Über die sündige Frau
Rede des Amphilochius, Bischofs von Ikonium, über die sündige Frau, die den Herrn mit Salböl salbte, und über den Pharisäer.
Reichlich hat uns Christus neulich erfreut, als er bei Zachäus bewirtet wurde; denn wo Christus bewirtet wird, sich mit den Menschen zu Tisch legt und an unserem Trank und unserer Tafel Anteil nimmt, da nimmt alles den Charakter der Freude an. Denn wer von den Zöllnern oder Huren und von denen, die unaussprechlich Schreckliches getan haben, dürfte, wenn er den Schöpfer von Himmel und Erde unter das Dach eines Zöllners treten sieht, den Geber der Ähren menschliches Brot in die Hände nehmen sieht und den Spender der Trauben durch die Teilhabe am Trank gleichsam die Keltern segnen sieht, das Ganze nicht mit Recht als Fest und Festversammlung bezeichnen? Das ist wahrhaft ein Fest, das ist wahrhaft die Freude eines engelhaften Gastmahls: den Herrn mit Sklaven zu sehen, Gott mit Menschen, den Richter mit den Schuldigen, wie sie gemeinsam denselben Tisch genießen. Denn deshalb kam er auf die Erde, ohne den Himmel verwaist zurückzulassen, und wurde Mensch, ohne aufzuhören, Gott zu sein: damit er, wenn er auch das Meer befährt, die, die auf dem Meer des Lebens umhergeworfen werden, aus der Tiefe der Sünde heraufzieht, und damit er, wenn er Dörfer und Städte durchwandert, enge Gassen, Pfade und Straßen durcheilt, die, die an den Wegkreuzungen umherirren wie Schafe ohne Hirten1 Matthäus 9:36, zu seiner eigenen Herde zurückführt. Denn er selbst ist es, der das verlorene Schaf sucht, der die neunundneunzig zurücklässt und sich auf die Suche nach dem einen begibt2 Lukas 15:4. Er suchte nämlich das eine, nicht weil er die vielen verachtete und auch nicht weil er das eine der Menge vorzog. Vielmehr ließ er die neunundneunzig zurück, denn sie mussten sicher in der Hürde lagern; das eine aber suchte er, indem er umherging, damit es dem Teufel nicht zum Festmahl werde. Denn ein Schaf ohne Hirten ist den wilden Tieren ein bereites Mahl, und eine unversiegelte Seele ist für die Dämonen leicht angreifbar. Daher entriss er neulich Zachäus wie ein Schaf aus dem Rachen des Wolfes, fügte ihn der Hürde hinzu und würdigte ihn des Siegels. Denn wie ein Hirt, der ein verirrtes Schaf fangen will, ein zahmes Tier laufen lässt, damit es frei weidend das entlaufene Beutetier an sich zieht, so ließ auch das Wort Gottes das Fleisch, das es aus der Jungfrau angenommen hatte, wie ein Schaf auf der Weide am Tisch des Zachäus frei, damit es ihn nach der gemeinsamen Ordnung des Gastmahls zur Gemeinschaft hinzieht und ihn unbemerkt mit seiner eigenen Herde verbindet. Doch weil die Pharisäer dies nicht verstanden, murrten sie, als sie sahen, dass er mit Zöllnern aß3 Lukas 15:2. Doch jene mögen wie ein alter Schlauch zerreißen, denn sie können den neuen Wein der Lehre nicht aufnehmen4 Matthäus 9:17; wir aber wollen hinter dem menschenfreundlichen Hirten hergehen. Denn derselbe, der Zachäus, den Zöllner, der geistigen Herde der Apostel anschloss, zog auch die Hure, die Sünderin, die Täterin unzähliger Übel, wie ein Lamm aus dem Schlund des Teufels und gab sie der unversehrten Hürde zurück.
Damit ihr aber sowohl die Menschenfreundlichkeit Christi als auch die Unvernunft der Pharisäer und die Umkehr der Sünderin erkennt, will ich euch die evangelischen Worte selbst vorlegen; denn wenn ihr auf die Erhabenheit der Lesung achtet, werdet ihr auch den Sinn der Auslegung leicht erfassen. Es heißt: „Einer der Pharisäer bat Jesus, mit ihm zu essen. Und er ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch5 Lukas 7:36. “ O unaussprechliche Gnade! O unsagbare Menschenfreundlichkeit! Er speist auch mit Pharisäern, er weist auch Zöllner nicht von sich, er nimmt auch Huren an, er spricht auch mit einer Samariterin, er würdigt auch eine Kanaanäerin eines Wortes, und der Blutflüssigen überlässt er den Saum seines Gewandes. Ja, denn er ist ein Arzt, der alle Leiden berührt, um allen zu nützen, Bösen wie Guten, Undankbaren wie Dankbaren. Darum tritt er auch jetzt, vom Pharisäer eingeladen, in ein Haus ein, das bis dahin voll von Übeln ist. Denn wo ein Pharisäer ist, dort ist ein Sammelplatz der Bosheit, eine Herberge der Sünde, ein Aufnahmeort der Überheblichkeit. Aber selbst in diesem Zustand des Hauses hält der Herr es nicht für unter seiner Würde, dort zu erscheinen. Mit Recht; denn wie die Sonne keinen Schaden nimmt, wenn sie ihre eigenen Strahlen auf Schlamm fallen lässt, sondern im Gegenteil auch den darin sitzenden Ekel wegwischt, ohne selbst irgendeine Kränkung zu erleiden, so betritt auch Christus als Sonne der Gerechtigkeit6 Maleachi 3:20 jeden unreinen und entweihten Ort und verzehrt die übelriechende Sünde mit den Strahlen seiner Güte, ohne Kränkung, ohne Minderung, ohne Befleckung zu erleiden, dem Wesen der Gottheit nach. Deshalb gab er dem rufenden Pharisäer bereitwillig seine Zustimmung, ruhig, schweigend, und ließ dessen Leben ungetadelt. Zuerst, um die Eingeladenen zu heiligen, den Gastgeber, das ganze Haus, die Speisen des üppigen Mahles; sodann, um durch das Zu-Tisch-Liegen, das Essen, das Trinken und den Verbrauch der Speisen zu zeigen, dass die Menschwerdung kein Scheinbild war. Anders gesagt: Weil die Hure herantreten und jene warme, feurige Weise der Buße zeigen sollte, deshalb stimmt er dem rufenden Pharisäer rasch zu, damit sie vor den Augen der Schriftgelehrten und Pharisäer ihre eigenen Übel wie auf einer Bühne vorführt und sie lehrt, wie Sünder, die über ihre Sünden finster dreinblicken, Gott versöhnen müssen. Denn es heißt: „Und siehe, eine Frau in der Stadt, die eine Sünderin war7 Lukas 7:37. “ Eine Frau: die leicht gleitende Natur, das erste Netz des Teufels, der Eingang der Verirrung, die Lehrmeisterin der Übertretung, die zwar als Hilfe geschaffen wurde, sich aber als Feindin erwies; die der Natur nach gut geworden war, durch ihre Entscheidung aber als böse erschien; die Vermittlerin des Todes, die die Schönheit des Baumes zeigte und den ganzen Garten verlor. Und es heißt: „Siehe, eine Frau in der Stadt, die eine Sünderin war7 Lukas 7:37 “, die die Lasten Evas trug und von vielen Übeln beschwert war. Ich will aber die Fülle ihrer früheren Übel schildern, damit ihr die Kostbarkeit ihrer Buße erkennt. Gott nahm aus der Seite Adams einen Knochen, bekleidete ihn mit Fleisch und schuf Eva8 Genesis 2:21-22; sie aber nannte er Frau und gab sie Adam als Hilfe9 Genesis 2:18; Genesis 2:23. Nachdem sie aber gesündigt, das Gesetz übertreten, aus dem Garten vertrieben worden war und als Strafe den Tod empfangen hatte, bot er die Ehe gegen den Tod auf, damit das Geschlecht nicht durch den Tod aufgezehrt und völlig vernichtet würde: damit der eine sät und der andere erntet, der eine schneidet und der andere sprosst.
Und dass die Gnade der Ehe erst gegeben wurde, nachdem man dem Tod unterworfen worden war, ist daraus klar, dass Adam sich erst nach dem Ausgang aus dem Garten mit Eva verband. Denn es steht geschrieben, dass Adam nach dem Hinausgehen aus dem Garten damals „seine Frau erkannte10 Genesis 4:1 “. Vor der Sünde also war Jungfräulichkeit da, die das Gewand der Natur unbefleckt bewahrte; nach der Übertretung aber, nach dem Todesurteil, wurde die Ehe als Gegenmacht eingeführt, damit sie den Tod, der ausschöpft, durch ihr Hervorsprudeln besiegt und ihn, der aberntet, durch ihr Hervorbringen überwindet. Weil also das Gesetz der Ehe zur Weitergabe des Geschlechts und zur Mehrung der Natur gegeben wurde, säte es dem Menschen Lust ein und machte das Weibliche lieblich, nicht damit sie nach Art von Buhlerinnen zu Vermischungen gereizt würden, sondern damit sie sich gesetzmäßig zur Ehe verbinden. Darum ist die vom Gesetz getragene Vermischung der Ehe bei Gott ehrwürdig; die aber, die um der Lust willen vollzogen wird, ist dem Tod unterworfen. Denn ehrwürdig ist die Ehe und unbefleckt das Lager; Unzüchtige aber und Ehebrecher wird Gott richten11 Hebräer 13:4. Die Frauen also, die sich um der Kinderzeugung willen gesetzmäßig mit ihren Männern verbinden, sind ohne Tadel, wie Sara und Rebekka und Rahel und wenn es noch eine andere von ihnen gibt; die aber um der Genusssucht willen die jungen Männer zur Zügellosigkeit aufreizen, werden, weil sie den Tempel Gottes verderben12 1. Korinther 3:17, dem Verderben übergeben. Denn es heißt: Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben12 1. Korinther 3:17. Zu diesen gehörte auch sie, die Sünderin, die uns nun vor Augen steht. Denn sie verschacherte die Natur, färbte die Wangen mit äußerlichen Farben rot und zwang sich mit Kunst dazu, schön zu erscheinen; so zog sie die jungen Männer zur Zügellosigkeit hinab und lenkte sie unversehens in den Abgrund der Unzucht. Das sage ich aber nicht, um sie wegen dessen, was sie früher tat, lächerlich zu machen, sondern um sie dafür zu loben, aus was sie plötzlich zu was geworden ist. Ich sage nämlich, was sie war, damit ich zeige, was sie jetzt geworden ist; ich nenne die Fehltritte ihrer Sünde, damit ich die gelungenen Taten ihrer Buße zeige. Diese also, die ihren Leib früher nicht untadelig gebraucht hatte, die die einen durch Locken fing, die anderen durch Tränen betörte, wieder andere durch Salböl bezauberte und alle von überallher in den Schlamm der Zügellosigkeit rief, verwandelte ihre schändliche und genussverliebte Liebe in ein göttliches und himmlisches Liebesmittel. Denn als sie Jesus bald ohne Scheu mit der Samariterin reden sah, bald die Kanaanäerin annehmen, ein andermal den Diebstahl der Blutflüssigen öffentlich verkünden, hier mit Zöllnern essen und dort die Häuser der Pharisäer betreten, da überlegte sie: „Wenn er Huren und Sünder und Zöllner annimmt, wie lange noch soll ich, unbeherrscht vom Stachel getrieben, das Meer der Sünde ausschöpfen? Ich bleibe nicht jung, ich bleibe nicht schön; denn alles vergeht, alles verwelkt, Blumen und Lilien und die Schönheit der Gesichter. Was soll mir nun wegen dessen widerfahren, was ich getan habe? Schon denke ich an das Feuer der Gehenna, schon ergreift Reue meine Seele, weil ich zum Verderben der jungen Männer, gezwungen, schön zu erscheinen, durch die Straßen der Stadt, über die Märkte und durch die Gassen lief; meine Füße waren ein Netz und meine Zunge ein Fangnetz. Wie viele junge Männer habe ich bezaubert, als ich einen Blick voller Schamlosigkeit umherschweifen ließ! Denn zum Schaden derer, die mich anschauten, schmückte ich mich: bald türmte ich mein Haar mit vielfach geflochtenen Strähnen auf, bald ließ ich umherirrende Haarflechten vom Scheitel über die Stirn schweifen. Ein andermal färbte ich die Wangen rot und zeichnete die Augen, und wieder ein andermal ließ ich Ströme von Tränen fließen und entblößte durch Schmeichelei die Seele. Was soll ich nun nach all dem werden? Welchen Arzt finde ich für diese unzähligen Leiden? “
Wenn ich Menschen erzähle, was mich selbst betrifft, wird mir die Art des Bekenntnisses nutzlos. Aber soll ich die Übel verhüllen? Doch ich kann nicht verborgen bleiben; vor wem sollte ich denn verborgen bleiben, da ich vor Gott nicht verborgen bleiben kann? Wohin also soll ich fliehen, da ich überall den Richter finde, der zwar nicht sichtbar erscheint, aber überall meine Übel überführt? Eine einzige Hoffnung auf Rettung ist mir geblieben, eine einzige Wegzehrung zum Leben liegt vor mir: Jesus zu erkennen und zu ihm zu laufen. Denn der, der Zöllner annimmt, weist eine Dirne nicht zurück; der mit Pharisäern isst, verschmäht die Tränen der Sünderin nicht. Da ich nun erfahren habe, dass er bei Simon, dem Pharisäer, eingekehrt ist, einem aussätzigen und sündigen Mann, werde ich zu ihm laufen. Aber worum soll ich bitten, wenn ich zu ihm komme? Um Gesundheit der Augen? Doch diese Gnade ist nur zeitlich. Um Befreiung von Krankheit? Doch gering ist die Leistung; denn der ewige Tod ist schwerer als der gegenwärtige. Alles Leibliche lasse ich beiseite und suche das Heilmittel für die Seele. Denn ich finde nur eine Lösung für die über mir hängenden Übel: wenn ich den Richter sehe, wenn ich der Zeit der Strafe zuvorkomme. Ich werde Rahab, die Dirne, nachahmen, ich werde der tugendhaften Weise einer Frau nachstreben; denn Gott will von uns nichts anderes als eine Änderung des Sinnes. Nachdem sie dies fromm erwogen und ihr Denken mit Glauben gesalbt hatte, tritt sie zu Jesus ein, wo er zu Tisch lag, und nimmt ihre frühere Unverschämtheit zum Anlass freimütiger Zuversicht. Und sie sagt ihm nichts; denn sie wagte es nicht, da sie wusste, dass der Aufseher der Gedanken keine Worte braucht. Was hätte sie denn dem sagen können, der alles weiß? Dass sie gesündigt hatte? Dass sie zur Täterin vieler Übel geworden war? Dass sie, liebend und geliebt, der gemeinen Lust gedient hatte? Dies war Gott offenbar, nicht nur wie es getan wurde, sondern auch wie es im verborgenen Beratungsraum der Seele bloßlag. Da sie also wusste, dass er alles weiß und ihm nichts verborgen bleiben kann, verschließt sie die Zunge, redet aber mit den Tränen. Denn sie stand, heißt es, bei seinen Füßen und weinte und begann, seine Füße mit den Tränen zu benetzen13 Lukas 7:38. Aber auch wenn sie nicht mit der Zunge redete, sprach sie doch mit unaussprechlichen Seufzern14 Römer 8:26, indem sie die Zerknirschung des Herzens offenbarte, die Menge der Sünden zur Schau stellte und die verkehrten Gedanken, die befleckten Regungen, die unheiligen Taten und die gesetzlosen Umgangsweisen öffentlich vorführte; denn es gab nichts von den Übeln, die sie getan hatte, das sie nicht mit Tränen klagend aussprach. Sie wusste nämlich, dass sie für das, was sie bekannte, Vergebung empfing. Denn ich sagte, heißt es: Ich will dem Herrn meine Gesetzlosigkeit bekennen, und du hast die Gottlosigkeit meines Herzens vergeben15 Psalmen 31:5. Und nicht nur lautlos sprach sie durch die Seufzer des Herzens und flehte den Herrn an, sondern sie zeichnete auch durch ihre Haltung die Schönheit der Umkehr vor. Sie weinte, weil sie viel gelacht hatte, und wusch mit den guten Tränen das böse Lachen ab; mit den Tropfen der Augen wusch sie den Schmutz der Wangen ab, damit sie in dem, womit sie gesündigt hatte, sich auch verteidigte, und womit sie gesetzlos gehandelt hatte, damit auch den Gesetzgeber versöhnte. Denn wie David das Lager, das er gesetzeswidrig durch eine Verbindung befleckt hatte, mit Tränen reinwusch, denn ich werde, heißt es, jede Nacht mein Bett waschen, mit meinen Tränen werde ich mein Lager benetzen16 Psalmen 6:7, so wusch auch sie durch jene Augen, mit denen sie viele der jungen Männer zur Zügellosigkeit hinabgezogen hatte, indem sie Quellen von Tränen fließen ließ, den schwer abwaschbaren Schmutz der Sünde ab und brachte sich selbst die Tränen als Bad der Umkehr dar. Denn die Tränen bot sie selbst wie Wasser dar, die Vergebung aber empfing sie unsichtbar von Christus. Ja, auch Abraham ahmte sie vielleicht nicht nur nach, sondern übertraf ihn sogar: Sie wusch die Füße Christi.
Denn jener stellte ein Becken hin, wusch mit Wasser ab und trocknete mit einem Leinentuch; sie aber schöpfte kein Wasser, sondern ließ Quellen von Tränen strömen und wusch damit die Füße Jesu. Um nun nicht mit Tränen einer Sünderin heilige Füße zu verletzen, legte sie die Schönheit ihrer Haare wie ein Leinentuch darunter und trocknete die Füße ab. Und man konnte sehen, wie die ganze Frau durch und durch zum Dienst für Jesus hingebeugt war: Die Augen sandten von oben wie Tränenquellen Wasserläufe aus; die Seele lag wie ein Becken darunter und nahm die Tropfen auf, die von den Füßen herabfielen; die Flechten trockneten sie ab und erfüllten die Gestalt eines Leinentuchs; die Hände gossen das Alabastergefäß mit dem Salböl aus und salbten die göttlichen Füße mit Salböl, indem sie das Salböl ehrten. Denn „ausgegossenes Salböl ist dein Name17 Hoheslied 1:3 “, heißt es. Siehst du, wie eine sündige Frau, die keinen Anteil an göttlichen Gesetzen hatte, den undankbaren Sinn der Juden überwand? Jene bewarfen ihn mit Steinen; sie aber erfreute ihn mit den wohlriechenden Salbölen. Die Juden nun vergolten als Undankbare, Unverständige und Erkenntnislose dem Wohltäter Böses und ehrten mit Steinen den Eckstein18 Psalmen 117:22; sie aber salbte mit Salböl die Füße, die um ihretwillen den ganzen Tag auf dem Gerüst des Kreuzes stehen sollten. Und warum sage ich, dass sie das undankbare Volk der Juden überwand, da sie doch den ganzen Chor der Heiligen übertraf? Denn sie empfing eine Gnade, die Könige nicht empfingen, deren Machthaber nicht teilhaftig wurden. Denn „die Könige von Tarsis und die Inseln werden Gaben darbringen, und alle Könige der Erde werden ihn anbeten19 Psalmen 71:10-11 “. Und wirklich, nach dem Propheten brachten sie die Gaben dar und beteten von fern an; aber keiner von ihnen küsste die Füße Jesu. Wie auch? Die Magier kamen und nahmen den Stern als Helfer ihrer Führung mit, doch von fern brachten sie Gaben, weil sie das Maß ihres eigenen Ranges kannten. Denn „der Himmel ist mir Thron, die Erde aber Schemel meiner Füße20 Jesaja 66:1 “, heißt es. Gepriesen werde also die Frau, weil sie die Ehre der ganzen Erde empfangen hat, weil sie makellose Füße berührte, deren Staub Völker und Geschlechter lecken werden, nach dem Gesagten: „den Staub seiner Füße werden sie lecken21 Psalmen 71:9 “. Sie berührte makellose Füße und teilte sich mit Johannes den Leib Christi. Denn jener lehnte an der Brust, weil er von dort göttliche Lehre aufnehmen sollte; sie aber salbte die Füße, die für uns gingen. Christus nun, der nicht die Sünde richtet, sondern die Umkehr lobt, der nicht das Vergangene bestraft, sondern das Künftige prüft, übergeht in Vergebung ihre früheren Übel, ehrt die Frau und lobt die Umkehr, spricht die Tränen gerecht und krönt den Vorsatz. Der Pharisäer aber sieht das Wunder, wird im Denken getroffen, wird vom Neid verwundet und nimmt die Umkehr der Frau nicht an; vielmehr schlägt er die, die den Herrn so geehrt hat, noch mit Schmähung, und setzt die Würde des Geehrten herab, indem er ihm Unwissenheit zuschreibt. Denn „als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sprach er bei sich selbst: Wenn dieser ein Prophet wäre, wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn berührt, dass sie eine Sünderin ist22 Lukas 7:39 “, heißt es. O du Unvernünftiger und Unverständiger, ganz und gar Pharisäer! Wenn du das sagst, deckst du nicht die Lebensweise der Frau auf, sondern klagst deine eigene Gesinnung an, indem du sagst, er wisse nicht, wer die Frau einst war. Also hast du ihn bei deiner Einladung nicht als Gott geehrt, der alles weiß. Schämst du dich denn nicht, du herrlicher Ankläger und Verleumder, dass du ihn zwar einlädst wie Gott und wie einen, der segnen kann, gegen ihn aber anschreist wie gegen einen Menschen, der nichts über uns hinaus weiß? „Wenn dieser ein Prophet wäre22 Lukas 7:39 “, heißt es.
Und wie viel besser als du, o Pharisäer, war die Frau in Sychar, die ihn nicht als Propheten kannte und den Retter doch gleich beim ersten Anblick dankbar bekannte. Denn sie sagt: „Herr, „ich sehe, dass du ein Prophet bist23 Johannes 4:19. “ Wie viel bewundernswerter als du ist auch diese Sünderin, deren Sünde du zwar siehst, deren Umkehr du aber nicht wahrnimmst. Ja, du verurteilst sogar die, welche der Richter gerecht spricht, und du tadelst und schiltst die, welche Gott annimmt und krönt, weil sie Gott in Menschengestalt bei dir zu Tisch liegen sah, ihn erkannte und ehrte; und indem sie die Wunden ihrer Seele offenlegte, bat sie um Erbarmen und um Vergessen des gelebten Lebens. Du aber, der du ihn durch die Einladung geehrt hast, entehrst ihn durch Schmähung und sagst: Wenn er ein Prophet wäre, wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn berührt22 Lukas 7:39. Elender! Weil er deine eigenen Übel nicht bloßgestellt hat, sprichst du ihm Erkenntnis ab? Weil er unter dein Dach getreten ist, das mit vielen Übeln beladen ist, hebst du seine Erkenntnis auf? Weil du ihn aber gewürdigt hast, unter dein Dach zu treten, mit dir zu Tisch zu liegen und die Hand an deine Speisen zu legen, und weil er zustimmte und es nicht verschmähte, hältst du ihn für einen von vielen? Warst du denn würdig, Gott als Gast aufzunehmen oder dem einen Tisch vorzusetzen, der in der Wüste einen Tisch bereitet24 Psalmen 77:19? Doch weil er menschenfreundlich ist, weigerte er sich nicht, auch von deinen Hausdienern Trank und Speise anzunehmen. Warum also beschuldigst du den menschenfreundlichen Herrn, o Pharisäer, der gegen alle in gleicher Weise die Waage seiner Güte bewegt? Warum seihst du die Mücke25 Matthäus 23:24 der Frau aus und verschluckst das Kamel25 Matthäus 23:24 deiner eigenen Übel? Und bei dir willst du, dass Gott langmütig ist, bei ihr aber schroff? Warum reizt du den Richter über fremde Vergehen auf, während du für die eigenen Vergebung erbittest? Warum seid ihr, du und Judas, übereingekommen, den Herrn zu versuchen? Denn du ziehst die Frau wegen ihrer Sünden in den Schmutz, als wärst du rein von Befleckung, und sprichst Gott Unwissenheit zu; jener aber entrüstet sich, als wäre er ein Freund der Armen, und sagt: „Wozu diese Verschwendung des Salböls? Es hätte teuer verkauft und den Armen gegeben werden können26 Matthäus 26:8-9. “ O undankbare Gesinnung! O undankbare Lebensart! Nennst du, Judas, die Pflege Christi Verschwendung und nennst du die Ausgabe vergeblich, die zur Ehre Gottes geschehen ist? Wie viel haben wir gegeben von dem, was wir empfangen haben? Rechnen wir von dem Zeitpunkt an, seit die Welt sichtbar wurde, wie viele Ströme des Erbarmens aus seiner Natur fließen, und Gott rechnet die Fülle nicht als Verlust. Wie viele Wohlgerüche lässt die Erde sprießen? Kräuter von Rosen und Lilien, Storax, Narde, Myrrhe und die übrigen Stoffe, aus denen das gute Salböl bereitet wird. Und Gott rechnet es nicht als Verschwendung. Und damit ein kleines Alabastergefäß mit Salböl über die Füße Christi gegossen wird, murrst du? Hat sie es denn umsonst bekommen, dass du murren müsstest? Er nahm Salböl an und zeigte einen Weg der Umkehr; er nahm Tränen an und ließ eine Quelle der Sünden versiegen. Was ist also Verschwendung, wenn die Frau gerettet wurde, derentwegen das Paradies verschlossen wurde, derentwegen Adam mit hinausgeworfen wurde? Doch das schmerzt dich, Judas? Mit Recht; denn auch den Teufel schmerzte ihre Rettung. Denn er sah, dass durch sie das Geschlecht fortan zur Umkehr gewandelt wurde, und er wird gebissen und gequält, da er kein Netz mehr hat, mit dem er den Menschen jagen kann; darum hat er auch dich zum Murren angestachelt. „Wozu diese Verschwendung? Es hätte teuer verkauft werden können26 Matthäus 26:8-9 “, sagt er. Schon ein Verkauf, Judas? Schon die Einübung des Verrats, der Anfang böser Rätselreden? Doch Jesus stellt seine Krankheit nicht bloß, deckt seine Geldgier nicht auf, damit er den kommenden Verrat nicht zurückstößt. Christus aber weist ihn zurecht und sagt: „Warum macht ihr der Frau Mühe?27 Matthäus 26:10 “
Warum verurteilt ihr die Frau zu den früheren Übeln noch obendrein? Genug hat das Geschlecht der Frauen gelitten; niemand soll ihnen die Rettung versperren, niemand der Mühe machen, die mit Salböl die Füße gewaschen hat, die um ihretwillen auf Erden gegangen sind. “ Die Armen habt ihr ja bei euch28 Matthäus 26:11; nehmt aber auch mich zusammen mit den Armen an. Denn um euretwillen bin ich, obwohl ich reich war, arm geworden, damit ihr durch meine Armut reich werdet29 2. Korinther 8:9. Ihr hebt mich auf und ich klage nicht an; sie bestattet mich, und ihr murrt? Denn indem sie dieses Salböl auf meinen Leib gegossen hat, hat sie es zu meinem Begräbnis getan30 Matthäus 26:12. Schämt es dich also nicht, Judas, dass sie, obwohl sie eine Sünderin ist, mich mit Salbölen ehrt, du aber, obwohl du Apostel bist, mich durch Verkauf schmähst? Die Frau bereitet vor, was zum Grab gehört; der Jünger aber liefert ihn dem Tod aus. Eine Sünderin ist die Frau, ich weiß es; doch sie hatte mir nichts zu schenken als eine Quelle von Tränen, indem sie mit einer Quelle die Quelle gnädig stimmte und einem besitzlosen Lehrer ein stoffloses Versöhnungsgeschenk darbrachte. Aber du prüfst auch noch das Salböl, Elender, und sagst, es sei dreihundert Denare wert; du prüfst es aber nicht, um ihre Hochherzigkeit zu loben, weil sie den ganzen aus Bösem zusammengebrachten Reichtum für den Wert des Salböls aufgewendet hat, sondern damit du durch dein Murren zeigst, dass du in ein verhasstes Unglück geraten bist, weil du so viel Verlust erlitten hast. Doch es ist nichts Großes, wenn dich der Verlust von dreihundert Denaren verdrießt, wo du mich, den Herrn, für dreißig angenommen und ausgeliefert hast. Denn er sagt: „Was wollt ihr mir geben, und ich werde ihn euch ausliefern? “31 Matthäus 26:15 “ Elender, verkauft ein Knecht den Herrn? Die Ordnung ist umgekehrt: Ich kaufe dich mit meinem eigenen Blut von der Sünde los, und du verschleuderst mich für dreißig Obolen? Verkauft dann ein Mensch Gott? Es sei aber zugegeben, dass er ihn verkauft: Wer ist der Käufer? Und für wie viel wird jemand Gott kaufen? Warum machst du die Sache auch noch billig? Verkauft jemand Gott in Menschengestalt für dreißig Obolen, wie einen Haussklaven, wie einen Barbaren? Dann unterscheide doch: Für wie viel den einwohnenden Gott, und für wie viel den sichtbaren Menschen? „Was wollt ihr mir geben? “, sagt er. Was willst du denn nehmen? Denn jene haben nichts, was sie als Gegenwert für Gott geben könnten. Und „sie setzten ihm, heißt es, dreißig Silberstücke fest“31 Matthäus 26:15 “. Verkauft jemand für dreißig Obolen einen Arzt, der keinen Lohn nimmt, einen Arzt, der Blinden Augen gibt und Lahme zum Lauf aufrichtet? Das sage ich, um deinen Sinn zu unterweisen: dass ihr der Frau Mühe macht, dass sie den unter den Toten Freien32 Psalmen 87:5 schon vor dem Tod wie einen Toten geehrt hat, dass sie durch das Salböl die Gnade des Begräbnisses und der Auferstehung im Voraus angezeigt hat. Doch du wirst als Frucht des Verrats den Strick haben; ihr Andenken aber wird, wo immer das Evangelium verkündet wird33 Matthäus 26:13, unauslöschlich sein. Er sprach, und so ist das Werk geschehen; denn das Salböl Aarons und Eleasars ist vergangen und das Horn ist untätig geworden, ihr Alabastergefäß aber reicht durch alle Zeit hindurch und hat unerschöpflich den Wohlgeruch des Andenkens. Zu Judas also so; zu dem murrenden Pharisäer aber spricht Christus so: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen“34 Lukas 7:40. “ O unaussprechliche Gnade! O unsagbare Menschenfreundlichkeit! Gott und Mensch treten miteinander ins Gespräch, und er legt eine Aufgabe vor und einen Maßstab der Menschenfreundlichkeit, indem er dessen Bosheit löst. Denn er sagt: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen“34 Lukas 7:40 “; ich habe etwas zu sagen, was ich keinem der Alten gesagt habe, keinem Patriarchen, keinem Propheten, keinem Gesetzgeber. Damals nämlich forderte ich, Auge um Auge, Zahn um Zahn35 Exodus 21:24, indem ich das Gerechte verlangte; weil ihr aber das Gerechte nicht tragen könnt, führe ich anstelle des Gesetzes die Gnade ein und werde dir ein unaussprechliches Geheimnis sagen. “ Er aber sagt: „Lehrer, sprich34 Lukas 7:40. “ „Zwei Schuldner waren einem Mann verpflichtet“36 Lukas 7:41. “ Sieh die Weisheit Gottes!
Er verschweigt die Frau, damit er die Antwort nicht verdreht. Es heißt: Der eine schuldete fünfhundert Denare, der andere fünfzig36 Lukas 7:41. Furchtbar ist die Weise der Erzählung: Unser Leben ist ein Schuldbuch, das unsichtbar Gedanken und Taten aufschreibt, auch das Umherschweifen der Augen und die Regungen der Seele. Doch der menschenfreundliche Gläubiger löst die Furcht, er, der die Schuldscheine der Sünde zerreißt37 Kolosser 2:14, und sie nicht nur zerreißt, sondern sie auch durch die Wasser der Taufe tilgt, damit keine Spur eines Buchstabens oder einer Silbe zurückbleibt und zum Erinnerungszeichen der vergangenen Übel wird. Da sie also, heißt es, nichts hatten, womit sie zurückzahlen konnten, schenkte er es beiden38 Lukas 7:42. Siehst du den menschenfreundlichen Gläubiger, wie er leiht und doch nichts zurücknimmt? Wie er, obwohl ihm Undank begegnet, nicht erstarrt, sondern seine Hand für die Bittenden ausgestreckt bleibt? Da sie, heißt es, nichts hatten, womit sie zurückzahlen konnten, schenkte er es beiden38 Lukas 7:42. Er erließ es ihnen, weil sie nichts hatten, nicht weil sie nicht wollten; denn es ist etwas anderes, nichts zu haben, und etwas anderes, nicht zu wollen. Was meine ich damit? Gott verlangt von uns nichts außer Umkehr; deshalb will er, dass wir uns allezeit freuen und zur Umkehr eilen. Wenn nun, obwohl wir umkehren wollen, die Menge der Sünden unsere Umkehr kraftlos erscheinen lässt, dann zahlen wir die Schuld nicht deshalb nicht ab, weil wir nicht wollen, sondern weil wir nicht haben. Darum also sagt er: „Da sie nichts hatten38 Lukas 7:42 “, um zu zeigen: Als er sah, dass sie die Schuld durch Umkehr zurückzahlen wollten, es aber wegen der Menge der Sünden nicht konnten, erließ er ihnen als Menschenfreund; nicht aufgrund der Tat, sondern aufgrund der Gesinnung befreite er den Schuldner von der Verpflichtung. Da sie also nichts hatten, womit sie zurückzahlen konnten, schenkte er es beiden38 Lukas 7:42, ohne sie zu geißeln, ohne sie zu foltern, ohne sie der Schmach preiszugeben. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?38 Lukas 7:42 Simon aber antwortete und sprach: Ich nehme an, der, dem er das Größere geschenkt hat39 Lukas 7:43. Sieh die Verschlagenheit des Pharisäers: Als er sah, dass er durch das Wort schon von der Wahrheit ausgeschlossen wurde, setzte er das ‚ich nehme an‘ hinzu, weil er sich fürchtete, eine vollständige Antwort zu geben. Der Herr aber schrieb nicht seine Meinung auf, sondern ergriff die Antwort und sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet39 Lukas 7:43. Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau40 Lukas 7:44, die Sünderin, die für dich verworfen, für mich aber gerettet wird?
„Ich bin in dein Haus gekommen; es ist ja dein Haus, nicht meines, voll von Schmähung. Wasser für meine Füße hast du mir nicht gegeben40 Lukas 7:44, für die Füße, die deinetwegen staubig wurden und Mühe auf sich nahmen, damit ich die Mühseligen und Beladenen41 Matthäus 11:28 von ihren Mühen befreie. Nur halb hast du die Ehre erwiesen: Das Obere hast du bewundert, das Untere aber nicht gepflegt. Du hast mir also kein Wasser für meine Füße gegeben; sie aber hat Quellen von Tränen aus ihren Lidern strömen lassen40 Lukas 7:44 und den Schmutz ihrer Sünde abgewaschen. Du hast mir keinen Kuss gegeben42 Lukas 7:45, wie doch hoffentlich auch Judas nicht, der mit einem Kuss den Verrat vollbrachte; sie aber hat, seit sie hereingekommen ist, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen42 Lukas 7:45. Mit Öl hast du mein Haupt nicht gesalbt43 Lukas 7:46, denn das Öl des Sünders soll mein Haupt nicht fett machen44 Psalmen 140:5. Wie hättest du denn das Haupt ehren können, da du die Füße vernachlässigt hast? Sie aber hat auch meine Füße43 Lukas 7:46 prophetisch mit Salböl gesalbt43 Lukas 7:46; denn es heißt: ‚Entleertes Salböl ist dein Name‘17 Hoheslied 1:3, entleert, nicht vergossen. Denn weil das Gefäß der jüdischen Gesinnung morsch war, darum wurde aus eurer Alabasterflasche das Salböl auf meine Füße entleert, damit durch mich die Gnade des Wohlgeruchs zu den Völkern hinübergeleitet wird. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben45 Lukas 7:47, weil du mich zwar unter dein Dach aufgenommen, mich aber weder mit einem Kuss geehrt noch mit Salbung gepflegt hast; sie aber hat, nachdem ihr für viele Übel Amnestie gewährt worden war, mich geehrt, indem sie aus Tränen und Salbölen gleichsam einen zweifach gemischten Kelch bereitete. Preisen wir also die Frau selig, die die Übel Evas bedeckt hat, die Sünderin, die Dirne, die Vermittlerin der Güter, die den Weg der Umkehr gezeigt und das Gesetz der Menschenfreundlichkeit freigelegt hat, die den Richter selbst zum Fürsprecher hatte, die mit Tränen das Wehklagen des Gerichts besiegte. Alle nun, die ihr anwesend seid, eifert dem nach, was ihr gehört habt, und ahmt nicht die Lust der Dirne nach, sondern ihre Wehklage. Denn die Lust brachte die Wehklage hervor, die Wehklage aber erwirkte die Lösung von den Übeln. Wascht also euren Leib nicht mit Wasser, sondern mit Tränen; salbt eure Glieder nicht mit Salbölen, sondern mit Keuschheit. Zieht nicht Seidengewebe an, sondern das unvergängliche Gewand der Besonnenheit, damit euch dieselbe Herrlichkeit zuteilwerde und ihr dem Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt46 Johannes 1:29, Dank emporsendet. Ihm sei die Herrlichkeit und die Ehre, mit dem Vater und dem Heiligen Geist, jetzt und allezeit und in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen. “
Ihre Rettung betrübte ihn. Denn er sah, dass durch sie fortan das Geschlecht zur Umkehr gewandelt wurde, und er wird gebissen und gequält, weil er nun kein Netz mehr hat, mit dem er den Menschen fangen könnte. Darum trieb er auch dich dazu an, zu murren. „Wozu“, sagt er, „diese Verschwendung? Es hätte doch teuer verkauft werden können26 Matthäus 26:8-9. “ Schon ein Verkauf, Judas? Schon die Einübung des Verrats, der Anfang böser Andeutungen? Doch Jesus deckt seine Krankheit nicht auf, er entblößt seine Geldgier nicht, damit er den künftigen Verrat nicht zurückstößt. Christus aber spricht tadelnd: „Warum macht ihr der Frau Mühe?27 Matthäus 26:10 “ Warum beschuldigt ihr die Frau zusätzlich zu den früheren Übeln? Das Geschlecht der Frauen hat genug gelitten. Niemand soll ihnen die Rettung hindern, niemand soll die ermüden, die mit Salböl die Füße gewaschen hat, die ihretwegen auf Erden gewandelt sind. Denn die Armen habt ihr bei euch28 Matthäus 26:11, nehmt aber auch mich zusammen mit den Armen an. Denn euretwegen bin ich arm geworden, obwohl ich reich war, damit ihr durch meine Armut reich werdet29 2. Korinther 8:9. Ihr beseitigt mich, und ich klage nicht an; diese aber bestattet mich, und ihr murrt? Denn indem sie dieses Salböl auf meinen Leib gegossen hat, hat sie es zu meinem Begräbnis getan30 Matthäus 26:12. Schämst du dich also nicht, Judas, dass sie mich, obwohl sie eine Sünderin ist, mit Salbölen ehrt, du aber mich, obwohl du ein Apostel bist, durch Verkauf schmähst? Und die Frau bereitet vor, was zum Grab gehört, der Jünger aber liefert mich dem Tod aus. Eine Sünderin ist die Frau, ich weiß es. Aber sie hatte mir nichts anderes zu schenken als eine Quelle von Tränen: mit einer Quelle versöhnte sie die Quelle und brachte dem besitzlosen Lehrer ein unkörperliches Sühnmittel dar. Doch du schätzt auch noch, Elender, das Salböl und sagst, es sei dreihundert Denare wert. Du schätzt es aber nicht, um ihre Großherzigkeit zu loben, weil sie den ganzen aus Übeln zusammengerafften Reichtum zur Ehre des Salböls aufgewendet hat, sondern um durch dein Murren zu zeigen, dass dich ein verabscheuungswürdiges Übel getroffen hat, weil dir ein so großer Schaden entstanden ist. Doch es ist nichts Großes, wenn du den Verlust von dreihundert Denaren missmutig beklagst, wo du doch dreißig genommen und mich, den Herrn, verkauft hast. Denn er sagt: „Was wollt ihr mir geben, und ich werde ihn euch ausliefern?31 Matthäus 26:15 “
Elender, verkauft ein Knecht den Herrn? Die Ordnung ist ins Gegenteil verkehrt. Ich kaufe dich aus der Sünde mit meinem eigenen Blut los, du aber verschacherst mich für dreißig Obolen? Verkauft ein Mensch Gott? Zugegeben, er verkauft ihn, doch wer ist es, der ihn kauft? Für welchen Preis aber wird einer Gott erwerben? Warum machst du die Sache auch noch billig? Verkauft einer Gott in Menschengestalt für dreißig Obolen, wie einen Hausknecht, wie einen Barbaren? Unterscheide doch wenigstens: für wie viel den innewohnenden Gott, für wie viel den sichtbar gewordenen Menschen? „Was wollt ihr mir geben?31 Matthäus 26:15 “, sagt er. Was willst du denn nehmen? Denn jene haben nichts zu geben, was Gott gleichwertig wäre. Und „sie setzten ihm dreißig Silberstücke fest31 Matthäus 26:15 “, sagt er. Verkauft einer für dreißig Obolen einen Arzt, der ohne Lohn heilt, einen Arzt, der Blinden Augen gibt und Lahme zum Lauf aufrichtet? Das sage ich, um deine Gesinnung zu unterweisen: Ihr macht der Frau Mühe27 Matthäus 26:10, denn sie ehrte den unter den Toten Freien47 Psalmen 87:6 schon vor dem Tod wie einen Toten, denn durch das Salböl zeigte sie die Gnade des Begräbnisses und der Auferstehung im Voraus an. Du aber wirst als Frucht des Verrats den Strick haben; ihr Gedächtnis aber wird, wo immer das Evangelium verkündet wird33 Matthäus 26:13, unauslöschlich sein. Er sprach, und so geschah das Werk48 Psalmen 32:9: Denn das Salböl Aarons, das Salböl Eleasars, ist zur Ruhe gekommen, und das Horn ist außer Gebrauch; doch ihr Alabastergefäß reicht durch die ganze Weltzeit hindurch und trägt unerschöpflich den Wohlgeruch ihres Gedächtnisses. So also zu Judas; zu dem murrenden Pharisäer aber spricht Christus so: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen34 Lukas 7:40. “ O unaussprechliche Gnade! O unsagbare Menschenfreundlichkeit! Gott und Mensch reden miteinander, und er legt eine Frage vor und löst dessen Bosheit, indem er eine Regel der Menschenfreundlichkeit aufstellt. Denn „Simon, ich habe dir etwas zu sagen34 Lukas 7:40 “, sagt er. Ich habe etwas zu sagen, was ich keinem der Alten gesagt habe, keinem Patriarchen, keinem Propheten, keinem Gesetzgeber. Denn damals forderte ich Auge um Auge, Zahn um Zahn35 Exodus 21:24, weil ich das Gerechte verlangte. Da ihr aber das Gerechte nicht tragen könnt, setze ich dem Gesetz die Gnade entgegen; ein unaussprechliches Geheimnis werde ich dir sagen. Er aber sagt: „Meister, sprich34 Lukas 7:40. “ „Ein Mann hatte zwei Schuldner36 Lukas 7:41 “. Sieh die Weisheit Gottes:
Er verschweigt die Frau, damit er die Antwort nicht böswillig verdreht. Der eine, sagt er, schuldete fünfhundert Denare, der andere fünfzig36 Lukas 7:41. Furchtbar ist die Art der Erzählung: Unser Leben ist ein Schuldbrief, der unsichtbar Gedanken und Taten, das Umherschweifen der Augen und die Regungen der Seele aufzeichnet. Doch der menschenfreundliche Gläubiger löst die Furcht, er, der die Schuldscheine der Sünde zerreißt und sie nicht nur zerreißt, sondern durch die Wasser der Taufe auch glättet, damit keine Spur eines Buchstabens oder einer Silbe zurückbleibt und zur Erinnerung an die vergangenen Übel wird. Da sie nun, sagt er, nichts hatten, um zurückzuzahlen, erließ er es beiden38 Lukas 7:42. Hast du den menschenfreundlichen Gläubiger gesehen, wie er zwar leiht, aber nicht zurücknimmt? Und wie er, auch wenn man ihm undankbar begegnet, nicht ermattet, sondern seine Hand den Bittenden offen entgegenhält? Da sie, sagt er, nichts hatten, um zurückzuzahlen, erließ er es beiden38 Lukas 7:42. Er erließ es, weil sie nichts hatten, nicht weil sie nicht wollten. Denn nicht haben ist eines, nicht wollen ein anderes. Was ich damit meine: Gott verlangt von uns nichts als Umkehr; darum will er, dass wir uns immer freuen und zur Umkehr eilen. Wenn nun, obwohl wir umkehren wollen, die Menge der Sünden unsere Umkehr kraftlos erscheinen lässt, dann zahlen wir die Schuld nicht deshalb nicht ab, weil wir nicht wollen, sondern weil wir nichts haben. Deshalb also sagt er: „Da sie nichts hatten38 Lukas 7:42 “, um zu zeigen: Er sah, dass sie die Schuld durch Umkehr zurückzahlen wollten, es aber wegen der Menge ihrer Sünden nicht konnten; deshalb vergab er ihnen als Menschenfreund und befreite den Schuldner von der Schuld, nicht aufgrund der Tat, sondern aufgrund der Willensrichtung. Da sie nun nichts hatten, um zurückzuzahlen38 Lukas 7:42, geißelte er sie nicht, folterte sie nicht, übergab sie nicht der Schmach, sondern erließ es beiden38 Lukas 7:42. Wer von ihnen schuldet es ihm nun, ihn mehr zu lieben?38 Lukas 7:42 Simon aber antwortete und sagte: Ich meine, der, dem er das Größere erlassen hat39 Lukas 7:43. Sieh die Verschlagenheit des Pharisäers: Als er merkte, dass er durch das Wort der Wahrheit bereits in die Enge getrieben wurde, setzte er das ‚ich meine‘ hinzu, aus Furcht, eine vollkommene Antwort zu geben.
Der Herr aber schrieb nicht Simons Meinung auf, sondern griff seine Antwort auf und sagte zu ihm: „Du hast richtig geantwortet39 Lukas 7:43. “ Und zur Frau gewandt, sprach er zu Simon: „Siehst du diese Frau40 Lukas 7:44, die Sünderin, die für dich zwar verworfen ist, für mich aber gerettet wird? Ich bin in dein Haus gekommen; Wasser für meine Füße hast du mir nicht gegeben40 Lukas 7:44, für die Füße, die deinetwegen staubig geworden sind und Mühe auf sich genommen haben, damit ich die Mühseligen und Beladenen41 Matthäus 11:28 von ihren Mühen befreie. Nur zur Hälfte hast du mir Ehre erwiesen: Das Obere hast du bewundert, das Untere aber nicht versorgt. Doch du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben, obwohl dies dein Haus ist und nicht meines, voll von Schmähung; sie aber hat Quellen von Tränen aus ihren Lidern fließen lassen40 Lukas 7:44 und den Schmutz ihrer Sünde abgewaschen. Du hast mir keinen Kuss gegeben42 Lukas 7:45, wie ihn doch lieber auch Judas nicht gegeben hätte, der mit einem Kuss den Verrat vollbrachte; sie aber hat, seit sie hereingekommen ist, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen42 Lukas 7:45. Mit Öl hast du mein Haupt nicht gesalbt43 Lukas 7:46, denn das Öl des Sünders soll mein Haupt nicht fett machen44 Psalmen 140:5. Denn wie hättest du das Haupt ehren können, da du die Füße vernachlässigt hast? Sie aber hat auch meine Füße prophetisch mit Salböl gesalbt43 Lukas 7:46; denn es heißt: Ausgegossenes Salböl ist dein Name17 Hoheslied 1:3, ausgegossen, nicht verschüttet. Weil nämlich das Gefäß der jüdischen Gesinnung morsch war, wurde deshalb aus eurem Alabastergefäß das Salböl auf meine Füße ausgegossen, damit durch mich die Gnade des Wohlgeruchs zu den Völkern weitergeleitet werde. Darum sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben45 Lukas 7:47, denn du hast mich zwar unter dein Dach aufgenommen, mich aber weder mit einem Kuss geehrt noch mit Salbung versorgt; sie aber hat Vergebung für viele Übel empfangen und ehrte mich, indem sie aus Tränen und Salbölen gleichsam einen zweifach gemischten Kelch bereitete. “ Preisen wir also diese Frau selig, die die Übel Evas bedeckt hat: die Sünderin, die Hure, die Vermittlerin der Güter, die die Weise der Umkehr gezeigt und das Gesetz der Menschenfreundlichkeit enthüllt hat, die den Richter selbst zum Fürsprecher hatte, die mit Tränen das Wehklagen des Gerichts besiegte. Ihr alle nun, die ihr anwesend seid, eifert dem nach, was ihr gehört habt, und ahmt bei der Hure nicht die Lust nach, sondern die Klage. Denn die Lust brachte die Klage hervor, die Klage aber erwirkte die Lösung der Übel. Wascht also euren Leib nicht mit Wasser, sondern mit Tränen; salbt die Glieder nicht mit Salbölen, sondern mit Keuschheit. Zieht nicht Seidengewebe an, sondern das unvergängliche Gewand der Besonnenheit, damit ihr derselben Herrlichkeit teilhaft werdet und Dank darbringt vor dem Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt46 Johannes 1:29; ihm sei die Herrlichkeit und die Ehre, zusammen mit dem Vater und dem Heiligen Geist, jetzt und immerdar und in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.
