Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

Vom Untergang Jerusalems, Buch 2

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Schrift

Nachdem Herodes begraben war, wurden die Urteile des Volkes über ihn laut, wie es gegen die Toten gewöhnlich geschieht: Er sei ihnen drückend und unerträglich gewesen; als Tyrann, nicht als König, habe er den Bürgern eine ungerechte Herrschaft aufgezwungen; ein Mörder der eigenen Angehörigen, ein Ausplünderer des Volkes, der niemandem etwas hinterlassen habe; die Abgaben seien erhöht, alles weggenommen, Fremde bereichert, die Juden verarmt worden; er habe einen Feind in den Tempel geführt und alles Heilige durch Frevel entweiht. Unwürdige habe er belohnt, auch die Lebenden seien von Folter nicht verschont geblieben. Nach der Befreiung aus der Gefangenschaft erduldete Judäa in wenigen Jahren unter der Herrschaft des Herodes mehr Übel, als es in der Gefangenschaft selbst unter einem barbarischen Feind getragen hatte, als die Könige der Babylonier über sie herrschten. Unter ihnen war die Verbannung erträglicher, als unter Herodes in der Heimat zu leben: von jenen in die Heimat entlassen, von diesem in die Verbannung getrieben. Er war wilder als Darius, hochmütiger als Artaxerxes, raubgieriger als die Meder. Hatten sie doch auf ein Ende ihrer Übel hoffen können, da es ihnen erlaubt war, aus der Verbannung fortzugehen, wenn er seinen Tag beschließen würde; doch Archelaus rief als sein freiwilliger Nachfolger das Elend der Knechtschaft herbei, er, der Herodes erneuern und Neues hinzufügen sollte. Das Unglück bei Königsherrschaften ist, dass der Herr gewählt wird; das größere Unglück, dass er den Widerstrebenden aufgezwungen wird. Es gilt als Trost der Knechtschaft, wenn sie sich selbst einen Herrn wählen: denn er ist milder, wenn ihm die höchste Gewalt übertragen wird, hochmütiger aber, wenn er sie an sich reißt. Daher musste Archelaus bei weitem unerträglicher sein als Herodes, weil jener den Thron an sich riss, dieser ihn empfing. Dies wurde nicht nur in Judäa erwogen, sondern Archelaus sogar in Rom ins Gesicht geschleudert, als er vor Caesar und dem Senat lauten Anklägern gegenüberstand, wo lange darüber gestritten wurde, ob man die Königsherrschaft des Archelaus bestätigen oder verweigern solle. Als schließlich im Tempel des Apollo, den Caesar gegründet und mit vielen Zierden ausgestattet hatte, Gelegenheit zur Untersuchung gegeben wurde, legte Antipater, der Sohn der Salome, in kraftvoller Rede ausführlich dar, was wir oben erwähnt haben, und vieles andere: Er wundere sich, dass Archelaus vorbringe, er erbitte die Königsherrschaft von Caesar, obwohl er die Königsherrschaft in Judäa schon lange, ohne dass Caesar befragt worden wäre, durch kühne Anmaßung ausgeübt habe. Warum waren der goldene Sitz und die Krone herbeigebracht worden, wenn nicht als Zeichen der Königsherrschaft?

Mit welcher Anmaßung hatte er sich unterstanden, sich auf den königlichen Thron zu setzen? Von dem hohen Thron aus das Volk zu grüßen, umgeben von militärischen Reihen ringsum; in der bestimmten Art und Praxis der Kaiser die Krone vorbringen zu lassen, die doch dem Urteil Caesars hätte vorbehalten bleiben müssen, nicht nur im Blick auf die Macht des römischen Reiches, sondern auch nach dem Recht des Testaments. Denn Herodes hatte Caesar oder dem Senat nicht entreißen können, was er vom Senat angenommen oder von Caesar empfangen hatte, und hatte in einem früheren Testament hinreichend deutlich ein Zeichen seines eigenen Willens ausgesprochen: Bei gesundem Sinn und überlegtem Urteil erklärte er, Antipas solle ihm in der Königsmacht nachfolgen. In einem späteren aber hatte er alles dem Urteil Caesars vorbehalten, obwohl er damals zwar körperlich gesund war, jedoch durch die große Gefahr verwirrt und zu jener Zeit zu keinem Verständnis und keinem Urteil fähig; er diktierte nicht, was er dachte, sondern was ihm aufgezwungen wurde. Der Machträuber verkündete also über sich selbst, er sei nicht würdig, durch dein Urteil, Caesar, in die Königsherrschaft eingesetzt zu werden; denn wenn er auf seinen Verdienst vertraut hätte, hätte er sich beeilt, sie zu erbitten, statt sie an sich zu reißen. Mehr noch: Indem er nicht darum bat, sondern sich anmaßte, was in der Bittschrift vorgelegt war, griff er sogar den Geldangelegenheiten vor; er milderte damit die Lage, damit verkehrte Prozessierende ihren eigenen Sachen nicht vorgreifen könnten. Hier aber ging es in Wahrheit nicht um den Gewinn von Besitz; vielmehr wurde das Recht des römischen Reiches verletzt, die gebührende Achtung verachtet, seine Macht geringgeschätzt. Der Senat des römischen Hofes, der gewohnt war, Königsherrschaft zu verleihen und zu entziehen, wurde für unwürdig gehalten, zusammen mit Caesar das seit Langem bestehende Vorrecht zu wahren, die höchste Gewalt zu übertragen. Was sollte erst geschehen, wenn der gesetzmäßig König zu sein begann, der schon vor der Königsmacht hochmütig geworden war? Außerdem hatte er sehr viele getötet: Weil sie, von den Belastungen ermüdet, Hilfe und Erleichterung der Steuern erbeten hatten, überzog er die, die Entlastung verlangten, mit Krieg. Er tötete achttausend Juden mitten in der bei ihnen ehrwürdigen Feier des Passah selbst: Männer wurden statt Schafen geopfert, das Blut der Geweihten vergossen, die zum Fest des Tempels zusammengekommen waren, ein erbarmungswürdiger Anblick. Wenn jemand das Gemetzel der Getöteten betrachten würde, meinte er, die Babylonier seien zurückgekehrt. Um wie viel grausamer wurde von einem Bürger verübt, was bei einem barbarischen Feind als voll wilder Grausamkeit und Gottlosigkeit galt? Diese Gabe gab er den Bürgern, mit diesem Opfer begann Archelaus seine Königsmacht. Caesar und der Senat sollten sich der Überreste Judäas erbarmen, das einst, von freien Völkern gestützt, die Sklaverei wählte, wenn es ihm nur erlaubt würde, unter einem gerechten König erträglich zu bestehen. Seit Langem war ein König vom Recht zu herrschen entfernt; denn keinem unter den Juden kam die Königsmacht zu, außer dem, der von Juda abstammen sollte, wie das Gesetz es erklärte.

In Wahrheit aber hatte sich jenes idumäische Geschlecht, das von keinem Ursprung königlicher Abstammung berührt war, in eine Ehre eingeschlichen, die ihm nicht zukam; denn Antipater war Vorfahr von ihnen und von Archelaus, ausgezeichnet durch Reichtum, stark auch in anderen Fähigkeiten und besonders durch die Freundschaft der Römer, und dem älteren Caesar im Krieg bewährt. Obwohl er das Königtum für sich hätte übernehmen können, hatte er doch nie danach gestrebt; vielmehr zog er es vor, es zusammen mit anderen abzuwehren, statt für sich selbst zu sorgen. Verdientermaßen galt er als ein guter Vater, der Judäa mit seinen eigenen Wunden in die Freiheit geführt und nicht in die Knechtschaft gebracht hatte. Herodes hingegen hatte, nach dem Zeugnis des Antonius, der ihm väterlicher Gastgeber gewesen war, nach dem Königtum gestrebt. Von ihm war die Lage der Juden verschlechtert worden; er hatte als Feind gehandelt, nicht als Führer. Wenn er also selbst ein Verführer zum Königtum gewesen ist, wie konnte aus ihm ein rechtmäßiger König hervorgehen? Nicht aber ist zu beklagen, dass sie unter der Königsherrschaft weniger gelten; vielmehr ist zu fordern, dass sie unter dem Römer, dessen Gunst ihnen schon unter den Makkabäern zuteilgeworden war, später durch die Anmaßung des Königtums so sehr entartet waren, dass sie weit unter denen standen, gegen die sie das römische Bündnis gesucht hatten. Schließlich beteten sie selbst: „Judäa möge von euch ein schützendes Urteil erhalten, unter derselben Bedingung, wie Syrien sie hatte; dadurch könnte eine Probe unserer Ergebenheit gegeben werden, ob wir, die wir aufrührerisch und rebellisch genannt werden, maßvollen Richtern untertan sein können. “ Gegen diese Vorwürfe antwortete Nikolaus für Archelaus und behauptete, ein überaus stürmisches Volk habe für seine Anmaßung die Strafe gezahlt, damit Archelaus gerade daraus nicht wegen eines unentschuldbaren Vergehens angeklagt werde, falls sie durch Aufruhr den Frieden störten und sich innerlich wie mit Waffen vom römischen Bündnis lösten. Wer sollte an der Vorlage des Testaments zweifeln? „Sowohl daran, dass das letzte den früheren gewöhnlich vorgezogen wird und für viel gültiger als die übrigen gelten muss, weil in diesem letzten die Befugnis, die Königsmacht zu bestätigen, Caesar vorbehalten ist, wodurch die Achtung vor dem römischen Namen eher vermehrt als vermindert würde; als auch daran, dass ihr, Caesar, den Königen nicht nehmen dürft, was Privatleuten erlaubt ist: dass ihre Testamente gültig sind und dass ihnen diejenigen nachfolgen, denen sie es am stärksten wünschen und die sie mit letzter Feder niederschreiben. Und wiederum bleibt durch sie diese Ehrenübertragung auf euch gewahrt: dass von euch die Bestätigung des Urteils erbeten wird; dass derjenige nachfolgt, den der Vater erwählt hat, sollt ihr billigen. “ Wann also war Herodes weiser: als er dir, Caesar, die Befugnis vorbehielt, oder als er sie überging? Wenn Antipas eingesetzt wird, wird Caesar übergangen; wenn Archelaus als Nachfolger gewählt wird, wird Caesar anerkannt. Ohne diese Stütze ist nichts fest. Und so geschah es nach göttlichem Urteil: Als Gerechtigkeit fehlte, fehlte auch die Stütze, bei Täuschung wie bei Wohlwollen; als aber Rechtschaffenheit des Sinnes vorhanden war, wurde Unterstützung gesucht, damit das Urteil bestätigt werde.

Bedenke also, ob derjenige ein Unrecht beging, der dich wählte, oder ob rückgängig gemacht werden müsste, was er dir als Richter, dem Herrn über alles, zur Bestätigung überließ, dir, dem zu Recht selbst Könige Macht einräumen. Denn wer geprüft hat, wen er zur Bestätigung wählen sollte, hat gewiss auch geprüft, wen er zum Herrschen wählen sollte; und beim Nachfolger konnte sich nicht irren, wer sich bei dem, der bestätigen sollte, nicht irrte. Denn wer dich zum Schiedsrichter bestimmte, erkannte gewiss, dass an seiner Stelle ein solcher Nachfolger eingesetzt werden sollte, dass der, den du einsetzen würdest, dir nicht missfallen würde. “ Nachdem die Parteien angehört worden waren, verschob Caesar sein Urteil. Dann beriet er die Entscheidung mit dem Senat und stellte Archelaus dem Volk voran, damit er das Amt eines Statthalters ausübe, nicht im Rang eines Königs. Er versprach jedoch, das Königtum werde verliehen, wenn er sich so verhalte, dass es gebilligt werden könne. Denn schon wurden Versuche der Loslösung des israelitischen Volkes gemeldet. Er setzte zwei Tetrarchen ein, die Söhne des Herodes: Philippus und Antipas, die mit Archelaus um das Königtum gestritten hatten. Für die Schwester des Herodes, die Salome hieß, behielt er eine Legatschaft vor und fügte auch anderes hinzu. Auch den beiden Töchtern des Herodes fügte er tausend Talente hinzu, die ihm selbst hinterlassen worden waren; er entschied, dass sie verteilt werden sollten, und dazu noch weitere sechshunderttausend, und verfügte, dass sie mit den Kindern des Ferora geteilt würden.

Unterdessen gab sich ein junger Mann als Alexander aus. Er behauptete, die Männer, denen Herodes, der Vater, den Auftrag gegeben hatte, ihn zu töten, hätten aus Mitleid andere an seiner Stelle eingesetzt, während er selbst zusammen mit seinem Bruder Aristobolus fortgeschickt worden sei. So reiste er nach Milet und von dort nach Rom, wo es für ihn unter Fremden schwerer sein würde, erkannt zu werden. Dort erregte er leicht die Juden, die besonders begierig nach Neuem waren. Als Caesar jedoch davon erfuhr, ließ er ihn umgehend durch einen gewissen Celadus, der Alexander gut kannte, zu sich bringen. Als Celadus den jungen Mann sah, wurde er durch die Ähnlichkeit getäuscht und war unschlüssig; da er aber merkte, dass andere Angaben nicht zusammenpassten, fragte er, wo Aristobolus sei. Dieser behauptete, Aristobolus halte sich noch lebend auf der Insel Zypern verborgen, um dort dem Verrat zu entgehen; denn gemeinsam könnten die Brüder leichter getötet werden. Daraufhin zu Caesar gebracht, offenbarte er sogleich, nachdem ihm Straflosigkeit zugesichert worden war, dass er im Vertrauen auf die äußere Ähnlichkeit vorgetäuscht hatte, Alexander zu sein, und dass er als Sohn des Königs unzählige Geschenke von den Juden erhalten hatte. Caesar lachte über den Betrug, entließ ihn aber straflos. Diejenigen jedoch, die ihm als dem Sohn des Königs über das Maß eines Privatmannes hinaus Geschenke gemacht hatten, erklärte er für hinreichend bestraft, weil sie durch ihre maßlosen Ausgaben unermessliche Verluste erlitten hatten.

Archelaus aber reiste nach Judäa ab, wurde wegen seines anstößigen Verhaltens und seines Hochmuts vor Caesar angeklagt, und nachdem seine Sache zwischen den Parteien verhandelt worden war, wurde er nach Vienna verbannt; sein Vermögen wurde dem Schatz Caesars zugeschlagen. Diese Strafe bezahlte er verdientermaßen, weil er seine Begierden nach der Frau seines Halbbruders nicht erstickt hatte. Denn als Alexander auf Befehl seines Vaters dem Tod übergeben worden war, wurde seine Frau Glafyra, die von König Archelaus von Kappadokien abstammte, auf die Weise, wie wir oben berichtet haben, in zweiter Ehe mit Iuba, dem König von Libyen, verbunden. Als dieser gestorben war, kehrte sie zu ihrem Vater zurück. Dort erblickte Archelaus sie. Er bedachte keineswegs, dass man den Bruder eines verheirateten Mannes, den Onkel von Söhnen, gewissenhaft meiden müsse, sondern entbrannte so maßlos in Liebe zu ihr, dass er seine Frau Mariamme verstieß und Glafyra an ihre Stelle setzte. Nicht viel später, als die Frau nach Judäa zurückgekehrt war, sah sie im Traum Alexander und wünschte, von ihm umarmt zu werden. Er aber schien, wie einer, der grollt, der Umarmung auszuweichen und zu sagen: „Ist das, Glafyra, die Verlässlichkeit eines Versprechens? So hast du meine Liebe zu dir bewahrt, an die du hättest denken müssen? Aber sei es: Als junge Frau hast du eine zweite Ehe nicht gemieden, ja sogar eine dritte, sogar den Bruder deines Mannes? So sehr gefiel dir meine Kränkung, dass du dich nicht schämtest, als Frau eines dritten Mannes in mein Haus zurückzukehren? Doch meine Schmach und deine Befleckung sollen mich nicht länger bekümmern; nicht lange wird die blutschänderische Ehe mit dem Bruder Freude bereiten. “ Die Frau erhob sich und erzählte den Traum den Hausgenossen; und als sie selbst zwei Tage später tot war, verlieh sie damit Glaubwürdigkeit, dass Ehen dieser Art weder nach den Gesetzen der Lebenden noch nach dem Verlangen der Toten ungestraft bleiben.

Auch Archelaus selbst sah im Traum neun große, volle Ähren, die von Ochsen gefressen wurden. Als er den Deuter befragte, antwortete dieser, durch die neun Ähren würden neun Jahre bezeichnet, in denen er große und umfassende Macht genießen werde. Im neunten Jahr seiner Herrschaft aber werde für ihn ein Umschwung eintreten, denn die Ochsen, die gewöhnlich die Felder pflügen, zeigten einen mühevollen Wandel an, der die früheren Erfolge aufzehren und verschlingen werde. Nachdem dies erfahren worden war, kam am fünften Tag von Caesar ein Mann, der ihn zum Gericht nach Rom führen sollte; dort wurde er für schuldig befunden und ins Exil verbannt und erfüllte seine Träume auch durch seinen Tod. Die Herrschaft über das Gebiet, das Archelaus gehört hatte, wurde in den Namen einer Provinz umgewandelt; mit diesem Ausdruck bezeichneten die Römer die weit entfernten Landschaften, die sie durch Sieg wieder unter ihre Macht gebracht hatten. Es blieben jedoch die Tetrarchen Philippus und Herodes, der letztere hieß früher, bevor sein Name geändert wurde, Antipas. Denn Salome hatte bei ihrem Tod die Gebiete, die sie besessen hatte, und die Herrschaft über ihr Volk Livia, der Frau Caesars, hinterlassen. Dies war die Lage Judäas, als Caesar starb und Tiberius, seinen Stiefsohn, den Sohn seiner Frau Livia aus ihrer früheren Ehe, als Nachfolger des Römischen Reiches zurückließ; zu dessen Ehren gründete Herodes Tiberias. Auch Philippus meinte, eine Stadt müsse nach dem Namen seiner Mutter Livia benannt werden. Und weil wir uns vorgenommen haben, die Ursachen aufzudecken, durch die das Volk der Juden vom Römischen Reich abfiel und sich selbst den Untergang beschleunigte, zeigt der Verlauf der Ereignisse, dass Pilatus, der Statthalter der Provinz, den Anfang ihres Verderbens gab: Er zögerte nämlich als Erster nicht, die Abbilder Caesars in die Tempel Jerusalems zu bringen. Als das Volk, darüber aufgebracht, Widerstand leistete und er verfügte, dass die Abbilder aufgenommen werden müssten, trieb er sehr viele in den Tod. Während dies in Judäa geschah, gelangte Agrippa, der Sohn des Aristobolus, nach Rom, weil er vor Tiberius gerichtlich gegen den Tetrarchen Herodes auftreten wollte. Von Tiberius jedoch verachtet, verbrachte er seine Zeit in Rom, gewann sehr viele für seine Freundschaft und besonders Gaius, den Sohn des Germanicus. Ob er ihn wegen des Namens seines Vaters liebte, der beim Volk beliebt war, oder weil Gaius durch seine Nähe zum Herrscherhaus als dem höchsten Amt am nächsten stehend galt, oder ob er ihn aus einer gewissen Vorahnung eifrig umwarb, jedenfalls erlaubten ihm Alter und Ansehen dies; so betete er eines Tages mit erhobenen Händen, Tiberius möge bald sterben und er möge Gaius als Kaiser sehen. Als dies durch seinen Freigelassenen Eutychus offenbart worden war, wurde Agrippa auf Befehl des Tiberius in Fesseln gelegt und aufs Schwerste gefoltert; er wurde nicht freigelassen, bevor Tiberius sein Leben beendet hatte. Dessen widerwärtige Zeiten und sein Rückzug in die Ausschweifungen der Insel Capri, diese unerträgliche Untätigkeit, trieben jedoch keinen Mann von tatkräftigem Wirken dazu, seinen Tod herbeizuführen, aus Rücksicht auf das noch junge Römische Reich, wie ich meine, oder aus Furcht vor der wilden Grausamkeit; denn gewöhnlich gilt: Je schmerzlicher die Strenge ist, desto sicherer bleibt sie.

Unter seiner Herrschaft wurde in Rom die berüchtigte Verhöhnung Paulinas bekannt, einer Frau von höchst achtbarer Stellung. Obwohl sie in hervorragendem Ruf der Keuschheit stand und zudem durch außergewöhnliche Schönheit und erlesene Anmut hervorstach, ließ sie sich von den Werbungen des Mundus, des Anführers der Reitertruppen, weder verführen noch beeindrucken. Doch wegen ihres übermäßigen Aberglaubens war sie für eine Täuschung empfänglich, etwa durch die bestochenen Priester der Isis, die ihr, als ob Anubis es befähle, ausrichten ließen, sie solle in den Tempel kommen; er selbst, von ihrem Ernst und ihrer Sittsamkeit erfreut, verlange eine Nacht und habe ihr etwas im Verborgenen mitzuteilen. Das nahm sie freudig an und berichtete ihrem Mann: Der Gott habe auf ihre Gebete geachtet, ihre Gegenwart werde vom Gott verlangt, und sie könne den Gehorsam nicht verweigern. So begibt sie sich nach ihrem eigenen und ihres Mannes Entschluss in den Tempel der Isis; nachdem die Zeugen in einiger Entfernung fortgeschickt worden waren, als solle sie Kenntnis vom heiligen Mysterium empfangen, legte sie sich auf ihr Lager, in der Meinung, ihr Gott werde im Traum zu ihr kommen und sich ihr in einer Erscheinung zeigen. Als jedoch ein Teil der Nacht vergangen war, wodurch eine schlaftrunkene Frau leichter getäuscht werden konnte, kommt Mundus zu ihr, nachdem er Maske und Gewand des Anubis angelegt hat; er legt seine Kleider ab und überhäuft sie mit Küssen. Der erwachten Frau sagt er, er sei Anubis, und weist die Maske des Anubis vor. Sie glaubt, er sei der Gott, und preist sich glücklich, weil der Herr, ihr Gott, sie für würdig gehalten habe, sie zu besuchen. Die Umarmung des Verlangenden weist sie nicht zurück, fragt jedoch, ob ein Gott sich mit einem Menschen vereinigen könne. Er führte als Beispiele an, dass Alkmene Jupiter, den größten der Götter, aufgenommen habe und dass Leda zur geschlechtlichen Vereinigung mit demselben gewonnen worden sei, dazu viele andere, die Götter geboren hätten.

Er überzeugt die Frau von sich selbst und auch davon, dass von ihr ein Gott geboren werde, damit sie sich geschlechtlich miteinander vereinigten. Ganz glücklich kehrt sie zu ihrem Mann zurück und sagt, sie, eine Frau, habe mit einem Gott Verkehr gehabt und werde nach seiner Verheißung einen Gott gebären. Groß ist die Freude des Mannes über den unerlaubten Verkehr seiner Frau. Später begegnete Mundus der Frau und sagte: „Gesegnet bist du, Paulina, durch die Umarmung eines Gottes, des großen Gottes Anubis, dessen Mysterien du angenommen hast. Doch lerne: Wie den Göttern hast du auch den Menschen nicht verweigert, was jene ihnen gewähren, was du aber verweigern wolltest, denn sie haben sich nicht geweigert, uns deine Reize zu geben, und auch nicht ihre Namen. Siehe, der Gott Anubis hat auch Mundus zu seinen heiligen Riten gerufen, damit er mit dir vereinigt werde. Was hat dir deine Hartnäckigkeit genützt, außer dass sie dich um die zwanzigtausend brachte, die ich als Bezahlung angeboten hatte? Ich habe die gütigen Götter nachgeahmt, die uns unentgeltlich geben, was von dir nicht einmal um hohen Preis zu erlangen ist. Wenn dir aber menschliche Namen Anstoß geben, gefällt es mir, Anubis genannt zu werden, und die Wirkung seines Namens hat die Ausführung unterstützt. “ Von dieser Rede getroffen, erkannte die Frau, dass man sie zum Gespött gemacht hatte; betrübt über die Verletzung ihrer Schamhaftigkeit zeigte sie ihrem Mann den Betrug an. Da er nichts hatte, was er seiner Frau vorwerfen konnte, der er selbst die Gelegenheit zum Schlafen im Tempel zugestanden hatte, und da er sich ihrer ehelichen Keuschheit bewusst war, brachte er die Beschwerde vor den Herrscher. Dieser, durch den Missbrauch eines mächtigen Mannes und die Erfindung dieses schändlichen Verbrechens erzürnt, ließ die Priester aus dem Tempel ergreifen, unterwarf sie dem Verhör, ließ sie nach ihrem Geständnis töten und versenkte die Statue der Isis im Tiber. Mundus wurde die Möglichkeit zur Flucht gewährt, weil man urteilte, er solle, da er von der Gewalt der Liebe und vom Reiz der Schönheit überwältigt worden sei, für seine Vergehen mit einer milderen Strafe bestraft werden.

Diese Ausschweifung also, die sich unter der Herrschaft des Tiberius ereignete, meinte ich nicht übergehen zu dürfen, damit man daran die Ungehörigkeit des Kaisers ermessen kann. Denn wie das rechtschaffene Leben eines guten Herrschers für alle eine gewisse Regel und ein Vorbild des Lebens ist, so wird der Schmutz eines Kaisers zum Gesetz für Schurken. Pilatus wurde von ihm nach Judäa gesandt, ein böser Mann, der in unbedeutenden Dingen Falschheiten vorbrachte. Er umstellte die Samariter, als sie zu dem Berg gingen, der Gadir heißt, denn er galt ihnen als heilig, weil Pilatus ihre Mysterien kennenlernen wollte. Beim Aufstieg kam er dem Volk mit Reiterei und Fußtruppen zuvor und verbreitete mit einer erfundenen Anklage, sie hätten sich darauf vorbereitet, von den Römern abzufallen, und suchten sich einen Versammlungsort. Was hätte der denn nicht gewagt, der sogar Christus, den Herrn, ans Kreuz geschlagen hatte, der zum Heil des Menschengeschlechts kam, über die Menschen durch viele göttliche Werke die Gnade seiner Barmherzigkeit ausgoss und nichts anderes lehrte, als dass er die Völker zuerst Gott und dann den Kaisern gehorsam mache? Ein rasender Mensch, der der Diener des Wahnsinns des Frevels war und den Urheber des Heils tötete. Und so wurde durch ihn der Staat der Juden zerstört, durch ihn kam Verderben über das Volk und beschleunigter Untergang über den Tempel. Denn wenn Herodes, der Johannes zur Tötung auslieferte, den Preis für seine Treulosigkeit und Grausamkeit bezahlte, indem er aus der Königsherrschaft gestürzt und in die Verbannung gegeben wurde, um wie viel heftiger muss dann der Ansturm gegen den verstanden werden, der Christus tötete? Was der Grund für den Tod des Johannes war, will ich kurz darlegen. Philippus und Herodes, der zuvor Antipas hieß, waren, wie wir oben gezeigt haben, Brüder. Die Frau des Philippus war Herodias, die Herodes sich rechtswidrig und gottlos unter dem Rechtsschein der Ehe verband. Johannes duldete dies nicht und sagte zu ihm: „Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben1 Markus 6:18. “ Darauf ließ jener, erzürnt, Johannes ins Gefängnis werfen. Und nicht viel später tötete er den gerechten Mann, den unbeirrbaren Vollstrecker des göttlichen Gesetzes.

Denn er hatte nicht nur als Verkünder des Evangeliums die Blutschande am Ehebett des Bruders getadelt, sondern auch als Vollstrecker des Gesetzes den Gesetzesübertreter zurechtgewiesen, der sich mit Gewalt die Frau seines noch lebenden Bruders genommen hatte, zumal sie von diesem Nachkommen hatte. Dadurch wandten sich Hass und Vergeltung fast aller Juden gegen Herodes. Herodias, seine Unterstützerin, sah, dass Agrippa bei Caesar großen Einfluss hatte, und trieb ihn an, nach Rom zu gehen, um sich dort die Gunst des Kaisers zu sichern. Sie hielt ihm die Schmach seiner Untätigkeit vor: Weil er die Mühe scheue und zu Hause bleibe, lasse er zu, dass gegen ihn Beschimpfungen vorgebracht würden. Denn wenn Agrippa aus dem Stand eines Privatmannes zum König gemacht worden war, um wie viel weniger sollte Caesar dann zögern, ihm, der schon lange Tetrarch gewesen war, ein Königreich zu verleihen. So hielt er die Vorwürfe seiner Frau keineswegs aus und begab sich nach Rom. Während er die Freundschaft des Gaius suchte, wurde er von Agrippa angegriffen und verlor sogar die Tetrarchie, die er von Julius Augustus empfangen hatte; dann ging er mit seiner Frau Herodias nach Spanien in die Verbannung und starb aus seelischem Kummer. Nach dem Tod des Tiberius folgte auch Gaius, der als Herrscher selbst sowohl als Gott gelten als auch Gott genannt werden wollte. Den Juden gab er Gründe zu einem sehr schweren Aufstand; und damit er das Reich nicht durch ein rasches Ende zerstörte, führte er das Volk der Juden umso schneller seinem Ende entgegen. Denn er rief seine Leute nicht nur nicht von gesetzwidrigen Taten zurück, sondern drohte sogar den nach Judäa Gesandten mit der äußersten Strafe, wenn sie nicht mit ihren Waffen alles gegen Recht und religiöse Pflicht durchsetzten. Agrippa war in seinem Staat sehr mächtig; doch als er Jerusalem mit einer großen Mauer umgeben wollte, damit es für die Römer uneinnehmbar würde, denn er sah seinen nahen Untergang voraus, wurde er durch den Tod gehindert und ließ das Werk unvollendet zurück. Auch unter der Herrschaft des Claudius übte er nicht geringere Macht aus, weil dieser noch ganz am Anfang seiner Regierung stand: Nachdem Gaius getötet worden war, hatten die Soldaten ihn zur Herrschaft über das Reich gedrängt, während der Senat aus Überdruss an monarchischer Herrschaft Widerstand leistete. Er sandte Agrippa als seinen Stellvertreter; durch dessen Vermittlung wurde ein Versprechen der Mäßigung gegeben, eine Verständigung angebahnt und Frieden geschlossen. Anstelle des Vaters Agrippa wird von Claudius Caesar dessen Sohn Agrippa als König eingesetzt.

Auch Claudius selbst starb nach dreizehn Jahren. Er gab dem römischen Reich Nero zum Herrscher, weil er sich von den Überredungen seiner Frau Agrippina hatte gefangen nehmen lassen. Sie war durch Ränke so mächtig geworden, dass sie Britannicus, den Sohn des Kaisers, der nach dem Recht der Natur als Nachfolger bestimmt war, von der Teilhabe an der Herrschaft ausschloss. Doch ihre List missfiel ihr bald selbst: Denn solange Nero als ihr Sohn galt, war er ihr gefügig; sie aber verweigerte Britannicus die Führung und merkte nicht, dass Nero, durch seine höchste Macht erhöht, seine Mutter nicht anerkennen und den Lohn ihrer Hilfe in ihren Untergang verkehren würde. Ebenso hatte er Octavia, die Tochter des Claudius, zur Ehefrau. So wurde in verkehrter Ordnung der Schwiegersohn dem Sohn vorgezogen; die Übel des Staates überwogen, und ihnen verdankt man den Vatermörder, den Frevler, den Blutschänder, sodass in ihm Verbrechen herrschten und nicht irgendwelche Verdienste eines guten Lebenswandels. Unter einem solchen Kaiser, sei es aus Rücksicht auf seine Sitten, sei es aus Verachtung seiner Trägheit, sei es, weil er den Juden die endgültige Vernichtung bereitete, nachdem ihnen wegen ihres schweren Frevels der Schutz des höchsten Gottes entzogen worden war, brachen wegen ihres Hochmuts gewaltige Unruhen, Räubereien und Kämpfe aus. Zwanzig Jahre lang bedrückte und plünderte sie Eleazarus, der Anführer der Räuber; schließlich aber wurde er von Felix, der Judäa verwaltete, ergriffen, nach Rom geschickt und erlitt eine schwere Strafe. Doch nicht einmal so wurde das Volk durch die Zahl der Getöteten unter den Bewohnern Judäas entmutigt; vielmehr trat in Jerusalem selbst eine andere Art von Räubern hervor, die Dolchmänner genannt wurden.

Sie lauerten nicht etwa heimlich im Verborgenen, auch nicht in nächtlicher Finsternis auf Menschen, die ohne jeden Schutz unterwegs waren, sondern schlugen am hellen Tag, mitten in der Stadt und in einer Menschenmenge, jeden nieder, dem sie sich dicht genähert hatten. Sie trugen kurze Schwerter in den Händen und mischten sich unter die Menge; dort durchbohrten sie jemanden, dicht an ihn herangedrängt, das ahnungslose Opfer stürzte mit einer verborgenen Wunde nieder, und der Tod verhinderte den Aufschrei. Der Leichnam lag offen da, doch der Meuchelmörder blieb unbemerkt; und wenn jemand durch die Verwundung eines anderen erschreckt worden war und die Gefahr näher an ihn herantrat, wurde er selbst zu einem der Erschlagenen. So wurde der Meuchelmörder aus Furcht vor der Gefahr oder durch die Verstellung des Verbrechens nicht gefasst. So groß waren die Schnelligkeit der Hinterhaltsteller und ihre Kunst, sich zu verbergen. Der Priester Ionathes wurde getötet, täglich kamen viele hinzu, und größer als das Unglück der Getöteten war die Angst der Lebenden. Wie in eine Schlacht zog jeder täglich hinaus; doch die Lage war schlimmer, denn einen Feind sieht man voraus, ein Meuchelmörder aber blieb verborgen. Der Tod stand vor Augen, die Furcht im Sinn. Niemand glaubte, dass er zurückkehren würde, und selbst Freunden schenkte man kein Vertrauen, solange man den Meuchelmörder fürchtete. Dadurch wurde die Mehrheit in Schrecken versetzt, ja sogar diejenigen, die am Verbrechen der Räuberei oder an der Gemeinschaft mit den Meuchelmördern unschuldig waren; und obwohl sie von der Bande unverletzt blieben, zogen sich die weniger Entschlossenen absichtlich in die Wüste zurück. Doch während sie mit sich selbst beratschlagten, weckten sie die Furcht vor einer Trennung; daraus entstand zuerst der Verdacht eines Krieges gegen die Römer, dann loderte Hass auf. Dadurch aufgeschreckt, verursachte der Statthalter der Provinz, nachdem Reiterei und eine Fußtruppe ausgesandt worden waren, ein Blutbad.

Auch ein ägyptischer falscher Prophet, in den Zauberkünsten unterwiesen, trat auf; er rühmte sich, im prophetischen Geist himmlische Weissagungen zu verkünden. Er sammelte fast dreißigtausend Juden um sich, führte sie auf dem Ölberg zusammen und unternahm wiederholte Angriffe auf Jerusalem, sodass er sogar die römischen Wachen beschuldigte, die sich vor Jerusalem aufgestellt hatten, damit vom Volk nichts ausgelöst würde. Als dieser Hochmut jedoch niedergeworfen war, entzündete sich, wie in einem kranken Körper, ein anderer Teil schwer. Denn viele riefen offen, man solle sich von den Römern trennen und die Freiheit der Knechtschaft vorziehen; und die Nahrung, die denen fehlte, die aufs Land hinausgegangen waren, wurde mit Gewalt gesucht.

Schließlich brach in der Stadt Caesarea ein schwerer Aufruhr zwischen den Juden und den Heiden aus. Die Juden beanspruchten den Besitz der ganzen Stadt für sich, weil sie von dem Juden Herodes gegründet worden sei; die Heiden hielten dagegen, der Gründer sei zwar ein Jude gewesen, habe sie aber mit dem Namen Caesars gekennzeichnet, in ihr Tempel gebaut und Standbilder aufgestellt. Daraus sei zu erkennen, dass sie eher für den Gebrauch der Heiden bestimmt worden sei. Der Streit über diese Fragen eskalierte zu Rotten, weil die Führer der Juden ihr Volk nicht im Zaum halten konnten, das auf Aufruhr aus war und den Heiden mit Schmähungen begegnete, wenn diese meinten, es müsse ihnen von den Juden zugestanden werden. So reizten sie Felix auf, sodass er, während er leidenschaftlich die Menge beider Parteien zurückhalten wollte, die sich nicht beruhigte, zu den Waffen griff, als er es anders nicht vermochte. Auf ihn folgte Festus; nachdem er sehr viele Räuber ergriffen hatte, übergab er eine keineswegs geringe Zahl der äußersten Vernichtung. Auch Albinus, dem von den Römern dieselbe Macht anvertraut worden war, ließ keine Art von Bosheit aus. Er war offenkundig auf Raub aus, sodass der, der kein Geld gab, obwohl schuldlos in Fesseln fortgeschleppt wurde, während der, der gab, auch wenn er schuldig war, freigelassen wurde. Die Habgier gebar Überheblichkeit, sodass er sich den Armen als Tyrann zeigte, den Reichen aber als ihr Sachwalter. Wie jedoch auch er die Bosheit seiner Vorgänger übertraf, so wurde er von seinem Nachfolger Florus, als wäre er in Schandtaten träge und schwerfällig gewesen, übergangen und in weitem Abstand hinter sich gelassen, sodass er im Vergleich mit noch Schlechteren für rechtschaffen galt. Und die, die sich zuerst beklagt hatten, sie seien zugrunde gerichtet worden, sehnten sich später nach Festus als einem guten Richter. Denn jener beraubte Einzelne, Florus aber verwüstete Städte, befleckt mit den schändlichsten Ausschweifungen, von äußerster Grausamkeit in seiner Barbarei; mit Waffen brachte er alles in Unruhe und säte aus Kämpfen neue Kämpfe. Wer flehte, dem verzieh er nicht, und satt vom Raub schonte er nicht. Vor den Augen der Beronice, die als Schwester des Königs Agrippa aus religiöser Andacht zum Tempel gekommen war, wütete er mit grausamstem Gemetzel gegen das Volk. Er hatte geurteilt, dass einem Betenden nichts gewährt werden dürfe, obwohl er sah, wie dieser auf seine Religion achtete und mit bloßen Füßen dastand; und den Betenden verachtete er. Daraufhin schrieb sie selbst an den König Agrippa, und das Volk der Juden richtete ein Bittgesuch an ihn und erflehte Hilfe für die Freiheit. Als er aus Ägypten zurückkehrte, liefen ihm sehr viele auf dem Weg entgegen, mehr als sechzig Stadien von der Stadt Jerusalem entfernt; sie führten ihn durch die Stadt, zeigten die Berechtigung ihrer Klagen und begannen darauf zu drängen, er solle Gesandte zu Nero schicken. Er empfand tatsächlich das Leid der Bürger; da er aber sah, dass Kriegsbestrebungen gegen die Römer mit großer Besonnenheit angegangen werden müssten, damit daraus nicht Hass gegen ihn selbst und eine sehr große Gefahr für das Volk entstünden, hielt er vor dem versammelten Volk an jenem Ort, der neben dem Tempel lag, durch eine Brücke von ihm getrennt war und Xystus genannt wurde, eine Rede dieser Art.

„Obwohl bei der Mehrheit eine Erbitterung, die unbedacht im Beraten und ungeduldig gegen jede Mäßigung ist, manche dazu bringen kann, in zornigen Klagen aufzuwallen, wird doch, wenn man berät, die Wirkung der Erbitterung aufgegeben. Denn wenn ich erfahren hätte, dass alle aus diesem Volk, so bereit zur Vergeltung erlittenen Unrechts und zum Krieg gegen das Römische Reich, nicht lieber der Meinung des besseren und ruhigeren Teils folgen, der für den Frieden eintritt und die Ruhe vorzieht, dann hätte ich nicht gewagt, vor euch zu treten und Rat zu geben. Denn es ist vergeblich, zu dem zu überreden, was getan werden muss, wenn die Zuhörer dem Schlechteren zustimmen. Weil manche die noch nicht erprobten Erfahrungen des Kriegsunglücks nicht kennen, andere sich sorglosen Hoffnungen auf Freiheit hingeben, die zu erstreben sehr süß, aber zu erreichen unvernünftig ist, denn während man Freiheit sucht, wird die Knechtschaft vermehrt und oft vielen vollständig genommen, denen der Name der Freiheit noch geblieben war, und wieder andere die Neuheit der Dinge erregen mag, denen wegen der gegenwärtigen Wertlosigkeit seine Anhänger missfallen und die es für einen Gewinn halten, wenn die Verhältnisse in Verwirrung geraten: Aus diesem Grund meinte ich, mit euch eine Beratung aufnehmen zu müssen. So soll weder die Nüchternheit der Besonneneren durch die Kühnheit der Übermütigeren fortgerissen werden, noch sollen diejenigen, die nicht wissen, wie man weise ist, zumindest durch unser Gespräch gewarnt erkennen, dass man sich mit den Erfahreneren aussöhnen muss. Ich empfehle daher, Schweigen zu gewähren, damit wir darlegen können, was wir für euch für nützlich halten; und keiner von euch soll sich beunruhigen lassen, wenn er etwas hört, das seiner eigenen Meinung widerspricht. Denn niemand wird beurteilen können, wie das Gesagte beschaffen ist, wenn er es nicht zuvor gehört hat; seine Zustimmung oder Ablehnung, da er selbst Richter sein soll, stört ohne Nutzen, wenn er nicht zuhört. Nach der Beratung darf jeder denken, was er denkt, und, wenn ihm die Trennung gefällt, auch nach nüchterner Erwägung gewarnt an der Meinung seines unbesonnenen Verlangens festhalten. Doch jemand sagt: Warum sollte ich überhaupt vergeblich gehört werden wollen, wenn die Zuhörer nicht zustimmen? Weil, wenn sie nicht zustimmen wollen, nachdem sie gehört haben, ein Teil der Versammlung mit mir im Streit liegen wird, nicht das ganze Volk; wenn sie aber nicht zuhören wollen, dann wird, sobald auch nur ein Teil der Zuhörerschaft Unruhe stiftet, dem ganzen Volk der Nutzen des Hörens genommen. So wird meine Rede unter denen ersterben, die sie vielleicht hören wollten, wenn mir nicht wenigstens von einem Teil Schweigen gewährt wird. Denn die ganze Rede wird abgeschnitten, als wäre sie ganz dahingefallen, als würde ihr durch das Hindernis des lärmenden Getöses und des Geschreis der Versammlung das Leben genommen. “

Es gibt also zwei Dinge, auf die meiner Meinung nach zuerst geantwortet werden muss, weil sie in der großen Masse der Klagen stehen: Sehr viele klagen über die Übergriffe der Prokuratoren, und viele beklagen, dass ihnen die Freiheit genommen worden sei. Diese beiden Aussagen, so scheint mir, muss man voneinander trennen. Denn wenn die Prokuratoren schlecht sind, was hat das dann mit der Erlangung der Freiheit zu tun? Ihr sollt nicht den Eindruck erwecken, die Prokuratoren nicht aufgrund ihres eigenen Verhaltens, sondern aus Abscheu vor der Knechtschaft als Werkzeuge der Gewaltherrschaft anzuklagen. Und wenn die Knechtschaft unerträglich ist, dann sind Klagen über die Prokuratoren überflüssig. Denn selbst wenn sie maßvoll handeln, bleibt Knechtschaft schändlich. Lasst uns also prüfen, ob in dem einen wie im anderen nicht nur ein geringer Grund für Kriege liegt. Was ist aber törichter, als über Verletzungen zu klagen, einen Krieg daran zu knüpfen und Schmähungen in Gefahren zu verwandeln? Während du dem Richter entfliehst, ziehst du den Feind herbei; während ein ungerechter Richter im Allgemeinen doch ein Ausleger des Gesetzes ist, ist ein Feind dagegen sogar immer, auch wenn er gerecht ist, einer, der auf seine eigene Sicherheit bedacht ist. Ein Richter muss sich beherrschen und darf sich nicht reizen lassen; vor einem Feind aber muss man sich hüten: den einen sollst du nicht zusätzlich verbittern, den anderen nicht herbeirufen. Jener wird durch freundliche Worte milder, diesen muss man meiden, damit er keinen Schaden anrichten kann. Bei Richtern ist darauf zu achten, dass der Streit nicht größer wird als die Verletzung und der Unmut über die Zurechtweisung nicht schwerer wiegt als der Gewinn des Täters. Denn oft werden die, die anfangs noch maßvoller Unrecht tun, nach einem Tadel maßloser, und die vorher heimlich stahlen, treiben später offen Räuberei. Nichts reizt daher die Wut einer Wunde so sehr wie die Unfähigkeit, sie zu ertragen. Schließlich gilt schon bei wilden Landleuten selbst: Die festesten Fesseln werden, wenn sie sich dagegen aufbäumen, enger angezogen; wenn sie ruhig bleiben, werden sie gelockert. Die schmerzhafte Gewalt von Fieberschüben wird geringer, wenn man sie erträgt; sie wird durch Unruhe gesteigert. Wenn aber schon sie, die mit ländlichen Dingen vertraut sind, um ihres eigenen Wohls willen so weit auf sich achten, dass sie die Natur vergessen und dadurch den Schmerz mindern, wie viel mehr hat bei Menschen häufige Erfahrung gelehrt, dass den Verwundeten Nachsicht gegen die Verwundenden zur Schande gereicht hat und dass sie ohne Ankläger in Ordnung brachten, was sie durch Anklage nicht verbessert hatten. Doch sei es so: Die Anmaßung der römischen Richter war unerträglich. Was ist dann erträglicher: dass alle leiden oder einer? Was ist außerdem daran gerecht, wenn einer das Unrecht getan hat, gegen alle Krieg zu führen? Sind etwa alle Römer Urheber des Unrechts? Ist Caesar es selbst? Oder ist der sorgfältig ausgewählte Mann, der zu euch gesandt wurde, unehrlich? Aber sie können nicht über die Meere hinweg sehen, und ihre Augen reichen nicht vom Westen bis in den Osten, sodass sie dort sehen könnten, was hier geschieht; auch können sie nicht leicht hören, denn was die Fürsorge prüfen müsste, verhindert die große Entfernung durch die Schwierigkeit der Nachforschungen.

Soll also die Schuld eines Einzelnen eine Trennung vom römischen Reich hervorbringen, obwohl es auch ohne eure Beschwerden rasche Abhilfe geben kann, ohne die Missgunst einer Anklage und ohne die Mühsal einer Reise? Durch den jährlichen Wechsel werden die römischen Amtsträger abgelöst; daraus folgt, dass ein Anmaßender nicht lange bleibt und ihm bald ein maßvollerer nachfolgt. Darum wird niemandem etwas schaden, weil selbst denen, die ruhig bleiben, Abhilfe gewährt wird. Gründe für einen Krieg zusammenzuspinnen ist verderblich; denn die Lage im Krieg ist für alle hart, und Krieg gegen die Römer ist das äußerste Mittel. Wenn ihr vor ihnen fliehen wollt, da ihr sie nicht besiegen könnt, müsst ihr die Welt verlassen. Doch ihr führt das Verlangen nach Freiheit an. Diese Überlegung kommt bei euch zu spät. Früher hättet ihr kämpfen müssen, damit ihr eure Freiheit nicht verliert; nun fordert ihr sie zurück, als wäre sie schon verloren. Die Erfahrung der Sklaverei ist hart; deshalb hätte man sich ihr entweder von Anfang an nicht unterwerfen dürfen, oder man muss sie, nachdem man sie angenommen hat, mit Gleichmut tragen. Damals hättet ihr Widerstand leisten müssen, als ihr in die Sklaverei gerufen wurdet. Das wäre ein gerechter Kampf gewesen. Wer sich aber einmal in die Sklaverei begeben hat, wird, auch wenn er sich später zurückziehen möchte, nicht als Liebhaber der Freiheit angesehen, sondern als aufsässiger Sklave beurteilt. Wo war jene Verteidigung der Freiheit, als Pompeius gegen euer Land vorrückte, als er als euer Herr in die Stadt einzog? Wo waren die Waffen für die Freiheit? Warum wurden sie von euren Vätern niedergelegt? Und gewiss waren sie tapferer als ihr. Sie waren starken Mutes, sie hatten reichlich Streitkräfte, sie wollten sich wehren, aber sie konnten nicht einmal einen kleinen Teil des römischen Heeres aufhalten. Sie wurden besiegt, aber geschont. Sie erkannten das Joch der Knechtschaft an und erlitten nicht die Strafe der Gefangenschaft. Warum verweigert ihr, ihre Erben, was ihr nach dem Recht der Nachfolge schuldet? Die Taten eurer Väter binden euch. Wie verweigert ihr die Unterwerfung, ihr, die ihr so viel geringer seid als die, die sich unterwarfen? Und was wird euch bleiben, wenn ihr Caesar und die ganze römische Macht gegen euch aufbringt? Wie könnt ihr denen widerstehen, die in allem triumphiert haben und nun von allen unterstützt werden, die einst gegen sie kämpften? Auch die Athener nämlich, die ihr Land der Vernichtung preisgaben um der Freiheit ganz Griechenlands willen und ihre Heimat mit dem Exil vertauschten, damit Xerxes nicht über sie herrsche, der über das Land fuhr und über die Wasser marschierte, den weder die Meere aufhielten noch das Land zurückhielt, dessen Marschweg den Raum ganz Europas einschloss und dem die Grenzen der Erde enger waren als die Züge seines Heeres: Sie setzten ihm auf der Flucht so nach, dass er, kaum mit einem einzigen Schiff auf der Flucht und ohne Beistand, sich der Gefangenschaft entzog. Eben diese Männer wahrhaftig, die wegen des kleinen Salamis ganz Asien unterwarfen und Xerxes, der über die Wellen herrschte und die Meere unterjochte, weil er sie sich untertan glaubte, ruhmvoll in die Flucht schlugen, dienen jetzt den Römern; und die Führer ganz Griechenlands unterwerfen sich jetzt den Befehlen der Italiker, und jenes Athen, das anderen Gesetze gab, ist nun Sklave fremder Gesetze.

Auch die Lakedämonier lieben jetzt ihre Herren, nach den Triumphen von Thermopylen und des toten Leonidas, nach Agesilaus, dem Retter Asiens. Makedonien und Afrika, die durch zwei überaus starke Führer Herrschaft und Gewalt über die ganze Welt in ihre Macht gebracht hatten, sind nicht erbittert, nachdem ihnen die Macht genommen wurde; zufrieden mit einem so großen Umschwung des Geschicks verlangen sie nach den Wohlgesinnten, die sie einst für die Sklaverei suchten. Weder durch den Reichtum des Philippus noch durch die Triumphe Alexanders werden die Makedonen bewegt, obwohl sie diese beiden Führer nicht ohne Grund für die klügsten von allen halten: der eine hielt sich innerhalb Griechenlands, der andere gelangte, vor den römischen Waffen fliehend, als Sieger bis zu den kaspischen Königreichen, zu den Grenzen der persischen Eroberungen und in die fernen Gebiete der Inder. Er erhielt den Namen des Großen, weil er den Größten von allen nicht herausforderte. Ihn entzog ein unzeitiger Tod dem Triumph der Römer; doch in seinen Nachkommen diente er ihm, durch die die Beute des Ostens nicht als Stütze der Herrschaft, sondern als Lohn der Sklaverei gesucht wurde, sodass der Höchste der Sklaven zum Reichtum des Siegers gelangen konnte. Das Große an Alexander: Was war daran so wunderbar? Er dehnte seine Eroberungen bis zum Ozean aus, die Römer über den Ozean hinaus. Zeugin ist Britannien, außerhalb der Welt gelegen, aber durch die Tapferkeit der Römer in die Welt hineingeführt. Sklaven sind jene, die selbst nicht wussten, was Sklaverei war, da sie nur für sich geboren und stets für sich frei waren; weil sie durch einen dazwischenliegenden Ozean von der Macht der Stärksten getrennt waren, konnten sie die nicht fürchten, die sie nicht kannten. Darum war es größer, zu den Briten hinüberzufahren, als über die Briten zu triumphieren. Was soll mit den Teilen geschehen, die der römischen Herrschaft bereits unterworfen sind? Der Ozean lehrte sie die Unterwerfung unter die Sklaverei, nachdem er selbst für sich eine ungewohnte Dienstbarkeit gegenüber den Schiffen der Römer und denen, die ihn überquerten, anerkannt hatte. Was soll ich über Hannibal sagen? Er war Sieger über so viele Länder und führte Krieg gegen die Römer; ihren Triumphen öffnete er die Alpen, bahnte ihnen einen Weg und unterwarf Städte, die von den Siegern erworben wurden. Und obwohl er oft siegte, schnitt er den Besiegten doch niemals die Hoffnung ab; einmal aber selbst besiegt, konnte er sich nicht wieder erholen. Freiwillig fiel er auf die Siege zurück, die er als Sieger nicht behauptete; seine Waffen den Siegern preisgegeben, begab er sich zu König Prusias: ein Söldner, der einst ein Führer gewesen war, ein Flüchtling, der einst ein Eroberer gewesen war. Eine Wohltat für die Bewohner Galliens, ein von Natur wildes und durch seine natürlichen Mauern noch wilderes Volk: Nicht Mörtelwerk von Mauern, sondern die Gipfel der Alpen schützen sie im Osten, der Ozean schließt sie im Westen ein, die Rauheit der Pyrenäen im Süden, im Norden der Lauf des Rheins und das weite Germanien. Durch die Gunst dieser Schranken galten sie als unüberwindlich und unzugänglich.

Den Römern aber, die über die Wolken hinaufzogen und ihre Herrschaft über die Säulen des Herkules hinaus ausdehnten, war nichts unpassierbar: Mit großer Leichtigkeit wurden Feinde, die sich verborgen hielten, aufgespürt und Widerständige besiegt. Wegen ihrer unerwarteten Ankunft glaubte Germanien, die Berge seien eingesunken und der Rhein sei ausgetrocknet. Mächtiger als die übrigen durch die Größe ihrer Körper und ihre Verachtung des Todes, hatten die Germanen früher ihren Rhein für einen Schild gehalten; jetzt halten sie ihn für einen Wächter ihrer Sicherheit. Und so ist er nun nicht mit Booten der Germanen gefüllt, sondern mit Kriegsschiffen der Römer, die über alle Wasser des zweihörnigen Flusses bis zum Meer fahren und die einst freien Stämme in die Sklaverei drängen, sodass jene, die zuvor ihre Herrschaft über die ganze Welt als selbstverständlich angesehen hatten, nun den Preis ihrer eigenen Sklaverei gezahlt haben. Was nützte den Illyriern das Gold, das aus den Adern ihrer Länder gegraben wurde, wenn es ihnen für den Kampf um die Freiheit nicht genügte? Wie viel wertvoller war das römische Eisen, dem das Gold der Pannonier dient! So zahlt Pannonien Gold als Tribut und überführt seinen Reichtum bereitwillig in den römischen Schatz, damit es in seiner Knechtschaft sicherer ist. Auch die wilde, vom Gold des Paktolos getrübte Welle erhob ihren Bewohner nicht zum Hochmut: Sie diente willig denen, denen sie die Staaten dienen sah. Auch der Inder bewundert nicht seinen Edelstein und der Chinese nicht seine Wolle: Sie bauen sie zum Gebrauch ihrer Herren an, nicht als Ertrag des Handels, sondern als Pflichten der Leistung. Wir hören von den stolzen Staaten der Perser, doch wir sehen auch ihre Geiseln; und obwohl sie über viele Völker herrschen, bringen sie dennoch ihre Kinder dar und freuen sich, dass ihr Adel den Römern als Unterpfand des Friedens dient; zugleich lernen sie durch das Dienen, sich selbst zu beherrschen. Sie bringen Gewänder, Halsketten und auch Elefanten dar. Die Könige legen den Römern eine einzige Abgabe auf. Hinzu nehmen wir Ägypten, das von seinem Reichtum überfließt und des himmlischen Regens nicht bedarf, weil es selbst sich Regenschauer hervorbringt und die Fülle der Wasser schafft. Denn obwohl es heißer ist als alle anderen Gegenden, klagt es allein nicht über Dürre; und was sonst nirgends geschieht: Es nährt seine Saaten durch Bewässerung, es fährt im Sand, es fährt durch die Saaten, wo Regen unbekannt ist. Doch sein außerordentlicher Ertrag und seine natürliche Fruchtbarkeit dienen den Römern, sodass es die Herren vier Monate lang ernährt. Was soll ich von jener Stadt sagen, die nach dem mächtigsten König benannt ist? Von einem Strom als Mauer umgeben, kennt sie keine Belagerung; denn der größte aller Flüsse, wie in einer Schale über eine Fläche des Landes ausgebreitet, hält für sie das Hindernis einer Belagerung fern und schafft Abhilfe, indem er heranbringt, was zum Gebrauch notwendig ist. Was wäre für eine Erhebung vorteilhafter gewesen, als wenn Ägypten dazu bewegt worden wäre? Es zählt, außer den Einwohnern Alexandrias, sieben Millionen fünfhunderttausend Männer, die römischer Herrschaft unterworfen sind. Und obwohl es eine so große Menge besitzt, zieht es dennoch vor, sich durch die Steuern des römischen Reiches zu halten, statt mit seinem eigenen Kriegsdienst Krieg zu führen.

Ich will auch die Kyrenäer nicht übergehen, ein Geschlecht der Lakedämonier, die einst mit den Karthagern um ihre Gebiete und ihre Herrschaft kämpften und den Tod als Ende des Streits anboten. Durch dieses Angebot wurden sie zwar besiegt, rächten aber dennoch das Unrecht und überließen den Brüdern Phileni den Sieg. Auch an den Syrten gehe ich nicht vorüber, schon beim bloßen Hören furchtbar: Sie ziehen alles an sich und halten im flachen Meer alles fest, was sich nähert. Kundige behaupten, ein Drittel der ganzen Welt sei vom Atlantischen Ozean und den Säulen des Herkules bis zum Roten Meer und nach Äthiopien abgegrenzt. Wer könnte die Menschen so vieler Völker zählen, durch deren Schutz Karthago doch der rechten Flanke Scipios nicht standhielt und es vorzog, Rom zwei Drittel des Jahres hindurch gegen sich selbst zu ernähren, statt sich auf die Hilfe anderer zu stützen und gegen die Römer aufzubegehren? Auch Kreta mit seinen hundert berühmten Städten, reicheren Königreichen zugewandt, ringsum vom Meer umgeben und gewohnt, einen Feind durch die Wogen wie durch Berge abzuwehren, fürchtet einen einzigen Konsul; und sehr viele Menschen werfen sich aus Furcht vor den sechs Ruten der Rutenbündel nieder. Asien, der Pontus, die Eniocher, die skythischen Nomaden, die Tauroskythen, die mötischen Königreiche und alle Bosporaner sind dem römischen Reich unterworfen, und das, bevor fünfzig Schiffe das nicht befahrbare Meer zum Frieden zwangen. Was aber soll ich andererseits von Armenien sagen? Es bewahrt nicht nur die Ruhe seiner Grenzen, sondern wacht wahrhaftig auch über die Tore und forscht sorgfältig nach, damit niemand eindringt, der den Frieden stören will. Alle sind also bereit, den Römern zu dienen; nur ihr weigert euch, denen untertan zu sein, denen alle unterworfen sind. Auf welche Waffen vertraut ihr, auf welches Heer seid ihr stolz? Wo ist die Flotte eurer Schiffe, die die Meerengen sperren und die Meere der Römer durcheilen könnte? Denn gegen ihren Namen sind die Elemente hinübergegangen, gegen sie ist die Welt hinübergegangen, die durch das römische Reich abgeschlossen und begrenzt wird; schließlich wird sie von den meisten römische Welt genannt. Wenn wir nämlich nach der Wahrheit suchen, so liegt, wie wir oben sagten, die Erde selbst innerhalb des römischen Reiches. Nachdem die römische Tapferkeit über sie hinausgeschritten war, suchte sie sich jenseits des Ozeans eine andere Welt und fand sich in Britannien einen neuen Besitz, fern von den Grenzen der Welt. Dorthin werden schließlich die geschickt, denen nicht nur das Gesetz des römischen Staates, sondern beinahe sogar das des menschlichen Handelns selbst versagt ist; und dort leben sie wie aus der Welt Verbannte. Der Ozean hat sich seinen Grenzen unterworfen; der Römer versteht es, seine entlegenen Geheimnisse aufzuspüren. Mit uns wird Krieg gegen solche geführt werden, bei denen nicht einmal die Natur zu ihrem Recht kommt. Der Euphrat, früher unzugänglich außer für seine Bewohner an beiden Ufern, ist römisch und zeigt, dass der ganze Osten unter dem römischen Reich steht. Der Hister, der in den nördlichen Gegenden zwischen unzähligen wilden Stämmen fließt, hat Geiseln empfangen; er hält die Feinde im Zaum. Der Süden aber bebaut, soweit er bewohnbar sein kann, für die Römer das Land und sammelt für sie seine Ernte ein.

Im Westen nahmen einst die gaditanischen Küsten, die äußersten aller Länder, neue Besucher auf, die dem römischen Reich Tribut entrichten; sie haben eigene Mittel, mit denen sie ihren Handel lenken. Wo man früher nur die Seeräuberei schätzte, treibt man jetzt Handel. Da also alle Orte den Römern gehören, woher wollt ihr für euch gegen die Römer Hilfe suchen? Aus welcher unbewohnbaren Gegend wollt ihr Bundesgenossen herbeiholen? Denn alle, die zur Welt gehören, sind insgesamt Römer. Wollt ihr eine Gesandtschaft über den Euphrat hinaus zu den Adiabenern schicken? Auch ihnen steht es nicht frei, ihre eigenen Angelegenheiten aufzugeben; und der Parther lässt nicht zu, dass der für ihn erbetene Friede gewährt wird, damit er sich nicht selbst unter den Nachbarn eines Aufstands schuldig macht. Ihr dürft nicht meinen, dieser Krieg sei so, als würdet ihr Kämpfe gegen Araber und Ägypter führen. Anders sind die römischen Waffen, und andere Mittel werden aus der ganzen Welt aufgeboten. Auch die Schutzwehren Jerusalems, seine Mauern, sollen euch nicht täuschen: Sie haben die stärkere Mauer des Ozeans niedergerissen. Erwartet ihr etwa Hilfe von der Religion, wo doch die Jünger Jesu schon die römische Welt erfüllt haben? Oder meinen wir, ohne Gottes Wink könne diese Religion wachsen und die Stadt Rom ihre Herrschaft über alle Gegenden ausdehnen? Wahrhaftig, unsere Religion hat uns längst verlassen, weil wir den Glauben verlassen und in großer Zahl gesucht haben, was durch himmlische Verordnungen verboten ist. Woher kam der Ägypter gegen uns? Wie wurden wir Gefangene der Assyrer? Hat die Schrift nicht gesagt, dass dies geschehen werde? Stand nicht geschrieben, dass alle Sakramente des Tempels entweiht würden? Gerade diese Dinge, die schon allzu häufig entweiht worden sind, zeigen nun ihre Macht und den ganzen Einfluss ihrer Mysterien. Der Tempel ist mit Menschenblut verunreinigt, die Lager sind mit Leichen gefüllt, die Altäre mit Blut bedeckt. Am Sabbat sind Kämpfe ausgetragen worden; Übertretung ist geschehen, während der Tempel nicht durch seinen Brauch und die Feierlichkeit seiner Feste verteidigt wird, sondern durch blutigen Kampf. Und dies kann gewiss wiederum gesagt werden. Wie also können wir göttliche Hilfe verdienen, als ginge es gegen Feinde, die der Religion entgegenstehen, wenn wir selbst unserer Religion Gewalt antun? Was bleibt also als Heilmittel, wenn menschliche Mittel keine Stütze bieten und auch die göttliche Gnade keine Hilfe bringt? Für manche ist es Brauch, das Zweite davon für den Krieg anzurufen; für euch steht keines von beiden bereit. Was bleibt also übrig außer gewisser Vernichtung? Wenn ihr aber nicht ablasst, solange Vorsicht noch möglich ist, dann bleibt nichts anderes, als dass ihr selbst euer Land verbrennen und den Tempel verbrennen werdet, und auch eure Frauen und Kinder werdet ihr dem Tod übergeben. Ihnen werdet ihr die Urheber des größten Verlustes sein, denn der untröstliche Fortgang all dieser Übel wird unserer Schuld zugeschrieben werden, die wir tragen. Hinzu kommt, dass die Kriege anderer Städte mit der Vernichtung ihrer Bewohner geendet haben; euer Aufstand aber wird die Vernichtung der ganzen Religion sein, die sich über die ganze Welt ausgebreitet und ihre Völker überall verstreut hat, und in allen Städten gibt es einen Teil von uns.

Darum werden in euren Kampf alle Juden hineingezogen werden, und es wird keine Gegend geben, die von unserem Blut frei bleibt. Und wenn die Römer so sind, dass sie an den Juden keine Rache nehmen und sich durch den Krieg nicht provozieren lassen, wie ungerecht ist es dann, gegen jene Krieg zu führen, auf deren Güte ihr hofft? Gut ist es, Liebste, gut ist es, solange das Schiff noch im Hafen liegt, den kommenden Sturm vorauszusehen und sich nicht in drohende Gefahren zu stürzen, damit ihr, wenn ihr erst in die Tiefe hinausgefahren seid, dem Schiffbruch nicht mehr entgehen könnt. Oft freilich erhebt sich plötzlich ein Sturm, und Krieg folgt, auch wenn er nicht aufgezwungen wird; doch besser ist es, einen Feind anzugreifen, als ihn abwehren zu müssen. Solange er nicht gereizt wird, schont er eher, und die Not entschuldigt Übermut; wer sich aber selbst in eine unvermittelte Gefahr stürzt, lädt Schande auf sich. Er ist kein Feind, dem ihr durch Flucht entkommen könnt. Wohin ihr auch geht, die Gefahr folgt euch, ja ihr werdet ihr gewiss begegnen. Denn alle sind Freunde der Römer, und wer außerhalb der Freundschaft mit den Römern steht, ist der Feind aller. Möge die Liebe zu eurem Land euch bewegen. Wenn die Rücksicht auf eure Geiseln und auf eure Frauen euch nicht zurückruft, dann soll der Blick auf den hochheiligen Tempel euch zur Besinnung bringen. Schont wenigstens unsere Religion, schont die geweihten Priester, die die Römer nicht schonen werden, auch den Tempel selbst nicht, sie, die bedauern, sie verschont zu haben, zumal alle Völker schon lange unsere Religion vernichten möchten; Pompeius aber hat sie verschont, obwohl er sie hätte vernichten können. Ich habe nichts ausgelassen, ich habe vor allem gewarnt, was unsere Rettung betrifft. Ich empfehle euch, was ich für mich selbst wähle; prüft ihr genau, was für euch nützlich ist. Ich wünsche für euch und für mich Frieden mit den Römern. Wenn ihr ihn verwerft, entzieht ihr mir selbst die Gemeinschaft mit euch. Entweder wird es gemeinsames Glück geben, oder Gefahr ohne mich. “ Als er dies sagte, weinte er, ebenso seine Schwester Berenike, denn sie selbst befand sich oben auf dem Xystus. Und Agrippa hatte sie durch seine Tränen sehr bewegt, sodass die Juden sagten: „Nicht gegen die Römer erheben wir uns, sondern gegen Florus, der kriegswürdige Taten begangen hat und den wir als einen ansehen, der Krieg führt. “ Agrippa antwortete: „Doch gerade das heißt, Krieg gegen die Römer zu führen; eure Taten suchen den Römern Schaden zuzufügen. Nicht Florus, sondern den Römern wird der Tribut verweigert, nicht Florus, sondern Caesar; nicht die Truppen des Florus, sondern die der Römer liegen in der Burg, die Antonia genannt wird. Von ihr habt ihr den Tempel getrennt, indem ihr die Säulenhallen niedergerissen und aufgebrochen habt, damit die Besatzung abgeschnitten ist. Stellt den früheren Zustand wieder her. Der Tribut, der Caesar geschuldet wird, soll Caesar gezahlt werden, damit Florus nicht melden kann, nicht er selbst, sondern die Herrschaft Caesars sei von euch zurückgewiesen worden. “ Das Volk stimmte seinen Worten zu, sodass sie, nachdem Agrippa in den Tempel hinaufgestiegen war, begannen, die Säulenhalle wieder so aufzubauen, wie sie gewesen war, und den Tribut einzusammeln. So wurden binnen kurzer Zeit, nachdem eifrige Beauftragte für diese Aufgabe ausgesandt worden waren, die vierzig Talente gesammelt, die zur Zahlung des Tributs noch fehlten.

Der ganze Kriegsaufruhr war bereits niedergeschlagen. Doch als Agrippa dem noch hinzufügen wollte, sie sollten Florus untertan bleiben, bis von Caesar ein Nachfolger für ihn käme, reizte er das einfache Volk so sehr, dass sie sich nicht nur Beschimpfungen gegen ihn erlaubten, sondern ihn auch aus der Stadt hinausdrängten; ob einige der geworfenen Steine ihn trafen, ist ungewiss. Durch diese Beleidigung aufgebracht, ließ der König ihre Anführer ergreifen und sandte sie zu Florus. Er selbst aber zog sich in sein Königreich zurück.

Nach seinem Weggang legten die Kriegstreiber Hinterhalte und nahmen die Festung Masada ein; nachdem sie die römischen Wachen getötet hatten, setzten sie dort eigene Leute ein. Eleazarus, der Sohn des vornehmsten der Priester, ein Mann von verwegener Kühnheit, setzte durch, dass keine Opfergabe und kein Opfer eines Fremden angenommen werden sollte. Das war ein Trompetenstoß zum Krieg gegen die Römer und versetzte alle in Aufruhr. Als die angesehensten Männer erkannten, dass dies der Anlass zu einer jähen Abwendung sein würde, schärften sie dem Volk ein: Damit werde nicht nur der Krieg gegen Caesar heraufbeschworen, sondern auch die Ordnung der Religion verletzt und die Ehrfurcht vor dem Tempel gemindert; die Überlieferungen der Väter würden angeklagt und verurteilt, die doch aus den Gaben der Fremden den Tempel geschmückt hatten, dem aus dem Beitrag der Völker und aus den Geschenken einzelner, unzähliger Menschen weit größerer Reichtum zufloss. Die heiligen Einrichtungen unserer Vorfahren würden vergessen, die heiligen Riten verändert. Was soll mit dem geschehen, was schon früher gesammelt worden ist, wenn künftig auf gleiche Weise verboten werden sollte, Gaben der Völker anzunehmen? Oder wenn allein den Römern verwehrt werden sollte, was allen anderen erlaubt ist, was anderes wäre das als ein Anreiz zum Krieg? Schließlich wäre es frevelhaft, wenn es ausgerechnet bei den Juden Fremden nicht erlaubt wäre, Opfer darzubringen oder Gaben zu stiften. Sie mussten bedenken, dass der Friede mit Caesar gebrochen würde; durch eine Kränkung dieser Art gereizt, würde er ohne Zweifel dahin kommen, den Juden jede Opferpraxis zu nehmen. Dass die, die Caesars Opfer zurückwiesen, am Ende auch für sich selbst nicht mehr opfern könnten, dem musste rechtzeitig vorgebeugt werden. Denn wenn solche Pläne zu Florus und von dort ohne Zweifel zu Caesar gelangten, würden sie dem Volk der Juden Verderben bereiten. Zugleich wollten sie dies durch das Zeugnis der Priester bekräftigen und fragten, ob von unseren Vorfahren je eine Gabe von Heiden zurückgewiesen worden sei.

Dass dies künftig weniger geduldet werden sollte, darüber erhoben sie, zum Aufruhr bereit, ein gewaltiges Geschrei; nicht einmal die Diener wagten es, sich in einen so großen Streit der Hadernden einzumischen. Ein einziges Mittel schien noch zu bleiben: Florus und König Agrippa sollten mit einer Schar Soldaten eintreffen, damit wenigstens aus Furcht die von ihrem Vorhaben abließen, die sich auf keine Weise davon abbringen ließen. Florus aber, der wollte, dass der Zwist anwuchs, damit es für die Juden keinen Grund zur Schonung gebe und, wenn sie in einen Krieg verwickelt wären, jede Möglichkeit erlösche, gegen seine Räubereien und schweren Verbrechen vorzugehen, ließ den Wahnsinn des Krieges hervorbrechen und gab den Gesandten keinerlei Antwort. Agrippa aber, den die Gesandtschaft seiner Verwandten Cylus, Antipas und Costobarus besonders um des gemeinsamen Wohles willen bestürmte, damit er den Römern die Juden rette und den Juden ihre Religion, dem Land den Tempel, den Bürgern die Stadt und sich selbst den Ruhm der Herrschaft, dem Königreich aber die Ruhe, sandte dreitausend Reiter unter Darius und Philippus als Führern der Truppen, damit sie, gestützt auf die Hilfe der rechtschaffenen Männer, die Ratgeber der Parteien unterstützten. Daher erwuchs den Rechtschaffenen Zuversicht, den Treulosen Zorn; der Kampf setzte ein, als die gerechtere Sache, die jedoch ohne Waffen den Gefechten nichts hilft, die einen entflammte, die anderen aber Wut und die Zahl ihrer Menge entflammten. Die Schlachtreihen der Kämpfenden waren auseinandergestreut. Die Vornehmsten der Priester und jener Teil des einfachen Volkes, der den Frieden wollte, nahmen zusammen mit der königlichen Reiterei den höher gelegenen Teil der Stadt ein; die anderen, die im unteren Teil standen, beanspruchten für sich den Tempel und die benachbarten heiligen Orte. Zuerst reizten sie auf beiden Seiten den Kampf mit Steinen, Felsbrocken und dem Schleudern von Geschossen an, dann entschieden sie ihn mit Pfeilen, später im Nahkampf, als die Notwendigkeit zu kämpfen sich ergab. Durch Geschick und Erfahrung gewannen die königlichen Truppen die Oberhand; sie wollten die Anstifter des Krieges vom Eintritt fernhalten, damit sie den Tempel nicht verunreinigten. Auf der anderen Seite verlangte es Eleazarus danach, mit seinen Leuten den höher gelegenen Teil der Stadt in Besitz zu nehmen, der Sion genannt wurde. Sieben Tage lang wurde ohne jede Unterbrechung gekämpft. Der achte Tag war ein Festtag, an dem alle gewöhnlich Holz für die Altäre herbeibrachten, damit das Feuer niemals erlösche, das unauslöschlich erhalten werden musste; dass alle Diener vom Tempel ferngehalten wurden, steigerte die Wut noch. Die Männer des Königs wichen vor den Sikariern zurück, die kühner als sonst hereinstürmten, und wagten nicht, in den höher gelegenen Teilen standzuhalten. Die Heiligtümer Agrippas und Beronices wurden verbrannt, jedes königliche Gerät wurde geplündert. Das Feuer wurde so weit ausgebreitet, dass sogar die handschriftlichen Schuldurkunden, die im öffentlichen Archiv verwahrt waren, verbrannten, sodass die Mittellosen sich übermütig gegen ihre Gläubiger erhoben. Da sie meinten, von jeder Verpflichtung befreit zu sein, verbrannten sie mit eigenen Händen die Stadt.

Die Sehnen der Stadt wurden verbrannt; die Festung namens Antonia wurde erstürmt, alle dort aufgefundenen Wachen wurden getötet, und danach wurde sie niedergebrannt. Auch Manaemus, der Sohn des Judas des Galiläers, drang in Masada ein, ein Mann, der in sophistischer Kunst und in verworrenen Lagen erfahren war; er bemächtigte sich des Waffenlagers und rüstete unbewaffnete Männer mit Waffen aus. Als er nach Jerusalem zurückkehrte, als käme er mit seinem Gefolge in königlicher Weise, war er so überheblich geworden, dass man meinte, ihn in Schranken weisen zu müssen: Er überschritt das Maß eines Privatmannes sogar bis zum Rechtswidrigen, was freie Menschen nicht ertragen konnten. Viele erhoben sich gegen ihn, warfen ihm vor, ein durch königliche Gewänder gestützter Tyrann und ein Herr zu sein, der sich auf die Freiheit der Bürger lege; so bezahlte er schwer, denn zuerst wurde er niedergeworfen und starb dann unter Qualen. Damit aber war der Streit nicht beseitigt, denn eine weit schwerere Unruhe erhob sich. Am Ende baten Metilius und die römischen Soldaten darum, dass ihnen der Abzug erlaubt werde; eine Zusage war gegeben und Eide waren geleistet worden, und nach der Vereinbarung sollten sie, sobald sie ihre Waffen niedergelegt hätten, ohne Furcht abziehen. Doch Eleazarus und die Verbündeten seiner Partei machten sie schutzlos nieder. Sie hatten beschlossen, der Gewalt weder Widerstand zu leisten noch zu flehen, sondern nur laut die gebrochene Zusage und den Meineid der Treulosen auszurufen. Und so wurden alle getötet; Metilius selbst, der Befehlshaber, wurde allein verschont, weil er bat und flehte und zugleich versprach, ganz und gar Jude zu werden, sogar bis zur Beschneidung.

Ganz Judäa stand in Flammen, auch die ganze Provinz Syrien wurde zum Krieg aufgebracht. Schließlich töteten die Caesareaner unterschiedslos alle Juden, die sie in ihrer Gewalt hatten; durch diesen Schmerz aufgebracht, griffen die Juden viele Städte Syriens an und erhoben sich. Nirgends gab es Recht, nirgends Achtung vor der Religion; höher galt, wer mehr geplündert und so die Belohnungen der Tapferkeit aufgehäuft hatte. Es war ein jammervoller Anblick, als überall in den Städten unbegrabene Leichen lagen, Greise unter Knaben, auch Frauen, denen man nicht einmal aus Rücksicht auf die Scham der Betrachter eine Hülle gelassen hatte, mit der ihre Schamteile bedeckt werden konnten; alle Orte waren abscheulich und voll elender Anblicke. Und obwohl diese schmerzlichen und verabscheuungswürdigen Grausamkeiten das Grauen des Schmutzigen schon überstiegen hatten, drohten sie ihnen gegenseitig noch Schlimmeres an. Zwischen den Juden und den Syrern herrschte eine rohe Bosheit, denn es gab keine Hoffnung auf Rettung, wenn sie einander nicht gegenseitig aufhielten. Was soll ich erst von der Stadt sagen, in der Juden und Syrer miteinander vermischt waren? Die Tage vergingen in Blut, die Nächte in Schrecken; weder Hass noch Raubgier kannten ein Maß. Denn über die Verschiedenheit der Parteien und der Lebensweise hinaus, die in ein öffentliches Übel ausgebrochen war, hatte eine maßlose Begierde nach Besitz und Plünderung den Geist ergriffen, sodass sie meinten, niemand dürfe verschont werden, den sie aus Beutelust dem Tod bestimmt hatten. Was soll ich von der geringen Zahl der Ermordeten sagen? Denn außer den Antiochenern, Sidoniern und Apamenern lässt sich kaum ein Volk finden, das die bei ihm wohnenden Juden nicht verfolgte. Die Gerasener dagegen begleiteten die, die fortgehen wollten, bis an ihre eigenen Grenzen, damit sie ohne Verrat weggehen konnten. In Alexandria aber entstand ein Streit zwischen den Heiden und den Juden, weil die Juden Vergeltung forderten und drohten, das im Amphitheater versammelte Volk der Heiden mit ergriffenen Fackeln zu verbrennen; damit brachten sie den Befehlshaber des Ortes, Alexander Tiberius, der mit anderen Angelegenheiten befasst war, gegen sich auf. Zuerst versuchte er zwar, mit friedlichen Worten die öffentliche Eintracht wiederherzustellen; als er aber bemerkte, dass jene, die er eindringlich warnte, ihn verspotteten, und dass der Aufruhr auf keine andere Weise beendet werden konnte, gab er seinen Soldaten die Vollmacht, sie anzugreifen. Diese umzingelten sie, fielen über sie her und richteten in der ganzen Stadt ein großes Blutbad an: Sie töteten einige, die Widerstand leisteten, andere, die sich in ihren Häusern verbargen; weder Erbarmen mit kleinen Kindern zeigte sich noch Rücksicht auf die Greise noch Sorge um die Scham der Frauen. So wurden fünfzigtausend Juden erschlagen. Die Straßen strömten von Blut über, alles war mit Leichen gefüllt, Flammen prasselten durch die Stadt von dem heftigen Feuer, das in die Häuser der Juden geworfen wurde und ihre Viertel verwüstete. Der unbeugsame Alexander jedoch befahl schließlich den Soldaten, abzulassen und zum Rückzug blasen zu lassen; der Zorn des Volkes aber, der einmal in das Töten ausgebrochen war, ließ sich keineswegs beruhigen.

Sie bezahlten wahrhaftig die Strafen für ihre Verbrechen, sie, die, nachdem sie Jesus, den Richter göttlicher Dinge, gekreuzigt hatten, später sogar seine Jünger verfolgten. Doch ein großer Teil der Juden und sehr viele von den Heiden glaubten an ihn, weil sie von seinen moralischen Weisungen und von Werken angezogen wurden, die über menschliches Vermögen hinausgingen und aus ihm hervorströmten. Bei ihnen machte nicht einmal sein Tod ihrem Glauben und ihrer Dankbarkeit ein Ende; im Gegenteil, er vermehrte ihre Hingabe. So brachten sie mörderische Scharen zusammen und führten den Urheber des Lebens zu Pilatus, damit er getötet werde; sie begannen, den widerstrebenden Richter zu bedrängen. Dadurch wird Pilatus jedoch nicht freigesprochen, vielmehr wird der Wahnsinn der Juden noch aufgehäuft: Denn er war nicht verpflichtet, den zu richten, den er als völlig Schuldlosen festgenommen hatte, und auch nicht, zu diesem Mord noch den Frevel hinzuzufügen, dass der von eben denen getötet werden sollte, denen er sich angeboten hatte, um sie zu erlösen und zu heilen. Darüber geben die Juden selbst Zeugnis, indem Josephus, ein Geschichtsschreiber, sagt, es habe zu jener Zeit einen weisen Mann gegeben, wenn es denn, wie er sagte, angemessen sei, den Schöpfer wunderbarer Werke einen Menschen zu nennen; er sei seinen Jüngern nach drei Tagen seines Todes lebend erschienen, entsprechend den Schriften der Propheten, die sowohl dies als auch unzählige andere, von Wundern erfüllte Dinge über ihn geweissagt hatten. Daraus nahm die Gemeinschaft der Christen ihren Anfang und drang zu jedem Stamm der Menschen vor; auch ist kein Volk der römischen Welt geblieben, das ohne Anbetung seiner Person geblieben wäre. Wenn die Juden uns nicht glauben, sollen sie ihren eigenen Leuten glauben. Das sagte Josephus, den sie selbst für sehr bedeutend halten; doch verhielt es sich so, dass er selbst, der die Wahrheit aussprach, innerlich anders gesinnt war, sodass er seinen eigenen Worten nicht glaubte. Er sprach aber aus Treue zur Geschichte, weil er es für Sünde hielt zu täuschen; er glaubte nicht wegen der Verstocktheit seines Herzens und aus treuloser Absicht.

Doch beeinträchtigt er die Wahrheit nicht dadurch, dass er nicht glaubte, sondern er fügte seinem Zeugnis noch mehr hinzu, weil er, obwohl ungläubig und unwillig, die Aussage nicht verweigerte. Darin leuchtete die ewige Macht Jesu Christi hell auf, weil sogar die Vorsteher der Synagoge ihn als Gott bekannten, ihn, den sie zum Tod ergriffen hatten. Und wahrhaftig, als Gott sprechend, ohne Ansehen der Personen und ohne jede Todesfurcht, kündigte er auch die künftige Zerstörung des Tempels an. Doch nicht der Schaden am Tempel bewegte sie, sondern weil sie von ihm wegen Ärgernis und Frevel zurechtgewiesen wurden, entflammte daraus ihr Zorn, sodass sie den töten wollten, den kein Zeitalter halten konnte. Denn während andere durch Bitten erlangt hatten, zu tun, was sie taten, stand es in seiner Macht, alles anzuordnen, was er getan wissen wollte. Johannes der Täufer, ein heiliger Mann, der die Wahrheit des Heils niemals an die zweite Stelle setzte, war schon vor dem Tod Jesu getötet worden. Schließlich hatte er zu allem, was er als voll von Gerechtigkeit lehrte und womit er die Juden zur Anbetung Gottes einlud, die Taufe zur Reinigung von Geist und Körper eingesetzt. Für ihn wurde seine Freimütigkeit zur Ursache seines Todes, weil er es nicht ertragen konnte, dass Herodes unter Verletzung des Rechts der brüderlichen Ehe seinem Bruder die Frau geraubt hatte. Denn als eben dieser Herodes nach Rom reiste und zur Unterkunft in das Haus seines Bruders eingekehrt war, wagte er, die Frau, nämlich Herodias, die Tochter des Aristobulus und Schwester des Königs Agrippa, naturvergessen zu umwerben: Sie solle, wenn der Bruder zurückgelassen sei, ihn heiraten, sobald er aus der Stadt Rom zurückgekehrt wäre. Mit Zustimmung der Frau wurde ein schändlicher Vertrag geschlossen, und die Nachricht davon gelangte zu der Tochter des Königs Aretas, die noch in der Ehe mit Herodes stand. Empört über ihre Nebenbuhlerin legte sie ihrem zurückkehrenden Mann nahe, er solle in die Stadt Macherunta gehen, die an der Grenze zwischen dem König Petreus und Herodes lag. Er, der nichts vermutete, und zugleich, weil er das ganze Gemeinwesen dort ringsum geschädigt hatte, wodurch er leichter die Treue zu seiner Vereinbarung mit Herodias wahren konnte, wenn er seine Frau loswürde, stimmte ihrem Ausweichplan zu. Als sie aber dem Königreich ihres Vaters nahekam, offenbarte sie ihrem Vater Aretas, was sie erfahren hatte. Dieser griff durch einen Hinterhalt an und vernichtete in einer Schlacht die gesamte Streitmacht des Herodes vollständig, nachdem der Verrat durch jene geschehen war, die sich aus dem Volk des Tetrarchen Philippus Herodes angeschlossen hatten. Daher brachte Herodes den Streit vor Caesar; doch die von Caesar angeordnete Vergeltung nahm der Zorn Gottes hinweg, denn mitten in der Vorbereitung des Krieges wurde Caesars Tod gemeldet.

Und wir finden, dass dies von den Juden so beurteilt und geglaubt wurde, wobei der Verfasser Josef ein geeigneter Zeuge gegen sich selbst ist: Nicht durch den Verrat von Menschen, sondern durch Gottes Aufweckung verlor Herodes sein Heer, und zwar zu Recht wegen der Vergeltung im Zusammenhang mit Johannes dem Täufer, einem gerechten Mann, der zu ihm gesagt hatte: „Es ist dir nicht erlaubt, diese Frau zu haben. “ Wir aber verstehen dies so, als hätten die Juden in ihrem eigenen Volk ihre gesetzlichen Rechte bewahrt, bei denen doch die Macht des Hohepriester zugrunde gegangen war, ebenso die Habgier derer, die getötet wurden, und der Hochmut der Mächtigen, die meinten, ihnen stehe das Recht zu, zu tun, was sie wollten. Denn von Anfang an war Aaron der oberste Priester; er übertrug seinen Söhnen nach Gottes Willen und durch rechtmäßige Salbung den Vorrang des Priestertums. Durch sie werden nach der Ordnung der Nachfolge diejenigen eingesetzt, die den obersten Rang im Priestertum innehaben. Daher galt nach der Gewohnheit unserer Väter, dass niemand der Erste unter den Priestern werden durfte, wenn er nicht aus dem Blut Aarons stammte, dem das erste Gesetz dieser Ordnung des Priestertums anvertraut worden war. Es ist nicht erlaubt, dass ein Mann anderer Abstammung nachfolgt, selbst wenn er König ist. Schließlich wurde Ozias, weil er das Amt des Priestertums an sich riss, mit Aussatz überzogen und aus dem Tempel hinausgeworfen; den Rest seines Lebens verbrachte er ohne Amtsgewalt. Und ohne Zweifel war er ein guter König, doch es war ihm nicht erlaubt, das Amt der Religion an sich zu reißen.

So gab es von der Zeit an, als unsere Väter aus Ägypten auszogen, bis zum Bau des Tempels, den Salomo errichtete, dreizehn Führer der Priester; sie umfassen sechshundertzwölf Jahre, da anfangs derjenige, der der Erste unter den Priestern war, bis zu seinem Tod im Amt blieb und niemand anstelle noch Lebender eingesetzt wurde. Später wurden Amtsinhaber sogar bei Lebzeiten ersetzt. Diese Dreizehn erbten also das Priestertum durch das Recht der Nachfolge, und in jenen Zeiten war die Gewalt der Richter und Könige sowohl Herrschaft der Bestgeborenen als auch Alleinherrschaft. Von Salomo aber bis zur Zeit der Gefangenschaft, als das Volk nach Syrien auswanderte, nachdem die Stadt eingenommen und der Tempel zerstört worden war, gab es achtzehn Führer der Priester über vierhundertsechzig Jahre, sechs Monate und zehn Tage hin. Das Volk aber war siebzig Jahre in Gefangenschaft. Danach entließ Cyrus das Volk aus dem Gebiet der Assyrer und gab ihm die Erlaubnis, den Tempel wieder aufzubauen; zugleich gestattete er auch Iosedec, dem Obersten der Priester, der [p. 167] mit weggeführt worden war, zurückzukehren, damit die Feierlichkeit des alten Ritus durch die Kenntnis eines vertrauten Priesters wiederhergestellt würde. Er also und seine männlichen Nachkommen, fünfzehn an der Zahl, versahen von der Rückkehr des Volkes bis zu Antiochus Eupator das Amt in der Ordnung der Nachfolge und stellten vierhundertvierzehn Jahre lang die Leitung des Priestertums dar. Als Erster setzte Antiochus, den wir oben erwähnt haben, zusammen mit seinem Feldherrn Lysias, nachdem Onia, der Oberste der Priester, getötet worden war, an dessen Stelle Iacimus in das Priestertum ein. Dieser war zwar aus dem Geschlecht Aarons, stammte jedoch nicht aus dem eigentlichen Haus. Deshalb reiste Ananias, ein Bruder des Onia, nach Ägypten und bat Ptolomaeus Filometor und Cleopatra, die Frau des Filometor, die in der Stadt Alexandria nach dem Vorbild des Jerusalemer Ritus die Riten der Gebräuche in die Observanzen eingefügt hatten, darum, dass von dort ein Führer der Priester eingesetzt werde, weil Iacimus kein rechtmäßiges Nachfolgerecht des Priestertums besaß. Derselbe aber starb nach Ablauf von drei Jahren; und er verdiente es nicht, einen Nachfolger zu haben, da er die notwendige Form der rechtmäßigen Nachfolge aufgehoben hatte. So blieb der Staat drei Jahre ohne einen Führer des Priestertums.

Bis zu dieser Zeit, seit dem Auszug der Väter aus dem Land der Ägypter, hatte es eine Volksherrschaft bewahrt, weil das Volk der Juden erkannte, dass es wegen der Vergehen seiner Könige in die Gefangenschaft geführt worden war. Danach gewannen die Asamonäer die Macht, dem Volk vorzustehen, und setzten Ionathan als Obersten der Priester ein; nachdem er das übernommene Amt sieben Jahre versehen hatte, fand er durch den Verrat des Tryphonis das Ende seines Lebens. An seine Stelle trat jedoch Simon, sein leiblicher Bruder, gleichsam durch Auswahl nach Erbrecht; von ihm haben wir überliefert bekommen, dass er bei einem Gastmahl durch den Verrat eines Schwiegersohns getötet wurde. Von ihm ging der Vorrang des Priestertums auf seinen Sohn Hyrcanus über, den die Flucht der Gefahr entzogen hatte. Auf Hyrcanus folgte Aristobolus, der dem genannten Amt das Königtum hinzufügte, sodass er an beidem Anteil hatte; auf Aristobolus folgte Alexander. Sowohl Königtum als auch Priestertum blieben bis zum letzten Tag seines Lebens in Alexanders Gewalt, nämlich siebenundzwanzig Jahre lang, doch meist in unsicherem Stand; denn zwischen ihm und Demetrius war der Sieg unentschieden, und bei den Bürgern herrschte großer Hass. Als Alexander starb und sah, dass das Erbe seines Hasses für seine Söhne voller Gefahr sein würde, wollte er, dass seine Frau Alexandria, die in der Ausübung der Herrschaft und im Umgang mit unparteiischen Ratgebern erfahren war und zudem dem Volk angenehmer erschien, weil sie gegen die Heftigkeit ihres Mannes häufig den Gefährdeten Schutz und ihrem Mann Mäßigung geboten hatte, die Regierung des Königreichs leiten sollte; zugleich setzte er sie als Richterin darüber ein, welchem der Söhne der machtvolle Gipfel des Priestertums anvertraut werden sollte. Sie setzte Hyrcanus anstelle seines Vaters in das Priestertum ein, entweder wegen des Vorrangs des höheren Alters oder weil seine Mutter meinte, er werde, da er von sanfterer Art als sein Bruder sei, bei der Leitung der Geschäfte des Königreichs keine Unruhen erregen. Aristobolus gab sie keines der öffentlichen Ämter; doch dieser übte noch zu Lebzeiten seiner Mutter, freilich anlässlich ihrer Krankheit, das Königtum an abgelegenen und gut befestigten Orten aus. Von ihm verärgert und durch die Klagen des Hyrcanus beunruhigt, hinterließ sie, als die Krankheit fortschritt, nach nicht mehr als neun Jahren Herrschaft Hyrcanus als Erben von allem, nicht weil sie erwartete, dass er es bewahren würde, sondern damit sie keinen Unwürdigen unterstützte oder durch ein günstigeres Urteil die Anmaßung eines Usurpators weckte. Der Tod der Alexandria entzog Hyrcanus allerdings das Priestertum und das Königtum. Denn im Krieg besiegt, begab er sich an einen befestigten Ort; die Frau und die Söhne des Aristobolus aber, die er in der Festung vorgefunden hatte, hielt er fest und schloss sie in den Ausgleich ein, um die Lage zu ändern: Alle Macht und das Priestertum sollten auf Aristobolus übergehen, er selbst werde sich als Privatmann dem Haus des Aristobolus unterstellen. Doch er war nicht lange damit zufrieden, den Königshof gegen ein privates Haus eingetauscht zu haben.

So zunächst von Antipater angestachelt, ging er nach Arabien, als wolle er die Ungerechtigkeit der Vereinbarung anfechten. Als man dann in seiner Sache gegenüber den Römern unentschlossen war, die Aristobolus durch Scaurus in ein Bündnis mit sich hineingezogen hatte, wandte er sich an die Hilfe des arabischen Königs und brachte seine Klage vor Pompeius, der gerade eintraf. Dieser schlug den betrügerischen Aristobolus, der bereits im dritten Jahr herrschte, in der Schlacht nieder, legte ihn noch vor dem Sieg in Fesseln und ließ ihn, nachdem seine Leute überwunden und die Stadt eingenommen war, als Gefangenen mit seinen Söhnen nach Rom bringen. Hyrcanus gab er die Stellung des Priestertums zurück, bestimmte jedoch, dass er die Bürger ohne Krone und ohne die Stirnbänder königlicher Macht regieren solle, zwar als Ratgeber von hohem Ansehen, aber im Frieden, damit der Friede nicht durch den Geist brüderlicher Überheblichkeit gestört würde. So entzog Aristobolus, obwohl er gefangen war, Hyrcanus dennoch das Königtum, und dieser übte danach vierundzwanzig Jahre lang die Macht eher tatsächlich als dem Namen nach aus. Doch auch damit war das Lebensende für Hyrcanus, der in seiner Gewalt stand, noch nicht gekommen. Denn die übrige Zeit der Schmach ertrug er, wie wir schon früher berichtet haben: Im Kampf gegen die Parther, die den Euphrat überschritten, wurde er besiegt, gefangen genommen und in die Gewalt des Antigonus, eines Sohnes des Aristobolus, gegeben. Ihm wurden auch die Ohren abgeschnitten, doch nicht einmal so stellte er die Härte eines elenden Unheils zufrieden. Denn auch danach wurde er als Verbannter nach Parthien verschleppt; als schwacher Greis machte er sich den Barbaren zum Gespött. Als er später erfuhr, dass Herodes herrschte, dessen Frau Mariamme, seine Enkelin, die Macht erlangt hatte, kehrte er nach Judäa zurück. Dort wurde er zunächst mit dem größten Anschein von Achtung aufgenommen, hinter dem sich ein Schleier des Verrats verbarg; nicht viel später wurde ihm das Verbrechen zur Last gelegt, er wolle die Macht zurückgewinnen, und er wurde getötet. Nachdem Herodes also das Königreich erlangt hatte, das er von den Römern zum Preis der Belagerung und Übergabe des Landes empfangen hatte, setzte er an die Stelle des Antigonus, der drei Jahre und drei Monate die höchste Macht innegehabt hatte, als Nachfolger im Priestertum nicht Männer aus der Familie des Asamonäus ein, von der wir wissen, dass sie von vornehmer Abstammung war, sondern Leute niedriger Herkunft, wen immer Begierde oder Zufall ihm zuführte. Durch die Bitten der Alexandra jedoch ermüdet oder durch die Anklagen seines Schwiegervaters eingeschüchtert, machte er Ionathen, den Bruder seiner Frau, zum Priester; dieser versah das Amt siebzehn Jahre lang. Ihn ließ er bald darauf selbst töten, weil er ihn des Strebens nach der höchsten Macht verdächtigte, denn man sah, wie um ihn von Tag zu Tag die große Gunst des ganzen Volkes aufloderte. Und so stand Anhelus, den er bereits vor Ionathan aus den Niedriggeborenen zum Priestertum bestimmt hatte, in geringerem Ansehen, und er wählte die übrigen der Reihe nach aus dieser Art von Leuten, bei denen er nichts Verdächtiges fand. Denn was er bei seinen Verwandten nicht ertragen konnte, wie hätte er sich davor bei Fremden nicht in Acht nehmen sollen?

Archelaus folgte einem ähnlichen Muster, als er Ernennungen dieser Art vornahm. Unter dem Anschein einer angestammten Gewohnheit hielt er in gewisser Weise an einer Auffassung fest, die einem gemeinen Sinn bei sterblichen Menschen eigen ist: Unter ihnen ist die Wertlosigkeit der Dummen weniger zu fürchten als die Gunst der Guten, obwohl ein schwacher Geist in günstigen Umständen übermütiger werden kann, während der Klügere versteht, Wohltaten seinerseits mit Wohltaten zu vergelten. Und so waren es von der Königsherrschaft des Herodes bis zur Herrschaft der Römer, als nach der Absetzung des Archelaus Judäa den übrigen Provinzen angeschlossen wurde, und von dort an bis zur Zerstörung des Tempels und zum Triumph des Titus, in hundertundsiebzig Jahren achtundzwanzig Hohepriester. Freilich war dies für die meisten nur eine Ehrenstellung; denn die Ausübung der Macht lag in den Händen sehr weniger. Daraus wird also deutlich, dass unter den Obersten der Priester die Nachfolge der rechtmäßigen Familie nicht fortbestand, weil nicht alle aus Aaron und auch nicht aus seinen Söhnen stammten. Die, die an seine Stelle traten, überließen anderen nur den Anschein der vorgeschriebenen Nachfolge. So wurden durch ihre eigene Habgier oder Treulosigkeit die Einrichtungen unserer Alten zerstört, die Gesetze der Religion entehrt, die Schutzwehren des Altertums umgestürzt; nicht unverdient verließ sie die göttliche Hilfe. Von da an ging es gegen sie voran wie gegen ein schutzloses Volk, mit jeder Art von Unrecht: In inneren Aufständen richteten sie die eigenen Hände gegen sich selbst, sie wurden von schwerstem Räuberwesen heimgesucht, die schlimmsten Richter wurden durch das Los gewählt, auf die Schlechten folgten noch Wertlosere. Schließlich galt Albinus, der Allerschlimmste, noch als einer der Besten; im Vergleich mit Florus, seinem Nachfolger, wurde er sogar zu den Ehrbaren gerechnet. Florus trug die Fackel des Krieges hinaus und entfachte den Kampf zwischen den Römern und den Juden, der die Ursache für die große Zerstörung des Tempels und der Stadt war.

Als Cestius bemerkte, dass die Juden von Kriegswahnsinn entflammt waren, zog er im zwölften Jahr der Herrschaft Neros mit den Truppen der römischen Fußsoldaten aus; von den Römern hatte er in Teilen Syriens die große Aufgabe erhalten, das Heerwesen zu leiten, und ihm war der Auftrag anvertraut, den Wahnsinn zu zügeln und den Frieden zu wahren, damit er Mord ahnde. Nachdem die Streitkräfte seiner Verbündeten gesammelt waren und er in Judäa eingedrungen war, ließ er die Stadt, die den Namen Zabulon trägt, vom Heer verwüsten und befahl, sie zu verbrennen. Ihre Bewohner waren aus Furcht verschwunden; sie war voll von Reichtümern, die die Besitzer auf ihrer Flucht zu den Berggipfeln nicht hatten mitnehmen können, und er staunte auch über die Schönheit der öffentlichen Bauten. Und als wäre dies zur Vergeltung nicht genug, wurde das Heer vorausgeschickt, damit sich niemand durch Flucht dem Untergang entziehen konnte; zu Land und zu Wasser erfasste der Angriff der ausgesandten Boote Joppe. Nachdem achttausend Männer und beinahe noch vierhundert weitere getötet worden waren und der Raubzug zum Stillstand kam, wurde die Stadt verbrannt. Auch die Umgebung von Caesarea wurde geplündert; was er vorfand, raubte er, die Dörfer verbrannte er. Diesen Angriff brach er ab, als alle Sepphorier Cestius auf der Straße entgegenkamen; durch ihr Wohlwollen und ihre Gunst besänftigt, verschonte er die Stadt vor dem Untergang. In diesen Gegenden war eine Bruderschaft von Räubern tätig gewesen, doch beim Herannahen des Heeres hatten sie sich in die Berge zurückgezogen. Sie griffen Gallus an, der als Befehlshaber der zwölften Legion die Feldzeichen führte, und kämpften tapfer, sodass sie etwa zweihundert Römer töteten. Als aber die Römer die höher gelegenen Plätze besetzten, konnten die Räuber der Infanterie im Nahkampf nicht standhalten; auf der Flucht wurden sie von der Reiterei leicht eingeschlossen und getötet. So wurden mehr als zweitausend niedergemacht; einige wenige, die in die Flucht geschlagen waren, konnten sich in den steilen Gebirgsorten verbergen, und die ganze Gegend wurde vom Räuberwesen gereinigt. Gallus kehrte nach Caesarea zurück; Cestius zog mit allen seinen Truppen weiter nach Antipatris, wo die Juden eine nicht geringe Menge zusammengebracht hatten. Doch bevor sie ihre Truppen ordnen konnten, zerstreuten sie sich über verstreute Gebiete und gaben die Gegend und die Dörfer der Plünderung und dem Feuer preis. Auch Lydda wurde leer von Einwohnern vorgefunden und von Gabao verbrannt; es lag fünfzig Stadien von Jerusalem entfernt. Als das römische Heer dort in Sicht kam, bewaffnete es die Juden. Diese setzten die Feier des Sabbats aus, die sie mit feierlicher Sorgfalt und alter Einhaltung begingen, und stürzten sich mit solcher Wucht gegen die Römer, dass sie das ganze Heer in die Flucht geschlagen hätten, wenn nicht die Reiterei den bedrängten Fußsoldaten zu Hilfe gekommen wäre. Fünfhundertfünfzehn Römer wurden getötet, doch alle gerieten in schwere Gefahr; von den Juden aber fielen zweiundzwanzig in der Schlacht. An diesem Ort glänzte die Tapferkeit des Monobazus und des Cedaeus: Als sie erfahren hatten, was von den Juden gegen die Römer aufgeboten worden war, griffen sie von vorn an, drängten sehr viele zurück und zwangen sie, sich in die Stadt zurückzuziehen.

Auch Simon trieb in der Nähe der Stadt die heranrückenden Römer von ihrem Gepäck weg; deshalb hielt sich Cestius drei Tage in der Gegend auf. Während dieser Verzögerung rückten die Feinde, die ringsum auf höherem Gelände standen, vor und beobachteten alles, damit niemand ungestraft eindringen konnte. Da er erwog, dass ohne große Verluste auf beiden Seiten nichts unternommen werden könne, sandte König Agrippa seine Leute Borcius und Phoebus; sie sollten dem Volk sagen, dass alles Unrecht, das sie gegen die Römer begangen hätten, verzeihlich sei, wenn sie nur künftig die Waffen niederlegten und zu ihrem eigenen Besten Rat hielten. Dabei rechnete er, wie er glaubte, damit, entweder alle davon zu überzeugen, den Krieg zurückzuweisen, oder diesen Teil von den übrigen loszureißen. Die Aufrührer aber taten im Gegenteil aus Furcht, das Zweite könnte geschehen, einen Angriff auf die Gesandten und töteten Phoebus. Borcius dagegen, der verwundet wurde, konnte sich nur knapp retten. Als Cestius solche Zwistigkeiten in der Stadt sah, in denen die einen gegen die Gesandten aufstanden, die anderen empfahlen, die Römer in die Stadt aufzunehmen, versuchte er bis nach Jerusalem vorzurücken, trieb die Widerständigen zurück und näherte sich selbst mit dem Heer bis auf drei Stadien der denkwürdigen Stadt; dort verbrachte er drei Tage. Am vierten Tag unternahm er einen Angriff, drang ein und verbrannte sofort Bethesda und Caenopolis. Während er zu den Höhen der Stadt eilte und die Aufrührer in ihr Inneres flohen, hätte ohne Zweifel der ganze Krieg zu Ende gehen können, wenn er geglaubt hätte, die Stadt könne erstürmt werden. Tatsächlich hatte Ananus, der Sohn Jonathans, eine große Menge versammelt, damit sie die Römer mit ihren Stimmen ermutigten, als wollten sie die Tore aufschließen. Doch während Cestius entweder von Priscus und mehreren Zenturionen zurückgerufen wurde, die von Florus bestochen waren und wollten, dass der Krieg aufflammte, oder während er zu wenig Vertrauen fasste, ließ sich Ananus mit seinen Leuten von der Mauer hinab. Als Ananus und seine Leute zu ihren eigenen Anhängern zurückflohen, nahmen die Aufrührer ihren Platz ein. Die Römer versuchten fünf Tage lang verschiedene Zugänge; als sie erkannten, dass ein Eindringen für sie unmöglich war, wählten sie die Stärksten aus und griffen mit ihnen und mit Bogenschützen den Tempel von der Nordseite her an. Auch die Juden kämpften tapfer und gönnten sich keine Ruhe; nachdem der Feind wiederholt zurückgetrieben worden war, wurden sie übermütig. Schließlich aber wurden einige durch die Menge der Pfeile verwundet, andere getroffen und erschreckt; so gaben sie den Römern Raum, die Mauer zu untergraben, und den Angreifern, das Tor des Tempels in Brand zu setzen.

Großer Schrecken befiel die Aufrührer, und eine gewisse Verwirrung ergriff ihre Gedanken. Schließlich flohen viele gleichsam vor dem unaufhaltsamen Untergang der dem Untergang geweihten Stadt; sie wagten nicht standzuhalten und gaben dem Volk die Gewissheit, dass mit dem Abzug jener, von deren Menge sie umringt gewesen waren, die Tore gleichsam schon frei seien und die Sperre der Frevler beseitigt sei. Da strömten sie zu den Toren, öffneten sie und ließen Cestius ein, als sei er nicht gekommen, die Stadt anzugreifen, sondern sie zu verteidigen. Doch auch Cestius selbst wurde plötzlich von einer gewissen Verblendung erfasst, sodass er weder die Verzweiflung der Frevler noch das Verlangen des Volkes bedachte. Hätte er nur kurze Zeit über das Unternehmen nachgedacht, so hätte er den Krieg abgewendet und die Stadt eingenommen. Doch das Gegenteil geschah: Soweit es sich erkennen lässt, schob der Wille Gottes den Juden das unmittelbar bevorstehende Ende des Krieges auf, bis das Verderben viele und beinahe das ganze jüdische Geschlecht umschloss. Es wurde, wie ich meine, abgewartet, dass in jeder Sünde das ungeheure Ausmaß der Verbrechen anwuchs und das Maß der großen Schandtaten dem Anwachsen der Gottlosigkeit gleichkam. Warum rief Cestius, als er hätte vordringen müssen, plötzlich das Heer zurück und hob die Belagerung auf? Durch welche plötzliche Wendung der Lage, wider alles Erwarten, wurden die Herzen der guten Leute gebrochen und die Räuber so aufgerichtet, dass sie Mut fassten, von der Flucht zur Verfolgung umkehrten, die Nachhut des marschierenden Heeres angriffen und dort in wirrem Ansturm viele Reiter und Fußsoldaten niedermachten? Schon neigte sich der Tag. Daher fürchtete Cestius die Nähe der Nacht und den Nebel der Finsternis, auf den jene mehr vertrauten, die die Orte kannten und dadurch die mit der Gegend Unvertrauten von allen Seiten bedrängten. Er errichtete vor der Stadt ein Lager, und als er am folgenden Tag den Feind verließ, rüstete er ihn gegen sich selbst, da sie glaubten, Furcht sei der Grund seines Abzugs. So strömten sie an den Flanken und im Rücken heran, erschlugen die Letzten und bedrängten das vorrückende Heer mit Geschossen. Die Wucht von Geschossen, die in dicht gedrängte Reihen geworfen werden, lässt sich keineswegs leicht vermeiden. Wagten einer zurückzuschlagen, so lag er der Verwundung offen; wandte einer sich gegen die Bedränger, so blieb er von seinen Gefährten zurück und wurde vom Feind eingeschlossen. Wer folgt, ist immer besser geschützt als der, der vorausgeht; denn dieser deckt die Brust, jener aber entblößt dem Feind den Rücken. So wurden die Römer heftig vorwärtsgetrieben, als wären sie von allen Seiten bedrängt, und konnten, schon selbst durch das Gewicht ihrer Waffen belastet, nicht standhalten oder ausharren. Der Feind war schneller, und es war nicht leicht, ihn zu verfolgen; zugleich herrschte große Furcht, die Schlachtordnung könne auseinanderbrechen. Wegen der ungleichen Kampflage konnten sie dem Feind keinen Schaden zufügen, da sie selbst schwer bedrängt wurden. Cestius hielt an seinem Plan fest, obwohl er auf dem ganzen Marsch sah, dass seine Truppen aufgerieben wurden, und schon sehr viele aus der ersten Reihe verwundet waren. Er machte zwei Tage halt, als wolle er die Erschöpften erneuern.

Als er aber sah, dass die Zahl der Feinde immer weiter zunahm und sich ringsum alles zusammendrängte, um ihm wie seinen Gegnern den Weg zu versperren, was dort Verzögerung verursachen musste, weil sich immer mehr sammelten, befahl er am dritten Tag, um einen leichteren Durchzug zu sichern, den Tross der Marschsäule aufzugeben. Die Lasttiere wurden getötet, die meisten Wagen zerschlagen, und anderes dieser Art, das in Gefahren eher Last als Nutzen war, wurde verbrannt oder weggeworfen, darunter Belagerungsgeräte und Waffenarten, vor denen sie noch mehr Angst hatten, damit sie den Feind nicht mit ihren eigenen Vorräten gegen sich bewaffneten. Als die Juden aber bemerkten, dass die Römer eher zur Flucht als zum Kampf rüsteten, besetzten sie die Engstellen des Weges, stellten sich in den schmaleren Abschnitten auf, hemmten sie von vorn, schlossen sie von den Seiten ein, bedrängten sie von hinten und trieben sie gegen die Abgründe, zwischen denen sie von allen Seiten eingeengt wurden oder stürzten und hinabgeworfen wurden. Die Menge überzog den Himmel mit Wurfspießen, sie bedeckte die Truppen mit Pfeilen, ohne in ihrer Pflicht auch nur nachzulassen, und brachte allein ihren Gegnern Verderben. Schon konnten die Fußsoldaten nicht mehr standhalten; noch größer aber war die Gefahr für die Reiterei, denn wegen der Steilheit der Felsen und der Glätte kamen die Pferde ins Rutschen, stürzten, rollten hinab und konnten, durch den schmalen Weg behindert, keine Ordnung halten. Auf der einen Seite nahmen die Felsen, auf der anderen die Abgründe jede Möglichkeit zur Flucht oder Verteidigung. Die Juden dagegen entbrannten umso mehr in der Erwartung des Sieges, bedrohten die ermüdeten Truppen, drängten hart gegen Männer in bedrängter Lage, zertraten die Verzagenden und hätten beinahe die gesamte Ausrüstung des römischen Heeres vollständig vernichtet, wenn nicht die Nacht hereingebrochen wäre; ihre Dunkelheit hemmte den Kampf, und deshalb konnten sich die Römer in die nächste Stadt retten, die Bethoron heißt. Da strömten die Juden von allen Seiten herbei und spähten die Ausgänge des Ortes aus, damit die Römer nicht entkämen. Cestius, der an einem offenen Weg verzweifelte, versuchte die Flucht durch eine List. So wählte er vierzig Männer aus, denen die Hoffnungslosigkeit der Flucht Todesverachtung eingegeben hatte. Er stellte sie auf den Befestigungen auf und gab ihnen den Befehl, während der ganzen Nacht mit größtem Lärm die Aufgaben der auf der Mauer Verteilten auszurufen, damit den Juden die Vorbereitung des abziehenden Heeres nicht durch irgendwelche gewohnten Anzeichen offenbar würde, durch die Erregte, wer sie auch seien, sich gewöhnlich verraten; währenddessen zog in aller Stille jeder hinaus, ohne dass die misstrauischen Juden etwas bemerkten. Denn sie hörten den üblichen Lärm der Wachen, weshalb alle meinten, die Römer blieben an Ort und Stelle.

Mit dieser List führte Cestius das Heer hinaus und hatte bereits dreißig Stadien zurückgelegt, wobei er sich in der unsicheren Lage die Treue jener wenigen zunutze machte, die dem Tod entgegengingen, ohne Sold zu erwarten, und lieber für ihre Gefährten einstanden, als ihre eigene Gefahr abzuwenden. Zwar verbarg die Nacht die List, doch der Tag verriet sie. Denn als im breiten Licht alles offenbar wurde und jeder Ort, an dem die Römer sich aufgehalten hatten, leer erschien, stürmten die Juden heran, nachdem sie zuerst jene angegriffen hatten, durch deren vorgetäuschte Dienste sie getäuscht worden waren. Die vierzig Männer zu töten war eine leichte Aufgabe; dann setzten sie dem Heer nach, das in der Nacht schon eine große Strecke zurückgelegt hatte und auch am Tag den Marsch noch schneller vorantrieb, damit es nicht in die Gefahren der Nacht geriete. Die Straße war voll von Gepäck, das die fliehenden Römer zurückgelassen hatten, damit niemand durch eine allzu schwere Last aufgehalten würde. Überall lagen Geräte, brauchbare Gegenstände und sogar Dinge, die zum Kampf notwendig waren: Speerschleudermaschinen, Widder und anderes Gerät, das zur Zerstörung einer Stadt mitgeführt worden war. Die nachsetzenden Juden gingen daran vorbei, damit keine Verzögerungen entstünden; auf dem Rückweg sammelten sie es ein, um es gegen diejenigen zu verwenden, die es zurückgelassen hatten. Denn nachdem sie ihnen bis zur Stadt Antipatris gefolgt waren, griffen sie alles an, woran sie vorbeigegangen waren, und gaben die Hoffnung auf, das römische Heer einzuholen. So wandten sie sich auf ihrem Weg zurück, nahmen die Beute von den Getöteten auf und kehrten mit Siegesjubel und Hymnen nach Jerusalem zurück. Daraus entstand große Freude, weil von den Ihrigen nur wenige gefallen waren, während aus dem römischen Heer fünftausend Fußsoldaten und dreihundert Reiter, oder dreihundertachtzig, getötet wurden. Dies geschah, wie zuvor erwähnt, im zwölften Jahr der Herrschaft Neros.

Doch dieser Jubel kam nicht von allen Juden. Denn es gab einige, die leidenschaftlich danach verlangten, sich nicht aus dem Kampf mit Cestius zu retten, sondern aus der Bedrängnis, wie aus der großen Gefahr eines sinkenden Schiffes, und vom Schiffbruch des Staates wegzuschwimmen; vor allen die Brüder Custobarus und Saulus, zusammen mit Philippus, dem Truppenführer des Königs Agrippa. Auf der Flucht begaben sie sich zu Cestius mit der Bitte, nach Achaia zu Nero geschickt zu werden. Cestius nahm sie bereitwillig auf und verweigerte ihre Bitten nicht, damit Caesar durch sie erfahre, dass Florus die Ursache des Krieges gewesen sei. Auf ihm lag die größte Verantwortung für den Krieg: Das Heer sei von einer unerwarteten Menge von Verschwörern umringt worden, und es stehe fest, dass es durch den Plan seines Führers eher aus der Gefahr gerettet als in sie verstrickt worden sei. Cestius, gegen Florus aufgebracht, hatte versucht, den Hass zu beschwichtigen, hatte es aber nicht vermocht. So war er in den Krieg geraten, nicht hatte er ihn herbeigeführt. Diese nämlich waren beauftragt worden; durch die ganze Erregung Caesars gegen Florus hoffte er, Caesars Unwillen gegen ihn selbst werde gemildert, weil er die Erkenntnis einer schlecht ausgeführten Sache zu fürchten begonnen hatte. So erschraken aber die meisten über die Niederlage des römischen Heeres. Aus Furcht vor der Ansteckung durch eine verdächtige Gemeinschaft wegen des gemeinsamen Wohnens töteten die Bewohner von Damaskus die im Sportzentrum versammelten Juden, die mit ihnen in der Stadt wohnten. Denn aus Misstrauen oder Arglist hatten sie schon seit langer Zeit dafür gesorgt, dass diese vom Umgang mit den Heiden getrennt waren, damit sie bei Nacht nichts änderten oder allein der Vernichtung preisgegeben wären. Wahrhaft groß war das Geheimnis des Schweigens, sodass der besprochene Versuch in dieser Sache nicht einmal zu ihren Frauen dringen sollte, zumal auch diese zu einem großen Teil durch ihre Lebensformen mit den Juden vermischt waren.

So griffen sie alle an einem engen Ort an und töteten zehntausend Juden. Das war leicht, denn sie wurden von Bewaffneten eingeschlossen und starben selbst unbewaffnet. Und tatsächlich ging ein noch frisches Beispiel solcher Grausamkeit in Scythopolis noch weiter; dadurch, meine ich, wurden die Damascener aufgestachelt. Denn als die Juden jedes benachbarte Gebiet verwüsteten, kamen sie nach Scythopolis. Dort griffen die Einwohner sie an, um die Juden auf die Probe zu stellen; sie stellten sich den Gegnern zur Verfügung, die sie für ihnen treu hielten, weil nach Art der menschlichen Natur die Sorge um die Sicherheit das Leid überwog. In günstiger Lage zogen sie daher einem Bund mit Stammesgenossen das Bündnis mit den Einwohnern vor und drohten ihren Stammesgenossen Verderben an. Das erregte beim Volk Verdacht, weil das Vorgehen vom offenkundigen Geist des Hasses geprägt war: Es sollte nicht unter dem Schein der Verstellung ein Verrat vorbereitet werden, sodass sie die Stadt bei Nacht angriffen, wenn die Bewohner weniger vorsichtig waren, und sich, nachdem das ganze Volk niedergeworfen war, bei den Juden wieder Gunst verschafften. Und außerdem sollten sie, wenn sie wollten, gerade dadurch auch vor den Heiden ihre Treue zeigen: Jedes Geschlecht sollte aus seiner Stadt hinausgehen und den benachbarten Hain aufsuchen. Als das geschehen war, blieben die Scythopolitaner zwei Tage ruhig, damit ein Teil der Juden das Misstrauen ablegte und Sorglosigkeit annahm. In der dritten Nacht, als das erwartete Vertrauen auf Gnade bereits jede Wachsamkeit der Wache beseitigt hatte, wurden sie unvorsichtig und schlafend überwältigt; dreizehntausend Männer wurden getötet, und alles, was sie besaßen, wurde geplündert.

Das Leiden Simons, bitter anzusehen und beklagenswert zu hören, verlangt nach einer Erklärung; doch es war auch wegen der Seltsamkeit des Geschehens bemerkenswert. Er stammte aus dem Volk der Juden, als Sohn des Saulus, eines keineswegs unbedeutenden Vaters, und war mit Kühnheit des Geistes und Stärke des Körpers begabt. Beides setzte er zum Verderben seiner Stammesgenossen ein: Bei den häufigen Angriffen der Juden tötete er sehr viele von denen, die von außerhalb herankamen, als wären vielleicht Verschwörer unter ihnen. Allein pflegte er der Schlachtreihe standzuhalten und die geballten Kräfte in die Flucht zu schlagen; er war das Band des Ganzen und im Krieg selbst eine Schar, überhaupt der Retter in aussichtslosen Lagen. Das bewies er den Bürgern gegen sein eigenes Volk, indem er den Streitkräften der Scythopolitaner diente. Doch blieb die dem Blut eines Verwandten geschuldete Vergeltung nicht lange aus. Denn als die Treue gebrochen war, begannen die Scythopolitaner, die sie umringten und sich aus friedlicher Lage in den Hain begeben hatten, mit Krieg zu drohen und heranzudrängen; der Pöbel hatte sogar Simons Söhne und Eltern getötet, obwohl sie für die Übrigen unerreichbar waren, und griff ihn mit Geschossen und Wurfspeeren an. Als Simon sah, dass die zahllose Menge ihn ohne Mühe überwältigen konnte, konnte er es nicht länger ertragen; er zog sein Schwert, wandte sich gegen den Feind und rief: „Ich empfange den angemessenen Lohn für meine Taten. Ich habe euch eher mit dem Tod meiner Verwandten als mit eurem eigenen gedroht, habe euch Wohlwollen bewiesen und euch brüderliches Blut als Pfand des Friedens gegeben; das wird mit Recht als Verrat gewertet. Jetzt habe ich, indem ich Fremden ein Pfand gab, gegen meine eigene Familie gehandelt. Ich habe meine Kinder und Eltern verraten; dass sie aber von euch getötet wurden, war nicht nötig, wenn ihr den Lohn der Bosheit bedenkt. “

Ich sterbe also, doch zornig auf alle, keinem ein Freund, die mein eigenes Volk angegriffen haben; mit meinen eigenen Händen werde ich zuerst an mir selbst Vergeltung üben. Ich habe Gefährten meiner Religion und Teilhaber meines Glaubens getötet; ich erkenne, was meiner Bosheit geschuldet ist. Für den Verwandtenmord werde ich zahlen, wie es einem so großen Frevel entspricht: Er soll zugleich Strafe für die Untat und Ruhm für den Mut sein, damit kein anderer sich meiner Wunde rühmen kann. Danach wird meine eigene Rechte sich gegen mich selbst wenden, damit man sieht, dass ich aus Raserei sterbe, nicht aus Schwäche. Niemand soll den Sterbenden verhöhnen; dieser Wahnsinn soll Schutz für den Verwandtenmord sein, der Verwandtenmord für den Frevel. “ Nachdem er dies gesagt hatte, richtete er seinen Blick auf seine Kinder und Eltern, und mit empörten Augen, denn schon mischte sich Mitleid in den Zorn, durchbohrte er mit dem Schwert seinen Vater, den er aus der Menge herausgerissen hatte. Nach ihm wird die Mutter herbeigezogen, damit niemand übrig bleibe, der als Nachkomme erscheinen könnte. Seine Frau bietet sich freiwillig als nächste dar, damit sie, von einem so großen Gatten losgerissen, nicht überlebe. Die Söhne laufen herbei, damit sie nicht noch im Tod eines so großen Vaters unwürdig erscheinen. Mit raschem Schlag eilte er, dem Feind zuvorzukommen. Und so stand er, nachdem seine ganze Familie getötet war, fest inmitten seiner Leichen, als triumphierten diese über ihre familiären Leiden; denn er sah keinen der Seinen durch ein fremdes Schwert zugrunde gehen. Er erhob seine rechte Hand, damit alle es sähen, und indem er allen seinen furchtbaren Tod als Sieger vor Augen stellte, durchbohrte er sich mit seinem eigenen Schwert. Ein bemerkenswerter junger Mann war er wegen seiner Körperkraft und seiner Seelengröße; weil er aber Fremden mehr Vertrauen schenkte als den Seinen, war er eines solchen Todes würdig.

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