Homilie gegen die Zornigen
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Wie bei ärztlichen Anweisungen, wenn sie treffend und sachgerecht nach der Kunst gegeben werden, ihr Nutzen vor allem in der Erprobung sichtbar wird, so zeigt sich auch bei geistlichen Mahnungen erst dann, wenn der Ausgang für die Gebote Zeugnis ablegt, ihre Weisheit und ihr Nutzen zur Besserung des Lebens und zur Vollendung derer, die ihnen gehorchen. Denn da wir die Sprichwörter ausdrücklich erklären hören: „Zorn richtet auch Verständige zugrunde1 Sprüche 15:1 “, und da wir auch die apostolischen Mahnungen hören: „Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei sollen von euch weggenommen werden samt aller Bosheit2 Epheser 4:31 “, und den Herrn sagen hören, dass wer seinem Bruder ohne Grund zürnt, dem Gericht verfallen ist3 Matthäus 5:22, haben wir jetzt, da wir die Leidenschaft erfahren haben, nicht weil sie in uns entstand, sondern weil sie von außen über uns hereinbrach wie ein unvermuteter Sturm, erst recht das Wunderbare an den göttlichen Weisungen erkannt. Wir selbst gaben dem Zorn Raum wie einem reißenden Strom einen Abfluss; und als wir in Ruhe die hässliche Verwirrung derer betrachteten, die von der Leidenschaft beherrscht werden, erkannten wir an den Taten die Treffsicherheit des Wortes: „Ein jähzorniger Mann ist nicht ehrbar4 Sprüche 11:25. “ Denn sobald die Leidenschaft die Gedanken beiseitegedrängt und selbst die Herrschaft über die Seele an sich genommen hat, macht sie den Menschen völlig zum wilden Tier und lässt ihn nicht einmal mehr Mensch sein, weil er die Hilfe der Vernunft nicht mehr besitzt. Was nämlich bei den gifttragenden Tieren das Gift ist, das wird bei den Gereizten der Zorn. Sie rasen wie Hunde, schnellen hervor wie Skorpione, beißen wie Schlangen.
Auch die Schrift weiß die von der Leidenschaft Beherrschten mit den Namen der Tiere zu bezeichnen, denen sie sich durch ihre Bosheit angeglichen haben. Denn sie nennt sie stumme Hunde5 Jesaja 56:10, Schlangen, Otternbrut6 Matthäus 23:33 und dergleichen. Denn wer bereit ist, einander zugrunde zu richten und den eigenen Leuten Schaden zuzufügen, darf mit Recht den wilden und gifttragenden Tieren zugerechnet werden, denen von Natur aus ein unversöhnlicher Hass gegen die Menschen innewohnt. Durch den Zorn werden Zungen zügellos und Münder hemmungslos geöffnet; unbeherrschte Hände, Schmähungen, Beschimpfungen, üble Nachrede, Schläge und alles Weitere, was niemand aufzählen könnte, sind Leidenschaften, die aus Zorn und Grimm hervorgehen. Durch den Zorn wird auch das Schwert geschärft; der Tod eines Menschen durch Menschenhand wird gewagt. Durch ihn erkannten Brüder einander nicht mehr, Eltern und Kinder vergaßen die Natur. Denn die Zornigen kennen zuerst sich selbst nicht mehr, dann zugleich auch alle, die ihnen nahestehen. Wie nämlich Wildbäche, wenn sie in die Niederungen zusammenströmen, alles mitreißen, was ihnen begegnet, so dringen die heftigen und unaufhaltsamen Antriebe der Zornigen gleichermaßen durch alles hindurch. Kein graues Haar ist den Zürnenden ehrwürdig, keine Tugend des Lebens, keine Verwandtschaft des Geschlechts, keine früher erwiesene Wohltat und auch sonst nichts von dem, was Achtung verdient. Der Zorn ist eine Art kurzzeitiger Wahnsinn. Solche Menschen stürzen sich oft sogar in ein offenkundiges Übel, weil sie im Eifer, sich zu wehren, ihr eigenes Wohl vernachlässigen. Denn wie von einem Stachel werden sie durch die Erinnerung an die, die sie betrübt haben, ringsum gereizt; und während ihr Zorn in ihnen zuckt und aufspringt, hören sie nicht eher auf, als bis sie dem, der sie gereizt hat, irgendein Übel zufügen oder vielleicht, wenn es so kommt, auch selbst eines hinzubekommen, wie ja oft Dinge, die mit Gewalt losbrechen, mehr erleiden als bewirken, wenn sie an Widerständen ringsum zerschellen. Wer könnte diesem Übel beikommen: wie die, die leicht zum Zorn neigen, durch irgendeinen beliebigen Anlass entflammt werden, schreien, sich wild gebärden und welchen gifttragenden Tieren gleichen sie da nicht?
noch unverschämter losstürmen und nicht eher innehalten, als bis das Entzündete in ihnen durch ein großes und unheilbares Übel entweicht, nachdem ihre Wut wie eine Blase in ihnen aufgeplatzt ist. Denn weder die Schneide eines Schwertes noch Feuer noch sonst etwas Furchtbares ist imstande, die vom Zorn rasend gemachte Seele aufzuhalten, ebenso wenig wie die von Dämonen Besessenen; von ihnen unterscheiden sich die Zornigen in nichts, weder in der äußeren Gestalt noch in der Verfassung der Seele. Denn denen, die nach Gegenkränkung verlangen, siedet das Blut um das Herz, als würde es von der Gewalt eines Feuers aufgewühlt und zum Brodeln gebracht. Wenn es aber an der Oberfläche hervortritt und aufblüht, zeigt es den Zornigen in einer anderen Gestalt, als hätte er auf einer Bühne die allen vertraute und bekannte Maske gegen eine andere vertauscht. Denn ihre eigenen, gewohnten Augen sind bei ihnen nicht mehr wiederzuerkennen; der Blick ist außer sich und scheint schon Feuer zu sprühen. Und sie wetzen die Zähne wie Schweine, die zum Angriff vorstürmen. Das Gesicht ist fahl und blutunterlaufen; der Körper schwillt an; die Adern drohen zu bersten, während der Atem vom inneren Sturm erschüttert wird.
Die Stimme ist rau und überspannt, die Rede ungegliedert und stürzt aufs Geratewohl hervor, ohne Gliederung, ohne Ordnung, ohne klaren Gang. Wenn der Zorn aber, wie eine Flamme bei reichlich vorhandenem Brennstoff, durch die Reizenden bis zum Unheilbaren entfacht wird, dann, ja dann kann man Schauspiele sehen, die weder mit Worten auszusprechen noch in der Tat zu ertragen sind: Hände, gegen ihresgleichen erhoben und gegen alle Teile des Körpers geführt; Füße, die schonungslos nach den empfindlichsten Körperstellen treten; und alles, was ihnen vor Augen kommt, wird der Raserei zur Waffe. Wenn sie aber auch auf der Gegenseite ein gleiches Übel finden, das sich ihnen entgegenstellt, einen anderen Zorn und eine Raserei von gleichem Rang, dann prallen sie so aufeinander und tun einander an und erleiden, was Menschen wohl erleiden müssen, die von einem solchen Dämon als Feldherrn geführt werden. Denn Verstümmelungen von Gliedern oder gar Todesfälle haben die Kämpfenden oft als Kampfpreise des Zorns davongetragen. Einer begann mit unrechten Händen, der andere wehrte sich; jener schlug zurück, dieser gibt nicht nach. Und der Leib wird von Schlägen zerhauen, der Grimm aber nimmt die Empfindung des Schmerzes weg. Denn sie haben keine Muße, wahrzunehmen, was sie erlitten haben, da ihre ganze Seele zur Vergeltung an dem, der sie gekränkt hat, in Bewegung geraten ist. Heilt also das Böse nicht mit Bösem7 Römer 12:17, und versucht nicht, einander durch Unglück zu überbieten. Denn in bösen Wettkämpfen ist der Sieger der Elendere, weil er mit dem größeren Anteil an der Sünde davonkommt. Werde also nicht zum Beitragszahler einer bösen Sammlung und nicht zum noch böseren Tilger eines bösen Darlehens. Hat einer dich im Zorn geschmäht? Setze dem Übel durch Schweigen ein Ende. Du aber nimmst seinen Zorn wie einen Strom in dein eigenes Herz auf und ahmst die Winde nach, die durch Gegenwind zurückgeben, was gegen sie herangeweht wurde. Nimm den Feind nicht zum Lehrer, und eifere nicht dem nach, was du hasst. Werde auch nicht wie ein Spiegel des Zornigen, indem du seine Gestalt an dir selbst zeigst. Er ist rot, bist du etwa nicht purpurrot geworden? Seine Augen sind blutunterlaufen, und deine, sag mir, blicken sie ruhig? Seine Stimme ist rau, deine aber sanft? Nicht einmal das Echo in den Einöden wird so unverändert zu dem zurückgeworfen, der gerufen hat, wie die Schmähungen auf den Schmähenden zurückkehren. Vielmehr wird der Schall zwar als derselbe zurückgegeben; die Beschimpfung aber kommt mit einem Zusatz zurück. Was für Dinge rufen sie einander denn zu, wenn sie sich gegenseitig beschimpfen? Der eine nannte ihn einen Niemand und von Niemanden abstammend; der andere schalt ihn einen Haussklaven aus einem Haussklavengeschlecht; dieser nennt ihn arm, jener einen Landstreicher; dieser ungebildet, jener wahnsinnig, bis ihnen die Schmähungen wie Pfeile ausgehen. Dann, nachdem sie jede Beschimpfung mit der Zunge ausgeschleudert haben, gehen sie schließlich zur tätlichen Vergeltung über. Denn der Grimm erweckt Streit, der Streit gebiert Beschimpfungen, die Beschimpfungen Schläge, die Schläge Wunden, und aus Wunden entstehen oft Todesfälle. Halten wir das Übel gleich am ersten Anfang auf, indem wir den Zorn mit jedem Mittel aus den Seelen herausreißen. Denn so wäre es möglich.
könnten wir die meisten Übel mitsamt dieser Leidenschaft herausschneiden, als wäre sie ihre Wurzel und ihr Anfang. Hat er dich beschimpft? Du aber segne. Hat er dich geschlagen? Du aber halte stand. Speit er dich an und hält dich für nichts? Du aber bedenke über dich selbst, dass du aus Erde bestehst und wieder zur Erde zurückkehren wirst8 Genesis 3:19. Denn wer sich selbst zuvor mit diesen Worten im Zaum hält, wird jede Ehrverletzung geringer finden als die Wahrheit. So wirst du auch dem Feind die Vergeltung unmöglich machen, weil du dich den Beschimpfungen gegenüber unverletzlich zeigst; und dir selbst wirst du die große Krone der Geduld verschaffen, weil du den Wahnsinn des anderen zum Anlass deiner eigenen Besonnenheit machst. Wenn du also auf mich hörst, wirst du bei den Schmähungen sogar noch reichlich zulegen. Hat er dich unbekannt genannt, ruhmlos, einen Niemand von nirgendwoher? Du aber nenne dich Erde und Asche9 Genesis 18:27. Du bist nicht ehrwürdiger als unser Vater Abraham, der sich selbst so nannte. Hat er dich ungebildet genannt, arm und nichts wert? Du aber nenne dich einen Wurm10 Psalmen 21:7 und sage, du habest deinen Ursprung aus dem Misthaufen, indem du die Worte Davids sprichst. Füge dem auch das Schöne des Mose hinzu. Als jener von Aaron und Maria beschimpft wurde, klagte er sie nicht bei Gott an, sondern betete für sie.
Wessen Schüler willst du lieber sein: der gottliebenden und seligen Männer oder derer, die vom Geist der Bosheit erfüllt sind? Wenn in dir die Versuchung zur Schmähung aufkommt, dann sieh darin eine Prüfung deiner selbst: ob du durch Langmut zu Gott hintrittst oder durch den Zorn zum Widersacher hinüberläufst. Gib deinen Gedanken Zeit, den guten Teil zu wählen. Denn entweder hast du auch jenem durch das Beispiel der Sanftmut etwas genützt, oder du hast ihn durch deine Verachtung noch härter getroffen. Was könnte für den Feind schmerzlicher sein, als seinen Feind über Schmähungen erhaben zu sehen? Wirf deine Gesinnung nicht nieder, und lass nicht zu, dass die Schmähenden dich erreichen. Lass ihn dich erfolglos anbellen; er soll an sich selbst zerreißen. Denn wie einer, der jemanden schlägt, der keinen Schmerz empfindet, sich selbst straft (denn er hat sich weder am Feind gerächt noch seinen Zorn beruhigt), so kann auch einer, der den beschimpft, der nicht zurückschmäht, keinen Trost für seine Leidenschaft finden. Im Gegenteil, wie ich sagte, er wird innerlich zerrissen. Denn schon aus dem, was vor Augen liegt: Wie wird jeder von euch genannt? Der eine ein Schmäher, du aber großmütig; der eine zornig und hart, du aber langmütig und sanft; der eine wird bereuen, was er ausgesprochen hat, du aber wirst die Tugend niemals bereuen. Was muss man noch vieles sagen? Jenem hat die Schmähung das Himmelreich verschlossen; denn Schmäher werden das Reich Gottes nicht erben11 1. Korinther 6:10. Dir aber hat das Schweigen das Reich bereitet. Denn wer bis zum Ende ausharrt, der wird gerettet werden12 Matthäus 10:22. Wenn du dich aber wehrst und dich dem Schmäher auf gleiche Weise entgegenstellst, was wirst du dann noch zu deiner Verteidigung sagen? Dass er dich gereizt hat, weil er angefangen hat? Und welche Verzeihung verdient das? Denn auch der Unzüchtige wird nicht weniger der Verurteilung für würdig gehalten, wenn er die Schuld auf die Hetäre schiebt, als habe sie ihn zur Sünde gereizt. Es gibt keine Kronen ohne Gegner und keine Stürze ohne Widersacher. Höre David sagen: „Als der Sünder sich gegen mich stellte, ließ ich mich nicht reizen und wehrte mich nicht, sondern ich wurde stumm und gedemütigt und schwieg selbst vom Guten13 Psalmen 38:2-3. “ Du aber lässt dich reizen, als wäre die Schmähung etwas Schlechtes; und doch ahmst du sie wieder nach, als wäre sie etwas Gutes. Sieh, du hast ja selbst getan, was du anklagst. Oder betrachtest du das Übel des anderen mit aller Sorgfalt, hältst aber deine eigene Schande für nichts? Ist die Beschimpfung böse? Dann flieh ihre Nachahmung. Denn dass der andere angefangen hat, reicht wahrlich nicht zur Entschuldigung. Gerechter wäre es vielmehr, wie ich meine, den Unwillen sogar zu steigern, weil jener kein zurechtweisendes Beispiel hatte; du aber hast, obwohl du den Zornigen unschicklich handeln sahst, dich nicht davor gehütet, ihm ähnlich zu werden, sondern du bist ungehalten, wirst hart und zürnst zurück; und deine Leidenschaft wird zur Verteidigung dessen, der dir zuvorkam. Denn gerade durch das, was du tust, sprichst du auch jenen von Schuld frei und verurteilst dich selbst. Wenn nämlich der Zorn böse ist, warum bist du ihm nicht ausgewichen?
Wenn er aber Verzeihung verdient, warum wirst du hart gegen den Zornigen? Wenn du also erst als Zweiter zur Vergeltung gekommen bist, wird dir das nichts nützen. Denn auch bei den Kranzwettkämpfen wird nicht der bekränzt, der die Ringkämpfe begonnen hat, sondern der Überlegene. Verurteilt wird also nicht nur, wer zu dem Schlimmen vorangegangen ist, sondern auch, wer einem bösen Führer in die Sünde gefolgt ist. Wenn er dich arm nennt: Sagt er die Wahrheit, dann nimm die Wahrheit an; lügt er aber, was geht dich das Gesagte an? Lass dich weder durch Lob aufblähen, das über die Wahrheit hinausgeht, noch werde wild über Beschimpfungen, die dich gar nicht treffen. Siehst du nicht die Pfeile, wie sie von festen und widerstandsfähigen Dingen gewöhnlich abprallen, in weichen und nachgiebigen aber ihre Wucht verlieren? So etwas, meine ich, ist es auch mit der Beschimpfung. Wer sich ihr widersetzt, nimmt sie in sich auf; wer aber nachgibt und nachgiebig bleibt, löst durch die Sanftheit seiner Art die gegen ihn gerichtete Bosheit auf. Was beunruhigt dich denn die Bezeichnung als Armer? Denk an deine eigene Natur: nackt bist du in die Welt eingetreten, nackt wirst du auch wieder fortgehen14 Hiob 1:21.
Was aber ist ärmlicher als ein Nackter? Du hast nichts Schreckliches gehört, wenn du das Gesagte nicht dir selbst aneignest. Wer ist je wegen Armut ins Gefängnis abgeführt worden? Nicht arm zu sein ist schändlich, sondern die Armut nicht edel zu tragen. Denk an den Herrn: Obwohl er reich war, wurde er um unsertwillen arm15 2. Korinther 8:9. Wenn er dich unverständig und ungebildet nennt, erinnere dich an die Schmähungen der Juden, mit denen sie die wahre Weisheit beschimpften: „Du bist ein Samariter und hast einen Dämon16 Johannes 8:48. “ Wenn du nun zornig wirst, hast du die Vorwürfe bestätigt; denn was ist unverständiger als Zorn? Wenn du aber ohne Zorn bleibst, hast du den, der dich beschimpft hat, beschämt, weil du durch die Tat Besonnenheit gezeigt hast. Du bist geschlagen worden? Das wurde ja auch der Herr. Man hat dich angespuckt? Das wurde ja auch unser Gebieter; denn er wandte das Angesicht nicht ab von der Schmach des Angespucktwerdens17 Jesaja 50:6. Du bist verleumdet worden? Das wurde ja auch der Richter. Sie haben dir den Unterrock zerrissen? Sie haben auch den Herrn entkleidet und seine Kleider unter sich verteilt18 Psalmen 21:19. Noch bist du nicht verurteilt, noch bist du nicht gekreuzigt worden. Viel fehlt dir noch, bis du ihm in der Nachahmung gleichkommst. Jedes von diesen Dingen soll dir durch den Sinn laufen und die Glut dämpfen. Denn solche Vorbereitungen und Haltungen nehmen gleichsam die Sprünge und Schläge des Herzens weg und führen die Gedanken zu Festigkeit und Ruhe zurück. Und eben das ist offenbar, was David gesagt hat: „Ich war bereit und wurde nicht erschüttert19 Psalmen 118:60. “ Darum muss man die rasende und erschreckte Bewegung der Seele durch die Erinnerung an die Beispiele der seligen Männer dämpfen: wie der große David die Trunkenheitswut Schimis sanft ertrug. Denn er gab dem Zorn keinen Anlass, sich zu regen, sondern richtete seinen Sinn auf Gott und sagte: „Der Herr hat Schimi gesagt, David zu verfluchen20 2. Samuel 16:10. “ Deshalb wurde er, als er Blutmann und gesetzloser Mann21 2. Samuel 16:7 genannt wurde, nicht gegen jenen hart, sondern demütigte sich selbst, weil ihm die Schmähung seiner Würdigkeit gemäß begegnete. Diese zwei Dinge also nimm von dir weg: Halte dich selbst nicht für großer Dinge würdig, und meine nicht, irgendein Mensch stehe seiner Würdigkeit nach weit unter dir. So wird der Zorn niemals bei den uns zugefügten Kränkungen gegen uns aufstehen. Schlimm ist es zwar, wenn einer, dem Gutes getan wurde und der zu größtem Dank verpflichtet ist, zur Undankbarkeit auch noch mit Schmähung und Entehrung beginnt. Schlimm ist es, aber für den, der es tut, ist es ein größeres Übel als für den, der es erleidet. Jener mag schmähen; du aber schmähe nicht. Die Worte sollen dir eine Übung zur Weisheit sein. Wenn du dich nicht beißen lässt, bist du unverletzt. Wenn aber deine Seele doch etwas erleidet, halte das Betrübende in dir selbst zurück. Denn „in mir wurde mein Herz erschüttert22 Psalmen 142:4 “, sagt er; das heißt: Die Leidenschaft breitete sich nicht nach außen aus, sondern wurde, wie eine Welle, die innerhalb der Ufer gebrochen wird, geglättet.
Bring mir mein Herz zur Ruhe, das bellt und wild wird. Die Leidenschaften sollen die Erscheinung der Vernunft in dir scheuen, wie das Ungebärdige bei Kindern die Gegenwart eines ehrwürdigen Mannes scheut. Wie also könnten wir dem Schaden entgehen, der aus dem Zornigwerden entsteht? Indem wir den Zorn dazu bringen, den Überlegungen nicht vorzugreifen, sondern zuerst dafür sorgen, dass er dem Verstand niemals vorausläuft; indem wir ihn vielmehr halten wie ein uns unterjochtes Pferd, das der Vernunft gleichsam durch einen Zügel gefügig ist, nirgends aus seiner eigenen Ordnung heraustritt, sondern von der Vernunft dorthin geführt wird, wohin sie ihn jeweils leitet. Denn noch zu vielen Werken der Tugend ist der zornmütige Teil unserer Seele tauglich, wenn er, wie ein Soldat, der beim Feldherrn die Waffen niedergelegt hat, bereitwillig die befohlenen Hilfen leistet und der Vernunft gegen die Sünde als Bundesgenosse dient. Denn der Zorn ist eine Sehne der Seele; er gibt ihr Spannkraft zum Widerstand für das Gute. Wenn er sie nämlich einmal von der Lust erschlafft antrifft, macht er sie, als hätte er sie wie Eisen im Bad gehärtet und geschärft, aus allzu weicher und schlaffer Verfassung streng und mannhaft. Denn wenn du nicht gegen das Böse zornig wirst, kannst du es nicht in dem Maß hassen, wie es verdient. Man muss ja, meine ich, den gleichen Eifer haben für die Liebe zur Tugend wie für den Hass auf die Sünde. Gerade dazu ist der Zorn besonders nützlich: wenn er dem Denken folgt wie ein Hund dem Hirten, sanft und handzahm bleibt gegenüber dem Förderlichen und vom Denken leicht zurückzurufen ist, gegen fremde Stimme und fremden Anblick aber wild wird, auch wenn es den Anschein von Fürsorge hat, und sobald der ihm Vertraute und Freund ruft, sich geduckt unterwirft. Das ist die beste und maßvolle Mitarbeit, die der zornmütige Teil dem verständigen Teil der Seele leistet.
Denn ein solcher Mensch wird gegenüber denen, die ihm nachstellen, unversöhnlich bleiben und keinen Waffenstillstand schließen: Er lässt sich niemals auf Freundschaft mit dem ein, was schadet, sondern bellt die hinterlistige Lust wie einen Wolf unablässig an und zerreißt sie. So groß ist also der Nutzen des Zorns für die, die ihn zu gebrauchen wissen. Denn auch jede der übrigen Kräfte wird dem, der sie besitzt, je nach der Art ihres Gebrauchs entweder zum Bösen oder zum Guten. Wer etwa das Begehrungsvermögen der Seele für den Genuss des Fleisches und unreiner Lüste missbraucht, ist abscheulich und zuchtlos; wer es aber auf die Liebe zu Gott richtet und auf das Verlangen nach den ewigen Gütern, ist beneidenswert und selig. Und wiederum: Wer das Denkvermögen gut gebraucht, ist klug und verständig; wer aber seinen Geist zum Schaden der Nächsten geschärft hat, ist hinterhältig und ein Übeltäter. Machen wir also das, was uns vom Schöpfer zum Heil gegeben wurde, nicht für uns selbst zum Anlass der Sünde. So bringt auch der Zorn, wenn er sich regt, wann es sein soll und wie es sein soll, Mannhaftigkeit, Standhaftigkeit und Selbstbeherrschung hervor; wirkt er aber gegen die rechte Vernunft, wird er zum Wahnsinn. Darum ermahnt uns auch der Psalm: „Zürnt, und sündigt nicht23 Psalmen 4:5. “ Und der Herr droht zwar dem, der ohne Grund zürnt, das Gericht an; den Gebrauch des Zorns aber gegen das, wogegen man soll, weist er nicht ab, gleichsam als Heilmittel. Denn das Wort: „Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Schlange24 Genesis 3:15 “, und das Wort: „Seid den Midianitern feind25 Numeri 25:17 “, lehrt, den Zorn wie eine Waffe zu gebrauchen. Darum bewaffnete Mose, der sanftmütigste aller Menschen26 Numeri 12:3, als er den Götzendienst rächte, die Hände der Leviten zum Töten der Brüder. Er sagt: „Jeder lege sein Schwert an seine Hüfte; zieht von Tor zu Tor, kehrt durch das Lager zurück und tötet, jeder seinen Bruder, jeder seinen Nächsten und jeder den, der ihm am nächsten steht27 Exodus 32:27. “ Und kurz danach: „Und Mose sprach: Ihr habt heute eure Hände dem Herrn gefüllt, jeder an seinem Sohn und an seinem Bruder, damit Segen auf euch komme28 Exodus 32:29. “ Was aber rechtfertigte Pinhas? Nicht der gerechte Zorn gegen die, die Unzucht trieben? Er war im Allgemeinen nachsichtig und sanft; als er aber die Unzucht sah, Zambri und der Midianiterin, wie sie offen und schamlos geschah, ohne dass beide den unanständigen Anblick ihrer Schande auch nur verhüllten, da er das nicht ertrug, gebrauchte er den Zorn, wie es nötig war, und stieß den Spieß durch beide hindurch.
Hat nicht auch Samuel Agag, den König von Amalek, den Saul gegen den Befehl Gottes verschont hatte, aus gerechtem Zorn in die Mitte geführt und niedergemacht? So wird der Zorn oft zum Diener guter Taten. Elia aber, der Eiferer, tötete vierhundertfünfzig Männer, Priester der Schande, und vierhundert Männer, Priester der Haine, die vom Tisch Isebels aßen, mit überlegtem und besonnenem Zorn zum Nutzen ganz Israels. Du aber zürnst deinem Bruder grundlos. Denn wie sollte es nicht grundlos sein, wenn ein anderer wirkt und du einem anderen zürnst? Und du machst es wie die Hunde: Sie beißen die Steine und gehen nicht auf den los, der sie wirft. Der Getriebene ist zu bemitleiden; der Wirkende aber ist hassenswert. Dorthin verlege deinen Zorn: gegen den Menschenmörder, den Vater der Lüge29 Johannes 8:44, den Wirker der Sünde; mit deinem Bruder aber habe Mitleid, denn wenn er in der Sünde verharrt, wird er mit dem Teufel dem ewigen Feuer30 Matthäus 25:41 übergeben werden. Wie aber die Bezeichnungen Zornesaufwallung und Groll verschieden sind, so unterscheiden sich auch die Dinge, die sie bezeichnen, sehr stark voneinander. Denn Zornesaufwallung ist gleichsam ein Aufflammen und ein scharfer Ausbruch der Leidenschaft; Groll aber ist anhaltender Schmerz und ein dauernder Drang zur Vergeltung an denen, die Unrecht getan haben, als wäre die Seele zur Abwehr in Erregung geraten.
Man muss also wissen, dass die Menschen in beiden Haltungen fehlgehen: entweder indem sie rasend und kopflos gegen die aufbrausen, die sie reizen, oder indem sie denen, die sie verletzt haben, arglistig und heimtückisch nachstellen. Beides müssen wir meiden. Wie also könnte sich die Zornesregung nicht gegen Dinge bewegen, gegen die sie sich nicht bewegen darf? Wie? Wenn du dich zuvor in Demut einübst, die der Herr durch sein Wort geboten und durch sein Werk gezeigt hat: bald indem er sagt: „Wer unter euch der Erste sein will, soll der Letzte von allen sein31 Markus 9:35 “; bald indem er den, der ihn schlug, sanft und unbewegt ertrug. Denn der Schöpfer und Gebieter des Himmels und der Erde, der von der ganzen geistigen und sinnlich wahrnehmbaren Schöpfung angebetet wird, der das All durch das Wort seiner Macht trägt32 Hebräer 1:3, sandte ihn nicht lebendig in den Hades, indem die Erde unter dem Frevler aufriss, sondern er mahnt und lehrt: „Wenn ich schlecht geredet habe, so bezeuge das Schlechte; wenn aber recht, warum schlägst du mich?33 Johannes 18:23 “ Denn wenn du dich daran gewöhnst, nach dem Gebot des Herrn der Letzte von allen zu sein, wann wirst du dann unwillig werden, als seist du unter deiner Würde beschimpft worden? Wenn dich ein kleines Kind beschimpft, machst du die Beschimpfungen zum Anlass des Lachens; und wenn einer, der durch Fieberwahn den Verstand verloren hat, Worte der Schmach ausstößt, hältst du ihn eher für bemitleidenswert als für hassenswert. Nicht also sind die Worte von Natur aus imstande, Schmerz zu erregen, sondern die Verachtung, die wir gegen den hegen, der uns beschimpft hat, und die Vorstellung, die jeder von sich selbst hat. Wenn du also beides aus deinem Denken entfernst, dann ist das, was gesagt wird, nichts weiter als ein Geräusch, das leer dahinhallt. Lass also ab vom Groll und gib die Zornesaufwallung auf34 Psalmen 36:8, damit du der Erfahrung jenes Zorns entkommst, der vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen offenbar wird35 Römer 1:18. Denn wenn du mit nüchterner Überlegung die bittere Wurzel36 Hebräer 12:15 des Zorns auszuschneiden vermagst, wirst du mit diesem Anfang zugleich viele Leidenschaften beseitigen. Denn auch das Arglistige und Argwöhnische, das Treulose und Bösartige, das Hinterhältige und Dreiste und der ganze Schwarm solcher Übel sind Auswüchse dieser Bosheit. Führen wir uns also nicht ein so großes Übel zu: eine Krankheit der Seele, eine Verdunkelung der Gedanken, Entfremdung von Gott, Unkenntnis der Zugehörigkeit, den Anfang des Krieges, die Fülle der Unglücksfälle, einen bösen Dämon, der in unseren Seelen selbst gezeugt wird, wie ein unverschämter Hausbewohner unser Inneres in Besitz nimmt und dem Heiligen Geist den Zutritt versperrt. Denn wo Feindschaften, Streitigkeiten, Zornesausbrüche, Eigennutz, Rechthabereien37 Galater 5:20, Unruhen hervorrufen, die in den Seelen nicht verstummen, dort ruht der Geist der Sanftmut nicht.
Da wir aber der Mahnung des seligen Paulus folgen, wollen wir allen Zorn und Grimm und alles Geschrei von uns wegnehmen samt aller Bosheit2 Epheser 4:31 und zueinander gütig und barmherzig werden38 Epheser 4:32, während wir die selige Hoffnung39 Titus 2:13 erwarten, die den Sanftmütigen verheißen ist, denn „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde erben40 Matthäus 5:5 “, in Christus Jesus, unserem Herrn, dem die Herrlichkeit und die Macht sei in Ewigkeit. Amen.
