Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

Vom Untergang Jerusalems, Buch 4

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Nachdem die Taricheer beseitigt waren, konnten die Römer den größten Teil der galiläischen Städte und des Gebiets unter ihre Herrschaft bringen. Ausgenommen blieb nur die Stadt Gamala: Das hartnäckige Volk in der gaulanitidischen Gegend vertraute auf die Unzugänglichkeit des Ortes und hielt an seinem Hochmut fest. Denn sie liegt auf einem Berg. Rechts und links von schroffen Felsen umschlossen, verengt sie sich zum Gipfel hin; vorn ist sie durch eine tiefe Schlucht abgeschnitten, hinten etwas länger ausgestreckt. Auch von dieser Seite her führt nur ein schmaler Pfad, ein schwieriger Zugang, der sich zur Stadt hin windet, sodass man meinen könnte, der Weg gleiche einem Schwanz. Vom höchsten Punkt zieht sich weithin ein Hals, der eine Burg wie einen Kopf erscheinen lässt und sich zu großer Höhe erhebt; vom Anfang an schmal und wie eine gekrümmte Unterseite, mit steilen Windungen und tief eingeschnitten, hebt er von dort in der Mitte gleichsam eine Art Sehne des Halses empor, während das Übrige schroff und weglos ist. Daher meinen sehr viele seit alter Zeit, sie habe Camela geheißen, weil sie die Gestalt eines Kamels zeigt; der Name Gamala aber sei durch den fehlerhaften Sprachgebrauch der Einwohner an der Stadt haften geblieben. Betrachtet man tatsächlich die dicht zusammengedrängten Gebäude, so würde man urteilen, die Stadt sei aufgehängt, und vor allem ihre nördlichen Teile für schwebend halten, da sie sich ein wenig nach Süden zurückwenden. Auch dieser Stadt fügte Josephus Befestigungen hinzu. Im Vertrauen auf sie und auf die Zahl der dort zusammengeströmten Menge trieben sie sieben Monate lang ihr Spiel mit der Belagerung des Königs Agrippa. Denn diese Stadt sowie Sotanis und Seleucia waren Teile seines Königreichs. Seleucia liegt neben jenem überaus lieblichen, in ganz Syrien berühmten Wald Daphnes, der voll von Zypressen ist und von Quellen sprudelt; durch sie gießt er mit milchiger Fülle gewisse Nahrung in den gewundenen Fluss dieser Gegend, den man den Kleinen Jordan nennt. Diese Stadt jedoch, das obere Sotanis und der unterhalb von Gamala gelegene Teil Gaulanitidis entschieden sich mit widersprüchlicher Begeisterung unterschiedlich: Die einen wählten die Gemeinschaft mit den Römern, die anderen fielen so hartnäckig ab, dass der König, als er sie allzu nahe an den Mauern ansprechen wollte, von dem Geschoss einer Schleuder verwundet wurde. Über diese Verletzung erzürnt, betrieben die Römer die Belagerung mit größerem Nachdruck, und der Kampf wurde sogleich von beiden Seiten aufgenommen, auch von den Juden, die ihren eigenen König gewaltsam behandelt hatten, während er ihnen zu nützlichen Maßnahmen riet; da sie meinten, es gebe für sie keine Vergebung, wenn sie besiegt würden, kämpften sie mit aller Kraft. Agrippa [S.

Weil er am rechten Ellbogen von einem Stein getroffen worden war, zog er sich aus dem Kampf zurück; da drangen die Römer in die Stadt ein. Der Feind wich vor den Geschossen, die Mauer vor den Sturmböcken. Denn die, die gegen die Belagerungsmaschinen kämpften, konnten überhaupt nicht länger standhalten, und die von drei Sturmböcken zerschmetterte Mauer öffnete den Belagerern einen gangbaren Zugang in den Bereich der Belagerten. Doch die hastige Ungeduld brachte über die Sieger ein ungewöhnliches Gemetzel. Denn als sie sich in die Häuser ergossen und diese durchsuchten oder zur Plünderung eilten, führte der entscheidende Einsturz der unter der Last nachgebenden Häuser, deren Fundamente zerbröckelten, zur Katastrophe; was am nächsten lag und alles, was in der Nähe war, wurde in den Untergang gerissen. Viele Römer, die in diese Einstürze gerieten, fanden im Sieg den Tod. Die meisten, die nach vorn drängten, wurden von einstürzenden Häusern begraben; andere wurden halbtot, mit verstümmeltem Körper, kaum ausgegraben; den meisten raubte der Staub das Leben. In den engen Räumen zusammengepresst wurden sie getötet; auch Frauen, schwache alte Männer und die Jüngeren, die geflohen waren, wurden von oben unter Steinen niedergestreckt. Finsternis ergoss sich über alles, nahm den Blick und verwirrte den Sinn. Aus Unkenntnis fand man keinen Ausweg. So zogen sie sich nur mit Mühe aus der Gefahr zurück und verließen die Stadt. Vespasian hatte sich inzwischen, während er mitten in der Stadt gegen den Feind andrängte, zurückgezogen und trieb mitten in einer umzingelten Schar von Feinden den Kampf an. Denn es war für einen Mann gänzlich unpassend, dem Feind den Rücken zu bieten, und er hielt es auch nicht für sicher. Seinen Sohn Titus hatte er nach Syrien geschickt. Er weckte in ihnen das Bewusstsein ihrer berühmten Tapferkeit, und indem sie sich mit den wenigen, die er bei sich hatte, zu den Waffen sammelten und die Schilde aneinanderfügten, stand er unerschrocken da, als erwäge er, gegen wen er sich werfen sollte. Diesem Angriff begannen die erschrockenen Juden mit geringerer Kraft standzuhalten, und jeder fürchtete für sich selbst und schwächte damit ihre Schlachtreihe. So kam Vespasian gegen den Feind allmählich voran, eher Kämpfern als Vorrückenden gleich. Dort fiel der Dekurio Butius, der sich schon zuvor in vielen Schlachten bewährt hatte und im Kampf gegen die Juden als ein Mann von berühmter Erfahrung und großer Tapferkeit galt. Auch ein Zenturio vollbrachte mit zehn weiteren Syrern eine hervorragende und denkwürdige Tat. Denn als er in derselben Verwirrung bemerkte, dass die Römer schwer bedrängt wurden, führte er sie in das Versteck eines Hauses; und dort, als die Juden beim Mahl miteinander berieten, was sie gegen die Römer planten, tötete er sie mitten in der Nacht alle und kehrte mit seinen Soldaten zum römischen Heer zurück.

Vespasian aber bemerkte, dass das Heer betrübt war über den Verlust so vieler Männer und besonders über die Schande, ihren Feldherrn verlassen zu haben, weil sie ihn allein in der Stadt des Feindes zurückgelassen hatten. Da tröstete er sie mit größter Güte und sagte: „Wenn euch meine Gefährdung beschämt: Ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Gefahren zu meiden, sondern um sie zu ergreifen. Dass aber so viele von den Unseren gefallen sind, ist keineswegs verwunderlich; denn wann gibt es irgendeinen Sieg ohne Blut? Schlachten haben ihre Folgen. Wenn bewährte Tapferkeit im Krieg hervorzuragen pflegt, so ist es doch üblich, dass auch dem Zufall etwas eingeräumt werden muss. Sache eines klugen Mannes aber ist es, in widrigen Zeiten einen Fehler zu berichtigen und in glücklichen Zeiten Maß zu halten. Menschen von ungeübter und unwissender Art dagegen erwarten den Erfolg immer schon im Voraus, als ginge der Kampf nicht gegen Menschen; die Abergläubischen aber verzweifeln bei jedem Rückschlag am eigentlichen Ziel, wenn in kurzen Augenblicken plötzlich alles misslingt, was im Krieg unternommen wird. Deshalb ist der der Hervorragendste, der in widrigen Umständen verständig mit den Ereignissen umgeht, den überlegenen Gegner verdrängt und, um sich wieder aufzurichten und zu bessern, die eigenen Fehler aufspürt. Wer aber allzu tollkühn ist, fällt oft seinen eigenen Regungen zum Opfer; und während er achtlos und mit zersplittertem Angriff voranstürmt, stürzt er nieder. Wenn dies aber schon häufig geschieht, wo Tapferkeit allein vorhanden ist, wie viel häufiger dann im Krieg, wenn verschiedenartige Heere miteinander kämpfen und es weder einen einheitlichen Plan noch ein gemeinsames Ziel gibt: ein ungünstiges Gelände von schwieriger Rauheit, in schwerer Kampflage uneben, viele gegen wenige, wobei sogar die Menge sich selbst zum Hindernis wird und wenige unter vielen nicht aufgehalten werden. Solche Dinge brechen oft in einem Augenblick hervor; sie kommen nicht aus Verdienst, sondern geschehen durch Zufall. Darum gibt es nichts, was euch beunruhigen müsste, Kameraden, denn die widrigen Umstände entstanden nicht durch irgendeine Schwäche eurer Hand und nicht durch die Tapferkeit der Juden; vielmehr war die Schwierigkeit der Orte für uns ein Hindernis am Sieg, für sie eine Gelegenheit zum Aufschub. Auch gibt es nichts, was man tadeln könnte, außer den unüberlegten und verworrenen Angriff. Denn als ihr ihnen in die oberen Teile der Stadt folgtet und blindlings in ihre Häuser stürmtet, habt ihr euch selbst in Gefahren verwickelt. In wessen Gastrecht ihr eintretet, dessen Gefahren nehmt ihr auf euch. Ihr hattet die Stadt in der Hand; wer zwang euch, in sie hineinzugehen? Der Feind musste zu euch herabsteigen; ihr musstet nicht zügellos um den Sieg kämpfen und dabei Leben und Sicherheit vergessen. Beruhigt also eure Gemüter, und schöpft aus eurem Wert nicht nur Trost, sondern, was wichtiger ist, Rechtfertigung. Ihr werdet mich gewiss als Vorangehenden im Kampf haben. Seid bereit im Geist: Gefahren machen euch tapferer, nicht feiger. Es ist leicht, einen Fehler wiedergutzumachen, wenn der eigene Wert wieder zu sich kommt. “

Mit diesen Worten entfachte er den Mut der Soldaten. Diese besserten die Mauer aus, doch der größte Teil entzog sich durch die Breschen der Belagerung. Denn schon machte sich Mangel an Nahrung bemerkbar, und man meinte, die zerstörten Mauern würden den Belagerungsmaschinen bald nachgeben. Außerdem gab es innerhalb der Stadt nur einen einzigen Brunnen, und der lag ganz nahe bei den Mauern. Das versetzte sie in große Furcht, und viele entzogen sich in großer Zahl. Die aber wirklich der Meinung waren, der Kampf müsse fortgesetzt werden, kämpften hartnäckig. Inzwischen untergruben die Römer den höchsten Turm und brachten ihn mit gewaltiger Kraft zum Einsturz. Durch dieses Unglück geriet die Stadt in größte Bestürzung; alle waren erschüttert und fürchteten den Untergang der ganzen Stadt. Darauf starb Chares, körperlich krank, unter furchtbaren Lauten und vom Schrecken atemlos den Tod, den die Angst herbeiführte. Die Römer jedoch, nachdem sie die Stadt aufgebrochen hatten, enthielten sich des Eindringens, bis Titus zurückkehrte, durch den Schmerz über die Gefahr seines Vaters aufgestachelt mit wenigen in die Stadt stürmte und unter den Juden ein großes Blutbad anrichtete. Die aber, die sich auf den höheren Anhöhen befanden, hinderten die Römer am Zugang, indem sie Felsblöcke hinabrollten; sie schleuderten Wurfspieße mit Gewalt und schossen Pfeile ab. Die von den Juden vorgestoßenen Felsblöcke rollten leicht hinab, die Geschosse drangen durch, die Pfeile fielen herab, nicht ohne Gefahr für die, die sie trafen. Die von den Römern gegen die höheren Berglagen geschleuderten Geschosse blieben wirkungslos; der Versuch war vergeblich und für sie selbst gefährlich, als plötzlich ein Sturmwind aufkam, die Pfeile der Juden zurückbog und ihre Wurfspieße abwehrte; ja, er trieb jene Geschosse gegen den Feind, die das römische Heer schleuderte. So wurden sie durch die Schranken ihrer eigenen Elemente und durch die Erschütterungen der Winde bedrängt, und bei der abschließenden Plünderung der eroberten Stadt kamen alle um, die dort aufgefunden wurden. Wir erfuhren aber, dass viertausend von den Römern getötet wurden, fünftausend an einem Abgrund umkamen und keiner Altersgruppe Gnade gewährt wurde.

Bis dahin hatte allein Gischala unter den Orten Galiläas den Feind noch nicht gegen sich aufgebracht. Denn die friedlicheren Gemüter seiner Bewohner, ein Landvolk, waren mit ihren Erträgen zufrieden und zeigten nichts Kriegerisches; doch durch die Gemeinschaft mit vielen, die ihr Leben als Räuber zubrachten, wurden auch die Neigungen der Sanfteren durch schlechte Gewohnheiten verdorben. Außerdem gab es dort einen Mann, Levis Iohannes mit Namen, ein Einheimischer, eine Plage seines Volkes, keinem der Verschlagenen an List nachstehend, in der Verderbtheit ohnegleichen. Nie fehlte ihm der Wille, Schaden zu stiften; bisweilen aber hinderte ihn der Mangel an Mitteln, seine Bosheit auszuüben. Doch ob die Armut ihn dazu machte oder ihn daran hinderte, vermag ich keineswegs klar zu bestimmen. Er war listig im Betrug, geübt im Täuschen, darin geschult, durch Lügen Vertrauen zu suchen und Leichtgläubigkeit als Eintracht an sich zu binden; er hielt Täuschung für eine Tugend und hätte es für geschmackvoll erachtet, die zu betrügen, die ihm am teuersten waren; bereit zur Verschwörung, ungestüm im Wagnis, kräftig in der Ausführung, ein Unruhestifter in der Muße, ein Deserteur in der Gefahr, stolz auf sein gutes Aussehen, an Räuberei gewöhnt. Als er sich ihr nicht unterwerfen konnte, schloss er sich ihr dennoch an, um Herrschaft zu erlangen. So stützten ihn sein ruheloses Wesen und seine bereite Kühnheit mehr als überlegte Planung, dazu Reichtum, um eine Bande Verworfener zusammenzubringen. Deshalb stellte Vespasian fest, dass das Volk der genannten Stadt durch dessen Partei zum Krieg aufgewiegelt war; und um nicht das ganze Heer zu ermüden, wies er seinen Sohn Titus an, sich mit eintausend Reitern der Stadt zu nähern. Als Titus aber die Mauern von Menschen gedrängt sah, sagte er, er sei erstaunt, dass sie dem Beispiel derer folgten und Krieg führten, durch deren Untergang sie hätten zur Einsicht kommen müssen. Mag sein, die ersten Versuche haben etwas Anmaßendes; doch was hat der Untergang der Hoffnung aller denn gezeigt? Gewiss waren Hoffnungen auf Freiheit am Anfang verzeihlich; weiteres Ausharren aber lässt sich in äußersten und hoffnungslosen Umständen nicht durch Bitten erreichen. Denn wer sich durch ein Beispiel menschlicher Milde und durch eindringliche Ermahnung mit Worten nicht bewegen lässt, gegen den braucht es nicht Worte, sondern Waffen.

Sie vertrauten auf Mauern, als könnten diese irgendjemanden gegen die Tapferkeit der Römer schützen. Was immer die Eingeschlossenen sonst vorbringen können, können die Belagerer nicht alles dagegen aufbieten, außer dass die Tollkühnen in Gefangenschaft sind? Niemand hatte Gelegenheit zu sprechen. Die Räuberbande hatte den ganzen Mauerring besetzt. Iohannes wachte darüber, dass niemand die Römer zu einer freundlichen Unterredung einlud. So riss er selbst die Nachricht von einer Unterredung an sich und erklärte unverhohlen, er selbst habe die Verwaltung der gemeinsamen Angelegenheiten übernommen und es nicht versäumt, einen Versuch zu nutzen, falls er vielleicht von dessen Nutzen überzeugt würde oder mit dem zufrieden wäre, was vorgebracht werde; doch das Gesetz seines Vaterlandes verbiete ihm, da noch ein Tag der heiligen Woche übrig sei, über Friedensbedingungen zu verhandeln, weil es verboten sei, die Waffen zu bewegen, und so sei es auch nicht erlaubt, an Feiertagen Maßnahmen für den Frieden zu treffen. Denn für diejenigen, die gezwungen werden, sich wenigstens mit Worten der Sache zu stellen, sei dies Frevel, und nicht ungestraft blieben die, die den Zwang ausübten. Er selbst bitte um die Nachsicht eines einzigen Tages, um einen so geringen Aufschub, dass er in keiner Weise ein Hindernis sei. Auch sei bei der Umzingelung durch den Feind für die Eingeschlossenen eine Flucht gar nicht möglich. Ihm würden Friedensbedingungen angeboten? Das sei eine so ausgewogene Wahl, dass keine Furcht dabei sei; inzwischen solle man ihn nicht drängen, denn aus Rücksicht auf den Frieden sei es nicht nötig, dass diejenigen, denen es sittliche Pflicht sei, das Gesetz des Vaterlandes zu wahren, dieses Gesetz verletzten. Ein so großzügiges Friedensangebot war zustande gekommen, dass er, der über jede Hoffnung hinaus freiwillig Frieden anbot, seine eigenen Gesetze für jeden, der die Flucht versuchen wollte, unberührt ließ, damit niemand die Probe machte. Titus hielt dies ohne Arglist für verbindlich, stimmte zu und rief die Männer, die er mitgebracht hatte, von den Mauern zurück. So erhielt Johannes Gelegenheit zur Flucht und zog mitten in der Nacht mit dem größten Teil seiner Truppen davon. Die Frauen folgten ihm außerdem bei seinem Abzug. Doch je weiter die Männer vorankamen, desto mehr Frauen und Kinder blieben zurück; von ihren Männern verlassen, blickten die verängstigten Frauen auf den Weg. Und als sie die Ihren schon aus den Augen verloren hatten, meinten sie, der Feind sei nahe; bei jedem Geräusch zitterten sie, und wenn jemand lief, wandten sich die Unglücklichen zurück, fürchteten, man suche sie selbst und sie würden in Fesseln gelegt, als wären die, vor denen sie sich fürchteten, bereits da. Titus eilte der Vereinbarung gemäß, als die Sonne schon herabstrahlte, mit dem Heer zur Stadt. Die Tore wurden geöffnet. Das Volk kam mit Jubel heraus und empfing die Römer mit Freude und Eifer, froh, dass der verderbliche Mann fortgegangen war. Er sei in der Nacht geflohen, sagten sie; ihnen selbst sei die Möglichkeit freien Urteils gegeben worden; sie bäten um Verzeihung, damit seine Flucht ihnen nicht als Verbrechen angerechnet werde, da sie ihn ohne ihren eigenen Untergang nicht hätten festhalten können. Titus begnügte sich damit, die Strafe aufzuschieben und die Aufgabe rasch zu vollenden, und sandte sogleich sehr viele aus, Johannes zu ergreifen, falls sie ihn vielleicht einholen könnten.

Nachdem er in die Stadt eingezogen war, begnügte er sich damit, die Friedensstörer eher durch Drohungen als durch Strafe zu behandeln, und begnadigte alle, damit niemand, von Hass oder privaten Angelegenheiten getrieben, Schuldlose in Missgunst bringe und sie mit der Heftigkeit eines schweren Verbrechens treffe. Denn es ist weit erträglicher, das Ungewisse dem Gewissen eines ängstlichen Beteiligten zu überlassen, als einen Unschuldigen zu verurteilen. Oft nämlich bessert die Furcht den Schuldigen; die Bestrafung eines Unschuldigen aber bietet keinerlei Möglichkeit der Besserung. Johannes wurde also von denen, die Titus ausgesandt hatte, nicht gefunden; doch die Kinder und Frauen, die ihm folgten, wurden entdeckt. Bis zu fast zweitausend wurden getötet; dreitausend aber, schwach an Alter und Geschlecht, wurden, als man des Tötens satt war, zur Knechtschaft verurteilt. Der Stadt wies er eine militärische Besatzung zu. So wurde ganz Galiläa unter römische Herrschaft gebracht. Denn auch der Berg Tabyrius, dessen Höhe dreißig Stadien beträgt und dessen höchster Gipfel, vom ebenen Land aus, dreiunddreißig Stadien entfernt liegt, wurde aus Wassermangel von einigen verlassen und von anderen, nachdem sie um Verzeihung gebeten hatten, den Römern übergeben. Doch auch durch die Tapferkeit und Umsicht des Placidus, dem diese Aufgabe von Vespasian übertragen worden war, ging die ganze Schar der Flüchtlinge zugrunde: Er folgte ihnen, als sie abzogen, drängte sie mit List nachdrücklich zur Umkehr, und mitten in der Ebene eingeschlossen verloren sie ihre Zuflucht und fanden den Tod.

Bis hierher war es erlaubt, weiter auszuholen, während wir unsere Feder mit der Ansteckung des heiligen, von unseren Vätern gegründeten Tempels und des heiligen Gesetzes sowie mit denen beschäftigten, die in andere Städte geflohen waren. Nun aber ist es Zeit, dass wir das aufgreifen, was in Jerusalem geschehen ist, und uns dabei nicht auf das Gedächtnis stützen, sondern so vorgehen, dass wir nicht den Anschein erwecken, die Darstellung des Gesetzes unseres Vaterlandes oder des Schmerzes um unsere alte Kultur verweigert zu haben. Darin wird vielleicht ein Schatten liegen, nicht die Wahrheit selbst; doch weist auch der Schatten auf die Spur der Wahrheit hin. Denn der Schatten besitzt die Umrisse des Bildes, er hat nicht seinen Glanz und ist nicht bis zur Vollendung ausgeführt, aber er zeichnet das Kommende für die aufmerksam Betrachtenden vor. Und so gilt: Je weniger das Bild bezaubert, desto mehr zieht es Dank auf sich. Daher wurde durch einen Zeugen der Ereignisse beschlossen, das Alte zu zerstören und Neues zu gründen, damit der Wahrheit jene folgen sollten, die den Trugbildern des Unglaubens durch die Schwierigkeiten hindurch nicht gefolgt waren.

Wie oben gesagt, floh Johannes aus den Bezirken Galiläas und begab sich in die Stadt Jerusalem. Wie eine Seuche steckte er die Gemüter sehr vieler an; denn dort hatten sich die Anführer der Gewalttaten aus verschiedenen Gegenden versammelt, als wäre die Stadt eine Kloake. Dies war nämlich für jene Stadt die Ursache ihres großen Untergangs: Die Unverbesserlichen bewirkten mit ihren Schandtaten, dass die meisten gerade dort zusammenkamen, wo sie sich sicherer zu sein glaubten oder ihre Frevel noch übermütiger anhäufen konnten; sie galten als Menschen, die ihren Glauben beiseitegelegt hatten. So wurden sie überall aufgenommen, als kämen sie aus hingebungsvoller Liebe zum Tempel, um ihn zu verteidigen. Das war der erste Schlag des Unglücks. Daher wurde die Milde der wenigen durch den Hochmut der vielen unterdrückt; daher schritt es zum Blutvergießen fort, weil ein Fremder weniger Nachsicht zeigt; daher wurde der Plan gefasst, die Feierlichkeiten des Gesetzes unbeachtet zu lassen und die priesterlichen Ämter von den Guten auf die Bösen zu übertragen, weil Menschen, denen nicht nur religiöse Bildung, sondern sogar die Kenntnis des Gesetzes fehlte, nicht wussten, was heilig war. Zuerst wurden die Männer königlichen Geschlechts, die Widerstand leisteten, überwältigt; dadurch gaben die Übrigen aus Furcht nach. Dann wurden sie getötet, und um das Verbrechen zu verbergen, schickte man Mörder in das Gefängnis und ersann die Behauptung, jene, die man ohne Gerichtsverfahren getötet hatte, seien wegen eines erfundenen Verratsverbrechens umgebracht worden. So wurden alle von Furcht ergriffen. Darum konnten auch die mächtigen Männer und die untadeligen Antipas, Levias und Foras leicht niedergeworfen werden und wagten schon nicht mehr zu widerstehen. Von da schritt es so weit fort, dass unbedeutende und ungeeignete Männer an die Stelle der führenden Priester traten; bei ihnen wurde kein Grund vorgebracht, weshalb sie die Ehre verdient hätten. Nachdem sie das Priesteramt ohne eigene Würdigkeit erlangt hatten, ließen sie sich nach dem Urteil derer, die dies erwogen, zu jedem Verbrechen anstiften. Die priesterlichen Männer aber, vor allem Ananus, der Älteste unter den übrigen, verlangten, damit ihm nicht aufgrund seines Ansehens ein Vorrecht des höchsten Namens eingeräumt würde, der Erste der Priester solle durch Losentscheid eingesetzt werden; dabei gilt, dass der Ausgang des Loses nicht menschlicher Gunst, sondern einem göttlichen Urteil anvertraut ist.

In Wahrheit gaben sie einen alten Brauch vor: Danach war es üblich, dass jene, die in den ersten Rang des Priestertums eingesetzt wurden, durch das Los bestimmt wurden. Offenkundig aber bewirkten sie damit eine Lockerung des Gesetzes. Denn als das Gesetz der priesterlichen Nachfolge die Männer für die Auslosung bestimmte, stellten sie, nur um den Schein zu wahren, aus dem priesterlichen Stamm einen Anwesenden mit Namen Eniachim auf und ordneten an, es solle durch das Los geschehen. Da wurde durch das Los ein gewisser Phanis bestimmt, ein Mann aus einem Dorf, der Sohn Samuels. Für ihn sprach nicht nur keine von den führenden Priestern anerkannte Nachfolge, sondern er hatte nicht einmal Kenntnis von der priesterlichen Aufgabe, weil er untätig auf dem Land lebte und deshalb nicht wusste, was der Erste der Priester überhaupt war. Schließlich wurde ihm, wie in einem Schauspiel, eine falsche Rolle aufgezwungen: Man holte ihn von seinen Feldern, obwohl er sich widersetzte. Auch die heiligen Gewänder legte er an; zur rechten Zeit wurde er belehrt, was er tun müsse. So wurde durch den Ausgang des Loses die Bosheit der Aufrührer bloßgestellt: Die Ausübung der großen priesterlichen Pflichten wurde einem unwissenden und bäuerischen Menschen anvertraut. Für sie war die Verspottung der alten Feierlichkeit ein Scherz; für die Priester war sie Schmerz. Weinend beklagten sie die Verhöhnung des Gesetzes durch verderbte Männer. Im Vertrauen aber auf die Kraft der Hingabe selbst und auf die Empörung der Guten sammelten sie sich und griffen die Unruhestifter an. Diese aber flohen, obwohl sie ihrer Sache und ihrer Zahl misstrauten, in den Tempel wie in eine Zuflucht, als wäre er für sie eine Festung, und rüsteten sich, die heranstürmende Menge des Volkes zurückzuschlagen. Zuerst jedoch stellten sie sich vor den Türen des Tempels und im Vorhof selbst auf und kämpften gegen das Volk. Wenn jemand verwundet wurde, suchte er das Innere des Tempels auf, vergoss dort an den inneren Türen sein Blut und wischte, verwundet, seine blutigen Gesichtszüge auf dem Pflaster ab. Wunden und Eingeweide aus einer offenen Wunde wurden mit jenen Gewändern verstopft, die sie nicht einmal berühren durften. Es wurde in der Stadt gekämpft, zwischen Bürgern gekämpft, vor dem Tempel gekämpft. Nicht nur dies: Aus Furcht vor den Räubern, da sie vom Volk heftig bedrängt wurden, zogen sie sich in den Tempel selbst zurück und verschlossen dort die Türen des Tempels. Als dies so eingerichtet war, wurde Ananus zurückgerufen. Damit er nicht den Eindruck erweckte, den Kampf in den Tempel hineinzutragen und die Tempeltüren aufzubrechen, die durch die Frömmigkeit ihrer Vorfahren geweiht waren, ließ er den Angriff der Volksmenge abbrechen und stellte sechstausend Männer in den Säulenhallen auf; bewaffnet standen sie dort im Dienst und gaben vor, gewissenhaft Wache zu halten. Allmählich jedoch besänftigte er die Leidenschaft, sodass er vor allem mit diesem Ziel an Frieden dachte: den Tempel nicht mit dem Blut der Bürger zu beflecken. Auch wollte er dazu bewegen, dass eine Gesandtschaft mit einem Friedensvermittler geschickt werde, damit der innere Krieg beigelegt würde. Johannes wird der Gesandtschaft als Begleiter beigegeben, ein Mann von zweifelhafter Treue und entflammt vom Verlangen, Macht zu erlangen. Ein Eid wird verlangt; er lehnte ihn nicht ab, damit er sich nicht dem Vorwurf des Meineids aussetzte, falls er sich geweigert hätte.

Um sie zu täuschen, gab er vor, dem einfachen Volk gewogen zu sein. Was weiter? Er fährt fort: Weniges schickt er über den Frieden voraus, noch mehr verbirgt er als Anreiz zum Krieg, indem er im Namen des Friedens behauptet, Krieg sei darin enthalten, Verrat sei verborgen, Ananus habe sich darauf vorbereitet, die Stadt den Römern auszuliefern; dadurch würden die Bräuche der Alten abgeschafft und die Vorschriften des Gesetzes außer Kraft gesetzt. Von allen Seiten trug er alles zusammen und warf dem Führer der Priester aus Neid gerade das vor, was er selbst vorhatte. Klug stachelte er sogar diejenigen unter den Gefangenen auf, die er als Häupter und Anführer einer Partei kannte, indem er ihnen Furcht vor einem bereits vorbereiteten Tod einjagte. Er behauptete, besonders ihnen habe Ananus den Tod zugedacht; er selbst sei gekommen, um den Betrug aufzudecken, indem er rasch Hilfe suche, bevor die Strafe von ihnen gefordert werden sollte. Was noch? Mitten im Frieden entfacht er den Krieg. Es werden Männer ausgewählt, die die Idumäer zum Kampf drängend bitten sollten, ein wankelmütiges, ruheloses, anmaßendes Volk, schnell zum Streit bereit, erfreut am Umsturz der Verhältnisse, achtlos gegenüber der Gefahr, in den Kampf stürmend. So lassen sie sich von ihrem Weg abbringen und kommen unverzüglich; zwanzigtausend Männer sammeln sich, wie es natürlich ist bei Leuten, die sich um den Anbau der Felder nicht kümmern, sondern zur Räuberei bereit sind. Die Ankunft der Idumäer konnte Ananus nicht verborgen bleiben. Sofort befahl er, die Tore zu schließen, damit sie nicht ungeordnet eindringen sollten; wenn es aber möglich wäre, sollten sie die Wahrheit erfahren und dem Krieg entsagen.

Da stiegen die Führer der Priester auf die Mauer und sprachen von einem Turm aus zu den Idumäern. Es sei für sie höchst verwunderlich, dass sie sich so rasch in ein Netz von Lügen hätten verstricken lassen und nun mit Waffen für Anliegen einträten, die sie noch gar nicht kennengelernt hätten, obwohl es sich für sie gehört hätte, zuerst Schiedsrichter der Sache zu sein, nicht Kämpfer in Kriegen, und erst die Gründe kennenzulernen, statt die Waffen zu ergreifen, noch dazu Waffen gegen Männer ihres eigenen Stammes, ihrer eigenen Lebensweise, ihrer eigenen heiligen Feiern. Keinem wurde mehr Unrecht zugefügt als den Idumäern, die zur Gemeinschaft mit so verabscheuungswürdigen Schurken aufgestachelt wurden. Denn was anderes wurde von ihnen verlangt als ein entsetzliches Verbrechen gegen die Bürger, ein Frevel am Tempel? Es pflegen nicht unterschiedliche Neigungen und unterschiedliche Lebensarten miteinander zusammenzufinden. Vielmehr schafft die Ähnlichkeit der Sitten eine Gemeinschaft der Neigungen und bindet verwandte Gesinnungen aneinander. Die schlimmsten Menschen, die sich von Räuberei ernähren, nahmen sich vor, die Idumäer zu ihren Genossen einzuladen, obwohl diese den Vorschlag derer, von denen sie gerufen wurden, so sehr hätten verabscheuen müssen: dass sie gegen ihr eigenes Vaterland Krieg führen sollten. Euch aber baten sie wirklich zu kommen, als gälte es, eine fremde Stadt zu verteidigen. Wir, die wir keine Verbrecher sind, haben nichts mit Räubern gemein; wir, die wir nüchtern sind, haben nichts mit Trunkenbolden gemein. Wäre doch diese Trunkenheit vom Wein und nicht von der Raserei. Wenn sie sich schändlichen Taten verschreiben, stürzen sie die rechtmäßigen Ordnungen um, rauben fremdes Eigentum und vernichten achtlos, was sie böse erworben haben; das Schlimmste werfen sie weg. Ihrer Dieberei ist keine Grenze gesetzt, weil ihrer verschwenderischen Ausschweifung keine Schranken gesetzt sind. Wenn sie sich mit Wein vollgefüllt und ihre Trunkenheit gesättigt haben, speien sie den Überdruss an den Angelegenheiten des Gemeinwesens aus, berauschen sich von Neuem an unserem Blut und verspotten die heiligen religiösen Pflichten, die uns immer Grund zu Verehrung und Ehrfurcht gewesen sind. Treibt die vatermörderischen Versammlungen auseinander und lasst ab von frevlerischen Unternehmungen, verlasst die Zusammenkünfte der Räuber. Ihr seid zu einer Gemeinschaft der Bosheit gerufen worden; ihr seid zur Hilfe für das Vaterland gekommen. Wir sehen ein ausgezeichnetes Volk vor uns, von dem es sich gehört, es in öffentlicher Versammlung zu bitten, dass es der hervorragendsten Stadt der Juden, die als Mutterstadt des ganzen Geschlechts gilt, gegen den Feind beisteht.

Wenn wir aber unser Ziel verfehlen, obwohl wir auf Frieden hoffen und euch nicht vorschnell ermüden wollen, wir, die wir den Anstiftern des Krieges Frieden angeboten haben, dann beratet ihr, die ihr wie durch göttliches Gericht gekommen seid, und meidet dabei beide Extreme; erweist euch als Richter beider Seiten. Forscht nach, woher die Anfänge der Unordnung kamen, wer einer friedlichen Stadt den Trompetenruf erschallen ließ, wer das Blut der angesehensten Bürger vergoss, auf wessen Vollmacht hin an Unverurteilten Strafe vollzogen wurde, wer uns schon vor den Römern zum Verderben wurde. Gegen die Ersteren beschlossen wir Krieg, und jetzt ertragen wir sie als Feinde. Wessen Freundschaft mit den Römern ist also verdächtig: die derer, die für die Römer eintraten, oder die derer, die die Römer zurückwiesen? Das ist uns gewiss wichtiger als die Streitigkeiten der Römer. Durch die Ersteren starben wir für die Freiheit, durch die Letzteren werden wir wie wegen eines Verbrechens ermordet. Gegen Unschuldige werden Verbrechen des Verrats vorgetäuscht, und nach ihrem Tod werden Verleumdungen ersonnen, obwohl gewöhnlich das richterliche Urteil der Strafe vorausgeht, nicht die Strafe dem richterlichen Urteil. Denn was nützt es dem Toten, freigesprochen zu werden, wenn vom Urteil schon nichts mehr zurückbehalten ist? Wie auch immer, wir nehmen eine solche Losordnung hin, dass nach dem Tod eine Untersuchung über die Unschuld angestellt wird, und wir führen auch gern vor euch Bewaffneten, angesichts der aufgestellten Gegner, die Sache unserer Unschuld und der Unschuld der Toten. So wird den Verleumdern kein Beweis geliefert, sodass sie vor euch, die ihr ihnen so schnell geglaubt habt, auch einen schwierigeren Fall haben. Denn ein guter Richter ist betrübt, dass er durch Lügen getäuscht wurde, und wird mehr dadurch beunruhigt, dass man ihn betrog, als dadurch, dass man ihn umworben hat, dass er voreilig dazu gedrängt wurde, Falschheiten zu glauben, von denen er meinte, sie müssten gerächt werden. Lasst uns also die vollständige Prüfung uns selbst vorbehalten und die Wahrheit nicht aus einer Zusammenfügung von Streitreden gewinnen, sondern aus der Ordnung der Aufgaben. Zuerst vor allem: Warum sollten wir unser Vaterland den Römern ausliefern, die wir doch auch hätten nicht reizen können? Vielleicht hätte dies geschehen müssen, damit wir nicht die Sieger über jedes Volk gegen uns aufbringen. Doch das ist bereits kein Beratungsgegenstand der gegenwärtigen Parteien mehr. Es war die Aufgabe früherer Zeiten, den Weg zu wählen, dem wir folgen sollten; jetzt ist es notwendig, für die Freiheit zu sterben. Denn das Beste ist, für das Vaterland zu sterben. Es wäre vor dem Krieg besser gewesen, den Frieden dem Tod vorzuziehen; weil aber der Krieg über uns gekommen ist, viele unserer Brüder schon gefangen, andere getötet sind, weil von jenen Toten Schmerz und von jenen Gefesselten Klagen kommen, ist ein freiwilliger Tod eher zu wählen als ein Leben in Knechtschaft. Dennoch steht denen, die aufgrund falscher Anschuldigungen sterben sollen, die Möglichkeit offen, die Schmach des Vorwurfs des Verrats auszulöschen. Vor euch, Idumäer, führen wir die Sache: Sie sollen hervorgebracht werden, die bezeugenden Ausleger sollen mitten unter die Zeugen gerufen werden.

Wenn sie Zeugen haben, sollen sie vorgeführt werden; wenn sie keine Zeugen haben, welche Klagen erheben sie dann, und welche leeren Verdächtigungen bringen sie als Anklagen vor, die sie selbst erfunden haben? Sie dürfen keine Anklagen erheben, die sie nicht beweisen können. Weil sie es aber nicht wagen, förmliche Anklage zu erheben, wollen sie unter der Menge Beschuldigungen verbreiten, und so stürzen sie sich in den Krieg, damit sie nicht vor Gericht gerufen werden. Denn Krieg hat etwas von Wahnsinn, im Frieden aber wird die Wahrheit geprüft. Seht, wir stehen als Erste bereit, wir bieten uns aus eigenem Antrieb der Strafe dar, wenn nur ein Ankläger auftritt. Oder wenn vor dem Volk Feindseligkeit aufgewirbelt wird, dann untersucht sorgfältig, was der Zweck einer öffentlichen Versammlung war. Etwa nicht, dass aufgestellte Truppen zum Krieg bereitgemacht werden, damit jeder seinem Vaterland zugunsten der Freiheit beisteht? Was war denn gegen die Räuber selbst anderes erwogen worden, als dass Frieden geschlossen werden sollte? Die Angst jedes Einzelnen hatte den Unwillen des Volkes erregt: das Blut Unschuldiger, die Klagen der Frauen, der Betrug an den Gesetzen unserer Väter ließen das Seufzen aller Menschen widerhallen, weil jeder Ähnliches für sich selbst fürchtete. Die priesterlichen Ämter wurden den Untauglichsten übertragen. Man begann, sie durch Zuruf zu suchen; sie bewarfen das Volk mit Steinen und töteten mit Waffen. Die öffentliche Angst loderte auf; im Tempel machten sie sich eine Zuflucht der Räuber. So wurde ein Ort des Friedens, selbst den Stämmen ehrfurchtgebietend, der Sitz der Heiligkeit, zum Versammlungsort von Plünderern; und jener Ort, zu dem man aus allen Teilen des Landes zusammenströmte, um ein Fest zu ehren, ist jetzt zu Ställen wilder Tiere geworden, die von Menschenblut triefen. Euch aber, den Bewaffneten, steht es frei, nach diesen Dingen zu fragen, jedoch ohne die Bedingung des Krieges. Auch mitten unter Waffen gab es gewöhnlich eine gerichtliche Untersuchung, und Mitleid legte die Kriegsgeräte beiseite; das Urteil der Billigkeit hielt die Kriegstrompeten zurück. Diese Waffen, die ihr zur Zerstörung der Stadt ergriffen habt, könnt ihr zu ihrer Verteidigung wenden. Denn es ist erlaubt, ohne Waffen einzutreten, alles zu hören und zu untersuchen. Wenn ihr irgendeine Nachlässigkeit gegenüber dem Feind entdeckt, betrachtet sie als Verrat. Wenn ihr aber weder Verteidiger noch Zeugen vorbringen wollt, warum wundert ihr euch dann, dass bewaffneten Männern die Tore nicht geöffnet werden? Gegen Verwandte sind sie nicht verschlossen, sondern gegen Waffen. Legt den Krieg ab, und die Tore werden sich öffnen. “

Als die Priester, besonders aber Iesus, der älter war als die übrigen, jedoch weniger bedeutend als Ananus, der den zweiten Rang einnahm, dies zu den Idumäern gesagt hatten, die äußerst empört waren, weil sie sogleich von der Stadt eingelassen worden waren, sprach Simon, einer der Anführer der Idumäer, folgendermaßen: „Es ist keineswegs verwunderlich“, sagte er, „wenn sie gegen die Bürger wüten und sie eingeschlossen halten, da sie einem verbündeten Stamm die Tore verschlossen haben und ihren Gefährten und Kampfgenossen nicht erlauben einzutreten, da sie von der Mauer herab zu uns sprechen und uns von den Mauern zurücktreiben wie Feinde, obwohl sie uns doch als Freunde ansehen. Wer könnte bezweifeln, dass sie sich anschicken, die Römer einzulassen und vielleicht die Tore zu bekränzen, während diese einziehen? Was ist eine größere Kränkung? Gewiss doch dies: Jene Stadt pflegt aus Ehrfurcht vor der Lebensweise allen Menschen offen zu stehen, nur uns ist sie wie Feinden verschlossen; nur wir werden abgewiesen, nur wir werden vertrieben. Sie geben vor, unser Urteil zu suchen, halten uns aber nicht einmal der Schwelle der Stadt für würdig. Verborgen ist, was sie gegen jene getan haben; wir sind Zeugen und Richter unseres eigenen Schadens. Wir haben gesehen, was die Eingeschlossenen erdulden, während man uns befiehlt, die Waffen niederzulegen; und glaubhaft ist, welchen Beschluss man von denen erwartet, deren Glaubwürdigkeit man misstraut. Lasst uns also eilen, die Eingeschlossenen zu retten, für die der Tempel zum Gefängnis gemacht worden ist, damit sie nicht bis zur Ankunft des römischen Heeres festgehalten und Vespasian als Gefangene ausgeliefert werden. Nehmen wir die Belagerung vom Tempel weg, vertreiben wir die feindseligen Wachen, die niemanden hinausgehen lassen, nicht einmal um seine Notdurft zu verrichten. Wenn jemand den Eingeschlossenen Speise hineinbringen will, wird er daran gehindert; wenn jemand hinausgehen will, wird er in den Tod gerissen. Die Ausübung der Religion ist zum Verbrechen gemacht worden. “

Als Jesus dies vernahm, zog er sich zurück, weil er meinte, er widerstehe vergeblich, da Gottes Wille ihm entgegenstand; und tatsächlich dröhnten feindliche Kräfte drinnen wie draußen, und der Staat wurde von zwei Seiten angegriffen. Die Idumäer klagten, weil sie ausgeschlossen waren; die im Tempel Befindlichen planten, wie sie sich mit den Idumäern verbinden könnten. Jene quälte die Angst, die Idumäer könnten vor der Vollendung ihres Vorhabens wieder abziehen; diese quälte die Scham über den Gedanken an einen Rückzug. Und schon war fast Misstrauen entstanden, als plötzlich in der Nacht ein furchtbarer Sturm losbricht, ein schwarzes Unwetter. Die Winde heulen, der Himmel beginnt zu beben, die Wucht der schweren Regenfälle ergießt sich gewaltig, es gibt schreckliche Blitze, ungeheure Donnerschläge, ein solches Grollen der Erde, dass man meint, die Welt löse sich auf. Wer hätte gedacht, dass dies denen innerhalb der Stadt mehr schaden würde als denen außerhalb, da die einen durch überdachte Bauten geschützt waren, die anderen aber den herabströmenden Regenfällen ausgesetzt? Doch die Furcht vor dem Schaden erschreckte mehr als der Schaden selbst. Schließlich deckten sich diejenigen, die keine Zuflucht unter Dächern hatten, mit ihren Schilden, blieben auf ihrem Posten und zerstreuten sich nicht. Diejenigen aber, die bei ihren Häusern waren und sich zerstreuten, gaben den im Tempel Befindlichen Gelegenheit, die Tore zu öffnen. Die Meinungen des Volkes schwankten und gingen auseinander. Einige meinten, der große, beleidigte Gott habe die Stürme gegen die Idumäer erregt, weil sie bewaffnet gegen ihre Gefährten gekommen waren. Ananus und die scharfsinnigeren unter den Ältesten vermuteten, dass die Idumäer durch die ihnen zugefügte Kränkung nur umso mehr zur Vernichtung ihrer Verbündeten aufgestachelt würden. Schließlich gab Ananus, in jener Nacht stärker beunruhigt als in anderen Nächten, nicht aus körperlicher Ermüdung, sondern eher aus Verzweiflung des Geistes nachlässig den widrigen Umständen nach und den Stürmen, die zu seinem und der Welt Verderben kämpften; er meinte, die Bewachung brauche nicht kontrolliert zu werden, als gäbe er jedem die Erlaubnis, sich zu zerstreuen, wohin und zu wem er wolle. Als die, die im Tempel Zuflucht genommen hatten, diese Gelegenheit ergriffen, erhoben sie sich und zersägten die Riegel der Stadttore. Der Lärm des Himmels arbeitete mit ihnen zusammen, sodass das Geräusch der Sägen und das Getöse der Hinausgehenden nicht gehört wurden. Dann kamen sie zur Mauer und öffneten das Tor nahe bei den Scharen der Idumäer.

Es wäre der letzte Tag für das ganze Volk gewesen, wenn sie nicht den Gedanken gefasst hätten, sofort zum Tempel zu gehen, bevor sie in der Stadt ein Versteck aufsuchten. Weil aber die im Tempel Eingeschlossenen um sich selbst fürchteten und, nachdem sie vom Eindringen der Idumäer erfahren hatten, befürchteten, die ringsum befindlichen Leute könnten einen Angriff gegen sie unternehmen und die zum Tode Bestimmten könnten Rache fordern, baten sie darum, zuerst selbst zur Hinrichtung weggeführt zu werden; danach sollten sie selbst und die ihnen verbundenen Männer freigelassen und unter das Volk hinausgeschickt werden, um sich zu denen hinzuwenden, die Gesandte ausgesandt und Hilfe zur Rettung erbeten hatten, sobald der Preis für den unerwarteten Einbruch seinen Urhebern vor allem durch diesen Dienst bezahlt wäre. Denn als alles nach ihrem Wunsch verlief, strömten alle aus dem Tempel hervor wie aus einer Festung in ausgedehnter Schlachtreihe, und sie töteten in jeder Straße jeden, dem sie begegneten, die einen im Schlaf, die anderen in Schrecken. Nichts halfen Bitten, nichts Tränen, nichts die Abzeichen öffentlicher Ämter, keine Zeichen irgendeines Verdienstes: unterschiedslos wurden alle erschlagen. Als sie schließlich sahen, wie ungeheuer bestialisch diese Nachwirkungen waren, weil niemand verschont wurde, legten sie selbst Hand an sich, auf eine jämmerlichere Weise, wie mir scheint, als wenn sie von einem Feind getötet worden wären; denn der Selbstmord wird der Grausamkeit zugeschrieben werden, und die Schlinge des entsetzlichen Stricks wird sogar den Rechtschaffenen angelegt. Doch wo bleibt Raum für Beratung, wenn die Furcht vor den Hinrichtungen so groß war, wenn jeder nicht den Tod fürchtete, sondern die Folter vor dem Tod, gegen die der Tod ein Heilmittel gewesen wäre? Überall floss Blut in Strömen, besonders rings um den Tempel, weil dort jene versammelt waren, die die Eingeschlossenen bewachten. Schließlich fand man an jenem Tag achttausendfünfhundert getötete Männer. Danach wandten sie sich gegen die Stadt und töteten so, wie eine Herde Vieh, alle Menschen, denen sie auf ihrem Weg begegneten. Es war ein beklagenswerter Anblick, dass innerhalb der Stadt, die zuvor von allen in Ehrfurcht gehalten worden war, Krieg geführt und über die Armen und Schwachen Verderben gebracht wurde. Die jungen und kräftigeren Männer wurden in den Kerker gesperrt, weil man sie für die Partei geeignet hielt; die Mehrheit aber zog es mit großem Mut vor, jedes Leiden auf sich zu nehmen, statt sich den moralisch Verderbten anzuschließen. Auch gab es weder Grenze noch Schamgefühl, so sehr raste der Wahnsinn des Ungeheuerlichen. Später, als man diese Dinge als Wahnsinn erkannte, begannen sie im Lauf der Zeit, sich Gründe für die Erschlagenen vorzuspiegeln: Sie hätten die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen; nicht, weil Gerechtigkeit gesucht worden wäre, sondern weil Grausamkeit entfacht war.

In der Bürgerschaft gab es Zacharias, der die Bösen hasste und sich nicht unter die Ehrlosen mischen wollte. Er war reich an Besitz; dessen Fülle, so meinten sie, würde geeignet sein, seine Partei zu spalten, oder ihnen selbst reiche Beute verschaffen. Diese Beute, so dachten sie, könnten sie durch eine Anklage wegen Verrats erlangen. Doch er, ohne von alledem zu wissen, begann sich mutig zu verteidigen, sodass er nicht nur die Vorwürfe entkräftete, sondern auch die Schuldigen der schwersten Freveltaten benannte. Die Sache wurde vor siebzig Männern verhandelt. Sie sprachen alle frei, weil nichts vorgebracht wurde, was zu dem Verbrechen gehörte. Dennoch aber drangen die früher Genannten ein, brachten alles durcheinander und vertrieben die Richter nicht nur unter Beleidigungen, sondern auch unter Gefahr, damit andere künftig durch ihr Beispiel gewarnt würden, in Urteilen Standhaftigkeit zu zeigen, wenn deren Wille entgegenstand. Im Gegenteil: Damit niemand freigelassen würde, töteten sie selbst als Vollstrecker ihres Zorns ohne Urteil, wen sie wollten. Gorgon, ein angenehmer und liebenswürdiger Mann, wurde erschlagen. Auch Niger Peraites, der unter den Verteidigern Iudaeas zur Aufsicht über große Angelegenheiten ausgewählt worden war, ein kriegstüchtiger Mann, sodass er sogar die Narben seiner Wunden als Zeichen der Tapferkeit vorzeigte, wurde zum Tod ergriffen; und als er sah, dass man ihn aus der Stadt hinausführte, begann er nicht um sein Leben, sondern um ein Begräbnis zu bitten. Doch nicht einmal seine so erbarmungswürdige Bitte fand eine barmherzige Antwort. Falsche Anklagen wurden ersonnen: Wenn sich jemand loskaufte, war er unschuldig; wer kein Geld anbot, wurde getötet, als wäre er schuldig.

Während dies in Jerusalem geschah, unterwarf Vespasian inzwischen die übrigen Teile des Stammes Iudaea. Ihm wurde berichtet, welche Bürgerzwietracht in Jerusalem herrschte, welches Blutbad sie sich in inneren Kämpfen selbst zufügten und welche Leiden Bürger Bürgern abverlangten. Viele drängten ihn, dorthin zu eilen, damit dem römischen Triumph und seinem Ruhm nichts entzogen werde. Doch er, ein maßvoller und besonnener Mann, hielt nicht für richtig, was die Meinung der Menge so beurteilte; vielmehr meinte er, die Sache aus der höheren Rücksicht auf das eigentliche Ziel führen zu müssen, und begann denen, die ihn dazu überreden wollten, in Erinnerung zu rufen, dass nicht der Staat es sei, der die Römer herausfordere. Wenn aber jemand behauptet, unserem Ruhm werde etwas entzogen, so soll er lernen, dass eine Lösung in Ruhe stets aus Kämpfen Nutzen zieht, dass aber meist sogar nach Niederlegung der Waffen Lob erworben und jede Schuld des Landes gelöst wird. „Was liegt daran, ob ein Feind durch unsere oder durch seine Waffen überwunden wird, wenn er nur durch eigene Waffen ohne römischen Unwillen überwunden wird? Denn sie können sich über uns nicht beklagen, wenn sie sich selbst verwundet haben. Zugleich zeigen sie, dass sie einen wirklichen Krieg gegen uns gefördert haben, und zugleich schonen sie sich selbst nicht. Diese Vergeltung, die man vom Himmel her sehen muss, dass sie mit Wahnsinn geschlagen werden, ist stets höher zu achten als ein Kampf unter Gefahr. Schließlich hat unser Maximus Hannibal mehr durch Zögern als durch Kämpfen besiegt. Zwar unterwarfen die Scipionen Africa; doch der Sieg in den Kriegen war vielen gemeinsam, während Maximus allein zugesprochen wird, dass er durch Zögern das römische Geschick wiederhergestellt hat. Wichtiger ist es, das römische Reich bewahrt zu haben, als es vergrößert zu haben. Vergleichen wir also die Verdienste der Tugenden. Denn die Überlegungen der Weisheit sind auch im Krieg selbst nicht weniger wert als die Zeichen der Tapferkeit. Sie sollen also durch ihre eigenen Waffen zugrunde gehen; dem Lob wird nichts genommen, und unserem Sieg wird vieles hinzugefügt. Sie wissen nicht, dass die gerettet werden, die wir verschonen. Was aber, wenn wir zu drohen beginnen? Vielleicht kommen sie untereinander zur Besinnung und kehren zur Gunst zurück, was ich nicht fürchte, sondern gegen eure Meinung vorbringe. Wenn aber die Bürgerzwietracht fortbesteht, dann soll sichtbar werden, dass sie sich selbst bezwungen haben, dass das römische Heer nichts getan hat, dass unsere Hände untätig geblieben sind und der Sieg nicht durch unsere Tapferkeit, sondern durch das feindliche Blutbad unter ihnen selbst errungen wurde. Und so soll niemand meinen, dieser klügere Rat, dass sie in unserer Abwesenheit bis zur eigenen Vernichtung rasen, habe sie mehr durch uns als durch ihre eigenen Parteiungen verstrickt. Darum werden wir besser dann heranrücken, wenn ein Sieger übrig geblieben ist, der sich unserem Triumph anschließen wird. Es sollen also die zu uns kommen, die vor den Ihren fliehen; sie sollen bei uns Sicherheit für sich finden, nachdem ihre eigene Plage sie zermürbt hat. “

Auch täuschte seine Einschätzung Vespasian nicht; denn diejenigen, die sich mit Geld freikaufen konnten, um freigelassen zu werden, flohen zu den Römern. Jede Straße und jeder Weg war voll von Flüchtenden. Die Reichen wurden freigelassen, die Armen aber, denen das Geld zum Loskauf fehlte, wurden getötet. Viele fürchteten sogar außerhalb der Stadt in hohem Maß Hinterhalte und Straßenraub, besonders die Mittellosen, denen Begleiter fehlten. So drohte ihnen draußen wie zu Hause dieselbe Gefahr; beide Orte waren gefährlich, und daher erschien den meisten, in der Hoffnung auf ein Begräbnis in ihrer Heimat, der Tod unter den eigenen Leuten noch am erträglichsten.

Als die Furcht des Volkes infolge der großen Vernichtung, die sich unter allen ausgebreitet hatte, alles der Partei unterwarf, begnügte sich Johannes nicht damit, gemeinsam mit den Führern der Partei Macht auszuüben, sondern begann nach Alleinherrschaft zu streben und nahm Anstoß an jedem Gleichrangigen. Darum machte er die Beschlüsse der anderen zunichte; nichts fand Billigung außer dem, was ihm gefiel. Allmählich band er Anhänger an sich, die er als ihr Herr mit List und Betrug täuschen, mit Geld verpflichten und durch Macht einschüchtern wollte. Durch solche Mittel hatte er viele an sich gebunden. Wieder fehlte es auch nicht an solchen, die aus gefährlichem Eifer die Knechtschaft verweigert hatten; obwohl sie besonders an Tyrannei gewöhnt waren, konnten sie Knechtschaft nicht ertragen. So rangen in einer einzigen Stadt drei Arten verderblicher Übel miteinander: Tyrannei, Krieg und innere Zwietracht. Jede von ihnen hatte nicht nur eine, sondern viele Städte zugrunde gerichtet. Von den dreien aber war der Krieg noch das mildeste Übel, und ein gerechter Feind schien erträglicher als Tyrannei oder Parteiherrschaft. Zu diesen kam noch eine vierte Art hinzu, die der Meuchelmörder. Als sie sahen, dass die Stadt von tyrannischen Unruhen und den Wirren innerer Auflösung ergriffen war, verwüsteten sie die ganze Umgebung. Sie schleppten alles fort; Frauen und Knaben, die wegen der Schwäche ihres Geschlechts oder Alters die Mühsal des Weges nicht ertragen konnten, töteten sie. So wurden an die siebenhundert Menschen erschlagen. Getreide wurde in Festungen zusammengetragen. Sie fielen in Felder, Städte und Tempel ein, machten Beute und ließen keine Gelegenheit zum Töten ungenutzt. Unter dem Anschein eines Heeres auf dem Marsch betrieben sie Straßenraub geübter als selbst erfahrene Straßenräuber. Die Gewalt der Räuberei verschärfte den Krieg; den Sich-Ergebenden wurde keine Schonung gewährt und beim Zugreifen keine Milde.

So wurde Vespasian gebeten, ihnen zu Hilfe zu kommen, weil man ihren Untergang fürchtete. Er eilte nach Gadara, wo sehr viele Reiche aus Sorge um ihre ererbten Güter die Nachstellungen und Überfälle der Räuber immer mehr fürchteten und deshalb heimlich zu Vespasian sandten, damit er zu ihnen komme und durch ihn der Staat von den Räubern befreit werde. Das römische Heer war schon nahe. Als die Gadarener es sahen, wollten sie fliehen; doch fanden sie keinen Weg, der ihnen nicht den Tod gebracht hätte, ohne dass die Partei sich gegen die Aufbrechenden erhoben und sie alle getötet hätte. Dass Vespasian durch eine Gesandtschaft der Gadarener eingeladen worden war, blieb dem Vorsteher der Stadt, Dolesus mit Namen, nicht verborgen; er wusste ja von dieser Gesandtschaft. Sie ergriffen ihn, töteten ihn, rächten so ihre Kränkung, verließen die Stadt und zogen sich in ein Versteck und besseren Schutz zurück. Gadara wird den Römern übergeben, und Vespasian wird mit großem Beifall aufgenommen. Sogleich befahl er Placidus, die Geflohenen zu verfolgen. Er selbst kehrte nach Caesarea zurück.

Placidus schickte fünfhundert Reiter voraus; sie verfolgten die Flüchtenden und trieben sie in das nächstgelegene Dorf. Dort stellte sich heraus, dass erwachsene Männer, eine Auswahl junger Leute, sich die Kühnheit angemaßt hatten, sich gegen die Römer zu erheben. Gerade das wurde für sie zum größten Unglück: Von der Reiterei umzingelt und vom Dorf abgeschnitten, wurden sie ohne Hindernis niedergehauen; andere, die sich im Gedränge zurückzogen, wurden noch vor den Schwellen der Tore abgeschlachtet. Die Masse der aufgetürmten Leiber der Erschlagenen reichte bis zur Höhe der Mauern. Die Römer durchbohrten einige mit Pfeilen, andere verwundeten sie mit verschiedenartigen Wurfgeschossen; schließlich nahmen sie die Befestigung ein, und dort wurden alle getötet, außer denen, denen sich eine Möglichkeit zur Flucht bot. Andere, die flohen, mehrten durch ihre Berichte den großen Ruf römischer Stärke: Ihre Körper seien größer gewesen, als man sie sonst bei Menschen sehe, und niemand könne zuversichtlich hoffen, dem Unbesiegbaren Widerstand zu leisten. Von diesem Ort flohen sogleich alle erschrocken weg; nicht nur die Umgebung und die benachbarten Orte, sondern sogar die Stadt Jericho wurde verlassen, die wegen der großen Zahl ihrer Einwohnerschaft die Hoffnung der übrigen gestärkt hatte. Placidus, dem die Ereignisse nach Wunsch verliefen, setzte ihnen auch mit der Reiterei nach; die einen, die sich zusammendrängten, die anderen, die sich zerstreuten, streckte er nieder bis an den Fluss Jordan. Auch am Ufer des Flusses fand er eine sehr große Zahl; der Übergang war ihnen verwehrt, weil der vielgenannte Fluss damals zufällig durch Regen angeschwollen oder durch geschmolzenen Schnee aufgebläht war. Als sie aber sahen, dass die Römer nahe waren, machten sie sich bereit und drängten sich am Rand des Flusses zusammen. Da ihnen die Hilfe der Flucht abgeschnitten war, wandte sich das einzige Mittel wieder in ihre eigenen Hände zurück, und nach einem Angriff stürzten sich die vielen gegen die wenigen Reiter. Diese aber begannen nach der bekannten Kriegskunst und der alten Gewohnheit des Krieges zwischen sie hineinzureiten, die Schlachtreihen der Feinde zu zerstreuen, die Massen auseinanderzubrechen, die Ermüdeten zu bedrängen und den Zurückweichenden nachzusetzen. So wurden die einen durch die Waffen des Feindes getötet, die anderen durch ihre eigenen, weil sie sich, zusammengedrängt und auf sich selbst zurückgeworfen, zu einem einzigen Knäuel verkeilten. Einige stürzten in den Fluss und wurden sich selbst zum Verderben; andere wurden, ineinander verstrickt, unter Wasser gedrückt.

Doch die meisten meinten, sie könnten hinübergelangen, und vertrauten sich dem Fluss an. Als sie ein kurzes Stück vorangekommen waren, verschlang sie die Gewalt der Strudel oder die Kraft des Stroms riss sie fort. Wenn einer durch angestrengtes Schwimmen auf dem Wasser vorwärtskam und sich durch Treibenlassen oder Untertauchen über Wasser hielt, gab er doch, von Ästen behindert, die der Fluss mit sich führte, oder von den Stämmen selbst geschlagen, seine Seele im Fluss dahin. Oft packte auch einer, der nicht schwimmen konnte, einen Schwimmer und hielt sich an ihm fest, um selbst ebenfalls zu entkommen; so ermüdete er den, den er in den Armen hielt, bis beide untergingen und jeder dem anderen zum Tod wurde. Und wenn einer zufällig, vom günstigen Lauf des Flusses getragen, zu entkommen schien, wurde er von Pfeilen durchbohrt und kam plötzlich um, sobald auf seinem Rücken die Ruder seiner Arme stillstanden. Es gab sogar solche, die nicht schwimmen konnten und, weil sie einen schmerzlosen Tod suchten, sich freiwillig von einem hohen Vorsprung der Ufer in den Fluss stürzten; andere betraten das sandige Flussufer und sanken hinab, nachdem ihre Fußspuren verschluckt worden waren. Die Mehrzahl aber wurde, von der Glätte der blanken Felsen oder von Untiefen gequält und auf dem unsicheren Grund des Stroms zögernd, von den Nachdrängenden überwältigt. Dreizehntausend wurden mit Schwertern niedergemacht, eine unzählbare Menge aber wurde durch den Fluss vernichtet, und aus den Herden von Schafen, Kamelen, Eseln und Rindern wurde gewaltige Beute gewonnen. Mochte das Hinschlachten der Menschen schon sehr groß sein, so wurde es doch noch höher eingeschätzt, weil nicht nur die ganze Gegend mit menschlichen Körpern bedeckt war, da sie, zerstreut und umherirrend, überall dort getötet wurden, wo man sie ergriff; vielmehr konnte selbst der Jordan, von den Leibern der Toten verstopft, seinem eigenen Lauf nicht mehr folgen, und auch das Tote Meer veränderte durch das Blut und die Eingeweide der Toten das Aussehen seiner Natur, denn alles, was der Jordan an sich gezogen hatte, wurde dorthin getragen. Schließlich schätzte man, dass an jenem Tag durch nur fünfhundert Reiter und dreitausend Fußsoldaten zweiundneunzigtausendzweihundert Judäer umkamen. Placidus rückte auch in die weiter entfernten Orte vor und brachte Abila, Iuliadis und Bethesmon sowie alle Dörfer dieses Gebiets bis zum Toten Meer wieder unter die Herrschaft des Römischen Reiches. Auch setzte er Soldaten in Boote; durch sie wurden alle getötet, die in den weithin bekannten See geflohen waren.

So wurden sowohl diese Orte als auch alles bis nach Maecheruntis zurückgewonnen. Vespasian aber wartete auf den Zeitpunkt der Schlacht, in der die Hauptstadt des ganzen Judäa angegriffen werden sollte. Während er mitten darin mit den ihm anvertrauten Aufgaben beschäftigt war, erreichte ihn die Nachricht von einem Aufstand in den Gebieten Galliens: Einige mächtige Männer des römischen Militärdienstes seien von Nero abgefallen. Als dies bekannt geworden war, wollte er die inneren Kriege und die Gefahr für die Belange des ganzen Römischen Reiches mindern. Nachdem die Wirren der Kriege im Osten eingedämmt waren und ihn Nachrichten über weitere Ereignisse beunruhigten, brach er, um ganz Italien in Schranken zu halten oder zu sichern, sobald die Härte des Winters mit Beginn des Frühlings nachgelassen hatte, mit dem größeren Teil des Heeres von Caesarea auf. Die Stadt, die nach Antipater benannt ist, nahm ihn auf. Von dort zog er weiter, brannte Dörfer nieder, tötete die, die er als feindlich vorfand, und verwüstete besonders alles, worauf er in der Nachbarschaft der Idumäer stieß, weil ein unruhiges Menschengeschlecht eher Freund von Kriegen als von Frieden und Ruhe sein würde. Auch zwei Dörfer Idumäas, Legarim und Caphartoris, nahm er ein und stürzte ihre Bewohner in ein großes Blutbad. Nachdem mehr als zehntausend Menschen getötet worden waren, führte er tatsächlich tausend Gefangene weg und vertrieb die übrige Bevölkerung, um dort eine eigene Truppe zu stationieren, weil die Berggegenden dieses Gebiets durch Räuberunwesen beunruhigt wurden. Er selbst rückte mit dem Heer abermals gegen Amathun vor, das seinen Namen von den heißen Wassern erhält, weil der Dampf der Wasser, wie man sagt, in der Sprache Syriens Amathus genannt wird. Deshalb heißt es auf Griechisch Thermae, weil es innerhalb seiner Mauern heiße Quellen hat. Darauf eilte er durch Samaria nahe bei Neapolis nach Jericho, wo Trajan ihm entgegenging; er hatte eine große Schar von denen, die jenseits des Jordan in Perea ansässig waren, vor sich hergetrieben und die Völker des Gebiets besiegt, die wieder unter römische Herrschaft gekommen waren.

Als sich also die Nachricht vom Heranrücken des römischen Heeres verbreitete, zogen sich die meisten aus der Stadt Jericho, weil sie die Stadt für unsicher hielten, in die Berge der Gegend von Jerusalem zurück. Die ganze Menge der Zurückgebliebenen wurde vernichtet. Denn es war nicht schwer, die Stadt rasch einzunehmen, da sie durch keine natürlichen Befestigungen geschützt und von ihren sich zerstreuenden Bewohnern verlassen und preisgegeben worden war. Die Stadt lag in einer Ebene, über die ein breiter, kahler Berg hinausragte. Er erstreckte sich nämlich nach Norden bis in das Gebiet der Stadt Scythopolis und galt vom Süden her als ausgedehnt bis zur Gegend von Sodomitana und zu den Grenzen des Asphaltius. Im Übrigen war der Boden krank und unfruchtbar und darum von Bewohnern verlassen, weil er wegen seiner natürlichen Unfruchtbarkeit den Bauern keinen Nutzen brachte. Diesem gegenüber liegt oberhalb des Jordan ein Berg, dessen Anfang bei Iuliade und den nördlichen Gegenden anhebt. Er zieht sich nach Süden bis zum arabischen Sebarus, das an Petra grenzt; dort wird der Berg nach dem Brauch der Alten Ferreus genannt. Zwischen diesen beiden Bergen liegt eine Ebene, die die Bewohner nach altem Brauch wegen ihrer Größe, da sie sich über einen weiten Raum erstreckt, Magnus nannten. Ihre Länge beträgt zweihundertdreißig Stadien, ihre Breite einhundertzwanzig; ihr Anfang liegt beim Dorf Genuabaris, ihr Ende reicht bis zum Toten Meer. Der Jordan durchschneidet sie mitten in der Ebene; er ist nicht nur unschädlich, sondern wegen der grünen Ufer auch dankbar aufgenommen, durch die Überschwemmung des Flusses und durch die anschließenden Seen Asphaltio und Tiberiadis aus einer einzigen Quelle, wobei jeder See eine eigene Beschaffenheit hat. Denn das Wasser des einen ist im Geschmack salzig und im Gebrauch unergiebig, das der Tiberiadis süß und fruchtbar. In den Sommertagen aber steigt über die ganze Ebene eine übermäßige Ausdünstung siedend auf; daher bringt die schlechte Luft, infolge des zunehmenden Übels übergroßer Trockenheit und des ausgedörrten Bodens, den Bewohnern beklagenswerte Krankheiten. Denn alles ist trocken, außer den Rändern des Flusses. Schließlich wird selbst die Frucht der Bäume in größerer Entfernung vom Fluss schlechter; reichlicher ist freilich der Ertrag und üppiger die Frucht der Palmen, die oberhalb der Ufer des Jordan hervorgebracht wird, der andere Ertrag dagegen ist weit kärglicher.

Nahe bei der Stadt Jericho liegt eine überströmende Quelle, ja mehr als ausreichend zum Trinken und reichlich zur Bewässerung. Der hebräische Jesus, stark an Hand, aus dem Geschlecht Naves, hatte sie zuerst dem Stamm der Chananaeer entrissen. Anfangs galt sie als allzu verunreinigt, allzu unergiebig für den Anbau und nicht gesund genug, um als Trinkwasser gebraucht zu werden. Deshalb bat man den Propheten Heliseus, ebenso den Jünger des Helias, keineswegs einen unwürdigen Nachfolger eines so großen Lehrers, er möge als Vergeltung für die Gastfreundschaft, die er vor Ort erfahren hatte, zurücklassen, was die Verderbnis der Wasser milderte. Er gewährte eine Heilung, wie das alte Buch der Könige deutlich lehrt, indem er befahl, ihm ein tönernes Gefäß mit Salz zu bringen. Als er es empfing, warf er das Salz in die Quelle und sagte: „Ich habe diese Wasser geheilt, und es wird in ihnen kein Sterben mehr geben noch Unfruchtbarkeit von ihnen ausgehen. “ Und die Wasser wurden geheilt gemäß dem Wort, das Heliseus, der Prophet, gesprochen hatte. So wurden durch jene Einmischung des gesegneten Salzes die Wasser geordnet und die Ufer der Quelle geöffnet, die Bewegungen der Wasser geheiligt, damit die hervorsprudelnde Quelle süßere Tränke aus ihren Wasserläufen hervorbrächte und alle Bitterkeit der Wasser süß würde, die Erde reichlichere Frucht gäbe, auch eine fruchtbare Folge zeugender Nachkommenschaft eine reiche Fülle an Nachkommen bereitstellte und das zeugende Wasser dem nicht versagte, über den die göttliche Gnade um seiner treuen Bemühungen um die Gerechten willen mit den Segnungen eines so großen Propheten gehaucht hatte.

Der Widerhall des göttlichen Ausspruchs verwandelte die Natur der Wasser und trieb sogleich die Unfruchtbarkeit aus; er ließ Fruchtbarkeit einströmen. Dort begannen die Zeugungen der Menschen und die Früchte der Länder zuzunehmen, und die Feuchtigkeit, die bisher trocken und bitter gewesen war und die Saaten zu verderben und den Trinkenden mit ihrer Widerwärtigkeit den Mund zu verziehen pflegte, begann dem Boden Fruchtbarkeit und den Trinkenden Süße zuzuführen. Wenn sie die Felder mit den Saaten nur kurz berührt, nützt sie daher mehr, als wenn sie längere Zeit darüber geflossen wäre. Es ist wahrhaft eine neue Gunst, dass der Ertrag dort reicher fließt, wo die Nutzung geringer ist, und dass dort, wo man mehr davon gebraucht hat, weniger Frucht entsteht; und dennoch bewässert sie dort mehr als die übrigen Quellen, weil schon ihr geringer Gebrauch eine reiche Ernte schenkt. Schließlich liegt die Ebene ringsum offen da, siebzig Stadien lang und zwanzig breit. In ihr kann man eine außerordentliche Schönheit von Gärten erkennen, verschiedene Arten von Palmen und eine so große Süße der Datteln, dass man meinen könnte, Honig fließe hervor, keinem anderen nachstehend. Ebenso gibt es an jenem Ort besonders gute Bienenschwärme, was nicht verwunderlich ist, wo die Anlagen, von verschiedenartigen Blüten durchatmet, liebliche Düfte verströmen. An jenem Ort wird der Saft des Balsambaums gewonnen. Dies erläutern wir noch mit dem Zusatz, dass die Bauern die Zweige durch die Rinde hindurch einschneiden, in der der Balsam entsteht, und dass sich durch diese Öffnungen die Flüssigkeit sammelt, während sie allmählich herabrinnt. Die Öffnung heißt in griechischer Sprache „ope“. Man sagt, an diesem Ort würden Cyprum und Mirobalanum hervorgebracht und anderes von dieser Art, was anderswo überhaupt nicht gefunden wird. Das Wasser und die übrigen Quellen: Im Sommer ist es kühl, im Winter mäßig warm; die Luft ist milder, und mitten im Winter tragen die Bewohner Leinenkleidung.

Nun wollen wir die Natur des Toten Meeres betrachten. Denn bei der Beschreibung alter Stätten ist es besser, die Feder mit dem Staunen über die übrigen Elemente zu beschäftigen als mit den Zwistigkeiten der Juden, wenn doch diese den Geist durch Empörung erregen, jene aber, während man sie betrachtet, den Geist beruhigen und die Erkenntnis der alten Geschichte wachrufen. Uns jedoch, die wir von weniger gebildeter Art sind, liegt es am Herzen, die Spuren unserer Väter zu suchen, die aus Ägypten auszogen bis in das Land der Wiederherstellung, damit, falls das Unsere einmal jemandem in die Hände fallen sollte, er nicht unseren Spuren nachgehen soll, sondern die unserer Väter zurückverfolgt. Denn es ist gewiss angenehmer, bei den Wohnstätten unserer Alten zu verweilen, die Worte und Taten der Vorfahren im Gedächtnis zu betrachten und an ihren Gnadengaben festzuhalten. Doch nun wollen wir die Natur oder die Eigenschaft der Wasser darlegen, damit auch unsere Feder nicht in jenen See geworfen werde, aus dem alles, was man nach allgemeiner Meinung hineinwirft, wieder zurückspringt, man könnte meinen, es sei lebendig, und, wie heftig es auch hineingeschleudert wird, sogleich wieder ausgestoßen wird. Das Wasser selbst ist bitter und unfruchtbar, nimmt nichts von lebendigem Ursprung auf, und schließlich trägt es weder Fische noch Vögel, die an Gewässer gewöhnt sind und sich gern ins Wasser tauchen. Man berichtet, eine brennende Öllampe schwimme darauf, ohne jede Veränderung; sei das Licht aber gelöscht, sinke sie unter, und mit welcher List auch immer man etwas untertaucht, es ist schwer, dass irgendetwas Lebendiges in der Tiefe untergetaucht bleibt. Schließlich sagt man, Vespasian habe Menschen, die des Schwimmens unkundig waren, mit gebundenen Händen in die Tiefe werfen lassen, und sie alle seien an Ort und Stelle geschwommen, als würden sie von einem gewissen Windhauch emporgehoben, und, von großer Kraft zurückgestoßen, an eine höhere Stelle zurückgeschnellt. Die meisten haben über diesen See vielerlei Fabelhaftes geglaubt; doch ohne eigene Erfahrung die Wahrheit der Sache auszugeben, lag uns ganz und gar nicht im Sinn. Es schien uns nicht angemessen, als wahr zu behaupten, die Farbe des Wassers wechsle dreimal am Tag und glänze in den Strahlen der Sonne jeweils anders, da das Wasser des Sees selbst dunkler ist als andere Gewässer und gleichsam eine bräunliche Färbung zeigt.

Gewiss, wenn es in den Strahlen der Sonne glänzt, muss nichts Neues und gleichsam Wunderbares vorgebracht werden, denn das ist allen Gewässern gemeinsam. Sicher ist, dass Bitumenklumpen mit einer schwarzen Flüssigkeit auf dem Wasser treiben; diejenigen, denen dies als Aufgabe zukommt, fahren mit Booten heran und sammeln sie ein. Vom Bitumen sagt man, es hafte an sich selbst, sodass es sich mit eisernen Werkzeugen oder anderen geschärften Metallformen überhaupt nicht schneiden lässt. Nachgiebig wird es aber gegenüber Frauenblut, durch das, wie man sagt, die monatlichen Flüsse gelindert werden. Durch dessen Berührung oder durch Urin, wie jene behaupten, die solche Versuche anzustellen pflegen, soll es in Stücke zerfallen. Ferner soll es für das Abdichten von Schiffen nützlich sein und, Arzneien beigemischt, den Körpern der Menschen heilsam werden. Die Länge dieses Sees erstreckt sich über fünfhundertachtzig Stadien bis nach Zoaros in Arabien, seine Breite über hundertfünfzig Stadien bis in die Nachbarschaft der Sodomiter, die einst ein überaus fruchtbares, an Feldfrüchten reiches Gebiet bewohnten und auch durch die herrlichsten Städte ausgezeichnet waren. Jetzt aber sind diese Orte verlassen und vom Feuer verzehrt. Denn als Gott ihnen in seiner Güte alles geschenkt hatte, ertragreiche Felder, mit Weinbergen bepflanzte Ländereien und auch Bäume voll Frucht, da waren sie undankbar und hielten sich die Macht des großen Gottes nicht vor Augen, als erkenne er nicht alles, als sehe er nicht alles Schändliche und als gebe es etwas, das vor ihm verborgen bleiben oder ihm entgehen könnte. So begannen sie, alles mit den Schandtaten ihrer Ausschweifungen zu vermischen und zu beflecken; dadurch zogen sie den göttlichen Unwillen auf sich herab. Und zur Strafe für ihre Sünden kam vom Himmel Feuer herab, das jene Gegend verzehrte. So wurden fünf Städte verbrannt; einige Spuren und ihr Aussehen erkennt man noch in der Asche. Die Länder brannten, die Gewässer brennen; in ihnen erkennt man die Überreste des Feuers vom Himmel. Bis heute bleiben dort Früchte, dem Anschein nach grün, und Traubenbüschel, so geformt, dass sie bei denen, die sie sehen, Verlangen zu essen hervorrufen. Wenn man sie pflückt, fallen sie auseinander, lösen sich in Asche auf und stoßen Rauch aus, als brennten sie noch immer. Dies darf man wegen der bekannten Strafe über das gottlose Volk des sodomitischen Gebiets nicht mit Schweigen übergehen. Aus dem, was hier dargelegt wurde, kann man nicht daran zweifeln, dass es für die Gerechten eine Vergeltung gibt.

Dementsprechend füllte Vespasian mit den verteilten Truppenreserven des römischen Heeres oder der Bundesgenossen die Festungen in der Nähe der Stadt Jerusalem und die Befestigungen der übrigen Städte wieder auf, damit sie erkannten, was alles gegen sie stand und was sie bedenken mussten, bevor sie untereinander Pläne fassten, gegen die Römer Krieg zu führen. Dennoch wurde Lucius Annius nach Gerasa geschickt und nahm die Stadt durch eine List ein. Denn er tötete tausend junge Männer, denen, weil sie aufgehalten worden waren, die Flucht genommen war. Sehr viele Gefangene wurden weggeführt, und auf Befehl des Anführers wurden die Güter aller von den Soldaten heimgesucht; was sie fanden, wurde vernichtet, und Plünderungen wurden ungehindert verübt. Sie verheerten alle Berggegenden und die Ebenen; die Umgebung, von der die Stadt Jerusalem umgeben ist, setzte er im Krieg ringsum in Brand. Auch den Bewohnern Jerusalems blieb die Wahrnehmung ihrer Gefahren nicht erspart: Alle Auswege waren versperrt, damit niemand sich durch Flucht der Gefahr entziehen konnte. Im Innern herrschte Bürgerkrieg, von außen war alles abgeriegelt; es gab weder die Wahl zu bleiben noch die Möglichkeit zu fliehen. Und wenn jemand hoffte, durch Überlaufen zu den Römern Begnadigung zu erlangen, wurde er von den eigenen Leuten am Hinausgehen gehindert.

Vespasian kehrte in die Stadt Caesarea zurück, um dort alle seine Streitkräfte zu sammeln und von dort aus die Einschließung der Stadt Jerusalem zu beginnen. Ein Bote traf ein und meldete, Nero sei getötet worden, nachdem das dreizehnte Jahr seiner Herrschaft vollendet war und er vom folgenden Jahr bereits den achten Tag verbracht hatte. Er verdiente diese Strafe, denn er hatte nicht nur die Treue durch Frevel verletzt, die Kindespflicht durch Muttermord, die Tugend durch Blutschande, sondern auch die Herrschaft des Römischen Reiches selbst, deren Pflichten und Aufgaben er den schlimmsten Freigelassenen anvertraut hatte. Da er selbst nämlich keinem die Treue hielt, misstraute er allen und glaubte gerade deshalb, dem nichtswürdigen Nymfidius und Gemellinus besonders vertrauen zu können; sie waren von niedriger Herkunft, und er hatte sie zu Knechten gemacht. Doch selbst sie erschauderten zuweilen vor dem Beispiel seiner Grausamkeit; und weil er die ihm Teuersten getötet hatte, hielten sie es für nötig, sich vor ihm zu hüten, und wollten dem zuvorkommen, was sie fürchteten. Nachdem sie sich daher mit anderen verschworen hatten, verließen sie den Muttermörder. Denn wen sollte der wohl verschonen, der seine eigene Mutter nicht verschont hatte? So wurde er von allen den Seinen verlassen und floh mit seinen vier Freigelassenen aus der Stadt. Als er merkte, dass die unmittelbar drohenden Verschwörer und eine feindselige Menge ihn bedrängten, zog er sich heimlich auf ein Landgut nahe bei Rom zurück, von Dornen zerkratzt und zerrissen, während er fürchtete, von jemandem gesehen und ausgeliefert zu werden. Als er dann erkannte, dass er umstellt war, bereitete er, damit keine schweren Strafen an ihm vollzogen würden, für sich ein hölzernes Werkzeug, setzte es mit eigenen Händen an, um sich damit zu töten, und wandte sich an seine Freigelassenen mit den Worten: „Welch ein Künstler stirbt. “ So erlitt der abscheulichste Muttermörder ein Lebensende, das seinen Verdiensten entsprach: Er, der seine Mutter und seine Verwandten getötet hatte, verschonte auch sich selbst nicht. Wahrhaftig war er ein geschickter Konstrukteur seines eigenen Todes, der es so einrichtete, dass er zugrunde ging und sein Tod frei von Entehrungen blieb.

Die Nachricht vom Tod Neros war nach Art der menschlichen Natur eingetroffen: Ihr genügt es, wenn sie die ersehnte Nachricht erhalten hat, nicht weiter nach dem Rest zu fragen, sondern sofort das Unvollständige, das ihr gefallen hat, in die Öffentlichkeit hinauszutragen. Nicht viel später jedoch wurde bekannt, dass Galba an der Spitze des Römischen Reiches stand. Daher wollte Vespasian die Meinung des neuen Herrschers über den Krieg der Juden einholen und sandte seinen Sohn Titus und den König Agrippa. Titus kehrte aus Achaia zurück, nachdem bekannt geworden war, dass Galba im siebten Monat und am siebten Tag nach der Übernahme der Macht abgesetzt worden war und mitten in der Stadt, nämlich auf dem römischen Forum, Strafe für das Berüchtigte im Herzen der Stadt bezahlt hatte, und dass Otho die günstigen Umstände und die kaiserliche Nachfolge an sich gerissen hatte. Agrippa eilte nach Rom, um sich beim neuen Herrscher Gunst zu verschaffen. Titus aber hielt die Rücksicht auf die Pflicht gegenüber seinem Vater für wichtiger als die auf die kaiserliche Macht; denn wenn er ohne den Rat seines Vaters weiterzöge, so meinte er, würde das auch dem Herrscher selbst nicht gefallen. Gewiss gab der Tod ihm zur rechten Zeit den Hinweis, mit der Nachricht zu seinem Vater zurückzukehren, der im Ungewissen war, wohin die Ereignisse liefen. Denn schließlich setzte Vespasian, besorgt um das gesamte Römische Reich und um die Lage seines Vaterlandes, den Krieg aus und hielt seinen Angriff zurück; was in Judäa geschah, galt ihm als nachrangig gegenüber der Sorge um die ganze Lage und der pflichtgemäßen Fürsorge für sein Vaterland.

Judäa aber hatte keine Ruhe; es führte in seinem Inneren einen schwereren Krieg als gegen äußere Feinde. Denn da die Partei des Johannis unerträglich geworden war, trat noch Simon hinzu: an Verderbtheit seines Lebenswandels zwar geringer, doch wegen seiner körperlichen Ansehnlichkeit umso mehr zu jedem Verbrechen bereit und im Räuberwesen geübt, gewohnt an Ausübung und Erprobung frevelhafter Taten. Er war ein gerasanischer Bürger, ein kräftiger junger Mann, den Ananus, der Führer der Priester, wegen erdichteter Berichte über Ausschweifung niedergeworfen und gezwungen hatte, aus dem Ort, in dem er wohnte, vertrieben in andere Gegenden fortzugehen. Er aber, für den unter friedlichen und sanften Menschen kein Platz war, begab sich in die Gemeinschaft von Räubern. Auch von ihnen wurde er anfangs misstrauisch betrachtet, sie fürchteten, er könnte sie aus Parteinahme täuschen; später jedoch machte er sich durch die Angleichung seiner Sitten leicht bei ihnen beliebt. Mit ihnen plünderte er die Orte, die nahe bei Befestigungen lagen, weil sie es nicht wagten, weiter entfernte Gegenden aufzusuchen; vielmehr lauerten sie, wie in Gruben verborgen, den Vorübergehenden auf und gingen nicht weiter hinaus, als wären sie mit Raub im eigenen Umkreis zufrieden. Simon, zügellos im Sinn, konnte das nicht lange ertragen. In kurzer Zeit suchte er sich eine große Schar zusammen, indem er Sklaven Freiheit, Freien Beute, Verarmten Entschädigung und den vielen, die sich sammelten, die Erlaubnis zum Plündern versprach. Er wagte es, Befestigungen anzugreifen und Stadtvölker zu überwältigen, und wurde allen zum Schrecken. In einem Dorf, das den Namen Aiacis trug, bereitete er sich eine Zuflucht und errichtete Mauern. Schon rückte er, von zwanzigtausend Bewaffneten umgeben, vor, da fürchteten die Bewohner Jerusalems plötzlich sein tägliches Vorrücken; sie meinten, diese Macht werde sich gegen sie richten, wenn man sie noch länger zur Reife kommen lasse, und beschlossen, sie müsse niedergeschlagen werden. In einem plötzlichen Ausfall griffen bewaffnete Männer Simon an. Doch auch er war nicht unvorsichtig und unvorbereitet einem Hinterhalt preisgegeben, sondern fing die Anstürmenden ab, schlug die meisten in die Flucht und zwang andere, die in der Schlacht zersprengt worden waren, zum Rückzug in die Stadt.

Auch mit den Idumäern ließ er sich auf einen Kampf zu gleichen Bedingungen ein, musste sich aber zurückziehen; und weil er nicht gesiegt hatte, war er verstimmt, als wäre er besiegt worden. Als es erneut zum Zusammentreffen kommen sollte, hielt er es für günstiger, es mit List zu versuchen, und fand einen Mann, der sich freiwillig zum Helfershelfer der Täuschung machte. Denn als bekannt geworden war, worauf er hinarbeitete, kam Jakob, einer der Führer der Idumäer, ein verschlagener und gewandter Mann in solchen Unternehmungen, heimlich zu Simon und bot den Verrat an seinem Volk an: Er versprach, dafür einzustehen, dass er alle Idumäer für ihn gewinnen werde. Als Preis verlangte er eine künftige Verbindung, die für Simon die mächtigste und treueste sein werde, und versprach die Übergabe aller. Bei einem gemeinsamen Mahl wurde der Handel durch Dankesworte und große Zusagen Simons auf beiden Seiten bekräftigt. Als Jakob zu den Seinen zurückgekehrt war, begann er zunächst vor wenigen damit zu prahlen, er sei ausgezogen, um die Stärke der Gegner auszukundschaften; er habe eine starke Schar gesehen, kriegserfahrene Männer, eine große Menge und im Krieg unbesiegbar. Allmählich pflanzte er solche Worte auch den Führern ein, schließlich breitete er sie unter allen aus: Simon selbst sei voll Kraft, habe sein Heer königlich geordnet, die Reihen fest gehalten, die Abteilungen nach Zahlen gegliedert und geeignete Anführer eingesetzt. Die Idumäer müssten mit sich zu Rate gehen, ob sie einen solchen Mann lieber als Freund denn als Feind kennenlernen wollten. Wenn sie ihn in einer Unterredung als überlegen erkannten, sollten sie sich gewiss gefahrlos zurückziehen und sich vor der Schlacht hüten. Als Simon erfuhr, dass die Meinung der meisten zu seinem Vorschlag neigte, wies er Jakob an, in Schlachtordnung auszurücken; im Vertrauen auf die künftige Flucht der Idumäer zerstreute er seine Truppen nicht, sondern erschien hier wie ein Feldherr in der Schlacht und wie zum Kampf bereit. Als es jedoch zu einem ersten Gefecht mit den Leichtbewaffneten kam, wendete Jakob, noch bevor es zum Nahkampf kam, sein Pferd und floh. Seine Leute taten dasselbe. So kehrte er um, zerstreute alle Streitkräfte und überließ Simon den Sieg, ohne dass es zu einer Schlacht gekommen wäre. Nachdem Simon durch diesen Triumph Herr über ein so großes Volk geworden war, wurde er gegenüber den übrigen noch übermütiger. Chebron, eine alte Stadt, dicht bevölkert und reich an Schätzen, nahm er ein, bevor man damit rechnete; er fand darin große Beute und verwüstete die überaus reichen Ernten.

Sie soll die älteste Gemeinde gewesen sein, nicht nur unter den Städten Palästinas, sondern sogar unter allen, die von den Alten in Ägypten gegründet wurden; selbst Memphis, das als die älteste gilt, halten die meisten für später. Es gab sogar solche, die sagten, Vater Abraham habe dort gewohnt, sei danach aus Mesopotamien aufgebrochen und nach Ägypten gezogen; seine Söhne hätten dort, im siebten Stadion von der Stadt, ein schön aus Marmor errichtetes Grabmal von höchst kunstvoller Arbeit. Man behauptet, dort habe seit der Erschaffung der Welt ein großer Terebinthenbaum gestanden; ob er jedoch bis heute erhalten ist, ist uns ungewiss. Von dort aus zog Simon weiter, verwüstete Gebiete, erstürmte Städte und sammelte Völker um sich. Von vierzigtausend bewaffneten Männern begleitet, machte er alles wüst, wohin er auch kam, selbst wenn er als Freund oder Bundesgenosse auftrat. Denn welcher Ort hätte für den Unterhalt so vieler ausgereicht? Jeder Ort, an dem er eine solche Menge von Kämpfern aufgestellt hatte, wurde schon allein von den Tritten der Fußsoldaten wie ein Pflaster niedergetreten. Nicht nur wurde alles, was an Feldfrucht vorhanden war, fortgeschafft, als wäre es von Heuschrecken verzehrt worden; auch später noch verweigerte die festgestampfte Erde Ertrag. Johannis erschrak darüber, dass Simons Macht wuchs und die Bundesgenossen der ganzen Partei ins Wanken gerieten. Sie wollten ihn vernichtet sehen, wagten aber nicht, ihn zum Krieg herauszufordern. Wieder einmal legten sie einen Hinterhalt, sperrten die Wege, ergriffen seine Frau samt dem gesamten weiblichen Gefolge und einigen männlichen Dienern und schleppten sie fort. Sie rühmten sich, als hätten sie einen bedeutenden Sieg errungen, und meinten, Simon selbst gefangen zu halten, sodass er sich vor ihnen demütigen werde. Doch er war unbeugsam und wild, ließ sich aus Liebe zu niemandem auf sie ein, hielt nichts für teuer oder heilig, war eher erzürnt wie über eine erlittene Kränkung als über eine entrissene Geliebte, und noch weit rasender ließ er die, die er aufgriff, unter schweren Qualen foltern. Vielen ließ er die Hände abhauen und schickte sie mit verstümmelten Leibern zum Feind, damit sie seine Grausamkeit bekannt machten und als Drohung ausrichteten, er werde die Mauern niederwerfen und die Stadt dem Erdboden gleichmachen, wenn ihm seine Frau nicht unverzüglich zurückgegeben werde; ebenso werde er allen, die in der Stadt lebten, die Hände abhauen und die Eingeweide herausreißen, wenn sie nicht ohne Zögern einwilligten. So in Schrecken versetzt, schickten sie ihm seine Frau sogleich zurück; dadurch wurde sein Zorn gemildert, und er gewährte eine kleine Atempause, indem er die Belagerung nicht weiter vorantrieb.

Nicht nur Galba war getötet worden, sondern auch Othon, nachdem sich die Heerführer des Vitellius geeinigt hatten, den das Heer in Gallien zum Kaiser gewählt hatte. Im ersten Treffen schien Othon tatsächlich überlegen zu sein. Als die Schlacht nach einem Tag wieder aufgenommen wurde, erkannte Othon, dass der Sieg an Valentius und Caecina, die Gefährten des Vitellius, gefallen war und dass auch die meisten seiner Männer getötet worden waren; in Brixia nahm er sich freiwillig das Leben, mit dem Scherz, er sei nur drei Monate und zwei Tage Herr gewesen. So eilte Victor mit jenem Heer, das von beiden Seiten übrig geblieben war, nach Rom.

Vespasian brach damals aus der Stadt Caesarea auf. Er verwüstete Iudaea und vernichtete das benachbarte Bergland und die befestigten Orte. Diejenigen, die Widerstand leisteten, tötete er; denen, die darum flehten, gewährte er die Gnade der Sicherheit; seine Gegner schlug er in die Flucht, seine eigenen Männer stellte er in Stellung. Auch Cerealis, ein Anführer des römischen Heeres, überrannte mit der Reiterei alles: Einige tötete er, andere unterwarf er, eine große Menge Gefangener brachte er ein. Alles rings um Jerusalem brannte er nieder, damit es für die Juden keine Zuflucht mehr gäbe. So wurde den Juden schon vor einer Belagerung jeder Ausweg abgeschnitten. Sie aber gingen nicht nur nicht mit sich selbst zu Rate, sondern bekämpften einander sogar in innerem Zwist: Johannes als Tyrann im Innern, Simon als Feind außerhalb der Mauern. Dieser zog, nachdem er seine Frau zurückerhalten hatte, für kurze Zeit aus, verheerte Idumaea, kehrte noch stärker zurück und umstellte die Mauern der Stadt Jerusalem auf allen Seiten mit Bewaffneten. Johannes, der im Innern stand, trieb seine Leute unter ungünstigen Vorzeichen zum Kampf, nachdem das Urteil über ihre Verbrechen gesprochen war. Sie glühten vor Beutegier, vor Begierden nach niederträchtigen Taten, vor Verschwendung in zügellosem Leben und vor Düften von Salben. Mit Brenneisen kräuselten sie ihr Haar, schminkten ihre Augen mit Antimon und legten Frauenkleider an. Sie strebten nicht nur nach der Kleidung der Frauen, sondern sogar nach weibischer Verweichlichung und nach den Leidenschaften unerlaubter Lüste. Männer übernahmen die Rolle von Frauen, gaben weibische Laute von sich, zerstörten ihr Geschlecht durch die Schwäche ihres Körpers, ließen ihr Haar wachsen, bleichten ihr Gesicht, glätteten ihre Wangen mit Bimsstein, zupften ihr kleines Bärtchen aus und übten in dieser Verweichlichung eine unerträgliche, wilde Grausamkeit aus. Schließlich rückten sie mit unregelmäßigen Schritten vor und wurden plötzlich für kurze Zeit zu Kämpfern, indem sie unter purpurnen Mänteln verborgene Schwerter verdeckten, als

Plötzlich hatten sie sie blank gezogen, und wen immer sie trafen, den rissen sie auf. Wer Simon entkommen war, wurde von Johannes getötet, wenn er sich in die Stadt rettete; wer vor Johannes geflohen war und von Simon ergriffen wurde, wurde vor den Mauern getötet. Es herrschte großer Zwist. Die Idumäer suchten der Gewaltherrschaft des Johannes ein Ende zu machen; sie beneideten ihn um seine Macht und hassten seine Grausamkeit. Sie scharen sich gegen die Helfer der Gewaltherrschaft zusammen, drängen sie ab, verfolgen sie bis zum Königshof, den er mit der nächsten Verwandtschaft des Königs Adiabenus eingerichtet hatte; nachdem die Verteidiger hinausgetrieben sind, stürmen sie hinein, besetzen den Tempel und plündern die Beute der Gewaltherrschaft, denn dort hatte Johannes das Versteck ihrer Schätze eingerichtet. Große Furcht war aufgekommen, die Idumäer könnten in der Nacht vom Tempel her in die Stadt eindringen, das Volk mit ihren Waffen töten und die Stadt durch Feuer vernichten. Von dieser Furcht erschreckt, ließen sie auf Beschluss des Rates, weil sie den einen Tyrannen nicht ertragen konnten, einen anderen ein. Und Johannes hatte sich durch Betrug in die Gewaltherrschaft eingeschlichen: Er war gebeten worden, ein Mittel zur Rettung zu gewähren, brachte den Bürgern der Stadt aber einen herrschsüchtigen Machthaber herein. Mathias, der Vornehmste der Priester, wurde gesandt, um um seinen Einlass zu bitten. Jener aber, dem es genügte, hochmütig an der Macht zu sein, stimmte zu und gab, als wäre er unwillig, dem Werben um das Amt nach, damit er sich mit allen seinen Truppen in die Stadt ergießen konnte. Sie öffneten seinen Truppen die Tore, damit sie noch Schlimmeres hereinführten, während sie das Innere verfluchten. So zog Simon dem Beschluss gemäß ein und erwies sich gleichermaßen allen als Feind: Mit gemeinsamem Hass rächte er sich an allen, an denen, die ihn gerufen hatten, und an denen, gegen die man seine Hilfe erbeten hatte. Johannes wurde von seinen Wahnvorstellungen getrieben, der Staat schwankte. Zwischen Johannes und Simon entbrannte ein Wettstreit, wer den eigenen Anhängern am meisten schaden würde.

Im römischen Heer verdichtete sich das Gerücht von Bürgerkriegen, offen zutage getreten durch den Tod Galbas und Othos und durch den Aufstieg des Vitellius, der, noch verächtlicher als seine Vorgänger, gleichsam wie Unrat hinabgesunken war. Männer des alten Kriegsdienstes begannen sich bei ihm zu sammeln und ertrugen es mit Unwillen, dass die Prätorianerlegionen in Rom sich so viel herausnahmen: Obwohl sie sich bereits daran entwöhnt hatten, die Gefahren der Kriege zu ertragen, und obwohl sie nicht einmal die Namen der Völker kannten, die Kriege in Gang setzten, bestimmten doch gerade sie den Feldherrn in den Kriegen und entschieden, dass die Wahl des Herrschers über den römischen Staat in ihren Händen lag. Von diesem Beispiel angeregt, verlangten daraufhin die in Gallien stationierten Soldaten, Vitellius solle ohne Befragung des Senats und des römischen Volkes die höchste Befehlsgewalt übertragen werden. Sie selbst sollten inzwischen als gemietete Knechte gelten, die fremden Herren gehorchten: als Erste in die Gefahren, als Letzte zur Ehrung. In einer Zeit, da die Triumphfeiern täglich zunahmen, führten sie Krieg und empfingen Herren von ihren Untergebenen, und dazu nicht einmal geeignete, sondern die trägsten, Männer, die ihren Begierden und Schandtaten ergeben waren. Man müsse den Hindernissen entgegengehen und diese Schmach beseitigen. Sie hätten in Vespasian einen tatkräftigen Mann, den alle mit Recht zum Herrscher wählen müssten, an Jahren reif für den Rat, zum Kampf stärker als die Jüngeren. Man müsse rasch handeln, damit er nicht zuerst von anderen gewählt werde und damit nicht diejenigen, mit denen er im Kriegsdienst siegreich geworden war, zu Gegenständen der Verachtung würden. Wann gäbe es einen günstigeren Zeitpunkt, an dem ihm der Lohn zuteilwerden könnte, der seinen Leistungen angemessen war? Vitellius sei ein Abgrund persönlicher Schändlichkeiten, nicht etwa eines Herrschers. Das wollte der Senat nicht länger hinnehmen, auch das römische Volk nicht: dass die Schande der Trinker länger auf der Höhe des Reiches verbleibe, deren Stützung den römischen Staat überfordert. Denn wer sollte es ertragen, dass ein Tyrann herrscht, wenn er im Heer einen Herrscher hat, der des römischen Reiches würdig ist?

Diese Schar aber stürzte sich in Ausschweifung und gab sich dem Laster hin, gerade zu der Zeit, da die Trägheit des Staatslenkers der Anreiz zum Krieg ist, während beim Feind die Tapferkeit die Festigkeit des Friedens bedeutet und beim Herrscher des Staates die Mäßigung. Wer bewundert nicht an Vespasian, der bis jetzt noch Privatmann ist, den Glanz der Macht und die Hoheit des römischen Reiches? Ihm steht eine so große Zahl von Soldaten zur Verfügung, dazu die stärkste Truppe des ganzen römischen Heeres. Was sollen wir erwarten? Etwa dass wir fremder Tapferkeit Beistand schulden, weil jener Herrscher ist, und dass wir anderen den Vorrang lassen, weil jener über unsere Macht gebietet? Wenn wir ihn schon nicht ehren wollen, so dürfen wir ihm gewiss nichts entziehen und ihm nicht dieses Unrecht zufügen, dass er nach unserem Urteil für den Oberbefehl gleichsam untauglich verworfen wird, für den Vitellius als tauglich galt. Da schließlich sein Bruder und sein Sohn Domitian in Italien sind, muss man gewiss fürchten, dass jemand, der seiner Familie längst hätte zur Zierde gereichen sollen, zur Gefahr wird; oder wenn jene, wie wir glauben, beginnen sollten, auf einen Alleinherrscher zu drängen, dann möge auf diese Täuschung hin gelten, Bruder und Sohn hätten sich empört, und wir fingen an, denjenigen verantwortlich zu sehen, den wir nicht als Oberbefehlshaber sehen wollen. Mit solchen Worten wenden sich die Soldaten unter lautem Zuruf an Vespasian und bitten ihn, die Herrschaft über das römische Reich zu übernehmen. Er aber weigerte sich und sagte, er sei nicht geeignet; ein oberster Herrscher sei bereits eingesetzt, ein Bürgerkrieg müsse vermieden werden. Sie drängten ungestüm, er widerstand mit größter Beharrlichkeit. Schließlich umstellten bewaffnete Männer den noch Widerstrebenden und drohten ihm mit den Schwertern den Tod an; sie wiesen sich selbst darauf hin, es wäre ein Verbrechen zu bleiben und eine schwere Gefahr, wenn er sich weigerte. So gab er den Drängenden nach, statt freiwillig auf sich zu nehmen, wonach andere gewöhnlich streben. Die Soldaten drängten ihn, die Anführer überzeugten ihn, die Verwaltung zu übernehmen, noch bevor ihm die Ehre zufiel. Eilig begab er sich nach Ägypten, denn er wusste, dass dort die größten Kräfte des römischen Staates lagen. Von dort kam die Versorgung mit Lebensmitteln; dort suchte er Rückhalt für sich, falls er siegte, und Widerstand gegen Vitellius, falls er meinte, der Krieg werde sich länger hinziehen. Denn dort gab es zwei militärische Gruppen, die er eilig an sich zu binden suchte, damit die sehr große und von vielen natürlichen Schutzwehren umgebene Stadt in seiner Gewalt bliebe und nicht in der eines anderen, nützlich genug für jeden Ausgang des Krieges. Deshalb ist einiges über die Lage der Orte zu sagen und vor allem über die Hauptstadt selbst.

Alexander gründete die Stadt Alexandria, der wegen der großen Verdienste des großen Feldherrn sein Name gegeben wurde. Sie liegt zwischen Ägypten und dem Meer wie eingeschlossen, eine Stadt ohne Hafen, wie der größte Teil Ägyptens, und von anderen Orten her schwer zugänglich, da sie in den entlegeneren Teilen Asiens liegt. Im Westen grenzt Ägypten selbst an die Wüsten Libyens; Soenen und die unschiffbaren Katarakte des Nils trennen seine südlichen und oberen Gebiete von den Äthiopiern; im Osten wird das Rote Meer bis nach Coptos zurückgedrängt, jenem äußersten Ort, der Seefahrern aus den fernsten Ländern einen gangbaren Weg zu den Indern eröffnet. So ist es auf der einen Seite von der siedend heißen, brennenden Sonne umhegt, von Indien und vom ägyptischen Meer her, und stützt sich nur auf eine einzige nördliche Landmauer, die nach Syrien führt. Das Übrige ist auf allen Seiten abgeschlossen und mit Hilfe der Natur geschützt. Die Verteidigung des nördlichen Gebiets jedoch ist getrennt und durch einen gewissen doppelten Zugang erreichbar, durch den fremde Streitkräfte über das ägyptische Meer zu ihm gebracht werden oder den Ländern eine freiere Nutzung offensteht. Das Land dehnt sich ins Grenzenlose aus. Denn zwischen Soenen und Pelusium liegt eine ungeheure Entfernung von zweitausend Stadien, wenn man den Angaben Glauben schenkt, und von Plinthinis bis nach Pelusium ebenso dreitausendsechshundert Stadien. Es ist eine Gegend, die starke Regenfälle nicht kennt, der es jedoch nicht an Schauern fehlt; über sie gossen die Überschwemmungen des Nils reichlich Wasser aus. Der Nil ist ihr beides: Fülle des Himmels und Fruchtbarkeit der Erde. Er regelt die bebauten Felder, er bereichert den Boden, zum Nutzen der Seefahrer ebenso wie der Bauern. Die einen fahren auf ihm, die anderen pflanzen Feldfrüchte; sie umfahren die Güter mit Booten, sie bestellen das Land: sie säen ohne Pflug und reisen ohne Wagen. Man kann sehen, wie das Land vom Fluss geteilt und gleichsam durch eine Mauer von Booten emporgehoben ist. Wohnstätten sind über alle Landstriche verstreut, die sie mit dem Nil überfluten. Denn er ist bis zu der Stadt schiffbar, die sie Elephantus nennen. Die Katarakte, die wir erwähnt haben, lassen ein Boot nicht weiterfahren, nicht durch das Absinken eines Strudels, sondern durch den jähen Sturz des ganzen Flusses und ein gewisses Hinabstürzen der Wassermassen. Der Hafen der Stadt ist, wie die meisten Zugänge zu Orten am Meer, schwer zu erreichen und weit schwieriger als die übrigen; er gleicht gewissermaßen der Gestalt des menschlichen Körpers: am Kopf selbst und im Hafen ist er recht geräumig, an der Kehle enger, dort, wo man die Durchfahrt des Meeres und der Schiffe unternimmt und wo dem Hafen gleichsam gewisse Hilfen zum Atmen gewährt werden.

Wenn jemand aus dem engen Hals und Mund des Hafens hinausgelangt ist, breitet sich, um im Bild des Körpers zu bleiben, die übrige Gestalt weithin über das Meer aus. Auf der rechten Seite des Hafens liegt eine kleine Insel; auf ihr steht ein hoher Turm, den Griechen und Römer nach dem Gebrauch der Sache selbst gewöhnlich Pharus genannt haben, weil er von den Seeleuten schon aus der Ferne gesehen werden kann, damit sie, bevor sie sich dem Hafen nähern, besonders in der Nacht durch das Zeichen der Flammen erkennen, dass Land nahe ist, und damit sie nicht, von der Dunkelheit getäuscht, auf Felsen geraten oder die Durchfahrt des Eingangs verfehlen. Darum gibt es dort auch Wächter, durch die, nachdem Fackeln hineingeworfen und andere Holzstöße aufgeschichtet worden sind, das Feuer als Hinweis auf das Land und als Kennzeichen der Hafeneinfahrt unterhalten wird. Es zeigt dem Einfahrenden die Meerenge, die Kraft der Wogen und die Windung der Einfahrt, damit die schmalen Kiele nicht an die zerklüfteten Felsen stoßen und beim Einlaufen selbst gegen Klippen prallen, die zwischen den Wellen verborgen liegen. Deshalb muss man den geraden Kurs für kurze Zeit ändern, damit ein Schiff nicht gerade dort, wo man Rettung aus Gefahren erwartet, an verborgenen Felsen zerschellt und in Gefahr gerät. Denn die Zufahrt in den Hafen ist besonders schwierig, weil sie auf der rechten Seite durch Mauerwerk, auf der linken durch Felsen verengt wird, durch die die linke Seite des Hafens versperrt ist. Auch rings um die Insel sind gewaltige aufgeschüttete Steinmassen niedergelegt, damit die Fundamente der Insel nicht durch das unablässige Anprallen des aufgewühlten Meeres nachgeben und durch den uralten Ansturm gelockert werden. Daher kommt es, dass durch die Wellen, die gegen einen Teil der Insel schlagen und zwischen den zerklüfteten Felsen und den aufgetürmten Molen in entgegengesetzter Richtung zurücklaufen, die Mitte der Fahrrinne immer unruhig ist und die Einfahrt für Boote wegen der rauen Durchfahrt gefährlich wird. Die Breite des Hafens beträgt dreißig Stadien: ein sicherer Hafen, große Ruhe bei jedem Wetter, weil er, wenn man die Enge der Mündung und die vorgelagerte Insel bedenkt, die Wogen des Meeres von sich abweist und im Innern durch einen gewissen Ausgleich des gefährlichen Zugangs zu einem sehr sicheren Hafen wird. Denn durch dieselbe Enge der Hafenmündung wird das Becken des ganzen Hafens geschützt und der Wirkung der Stürme entzogen; es beruhigt sich durch das Brechen der Wellen, durch die der Zugang rau gemacht wird. Nicht ohne Grund besitzt ein solcher Hafen sowohl Schutz als auch Größe, da in ihm das zusammengebracht werden muss, was zum Nutzen der ganzen Welt beiträgt. Denn die zahllosen Völker eben dieser Gegenden suchen den Handel der ganzen Welt zu ihrem eigenen Nutzen, und eine Landschaft, reich an Feldfrüchten und anderen Gaben der Erde oder an Gewerben, nährt und versorgt, ganz von Getreide überfließend, die Welt mit den notwendigen Gütern.

Nachdem in Alexandria seine eigenen Angelegenheiten und die Wünsche aller, die mit militärischen Fragen befasst waren, hinsichtlich seiner höchsten Befehlsgewalt geregelt waren, beschleunigte er, von der Sorge um Verschwörer befreit, seine Rückkehr nach Syrien. Tiberius Alexander, der damals Ägypten leitete, hatte seinen Befehlen zugestimmt: Er sollte ihm die Treue seines Heeres zuführen, das sich damals in den oberen Gebieten befand; auch er selbst werde, soweit er könne, mit den ihm zugewiesenen Streitkräften die Interessen des Römischen Reiches fördern. Tiberius schickte ein Schreiben an die Provinzverwalter und die Soldaten; es wurde von allen mit Freude aufgenommen, Treue wurde zugesagt, Zustimmung strömte hervor. Caesarea nahm Vespasian auf, danach Beritus, wobei Gesandtschaften dieser Städte mit größter Freude zusammenkamen. Dort wurde ich, Josephus, der auf Befehl in Ketten gelegt worden war, freigelassen. Titus trat an den Befehlshaber heran: Die Ketten sollten eher zerbrochen als gelöst werden, weil es, wenn sie zerbrochen würden, so wäre, als wäre er nicht gefesselt gewesen. Sein Vater stimmte zu. Er ließ eine Axt bringen und die Ketten zerbrechen, damit die Juden bemerkten, dass auch ihnen Vergebung nicht verweigert würde, wenn sie umkehrten und um Frieden bäten. Zugleich schonte er ihn aufgrund einer nicht unfreundlichen Einschätzung, da ihm die Entscheidungen über alle Angelegenheiten übertragen worden waren.

Er kam nach Antiochien. Dort wurde beraten, und aus dieser Beratung ergab sich, dass es nötig schien, nach Italien überzusetzen, weil er in Ägypten beziehungsweise in Alexandria alles für sicher hielt; man entschied sich also zu raschem Vorgehen. Darum sandte er Mucianus mit einem großen Teil der Reiterei und des Fußvolks voraus, damit dieser der Ankunft des obersten Befehlshabers in Italien zuvorkäme. Durch die Furcht vor einer langen Seereise zurückgehalten, richtete er seinen Marsch durch Kappadokien und Phrygien. Auch Antonius, den Befehlshaber im dritten militärischen Rang, der in Moesien stand, wies er an, gegen das unvorbereitete Italien vorzustoßen, bevor die Streitkräfte des Vitellius sich in Bewegung setzten. Denn Vitellius lag, wie vom Wein betrunken und in Schlaf versunken, inmitten so großer Angelegenheiten da und schlief, als meine er, es sei ein Gastmahl zu ordnen und nicht ein Reich zu regieren. Endlich, kaum zuletzt durch die Nachricht vom Herannahen des Antonius aufgeschreckt, schickte er Caecina mit einem Teil des Heeres aus; so vertraute er die größte Entscheidung über seine Gefahr dem Urteil eines anderen an und stützte sich auf die Truppen Caecinas, die Othos Verbände in die Flucht geschlagen hatten. Dieser traf nahe bei der Stadt der Bewohner von Cremona auf den vorrückenden Antonius. Er prüfte alles und erkannte, dass von verschiedenen Seiten eine sehr starke Schar heranrückte, in Kriegen bewährt und durch Siege erfahren, während er selbst weder über gleiche Kraft noch über gleiche Zahl verfügte, um gegen die weit Überlegenen kämpfen zu können. Er berief die Centurionen und drängte sie, vom Kampf abzustehen, weil sie an Zahl unterlegen seien und der Ruhm des Befehlshabers größer sei. Im Krieg genügt es, dass der Ruf eines Anführers bei denen, die große Unternehmungen wagen, stark ist. Vespasian hatte in den Gebieten Galliens und durch die britischen Siege hell hervorgeleuchtet; Vespasian hatte den großen Ruhm seines glänzenden Namens mit seinen östlichen Ehren umgürtet. Vitellius dagegen war nichts anderes als vom Wein verwirrt und bei Gelagen, stets das üppige Mahl vom Vortag erbrechend, auf nichts anderes wartend, als dass er, wenn er trunken auf den Feind träfe, ohne jedes Schmerzempfinden zugrunde ginge. Durch den Ruhm eines so großen Befehlshabers wurde der Mut der Soldaten bei dem einen gesteigert, durch die Schandtaten und Gemeinheiten des anderen aber niedergedrückt.

Sie berieten, damit sie den guten Ruf aus der vorangegangenen Schlacht nicht verlören. Sie hatten Otho, einen Vitellius Ebenbürtigen, besiegt; jetzt stand ihnen als Aufgabe der gegenüber, der mit seinen Siegen die ganze Welt umspannt hatte. Der Notwendigkeit musste man mit Würde zuvorkommen: Sie sollten lieber Vespasian als Mitbürger wählen, als ihn als Feind erfahren. In einem Bürgerkrieg ist schon das Siegen elend; wie viel elender ist es erst, besiegt zu werden, sodass man als Feind des eigenen Volkes gilt. Dem Sieger bleibt sein Vaterland; dem Besiegten entschwindet es, oder, wenn es bleibt, bleibt der Hass auf ein Verbrechen: dass wir vor den Bürgern den Anschein erwecken, für einen Tyrannen Krieg geführt zu haben. Denn wer überwunden ist, ist in diesem Augenblick kein Mitbürger, sondern ein Tyrann. Wie sollen wir die Wunden der Truppen zusammenführen? Einmal soll es dem Schlechten genügen, gesiegt zu haben, dass er den beschämt, den wir besiegt haben. Wir rechneten damit, dass er entweder maßvoll gegenüber der Herrschaft sein oder durch die Last der Dinge aufgerüttelt den ununterbrochenen Schlaf von sich weisen würde. Warum noch auf Weiteres warten? Unsere Gefahren sind allen Mitsoldaten unwillkommen, unsere Urteile werden von allen Völkern wegen der Schandtaten des Gewählten getadelt und verurteilt. Wie überlegt es auch geschehen mag, dennoch ist der, der Sieger war, verworfen worden. Gewiss wurde vor dem Ausgang des Krieges beraten, und so wurde gekämpft. Wenn die Gefahren zuvorgekommen sind, werdet ihr vergeblich beraten; wo der Beschluss willkommen sein wird, dort dürft ihr mit Recht beginnen. Was Sache eines besorgten Anführers war, war ihm nach Prüfung aller Umstände offenkundig: Das Heer Vespasians war stärker. Seine Treue zu Vitellius war längst bewiesen. Hielt er den Ausgang des Krieges für entschieden, war der folgende Sieg gewiss; misstraute er, war offenbar, was bevorstand. Nicht wirklich der eigene Tod war ihm zum Schrecken, sondern die Gefahr des römischen Heeres und, was die Männer noch mehr schmerzt, zugleich der Verlust eines Teils ihres Ruhmes: dass man sie besiegt sehen sollte, die zu siegen gewohnt sind. Er musste gewiss davor Sorge tragen, dass man es nicht als Frage der Tapferkeit beurteilen würde, sondern als Folge davon, dass er in einer früheren Schlacht gesiegt hatte, und dass man es als Feigheit ansehen würde, weil er danach geschlagen worden war.

Mit solchen und ähnlichen Worten brachte er die Soldaten zu seiner Ansicht, sodass sie mit ihm zu Antonius gehen sollten. So ergaben sie sich ihm freiwillig. Doch da die Unbeständigkeit der Soldatenmenge sich gerade darin besonders zeigt, wurden viele in der Nacht auf ihren Lagern von Reue über den verlassenen Vitellius gequält: Wenn er die Oberhand gewinnen sollte, würde für sie, die ihren eigentlichen Feldherrn verlassen hatten, keine Möglichkeit der Begnadigung bleiben. So standen sie auf und begannen zuerst mit jedem, dem sie auf dem Weg begegneten, dann mit allen zu beraten, wie sie ihre Schuld sühnen könnten. Sie zogen die Schwerter und stürzten sich auf Caecina, weil sie ihre Kränkung rächen wollten. Doch die Zenturionen und Befehlshaber traten dazwischen; sie hielten es zwar für nötig, von seinem Tod abzusehen, beschlossen aber dennoch, ihn gefesselt zu Vitellius zu schicken. Als Antonius dies erfuhr, setzte er die Männer in Bewegung, die er mitgebracht hatte, und drang mit ihnen unter Waffen auf die Aufständischen ein. Als diese aber sahen, dass sich die Heersäule nach verschiedenen Richtungen wandte, rüsteten sie sich zum Kampf. Doch sie wagten nur kurze Zeit Widerstand zu leisten. Als sie sich zur Flucht nach Cremona wandten, kam Antonius ihnen mit Reiterei entgegen und verhinderte, dass alle die Stadt erreichten, damit die gemeinsam Fliehenden nicht aufgenommen würden; vor der Stadt eingeschlossen, ließ er sie töten. Eine große Menge wurde dort erschlagen; die Übrigen verfolgte er bis in die Stadt selbst und ließ sie töten. Nachdem alles geplündert worden war, wurden viele Händler, die von auswärts gekommen waren, und viele Einwohner, die ihr Eigentum vor Plünderung schützen wollten, getötet. Dreißigtausend wurden getötet, dazu zweihundert Männer aus dem Heer des Vitellius, die anwesend waren. Auch Primus, denn dies war ebenfalls ein Beiname des Antonius, verlor viertausendfünfhundert mesiacianische Soldaten, weil die vitellianischen Truppen aus Verzweiflung an ihrer Rettung und im Wunsch, sich zu rächen, den Truppen des Antonius, als sie sich umzingelt sahen, einen keineswegs unblutigen Sieg überließen. Caecina wurde von seinen Fesseln befreit und von Antonius zu Vespasian geschickt; dort wurde er vom Makel des Verrats nicht nur durch die Befreiung von der Sorge um seine Sicherheit entlastet, sondern sogar durch die Gewährung von Belohnungen.

Durch die Nachricht von diesem Sieg ermutigt, wollte Sabinus sich beim Befehlshaber eine Empfehlung verschaffen, falls er dem heranrückenden Antonius zuvorkäme, sei es durch die Vernichtung oder durch die Vertreibung des Vitellius, wenn Vitellius Widerstand leistete und wenn Antonius, von dem man immer wieder hörte, er sei schon nahe, zu Hilfe käme. Daher sammelte er Soldaten um sich, eine Schar aus jenen Reihen, die in Rom stationiert waren und für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgten. In der Nacht besetzt er also das Kapitol. Im Lauf des Tages strömen viele Vornehme zu ihm, unter ihnen auch Domitian, der Sohn von Vespasians Bruder, der fürchtete, die Rache der Vitellianer könnte sich gegen ihn als Neffen Vespasians wenden. Zwischen beiden greift Vitellius die nähere Gefahr an, weniger beunruhigt von der weiter entfernten, denn nähere Gefahren schrecken mehr. Im Zorn schickt er die Germanen gegen das Kapitol; sie waren, von der ungeheuren Körpergröße ihres Volkes her, äußerst gewalttätig und zugleich an Zahl überlegen und umzingelten die Kriegsschar des Sabinus. Fast alle wurden getötet. Domitian aber fand mit den meisten Vornehmen, während die Germanen gegen die Höhen des Kapitols andrängten und durch die günstige Lage sowie von Sabinus und seinen Gefährten zurückgedrängt wurden, eine Gelegenheit zur Flucht; durch Zufall wurde er, zum Schaden des Staates, selbst gerettet, um künftig ein Tyrann zu werden. Vitellius lässt Sabinus unter Folter töten; alle Gaben, die dem Kapitol dargebracht worden waren, werden geplündert, und der Tempel wird verbrannt.

Nach einem Tag trifft Antonius ein; er rückt von verschiedenen Seiten heran. Nach einem dreifachen Zusammenstoß an den Mauern der Stadt werden alle Vitellianer in die Flucht geschlagen und getötet. Inzwischen hielt Vitellius ein Gelage, damit ihm, der nun sterben sollte, keine Mahlzeit entginge; und wie es Menschen im Übermaß am Ende zu tun pflegen, stopfte er sich weiter mit den Speisen seiner letzten Tafel voll und betäubte sich mit zahlreichen Bechern Wein, um die künftige Beschimpfung und Gefahr nicht mehr wahrzunehmen. Er wird vom Gastmahl weggerissen, durch die Menge geschleppt, als Todgeweihter beschimpft; man fügt ihm Misshandlungen zu, die er in seiner Trunkenheit nicht spürt. Mitten in der Stadt wird er getötet, während Wein und Blut zugleich aus ihm hervorströmen und er den getrunkenen Wein herausrülpst. Hätte er länger gelebt, hätte er im täglichen Leben den Reichtum des römischen Reiches durch die Kosten seiner Ausschweifungen und den Aufwand seiner Tafeln aufgezehrt. Schließlich herrschte er acht Monate und fünf Tage, und schon hatte Rom seiner Gefräßigkeit nicht mehr genügt. Die übrigen Getöteten wurden auf mehr als fünfzigtausend geschätzt.

Am folgenden Tag rückten Mucianus und Antonius gemeinsam mit dem Heer ein und konnten dem Töten der wütenden Soldaten nur mit Mühe Einhalt gebieten. Denn diese jagten die Vitellianer, die es gewagt hatten, die höchste Gewalt des Reiches zu errichten, und durch eine so schwere Herausforderung aufgebracht, durchsuchten sie die Häuser von Privatleuten; fanden sie dort unter der Bevölkerung einige, die sich aus Furcht verborgen hielten, töteten sie sie als Vitellianer, noch bevor eine Untersuchung die Wahrheit ans Licht gebracht hatte. So kam allzu oft die Raserei der Sieger dem Verhör zuvor. Und weil Vespasian nicht anwesend war, übertrug Mucianus Domitian wegen der Zwischenherrschaft die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten, damit kein Vergehen ohne angemessene Behandlung bliebe. Noch hatte sich jedoch der Drang zu schändlichen Taten in Domitian nicht ganz ergossen. Bis dahin war er in seinen moralischen Fehlern noch unbeholfen und im Verbrechen ebenso ein Anfänger wie in der Herrschaft. Vespasian war durch stürmisches Wetter aufgehalten worden; da ihm die Winde das Meer verschlossen hatten, kehrte er mit seinem Sohn nach Alexandria zurück. Als ihm dort die Nachricht vom Sieg und vom Wohlwollen des römischen Volkes gegen ihn bekannt gemacht worden war, beschloss er, seine Abreise zu beschleunigen, damit in seiner Abwesenheit keine Veränderung bewirkt würde. Doch ließ er auch den Krieg in Judäa nicht unbeaufsichtigt, sondern meinte, er müsse ihn seinem Sohn anvertrauen, als Gefährten ihrer Mühen und als seinem Nachfolger, damit er selbst den Römern nicht fehlte und den Juden nicht Vespasian, den sein Sohn vertreten würde. Titus, ausgewählt als Vollstrecker des Triumphs seines Vaters, wurde mit einer ausgewählten Truppe entsandt. Die Fußsoldaten brachen auf und zogen nach Nikopolis. Diese Stadt liegt dreiundzwanzig Stadien von Alexandria entfernt. Von dort wurden die Soldaten auf eine Flotte größerer Schiffe gebracht, und er fuhr auf dem Nil bis zur Stadt Thmuis. Von dort brach er auf und verweilte in der Stadt, die den Namen Tanis trägt. Der zweite Aufenthalt der Reisenden war die Stadt Herakleus, der dritte Pelusium. Nachdem man bei Pelusium zwei Tage in einem stehenden Lager verbracht hatte, zog er durch die Wüste und gelangte bis zum Tempel des Casus Jupiter. Es folgte der Aufenthalt Ostrakine; dort fehlten Wasserquellen, doch verschafften sich die Bewohner durch Fleiß Abhilfe und legten eine Wasserleitung an. Die Rinocorier nahmen das vorrückende Heer nicht ohne willkommene Erfrischung auf. Dann zeigte sich die Stadt Raphiul, die für Reisende aus Ägypten der Anfang Syriens ist. Man kam nach Gaza, das war für die Ankommenden die fünfte Stadt, von dort nach Askalon, dann nach Jamnia, von wo man nach Iopen hinübergeht; schließlich gelangte man nach Caesarea, wo man kurze Zeit bleiben und auch eine Truppe von Soldaten sammeln musste, die noch im Winterlager standen. Und schon ließ die Strenge des Winters nach.

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