angehörigen. Denn tatsächlich schließt Hunger jede Zuneigung aus, besonders aber Scham. Für Menschen, die Nahrung brauchen, kostet Ehrgefühl das Leben und schadet dem Überleben. Wenn ein Mann, der eine Frau, Söhne und Töchter hatte, etwas zu essen besaß, gab er es kaum zu. Ebenso war es bei den Frauen. Wenn jemand milder empfand, wurde ihm, sobald er Speise hingestellt hatte, diese aus den Händen gerissen. Die Nahrung war elend, die Nahrung war tränenwert. Söhne rissen sie den Eltern weg, Eltern den Söhnen und selbst aus den Kiefern, denen die Speise gerade gereicht wurde. Vielen diente das Erbrochene anderer als Nahrung.
Es gab keine Scheu mehr, vertrockneten Unrat aufzunehmen, und keine Scham, den eigenen Angehörigen die letzten Lebenstropfen zu entreißen. Das war ein Anblick so erbärmlichen Elends, dass er kaum zu ertragen war. Darum geschah es hinter verschlossenen Türen, damit niemand käme, der Nahrung aus dem Mund eines Fremden suchte und wie ein Hund mit der Zunge das Erbrochene anderer aufleckte. Nicht einmal das blieb ungestraft; denn wo immer Türen verriegelt waren, vermutete man versteckte Nahrung. Die Leute der Aufstände stürmten herbei, sie fielen über die verschlossenen Orte her, sie verhängten unerträgliche Strafen einer neuartigen Grausamkeit. Nicht einmal die Schamteile des Körpers waren ausgenommen. Auch an ihnen wurde die Strafe vollzogen, weil dort die Qual stärker empfunden wird. Viele, die die Mörder schon eindringen sahen, packten die bereitgelegte Speise, damit sie selbst nicht um die letzte Zuteilung betrogen würden und ihren bevorstehenden Tod rächten. Und worin die Grausamkeit als besonders schmerzlich erschien: Diejenigen, die den Hungernden die Speise entrissen, hungerten selbst nicht. Durch Raub häuften sie sich die Vorräte anderer an und nährten sich von den versteckten Vorräten Fremder, während die, die sie gesammelt hatten, vor Hunger und Fasten dahinschwanden. Wenn eine Frau, von mütterlichem Empfinden bewegt, sich über das Weinen ihres Kindes erbarmte und ihm den Saft der Speise in den Mund gießen wollte, bezahlte sie die Strafe für ihre zärtliche Fürsorge; und mit dem Kind, das an ihrem Hals hing oder an ihrer Brust klammerte, wurde sie zugleich durchbohrt. Ferner gingen viele, die den Tod für eine Wohltat hielten, aus der Stadt hinaus, als wollten sie Kräuter suchen oder sich von Wurzeln nähren oder Baumrinde sammeln, falls an ihnen noch etwas Grünes zum Trost einer Speise dienen konnte; die Römer entdeckten sie und töteten sie. Oder wer dem Feind entgangen war, starb bereits an der Schwelle der Tore, vom Hunger ausgezehrt und mit kraftlosem Mund, weil ihn sogar schon die Fähigkeit zu essen verlassen hatte. Auch eine todbringende Schar hielt die Zurückkehrenden ab; sie riss den armen Menschen mit äußerster Härte aus dem Gewand, was sie unter großer Gefahr gesucht hatten. Abscheulich war, dass sie ihnen nicht einmal einen Teil als wenigstens den Lohn ihrer Gefahr ließ. So starben sie durch den schlimmeren Angriff der eigenen Leute mehr als durch den des Feindes. Was sogar der Feind zugestanden hatte, nahm ein Mitbürger weg; doch auch das Ergreifen solcher Speise nützte nichts. Denn nicht viel später schüttelten sich die körperlich Kräftigen, während ihr Bauch anschwoll, vor Schmerz im Innersten der Eingeweide, oder sie starben, in den Eingeweiden gelöst und aller Kraft beraubt, sodass sie den Wunsch bereuten, der zunächst ein Trost gewesen war, später aber zur Qual wurde. Zu grünen Eidechsen und anderen Beutestücken aus der Schlangenart, die sie gekocht hatten, kam dann noch die Seuche hinzu. Denn wenn sie die Körper von Pferden fanden und fortschleppten, führten sie untereinander erbitterte Kämpfe. Nicht einmal vor dem dicht zusammengedrängten Feind erhielt das Verderben eine Atempause.
Denn als die Menge, die mit ihren Söhnen und Frauen aus der Stadt hinausging, sich in jenen Teil zurückgezogen hatte, der sich bis zum Fuß der steilen Klippen hinabsenkte, hielten die Römer Wache: entweder um vor allem die Jüngeren als gefangene Sklaven wegzuführen oder um die Kräftigeren zu töten, damit vielleicht keiner es wagen konnte, sich unter die Kämpfenden einzuschleichen. So sollte jeder abgefangen werden, der auf der Suche nach Nahrung, während er auf den Feldern nach Wurzeln grub, zu weit hinausgeriet. Doch obwohl der Feind ringsum ausgebreitet war, konnten sie sich nicht zurückhalten: Der Hunger gab ihnen Kühnheit, und die Liebe der Eltern konnte es nicht ertragen, dass kleine Kinder durch Auszehrung erschöpft wurden und ihre vom Hunger offenen Münder vergeblich ausstreckten, Kinder, die sie in die Gefahr mitgenommen hatten, damit sie nicht an ihrer Stelle von den Anstiftern des Aufstands als Geiseln ihrer Flucht getötet würden. Der Hunger trieb jene hinaus, denen es als Wohltat erschien, lieber durch das Schwert zu sterben als, im Vergleich dazu, durch Verhungern. Demgegenüber mehrten die Römer, weil sie sie für todesverachtend hielten, die Arten der Folter: Zuerst schlugen sie sie, dann hefteten sie jeden, den sie gefasst hatten, an das Joch des Kreuzes, damit durch den Anblick der Gekreuzigten die Verwegenheit der übrigen vom Übermut der Angriffe zurückgerufen würde. Und so sah Titus das erbarmungswürdige Leiden als Härte so großer Unglücksfälle. Unzählige wurden gefangen, fast fünfhundert am Tag gekreuzigt, und sie bedeckten die Ebenen vor der Stadt mit einer Reihe erbarmungswürdiger Züge, damit man sie von den Mauern aus sehen konnte. Die Römer hatten Mitleid mit ihnen, die Juden ließen sich nicht bewegen; der Feind erbarmte sich ihrer, ihre Verbündeten wurden nicht milder; Mitleid fand sich leichter bei ihren Gegnern als bei ihren Gefährten. Dennoch wurden viele vom Zorn erregt, sodass sie mitten in so großen Übeln noch niedriger wurden. Man konnte Menschen sehen, die auf verschiedene Weise aufgehängt waren, mit verschiedenartigen Strafen; die Formen der Foltern waren bei einer so unzählbaren Menge so zahlreich, dass schon der Platz für die gegabelten Galgen fehlte und die Galgen für die Körper. Simon wütete drinnen, Johannes wütete; jeder lauerte dem anderen durch seine Leute auf. Wenn jemand zu fliehen versuchte, wurde er über den Boden geschleift und in Stücke gerissen. Die Nächsten derer, die weggegangen waren, wurden gefoltert, und die Körper vieler wurden an ein Kreuz geheftet und ihren Angehörigen gezeigt, die sich weggeschlichen hatten. Von einer anderen Seite her bedeckten sie sogar die Mauer mit einer Ernte von Galgen, als triumphierten sie über Feinde, wenn sie jemanden gefasst hatten, der von den eigenen Leuten zu den Römern fliehen wollte, damit die Angst vor der Flucht hinüber die Zurückbleibenden überfalle. Kein Ort war frei von Härte: draußen war Gefangenschaft, drinnen Hunger, an beiden Orten Furcht. Waffen wurden freilich weniger gefürchtet als Foltern, und es war milder, im Aufstand zu sterben als durch Mord von der Hand des Feindes. Doch Caesar hörte trotzdem nicht auf, die Führer der Faktionen in der Hoffnung auf Übergabe einzuladen.
So ließ er etwa verkünden, sobald die Wälle errichtet seien, werde die Wirkung des Werkes nicht mehr fern sein; der Untergang der Stadt stehe bevor. Sie sollten darum für sich selbst Vorsorge treffen, damit sie Sicherheit gewännen und der Tempel vor dem Brand gerettet werde. Damit sie dies umso leichter glaubten, wurden viele der Juden vorgeführt und ihnen die Hände abgehauen, damit man nicht meinte, sie seien freiwillig zu den Römern übergelaufen, und damit sie ihnen als Treulosen kein Vertrauen schenkten oder sie selbst töteten. Doch tatsächlich schleuderten sie zur Warnung unablässig bedrückende Schmähungen zurück. Caesars Milde erschien ihnen unheilvoller als seine Strenge, denn die eine nahm ihnen die Freiheit, die andere das Leben. Lieber wollten sie ihre Kinder sterben sehen, als sie als Sklaven leben lassen. Ihre eigenen Seelen weihten sie dem Tempel. Unsterblichkeit, so meinten sie, würde ihnen gehören, wenn sie, mit dem Tempel verbrannt, an den Altären und Gräbern der Väter stürben. Titus erreichte nichts, rettete wenig und gab vieles preis. Vor dem Tempel, sagten sie, werde das Paradies ihnen folgen, und dorthin müssten die versetzt werden, die für den Tempel kämpften; nur sollten sie mit eigenen Augen die römischen Triumphe nicht sehen und ihre gefangenen Nacken nicht unter das Joch beugen. Ihre kleinen Kinder sollten geweiht, nicht getötet werden, denn ihre Eltern seien Verteidiger der himmlischen Sakramente. Dadurch erschreckt, befahl Titus, wenigstens diejenigen zu retten, die gegen ihren Willen festgehalten wurden, und ließ die Kriegsmaschinen vorrücken.
Im Heer befand sich ein Sohn des Antiochus von Kommagene, der zur Teilnahme am Krieg gekommen war, ein tatkräftiger junger Mann, kampfeslustig, doch im Rat keineswegs umsichtig. Weil er die Führung des römischen Heeres für schwerfällig hielt und die Schwierigkeit des Unternehmens nicht bedachte, gab er Caesar zu verstehen, er wundere sich, dass die Römer zögerten, an die Mauer heranzurücken. Titus lachte und sagte: „Die Aufgabe betrifft uns gemeinsam. “ Auf diese Worte hin stürmte der junge Mann mit denen vor, die nach makedonischer Art bewaffnet waren und die er für besonders kampfbereit hielt. Tatsächlich war er zwar im Vertrauen auf andere gekommen; die Kohorte aber, die die makedonische hieß, galt den übrigen an Körperkraft und selbst an Wuchs überlegen. Als diese heranrückten, erreichte der Kampf seinen Höhepunkt. Von der Mauer her leisteten jene erbittert Widerstand, die äußerste Gefahren bedrohten und die der nahe, sofortige Kampf anfeuerte. Zwar werden die unten Stehenden sehr häufig von den höher Stehenden durchbohrt, doch erreichen nicht alle Geschosse die höher Stehenden. Der Königssohn aber, ein beweglicher junger Mann, durch seine Rüstung geschützt und von einer Begleitung umgeben, wich manchen Schlägen aus und wehrte andere ab. Auch während er ihnen auswich, wurde er von seinen zurufenden Gefährten darauf aufmerksam gemacht, und so blieb er unverwundet und hielt stand. Viele aus der makedonischen Kohorte aber wurden verwundet, weil sie es für schmachvoll hielten, selbst der Natur und den Befestigungen nachzugeben, und deshalb allzu hartnäckig kämpften. So mussten sie nach einem vergeblichen Versuch den höher Stehenden weichen. Selbst durch die makedonischen Männer wurden sie belehrt: Wenn sie siegen wollten, bedurfte es Alexanders Kampfeseifer und seines Erfolgs im Siegen.
Als er nämlich eine Stadt belagerte, während die übrigen zurückblieben und das Heer sich den üblichen Kriegsmaschinen widmete, wurden Leitern angelegt; da stieg er, tatkräftig wie er war, auf die Mauer, schlug die Anwesenden, die von der Mauer her Widerstand leisteten, in die Flucht und stürzte sich allein in die Stadt. Es blieb keine Zeit, dass er selbst ohne Begleiter die Tore hätte öffnen können, denn Gefahren drohten; doch über alle Maßen mutig und siegesbegierig sprang er gegen den Feind vor. Die Truppen wichen zurück, aber wie viele konnte er allein niederwerfen? Dann drängte sich der Feind in den verschiedenen Straßen der Stadt um ihn zusammen. Wenn Alexander an einer Stelle angriff, gab er anderen hinter sich Gelegenheit, ihn einzuschließen. Darum wandte der Sieger seine Schritte, damit er nicht von der Menge umringt würde. Doch sie rückten dicht zusammen und begannen vorzudringen; eine große Masse von Geschossen starrte gegen ihn heran. Sein Helm dröhnte vom Klirren, sein Schild vom Krachen der Steine. Wenn aber die Makedonen nicht, ohne Furcht, geführt zu werden, hereingestürmt wären, wäre der Bezwinger zahlloser Völker in dieser armseligen Stadt überwältigt worden. Mit solchem Siegesdrang stürmte er gegen die Mauern an, dass er den Feind niederwarf; mit triumphierendem Sprung stürzte er sich allein in die Stadt, durch seinen Angriff trieb er das Volk in die Flucht. Dies war der Ausgang, der vor allem dem Anführer zuzuschreiben ist: Angesichts so vieler drohender Menschen, des Fluges so vieler Pfeile und so vieler heranstürzender Geschosse fand sich keine Stelle für eine tödliche Wunde. Denn die Tapferkeit hatte die Gefahr heraufgeführt, der Siegesdrang hätte den Tod herbeigebracht, wenn das Glück den Kämpfer verlassen hätte. Die Makedonen drangen durch das aufgebrochene Tor ein. So fand der Wagemut den Sieg, und der Ausgang verwandelte die Gefahr in Ruhm. Auch unser David hatte, als er gegen die Riesen kämpfte und ganz auf den Feind gerichtet war, im Rücken einen Mörder gegen sich; aber Abessa, der Gefolgsmann des Königs, kam herbei und fing die gegen ihn geführten Schläge ab. Wahrlich, Alexander rettete der Zufall, den Propheten rettete die Gnade.
Als nun der Sohn des Commagenus, der König des Antiochus, sich zurückzog, weil er erkannt hatte, dass die bedächtige Zurückhaltung des römischen Heeres nicht aus Furcht, sondern aus Vorsicht geschah, damit sie die Mauern mit Wällen, geschützten Widdern und auch anderen Belagerungsmaschinen angreifen konnten, wurden Plattformen errichtet, nachdem die Arbeit unter viele Arbeiter verteilt worden war. Besonders vier von ihnen ragten hervor; eine von ihnen wurde im Bereich der Befestigung, die den Namen Antonia trug, mitten durch den Teich geführt, den sie Strutia nannten. Die fünfte Legion hatte diese Plattform bis zu einer Höhe von dreißig Ellen nahe beim Grab des Johannes errichtet. Dorthin grub Johannes, der Anführer des Aufstands, aus der Ferne einen Tunnel und behinderte die Arbeit der Römer. Diese wussten nicht, was die Juden mit ihrem verborgenen Tunnel geplant hatten, denn sie hatten die Decken der Gänge mit Holzstützen und dem ausgehobenen Material abgestützt; die ganze List blieb verborgen. Als nun der rechte Zeitpunkt gekommen war, legten sie Feuer. Dieses, von Schwefel und Pech genährt, womit das Material getränkt worden war, das den Tunnel stützte, verzehrte leicht alles Holz. Auf den Brand folgte der Einsturz der untergrabenen Werke. So ließen die eingestürzten Werke der Römer plötzlich ein gewaltiges Getöse hören. Alles füllte sich mit Staub und Rauch, verbreitete große Finsternis, und die verborgene Ursache weckte große Furcht. Als dann der restliche Brennstoff verzehrt war, durch den das Feuer zunächst verborgen geblieben war, brach es danach frei hervor, offenbarte die List, und bei den Römern verringerte sich sofort die Furcht vor der Gefahr; doch schmerzlich folgte die Ermüdung über die nutzlos gewordene Arbeit, und für die Zukunft erkaltete das Vertrauen auf den vorbereiteten Angriff. In einem anderen Bereich, zwei Tage später, als die Mauer bereits durch den Widder erschüttert wurde, ergriffen Tepthaeus aus Galiläa, Magassarus, ein Adiabener, und Agiras Fackeln und stürmten gegen die Belagerungsmaschinen vor, die die Mauern angriffen. Nichts war kühner als diese Männer, nichts Schrecklicheres trat in jenem Krieg aus der Stadt gegen den Feind hervor. Denn sie brachen mitten unter die Feinde ein, schwankten nicht, wichen nicht zurück, sondern dachten nicht an Rückkehr, als verweilten sie bei ihren Hausgenossen, während von allen Seiten Wurfspieße, Pfeile und Speere gegen sie geschleudert wurden, ehe sie durch die gelegten Feuer die Geräte der Belagerungsmaschinen zerstört hatten.
Da setzte ein gewaltiger Ansturm des römischen Heeres ein, die Brände zu löschen; zugleich erhoben sich ein großes Geschrei und ein heftiger Eifer der Juden, die den Römern zum Hindernis wurden, sodass keine Hilfe herangebracht werden konnte. Jene eilten, die Widder aus den Flammen zu ziehen, diese, die Juden, breiteten die Feuer noch weiter aus. Da nun alles in Brand geraten war, was brennen konnte, hätten die Flammen die Römer wie mit einer Mauer eingeschlossen, wenn sie nicht rasch für sich selbst Rat gefunden hätten. Denn die Juden drängten heftig nach, und gerade der Umstand, dass ihre Anstrengungen in diesem Bereich nicht fruchtlos gewesen waren, nährte durch den Erfolg ihren Wagemut. Ja, mit der Verteidigung der Mauer nicht zufrieden, gingen sie noch weiter vor, griffen die Wachen der Römer selbst und das Kastell an, in dem die Römer standhielten, und hätten es zudem niedergeworfen, wenn ihnen nicht der Ruhm des römischen Namens und die alte Ordnung des Kriegsdienstes entgegengetreten wären, die es aus Furcht vor schwerster Strafe verbot, solche Posten zu verlassen; so widerstanden sie den wütend Kämpfenden, obwohl sie, die Bezwinger von Städten, in ihre eigenen Befestigungen zurückgewichen waren. So änderten sich die Art des Krieges und die Weise der Einschließung. Mit Katapulten und Geschossen schnellerer Art verteidigten sich die Römer, um die Juden zurückzuschlagen, durch die ihnen ein Widerstand über das Gewohnte hinaus entgegengesetzt wurde. Mitten in diesem Geschehen traf Titus ein, vom Lärm aufgeschreckt und zur Hilfe gerufen. Sogleich wurde den Römern Kraft hinzugefügt, da Caesar anwesend war, und Scham nährte ihren Mut, während er ihnen zurief: Für Titus sei es eine große Schande des römischen Namens, wenn sie nun ihrerseits das Ihre verlören; sie unterlägen denen unter den Feinden, deren Mauern doch schon niedergerissen würden. Die Juden, an ihren Befestigungen verzweifelnd, vertrauten allein auf ihre Verwegenheit; die Römer müssten nur standhalten, dann werde der Sieg nicht ausbleiben. So stellte Titus, zugleich ermutigend und kämpfend, seine Männer auf; er drängte die Juden ab, die nicht nur im Herzen zum Tod bereit waren, sondern sich mit körperlicher Anstrengung hineinstürzten, um die Römer aus ihrer Stellung zu drängen. Auch war Caesars Gefahr in all dem Durcheinander nicht gering, wenn ein Verbündeter nicht von einem Feind unterschieden werden konnte. Inmitten davon bewegte sich Titus, ein junger Mann, kühn aus Begierde nach Ruhm und höchst begierig auf den Kampf, durch den der Sieg schneller vollendet werden sollte; jede Sorge um seine Sicherheit stellte er hinter den Triumph zurück.
Nachdem der Feind zum Rückzug gezwungen worden war, standen zwei Möglichkeiten zur Wahl: Einige meinten, man müsse die Plattformen wiederaufbauen und die Belagerungsmaschinen gegen die Mauern instand setzen; andere wollten die Gefahren einer Einschließung vermeiden, denn es fehlte an Material zur Ausbesserung der Plattformen, und die Gefahr würde man mit den Besiegten teilen. Sie hielten es für klüger, die Stadt mit einer Mauer abzuschließen, damit der Hunger diejenigen dahinraffe, die durch den Mangel an Nahrung geschwächt waren. Diese Ansicht setzte sich durch: Man sollte sie einschließen, sodass sie keine freien Ausgänge mehr hätten, durch die sie entkommen könnten; schließlich würden sie durch die Verzweiflung über die Fluchtmöglichkeit und durch den Mangel an Nahrung besiegt werden. Nachdem die einzelnen Abschnitte unter eine große Zahl von Männern verteilt worden waren, erhob sich die Mauer rasch, durch die die Stadt in ihrem ganzen Umfang umschlossen wurde. Caesar verteilte die Aufgaben an seine Männer so, dass sie auch nachts die Wachablösungen nicht ausließen. Während der ersten Wache übernahm er selbst die Aufgabe, jede einzelne Postenkette abzugehen; die zweite Wache übertrug er Alexander, danach der Reihe nach den Tribunen. Je nachdem sich die Tüchtigkeit eines jeden zeigte, wurden die Wachzeiten festgelegt. Die Mauer war in Abständen mit festen Stützpunkten durchsetzt; in diesen verteilte er Abteilungen von Soldaten. Die Wächter wurden in gerechter Weise durch das Los bestimmt, ebenso ihre Schlaf- und Wachzeiten. Unablässig gingen sie auf dem jedem als Verantwortung zugewiesenen Abschnitt der Mauer von Stützpunkt zu Stützpunkt umher. Durch die Ablösungen der Ränge und Mannschaften war die Nacht dicht besetzt. Die Hoffnung der Juden war von allen Seiten abgeschnitten; der Hunger hatte sich über die Eingeschlossenen ergossen und war bis in die innersten Teile des Volkes vorgedrungen. Alles hallte wider von den Seufzern derer, die das Leiden eines elenden Todes beklagten. Jeder Ort war angefüllt mit Halbtoten und, wenn man nur ein wenig wartete, mit Leichen. In kurzer Zeit starben diejenigen, die man noch lebend angetroffen hatte. Auch die, die noch atmeten, trugen, von Armut zugrunde gerichtet, das Aussehen des Todes: vom Hunger erschöpft und vom Auszehren entstellt, hoben sie kaum noch die Augen, weil ihre durch das Fasten aufgezehrte Substanz keine Kraft mehr zu natürlicher Bewegung gab. Nur die Gestalt eines Menschen blieb zurück; ihr Gebrauch hatte aufgehört.
Du hättest noch die Gestalten erkannt, doch die Verrichtungen vermisst. Die von Trockenheit verschrumpelte Haut klebte an den Knochen. Wenn eine leichte Bewegung einen Lebenden verriet, widersprach dem der üble Geruch; die Glieder waren mager, die Hautfarbe so dunkel, dass man sie für einen Schatten halten konnte. Auch der Dienst des Begrabens stand den Elenden nicht mehr zur Verfügung: Zuerst waren alle erschöpft und folglich dem Sterben nahe. Und wenn frische Nahrung jemandem ein wenig Kraft gab, nahm der Haufen der Leichen die Hoffnung und machte das Begraben unmöglich. Sehr viele starben, während sie das Begräbnis ihrer Angehörigen besorgten, und ließen durch den eigenen Tod die Pflicht dieses letzten Dienstes unerfüllt. Sie brachen über den Toten zusammen, den sie zu bewachen übernommen hatten, sodass auch er die Last vermehrte, die er hatte erleichtern wollen, und selbst den Dienst verlangte, den er einem anderen erwies. Auch für Trauer war in dem gemeinsamen Unglück aller kein Raum, außer vielleicht darüber, dass die Urheber eines so großen Elends noch am Leben waren; nicht einmal für Klage mit freier Rede blieb Zeit, wenn sie überhaupt hätten sprechen können, denn was sollten die schon Sterbenden noch für sich fürchten? Doch mit stummen Sinnen blickten sie auf den Tempel, als würde von dort Vergeltung für einen so grausamen Tod gefordert. Die Tränen der letzten Bestattungsriten waren versiegt, weil die Gewalt des Unglücks jedes Empfinden ausgeschlossen hatte. Der Geist war erstarrt; jedes Gefühl hing an einem Leid, das sich durch Weinen nicht mehr lindern ließ. Es fehlte an Erde für Gräber; alle Stellen innerhalb der Stadt, die für eine Bestattung genutzt werden konnten, waren aufgegraben. Einige versuchten, in der nächtlichen Stille zwischen den beiden Mauern hinauszugehen, der neuen des Feindes und der alten der Stadt; ein sehr gefährliches, wenn auch frommes Unterfangen, zu dem sie jedoch eine List bewogen hatte. So lagen statt eines einzigen viele unbegraben, weil sie dessen beraubt wurden, was sie einem Einzelnen eifrig als gute Tat erweisen wollten. Denn selbst wenn der Feind fern war, war der Hunger am Werk. Wer begrub, kam meist dem Begräbnis zuvor, das dann an ihm selbst vollzogen werden musste: In jenem Grab, das er für einen anderen bereitet hatte, wurde er eingeschlossen, plötzlich entseelt und gefallen; nachdem er gleichsam mit besonderem Eifer gegraben hatte, beanspruchte er das Recht an seinem eigenen Werk. Und wo der Raum fehlte, wurden Schichten ineinandergefügt, damit die Leichen auf engem Platz eingeschlossen werden konnten. Viele bereiteten solche Gräber mit eigenen Händen für sich selbst, damit ihnen ein solcher Dienst nicht fehlen würde, und legten sich freiwillig hinein, aus Sorge, der Tod könnte kommen und es könnte niemand da sein, der sie begräbt. Alles schwieg vor Furcht; der Hunger hatte die Stimmen genommen. Die Stadt war voll Tod, und bei den Begräbnisriten der ganzen Stadt gab es keine Klage. Und obwohl sogar das Empfinden der Trauer aufgehört hatte, hörte das Unrecht nicht auf. Denn in so großen Unglücken fehlten nicht einmal Schänder der Begrabenen, schlimmer als all dies. Was soll ich sagen, wovor man nicht erschauern müsste, wenn sie die Toten verspotteten und die Schärfe der Schwerter an den Leibern der Toten erprobten, ja einige sogar, indem sie gegen die Leiber der noch Lebenden drückten, prüften, ob ihre Wurfspieße geschärft waren?
Und dieser Dienst wurde vielen verwehrt, die darum baten, sodass der Hunger das elende Volk zu noch schwererem Leiden bestimmte. Den Sterbenden fehlte jedoch keineswegs die Vergeltung; denn weil die Lebenden es nicht vermochten, rächten die Toten sich selbst: Sie machten den üblen Geruch zu ihrem Rächer, durch den sie sich an ihren Plünderern rächten. Als diese heftig tobten und nach einem Mittel suchten, legten sogar jene, die sich mit Räuberei abgaben, einen gewissen Schein von Frömmigkeit an, sodass sie anordneten, die Toten auf öffentliche Kosten zu bestatten. Als dies aber nicht geschehen konnte, warfen sie die Überreste der Toten von der Mauer in tiefe Schluchten. Und so sah Titus die tiefen Schluchten voller Leiber, sah die Flüssigkeiten aus den aufgerissenen Eingeweiden fließen, seufzte tief auf, erhob die Hände zum Himmel und bezeugte, dass dies ihm keineswegs zugerechnet werden dürfe, ihm, der Vergebung hatte gewähren wollen, wenn man sich unterworfen hätte. Er habe gehofft, sie würden um Frieden bitten; er sei bereit gewesen, sie unversehrt zu schonen, wenn sie den Krieg aufgegeben hätten. Und so befiehlt er erneut, die Belagerungsdämme vorzurücken, obwohl es keine Wälder ringsum mehr gab, weil jeder Baumhain in der Nähe der Stadt abgeholzt worden war. Die Soldaten trugen das Bauholz und erleichterten sich die Mühe durch die Hoffnung auf den Sieg. Die Anführer des Aufstands aber verloren nicht den Mut. Simon raste; weder vom Tod so vieler gesättigt noch nachgebend, wandte er sich, weil es allmählich an persönlichen Feinden fehlte, gegen seine Verbündeten.
Am Ende ließ Simon sogar Matthias foltern und töten, durch dessen maßgebliche Verantwortung er in die Stadt aufgenommen worden war. Vor ihm war Matthias keines Verbrechens überführt, sondern nur beschuldigt, sich den Römern ergeben zu wollen, und eines Plans verdächtigt, von dem man einflüsterte, er habe ihn, als nützlich für das Volk, einem Vertrauten sorgfältig und ohne jede Täuschung anvertraut. Dies hatte sich Simon lange tief eingeprägt, und nun vertraute er ihm nicht mehr als Freund, sondern es wurde ein weiterer Anlass für seinen Zorn vorgetäuscht. Daher wurde Matthias vor ihm angeklagt, er habe eifrig mit den Römern Briefwechsel geführt und sich mit ihnen getroffen; darauf befahl Simon, ihn samt seinen Söhnen festzunehmen. Er wird angeklagt, und es wird ihm keine Gelegenheit zur Verteidigung gegeben; noch vor dem Prozess wird er zur Hinrichtung verurteilt, und auch seine Nachkommen werden nicht verschont, sondern in die Strafe einbezogen. Er bat nicht darum, das Leben genießen zu dürfen, sondern um einen raschen Tod in der natürlichen Ordnung: Er selbst solle zuerst getötet werden und nicht den Tod seiner Söhne abwarten müssen, damit er den Tod seiner Kinder nicht überlebe; sein eigener Tod solle sofort vollzogen werden. Nicht einmal das erhielt er, was die Gerechtigkeit selbst verlangt hätte, auch wenn er nicht darum gebeten hätte. Und er bat, man möge es ihm um des Dienstes willen gewähren, dass er Simon die Stadt geöffnet hatte. Gegen das Vaterland war er schuldig, doch Simon hatte er gefördert; den Bürgern schuldete er diese Strafe, Simon aber schuldete ihm Dank. Dadurch erwies sich Simon als umso grausamer: Er schonte weder einen Freund noch milderte er die Strafe dessen, der für seine Aufnahme eingetreten war. Der Vater wird mit drei Kindern zur Hinrichtung geführt; das vierte hatte sich durch Flucht gerettet. Er wurde dem römischen Heer sichtbar als Gegenstand des Spotts hingestellt, damit jene, zu denen er hatte übergehen wollen, seine Hinrichtung mit ansehen sollten. „Sollen sie dich doch befreien“, sagte Simon, „wenn deine Freunde dazu imstande sind. “ Und die Söhne werden herausgeführt. Nicht einmal die letzten Küsse an seine Kinder wurden ihm gestattet, noch durfte er seine Söhne ein letztes Mal umarmen. Doch der Freiheit einer väterlichen Stimme war er nicht beraubt, und so richtete er diese beklagenswerten Worte an seine Söhne: „Ich, meine Söhne, habe den Feind zu euch hereingebracht; ich habe die Henker eingeladen, als ich Simon bat, in die Stadt einzutreten. Das war für uns der Tag dieses Todes, das war der Anlass zu diesem vatermörderischen Schauspiel. Ich habe es verdient, ich bekenne es, und ich entschuldige meine Schuld nicht: Während ich bemüht war, den einen zurückzuhalten, brachte ich einen Schlimmeren herein. Simon bat um Hilfe und wandte sie zum Verderben seines Landes; wohlerwogene Pläne verkehrte er zum Verbrechen. Schuldig sind wir, die wir einen Verteidiger unseres Landes suchten. Und zu Recht haben wir die Strafe für unsere Unbesonnenheit bezahlt, nicht jedoch für Verrat. Simon selbst spricht uns frei, während er uns tötet; denn er erklärt, dass ihm dies von mir nicht aus Verrat gegeben, sondern aus Rücksicht auf das Land gesucht wurde, dass
Er würde, sobald er da wäre und die Idumäer hereingebracht wären, eine Hilfe gegen die Wildheit des Johannes sein. Wir meinten, wenn wir beide zusammenwirkten, werde das Volk frei sein. Wer würde mir glauben, dass ich dies mit solchem Eifer nicht für euch getan, sondern als das erträglichste unter den Übeln beurteilt habe, damit ihr nicht tötet? Doch warum spreche ich, als brächte ich Entschuldigungen für ein Verbrechen vor? Wahrhaftig, nichts Schlimmeres konnte ich tun als den Beschluss, euch auf unseren Nacken zu setzen. Aber darin war ich schuldig gegenüber dem Land, nicht euch gegenüber. Den Bürgern schuldete ich den Tod, ihr aber schuldetet mir Dank. Dem Land schuldete ich die Strafe für meinen Verrat, dass ich euch hereingebracht habe. Wann habe ich begonnen, euch zu verraten? Wenn ich gemeint hätte, fliehen zu müssen, hätte ich für mein eigenes Wohl gesorgt und meine Pflicht gegen mein Land nicht entehrt. Denn wer flieht nicht vor einem Feind, zumal vor einem inneren Feind? Wir hielten euch für Landsleute, fanden euch aber als Feinde. Zur Hilfe gerufen, was habt ihr zurückgezahlt? Was habt ihr zuerst versprochen, und wogegen habt ihr es später gewendet? Ihr seid eingetreten, um den Feind hinauszutreiben, nicht um die Rolle des Feindes auszuüben; um Morde zu verhindern, nicht um sie zu vermehren; um Räuberei zurückzudrängen, nicht um euch selbst der Räuberei hinzugeben; um einem unschuldigen Volk zu Hilfe zu kommen. Warum habt ihr eure Waffen gegen sie gewandt? Vorher wurden wir von Räuberei bedrängt; ihr habt den Krieg herbeigeführt. Zuvor wurden nur wenige in den Tod gerissen; ihr habt das Massaker am Volk vollendet. Wer ist der Verräter am Land, wer hat den römischen Waffen geholfen, wenn nicht der, der die Verteidiger des Landes tötete, wenn nicht der, der so vielen Bürgern den Schutz entriss, wenn nicht der, der die Schwertspitze vom Feind weg auf die eigenen Verbündeten lenkte? Der Feind außerhalb der Mauern bot Frieden an; ihr habt innerhalb der Mauern gekämpft. Er wollte die Belagerung aufheben; ihr habt den Sturmangriff beschleunigt. Er verbot, unsere Stadt in Brand zu setzen; ihr habt Feuer auf das Dach des Tempels selbst geschleudert. Er gewährte aus Achtung vor unseren heiligen Bräuchen einen Waffenstillstand; ihr habt gerade an den Tagen der Opfer die hohen Altäre Gottes durch die letzte Vernichtung der Stadt zerstört, auch mit dem Blut der Priester. Er hatte die Mauern eingeschlossen, ihr den Tempel. Ich häufe die Anklagen gegen mich selbst: Ich habe Banden in unsere Vaterstadt hereingebracht, ich habe euren Wahnsinn bewaffnet, ich habe diese völlige Vernichtung durch die Dummheit des Alters herbeigeführt. Ich erkenne die mangelnde Weisheit eines dummen Alters an. Durch das Bekenntnis mindern wir die Schande, da wir die Sünde nicht durch Leugnen abschütteln können. Wir beide haben vor den anderen die Vernichtung unserer Vaterstadt beschleunigt: ich durch einen Fehler der Staatskunst, du durch die Gewohnheit des Mordens. Darum zahle ich dir, mein Land, die geschuldete Strafe, und ich danke eben diesem Simon, weil ich nicht Zeuge deiner Asche sein werde. Und hätte ich doch meine Kinder nicht überlebt! Doch wegen der Härte deiner Bosheit, Simon, stehe ich als Zuschauer beim Tod meiner Söhne. Ich habe es verdient, ich bekenne es, denn ich konnte Johannes nicht geschmückt sehen und wählte dich bewaffnet. O überstürztes Alter! Wir fürchteten ein Trugbild und baten um einen Tyrannen. “
Ich, dein Bürge, ich, dein Anwalt, habe die Gesandtschaft durchgeführt. Ich lud dich als Herrn ein, ich führte einen Mörder herein. Sehen wir nun, was wir getan haben: Das Abbild des Johannes jagte uns Furcht ein, die Schlechtigkeit Simons gefiel uns. Schon wird das Gepränge der Leichenfeiern beschleunigt; der Henker soll kommen, die Söhne sollen vor den Augen des Vaters getötet werden und der Vater auf den Leibern seiner Söhne sterben. Ich, ein beklagenswerter Greis, werde den Schlag des Henkers in mich aufnehmen, wenn er seine grausame Axt über den Nacken meiner Kinder schwingt. Nichts ist schlimmer als dieses Schauspiel, außer dem, der es befiehlt. Grausamer, ehrloser Mann, ich tue, was du befiehlst, ich tue es, aber gegen meinen Willen. Doch bei diesem Unglück habe ich einen Trost: Ich erleide alles, was am elendesten ist, weil du es befohlen hast. Alles, was am unmenschlichsten ist, nehme ich gern auf mich, da du der Richter bist. Ich habe das Maß der grausamsten Verbrechen voll gemacht. Es möge wenigstens erlaubt sein, zu meinen Kindern zu sprechen, meinen Kindern ein letztes Lebewohl zu sagen. Es möge Gelegenheit zu letzten Küssen geben, die wir sogar mit den wilden Tieren gemeinsam haben. Eine beklagenswerte Umarmung wird der Natur nicht verweigert, die das Geschick selbst den Toten gewähren kann. Was du also zur Strafe befohlen hast, wird mir Gerechtigkeit verschaffen. Ich werde auf meine Toten fallen und sie, noch unbegraben, mit meinem Körper wie mit einem Rasenstück bedecken, damit Geier sie nicht zerreißen und wilde Tiere sie nicht verschlingen. Mit der Zunge eines Vaters werde ich das Blut meiner Kinder auflecken und mit meinem eigenen Blut wegwaschen, damit es die Tiere nicht auflecken. Und vielleicht wird diese Ehrfurcht der Natur selbst und ihr Erbarmen noch hinzufügen, dass ich sterbend meine Kinder in enger Umarmung fest an mich ziehe, sodass du uns nicht trennen kannst, auch wenn du es willst. Wenn du die Körper trennst, die Seelen wirst du gewiss nicht trennen. Doch genug, wir haben schon genug Tränen eingefordert. Geht voraus, meine Söhne, und bereitet eurem Vater, der euch folgen wird, den Weg. Wenn ich euch einholen kann, werde ich euch zugleich begleiten; und wenn das Alter dort ein Hindernis sein wird, sodass ich den rüstigen jungen Männern ein wenig später folge, dann geht voraus zur Wohnung, damit ihr den müden Vater mit bleibender Gastfreundschaft empfangt. Ich wollte freilich selbst vorausgehen und bat darum, doch es wurde mir nicht gewährt. Weil ihr aber ohne Schuld seid, wird euch dort eine bessere Herberge gegeben werden, als wenn ich, der Herbeirufer Simons, zuerst käme. Jene Gesandtschaft drückt mich nieder, obwohl sie von den Bürgern befohlen und unternommen wurde, weil das Volk darum bat. Geht also voran, Söhne, und genießt den himmlischen Weg auf reiner Bahn. Auch die Makkabäer gingen ihrer Mutter voraus; doch sie gingen zum Lohn, wir zur Strafe. Die fromme Mutter sah ihre Söhne zuvor sterben und im Blut liegen, sie sah die Brüder, durch das Band der Natur, einander abwechselnd umarmen, und sie freute sich ihres Triumphs, dem sie vom Tyrannen her folgte. Zwar waren die Verdienste der Leidenden verschieden, doch dieselbe Grausamkeit traf jeden, der sie empfing. Antiochus fand dies in der persischen Rohheit, bei ihnen gibt es die Erfindungen neuer Foltern; du bist ihnen gefolgt.
Jener aber bewahrte die große Mutter, um den königlichen Willen zu überzeugen; du hast befohlen, den Vater für die Qual väterlicher Trauer am Leben zu lassen. Tröstet euch, liebste Söhne: Wir erleiden, was die Märtyrer erlitten haben, Simon hat es beschlossen. Was der grausame Verfolger ersonnen hat, hat Simon befohlen. Lasst uns also willig aufbrechen, lasst uns diese Versammlung von Räubern fliehen. Ja, wenn wir aus diesem Leben in jene ewige Heimat hinübergegangen sind und sie zu uns kommen und fragen, was jenes einstige Volk Gottes tut, was werden wir ihnen antworten, besonders wenn, wie es möglich ist, Ionathas, vom Alter unberührt, euch jungen Männern begegnet, und Saul mir, dem Sünder? Was, sage ich, werden wir antworten, wenn nicht dies: Jenes Volk, in seiner Jugend von Juda geliebt, vor dem das Meer zurückwich, für das die Sonne stillstand und der Jordan Platz machte, jenes Volk, sage ich, für das die Flut begehbar, der Himmel fruchtbar und das Land himmlisch war, das nicht wie dieses unser Land irgendeinen Anschein der Verwesung angelegt, sondern die Gnade der Auferstehung angenommen hatte, dient nun den Idumäern und ist Simon, dem Anführer der Räuber, unterworfen; und es hat weder eine sichere Knechtschaft noch Gefahr in Freiheit. Was sollen wir darauf antworten, wir, die wir lieber im Krieg zugrunde gehen wollten, als die Freiheit unseres Landes zu überleben? Was würde denn Mattathias, der Stammvater der Makkabäer, antworten, der lieber sterben wollte, indem er am Sabbat durch die Einhaltung des Gesetzes den Feiertag bewahrte, als nach einem Kampf am Leben zu bleiben, wenn er hörte, wie Simon nicht nur unzählige Schlachtungen der Bürger am Sabbat verursachte, sondern sogar Priester des Herrn zwang, an Neumondstagen und an allen heiligen Tagen festlicher Feier abgeschlachtet zu werden? Wie sehr wird Iechonias seufzen, wenn er hören wird, dass Simon, der die Stadt zu Beginn durch Aufruhr ins Verderben stürzte, die alte Religion des Tempels durch das Abschlachten der Bürger entehrte und oft zusagte, er werde durch Nachgeben die Stadt von der Gefahr des Brandes befreien, lieber alles zugrunde gehen ließ, die Stadt zerstört, den Tempel verbrannt, das ganze Volk getötet sehen wollte, als die Würde der an sich gerissenen Herrschaft zu mindern! Wie sehr, sage ich, wird Iechonias trauern, der in der Zeit drängender Übel zwar weniger glücklich war als unter der Herrschaft, aber doch besser daran als sein Sohn. Denn der Vater wollte lieber selbst weniger glücklich sein als sein Vaterland, wenn auch aus schmerzlich treuer Pflicht. Und so verließ er mit seiner Familie die Stadt und ergab sich den Babyloniern, die sie belagerten, in die Knechtschaft, damit er nicht sehen musste, wie sein Vaterland gestürzt und das Volk Gottes gefangen weggeführt wurde. Sein Sohn aber führte sich bei gleichen Bedrängnissen, doch unter geringerem Eindruck, weil er um sich selbst fürchtete, ins Exil und die Stadt ins Verderben. Dieser war also unglücklich für sein Vaterland und für sich selbst nicht glücklich, denn er verlor sowohl seine Kinder als auch seine Augen; jener frühere aber war klüger, der durch seine eigene Gefangenschaft die Gefangenschaft der Bürger verhinderte. Tatsächlich zeigte er den Ausweg.
Der Ältere starb in der Herrschaft, der Jüngere starb in der Sklaverei, obwohl der babylonische König ihm später einen königlichen Thron neben sich zuwies und ihm das Vorrecht verlieh, vor den anderen um Rat gefragt zu werden, ein Ausgleich für ein elendes Unglück. Schließlich ist mein Los, nach der Ermordung meiner Kinder zu sterben, erträglicher, als weiterzuleben; denn ihr wisst, wie grausam der ist, der die Söhne vor den Augen des Vaters tötet. Und welche königlichen Ehren wären schlimmer als die Wunden der Liebe? Denn er hätte solche Frevel gar nicht erst begehen und danach solche Ehren nicht an ihre Stelle setzen dürfen. Als könnte irgendeine Würde den Verlust eines Sohnes aufwiegen oder das Hinschlachten der Kinder durch irgendeine Ehrenausübung vergolten werden. Gewiss mindert nichts, kein Amt, einen so großen Schmerz. Keine Ehre heilt diese Wunde, außer allein der Tod, der das Empfinden auslöscht und die Erinnerung nimmt. Eile also, Vollstrecker. Doch zögere noch, solange ich meine Kinder ansehe, solange ich, bevor sie sterben, darauf achte, ob nicht vielleicht einer, durch sein unreifes Alter erschüttert, den Tod fürchtet, während er doch dem Tyrannen entkommt. Es ist eine Wohltat, meine Söhne, zu sterben, damit wir die Gefangenschaft unseres Landes nicht sehen. Wunden des Körpers sind erträglicher als die der Seele. Schon blicke ich erträglicher auf euren Tod, vor dem ich floh, damit ich nicht den gemeinsamen Tod aller sehen müsste, damit ich nicht die Überreste unseres Landes und die ganze Stadt als ihr Grab sehe. Denn glücklicher wird der sein, der gestorben ist, als der, der gerettet worden ist. Großer Gott, lass Simon mit seinen Kindern nicht unter die Scharen der Schuldigen zerstreut werden; lass ihn nicht als Gefangenen sehen, was er angerichtet hat. „Nein“, sagt er, „denn was er planen konnte, kann er auch ertragen. Doch darum bitte ich nicht. Er soll bedenken, wie schwer die Sünde ist, die der, der sie erleidet, nicht durch ein Gebet abwenden kann, wenn die Vergeltung hart ist; wie grausam die Unmenschlichkeit der begangenen Übeltat ist. Es soll geschehen, was er wünscht: als Gefangener ein Überlebender seines Landes zu sein, denn die Dummheiten des Lebens sind schlimmer als die Qualen des Todes. Doch nun soll den Worten ein Ende sein. Beeile dich, Henker, solange du das vom Blut meiner Söhne blutige Schwert trägst; schlag den Vater, damit die Wunde ihn tröstet. Dies allein ist die Arznei für einen, der sterben wird: der Schlag des Schwertes, der Schmerz der Wunde, wird von ihm allein nicht empfunden. Schlag zu vor den Augen des römischen Heeres, wie befohlen worden ist, damit die, die gerächt werden sollen, es sehen. Der Feind soll Mitleid empfinden, weil der Verbündete kein Mitleid empfindet; die Römer sollen urteilen, weil Simon ohne Gerichtsverfahren tötet. Sie sind Zeugen, dass ich kein Verräter an meinem Land war, sondern ein Verteidiger, sie, die mich kämpfen sahen, nicht fliehen. Ich hätte mit meinen Kindern, wenn ich es gekonnt hätte, den Feind abgewehrt, nicht den Feind herbeigerufen! “ Und es zeigte sich kein Ende einer so großen Grausamkeit: Die unbestatteten Kinder lagen noch bei ihrem Vater; dem mörderischen Schauspiel gegen den Vater wird ein Sakrileg hinzugefügt. Ananias, ein Priester, aus berühmtem Geschlecht geboren, wird getötet, obwohl niemand durch den Glanz seiner Geburt oder durch den Dienst der Religion berühmter ist.
Denn seine Vorzüglichkeit hatte er sich erworben, nicht gesucht. Das alte Geschlecht mag seine Abzeichen mannigfacher Ehren für sich behalten; auch die Priesterwürden mögen ihre Abzeichen haben, deren Träger nicht auf Schultern emporgehoben werden, sondern durch ihre Sitten, die nicht nach der Länge ihrer Stäbe beurteilt werden, sondern nach der Beharrlichkeit ihrer Mühen, der Tiefe ihres Glaubens, dem Maß ihrer Frömmigkeit. Getötet wurde auch Aristeus selbst, der Schreiber, aus berühmtem Geschlecht, und mit ihnen fünfzehn weitere aus dem Volk, die die Übrigen überragten, obwohl nicht die Herkunft den ungerechten Tod herbeiführte, sondern die Unschuld. Denn elf Männer werden zuvor ergriffen, die gleichermaßen über die Barbarei seiner Verbrechen erschraken, und jeder fürchtete für sich selbst, was er an anderen hatte vollziehen sehen; darum hatten sie sich verschworen, weil er sogar Freunden gegenüber treulos gewesen war, weil jede Hoffnung genommen war, der Hunger alle verwüstete und die Römer wieder und wieder im Begriff standen einzubrechen. Simon, bis zur Barbarei rasend, wurde durch die leichte Verlockung der Übergabe zur Stütze der Verteidigung bewegt, die Iudas, einer seiner Männer, dem ein Turm anvertraut war, unternommen hatte. Als dieser nun die Römer rief und versprach, den Turm übergeben zu wollen, zeigten sich einige verächtlich, weil die Übergabe so spät zu kommen schien, andere misstrauisch, weil man bei häufig versprochener Übergabe Hinterlist vorbereitet hatte. Simon aber kam zuerst und vollstreckte an allen Gefährten der Verschwörung die Strafe. Auch ihre Leiber wurden von der Mauer geworfen.
Der Vater des Josephus wurde gefangen gehalten, und niemandem wurde der Zugang zu ihm gestattet. Josephus drängte die Juden mit Eifer zur Übergabe und war allzu unvorsichtig an die Mauer herangetreten, damit er sein Vaterland samt seinem Vater rette. An dieser Stelle wurde er von einem Stein am Kopf getroffen und stürzte; beinahe wäre er durch die von oben geschleuderten Waffen getötet worden, wenn nicht auf Befehl Caesars Männer ausgesandt worden wären, die ihn, von ihren Schilden gedeckt, dem Tod entrissen. Als seine Mutter von der Verwundung ihres Sohnes erfuhr und durch das Geschrei der Banditen, die spöttisch seinen Tod ausriefen, erschreckt wurde, fasste sie zugleich Angst und Glauben. Auch begann sie mitleiderregend darüber zu klagen, dass sie für solche Früchte ihrer Fruchtbarkeit bewahrt geblieben sei: dass sie weder den Dienst eines lebenden Sohnes erlange noch ihn als Toten begrabe. Ihr Gebet war gewesen, er möge vielmehr seine Mutter bestatten, sie möge zwischen seinen Händen ihren letzten Atemzug aushauchen, er möge die erkaltenden Glieder der Sterbenden wärmen, die letzten Atemzüge aus ihrem Mund aufnehmen, der Sterbenden die Augen schließen und ihr noch atmendes Gesicht zurechtlegen. Weil er aber ihrem Gebet entgangen war, wäre es ihr ein Trost gewesen, wenn sie wenigstens selbst bei den letzten Augenblicken ihres sterbenden Sohnes hätte anwesend sein können; gewiss ein elender Umstand, aber doch erträglich: dass sie dem, von dem sie gewünscht hatte, er solle sie überleben, stattdessen die Totenfeier hielte, „wenn auch von der Mauer herab“, sagte sie. „Es möge mir erlaubt sein, den toten Leib meines Sohnes zu sehen, auch wenn es mir nicht erlaubt ist, ihn zu berühren. Wäre doch nur niemand da, der es verhindert! Aber wen sollte ich fürchten, verlassen von einem so großen Sohn? Warum sollte ich mich fürchten, da mir der Tod eine Wohltat ist? Wären doch alle Waffen des Titus gegen mich gerichtet, dass sie mich mit dem Schwert durchbohrten! Was ich im Leben nicht vermochte, wenigstens als Tote werde ich den Leib meines Sohnes mit meinem Gewand bedecken. Das Kleid einer Einzigen reicht zur Bestattung von zweien, und vielleicht wird einer der Feinde Mitleid empfinden, sodass er mit dem Mantel des Sohnes die Augen der Mutter bedeckt und Augen mit Augen, Hände mit Händen, Gesicht mit Gesichtern verbindet. “ Und so stürzte sie selbst zu den Mauern und erfüllte den Himmel mit erbarmungswürdigen Klagen. Die Eigenen verspotteten sie, die Römer weinten; bei ihren Landsleuten war Grausamkeit, beim Feind Erbarmen. „Durchbohrt mich“, sagte sie, „wenn es irgendein Mitleid gibt: Ich habe den geboren, an dem ihr meint Rache nehmen zu müssen. Ich habe ihm eine unglückliche Brust gereicht; tötet mich, wenn ihr dafür Rache verlangt. “
Während sie so klagte, trat Josephus auf die Stimme seiner Mutter hin vor und begann bitter zu beweinen, dass er dem Tod entkommen war, ihm, dem es süß gewesen wäre, vor seinem Vaterland und für sein Vaterland zu sterben. Während er es zum Heil ermahnte, musste er nun selbst sinken und nicht länger für die Rettung seiner Eltern kämpfen, die dem Greisenalter überlassen im Gefängnis ihre letzten Lebenstage vollendeten und befreit würden, wenn sie stürben. Er fürchtete um den Altar, um den Tempel, um die bis dahin schon halb zerstörten Befestigungen der Stadt. Er hatte sich den Wunden preisgegeben, damit er nicht mit ansehen musste, wie sein Vaterland zugrunde ging. Durch diese Klage aufgerüttelt, meinten viele, sie müssten auf irgendeinem Weg zu den Römern überlaufen, sofern sie sich den Hinterhalten der Räuber entziehen konnten, die sich als Wächter ausgaben. Für sie hielt Titus zwar die verheißene Gnade bereit, doch ein noch schlimmeres Unglück traf sie. Denn als ihnen Nahrung gereicht wurde, begann das, was früher ein Vorteil gewesen war, zur Last zu werden, und die Tätigkeit des Essens ruhte von ihren ungewohnten Mühen aus. Es gab keine Kraft der Zähne, mit der sie Speise hätten essen können, keine Kraft der Kehle; Brot konnten sie auf keine Weise kauen. Wenn sie aber etwas von weicherer Nahrung schluckten, wurden sie erstickt, weil die Bewegungen der Kehle abgeschnitten waren. Das Innere der Eingeweide war erstarrt, die Wege der Nahrung waren verstopft, die Adern der Leber, die die Nahrung aufnehmen, waren ausgetrocknet. Der Gebrauch hatte aufgehört, das Verlangen war gewachsen, das Vermögen war geschwunden, der Hunger blieb. Die Erbarmungswürdigen stürzten sich auf die Speise und übten schwache Bisse wie Säuglinge. Viele starben schon beim Anblick der Nahrung vor Freude, und mitten unter den ersehnten Speisen starben sie, erleichtert in ihrem Elend, weil sie ihren Wunsch erfüllt hatten. Doch es war ein Trauerzug, denn viele standen von der Speise eher zur Gefahr als zum Heil auf, weil die Nahrung schadete. Denn die Körper schwollen durch die ungewohnte Speise eher an, als dass sie erquickt wurden, und aufgetrieben wie von der Wassersucht zahlten sie die Strafe. Und wenn für irgendeinen das Essen noch einen Wert hatte, stopfte er in maßloser Gier über jedes Maß hinaus in sich hinein, was sie nicht ertragen konnten; von der hastig verschlungenen Nahrung überfüllt, barsten sie. Das freilich war denen nicht schwerwiegend, denen allein die Regung wichtig war: dass einer verschlinge, was er begehrte. Der lange Hunger nahm selbst denen, die keiner Regung mehr fähig waren, noch den Sinn für die Natur und steigerte selbst die Regung der Freude. Es ist daher kein Wunder, wenn Nahrung für Erschöpfte zur Gefahr wird. Wenn du schließlich nach einem zweitägigen Fasten hungrig etwas zu dir genommen hast, wird es sofort schwer.
Daher kommt es, dass es bei vielen Brauch ist, in geschwächte Mägen Milch zu gießen, sie mit Honig zu mischen und so die durch Hunger rau gewordene Unmäßigkeit der Flüssigkeiten zu mildern; mit weicher Speise nähren sie die Schwäche des Körpers, als wäre er ein Säugling. So konnten denn einige der Juden, die zu den Römern geflohen waren, durch eine gewisse listige Vorsorge die Folgen der Speise umgehen, bis ihre an das Essen nicht gewöhnten Körper wieder zu ihrer Gewohnheit zurückfanden. Doch den Unglücklichen nützte auch dies nicht, sondern wurde für sehr viele zur Todesursache. Denn als viele von ihnen nach aufgenommener Nahrung den Bauch entleerten, schieden einige Goldmünzen aus, die sie verschluckt hatten, als sie sich zur Flucht rüsteten, damit sie ihnen, falls sie ergriffen würden, da die Wegelagerer alles sorgfältig durchsuchten, nicht nur zum Verlust, sondern sogar zur Gefahr würden. Denn es galt als Verbrechen, Gold zu besitzen, wenn man nicht zu den Räubern gehörte. Dieses Gold sammelten die Juden, erbarmungswürdig anzusehen, später aus dem Unrat des Magens. Ein Syrer entdeckte dies, und von einem ging der Gedanke auf alle über. Weil das Menschengeschlecht in der Habgier eigensinnig und zur Verschlagenheit bereit ist, gibt es nichts so Grauenhaftes, dass es davor zurückweicht, nichts so Unanständiges, dass es aus Geldgier vor Scham errötet. Die Nachricht breitete sich von den Syrern zu den Arabern aus, bei denen die Habgier nicht geringer ist und eine Wildheit herrscht, die der barbarischen Roheit nähersteht. Weil also die Juden mit Gold gefüllt waren, rissen sie jeden, auf den sie trafen, auf, gegen das Recht des Himmels, gegen die Regeln der Übergabe, gegen die Zusage Caesars. Diejenigen, die man nicht töten durfte, schnitten sie dennoch noch lebend auf und weideten sie mit blutigen Händen aus, um an den verborgenen Inhalt ihrer Mägen zu gelangen. Sie durchsuchen den Bauch und suchen in seinem fließenden Unrat nach Gold, nicht weniger abscheulich als jene, die der Hunger trieb, dazu noch mit grausamer Wildheit. Viele Frevel wurden in jenem Kampf begangen, keiner war frevelhafter als dieser. Denn in einer einzigen Nacht wurden bei solchen Schandtaten fast zweitausend Menschen aufgeschnitten; nachdem die Leiber verteilt waren, zählte Syrien seinen Gewinn, Arabien berechnete den Ertrag des Geschäfts, den sie ohne die Gefahren einer Seefahrt, mit einem neuen Kunstgriff der Grausamkeit, zu einer Einnahmequelle machten und als Handelsware betrachteten. Das kannst du auch heute noch bei einer solchen Art von Menschen und bei manchen Ägyptern finden: Sie treiben Handel mit der Versorgung von Leichnamen und verkaufen die Leistungen zivilen Umgangs um des Handelsgewinns willen. Der elende Hunger nach Gold meint, man dürfe nichts verfolgen außer dem, was unmittelbar Gewinn bringt, und nichts sei etwas wert, was ohne Geld ist. Die schon lange drückende Gier nach Erwerb wuchs in den menschlichen Regungen, und der Handel wurde zum Leben des Menschen. Er lebt vom Verkaufen und Kaufen; das Laster ist in alle hineingekrochen, und schon wird der Austausch von Waren eher ertragen als der von Moral und Einsichten. Die Gier der Syrer steckte sogar das römische Heer an.
Denn nichts geht leichter auf einen anderen über als die Geldliebe und das Verlangen, gerade den Reichtum der Nachbarn zu besitzen, wodurch der Nachbar verbrannt wird. Auch gibt es keine Leidenschaft, die die Kraft des Geistes stärker schwächt als die Begierde nach Reichtum. Am Ende wird List gelobt, Armut gilt als Schande. Dadurch wurde die Strenge der Bestrafung gehemmt, weil sehr viele dieser großen Raserei schuldig befunden wurden. Darum nahm Titus, der vorgehabt hatte, die Syrer und Araber mit dem um sie aufgestellten Heer einzuschließen, angesichts ihrer großen Zahl seinen Entschluss zurück. Er machte aus diesem letzten Vergehen eine Gelegenheit und kündigte eine Strafe an, damit es künftig nicht mehr begangen würde. Mit der Härte seiner Worte hielt er seinen Leuten aufs Ernsteste vor, sie sollten sich, mit Gold und Silber umgürtet und mit kostbaren Waffen glänzend, nicht der Schande ihrer Waffen rühmen, während sie sich durch ein so schändliches Verhalten selbst entehrten. Die Syrer und Araber aber wies er entschieden zurecht, weil sie, des römischen Namens und auch des Befehls uneingedenk, Entsetzliches ersonnen hatten. Man habe sie als Verbündete im Krieg, nicht zur Verübung von Gewalttaten. Im römischen Heer werde nicht nur Mannhaftigkeit des Körpers, sondern auch des Geistes verlangt; nicht nur die Tapferkeit gegen den Feind sei zu beachten, sondern auch das Maß der Disziplin, damit ein Soldat nicht grausam, nicht ehrfurchtslos, nicht überheblich sei und nicht mehr auf Beute als auf Sieg bedacht. Solche Vergehen von Soldaten würden als sehr schwer gelten und sehr hart bestraft werden. Auch unter Waffen hätten Grundsätze Geltung; es sei besser, Kriege mit Treue zu führen, die sogar von Feinden gewahrt werde. Wenn man sie also bewaffneten Gegnern schuldig sei, wie viel mehr dann den Flehenden. Daher sollten sie sich vor Vergehen dieser Art hüten, damit sie nicht vom Anteil an Sieg und Glück ausgeschlossen würden. Auch werde er nicht länger dulden, dass ihre ruchlosen Verbrechen den Römern zugeschrieben würden, denen sie eher eine Last als eine Hilfe seien. So hielt er sie in gewissem Maß zurück, beseitigte aber die Gier der Syrer nicht: Sie wichen seiner Autorität aus und gehorchten seinen Befehlen nicht. Schließlich wurde, nachdem zuvor geprüft worden war, ob vielleicht kein römischer Soldat zugegen gewesen sei, der verabscheuungswürdige Gewinn aus den Eingeweiden der elenden Unglücklichen entdeckt. Doch fiel die Beute nicht allen zu, sondern nur wenigen, bei denen die Wildheit noch grausamer war; denn viele wurden nicht nur wegen ihres Geldes getötet, sondern wegen der Hoffnung auf Geld, obwohl die Räuber selbst und die grausamen Seeräuber die Räuber vom Frevel abhielten, wenn sie keine Beute bemerkten. Denn es ist reine barbarische Roheit, umsonst Schaden zuzufügen. Wilde Tiere verfolgen ja Beute, um sie zu töten. Draußen herrschte hartes Leid, drinnen der grausame Johannes.
Obwohl solche Dinge von den Syrern verübt wurden und einige, nachdem der Beweis entdeckt worden war, zurückgerufen wurden, hörten andere dennoch nicht auf, zum Feind überzulaufen. Unter ihnen war Manneus, der Sohn des Lazarus. Er erklärte, durch das eine ihm anvertraute Tor seien einhundertfünfzehntausend Leichen hinausgebracht worden; bis dahin seien achthundertachtzig Bestattungen gezählt worden. Diese hatte er in der einen Aufstellung derer zusammengetragen, deren Beseitigung ihm auf diese Weise übertragen worden war und die auf öffentliche Kosten bestattet worden waren, abgesehen von denen, die ihre Angehörigen bestattet hatten. Was aber war diese Bestattung anderes, als dass die Körper von der Mauer hinabgeworfen wurden? Nach ihm berichteten viele Männer nicht niedriger Herkunft, die zu Titus flohen, es habe sechshunderttausend Tote gegeben, die gezählt durch die Tore hinausgetragen worden seien. Die Zahl der Körper aber, die wegen der unermesslichen Menge der Armen nicht hinausgebracht werden konnten und in den größten Gebäuden und in den Räumen verschiedener Anlagen aufgeschichtet worden waren, war unzählbar. Und dennoch nahm dort das Unglück weiter seinen Lauf, über das Ende all des Vorherigen hinaus: Noch dauerte die grausame Belagerung, noch der erbarmungslose Krieg; doch war der Mut der Juden inzwischen größer als ihre Kräfte. Am schlimmsten von allem aber war der Hunger. Er lauerte den Lasttieren auf, die ihre Mägen entleerten, und durchwühlte den Kot des Viehs, als könnte dies, schrecklich anzusehen, den Hungernden zur Nahrung werden. Es gab elende Haufen unbegrabener Körper, und das Land selbst war weithin mit Leichen bedeckt; alle Orte vor den Mauern waren voll davon. Der Anblick war furchtbar, der Schrecken groß, der Geruch verderblich. Er unterschied weder zwischen Siegern noch Besiegten, war beiden zugleich schädlich und für die Römer ein noch größeres Hindernis; denn sie mussten mit bespritzten Füßen die daliegenden Überreste und die Entstellung des Landes selbst zertreten, nachdem alles gefällt worden war, was zum Gebrauch des Heeres gesammelt wurde und für die Belagerungsmaschinen nötig war. Denn beinahe dreizehn Meilen rings um die Stadt war das Land weithin verwüstet und der Boden seines Bewuchses beraubt worden. Wenn später jemand jenes ganze offene Umland sah, auf dem zuvor grüne Wälder, von Blumen duftende Gärten, vielfältige Obstpflanzungen und stadtnahes Ackerland einen lieblichen Anblick geboten hatten, seufzte der Besucher vor Schmerz, der Bewohner erkannte es nicht wieder, und wenn er an seinen Geburtsort zurückgekehrt war, suchte er, obwohl er selbst dort stand, seine Heimatstadt.
Nachdem die Plattformen, die beweglichen Schutzdächer und die Belagerungsmaschinen wiederhergestellt waren, flammte der Wahnsinn des Krieges von Neuem auf, als hätten beide Seiten mit Eifer die letzte Phase des Kampfes verabredet. Denn dies galt als der entscheidende Punkt des ganzen Ringens: Wenn den Römern die Belagerung entglitte, wenn die Plattformen oder die Sturmböcke verbrannt würden, stünden wegen des Mangels an Wäldern keine Mittel zur Wiederherstellung mehr zur Verfügung; den Juden aber drohte die Vernichtung ihrer Heimat, wenn sie vom Kampf zurückwichen, während die Mauern durch die erneuten Schläge des Sturmbocks aufgebrochen wurden. Daher rückten die Juden mit Fackeln so kühn vor, als stünde das römische Heer schon im Begriff, ihnen zu weichen; sie wollten Feuer auf die Maschinen schleudern und die Belagerung aufheben. Doch ihre durch Hunger bereits erschöpften Kräfte und die früheren Verluste versagten ihnen den Erfolg. Ihre Mittel waren aufgebraucht, ihr Mut blieb. Andererseits wäre es für die Römer eine große Schande gewesen, wenn ihnen der Sieg von denen aus den Händen gerissen würde, die vor Hunger schon die letzten Atemzüge taten. So kam es zum Kampf; die Anführer des Aufstands wurden zurückgetrieben und liefen, im Kampf unterlegen, wieder hinter den Schutz der Mauern zurück. Als aber Johannes, keineswegs nachlässig, aus Sorge um die Mauern, die unter den wiederholten Schlägen zu fallen drohten, nach einem letzten Mittel der Hilfe suchte, befahl er, im Inneren eine Mauer in der Form des Buchstabens C zu errichten. Daher brach am folgenden Tag, als ein Teil der Mauer zerschmettert worden war, zugleich mit dem Lärm des einstürzenden Bauwerks das Geschrei des römischen Heeres los, als sei mit dem Zusammenbruch der Mauer bereits der Sturz vollendet. Doch als der Klang der gefeierten Stadt widerhallte, wurde durch eine Wendung der Dinge, die sich gegen sie kehrte, die Freude der Römer durch den unerwarteten Anblick einer neuen Mauer ausgelöscht; der Wagemut der Juden aber wuchs, weil die Gefahr aufgeschoben war. Da begann Caesar das Heer anzutreiben: Sie sollten bedenken, dass jene neue Mauer ohne jeden Aufschub angegriffen werden müsse, da ihre eben erst erfolgte Errichtung sie als schwach und leicht zu zerstören erkennen lasse. Sie sollten es jetzt wagen, mutig vorzugehen; die Mauertrümmer würden ihnen die Möglichkeit zum Hinaufsteigen geben, sodass die kämpfenden Römer den Juden, die von höherer Stelle herab kämpften, ebenbürtig sein könnten. Und weil er sah, dass sie wegen der Schwierigkeit der Sache zögerten, sammelte er die Stärksten in seiner Nähe und stieg mit einer Rede dieser Art zum Kampf hinauf.
„Dass das Ende jeder Unternehmung mehr Anstrengung verlangt als ihr Anfang, ist allen bekannt, meine tapferen Gefährten, und ebenso, dass die Vollendung eines begonnenen Werkes große Mühe fordert. So eilt ein unbehindertes Schiff über das ganze Meer dahin; auch wenn die Windstöße nicht immer von achtern wehen, stellt der Steuermann die Segelflächen anders, und das Meer wird ohne Hindernis durchschnitten. Ist aber der Hafen erreicht, braucht es eine passende Mischung der Lüfte, und die Einfahrt der Schiffe ist durch eine enge Bahn begrenzt. Darum ist die Sorge vor der Gefahr größer, wenn die Erwartung ihrer Erfüllung nahe ist. So sind für die Bauleute die Anfänge der Fundamente leicht, mühsam aber die Arbeiten an den hohen Dächern. Und überhaupt wird gerade am Ende der Fertigstellung einer Arbeit der unglückliche Arbeiter oft um den Lohn seiner Mühe gebracht, oder er wird unter dem einstürzenden Dach begraben, oder, durch einen unsicheren Tritt getäuscht, stürzt er in die Tiefe. Was soll ich vom Bauern sagen, dem die Vorbereitung zur Ernte mehr Arbeit macht als die Aussaat, die Weinlese mehr als das Beschneiden, und der bei reifen Früchten stets große Gefahren fürchten muss? Es ist also nichts Neues, wenn euch die Gefahr noch unmittelbar vor der Vollendung des Laufes bleibt; denn über die schwierigen Wege muss man zur Antonia hinaufsteigen. Sind unsere Feinde von dort vertrieben, halten wir die Höhe besetzt und stehen über den Häuptern der Feinde, dann schneiden wir ihnen gewissermaßen selbst den Atem ab. Doch dies scheint euch schwierig, meine Mitsoldaten. Sind wir denn wirklich zusammengekommen wie zu einem Spiel und nicht zum Krieg, in dem Männer entweder siegen oder sterben müssen? Dann hättet ihr also Einwände erheben müssen, als ihr in den Kampf zogt, um die Niederlage des römischen Heeres zu rächen und die Schmach der entehrten Kriegsmacht abzuwaschen. Wenn ihr zur Zeit Neros meintet, die Kränkung des römischen Namens müsse gerächt werden, was sollt ihr dann wollen, da Vespasian Kaiser ist? Lasst uns den Makel der letzten Herrschaft abwaschen, damit er nicht an uns haften bleibt, jenen Makel nämlich, den Nero durch Vespasian zu tilgen gedachte, während Vespasian ihn durch Titus auf sich übertrug, falls dieser nicht siegt. “
Der Vater hat uns allein die Vollendung des Sieges überlassen. Dass so viel Mühe umsonst aufgewandt worden ist, ist eine Schande; und wenn wir, ohne Rache genommen zu haben, die Stellung wieder preisgeben und den Sieg aufgeben, dann tun wir, als wäre es kein geringeres Vergehen, sich den militärischen Pflichten zu entziehen, als den Sieg aufzugeben. Das eine ist eine Frage der Tapferkeit, das andere des Verrats. Ihr aber haltet es für gefährlich, auf den Feind hinabzusteigen und die Mauer mit dem Lärm der Waffen zu umringen, als verlange die Natur selbst von uns weibische und nicht männliche Dienste, sie, die uns den Lebensgeist so eingegossen hat, dass wir ihn um des Ruhmes willen bereitwillig wieder hingeben. Wozu also wird der Krieger von seinem Führer ermahnt, wenn nicht zur äußersten Anstrengung? Denn zur gewohnten Anstrengung zu mahnen, ist nicht nur angemessen, sondern beschämt sogar die Zustimmenden, weil man von ihnen fordert, was sie freiwillig schulden. Das nämlich muss ein Soldat aus sich selbst heraus zeigen. Und was Unmäßiges verlange ich von euch? Oft läuft ein Jude mitten zwischen die Schlachtreihen der Römer hinaus und wirft sich furchtlos auf die feindlichen Truppen, nicht in der Hoffnung auf Sieg, sondern als Beweis seiner Tapferkeit und als Schaustück seines Ruhmes. Ihr, denen auf Erde und Meer bisher niemand ungestraft widerstanden hat, für die es nichts Neues ist, zu siegen und nicht von Schuld überwältigt zu werden, da ihr beim Siegen so gewaltige Hilfe vom Himmel habt, schämt ihr euch nicht einmal, dass euch eine Stellung an den Feind entrissen wurde? Vielmehr reiben bewaffnete Männer die Ruhe auf und, zum Kampf bereitgestellt, erwartet ihr mit feiernden Gemütern, dass der Hunger für euch kämpft und die Feinde, durch ihren Hunger statt durch unsere Schwerter geschlagen, einen peinlichen Triumph für euch in einen Anlass zum Vorwurf verwandeln? Schämt es euch nicht, sage ich, meine tatkräftigen Mitsoldaten, Sieger über alle Völker, von euren Waffen nichts zu erhoffen, nichts von eurer Kraft, sondern allein von der Einschließung, und abzuwarten, bis der Feind durch Krankheit schwach wird und in seinem Bett stirbt? Und was kann das für ein Sieg sein ohne Schlacht? Alle Orte sind voller Leiber; widerliche Reste liegen blutleer da, die Überreste der Toten, abgesehen von denen unter ihnen, die sie selbst hingeschlachtet haben. Warum sollten wir die fürchten, die schon Hunger, Feuer, Raub und Aufruhr töten? Warum sollten wir göttliche Hilfe preisgeben? Auf wessen Befehl, wenn nicht auf Gottes, sind sie in ihren Armen zerschmettert worden, auch der Hilfe durch Nahrung beraubt, und gibt es kein Ende des Wahnsinns im eigenen Haus? Ich fürchte, dass wir schon als Aufrührer gegen das Heilige erscheinen könnten, weil wir so lange diejenigen geschont haben, die unserer und ihrer Religion untreu sind. So sei es: Der Krieg sei grausam und furchtbar. Denn warum sollte ich euch mit der Leichtigkeit des Krieges beschwichtigen? Der Sieg sei ungewiss, die Gefahr gewiss: Spricht das nicht für mich bei denen, die mit menschlicher Weisheit wissen, dass Mut bei allen Geschöpfen in Gefahren deutlicher sichtbar wird als in milden Auseinandersetzungen?
Wie wilde Tiere, wenn sie sich von Bewaffneten umzingelt sehen, mit größerem Ansturm gegen sie losbrechen, um sich mit aller Kraft einen Weg zu bahnen, und wie eine Schlange, die in ihrer Höhle getroffen wird, ein noch giftigeres Gift ausstößt, so gibt es auch Geschöpfe, die von Natur aus harmlos sind, in der Gefahr aber doch kraftvoll Schaden zufügen. Hirsche haben ihre Waffen: Wenn sich ihnen jemand in den Weg stellt, wehren sie mit ihren Hörnern den Tod ab; kleine verletzte Bienen haben ihre Stacheln. Was soll ich aber von den Kriegern unter den Römern sagen, wenn jener Leonidas, aus dem Volk der Lakedaimonier, im Begriff, gegen das zahllose Heer der Perser zu kämpfen, sagte: „Lasst uns, die wir mit den Toten speisen werden, noch auf Erden zu Abend essen“? Und diese Rede wurde bei den Griechen so hoch geschätzt, dass nicht nur keiner von jenen dreihundert lakedaimonischen Männern, denen er vorstand, sich entfernte außer einem, den nach seinem Überleben später niemand aufnahm, sondern auch keiner von den übrigen, die zur selben Zeit zum Kampf gekommen waren, außer denen von schwächerem Stamm, die Leonidas für eine so große Schlacht abgewiesen hatte. Was soll ich von den unversehrten Legionen der Römer sagen? Von jenen Dingen, die Cato, der Streiter römischer Beredsamkeit und aufrichtige Deuter der Wahrheit, bezeugte: dass sie mit Jubel in den Krieg zogen, aus dem sie nicht zurückzukehren meinten, und dass alle freudig niedergeschlagen wurden, damit sie diese Gesinnung nicht änderten. Glücklich sind jene, von denen keiner auf der Flucht seinem Volk den Sieg des Feindes meldete. Von den dreihundert Lakedaimoniern floh nur einer, und sie kämpften in einem engen Pass, damit sie nicht umzingelt würden; von den römischen Legionen wählte keiner das Leben, sondern alle das Erbe des Todes. Ihre Nachkommen seid ihr, wenn ihr angesichts der Gefahren eure Herkunft nicht verleugnet, da ihr die herrliche angeborene Eigenschaft des Mutes nicht verachtet. Wer unter den Tapferen weiß denn nicht, dass er sterblich ist und dass für alle ein Ende des Lebens bestimmt ist? Wie viel besser ist es also, für das Vaterland aufzuwenden, was ihr der Natur schuldet, und das Unvermeidliche gegen Ruhm einzutauschen, statt ein furchtsames Leben unter den Seufzern eines atemlosen Alters zu verbringen und die Not einer brennenden Krankheit zu fürchten, wenn die täglichen Prüfungen dem Alter zufließen; bei denen aber, die durch Schwäche kraftlos geworden sind, während Sinne und Kräfte gleichermaßen versagen, werden, wie die Meinung der meisten lautet, die Seelen zugleich mit dem Körper dem Grab zugesprochen. Wahrhaftig aber zweifelt niemand daran, dass jene reine ätherische Sphäre, die vom Licht der Sterne glänzt, die Seelen der Soldaten und tatkräftigen Männer, die durch das Schwert von den Fesseln dieses Körpers befreit wurden und sich für Vaterland, Kinder und Religion dem Tod geweiht haben, in himmlische Wohnungen, in die Herberge des himmlischen Friedens, aufnimmt. Auch auf Erden bleibt etwas Bedeutendes an Nutzen oder Schaden zurück: Es kann entweder die durch Schwäche Entkräfteten in Vergessenheit verbergen oder im Gegenteil mit Ruhm diejenigen begleiten, die ihre Brust dem Feind entgegenstellen, wenn der Tod kommen sollte.
Zu diesen Belohnungen rufe ich euch auf, meine Mitkämpfer: Lasst uns gegen den Feind vorrücken, den wir eingeschlossen halten; lasst uns über die Trümmer der starken Mauer auf die Mauer hinaufsteigen, die uns wie ein Wall dient und bis zur niedrigeren Mauer hinanreicht. Wer das Banner der Tapferkeit voranträgt und als Erster die Mauer erstiegen hat, oder als Zweiter oder Dritter, oder als Gefährte vieler, der wird mit reicher Gabe hinweggehen, die keineswegs von mir verliehen wird; denn es gibt keinen größeren Lohn als den Ruhm der Tapferkeit, der gewöhnlich der sicherste ist. Denn wenn derjenige, der an Mut und Kraft die größte Zuversicht hat, die Mauer erstiegen hat, werden die fliehen, die Widerstand leisten, hinabsteigen und sich in Verstecken verbergen. Was wir jetzt aus einer unterlegenen Stellung unter Gefahr suchen, wird ohne große Mühe folgen: Ist der Feind niedergeworfen, wird der Krieg beendet sein. “
Kaum hatte Titus diese Rede beendet, da trat Sabinus, ein ausgezeichneter Kämpfer aus den Reihen der Syrer, hervor, stellte sich vor Caesar und sagte, er sei bereit, die Mauer zu erklimmen, und werde den Befehlen gehorchen. Für ihn werde es darauf hinauslaufen, Caesar zu gefallen. Sollten ihm Gefährten fehlen, werde ihm nichts anderes als das Erwartete widerfahren, da er sich nach eigenem Urteil dafür entschieden habe, für Caesar zu sterben. Mit diesen Worten streckte er die linke Hand aus, hob den Schild über sein Haupt, schwang mit der rechten das Schwert und richtete sich so sehr in Waffen auf, dass niemand ihn wiedererkannt hätte, der ihn kurz zuvor nach dem Anschein seines kleinen Körpers für verachtenswert gehalten hatte, wenn er ihn nun plötzlich gegen den Feind vorrücken und sich drohend zugleich gegen Feinde und Mauern ausstrecken sah, als kämpfte er, schon höher stehend, gegen die unten und erschütterte mit seiner Hand die Mauer. Elf Männer folgten ihm, begierig, ihn nachzuahmen, doch der Leistung nicht gewachsen. Die Juden wehrten sich von der Mauer her mit Wurfspießen und Pfeilen, und jede Waffe, die die Hand eines jeden gefunden hatte, wurde gegen Sabinus geschleudert. Er aber stürmte mit erwachter Angriffslust über den Trümmerhaufen, stellte sich auf den höchsten Punkt und trieb den Feind in die Flucht, während die Nächsten vor der Gefahr zurückschreckten. Doch während er sich gegen die Mauer emporhob und warf und sich, des Sieges sicher, gegen den Feind anstrengte, glitt er aus und fiel mit lautem Krachen aufs Gesicht. Durch dieses Geräusch aufmerksam gemacht, begannen die Juden, ihn, wie er dalag, mit Geschossen anzugreifen. Er stützte sich auf ein Knie, schützte sich mit dem Schild und wehrte Wunden ab, solange er konnte; auch verschonte er die Nächststehenden nicht. Schließlich aber, im Nahkampf von Wunden bedrängt, gab er das Leben auf, ehe er den Kampf aufgab; auch wurde er nicht von seinem Platz geworfen oder von der Mauer verdrängt, bis er tot war, wobei auch drei andere getötet wurden. Acht aber wurden, obwohl halb tot, von den übrigen aus dem Verderben gerissen.
Der Tod des Sabinus aber wurde für die übrigen nicht zum Grund der Furcht, sondern zum Ansporn. Denn zwanzig Männer der römischen Truppen, die den Nachtdienst versahen, wollten die Wirkung dieser Tat ausgleichen, weil sie vom Eifer des Sabinus übertroffen worden waren. Sie fassten einen großen und bemerkenswerten Plan: Der Standartenträger der fünften Legion sollte herbeigerufen werden, dazu zwei Männer aus der Reiterei, die sie für besonders tatkräftig hielten, und ein Trompeter; dann wollten sie in der fünften Stunde der Nacht schweigend über die Haufen der Mauertrümmer bis nach oben hinaufsteigen, die Wachen töten und die Mauer der Antonia besetzen. Als dies geschehen war, brach der Schall der Trompete furchtbarer als gewöhnlich hervor, sodass die Juden, von ihren Mühen erschöpft und plötzlich aus dem Schlaf gerissen, in Verwirrung gerieten, weil sie glaubten, überall sei alles vom Feind erfüllt. So begannen sie zu fliehen, noch ehe der wahre Sachverhalt bekannt war. Denn die gefährliche Lage und das Dunkel einer finsteren Nacht ließen nicht erkennen, wie viele es waren. Als Caesar den Trompetenschall hörte, befahl er dem Heer, zu den Waffen zu greifen; er selbst stieg mit ausgewählten Soldaten als Erster auf die Mauer, seinen Männern zur Hilfe, dem Feind zum Hindernis. Der Tag brach an, und schon stand Caesar gut sichtbar auf der Mauer und ermutigte seine Leute. Einige wurden an den Händen auf die Mauer hinaufgezogen, andere gelangten durch den Stollen, den Iohannes zur Untergrabung des Walls der Römer gegraben hatte, in die Stadt. Ihr Verrat schlug den Verrätern zum Verderben aus. Von allen Seiten abgeschnitten, zogen sie sich in den Tempel zurück. Auch dort wurden die Römer, die sich mit Gewalt Eingang verschaffen wollten, durch die engen Stellen aufgehalten und von den Waffen zurückgedrängt. Am Eingang kam es zu einer großen Schlacht, doch wurde nicht mit Wurfgeschossen und Pfeilen gekämpft, sondern Mann gegen Mann mit Schwertern, Hände gegen Wunden, Schwert gegen Schwert, Schlag gegen Schlag. Wer zuschlug, wurde im Blut der Zerhauenen gebadet, sodass er selbst eher für den Getroffenen gehalten wurde. Im Tempel selbst herrschte kriegerische Raserei. Die Böden schwammen in Blut. Das Stöhnen der Sterbenden und das Geschrei der Siegenden hallten ohne Ordnung und Maß. Die Hoffnung, den Kampf zu Ende zu bringen, hatte die Römer entflammt; der endgültige Untergang ihres Vaterlandes nahm den Juden die Furcht vor dem Tod. Jene nährten ihre Tapferkeit aus dem Lohn des Ruhmes, diese gaben aus Verzweiflung an Rettung alles hin und hielten nichts zurück.
Eine ruhmreiche Tat unternahm auch der Zenturio Julianus, ein Mann von sehr großer Kampfkraft, aus der Provinz Bithynien ausgehoben, aber nach römischer Art geschult, in Kriegen erprobt und berühmt für die Auszeichnungen ehrenvollen Dienstes. Als er nahe bei Caesar stand und sah, dass die Römer in die Flucht geschlagen worden waren, weil die Juden an Zahl größer waren und bisher nur wenige Römer zur Stelle standen, brach er plötzlich von der Antonia hervor und trieb die Angreifer zurück. Sie wagten nicht, schon dem bloßen Anblick eines so hervorragenden Mannes und der sicheren, stolzen Hoheit seines Mutes, die das menschliche Maß überstieg, standzuhalten, sodass Caesar selbst staunte. O wechselhaftes und unsicheres Würfelspiel des Kampfes, das oft mit unerwarteten Ausgängen spottet und gleichsam durch einen Wurf, durch Zufall eher als durch Tapferkeit, neue Ergebnisse hervorbringt! Denn hier fallen nicht Würfel, sondern zahlreiche Wurfspieße und Pfeile, auch Steine, durch die oft ein Sieger von feindlicher Wunde niedergestreckt wird und, während er einem anderen Beute entreißt, selbst beraubt wird. So erging es auch Julianus: Er bedrohte den Rücken der Feinde, tötete andere und hielt sie wie mit einer Schranke auf; doch in seiner eigenen Hast zu unvorsichtig, mit Schuhen an den Füßen, die nach Soldatenbrauch mit Nägeln beschlagen waren, achtete er nicht auf den mit glatten Steinen bestreuten Boden, den er hätte meiden müssen. Er kämpfte, als stünde er auf ebenem Grund, glitt unversehens aus, stürzte mit lautem Krachen zu Boden und konnte, hingestreckt auf dem schlüpfrigen Untergrund, nicht wieder aufstehen. Auf ein Knie gestützt, wehrte er die zurückgekehrten Feinde ab, sodass er die tötete, die sich nahe herandrängten, und den Wurfspießen, soweit er konnte, auswich.
Doch davon erschöpft und von der Menge überwältigt, weil er allein war und niemand wagte, sich in eine so große Gefahr zu begeben, starb er dennoch nicht schnell, verachtet und ungerächt. Keineswegs, so meine ich, hatte er einen solchen Tod verdient, dass so große Tapferkeit in einem Mann um ihren Lohn gebracht werden sollte. Doch im Krieg ist Besonnenheit am meisten wert: scharf und wachsam bedenkt sie stets die Möglichkeit ungewisser Ereignisse. Allein kam er aus Antonia hervor, allein stürmte er gegen die feindlichen Kräfte an, allein verwickelte er sich in den Kampf, allein zwang er die Juden, sich in den Tempel zurückzuziehen. Ich fürchte, gerade das schmerzte am meisten, dass die Gott Untreuen aus dem Tempel vertrieben worden waren. So fand sein Sturz kein Heilmittel. Titus sah mit Freude, wie er siegte, und mit großer Sorge, wie er kämpfte; er wollte ihm zu Hilfe kommen, war aber weit entfernt. Von seinen Leuten wurde er zurückgerufen, weil es bei einem Soldaten nur um das Schicksal eines Einzelnen geht, bei einem Kaiser aber um das Schicksal aller. Die Gefahr zeigte das Beispiel, das Caesar eher meiden als nachahmen sollte. Kurz gesagt: Seine Gefährten waren so erschüttert und seine Gegner so begeistert, dass der Leichnam des Julianus tatsächlich in die Gewalt der Feinde geriet, als fürchteten sie ihn selbst noch im Tod, falls er den Römern zurückgegeben würde. Nachdem Julianus getötet war, wichen die übrigen von der leichten Aufgabe zurück. Denn eine große Streitmacht war noch nicht hinaufgestiegen, und das Ereignis seines Todes hatte den Kampfmut der Juden gesteigert: Alexa und Gyptheus, Mitverschworene des Iohannes und Anhänger seiner Partei, ferner Melchius und Jacobus, der Anführer der Idumäer, ausgezeichnete Kämpfer aus der Partei des Simon, außerdem Aris Simonis und Iudis, Männer der dritten Partei, die sie ebenso unterstützten; sie schlossen sich zu einem gemeinsamen Trupp zusammen und sperrten die zurückgedrängten Römer in Antonia ein.
Auf der anderen Seite erkannte Titus, dass die engen Gänge der Antonia für ihn keine Befestigung, sondern ein Hindernis waren, und befahl, die Festung bis auf die Grundmauern niederzureißen, damit denen, die hinaufsteigen würden, ein Weg zum Feind geöffnet werde. Als er erfahren hatte, dass die feierliche Einhaltung der Festtage für die Juden nahe bevorstand, befahl er Josephus, in die hebräische Sprache zu übersetzen, was er selbst sagen würde. Welch böser Plan bewog Iohannes, die Römer zur Zerstörung des Tempels herauszufordern? Wenn er auf seinen Mut vertraute, sollte er einen anderen Ort für die Schlacht wählen und dorthin ziehen, wenn er nur die Stadt verschonte, den Tempel nicht verunreinigte und die Opfer der Festtage nicht hinderte. Er sollte diejenigen zurücklassen, die er für geeignet hielt, den Opferdienst zu versehen; er sollte, wo er wollte, nur nicht in der Stadt und im Tempel, einen Beweis seines Mutes geben, und die Soldaten Caesars würden der Begegnung nicht ausweichen. Titus wollte sich nicht zur Zerstörung der ganzen Stadt zwingen lassen, deren Reste er retten wollte, wenn Iohannes es zuließe. Fackeln hingen über dem Tempel, nicht weil die Römer darauf drängten, den Tempel zu verbrennen, sondern um die Anstifter des Krieges aus dem Tempel herauszuführen. Wenn sie glaubten, besiegt zu sein, sollten sie ihre Truppen übergeben; wenn sie aber erwarteten, Sieger zu werden, sollten sie sich nicht in eine Einfriedung zurückziehen, sondern im Freien kämpfen. Dadurch würde der Tempel vor den Flammen gerettet, die ihn schon leckten, und von den rituellen Reinigungen befreit. Nachdem Josephus dies gehört und es den Juden übersetzt hatte, billigte das schweigende einfache Volk es, fürchtete sich aber, seine Meinung auszusprechen.
Darauf erwiderte Iohannes, kein Opfer sei Gott willkommener, als wenn gottgeweihte Männer vor den Altären ihre Seele für die Altäre, für den Tempel darbrächten und so, wenn es nötig wäre, bereitwillig für die Freiheit stürben; er hoffe jedoch, dass die Stadt Gottes keine Vernichtung erleiden könne. Titus entgegnete darauf: „Mit Recht also wolltest du die Stadt für Gott unbefleckt bewahren und die heilige Stätte unbefleckt erhalten, indem du Bürger tötest, Unschuldige tötest, Priester tötest. Durch solche Schandtaten werden die göttlichen Geister nicht versöhnt, sondern beleidigt. Du hast deinen Gott von der Einhaltung ihrer Opfer ausgeschlossen. Wenn er dir ebenso die Nahrung verweigerte, Iohannes, würdest du ihn suchen; seine Opfer werden deinem Gott nicht dargebracht, seine Gaben nicht entrichtet, Menschen werden getötet, und du meinst noch immer, Gott leiste Beistand? Die Taten lehren die Wahrheit, der Haufen der Toten zeigt es und die Berge eures Unglücks. Wer könnte das sehen, ohne zu seufzen? Ich würde dir nicht vorwerfen, dass du für dein Vaterland kämpfst, wenn ich nicht bereit wäre, dich zu schonen, wenn ich nicht bereit wäre, dein Vaterland und deinen Tempel zu schonen. Auch Karthago war dessen gewiss nicht würdig, keineswegs musste der hebräische Hannibal gefürchtet werden, der den mittleren Teil der römischen Welt besiegt hatte, und dennoch wurde Karthago selbst wiederhergestellt, das den aufrührerischen Sinn seiner Bürger bis zu seiner Zerstörung getragen hatte. Ich verpflichte mich mit meiner Treue, dass all dies für euch bewahrt wird; ich verspreche euch die Gnade des Lebens, nicht als Lohn für Bosheit, sondern zur Befreiung der Stadt, damit ich den Bestand der Höhe, die dem Untergang nahe ist, sichere. Hör auf, ich warne dich, mit deiner Schurkerei das Angebot römischer Güte zu stören. Jerusalem wird nicht fürchten müssen, zerstört zu werden, wo doch Antiochien um seiner Hilfsquellen willen verschont wurde. Gewiss vertraute euer Iechonias den Persern, ging aus der Stadt hinaus und übergab sich mit seinen Verwandten wilder Wut, damit die Stadt nicht seinetwegen zerstört würde. Sein Andenken wird von euch gefeiert, so wie sie das deine bewahren; Josephus ist da, sein Beschützer und Zeuge seines Ruhms, durch den ihr den Mann ehrt, der sich für sein Vaterland der Gefangenschaft hingab. Der unzivilisierte Perser hat ihn geschont; ich aber verspreche dir Rettung. Denn Josephus hat gewiss gegen die Römer die Waffen getragen. Sein Beispiel haben wir vor Augen gestellt. Wir geben dir Josephus als Beispiel unseres Versprechens, ja, wir haben ihn bereits gegeben, den wir verschont haben. “
Er spricht in seiner Muttersprache, er verpflichtet sich durch den Ritus, den ihr selbst ausübt; ich schäme mich nicht, dieses Beispiel zu suchen und einen Bürgen zu stellen, damit ich, der ich schonen will, keinen vorführe, der vernichtet. “ Da weinte Iosephus, er flehte Iohannes an, er beklagte den Zustand des Vaterlandes, er bat ihn unter Tränen, er rief ihn als Mitbürger an, obwohl er hartnäckiger war als die übrigen, und bezeugte, dass er durch die Gnade des allmächtigen Gottes mit seinen Männern sicher sein werde, wenn er nur aufhöre, das römische Heer zum Sturz der Stadt aufzureizen. Als er ihn nicht überzeugen konnte, sagte er: „Es ist kein Wunder, Iohannes, wenn du bis zur Vernichtung der Stadt ausharrst, da der göttliche Beistand sie bereits verlassen hat. Aber es ist ein Wunder, dass du nicht glaubst, sie stehe vor der Zerstörung, da du doch die prophetischen Bücher lesen kannst, in denen dir die Vernichtung unseres Vaterlandes angekündigt ist und ebenso, dass seine wiederhergestellte Größe abermals durch das römische Heer zerstört wird. Denn was sonst ruft Daniel aus? Er hat ja nicht geweissagt, was bereits geschehen war, sondern was geschehen sollte. Was ist der Gräuel der Verwüstung, den er als durch das Kommen der Römer bevorstehend verkündet hat, wenn nicht das, was jetzt droht? Was ist jene Weissagung, die wir oft in Erinnerung gerufen haben, von Gott aus der Höhe angekündigt, dass die Stadt zu jener Zeit völlig zerstört werde, wenn ihre Stammesgenossen durch die Hände der Bürger getötet sein werden, wenn nicht das, was wir jetzt in Erfüllung gehen sehen? Und vielleicht soll der Tempel, der mit unerlaubtem Blut befleckt ist, nicht länger verteidigt, sondern durch Feuer gereinigt werden. “
Iosephus beendete seine Rede, doch Iohannes lässt sich durch keine Klagen bewegen und durch keine Versprechungen überzeugen. Schon lange bedrängte Gott die treulosen Herzen; als sie Jesus Christus kreuzigten, befleckten sie sich mit jenem ruchlosen Mord. Er ist es, dessen Tod den Untergang der Juden bedeutet, geboren von Maria. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf11 Johannes 1:11. Wann denn haben die Juden nicht ihr eigenes Volk getötet? Haben sie nicht den Sohn ihres eigenen Saul getötet? Nabutha, der Prophet, wurde ja von seinem eigenen Volk gesteinigt. Iezabel war eine jüdische Frau, die den jüdischen Presbytern befahl; sie führten den Befehl aus. Achab war Jude und wurde zur Ursache seines Todes. Wie viele andere Bürger wurden von Bürgern getötet! Und dennoch blieb die Stadt lange unversehrt, obwohl sie nach vielen Jahren von den Babyloniern zerstört, später aber wiederhergestellt wurde. Dies ist die endgültige Zerstörung, nach der der Tempel nicht wiederhergestellt werden kann, weil sie in ihrer Bosheit den Beschützer des Tempels, den Aufseher der Wiederherstellung, von sich entfremdet haben.
Durch dieses Verlangen Caesars und die wiederholte Ansprache änderte sich die Meinung einiger; sie konnten sich in Sicherheit bringen, um zu den Römern zu gelangen. Die Übrigen hielt die Furcht vor der Gefahr zurück, die von den Räubern ausging, und vielleicht lag auch eine gewisse Neigung der Herzen vor, dass so viele nicht vor der bevorstehenden Vernichtung gerettet würden. Diejenigen, die zu ihm flohen, nahm Caesar, weil unter ihnen sowohl Männer aus der Priesterschaft mit ihren Söhnen als auch andere Männer aus vornehmen Familien waren, wohlwollend auf. Er versprach ihnen sichere Rettung und den Erhalt ihres Besitzes und wies sie in die Stadt, die Gofna heißt, damit aus dem fremden Ritus und dem Unterschied ihrer Gottesdienstform kein Anstoß entstünde. Ob durch jene, die in der Stadt ihren Standort hatten und Widerstand leisteten, oder weil ein solcher Verdacht aufgekommen war, oder weil jemand durch eine List bewirkt hatte, dass nicht viele entkämen, es wurde als Anzeichen für ihren Tod ausgelegt, dass sie getötet und beiseitegeschafft würden. Als Titus dies erfuhr, befahl er, sie zurückzurufen und zusammen mit Iosephus näher an die Mauern heranzutreten, damit sie von ihrem Volk erkannt würden. Unter Tränen und großem Klagen weinten sie nicht um sich selbst, sondern über die Vernichtung ihres Vaterlandes und des Tempels. Sie flehten die Bürger an, der Zusage Caesars zu folgen und den Tempel vor dem vorbereiteten Brand zu retten; ihnen sei nichts gegen das Gesetz befohlen worden, an ihrer Freiheit sei nichts gemindert worden. Sie sollten nachgeben, und sie würden die Milde der Römer erfahren, deren unüberwindliche Tapferkeit sie auf die Probe gestellt hatten.
Mit solchen Worten klagten sie jämmerlich; doch sie wurden von den eigenen Leuten zurückgestoßen, und der Krieg flammte auf. Die Juden sprangen auf und drangen blindlings bis in das Innere des Heiligtums selbst vor: jede Nische, jeden Ort, der Menschen unzugänglich war, die nicht für die heiligen Riten erwählt waren, besetzten sie. Auch die Römer rüsteten sich zum Kampf. Aus Kriegsnot verletzten sie die Verbote der Väter, jedoch mit größerer Ehrfurcht als deren eigene Leute. Die Heiden betrachteten den Tempel mit Scheu; die Juden näherten sich in Wut und Verwegenheit, und mit Händen, die von Menschenblut nass waren, legten sie Hand an die hohen Altäre selbst. Titus aber blieb noch immer bei seinem Entschluss, wandte sich an Iohannes und bezeugte, dass er nicht zur Zerstörung der Stadt und des Tempels gedrängt werden wolle, und sagte zu ihm: „Was wollen sie denn für sich, Iohannes, diese Tafeln vor den Türen des Tempels, die Krone der Elemente? Zeigen sie nicht an, dass niemand, der nicht geweiht ist, sich dem Tempel nähern darf? Wozu war jener Zaun vor dem Tempel bestimmt? Doch wohl dazu, dass schon sein Anblick die Kinder aller fernhielt, dass die Kenntnis der verborgenen Räume allein den Eingeweihten offenstand und dass nur jene freien Einblick hatten, denen der Eintritt erlaubt ist. Du verwehrst Fremden den Blick und beschränkst ihren Zugang. Du schreibst, dass kein Fremder eintreten und kein Auswärtiger hineingehen darf; und doch vergießt du fremdes Blut im Tempel und befleckst zugleich deine Altäre mit dem Blut von Fremden und Bürgern. Ich bezeuge dies nicht für unseren Angriff, sondern für deine Pflichtverletzung, weil du das verletzt hast, was dein Eigen ist. Ich, ein Fremder, fordere nichts ein, im Gegenteil: Ich flehe dich an. Wenn du bereit bist abzuziehen, wird der Tempel sicher sein; keiner der Römer wird feindliche Hand an ihn legen; keines eurer Opfer wird angetastet werden. Ich werde deinen Tempel für dich bewahren, selbst gegen deinen Willen. Denn die Einhaltung religiöser Riten mag verschieden sein, doch ihre Ausübung ist gemeinsame Erfahrung. Was als Einhaltung galt, ist von euch gewichen; was Ausübung ist, ist den Siegern geblieben. “
Als Caesar bemerkte, dass die Anführer der Partei sich auch durch diese von Iosephus vorgebrachten Worte nicht zurückrufen ließen, denn sie hielten ein so häufiges Auffordern zum Einhalten eher für ein Zeichen mangelnder Zuversicht als für Güte, kehrte er widerwillig zur Unvermeidlichkeit der Schlacht zurück. Er befahl den Römern, hinaufzurücken; weil aber die engen Zugänge einer so großen Menge im Weg standen, lichtete er aus je tausend Kämpfern dreißig ausgesuchte Männer heraus. Denn ein so dichtes Gewirr von Gebäuden hätte das ganze Heer nicht aufnehmen können. Auch er selbst wollte hinabsteigen, wurde aber von seinen Leuten zurückgehalten, damit er sich in den engen Räumen, noch dazu in den Nachtstunden, in denen man unvermeidlich auf die List von Hinterhaltern stoßen musste, nicht irgendeine Gefahr zuzöge, zumal es nützlicher war, wenn er als Beobachter des Kampfes anwesend blieb; denn jeder würde meinen, umso entschlossener kämpfen zu müssen, weil er unter den Augen Caesars kämpfen würde. Alles nämlich, was um den Tempel geschah, war von der Stellung der Antonia aus wie in einem Theater von oben sichtbar. Von dieser Auffassung überzeugt, überträgt Caesar die Aufgabe dem Cerealis: Er soll in der neunten Stunde der Nacht über die Juden kommen, die rings um den Tempel verteilt waren. Die übrigen ermuntert er, mit Gewalt in den Kampf einzudringen, und versichert, er werde den Kämpfenden den Lohn nicht versagen, da er von oben her den Kampf beobachten werde, als Zeuge jeder etwaigen Feigheit oder als Richter der Tapferkeit. Cerealis trifft tatkräftig zur festgesetzten Zeit ein, findet die Wachposten aber wachsam. Der Kampf beginnt, da die im Tempel Aufgestellten nicht schliefen und die Wachen den Herannahenden entgegengingen; die übrigen rüsteten sich mühelos zum Kampf. Der Römer rückte in geschlossener Kolonne vor. Die Juden aber, die sich auf die Einfriedung und die engen Zugänge stützten, damit sie nicht umzingelt würden, stürmten nach verschiedenen Richtungen umher, sodass ihnen häufig von den eigenen Leuten Gefahr drohte; denn in der Dunkelheit wurden sie nicht erkannt, und sehr viele wurden von ihren Gefährten durchbohrt, weil man sie für Feinde hielt. Wer kann denn in der Nacht unterscheiden, ob er auf einen Verbündeten oder auf einen Feind gestoßen ist, wenn es zu spät ist, zu fragen, sich mit Nutzen vorzusehen oder einen Entschluss vorwegzunehmen? Und beim Verwunden eines anderen aus Irrtum eine Schuld auf sich zu ziehen, ist erträglicher, als die eigene Gefahr zu missachten, wenn man einen Feind fürchtet. So mühten sich die Juden die Nacht hindurch in einer Gefahr mit zwei Gesichtern ab: Entweder griff ein Feind an, oder ein Verbündeter vergriff sich. Auch am Tag wurden sie von keinem geringeren Übel bedrängt: Bei Nacht kam die größere Gefahr von den eigenen Leuten; am Tag setzte der Römer heftig nach, den Titus, der den ganzen Kampf beobachtete, auch schweigend antrieb. Bis zur fünften Stunde wurde erbittert gekämpft, wobei auch die Juden tapfer stritten, sodass keine der beiden Seiten von ihrem Platz wich.
Während sie diese Kämpfe sieben Tage lang untereinander führten, wurde alles bis auf die Grundmauern niedergerissen, was Herodes durch eine Festung verstärkt hatte, die den Namen Antonia trug. Dadurch wurde die Straße zum Tempel verbreitert, sodass nicht nur die Soldaten Gelegenheit hatten, hineinzustürmen, sondern der Platz auch offen war, um Befestigungen anzulegen und so viele Rampen aufzuschütten, wie nötig waren; von dort aus wurden sogar die Dachflächen des Tempels beschossen. Während sich die Römer damit sorgfältig aufhielten, wurden die Juden von unerträglichem Hunger bedrängt und begannen, den Lasttieren der Römer aufzulauern. Hatte jemand ein Kriegspferd zum Weiden losgebunden oder einem Lastmaultier die Last abgenommen, so raubten sie es als Beute; das brachte ihnen nicht nur Nahrung auf Kosten der Römer ein, sondern war auch eine Schande für das Heer. Caesar beseitigte die Schande dieser Nachlässigkeit gleich zu Beginn, indem er als Strafe den Tod anordnete. Doch das hemmte die listige Hartnäckigkeit nicht. Denn von dieser Art Beute und von der für Hungernde nötigen Nahrung abgeschnitten, griffen sie zu Gräsern als Hilfe. Nachdem die Mauer zerstört war, die Titus um den freien Raum außerhalb der Stadt geführt hatte, meinten sie, während sie umherirrten und nach Baumwurzeln und Futter suchten, Ausfälle seien nun ungehinderter möglich. Denn der Mauerring hatte sie wie ein Gefängnis eingeschlossen, und nun gab es nichts mehr, womit sie den Hunger hätten lindern können. So schleichen sie sich in einem plötzlichen Ausfall heran und stürzen sich auf die, die vor dem Ölberg aufgestellt waren. Auch diese versagten nicht in der ihnen zugewiesenen Aufgabe, und der Ruf der Trompete ruft die anderen aus den übrigen Lagern und aus den Befestigungen der Türme zur Teilnahme am Kampf. Zu Beginn entbrennt ein heftiger Kampf: Die Hinteren treibt das Ehrgefühl, die Vorderen der Hunger, nach grausamer Notwendigkeit und Ordnung. Doch die Juden werden von den sich sammelnden Römern zurückgedrängt und zu den Mauern ihrer Stadt zurückgeworfen. Da spornt einer aus einer Schwadron Reiter sein Pferd an, Pedanius war sein Name, streckt den rechten Arm aus, beugt sich ein wenig hinab und packt einen der fliehenden Juden, den er als Gefangenen zu Caesar trägt. Und der Eroberer dieser herrlichen Beute wirft ihn, wie ein Adler ein Kaninchen oder ein Habicht eine Ente, lebend Caesar zu Füßen. Titus war darüber außerordentlich erfreut und entließ ihn mit Lob und Ehren.
Nun verteilen sie sich um den Tempel und stecken die Säulenhalle in Brand. Überall war Trauer, überall Tod; draußen war Krieg, drinnen oben waren Krieg und Feuer. Doch die Juden waren im Mut nicht gebrochen. Sie hielten alles für verloren, was die Rache betraf, und handelten ohne List und Übermut. Als sie nun nicht mehr anders konnten, reizten sie die Römer dazu, das Verderben zu beschleunigen. Ein gewisser Ionathes, klein von Gestalt, doch ansehnlicher im Auftreten, forderte ganz nahe beim Grab des Iohannes die Römer heraus: Wer wolle, könne Mann gegen Mann mit ihm kämpfen. Die einen verachteten die Kleinheit des Mannes, andere verschmähten es, mit einem zu kämpfen, den sie bald gefangen nehmen würden; wieder andere hielten die Sache für einen gefährlichen Kampf mit Menschen, die am äußersten Rand der Rettung nicht aus Tapferkeit, sondern allein aus Tollkühnheit Rache suchten. Es gäbe keinen Ruhm, wenn ein Mann am Rand des Untergangs besiegt würde, und viel Schande, wenn jemand durch irgendein Missgeschick den gemeinsamen Sieg befleckte. So prahlte er hochmütig, jagte den Siegern Furcht ein und schleuderte laute Schmähungen aus: Die Römer vertrauten nicht auf ihre eigenen Kräfte, sondern auf fremde Hilfe, und die Juden würden nicht durch den Krieg ihrer Feinde bedrängt, sondern durch inneren Streit. Unter den römischen Soldaten war einer namens Pudens. Von den leeren Beschimpfungen gereizt, ließ er sich unbesonnen von seinem Ehrgefühl leiten, vernachlässigte seine Sicherheit und bot, aus jener Entrüstung heraus unvorsichtig, einen Angriffspunkt. Zu Boden geworfen, brachte er Schande über seine Gefährten und hinterließ zugleich Anlass zu Spott und für Ionathes den Tod. Denn dieser, durch den Erfolg des Kampfes überheblich geworden und den Prunk seines Sieges steigernd, feierte, frohlockte, schwang sein Schwert und schlug auf seinen Schild. So reizte er den Zenturio Priscus dazu, ihn zu verwunden; der ertrug sein Prahlen in Hochmut und Stolz nicht und durchbohrte ihn, während er im Sieg unachtsam war, mit einem Pfeilschuss. Von diesem getroffen, zeigt Ionathes, dass im Kampf niemand unvernünftig spotten darf, weil die Lage für Sieger und Besiegte ungewiss ist, bis der Krieg beendet ist.
Als man aber in der Stadt sah, dass der Feind innerhalb der Mauern stand, über die höchsten Bauwerke hinausragte und über alle Mauern hinüberragte, fürchtete man, die Gefahr werde wie eine Wunde im Körper nach innen weiterfressen. Deshalb rissen sie den nördlichen Säulengang an der Stelle nieder, die an Antonia grenzte, damit der Feind nicht durch ihn zu den höheren Bereichen des Tempels hinaufsteigen oder von oben die tiefer Stehenden bedrängen konnte. Jeder kappte die nächstgelegenen Teile, damit das Feuer, dem Tempel benachbart und in wütenden Bränden, nicht sogar den Tempel selbst vernichtete, sondern, von den Bränden abgeschnitten, ausbrannte. Was sie vom Feind befürchteten, begannen sie zuerst selbst. Auch den Säulengang Salomos richteten sie zur List her: Die Innenräume der Dächer füllten sie mit Teer und Pech, verborgen im Inneren des Gewölbes des höchsten Daches. Dann gaben sie vor, ihn verteidigen zu wollen, reizten den Feind zum Angriff und brachten so die Römer gegen sich auf. Diese legten Leitern an und suchten die Höhen des Säulengangs zu gewinnen; die Juden zogen sich allmählich von der Stelle zurück, zu der viele Römer hinaufstiegen. Jene drangen begierig ein, während die Besonneneren, die eine List vermuteten, Vorsicht walten ließen; die Menge aber, ganz auf den Sieg aus, stürmte voran. Als man sah, dass die List aufflammte, saßen viele wie in einem Netz gefangen. Das Feuer drang in das Innere des Gewölbes hinauf und breitete sich, von Teer und Pech und den übrigen Nährstoffen der Flamme zur vollen Stärke gebracht, über den ganzen Säulengang aus. Die Flammen umschlossen die siegreichen Römer, sodass keine Möglichkeit zum Widerstand blieb und auch keine Flucht mehr möglich war. Sie fanden nicht, was sie tun sollten. Titus sah mit Zorn auf seine Männer in Gefahr, weil sie ohne Befehl hinaufgestiegen waren, zugleich aber mit Mitleid, weil sie als Sieger zugrunde gingen. Viele stürzten sich hinab; doch wenn sie dem Feuer entkommen waren, starben sie mit zerschmettertem Körper und gebrochenen Gliedern. Noch unglücklicher war es, wenn sie verstümmelt überlebten. Caesar wollte ihnen zu Hilfe kommen, konnte es aber nicht. Die Nächststehenden ermutigte er dennoch und rief, es werde Hilfe für seine Männer geben. Diese Worte, diesen Schmerz Caesars nahmen sie als letzten Trost. Das war die Wegzehrung des Abschieds für die, die sterben sollten: Als wären sie durch dieses Grab erhoben und getröstet, eilten sie dem Tod entgegen, weil sie im innersten Herzen Caesars eingeschlossen waren und ihr Leben nicht untergehen würde; ihr Ruhm lebte fort, sie starben für Caesar und hinterließen ihr Siegeserbe. So wurden die einen von den Flammen umschlossen, andere wichen ihnen aus; und nicht weit entfernt standen die Feinde, die jene schlugen, die vor den Flammen flohen.
Longus aber, ein Mann von hervorragender Haltung, wurde zwar von den Juden aufgefordert, sich ihnen anzuvertrauen, und ihm wurde Sicherheit für sein Leben zugesagt; doch er zog es vor, sich mit dem eigenen Schwert zu durchbohren, statt die Tapferkeit des angeborenen römischen Wesens mit Schande zu beflecken. Artorius dagegen rief listig und mit lauter Stimme Lucius zu: „Du sollst mein Erbe sein, wenn du mich im Fall auffängst. “ Und jener lief aus Mitleid herbei, um ihn im Fallen aufzufangen, und zog so den Tod des Mannes, der sterben sollte, auf sich selbst. Wahrhaftig, er schickte seinen Erben voraus als sein militärisches Testament, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit Blut, und nicht auf Papier, sondern auf der Klinge eines Schwertes. Ein großer Kunstgriff war das offenbar, damit er einen Freiwilligen fände, der an seiner Stelle stürbe. So brannte die Säulenhalle bis zu dem Turm nieder, den Iohannes, als er gegen Simon Krieg führte, über dem Eingang des königlichen Hauses hatte errichten lassen, das König Ezechias sich als Wohnsitz gebaut hatte. Den übrigen Teil davon zerstörten die Juden selbst. Auch am folgenden Tag wurde die ganze nördliche Säulenhalle bis zur östlichen Säulenhalle von den Römern verbrannt. Denn als sie selbst Hand an ihre eigenen Bauten legten, lehrten sie die Römer, die fremden nicht zu schonen. Die Vorderseite des Tempels lag bereits bloß, und unter den Menschen wütete ein grausamer Hunger. Sie lauerten einander abwechselnd auf; jeder riss die Nahrung an sich. Wo auch nur der Verdacht auf Nahrung bestand, kam es unter den Einheimischen zu einem Kampf um Nahrung. Die Liebsten wurden getötet; die Toten wurden heftig geschüttelt, damit nicht irgendwo in ihren Kleidern Nahrung verborgen läge. Manche galten als solche, die nur vorgaben, tot zu sein, damit man sie nicht, solange sie lebten, verdächtigte, etwas Nahrung zu besitzen. Doch nicht einmal die Lebenden konnten noch die Verrichtung des Lebens erfüllen oder den Tod vortäuschen; vielmehr irrten sie mit offenem Mund wie tollwütige Hunde umher und schnappten nach einem Atemzug Luft, von der Not getrieben. Oft kehrten sie sogar wie Betrunkene in dieselben Wohnungen zurück, um noch einmal zu durchsuchen, was sie leer zurückgelassen hatten. Und als sie keine andere Stillung des Hungers fanden, rissen sie das Leder von ihren Schilden ab, damit ihnen zur Speise würde, was ihnen kein Schutz war. Sie aßen ihre Schuhe, und es galt nicht als Schande, sie, von den Füßen gelöst, mit dem Mund aufzunehmen und mit der Zunge abzulecken. Auch alte Hülsen, die einst weggeworfen worden waren, wurden mit größtem Eifer gesucht; und wenn man welche fand, wurden sie zu hohem Preis eingetauscht.
Was soll ich gegen die Tat der Maria sagen, die den Sinn jedes noch so barbarischen und gottlosen Menschen erschaudern lässt? Sie gehörte zu den reichen Frauen aus der Gegend von Peräa, die jenseits des Jordan liegt. Als die Furcht vor dem Krieg aufkam, hatte sie sich mit den übrigen in die Stadt Jerusalem begeben, wo es sicherer war. Auch ihr Vermögen hatte sie dorthin gebracht, das die Anführer der verfeindeten Parteien im Wettstreit an sich rissen. Wenn auch nur irgendetwas an Nahrung gegen Geld beschafft worden war, wurde es ihr aus den Händen genommen. Durch ihre ständigen Verluste außer sich, rief sie schreckliche Flüche herab; sie wollte sterben, fand aber keinen, der sie tötete. Sie wollte länger höhnen, stärker erniedrigen, statt rasch zu vernichten. Sie überlegte, wie lange sie noch leben sollte, um ausgeplündert zu werden. Schon war alles ausgegangen, und sie, die an Wohlleben gewöhnt war, konnte die harte Rauheit von Hülsen und Häuten nicht mildern. Wütender Hunger ergoss sich in ihr Innerstes, reizte ihre Säfte und wühlte ihren Geist auf. Die Frau hatte ein kleines Kind, das sie geboren hatte. Von seinem Weinen aufgestachelt, da sie sah, wie es sie selbst und das Kind furchtbar schwächte, von so großer Barbarei überwältigt und einem so grausamen Unglück nicht gewachsen, verlor sie den Verstand; die Gewohnheit mütterlicher Zärtlichkeit war vergessen, sie versenkte ihren Schmerz und griff nach dem Wahnsinn. Und so wandte sie sich dem Kleinen zu, vergaß, dass sie seine Mutter war, und sagte rasend im Sinn: „Was kann ich für dich tun, Kleines, was kann ich für dich tun? Wilde Umstände umringen dich: Krieg, Hunger, Brände, Räuber, Vernichtung. Wem soll ich, die dem Tod entgegengehe, dich anvertrauen, wem soll ich dich so klein zurücklassen? Ich hatte gehofft, du würdest, wenn du zum Mann heranwächst, mich, deine Mutter, ernähren oder mich, wenn ich tot bin, begraben; gewiss, wenn du mir im Tod vorausgingst, würde ich dich mit eigenen Händen in einem kostbaren Grabhügel beisetzen. Was soll ich unglückliche Frau tun? Für dich und mich sehe ich im Leben keine Hilfe. Alles ist uns genommen worden; für wen soll ich dich bewahren? Und in welches Grab soll ich dich legen, damit du nicht Beute von Hunden, Vögeln oder wilden Tieren wirst? Alles, sage ich, ist uns genommen worden. Du aber kannst, mein Süßer, auf diese Weise deine Mutter nähren; deine Hände sind geeignete Speise. O willkommen ist mir dein Fleisch, deine mir vertrauten Glieder! Bevor der Hunger dich völlig verzehrt, gib deiner Mutter zurück, was du empfangen hast, kehre zurück an jenen verborgenen Ort der Natur. An dem Ort, an dem du deinen Geist an dich nimmst, ist dir, wenn du tot bist, auch ein Grab bereitet. Ich selbst umarme den, den ich geboren habe; ich selbst küsse ihn zärtlich, und was die Liebesgeduld nicht mehr vermag, soll als Zwang der Notwendigkeit gelten, damit ich selbst mein Eigenes verschlinge, nicht mit gespielten, sondern mit eingeprägten Bissen. Sei also Speise für mich, Raserei für die Räuber und eine Lebensgeschichte, die allein unseren Unglücken noch fehlt. “
Was würdest du tun, mein Sohn, wenn auch du einen Sohn hättest? Wir haben getan, was Güte gebietet; wir tun, wozu der Hunger drängt. Deine Überlegung aber ist besser und hat einen gewissen Schein von Recht, denn erträglicher ist es, dass du deiner Mutter Nahrung aus deinen eigenen Gliedern gibst, als dass deine Mutter dich töten oder verschlingen kann. “ Mit diesen Worten wandte sie das Gesicht ab, stieß das Schwert zu, zerteilte ihren Sohn, legte ihn aufs Feuer, aß einen Teil und verbarg den anderen, damit niemand darauf stieße. Doch der starke Geruch des verbrannten Fleisches drang zu den Anführern des Aufstands, und sofort gingen sie dem Geruch nach, traten in die Unterkunft der Frau und drohten ihr mit dem Tod, weil sie es gewagt hatte, ihre eigenen Hungernden zu nähren und sie von der Speise auszuschließen, die sie gefunden hatte. Sie aber sagte: „Euren Anteil habe ich euch aufbewahrt; ich war nicht habgierig und nicht unhöflich. Zürnt nicht, nehmt dies und esst. Aus meinem Fleisch habe ich euch Speise bereitet. Setzt euch schnell, ich werde den Tisch herrichten. An meinem Dienst sollt ihr euch wundern und urteilen, dass ihr bei keiner Frau eine solche Gesinnung gefunden habt, die euch die Gunst ihres süßen Sohnes nicht vorenthalten hat. “ Mit diesen Worten deckte sie zugleich die versengten Glieder auf und bot sie ihnen zum Essen dar, indem sie mit folgenden Worten dazu aufforderte: „Das ist mein Mahl, das ist euer Anteil; seht genau hin, dass ich euch nicht betrogen habe. Siehe, eine Hand meines Jungen, siehe, sein Fuß, siehe, die Hälfte vom übrigen Körper. Und damit ihr nicht anders denkt: Er ist mein Sohn. Ihr sollt es nicht für das Werk eines anderen halten. Ich habe es getan, ich habe ihn sorgfältig geteilt, ich habe gegessen, was mein war, ich habe aufbewahrt, was euer war. Nie bist du mir süßer gewesen, mein Sohn. Dir verdanke ich, dass ich noch lebe. Deine Süße hat meinen Sinn festgehalten. Sie hat deiner beklagenswerten Mutter den Todestag aufgeschoben. Du kamst in der Zeit des Hungers zu Hilfe, du bist die Gabe des höchsten Alters, du bist der Hemmer der Mörder. Sie kamen herbei, um zu töten; sie wurden Tischgenossen. Und auch sie selbst werden festhalten, was sie dir schuldig sind, da sie mein Gastmahl verzehrt haben. Aber warum weichst du zurück? Warum erschrickst du in deinem Inneren? Warum schmaust ihr nicht von dem, was ich, seine Mutter, bereitet habe? Gewiss kann euch schmecken, was die Mutter gesättigt hat. Ich hungere jetzt nicht mehr, nachdem mein Sohn mich genährt hat. Ich bin reichlich gesättigt, ich kenne keinen Hunger mehr. Kostet und seht, wie süß mein Sohn ist. Werdet nicht weibischer als die Mutter, nicht schwächer als eine Frau. Wenn ihr aber mitten im Leid weichherzig seid, meine Gabe nicht annehmt und euch von meinem Brandopfer abwendet, dann werde ich mein Opfer verzehren, dann werde ich verschlingen, was übrig ist. Seht zu, dass es euch nicht zum Vorwurf wird, wenn sich eine Frau als tapferer erweist als ihr, die ihr das Mahl der Männer auf euch nehmen werdet. Ich jedenfalls habe solche Gastmähler bereitet, aber ihr habt eine Mutter dazu gebracht, so zu schmausen. Das Leid hielt mich zwar fest, doch die Notwendigkeit siegte. “
Diese ruchlose Freveltat erfüllte sogleich die ganze Stadt, und jeder wurde von Entsetzen ergriffen, als stünde ihm die Teilnahme an einem solchen verwandtenmörderischen Mahl vor Augen. Ja, selbst die Anstifter des Aufstands begannen zu prüfen, was sie als Nahrung an sich rissen, damit sie nicht etwa Ähnliches fänden und es arglos verzehrten. Alle begannen zu fürchten, allzu lange am Leben zu bleiben, und wünschten zu sterben. Die Grausamkeit dieses Vorgangs drang sogar zu den Römern. Denn viele flohen, von diesem Grauen erschreckt, zum Feind. Als dies bekannt geworden war, verabscheute Caesar die Ansteckung dieses unglücklichen Landes, erhob die Hände zum Himmel und bezeugte öffentlich auf diese Weise: „Gewiss, wir kommen zum Krieg, doch wir kämpfen nicht gegen Menschen. Was Vernünftiges kann ich gegen jede Raserei von Ungeheuern und wilden Tieren sagen? Wilde Tiere lieben ihre Jungen, die sie selbst im eigenen Hunger nähren; sie nähren sie mit fremden Körpern, enthalten sich aber der Körper ganz ähnlicher wilder Tiere. Das übersteigt jede Not: Eine Mutter hat ein Glied verschlungen, das sie selbst geboren hat. Ich spreche mich vor euch rein los von dieser Ansteckung, welche Macht ihr auch im Himmel seid. Ihr wisst, ihr wisst gewiss, dass ich aus innerstem Empfinden immer wieder Frieden angeboten und darum gebeten habe, was zu sagen einen Sieger nicht beschämt: dass ich selbst den Urhebern so großer Ungeheuerlichkeiten verzeihen, das Volk schonen und die Stadt bewahren wollte. Aber was soll ich gegen die tun, die sich wehren, was gegen die, die gegen ihr eigenes Volk rasen? Nachdem die Waffen meist beiseitegelegt waren, bin ich, weil sie vom Abschlachten der eigenen Leute nicht abließen, zum Krieg zurückgekehrt, um die Belagerten zu befreien, nicht um sie zu vernichten. Oft forderten sie uns von den Mauern herab zum Kampf auf, damit sie von den eigenen Leuten nicht schwer geschädigt würden. Was sind das für Bürger, denen ihr Feind zum Heilmittel wird? “
Ich hatte freilich gehört, die Wildheit dieses Volkes sei unerträglich: Sie richten sich mit außerordentlichen Glaubensvorstellungen gegen jeden Hochmut auf, ihr Ursprung führe sie vom Himmel her; dort hätten sie zuerst die Gestalt des Körpers angenommen, sie selbst seien Bewohner des Himmels gewesen, seien zur Bebauung der Erde herabgestiegen und kehrten von der Erde zum Himmel zurück; mit trockenen Füßen seien sie durch die Meere gezogen, die Wogen des Meeres seien vor ihnen geflohen, der Strom des Jordan habe sich rückwärts gewandt und sei zu seiner Quelle zurückgekehrt, die Sonne sei stehen geblieben, damit sie ihre Feinde besiegten und die Nacht sie nicht hinderte; ihre Männer seien in feurigen Wagen in den Himmel entrückt worden, die Mächte des Himmels hätten für sie gekämpft, und obwohl sie selbst abwesend gewesen seien, seien alle Streitkräfte ihrer Feinde geschlagen worden, ihnen sei der Sieg zuteilgeworden, während sie schliefen. Das hatte ich erfahren; doch ich meinte, sie rühmten sich nur der göttlichen Wohltaten, die sie umgaben, sie steigerten ihre Verwegenheit nicht völlig, sie hielten sich nicht für unfähig, von den Römern besiegt zu werden. Und so gebe ich zu: Wir hätten es im Kampf mit denen zu tun, die sich für unbesiegbar halten, die sich rühmen, Überlebende der Flut, Erben der Flüsse, Herren der Länder, Wanderer der Meere, Reiter der Himmel zu sein; für sie ist die Woge eine Mauer, die Luft ein Weg, der Himmel ein Wohnort; ihnen weichen die Flammen, und Ketten halten sie nicht. Für sie öffnen sich dürstende Steine und ergießen sich zu Wasserquellen; für sie, die hungern, öffnet sich der Himmel, Speise wird gesandt, ihre Lager werden mit dem Fleisch von Vögeln gefüllt, und der Mensch isst das Brot der Engel. Wasser weichen zurück, brackiges Wasser wird süß, die Sonne bleibt stehen, Finsternis wird erleuchtet. Was kann schließlich größer sein, wann kann denen der Mut fehlen, die, wie sie sagen, nach dem Tod leben und, nachdem sie begraben wurden, wieder erweckt werden? Es ist eine verbreitete Ansicht, dass diese Männer auch gegen göttliche Dinge Anschläge geschmiedet haben, und ihre Strafe ist der Beweis. Die Länder brennen heute wegen der Gottlosigkeit ihrer Bewohner; viele von ihnen hat ja ein Spalt im Boden verschlungen. Wie lange also können wir an diesen Orten bleiben, wo der Untergang der Länder liegt? Wir sehen sogar das Meer tot, wir sehen auch, was aus dem Land wächst, tot, die Erde verschrumpft, die Schatten der grünen Pflanzen leer, außen Anmut, innen aber Asche. Wer kann daran zweifeln, dass wir in den unteren Welten umhergehen, wo selbst die Elemente vergehen? Ja, sogar das, was gewöhnlich nach dem Tod fortlebt, ist an diesen Orten gestorben: die Güte der Natur und die Achtung vor den Toten als Zeuge. Denn wer liebt seine Eltern nicht, auch wenn sie tot sind? Wer liebt nicht auch jetzt seine verlorenen Söhne und bewahrt sie anstelle von Unterpfändern? Die Liebe bleibt, auch wenn das Kind gestorben ist, der Name besteht fort, die Güte der Natur hört nicht auf. An diesen Orten aber erkennt eine Mutter den lebenden Sohn nicht, hört ihn nicht rufen, erbarmt sich nicht über sein Klagen und wirft wegen der verabscheuungswürdigen Dinge einer einzigen Stunde die Hand ihres Kindes als Speise in ein Mahl des Verwandtenmords.
Doch warum führe ich dies an, als wäre es etwas Neues, da sie die Anfänge dieser Art auf einen Brudermord zurückführen, und da sie gerade bei Abraham selbst, den sie Vater, Urheber der Lehre und ersten Menschen dieser Form der Verehrung nennen, vor allem den Glauben rühmen, weil er meinte, sein Sohn dürfe nicht verschont werden, ihn als Opfer zu den Altären führte und nicht zögerte, ihn als Opfer darzubringen? Seine Hingabe verurteile ich nicht, doch seine Frömmigkeit stelle ich infrage. Von einem anderen der Ihren sagen sie ebenfalls, er habe als Sieger geloben wollen, wen auch immer ihm bei seiner Heimkehr zuerst entgegenliefe, seinem Gott zu opfern; und als er zurückkehrte, lief ihm seine Tochter entgegen, und so legte er seine Hände an seine Tochter. Dazu nennen sie noch viele andere Beispiele dieser Art. Was für ein Volk ist das, das die Tötung eines Menschen der Ehrfurcht zurechnet und Mord für ein Opfer hält? Welcher Gott kann das verlangen, oder was für ein Priester ist das, der so etwas tun kann? Schließlich sagen sie, jener alte Mann habe dies, weil er verständiger war, nicht getan, sondern nur tun wollen; jener andere aber habe als unbesonnener Mann daran festgehalten. Mögen sie ihre Riten haben: harte Menschen, bei denen die Lehre darin besteht, ihre Söhne zu töten; unglücklich der Staat, in dem es ein solches Amt, einen solchen Dienst gibt. Möge sein Untergang ihn bedecken und verbergen; möge die Sonne die Ansteckung jener Welt nicht sehen, möge der Sternenkreis sie nicht erblicken; damit die Luftzüge nicht verpestet werden, möge das reinigende Feuer aufsteigen. Das Mahl des Thyestes hielten wir für eine Fabel; nun sehen wir ein Ärgernis, wir sehen eine Wahrheit, grausamer als die Tragödien. Denn dort war es das stärkere Geschlecht und ein Fremder in der Gegend, hier aber eine Frau, der ihr eigenes Kind zur Speise wurde. Dort war es die List eines Fremden, hier ihr eigener Wille. Jener trauerte, sie spottete. Eine solche Speise verdienten Männer wie diese, die durch ihren hartnäckigen Kampf ihre Frauen zu einem solchen Mahl geführt hatten. Ja, ich glaube, dass sie von einer so gewaltigen Härte des Unheils geschlagen und im Geist wahnsinnig gemacht waren, dass sie dies nicht mehr empfanden. Darum lasst uns den Krieg rasch zu Ende bringen. Weil diese Dinge nicht gebessert werden können, lasst uns mit Gewalt eindringen, damit wir den sterbenden Wassern dieser Gegenden, den zerstörten Ländern entfliehen.
Nach diesen Worten befiehlt er, die Rammböcke gegen den Tempel heranzuführen, doch die heftigen Stöße richteten nichts aus. Da flohen viele der Anführer des Aufstands selbst, von Angst erfasst, zu Caesar. Titus zögerte, sie aufzunehmen, weil sie eher von Not getrieben waren, als dass sie einer Zusage folgten; doch seine Redlichkeit mäßigte seinen Zorn. Er ließ sie jedoch nicht in demselben Zustand, in dem er die früheren Überläufer gehalten hatte, sondern begann, seine Leute umso nachdrücklicher anzutreiben, damit alle Feinde, von Furcht entmutigt, sich zurückzögen. Als sie aber sahen, dass die Mauern durch den Stoß des Rammbocks mit seinem gewaltigen Aufbau unversehrt blieben, behielten sie ihren Trotz. Caesar jedoch kam auf einen klugen Gedanken und befahl, die mit Silber überzogenen Türen in Brand zu setzen. Als von dort das Feuer nach oben übergriff, begann das Silber zu fließen, und dann geriet allmählich auch das Holz in Brand; so öffnete sich ein Zugang ins Innere der Säulenhalle. Caesar aber empfand Mitleid und wollte nicht, dass der Tempel verbrannt werde, nachdem die angrenzenden Innenräume der Säulenhallen bereits erfasst waren. Er rief die Heerführer zu einer Beratung und sagte, sein Kampf richte sich nicht gegen empfindungslose Dinge, und der Krieg werde nicht gegen Gebäude geführt; diese würden den Siegern nützen, wenn sie unverbrannt erhalten blieben. Die Heerführer dagegen erklärten, die Stärke der Mauern und die Befestigung des Tempels würden künftig für die Juden ein Anreiz sein, aus dem ihnen willkommener Hochmut erwachse; die Wurzeln des Aufstands müssten bis auf den Grund vernichtet werden, damit diese Verwegenheit nicht wieder hervorbreche. Caesar verschob die Beratung jedoch auf den folgenden Tag. Die Juden glaubten nun, vorwärtszudrängen, die Römer aber hielten mit ineinandergefügten Schilden, obwohl sie weniger waren, dem ersten Angriff stand. Durch den Ansturm der unzählbaren Menge geriet die Schlacht jedoch ins Schwanken. Da war Caesar mit der Reiterei zur Stelle, schlug mühelos die nieder, die er aufgespürt hatte, und warf die feindliche Kolonne zurück. Im Vertrauen darauf, dass ein Teil des Vorhofs schon offenstand, ordnete er an, am folgenden Tag mit dem größten Teil seiner Streitkräfte gegen den Feind vorzustoßen und in den Tempel einzudringen. Diese Tat hätte die Stadt vor dem Brand bewahrt, wenn die unheilvolle Haltung des Volkes die Flammen der Feinde nicht gegen sie selbst heraufbeschworen hätte.
Caesar befahl, die dichte Masse der Feuer zu löschen, damit sie den Truppen, die einbrechen sollten, nicht hinderlich würden. Als die Juden das sahen, lauerten sie denen auf, die die Brände des Tempels löschen wollten; da einige getötet wurden, reizten sie den Feind noch mehr. So fand einer der Römer halbverbranntes Holz, das vom Dach gefallen war, und trug es, vom kräftig gewordenen Feuer erfasst, zur Tür, die die goldene Tür genannt wurde, weil ihr Eingang mit Gold überzogen war. Die feste Goldschicht schmolz sofort in den Flammen und legte das Holz frei; es lag, wie eine ungeschützte Flanke, dem Feuer offen. Als die Türen verbrannt waren, drang das Feuer in die innersten Teile des Tempels ein. Schon erhellten die Türen seinen Eingang. Alle, die sich als Verteidiger des Tempels um seinen Schutz bemühten, gerieten in Verwirrung und bekamen sogleich Angst. In ihren Herzen regte sich eine Ahnung, dies werde der Tag der Zerstörung sein, weil an eben diesem Tag der Tempel schon einmal von den einbrechenden Babyloniern verbrannt worden war, am zehnten Tag des Monats Loos, den sie schon seit langer Zeit zu den Unglückstagen zählten. Das Feuer hob sich in den Luftstößen empor, drang auch in die höheren Teile vor und brachte den Siegern Freude, den Besiegten aber Schmerz, wie er einer so großen Katastrophe entsprach. Als der Aufschrei aller ausbrach, meldete kurz darauf ein Bote Titus die Vernichtung des Feindes. Dieser stürzte hinaus und befahl mit so lauter Stimme, wie er konnte, die Feuer zu löschen. Doch wegen des Lärms gab es keine Möglichkeit, ihn zu hören, und auch keinen Willen, Schonung zu üben; denn die römischen Soldaten brannten vor Eifer nach Vergeltung, und die bekannte Güte Caesars nahm ihnen die Furcht vor Ungehorsam. Für seine Leute werde es keine Täuschung geben, da ihm sogar vom Feind verziehen werde. Titus rief jedoch mit Wink und Handbewegung die zurück, die er erreichen konnte, und befahl einigen, den Angriff der Soldaten zu hemmen. Doch in ihrem Zorn steigerten sie den Brand, bedrängten den Feind, der aus Verzweiflung schon die eigene Rettung preisgab und sich ganz den Gefahren aussetzte. Vor allem wurde das gemeine Volk niedriger Herkunft getötet, sooft einer Widerstand leistete, weil sie durch keine Rüstung geschützt waren, die geeignet gewesen wäre, eine Wunde abzuwehren oder abzulenken.
Vom Geschrei ermüdet, wich Caesar einen Schritt zurück, da die Flamme noch immer die abgeschlossenen Räume des Tempels verzehrte. Nachdem dieser niedergebrannt war, stürzte er sich im Zorn in das Heiligtum selbst. Bei diesem Anblick wurden die meisten heftig erschüttert; einige stürzten sich mitten in die Flammen, weil ihre Augen es nicht ertragen konnten, den Tempel zu überleben und selbst verschont zu bleiben. Titus lief erneut hinauf, um zu sehen, wie das Heiligtum beschaffen war. Von seiner Anmut bewegt, bekannte er, es sei ausgezeichneter als die Werke ihrer eigenen Tempel. Er staunte über die Größe der Steine, den Glanz des Metalls, die Schönheit der Arbeit und den Reiz seiner Pracht. Er erklärte, nicht ohne Grund sei der Ruhm dieses Ortes so groß gewesen; unter allen Orten habe man dort eine solche Größe anerkannt, weil man glaubte, er sei die Wohnstätte des höchsten Gottes. Das Ansehen des Ortes stärkte den Glauben an die Religion, mit dem sogar die Völker der Barbaren jenen Tempel verehrten und Gaben darbrachten. Doch Räuber ihrer eigenen Religion plünderten und zerstörten ihn damals völlig, Diebe, die in alles einbrachen, was als Hinterlage von Witwen und Waisen dort verwahrt war, als wollten sie diese Dinge den Siegern abringen, falls den Römern etwas von der Beute entzogen würde. Als sie sahen, dass auch der Tempel brannte, steckten sie den Rest in Brand, damit kein Gebäude die Zerstörung des Tempels überdauere; sie meinten wohl, mit dem Tempel müsse die ganze Religion zugrunde gehen. Noch hatten die Juden jedoch ihre Treulosigkeit nicht abgelegt, die Ursache ihres großen Verderbens war. Denn als viele den Sinn darauf richteten, sich in geschlossener Reihe den Römern zu ergeben, begann ein gewisser falscher Prophet, aus der Verirrung seines Geistes heraus, ihnen einzugeben, dem Tempel werde die Hilfe des göttlichen Gottes nicht fehlen. Er rief das Volk zu sich, gleichsam zu einem Orakel: Sie sollten noch in seinem Tempel bleiben, gleich würden sie die Schlachtreihen des Feindes und die Feuersbrunst der Flammen zurückschlagen. So wurde das elende Volk, weil es dem unwahren Betrug gläubig vertraute, betrogen und hilflos niedergemetzelt. Hätten sie glauben wollen, so hatten sie sichtbare Zeichen der bevorstehenden Zerstörung, durch die sie wie durch klare Stimmen gewarnt wurden, dass ihr Ende nahe sei.
Denn fast ein Jahr lang brannte über dem Tempel selbst ein Komet, der gleichsam Feuer und ein Schwert erkennen ließ und mit Eisen und Feuer das kommende Verderben des Volkes, des Reiches und der Stadt selbst ankündigte. Was kündigte das Bild eines Schwertes anderes an als Krieg, und was das Feuer anderes als Brand? Zudem wurde er gesehen, bevor das Volk sich von den Römern lossagte. Gerade in den Tagen des Passah, am achten Tag des Monats Xanthicus und jede Nacht um die neunte Stunde, leuchteten der Tempel und sein Altar so hell, als wäre es Tag, und das hielt täglich fast eine halbe Stunde an. Die Menge deutete diese Erscheinung als Zeichen dafür, dass das Volk sich dort sammeln und dorthin getrieben werden solle, als sei die Zeit gekommen, seine Freiheit zurückzugewinnen. Die Verständigeren dachten das Gegenteil, weil eine solche Art von Stern Krieg anzukündigen pflegt. Auch soll niemand meinen, unser Volk habe etwas gesagt, das unserer Religion und Lehre fremd wäre. Denn erstens haben wir nicht hinzugefügt, was uns gut scheint, sondern was geschehen ist oder welche Meinungen damals bestanden: was die Weisen empfanden und was die Dummen. Auch wurde nichts aus den Lehren der Juden so gesagt, dass es den Anschein haben könnte, es sei von uns geschrieben, als würden wir in Wahrheit, nicht nur dunkel und in Bildern, erfinden, ihre Religion sei im Voraus gesandt worden, damit Vollkommeneres folgen könne. Denn über die Zeichen der Sterne werden wir auch in den Evangelien belehrt, dass es Zeichen an Sonne, Mond und Sternen gab. Sie behaupten ferner, bei der Geburt eines Kalbes sei, als das Opfertier vor dem Altar stand, mitten im Tempel ein Lamm geboren worden, während eben die religiösen Riten vollzogen wurden, die wir oben erwähnt haben. Auch die schwere innere Osttür, die gewöhnlich am Abend mit großer Anstrengung von zwanzig Männern geschlossen und mit eisernen Riegeln gesichert wurde, habe sich mehrere Nächte hindurch von selbst entriegelt und sei erst danach von den Wächtern kaum wieder geschlossen worden. Auch das hielten viele für ein Zeichen künftiger Wohltaten: Denen, die eintreten sollten, öffnete sich die Tür. Die Gelehrteren aber sagten, daran sei zu erkennen, dass der Schutz des Tempels gelöst sei: Alles, was drinnen war, werde von Feinden geplündert, der Gottesdienst werde erlöschen, Verwüstung werde einziehen, der Ruhm werde geleert, die Opfergabe vernichtet werden.
Schon zuvor, als sie Christus Jesus kreuzigten, lehrt die Erzählung deutlich, was dies bedeutete. Auch nach vielen Tagen erschien eine Gestalt von gewaltiger Größe, die viele sahen, wie es die Bücher der Juden berichtet haben; und vor Sonnenuntergang sah man plötzlich in den Wolken Wagen und bewaffnete Schlachtreihen, durch die die Städte von ganz Judäa und seine Gebiete überfallen wurden. Ferner erklärten die Priester bei der Feier des Pfingstfestes selbst, als sie zur Nachtzeit in das Innere des Tempels eintraten, um die üblichen Opfer darzubringen, sie hätten zuerst eine gewisse Bewegung gespürt und einen hervortretenden Laut vernommen, danach sogar eine plötzliche Stimme rufen hören: „Wir ziehen von hier fort. “ Auch Jesus, der Sohn des Ananias, ein Mann vom Land, stieg vier Jahre, bevor das Volk der Juden den Krieg begann, als in der Stadt großer Friede und Überfluss herrschten und das jüdische Laubhüttenfest mit freudigen Opfern gefeiert wurde, zum Tempel hinauf und begann zu rufen: „Eine Stimme vom Osten, eine Stimme vom Westen, eine Stimme von den vier Winden, eine Stimme gegen Jerusalem und gegen den Tempel, eine Stimme gegen Bräutigame und gegen Bräute, eine Stimme gegen das ganze Volk. “ Dies rief er bei Nacht und bei Tag. Dadurch beunruhigt, ergriffen ihn die vornehmen Männer des Ortes, erschüttert über die furchtbare Botschaft seiner Stimme, und setzten ihm mit vielen Strafen zu, damit er wenigstens durch diesen Schmerz bedrängt aufhörte, diese furchtbaren, von Vorzeichen erfüllten Worte auszusprechen. Doch weder aus Furcht noch durch Schläge noch durch schwere Drohungen erschreckt änderte er seine Gewohnheit oder seine Worte. Mit derselben Beharrlichkeit der Anklage und derselben Fügung der Worte, ohne irgendeinen Einschub einer Bitte, blieb er, unbekümmert um die Misshandlung, bei demselben Verhalten und ließ sich durch diese Behandlung nicht bewegen. Sie hielten ihn nicht für unbekümmert, sondern meinten, er müsse außer Verstand sein, wie er es auch war, und führten ihn zum Richter des Ortes, der damals für die Römer in diesen Gegenden die öffentlichen Angelegenheiten führte. Um die Wahrheit herauszufinden, ließ dieser ihn mit den schwersten Strafen zerfleischen, und je hartnäckiger er blieb, desto nachdrücklicher befahl er, den Mann mit Peitschen zu schlagen, damit er offenbare, ob er irgendwelche geheimen Hinweise auf einen künftigen Aufstand entdeckt habe. Er aber schrie weder noch bat er; bei jedem Schlag beklagte er schmerzlich nicht seinen eigenen Untergang, sondern den seines Vaterlandes und sagte: „Wehe Jerusalem. “ Auch als man ihn fragte, wer er sei, woher er komme und warum er immer dasselbe sage, gab er keine Antwort, sondern fuhr nur mit jener Klage und der elenden Beschwerde um sein Vaterland fort. So gab Albinus, denn so hieß der Mann, ermüdet auf und entließ ihn als geistesverwirrt und als einen, der nicht verstand, was er sage. Er aber hatte in der ganzen übrigen Zeit, in der man ihn hörte, mit niemandem ein Gespräch und sagte auch nichts anderes, sondern ließ Tag und Nacht dieses traurige und totenklagende Lied unaufhörlich erklingen: „Wehe Jerusalem. “ Weder machte er jemandem Vorwürfe, der ihn schlug, noch dankte er jemandem, der ihm Nahrung gab.
Allen und besonders bei den Opferfeiern gab er stets ein und dieselbe Antwort, voll wilder Schreie. So blieb sieben Jahre und fünf Monate lang dieselbe Folge von Worten, derselbe Klang seiner Stimme. Und nachdem er so lange nicht ermüdet war, hörte er, als die Belagerung begann, auf, dasselbe auszurufen, als müsse das Ausrufen enden, sobald das eingetreten war, was angekündigt worden war. Als aber das Feuer Stadt und Tempel gleichermaßen zu erfassen begann, ging er rings um die Mauer und begann von Neuem zu rufen: „Wehe der Stadt und dem Volk und dem Tempel. “ Zuletzt fügte er hinzu: „Wehe auch mir“, und von einem Geschoss getroffen gab er mit diesen Worten sein Leben hin. Auch in der alten Literatur stand geschrieben, dass auch die Stadt selbst samt dem Tempel dann zugrunde gehen werde, wenn der Tempel viereckig gemacht worden sei. Ob sie es nun vergaßen oder durch die Unausweichlichkeit der drohenden Übel wie betäubt waren: Als Antonia eingenommen wurde, machten sie den Umkreis des Tempels viereckig. Unter diesen Zeichen ragte jenes am meisten hervor, das ebenfalls in der alten Literatur, die sie heilig nannten, eingeprägt geblieben war: Nach jener Zeit werde ein Mann kommen, der aus ihrem Gebiet die Herrschaft über die ganze Welt übernehmen werde. Diese Sache versetzte sie in große Raserei, weil ihnen nicht nur Freiheit, sondern sogar ein Königreich verheißen wurde. Während einige meinten, dies müsse auf Vespasian bezogen werden, bezogen die Verständigeren es auf den Herrn Jesus, der, im Fleisch aus Maria in ihrem Land geboren, sein Reich über den ganzen Raum der Welt ausbreitete. Obwohl so Großes dies vorausverkündete, konnten sie also dem nicht entgehen, was vom Himmel beschlossen war.
Als also die Urheber des Aufstands flohen, während der Tempel brannte, stellten die Römer ihre Feldzeichen innerhalb der Mauern des Tempels selbst auf und riefen Titus am östlichen Tor als Imperator aus, wobei sie dies mit lautester Stimme verkündeten. Unterdessen bat ein Junge an jenem Ort, wo die Priester noch waren und wo Wassermangel und die Hitze des nahen Feuers sie mit Durst quälten, einen der römischen Wachen, ihm seine rechte Hand zu reichen, um ihm etwas zu trinken zu geben. Aus Mitleid mit seinem Alter und ebenso mit seiner Not streckte er sie ihm sofort entgegen. Der kleine Junge trank; und weil man ihn wegen seines harmlosen Alters sorglos eingeschätzt hatte, ergriff er das Wassergefäß und eilte davon, um den Priestern einen Vorrat zum Trinken zu verschaffen. Der Soldat wollte ihn verfolgen, konnte ihn aber nicht einholen. Jener linderte auf eigene Gefahr den Durst der Priester. Diese gute List, die niemandem schadete, kam der Not zu Hilfe. Schließlich bewunderte der Soldat selbst mehr die Haltung des Jungen, als dass er seine Täuschung verabscheute, weil dieser in jenem Alter, beim Untergang der ganzen Stadt und in der gemeinsamen Gefahr, die den Priestern geschuldete Ehrfurcht durch den Dienst, den er leisten konnte, nicht verschwieg. Nicht viel später baten die Priester, schließlich von Hunger und Durst überwältigt, um ihr Leben; Titus aber befahl, sie zu töten, und antwortete, sie seien eines unwürdigen Sinnes, weil sie den Tempel und ihr Amt überleben wollten.
Als ferner Iohannes, Simonis und die übrigen Anführer der Aufstände baten, er solle das Schleudern der Wurfspieße und den Lärm für kurze Zeit einstellen lassen und ihnen Gelegenheit zum Sprechen geben, verweigerte er dieses Zugeständnis nicht. Nachdem Stille eingetreten war, antwortete er ihnen so: „Zu spät ist jetzt die Zeit für Erbarmen, ihr Verdorbenen, da schon nichts mehr übrig ist, was noch zu retten wäre. Es wurde euch angeboten, und ihr habt es verachtet; ihr hieltet es nicht für ein Zugeständnis, sondern für mangelndes Vertrauen. Ich aber seufzte darüber, dass unschuldige Gebäude durch eure Bosheit zugrunde gehen würden; ich trauerte, dass das einfache Volk zum Tod gezwungen wurde; ich wollte Nachsicht üben, doch ihr habt es nicht zugelassen. Ich hielt den Kampf auf, ihr stürmtet vor. Ich bot Frieden an, ihr nahmt ihn nicht an. Ich rief euch oft auf, ich kam euch wiederholt entgegen; ich schäme mich nicht zu sagen: Durch mein Bitten habe ich euch nur überheblicher gemacht. Was habt ihr euch gedacht? Dass die römischen Truppen euch weichen würden und ihr mit eurer Menge ein Heer umzingeln könntet, das über alle Länder gesiegt hat? Welcher Teil von euch hat denn gekämpft, wenn schon eure Gegend der Gesamtheit nicht standhalten konnte und auch die schwierigen Engpässe es nicht zuließen? Größere Sorge bereitete es uns, unsere Welt zu schützen, als sie zu erweitern. Wohin wir auch gehen, ist nichts neu, nichts fremd für uns, denen die ganze Welt Besitz ist. Dieses Räuberunwesen hielten wir für ein Geschwür, das lange im Körper verborgen war; endlich herausgefordert, glaubten wir, es müsse entfernt werden, damit euer Ungehorsam und eine gewisse Finsternis den Glanz des römischen Reiches nicht entstellen. Römische Macht habt ihr nicht im Kämpfen, sondern im Sterben erfahren. Denn wir sehen eure Truppen nicht auf dem Feld, sondern auf der Mauer, da euch nicht einmal eine Ummauerung als Schutzmittel für eure Sicherheit nützte. Denn welche Mauer hält die auf, die der Ozean nicht aufhält? Oder welche von Mauern umschlossene Stadt wäre für unsere Belagerung uneinnehmbar, da die Waffen der Römer auch zu den Britanniern vorgedrungen sind, die von einem tobenden Element ummauert werden? Ausgebreitet unter uns liegt jener steile Wasserberg. Die Woge des Roten Meeres, die, wie die Erzählungen Judäas berichten, eure Väter beim Durchzug wie eine Mauer umwallte, diese Mauer des Ozeans hat römische Tapferkeit niedergerissen. Ich beneide euch nicht um die Gunst eines anderen. Das Meer sah euch und floh12 Psalmen 113:3, damit ihr, dem Feind entzogen, fliehen konntet, da ihr den Feind weder durchbrechen noch zurückhalten konntet. Für uns wäre die Flucht des Ozeans eine Kränkung gewesen, wenn er geflohen wäre. Noch vor dem Krieg kämpften wir mit den Wellen; wir überwanden das rasende Meer, bevor wir beim Feind ankamen. Britannien nahm uns schon als Sieger über die Elemente auf. “
Die, auf die sie vertrauten, haben wir bezwungen, sodass selbst der Ozean zur Vollendung des Triumphs beitrug. Vielleicht aber vertraut ihr auf die Kraft des Körpers. Seid ihr denn stärker als die Germanen, die römische Tapferkeit, obwohl sie durch die Mauer der Alpen geschützt waren, in die Knechtschaft führte? Oder stärker als jene, die den Bergen am Abhang des Taurusgebirges gleichen, oder als die verweichlichten Heere der Ägypter, mit denen ihr zu kämpfen gewohnt seid? Wir stiegen über die Wolken hinauf, und von den Wolken herabsteigend besiegten wir das Volk; wir öffneten allen den luftigen Weg. Wir beneiden euch nicht um die Wassergegenden, sofern jene den Triumphierenden, diese aber den Flüchtenden gehören. So sinken die Berge vor römischer Tapferkeit nieder; Flüsse, deren Lauf versiegt ist, den die Natur gewiesen hatte, wichen dorthin aus, wohin die Sieger befahlen. Euer Jordan ist umgekehrt, wie ihr sagt, und kehrt zu seiner Quelle zurück, um euch einen Weg zu bieten. Die römische Jungfrau Cloelia bedurfte dessen nicht; sie sprengte die Fesseln, entkam dem Feind und gelangte im Wettlauf mit dem Fluss ins römische Lager. Auch staunen wir nicht über eure Feuer, aus denen hebräische Knaben entkommen seien, wie ihr in großen Liedern auszurufen pflegt. Unser Mucius legte, ohne dass jemand ihn zwang, seine Hand ins Feuer und zog sie nicht zurück, bis er, als Sieger über das Feuer, durch das Wunder seiner Tapferkeit, die die Flammen nicht spürte, den Feind beschämte. Schließlich baten die um Frieden, die auf einen Triumph gehofft hatten. Und haben euch wirklich jene himmlischen Wesen Speise und das Fleisch der Flüsse gegen römische Tapferkeit hervorgebracht? Ihr hättet vielmehr bedenken müssen, dass selbst Afrika, die Ernährerin der Welt, durch römischen Mut unterworfen worden ist. Uns dient, was alle ernährt; in unserer Gewalt steht sowohl der Hunger aller als auch die Nahrung der ganzen Welt. Was die Natur allen gegeben hat, hat römische Tapferkeit zu ihrem Eigentum gemacht. Sie besiegte Hannibal selbst und zwang ihn ins Exil, ihn, den sie nicht aus der ganzen Welt gefangen nahm, für den Afrika zu eng war, Spanien nicht geeignet schien, um dort zu verweilen, Gallien zu beengt, um es zu durchziehen, Italien aber eines Freundschaftsvertrags und einer Bundesgemeinschaft unwürdig. Mögt ihr auch verwerfen, wofür der Blitz für euch gekämpft hat, wofür die himmlischen Mächte gekämpft haben: Wir haben Hannibal besiegt, der auf dem Blitz ritt und mit den Stürmen der Welt selbst donnerte. Die Welt erbebte, und er schlug mit Waffen gegen unsere Mauern. Auch war es keineswegs nötig, dass unsere Feinde wie eure Assyrer im Schlaf getötet wurden, sondern im Kampf. Denn nicht im Schlaf sucht man den Sieg, sondern in der Schlacht; es ist kein Preis der Tapferkeit, wenn er durch zufällige Gunst gewonnen wird. Unsere Feinde stürzten nicht, durch das Rot der Wasser getäuscht, die beim Aufgang der Sonne zurückstrahlten, unbesonnen auf unsere Truppen, weil sie beim Anblick des weithin vergossenen Blutes meinten, wir seien getötet worden; vielmehr bedeckten sie, verständig und zum Kampf gerüstet, die Felder mit ihren Leibern und füllten sie wieder mit ihrem eigenen Blut. Welche Tapferkeit hat euch zu so großer Anmaßung gebracht?
Habt ihr nicht gesehen, wie jene euch dienten, die euch beherrscht hatten? Ägypten, das gewohnt war, euch zu demütigen, zahlt euch jährlichen Tribut und eröffnet den Weg zu den Gebieten Indiens, über die Welt hinauszugehen und eine andere Welt zu suchen, die Geheimnisse des Sonnenmeeres, die äußersten Weiten des Ozeans und die Bewohner einer anderen Welt unserem Reich anzuschließen. Was nun? Hat Antiochus, der euch mit schwerem Leid bedrängte und euch sogar das Recht auf Religion nahm, nicht über ein Reich geherrscht, und haben wir euch nicht eben dieses Recht zurückgegeben, weil wir es für ruhmvoller hielten, über Könige zu herrschen, als ein Königreich aufzurichten? Hat nicht Antiochien selbst, der Sitz eurer Herren, die eigenen Herren entschieden verworfen und uns zu Herren gewählt? Seid ihr nicht selbst zu uns geflohen, um ihnen als Herren zu entgehen? Haben wir euch nicht aufgenommen und gegen sie verteidigt? Wir haben euch geschützt, damit ihr nach euren Gesetzen leben konntet; wir haben euch die Freiheit gegeben, eurer Religion ergeben zu sein. Wir wollten eure religiösen Bräuche verstehen, aber wir haben sie geachtet; danach meintet ihr, euch erheben zu müssen. Pompeius nahm den Tempel ein, zerstörte ihn aber nicht; er bemächtigte sich der Stadt, bewahrte sie aber; alle Heiligtümer ließ er unberührt. Dafür, ihr dankbaren Bundesgenossen, habt ihr uns diesen Lohn erstattet, dass ihr zum dritten Mal Krieg geführt habt. Nero musste verachtet werden; doch die römische Macht ging nicht in einem einzigen Mann auf, sondern hatte den Soldaten Vespasian, der die Gallier bereits zum Frieden zurückgerufen hatte, der im Kampf so stark war, dass durch ihn sogar Nero Erfolg hatte, durch ihn Nero seinen Feinden furchtbar war. Er blieb seinem Herrn treu, sodass er allein nicht nach der Herrschaft strebte, die er allein verdiente. Aber Cestius hatte Anstoß erregt. Es hätte sich gehört, den Streit aufzuschieben, nicht zu den Waffen zu greifen. Mein Vater Vespasian wurde gesandt; unerwartet konnte er über die Unvorbereiteten hereinbrechen. Er zog durch Galiläa, er verwüstete weite Gebiete, damit ihr eure Anmaßung ablegtet und um Verzeihung bittet. Er bewies Tapferkeit, und als er alle eingeschlossen hielt, ging er nach Ägypten, um denen, die zur Vernunft kamen, einen Waffenstillstand zu gewähren. Unsere Abwesenheit machte euch anmaßender, weil ihr meintet, wir seien beschäftigt; doch wir waren niemals so beschäftigt, dass wir der Welt fern gewesen wären. Denn auch abwesend waren wir gegenwärtig, und aus der Ferne aufgestellt, nahmen wir eine nähere Stellung ein. Denn wie die Seele im Körper alle seine Glieder lebendig macht, so ist die römische Voraussicht in allen Teilen ihres Reiches gegenwärtig und lenkt die ganze römische Welt, als wäre sie anwesend. Wenn aber jeder Seele jene göttliche Kraft die Macht gibt, den Körper zu leiten, wie viel mehr dem römischen Lebensmut, durch den, wie wenn er einer wäre, der Körper unseres ganzen Reiches beseelt wird; er stellte eine gewisse Hilfe bereit, seine Lebensorgane zu schützen. So habt ihr den Krieg erneuert, der unterbrochen war. So trennte mich mein Vater, als er in die Stadt Rom aufbrach, die den Tyrannen wieder entrissen werden sollte, von seiner Gemeinschaft, damit euch kein Vollstrecker seines Auftrags fehlte. Ich kam zu einem Krieg, der dem Schein nach dahinschwand, dem Eindruck nach um Frieden bat. Wie oft habe ich das Heer von euren Mauern zurückgerufen? Wie oft habe ich mich aus dem inneren Heiligtum eures Tempels zurückgezogen? Wie oft habe ich Brände gelöscht?
Wie oft habe ich euch gewarnt? Doch ihr habt niemals gehört. Jetzt endlich bittet ihr, als bliebe nun noch irgendetwas von dem übrig, was bereits verzehrt ist? Dennoch rufe ich die Soldaten von Mord, Brand und Plünderung zurück. Was wollt ihr? Warum steht ihr noch bewaffnet da, als wolltet ihr Bedingungen stellen und nicht empfangen? Wenn ihr Übergabe sucht, legt die Waffen nieder und fürchtet die Sieger nicht länger. Doch ihr seid stolz in der Niederlage und voller Überheblichkeit, sodass ihr bewaffnet bittet, als zweifeltet ihr an unserer Treue, oder, indem ihr mit Krieg droht, noch Gewalt herausfordert. Das Volk ist vernichtet. Der Tempel brennt, wir halten die Stadt. Wenn ihr überlebt, worauf hofft ihr noch, außer dass euch das Leben geschenkt wird? Legt also die Waffen nieder wie Besiegte; ich werde euch das Leben gewähren, obwohl ihr es nicht verdient, denn ihr habt euch geweigert, das Eure samt euch selbst zu retten. “ Da begannen sie darum zu bitten, er möge ihnen, die durch Eid gebunden seien, sich zu keiner Zeit den Römern zu ergeben, erlauben, durch die Mauer hinauszugehen; sie würden mit ihren Familien in die Wüste ziehen und die Stadt den Römern überlassen. Darüber noch mehr erzürnt, sagte Titus: „Selbst jetzt stellt ihr uns Bedingungen? Verteidigt vielmehr euer Vaterland, steht beim Tempel bereit, erhebt euch mit all eurer Tapferkeit, haltet den Eid auf den Tod, weil ihr das Leben verworfen habt. “ Zugleich befahl er den Römern, sich zu erheben, um die Feinde zu töten. Viele begannen zu wanken, zur großen Entrüstung der Sieger. Die Söhne des Königs Iaza jedoch ergaben sich mit seinen Brüdern, und viele aus dem Volk mit ihnen. Titus aber nahm, obwohl zum Zorn gereizt, sein Angebot mit Rücksicht auf die Königshöhe nicht zurück, sondern nahm die Flüchtenden auf. Daraus gewann er allein den Nutzen seines Pflichtgefühls, der doch der größte ist. Denn die Urheber des Aufstands rissen die ganze Beute des Königshauses an sich, sodass nichts davon den Römern zukommen sollte.
Zur selben Zeit jedoch, als ein Angriff erfolgte und sie in den königlichen Hof eindrangen, griffen sie zwei römische Soldaten an; einen von den Fußsoldaten töteten sie, ein Reiter aber verlangte, zu Simon gebracht zu werden, und behauptete, er habe etwas, von dem er andeutete, es werde dem Anführer des Aufstands im Gedächtnis bleiben. Als er jedoch zu ihm geführt worden war und allerlei Unglaubwürdiges vorbrachte, wurde befohlen, ihn zu töten. Während der Henker zögerte, riss er sich, die Augen bereits mit einer Binde verbunden, los und floh zu den Römern, die ihn im Nahkampf empfingen, als er zu ihnen flüchtete. Titus ließ ihn zu sich führen, hielt ihn aber des Todes eines Mannes unwürdig, weil er lebend vom Feind gefangen werden konnte; er ließ ihn seiner Waffen entkleiden und aus dem Dienst entlassen, wobei ihm das Leben belassen wurde, das er durch die Untätigkeit des Feindes nicht verloren hatte. Den Eid des Kriegsdienstes nahm er ihm, weil er sich als Gefangener ergeben hatte; als Überläufer wurde er entehrt. Das war für ihn die größte Strafe, denn unter den Menschen gibt es im Kriegsdienst sogar Schmach, die schlimmer ist als tödliche Wunden. Die Juden aber wurden sogleich zurückgedrängt und zogen sich in den oberen Teil der Stadt zurück, nachdem die Verteidigung des Tempels und der Stadt aufgegeben worden war. Gegen die Zurückgebliebenen wurde ein großes Blutbad angerichtet; die Wege füllten sich mit Leichen und Halbtoten. Nun befahl Caesar auch, die Kriegsmaschinen zu den Höhen hinaufzubringen. Als die Idumäer das sahen, wählten sie Männer aus, die sie zu Titus schicken wollten, damit diese ihn um Übergabe baten. Als Simon davon erfuhr, kam er dem zuvor und fing die Männer ab, die für die Bitte um Übergabe ausgewählt worden waren. Die Idumäer aber ergaben sich nicht viel später, obwohl sie von der Hilfe ihrer Anführer enttäuscht waren und den Angriff nicht länger aufhalten konnten, dem römischen Heer. So bewirkten zuerst der Hunger und schließlich die Verzweiflung am Widerstand die Übergabe. Auch die Römer, schon ermüdet von dem großen Blutvergießen, verweigerten die Gewährung des Lebens nicht; in ihrem Eifer, gefangene Sklaven zu verkaufen, beeilten sie sich, deren Leben zu retten. Es gab viele zum Verkauf, aber wenige Käufer, denn die Römer weigerten sich, Juden als Sklaven zu halten, und es waren keine Juden mehr übrig, die die Ihren freikaufen konnten, da jeder sich glücklich schätzte, wenn er, wenn auch mittellos, entkommen war. So ergaben sie sich überall, nachdem die Furcht gewichen war; soweit die Räuber abwesend waren, verschonten die Römer sie.
Schließlich ergab sich Jesus, einer der Priester, der Sohn des Thebutus, freiwillig, nachdem ihm Sicherheit zugesagt worden war; und er lieferte Gefäße für den priesterlichen Dienst aus, zwei Leuchter, Tische, Becken und Schalen und alle goldenen Gefäße, dazu die Vorhänge und die mit Edelsteinen besetzten Gewänder der führenden Priester. Auch Fineas, der Schatzmeister, wurde ergriffen; er zeigte große Mengen purpurner und scharlachrot gefärbter Stoffe und vieles andere von den Priestern, das für den Gebrauch aufbewahrt wurde. Zugleich übergab er Zimt, Kassia und viele Gewürze und Räucherwerk, auch viele Gefäße der Sakramente und die heiligen Gewänder, jedoch aus Furcht gezwungen; unter seinem eigenen Volk war dies ein Verbrechen, das den Verkauf als Sklave verdiente. Doch obwohl der Wille fehlte, hätte die Macht nicht fehlen dürfen. Freilich urteilen wir gewöhnlich strenger, als wir selbst vermeiden könnten, wenn wir in solcher Not lebten; wer zum Diener und Beweis des Verrats gemacht wird, vor dem müssten wir davonlaufen.
Schon waren die Wälle aufgerichtet, und die Sturmböcke hatten begonnen, die höhere Mauer zu treffen. Am siebten Tag des Monats, den sie Gorpieum nennen, kam es zum Ende: Die Anführer der Parteien selbst, verwirrt und erschrocken, dieselben, die sich in äußersten Gefahren noch überheblich gebärdet hatten, fielen jeder für sich auf die Knie und flehten um Hilfe. Man erkannte, wie beklagenswert der Umschlag war: von jenem furchtbaren und hochmütigen Gipfel hinab in diese niedrige, plebejische Erniedrigung, in Tränen des Weinens aus Angst. Noch hatte die Mauer der Oberstadt nicht nachgegeben, da liefen sie schon einzeln umher und klagten, es sei keine Besatzung mehr übrig; sie meinten, der Feind sei eingedrungen, und vielen schien es, sie sähen die Römer schon von den höher gelegenen Stellen her kämpfen. Was der Sinn fürchtete, bildeten die Augen aus, und die Angst im Innern wurde zur Erscheinung dessen, was man sah. Schließlich hielten sie es für gewiss, dass der Feind ihnen schon im Nacken saß, obwohl ihnen die drei Türme Mariamne, Fasaelus und Equestris, die viel stärker waren als die übrigen, noch geblieben waren; sie verließen die Höhen und flohen in unterirdische Keller oder verborgene Höhlen. Iohannes aber, nicht viel später durch Hunger abgemagert und vom Fasten geschwächt, übergab sich Caesar. Dieser verschonte ihn für den Triumph, ließ ihn jedoch in dauernde Ketten legen, die er bis zum Tod tragen musste; nachdem er mehr den Lebensgeist als den Willen zu leben bewährt hatte, entging er dem Beil des Henkers. Simon dagegen verbarg sich noch inmitten der Trümmer der ausgebrannten Stadt und hielt sich mit wenigen treuen Anhängern in unterirdischen Kammern versteckt.
Caesar war bereits aus der verbrannten Stadt abgezogen, weil er annahm, Simon sei wohl vom Feuer verzehrt, bei einem Einsturz zermalmt oder von irgendeinem Soldaten getötet worden. Dieser aber grub, solange Nahrung vorhanden war, in einem ausgehobenen Schacht weiter. Als jedoch die Vorräte zu Ende gingen und sich kein Ausweg zur Flucht zeigte, kroch er plötzlich aus der Erde hervor, über seinen Kleidern mit einem weiß-purpurnen Gewand bedeckt, um die, die ihn sahen, in Schrecken zu versetzen. Den bestürzten römischen Soldaten befahl er als Erstes, sie sollten ihn zu ihrem Befehlshaber bringen. An diesem Ort befand sich Rufus Terentius, den Titus als Präfekten der Soldaten zurückgelassen hatte. Als dieser herbeikam, fragte er ihn zuerst unter anderem, wer er sei; danach bekannte er, Simon zu sein. Daraufhin wurde er zu Caesar geschickt und für den Triumphzug aufbewahrt. Weil er aber gegen die Bürger grausam vorgegangen war und sich Caesar nicht selbst übergeben hatte, wurde er nach der Feier des Triumphs zum Tod verurteilt. Am achten Tag des Monats Gorpieium wurde die Stadt vollständig verbrannt. Unzählige Tausende wurden während der ganzen Zeit der Belagerung getötet, die meisten geben neunzig Myriaden an, alles Juden, jedoch nicht alle aus derselben Gegend und demselben Ort; denn sie waren von überall her zur Zeit der Passahfeier dort zusammengekommen. Siebenundneunzigtausend Gefangene wurden weggeführt; fast alle Räuber wurden sofort getötet, die Stärksten aber wurden im Triumphzug mitgeführt und danach den wilden Tieren vorgeworfen oder in fast allen Städten, die Titus auf seinem Weg durchzog, anderen Strafen übergeben, damit er durch die Bestrafung der Aufstände Schrecken unter allen verbreitete.
Zur selben Zeit wurden die Alanen, ein wildes und lange unbekanntes Volk, wegen der schwer zugänglichen Lage ihres Binnenlandes und wegen der Sperre des eisernen Tores, das Alexander der Große auf dem Gipfel des steilen Gebirges errichtet hatte, zusammen mit anderen wilden und grimmigen Stämmen im Innern zurückgehalten. Sie wohnten am skythischen Tanais und in seiner Nachbarschaft sowie an den Maiotischen Sümpfen, gleichsam wie in ein Gefängnis eingeschlossen. Man erinnert sich an die Begabung ihres Königs: Damit sie ihre eigenen Äcker bebauten, unternahmen sie keine Raubzüge gegen andere. Doch sei es wegen der Unfruchtbarkeit des Ortes, weil die Ertragskraft die Wünsche eines habgierigen Landmanns nicht mit den erhofften Erträgen erfüllte, sei es, weil sie den König der Hyrkanier, der für diesen Ort zuständig war, durch die Lust am Plündern aufstachelten, unsicher wegen der Stämme, des Lohns und der Zwietracht unter ihnen, würde ihnen ein unversperrtes Tor die Gelegenheit zu einem Ausfall geben. Als dies erreicht war, stürzten sie sich in kurzer Zeit mit schnellen Pferden auf das unvorbereitete Volk der Meder; andere Pferde waren ebenso an ihre rechten Hände gebunden, und auf diese sprangen sie abwechselnd, wenn es ihnen beliebte. Sie überrannten fast die ganze Gegend, sodass sie zunächst alles in Verwirrung brachten und den Anschein einer großen Menge erweckten, gegen die keine Fluchtmöglichkeit offenstand; dann, als alle eingeschlossen waren und sie so viel Blutvergießen angerichtet hatten, wie sie wollten, führten sie ihre Beute weg. Denn dies war eine dicht bevölkerte und an Vieh reiche Gegend, die sich, weil niemand Widerstand leistete, leicht der Plünderung öffnete. Pacorus selbst, der König der Meder, zog sich denn auch zu seiner Sicherheit an verborgene Orte zurück, statt für das Reich Sorge zu tragen; die Folge war, dass seine Frau, seine Kinder und seine Nebenfrauen, die von den Alanen gefangengenommen worden waren, später für hundert Talente losgekauft wurden. Auch Tiridates, der König Armeniens, blieb von der Gefahr nicht ausgenommen; doch wachsamer gegenüber fremdem Unheil sah er den Überfall voraus und wollte ihm sogar entschieden entgegenziehen, um den Feind von seinen Gebieten abzulenken. Während er jedoch kämpfte und mit einer Schlinge gefangen wurde, wäre er lebendig in die Gewalt des Feindes geraten, wenn er nicht rasch mit geschärftem Schwert den unförmigen Knoten durchtrennt hätte. Denn mit einer gewissen Anmaßung ihrer eigenen Tapferkeit und hochmütiger Verachtung für andere geben sie zugleich mit großer List vor, der Fernkampf und die Gelegenheit zur Flucht seien ihnen eine vertraute Kampfweise; die Kunst der Alanen aber und ihre Art zu kämpfen besteht darin, Schlingen zu werfen und ihren Feind zu fesseln.
So floh Tiridates, dem es genügte, entkommen zu sein. Sein Königreich aber ließ er der Plünderung preisgegeben zurück. Denn gleichsam wie nach einem erlittenen Unrecht, weil er es gewagt hatte, ihnen entgegenzutreten, verwüsteten sie Armenien noch heftiger als das Reich der Meder. So zogen sie mit der Beute aus jedem reichen Königreich in ihr eigenes Land zurück. Als Titus von ihrem Einfall erfuhr, reiste er nach Antiochien, jedoch langsam, wie es einem zukam, der einen Triumph feierte; dabei verbarg er den Grund und entfaltete in jeder Stadt den Siegespomp. In der Arena wurden Juden getötet; wohin er auch kam, wurden sie von wilden Tieren zerrissen und empfingen den gebührenden Lohn der Rebellion. Auch das heidnische Volk von Antiochien erhob aus altem Hass Klage gegen sie, weil die Könige der Perser den Synagogen von Antiochien jene Gaben überwiesen hatten, die sie nach dem Recht des Sieges von der Stadt Jerusalem beansprucht hatten, und darüber hinaus auch anderes aus ihrem eigenen Besitz geschenkt hatten. So weckte der aufgehäufte Reichtum leicht Neid. Denn, um jetzt zu übergehen, was rivalisierende Priester gegen die Makkabäer betrieben und dass, wie wir früher erwähnt haben, der Wunsch nach einem großen Blutbad unter den Bürgern bestand: Später trat Antiochus auf, nicht aus dem einfachen Volk, sondern aus Gewohnheit zum Verbrechen verdorben; nachdem behauptet worden war, die Juden hätten sich verschworen, die Stadt Antiochien durch Feuer zu zerstören, zwang er seinen eigenen Vater, der zu den Ersten unter den Juden gehörte, und viele andere, die durch diesen Angriff der heidnischen Menge beschuldigt wurden, in den Tod. Und nicht gesättigt von diesem Mord und dem Blutbad an vielen, gab er keine Ruhe; sondern als er später ebenfalls einen Vorwand fand, weil danach zufällig durch einen Brand ein überdachter Säulengang derselben Stadt, ein öffentlicher Platz und ein großer Teil der Gebäude verbrannten, begann er erneut, unter dem Trug der schon erwähnten Verschwörung die Juden zu beschuldigen und sie anzugreifen. Und er hätte beinahe alle niedergemacht, wenn ihn nicht die Furcht zurückgehalten hätte, dem ankommenden Titus könne die Nachricht nicht verborgen bleiben und der Caesar werde durch die rechtswidrig unternommene Bestrafung so vieler zum Zorn gereizt. Das war für die Juden die Rettung.
Auch bei Masada sammelten sich viele Juden im Vertrauen auf die Befestigung des Ortes. Titus hielt es, da er die oberste Heerführung innehatte, für unter seiner Würde, selbst die Aufgabe zu übernehmen, sie anzugreifen, und übertrug sie Silva, dem er in diesen Gegenden die größere Aufgabe des römischen Militärs anvertraut hatte: Vorsorge zu treffen, damit nicht erneut etwas von Aufruhr entstehen sollte. Er selbst eilte nach Alexandria und setzte von dort mit dem Schiff nach Rom über. Silva verfolgte die ihm auferlegte Aufgabe mit Sorgfalt und zerstörte die Mauer von Masada mit dem Rammbock. Im Innern hatten sie sie aus Holz errichtet, weil das Mauerwerk den Schlägen solcher Belagerungsmaschinen nicht leicht nachgeben würde. Die Römer aber änderten die Kampfweise und schleuderten Feuer hinein; es haftete leicht am Holz und gewann ohne jede Verzögerung an Kraft. So entstand ein gewaltiges Tosen des groß angewachsenen Brandes. Zuerst wurde die Flamme durch den Hauch des Nordwinds von Teilen der Befestigung zurückgetrieben und verbrannte stattdessen die Schutzdächer der Römer; dann aber erhob sich der Hauch des Südwinds und wandte sie gegen die Festung zurück, sodass, nachdem das Material verzehrt war, alles verbrannte, was von jener hölzernen Mauer Widerstand bot. Da die Nacht hereingebrochen war, zogen sich die Römer, des Sieges sicher, ins Lager zurück, um am folgenden Tag jene zu besiegen, die schutzlos und jeder Hilfe beraubt waren. Damit aber niemand entkommen konnte, umstellten sie die Festung mit Wachposten.
Als nun alles verloren schien und Eleazarus, der Urheber des Aufruhrs, keine Hilfe mehr übrig sah, hielt er diese Rede, die wir als traurigen Abschluss zur Vollendung des Werkes nicht mit rhetorischem Aufwand übergehen wollten: „Was sollen wir tun, Männer aus Abrahams Geschlecht, königlicher Stamm, unbesiegbar durch priesterliche Gunst? Denn nicht am Ausgang des Sieges, der oft ungewiss ist, sondern an der Standhaftigkeit der Lebensführung zeigt sich der Charakter. Daraus darf man schließen: Dass der Feind uns unterwirft, ist Schicksal; eure Gesinnung nicht zu ändern, ist ein Werk des Mutes. Mit Recht also habe ich euch unbesiegbar genannt, wenn euch keine Todesfurcht besiegt hat. Doch nicht so hat Vater Abraham euch unterwiesen: An seinem einzigen Sohn lehrte er, dass ihm nicht der Tod, sondern Unsterblichkeit bestimmt war, wenn er für seine Religion geopfert wurde. Was soll ich von Iosias sagen, über den hinaus niemand ein besserer Deuter der Religion war, ein Verächter des Todes, ein Kämpfer für die Freiheit? Er stand auf jener königlichen Höhe, er, dem es erlaubt war, den Tod aufzuschieben; weil er aber sah, dass wegen schwerer Sünden dem Volk Israel Gefangenschaft bevorstand, verwickelte er sich in einen fremden Krieg und floh aus dem Leben. Nechao rief aus: „Ich bin nicht gegen dich gesandt, sondern gegen den König von Israel. “ Er aber wich nicht zurück, bevor er den tödlichen Pfeilschuss erlitt. Von dieser Wunde besiegt, ist er uns ein Hinweis darauf, was im Krieg mehr gilt: Verdienst oder Zufall. Iosias, der Wiederhersteller der heiligen Riten, wurde besiegt; Nechao, der ruchloseste von allen, gewann. Doch der Besiegte ist jetzt bei den Engeln, der Sieger in Qual. Denn wer weiß nicht, dass der Lohn für die Menschen nicht in diesem Leben aufbewahrt ist, sondern nach Vollendung dieses Kampfes? Denn wir laufen darauf zu, dort zum Siegespreis zu gelangen: hier der Kampf, dort der Lohn. Darum liegt hier kein Vorzug in einem langen Leben. Abel starb schnell, Cain blieb am Leben. So gab es den Tod für die Unschuld und Mühsal für das Leben. Daher sind wir zu demselben Schicksal gelangt: Leben wäre Elend, Sterben wäre Seligkeit. Denn was ist das Leben anderes als ein Gefängnis für die Seele, die in diesem Kerker eingeschlossen ist und einem fleischlichen Gefährten anhängt? Durch dessen Schwächen wird sie erschüttert, durch dessen Mühe bedrängt, durch dessen Zorn ermüdet, durch dessen Begierden entflammt; sie wird vom Wahnsinn gequält und kann, an die Erde gebunden, sich nicht leicht erheben, vermischt mit Staub, gebunden mit Ketten, verstrickt in Fesseln. “
Nicht gering aber ist die Macht, die den Körper lebendig macht und in empfindungsunfähige Materie die Kraft des Empfindens eingießt; die Seele verleiht dies jedem unsichtbar, beherrscht den ganzen Menschen und trägt ihn über menschliche Schwachheit hinaus, sodass sie Erkenntnis der himmlischen Geheimnisse ergreift, während sie den Geist auf das Künftige ausrichtet. Und so wird sie nicht gesehen, nach dem Bild und Gleichnis ihres Lenkers, denn sie befindet sich im Körper; sie wird nicht mit den Augen des Körpers wahrgenommen, und weder ihr Eintritt noch ihr Austritt wird durch irgendeinen Blick erfasst. Sie stellt das Abbild einer göttlichen Gabe dar: Wenn sie eintritt, gießt sie Leben ein; wenn sie sich vom Körper zurückzieht, bewirkt sie den Tod. Wo die Seele ist, dort ist Leben; wo sie fehlt, dort ist Tod. Was immer sie besucht hat, wird geweckt; was immer sie verlassen hat, löst sich sogleich auf und schrumpft unverzüglich dahin. Der Tote erhebt sich durch das Einströmen der Seele; der Lebende wird durch ihr Weggehen des Lebens beraubt. Wer zweifelt also daran, dass in ihr gleichsam die Wirkung der Unsterblichkeit zu liegen scheint, deren Kraft es ist, den Tod abzuwenden? Das aber ist eine Last für sie, auch wenn es einem anderen zum Vorteil gereicht; und was sie dem Körper gibt, nimmt sie sich selbst. Denn durch jenen sterblichen Körper wird sie schwer gemacht und neigt sich gleichsam zur Erde. So ist das Leben des Körpers der Tod der Seele, und umgekehrt scheint der Tod des Körpers die Freiheit der Seele zu sein. Denn solange wir im Körper sind, dient unsere Seele in einer elenden Knechtschaft, aus dem Paradies verbannt und fern von ihrem Lenker umherirrend. Wenn sie aber von diesen fleischlichen Ketten befreit ist, fliegt sie zurück an jenen reinen und glänzenden höheren Ort, steht ihrem Herrn und Gott zu Diensten, genießt die Wohnstätten der Heiligen und die Gemeinschaft der Seligen und freut sich, dass sie nun keine Gemeinschaft mehr mit den Toten hat und die Gefährtenschaft des toten Körpers hinter sich gelassen hat; himmlische Gnade hat sie angeweht, und keine Erregung menschlicher Sorgen beunruhigt sie. Die Ruhe ist uns ein Beweis dafür, wie viel Gnade die Seele nach dem Tod des Körpers zurückgewinnt. Wenn der Körper eingeschlafen ist und seine Begierden und alle seine Regungen gleichsam tot sind, verkehren wir häufiger mit den Heiligen, gewinnen zurück, was wir verloren haben; die Abwesenden sind bei uns gegenwärtig, die Toten leben, jeder Schmerz ruht, und wir nahen uns Gott und sprechen mit ihm; wir lernen die Zukunft kennen, es gibt Erholung von den Bedrängnissen, Freiheit für die Sklaven. Weil wir also im Schlaf träumen, gewinnen wir dies im Tod; und was im Schlaf ein Trugbild ist, das ist im Tod der Besitz der Wahrheit und die Gunst der Freiheit. Daher besteht bei manchen Völkern der Brauch, dass die Geburt der Menschen mit Klage, ihr Tod aber mit Freude begangen wird, weil man um die in Mühen Geborenen trauert, sich aber über jene freut, die zur Seligkeit zurückgekehrt sind; man trauert über die Seelen derer, die in Knechtschaft geraten sind, und freut sich über die Seelen derer, die zur Freiheit zurückgekehrt sind. Von den Weisen unter den Bewohnern Indiens heißt es, sie bezeugen, wenn sie das Leid des Sterbens auf sich genommen haben, dass sie fortgehen wollen und wünschen, niemand solle sich einmischen.
Wenn dann der Zustand des Todes herangekommen ist, springen sie froh auf den brennenden Scheiterhaufen und nehmen Abschied von den Umstehenden. Die Frauen trauern, als wären sie verlassen, und die kleinen Kinder, weil sie zurückgelassen werden; die anderen aber preisen sie weder selig noch beneiden sie sie, weil sie zu besseren Bewohnern, herrlicheren Orten und reinerer Gemeinschaft eilen. Was also kann ich anders über euch denken, da selbst unzivilisierte Völker den Brauch haben, nach Freiheit zu streben? Darum seid ihr mir längst als solche bekannt, die bereit sind, den Sitten eurer Väter zu folgen; ihr meint, man dürfe weder den Römern noch irgendeinem Volk dienen, sondern Gott allein, der allein der gerechte und wahre Herr aller ist. Nun ist der Tag gekommen, der verlangt, den Willen durch Taten zu erweisen und den Glanz der alten, angeborenen Wesensart nicht zu entehren, sodass ihr, in Freiheit geboren, euch nicht der Gewaltherrschaft von Menschen unterstellt, zumal es euch früher erlaubt war, ohne Gefahr Sklave zu sein, jetzt aber mit der Sklaverei schwere Strafen auf euch nehmen müsst, wenn wir uns dem Reich der Römer als Sklaven ausliefern, die wir als Erste von allen zum Krieg gereizt haben und als Letzte noch mit Waffen aufhalten. Dem Kaiser, der Frieden anbot, haben wir die Hand nicht gereicht; Silva, der Härte androhte, sollten wir sie reichen? O unglückliches Volk, für welche Hoffnung dieses Lebens wollen wir uns noch aufsparen? Es sei so: Der Feind mag verzeihen. Was wird es nützen, da Gottes Unwille offen zutage liegt? Die Feuer haben sich vom Feind weg gegen uns gewendet, die Windstöße haben ihre Richtung geändert, die Flammen sind zurückgeschlagen, sodass unsere Verstärkungen niederbrannten. Wer wird leben können, wenn Gott gegen ihn steht? Für Vergebung ist kein Raum mehr, doch die Macht eines freiwilligen Todes liegt offen vor Augen. Warum ist denn die Nacht dazwischengetreten, wenn nicht, damit der Feind uns nicht hindert, damit er nach dem Niederbrennen der Mauerverteidigung nicht sofort eindringt, sondern uns Zeit bleibt, den gegenseitigen Tod auszuüben, und es uns erlaubt ist, mit unseren Kindern und Verwandten zu sterben, damit wir nicht sehen müssen, wie atemlose Greise von den Römern fortgeschleppt und unsere geliebten Frauen zur Lust des Siegers abgeführt werden? Lasst uns gemeinsam für unser Vaterland sterben, damit wir, wenn wir überleben, nicht zum Vorwurf großer Schande werden. Wohin also sollen wir fliehen vor dem Angesicht Gottes, oder wohin sollen wir gehen13 Psalmen 138:7, wenn der Herr des Himmels uns feind ist? Wenn die Berge auf uns fallen14 Hosea 10:8 und uns in leeren Höhlen verbergen, wie werden wir dennoch dem Zorn einer so großen Macht entgehen können? Wohin nämlich sollen wir gehen, wo Gott nicht ist, da er überall ist? Oder sind die Vorzeichen gering, durch die wir belehrt werden, dass er schon seit langem über unser Volk wegen unserer Sünden erzürnt ist, das er doch schützte? Wer bezweifelt das, wenn er bedenkt, dass unsere Hände gegen uns selbst gewendet sind und der innere Streit mehr getötet hat als der Krieg? Ich werde den Römern nicht zugestehen, dass sie gesiegt haben; und sie beanspruchen das auch nicht für sich, denn sie wissen, dass wir fast alle eher durch unsere eigenen Waffen vernichtet worden sind als durch fremde.
Welche römischen Waffen sahen denn die Juden, die in Cäsarea wohnten, als an ihrem Ruhetag, dem Sabbat, während der gewohnten Feier der religiösen Riten eine Menge der heidnischen Bewohner Cäsareas in einem plötzlichen Angriff und in einem von oben gesandten Wahnsinn zwanzigtausend von ihnen durch Feuer vernichtete und alle in die Flucht trieb, sodass sie die ganze Stadt entvölkerte? Erfüllte nicht ein gewisser Wahnsinn ganz Syrien, sodass Juden und Heiden, die in denselben Städten ansässig waren, und Fremde, die zuvor durch gegenseitige Gunst verbunden gewesen waren, danach mit den Waffen gegeneinander zusammenstießen, wodurch den Römern der Weg zum künftigen Sieg bereitet wurde? Denn was soll ich von Skythopolis sagen? Dort mühten sich die Juden zuerst darum, der heidnischen Bevölkerung zuvorzukommen, damit nicht nach dem Beispiel der anderen Städte etwas gegen unser Volk geplant würde. Und so kämpften die Juden, denen es angemessen gewesen wäre, sich als Männer zusammenzuschließen und im Kampf gegen die Fremden zu streiten, im Gegenteil gegen sich selbst, sodass ein Teil von ihnen gemeinsam mit den Heiden gegen die eigenen Verwandten und Nachbarn kämpfte. Dann wurden sie, als Lohn für ihre Mühe und das vergossene Blut, von den Heiden vernichtet, weil sie ihnen verboten, Heiden zu werden. Die Einwohner von Damaskus töteten ohne bestehenden Grund achttausend Juden, die Askaloniter zweitausendfünfhundert. Auch in der Stadt, die den Namen Ptolemais trägt, wurden zweitausend getötet. In Alexandria freilich bestand der Hass zwischen den Juden und dem Volk der Stämme schon lange; deshalb hatte Alexander der Große den Eifer der Juden genutzt, um die Ägypter zu unterwerfen. Nach der Gründung der Stadt wurden den Juden und den Ägyptern gleiche Vorrechte und verschiedene Wohngebiete zugeteilt, damit ihre religiösen Bräuche nicht miteinander vermischt würden, da sie ihre eigenen Reinigungen ohne jede Verunreinigung bewahren wollten. Aus diesem Grund kam es häufig zu Zusammenstößen zwischen ihnen. Streitigkeiten entstanden, ein Urteil wurde gesucht; doch es ließ sich nicht erweisen, dass durch den großen König irgendetwas verletzt worden war. Als aber später von den Heiden ein Aufruhr begonnen wurde, einige der Juden getötet und einige zur Bestrafung festgehalten wurden, erhob sich das Volk der Juden, durch die erlittene Kränkung erregt, gegen die Urheber des Unrechts. Und als sie hartnäckig daran gingen, sich an den Bürgern zu rächen, wurde das römische Heer herbeigeführt, das innerhalb der Stadt fünfzigtausend Juden in die Flucht schlug. Doch warum verweile ich bei geringeren Dingen, wenn wir über die Vernichtung einer ganzen Stadt im Untergang eines einzigen Gemeinwesens klagen müssten? Wo ist die große Stadt Jerusalem, wo das herrliche Zion, wo der wunderbare Tempel, wo jene zweite Stiftshütte, das Heiligtum der Heiligkeit, in das allein der oberste Priester einmal im Jahr einzutreten pflegte, nicht ohne Blut, das er für sich selbst und für die Übertretung des Volkes darbrachte? Entweiht wurde es durch das Volk; die, die es zerstört haben, leben in den Trümmern der Stadt. Wo, sage ich, bist du, Stadt, gedrängt voll von Menschen, mit ehrwürdigen Königen, Gott wohlgefällig, Sitz der Gnade?
Deine Marmorböden, deine von Marmor glänzenden Wände, deine Dächer strahlten von kostbarem Marmor, deine Tore funkelten von Gold, andere Orte schimmerten von Silber. Alle sind getötet worden, sowohl die, die ständig in dir wohnten, als auch die, die aus den Gegenden der Erde, aus der ganzen Welt, zu dir gekommen waren, sodass kein Zweifel bleibt: In dir ist die ganze Welt zugrunde gegangen. Entblößt, entblößt ist alles, von den Dächern her zu Asche verbrannt, von den Fundamenten her umgestürzt; deine Wohnstätte ist zur Wüste geworden, und niemand ist da, der in den Stiftshütten wohnt. Und gibt es jemanden, dem es Freude macht zu leben und den es nicht schmerzt, gelebt zu haben? Gefühllose Augen, die dies sehen können, grausame Herzen, die es wünschen können: Was bleibt nach solchen Leiden, nicht etwa, dass die Schlachtungen ein Ende hätten, sondern dass es noch immer keine Ruhe gibt. Denn worauf sollen wir unsere Augen richten, oder was zu sehen kann erfreuen? Die ganze Stadt ist wie ein Grab der Toten; den Blickenden begegnet nur Asche; die Straßen sind leer von Lebenden und voll von Leichen. Die elenden Greise sitzen in aschbedecktem Alter und zerrissener Kleidung auf den Überresten der Toten und bedecken die bloßen Knochen, um sie vor den Vögeln und den wilden Tieren zu schützen. Am Eingang stehen einige Frauen, die der ruchlose Soldat zur Schändung verschont hat, nicht zum Leben. Wer würde, wenn er dies sieht und an die folgenden Tage des Lebens denkt, wagen, seine Augen zum Himmel zu erheben? Wer ist so vergesslich gegenüber seinem Vaterland, gegenüber ihren Feinden, so abgewandt vom Mitleid, so frei von Milde, wessen verweichlichter Geist eines halben Mannes ist so furchtsam, dass er sich nicht schämt, für dies gerettet worden zu sein? Ach, wären wir doch zuvor gestorben, oder, wenn das Leben geblieben wäre, wäre doch das Licht unserer Augen erloschen, bevor wir unsere heilige Stadt von den Händen des Feindes zerstört sahen und diesen von unseren Vorfahren Gott geweihten Tempel so ehrfurchtslos von Flammen verbrannt, oder bevor wir die Priester tot im Tempel liegen sahen. Lasst uns also gutmachen, dass wir diese Übel überlebt haben, damit sichtbar wird, dass wir den Tod nicht aus Verlangen nach Leben aufgeschoben haben, sondern aus dem Entschluss zur Mannhaftigkeit. Der Feind hat jede Befestigung eingeschlossen; nichts bleibt übrig außer uns und unseren Frauen. Schon stellen sie unsere Söhne für sich zum öffentlichen Verkauf aus und streiten untereinander, wer wessen Frau wegführen soll, ob sie entsprechend den Diensten des Ranges der Personen verteilt werden sollen oder ob die Elenden gezwungen werden sollen, ein Losverfahren zu ertragen. Auch für uns bereiten sie unerhörte Strafarten vor, die ausgesuchtesten Qualen: nicht nur brennende Flammen und verschiedene Tode durch den Schlag der rächenden Axt, eine harte Strafe selbst nach den Fesseln, nach dem Kerker, nach dem Joch, für Menschen aber noch erträglicher, weil sie frei ist von Hohn, sondern sogar Glieder, die den Lebenden ausgerenkt werden, und besonders abgehauene Hände. Und das nicht zu Unrecht, weil sie den Dienst derer entbehren, die ihnen hätten zu Hilfe kommen können.
Auch die Rachen wilder Tiere als Schauspiel für die Sieger zu erdulden, was doch, da es in den verschiedenen Arenen der Städte schon gefeiert wird, uns als warnendes Beispiel oder als elendes Treiben beschämen müsste, heißt nichts anderes, als dass wir uns entweder für die Tiere aufsparen oder uns anschicken, gegen unsere Brüder zu kämpfen. Warum also zögern wir? Es bleibt uns keine freie Wahl, der wir aus Furcht ausweichen könnten. Wenn wir aus Mitleid nicht bereit sind, unsere Kinder zu töten, oder aus Tapferkeit nicht bereit sind, uns selbst zu töten, werden wir aus Schande gezwungen sein, unsere Brüder oder unsere Nächsten zu töten. Dazu drängt die Liebe, das fordern die Sieger. Wenn wir den Dienst der Pflicht nicht leisten wollen, werden wir gezwungen werden, den Hohn eines Vatermörderzuges zu ertragen. Tun wir also, was unseren Kindern und Frauen nützen wird. Sind sie schwach, dann entreißen wir sie den künftigen Grausamkeiten; sind sie stark, dann siegen wir durch das Erbarmen der Eltern, durch die Liebe der Angehörigen, und gerade darin besiegen wir den Feind, dem wir die Beute entziehen. Das fordert diese Mannhaftigkeit, dazu drängt dieser Anstand. Den Tod nicht zu fürchten, ist Tapferkeit. Gewiss sind wir alle für den Tod geboren, und wir zeugen Kinder für den Tod; ihr Tod wird der Natur zugerechnet, ihre Gefangenschaft der Schande. Darum wollen wir die, die wir nicht aus der Gefahr retten können, wenigstens vor dem Hohn retten. Ihr Väter, habt Erbarmen mit euren Kindern, ihr Männer mit euren Frauen, wir alle mit den kleinen Kindern, vor allem mit den unseren, solange es möglich ist, Erbarmen zu gewähren; haben wir Erbarmen mit den Unseren, damit wir nicht den Eindruck erwecken, zur Entehrung geboren und bewahrt worden zu sein. Wer könnte es denn ertragen, dass Väter in Gegenwart ihrer Söhne getötet werden, Söhne vor den Augen ihrer Eltern, vom Alter ermüdete Männer in den Tod geschleppt werden oder, was schlimmer ist, in die Sklaverei, dass Frauen mit aufgelöstem Haar vor den Augen ihrer Männer fortgeführt und gewaltsam zur Schande gezerrt werden, dass man die Stimme eines weinenden kleinen Kindes hört, das seinen Vater ruft, er solle ihm helfen, und Hilfe sucht, während du ihn schon mit gebundenen Händen vergeblich hörst und sein gefangener Nacken unter das Joch gelegt ist? Darum, solange unsere Hände noch frei sind, solange wir unsere Schwerter ziehen, lasst uns an das Werk gehen, das der siegreiche Feind bewundern mag. Unsere Frauen sollen als Mitgift-Erbe die letzte Gabe unserer ehelichen Liebe empfangen. Diese Schlüssel geben wir ihnen als neues Testament der Familie zurück, damit sie unsere Erbinnen der Freiheit sind. Sie selbst drängen dazu; gewiss verdienen sie, was sie wünschen, gezwungen von dem, wovor sie entkommen. Auch die kleinen Kinder werden das Schwert nicht fürchten, das sie wegen ihres Alters nicht kennen und das sie von ihren pflichtbewussten Eltern empfangen sollen, damit sie wirklich frei werden. Was bleibt auch uns noch Hervorragendes, wenn wir zuerst die Festung niederbrennen, das Getreide aber schonen, damit sie nicht glauben, wir hätten den Dienst des gegenseitigen Abschlachtens eher aus Hungerzwang übernommen als vom Eifer der Tapferkeit angetrieben? Geben wir ihnen Nahrung, gesättigt mit Blut, und wenn die Flammen sie verzehren, werden die Dämpfe der verbrannten Feldfrüchte selbst der Beweis sein, dass das, was den Belagerten im Überfluss zur Verfügung stand, von den Belagerten vernichtet wurde.
Danach soll sich jeder selbst der Wunde darbieten und im Sterben sein Vaterland verteidigen und die anderen reihum in einer letzten Umarmung dazu ermahnen. Möge unser Vaterland uns zum Grab der Freiheit werden, das die Heimstatt der Selbstachtung war. Dieser Hügel passt für unsere Bestattungen, damit wir in den Falten der Tapferkeit geborgen werden. “ Durch eine solche Rede aufgerüttelt, hielten die übrigen ihre Schwerter gezogen, gaben ihren Frauen Küsse, nahmen ihre Kinder in die Arme, vergossen dabei Tränen und eilten zugleich, dem Feind zuvorzukommen: „Dies geben wir euch“, sagte er, „als Pfand der Liebe, als Trost einer letzten Verpflichtung. “ Und mit mannhaft bezwungener Bewegung hielten sie das Leid fern und vollendeten das Töten. Die furchtlosen Frauen boten sich der Wunde dar, um ihre Keuschheit zu bewahren. Auch sie legten den Mut ihrer Männer an. Und so wählten sie, nachdem ihre Angehörigen und auch ihre Kinder getötet waren, die Stärksten aus, die das Töten vollenden sollten. So wurden alle getötet, neunhundertsechzig mit den kleinen Kindern und den Frauen. Eine einzige Frau überlebte, die fünf Söhne im Aquädukt verborgen hatte, während die übrigen sich der letzten Notwendigkeit entgegenstreckten. Als sie im Morgengrauen durch das Rufen der herankommenden Römer geweckt wurde, zeigte sie an, was geschehen war. Ihr Vermögen, das sie zuvor beiseitegeschafft hatten, verzehrte das Feuer.
