Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

Pseudo-Dionysius ist eine offensichtliche Fälschung

Aktualisiert: Lesedauer: ca. 9 Min.
Inhaltsverzeichnis

Konstantinopel, im Jahre 532. In einem theologischen Streit legen Severianer Schriften vor, die angeblich von Dionysius dem Areopagiten stammen, also von jenem Mann aus Apostelgeschichte 17, der Paulus gehört haben soll.

Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig, unter ihnen auch Dionysius, der Areopagit, außerdem eine Frau namens Damaris und noch andere mit ihnen.

Das ist alles, was die Schrift über Dionysius sagt. Er hörte Paulus, wurde gläubig, danach schweigt die Schrift. Und dann, fast fünfhundert Jahre später, berufen sich die Severianer auf theologische Schriften unter genau diesem Namen. Wir sind keine Protestanten und was hier behauptet wird ist keine kleine Sache. Wenn diese Schriften wirklich von dem Areopagiten stammen, dann steht hier ein apostolischer Zeuge im Raum. Ein Mann mit einer großen Autorität. Und genau deshalb klammern sich manche moderne orthodoxe Echtheitsverteidiger bis heute so verbissen an diese „Dionysius“-Schriften. Nicht, weil alle Orthodoxen diese Ansicht vertreten, das ist nicht mehr so. Viele akzeptieren längst, dass der Autor nicht der Areopagit war. Aber die wenigen, die diese Echtheit noch retten wollen, brauchen den Namen. Denn dadurch bekommen sie nicht nur einen spätantiken Autor, sondern einen scheinbar apostolischen Zeugen für Hierarchie, Liturgie, Mystik und kirchliche Symboltheologie und manche behaupten sogar, für Ikonenanbetung!

Aber sind diese Schriften wirklich von Dionysius? Und was genau hat der Konflikt in Konstantinopel im Jahr 532 damit zu tun? Dieser Frage gehen wir heute auf den Grund.

Was geschah 532?

451 hatte das Konzil von Chalkedon gelehrt: Christus ist ein und derselbe Sohn in zwei Naturen, wahrer Gott und wahrer Mensch. Die Gegner dieser Formel, besonders im syrisch-ägyptischen Raum, hielten an einer Formel fest, die sie mit Kyrill von Alexandrien verbanden: "eine Natur des fleischgewordenen Wortes Gottes". Dazu gehörten die Severianer, also Anhänger von Severus von Antiochien. Severus war anti-chalkedonisch / miaphysitisch. Aus chalkedonischer Sicht war seine Partei häretisch, Orientalisch-Orthodoxe würden das natürlich anders sehen.

Ich bin nicht hier, um diesen Konflikt selbst zu kommentieren. In unseren Augen ist es wahrhaft töricht, sich über solche Formulierungen derart zu zerreißen und zugleich mit weit schwereren Häresien der heutigen Kathodoxen kaum ein Problem zu haben: Götzendienst, Unterstützung von Krieg, Ehebruch und Wiederheirat, Simonie und viele andere Häresien, die das geistliche Leben vieler verderben.

Kaiser Justinian wollte diese Gruppen wieder zusammenbringen oder wenigstens theologisch klären. Deshalb kam es in Konstantinopel zu einem Religionsgespräch, der Collatio cum Severianis. Auf der einen Seite standen pro-chalkedonische Bischöfe. Ihr Sprecher war Hypatios von Ephesus. Auf der anderen Seite standen severianische Bischöfe.

Die severianischen Bischöfe wollten beweisen, dass ihre Lehre nicht neu ist, sondern von den Vätern bezeugt wurde und dafür brachten sie Autoritäten vor wie: Kyrill, Athanasius, Gregor Thaumaturgus, römische Bischöfe und eben auch Dionysius den Areopagiten. Die Severianer wollten Dionysius also als alten apostolischen Zeugen gegen Chalkedon benutzen.

Und was macht Hypatios? Das was vermutlich jeder Mensch machen würde, wenn plötzlich Werke eines Mannes aus dem 1. Jahrhundert auftauchen nach Jahrhunderten von Verschollenheit.... Er akzeptierte sie nicht einfach, sondern sagte sinngemäß: Woher wisst ihr, dass diese Dionysius-Zeugnisse echt sind? Wenn sie wirklich von Dionysius wären, warum hat Kyrill sie nicht benutzt? Warum hätte Athanasius solche Zeugnisse nicht gegen die Arianer vorgebracht? (Vgl. Sergei Mariev, „Hypatios of Ephesos and Ps.-Dionysios Areopagites“, Byzantinische Zeitschrift 107/1 (2014), S. 120–121.)

Damit fällt schon am Anfang eine beliebte Ausrede weg. Die Zweifel an der Echtheit dieser Schriften entstehen nicht erst in der Moderne. Das Corpus tritt nicht in die Geschichte ein wie ein unbestrittenes apostolisches Erbe, sondern wie ein Text, der sofort verteidigt werden muss. Daher werden wir diese Schrift nun genauer untersuchen:

Wann wird Pseudo-Dionysius überhaupt greifbar?

Wenn diese Schriften wirklich von Dionysius dem Areopagiten stammen, müsste man erwarten, dass sie in der alten Kirche Spuren hinterlassen. Ein Schüler des Paulus, der über die göttlichen Namen, die himmlischen Hierarchien, die kirchliche Hierarchie und die mystische Theologie geschrieben haben soll, wäre keine Randfigur. Doch genau hier beginnt schon das Problem, die erste greifbare Rezeption des Corpus Dionysiacum liegt im 6. Jahrhundert. Der erste klare Nutzer ist Severus von Antiochien - verwendet Dionysius zwischen etwa 518 und 528, besonders in seinem Streit gegen Julian von Halikarnassos. Dort begegnen uns dionysische Stellen wie Brief IV mit der berühmten „theandrischen Energie“ Christi und eine Stelle aus den Göttlichen Namen II,9. Das ist der erste harte Punkt in der Datierung. Vorher gibt es keine sichere und eindeutige Rezeption dieser Schriften.

Nur mal zum Vergleich:

Wir haben schon einmal über die Authentizität von den Erkenntnissen des Clemens gesprochen, dort konnten wir zusammentragen, dass Bardesanes (der sogar eine ellenlange Stelle daraus zitierte), Origenes, Epiphanius, Rufinus, Hieronymus, Gennadius, Aldhelm, Beda und Agobard die Schriften von Clemens und seinen Erkenntnissen kannten.

Wir haben selbst moderne Gelehrte, die auch wenn sie die Erkenntnisse des Clemens heutzutage ablehnen, zugeben, dass früher, die gesamte Kirche glaubte, dass das Werk echt sei:

Rufinus wurde getäuscht, wie die ganze Welt bis zum Wiederaufleben der Gelehrsamkeit, indem er glaubte, diese Erfindung sei das Werk von Clemens.

Genauso ist es mit dem Hirte des Hermas, den Barnabasbrief, oder die Didache, die andere Schriften von Clemens (selbst die Briefe zur Jungfräulichkeit). Alle diese Schriften wurden mehrmals in kirchlichen Schriften vor Nicäa und unmittelbar nach Nicäa erwähnt, es wurde daraus zitiert, und ähnliches...

Doch hier soll angeblich nicht irgendein frommer Text vorliegen, sondern eine riesige Menge von Schriften eines Mannes aus Apostelgeschichte 17, einem Hörer des Paulus und trotzdem schweigen die frühen Zeugen. Kein Irenäus. Kein Tertullian. Kein Origenes. Kein Eusebius. Kein Athanasius. Kein Kyrill, und so weiter...

Der Apostelschüler, der nach Neuplatonikern aus dem 5. Jahrhundert klingt...

In diesem Abschnitt gebe ich primär wieder was Gelehrte sagen, wie schon gesagt - in der modernen Wissenschaft - sind die Nichtauthentizität der Dionysius Schriften unstrittig. Was alleine natürlich in unseren Augen kein Beweis ist, aber mit all den anderen Punkten, den Todesstoß setzt, für jeden Menschen, der uns diese Schriften ernsthaft als legitim verkaufen möchte.

Aber um kurz die Situation in eigenen Worten zu schildern: Die Schriften sprechen nicht wie ein Mann aus der apostolischen Zeit, sondern eher wie der spätantike Proklos, dem großen Neuplatoniker des 5. Jahrhunderts. Proklos starb 485 und dieser "Pseudo-Dionysius" benutzt Begriffe, Denkfiguren und ganze metaphysische Bewegungen, die nicht in die Zeit des 1. Jahrhunderts passen, sondern erst in späteren Jahrhunderten etabliert wurden, und wie schon gesagt - auffälligerweise in die Zeit des Neuplatonikers Proklos.

Der härteste Punkt liegt in der Lehre vom Bösen in den Göttlichen Namen, Kapitel IV. Er sagt: „The Evil, qua evil, is not“ (DN IV,33). Kurz darauf sagt er noch deutlicher: „The Evil, then, is not an actual thing“ (DN IV,34). Und warum? Weil das Böse nicht aus eigener Kraft entsteht, sondern „by reason of weakness“ (DN IV,34). Genau diese Denkbewegung findet man bei Proklos. In On the Existence of Evils beschreibt er das Böse als „falling away“ vom ersten Guten und als etwas, das „deprived of being“ ist. Er lehnt ausdrücklich ab, dass es „two first principles“ geben könne. Das Böse steht also nicht als zweite Macht neben dem Guten. Es hat keine eigene positive Wirklichkeit, sondern nur eine parasitäre Existenz, parupostasis.

Einfach gesagt: Dionysius: Das Böse ist nicht wirklich. Proklos: Das Böse hat nur parasitäre Existenz.

Wenn das jemanden so interessiert, schaut euch gerne Ausarbeitungen an, von Gelehrten die sich mit der Sprache der Neuplatoniker auskennen, das ist absolut nicht umstritten sondern, mittlerweile nahezu Allgemeinwissen: Hier einige Quellen.

1. Pseudo-Dionysius the Areopagite (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

2. https://academic.oup.com/edited-volume/42561/chapter/357115252

3. Dionysius, Iamblichus, and Proclus | The Oxford Handbook of Dionysius the Areopagite | Oxford Academic

4. Pseudo-Dionysius the Areopagite (Chapter 42) - The Cambridge History of Philosophy in Late Antiquity

5. On the subsistence of evils - Proclus, On the Subsistence of Evils  - Dual Parallel English and Original Text

Hier noch ein paar Einblicke und Beispiele:

Die Katholische Enzyklopädie schreibt:

bestimmte autobiographische Behauptungen im Corpus — etwa, der Autor habe die Sonnenfinsternis bei Christi Kreuzigung gesehen oder mit den Aposteln den Leib Mariens betrachtet — seien „plainly for the purpose of deceiving“. Danach heißt es: Auch die Nennung von Johannes, Paulus, Timotheus, Titus usw. diene dazu, den Eindruck apostolischer Zeitgenossenschaft zu erzeugen. https://www.newadvent.org/cathen/05013a.htm
Dionysius habe von Proklos „to a surprising extent“ geborgt. Eine sorgfältige Analyse zeige eine „astonishing agreement“ in Aufbau, Gedankengang, Beispielen, Bildern und Ausdrücken. https://www.newadvent.org/cathen/05013a.htm

Charles Stand/Oxford:

Koch und Stiglmayr hätten gezeigt, dass der Corpus deutlich von Proklos abhängt und daher nicht die echten Schriften des Dionysius aus dem 1. Jahrhundert sein könne. Besonders in De divinis nominibus 4,17–33 zitiere Dionysius Proklos „often with little or no cover“. https://academic.oup.com/book/26818/chapter/195798342?login=false

Der Text verrät sich selbst - Christliche Anachronismen

Was sind Anachronismen? Anachronismen sind Begriffe die verwendet werden, zu einer Zeit in der dieser Begriff eigentlich noch nicht bekannt ist. Ein Beispiel wäre, wenn dieser Pseudo-Dionysius den Begriff Bibel benutzt hätte, dann würden wir direkt wissen, dass das eine spätere Datierung sein muss, weil der Begriff Bibel zu der Zeit nicht existiere, da es noch gar kein einziges, gebundenes Buch gab, sondern einzelne, lose Schriftrollen - der Begriff Bibel tauchte erstmals im späten 4. Jahrhundert auf.

Ein Beispiel dafür ist im Werk: De ecclesiastica Hierarchia VI.1-3.

„Die höchste Ordnung unter allen, die vollendet werden, ist die heilige Einrichtung der Mönche. Einige nennen sie Therapeuten, andere Mönche. Die heilige Ordnung verleiht ihnen eine vollendende Gnade; ihre Weihe geschieht nicht durch hierarchische, sondern durch priesterliche Anrufung, also durch die heiligen Priester.“

Das ein Paulus Schüler asketische Enthaltsamkeit, Jungfräulichkeit oder Witwenstände kennt, das kann sein. Aber eine Mönchsordnung? Mönche? KLÖSTER? Das ist lächerlich, das allein beweist eine gefälschte Zuschreibung. Die ersten christlichen Mönche gab es im späten 3. Jahrhundert. Und sie lebten anfangs auch schon gar nicht zusammen mit anderen in Klöstern (und das zu der Zeit von Dionysius im ersten Jahrhundert!?)

Ihr Kathodoxen, habt ihr vergessen dass das griechische Wort von Mönche - monachós, übersetzt "Einzelner" bedeutet!? Habt ihr vergessen, dass euer geliebter Antonius der Große, der Urvater des "christlichen" Mönchtums ist? Wann lebte Antonius? Im Jahr 270 nach Christus! Weit entfernt vom 1. Jahrhundert. Das erste Christliche Kloster gab es übrigens im Jahr 320 nach Christus...

Es tut mir leid, aber ich denk nicht, dass dieses Thema es wert ist, noch tiefer aufzugreifen. Falls wirklich jemand noch stutzig ist oder unserer Aufführung widersprechen möchte, kann er gerne die Kommentarfunktion unter diesem Artikel benutzen, bei weiteren Wünschen erweitere ich auch gerne noch diesen Artikel mit weiteren Anachronismen und Punkten, die es auf jeden Fall noch gibt! Doch Stand jetzt denke ich, dass es diesem Thema genügt. Sollte aber Bedarf bestehen, schrecken wir natürlich nicht zurück mehr Zeit in diesen Artikel zu stecken.

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