Über den Vater und den Sohn
Weil uns die Liebe und die Brüderlichkeit nach Gott – und nicht nur die Liebe nach Gott, sondern sogar die menschliche Brüderlichkeit – dazu gedrängt haben, euch zu schreiben, damit ihr unser Leben erkennt, insofern wir es von den heiligen Lehrern der katholischen und apostolischen Kirche gelernt oder durch sie erkannt haben, während Gott durch unsere Hoffnung auf den Herrn Christus Jesus die Gnade schenkt, wollen wir es wagen und, wenn auch nur in geringem Maß, bekennen, euch etwas in Bezug auf unser Heil darzulegen, nämlich den Glauben der heiligen katholischen und apostolischen Kirche.
Darum reden wir als Antwort auf die Verleumdung der Ungelehrten: Der Vater ist immer fruchtbar gewesen, niemals unfruchtbar; der Vater ist immer vernünftig gewesen, niemals ohne das Wort; der Vater ist immer weise gewesen, niemals ohne Weisheit. Denn zu wem sagte er: „Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild und nach unserer Ähnlichkeit“1 , wenn nicht zu seinem Sohn? Und in der Tat: „das Wort war Gott,“2 wie das Evangelium nach Johannes sagt. Denn der hochgeehrte Apostel Barnabas, der „Sohn des Trostes“ genannt wird, sagt in seinem Brief, dass der Vater zu seinem Sohn sagte: „Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild und nach unserer Ähnlichkeit.“ (Barnabas 6:12) Und der heilige Apostel sagt auch im Brief an die Römer: „Christus, die Kraft Gottes und die Weisheit Gottes,“3 und wieder in demselben Brief: „dem einzigen weisen, unsichtbaren Gott sei Ehre und Herrlichkeit in Ewigkeit.“4 Und wieder heißt es im Evangelium nach Johannes: „Niemand hat Gott jemals gesehen; der einziggeborene Gott, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn bekannt gemacht.“5
Nun bedeutet „Schoß“ die ganze Fülle des Körpers, in die man das aufnimmt, was einem am meisten lieb ist, so wie „der Jünger, den der Herr liebte, im Schoß war, an der Brust angelehnt,“6 und in der Brust sind die Sinne – in ihr sind das Herz, das Hören, das Denken, die Vernunft, die Klugheit, das Verständnis, die Wahrnehmung, die Gelassenheit, die Stille, die Freiheit von Aufruhr, die Sanftmut, der Frieden, die Langmut, die Nachsicht, die Ausdauer, die Standhaftigkeit, die Selbstbeherrschung, die Würde, die Reinheit, die Lauterkeit, die Heiligkeit, die Gerechtigkeit, das Licht, die Weisheit, die Wahrheit, das Leben. So ist der Schoß des Vaters: der Heilige Geist, in dem alle Tugenden und Kräfte und Energien des Vaters sind. Dieser Schoß ist unaussprechlich, unergründlich, voll, vollkommen, nicht zu fassen, überströmend von jedem Guten. Und das Wort ist derjenige, der die Verheißung erfüllt; darum sagt der Evangelist: „Niemand hat Gott jemals gesehen; der einziggeborene Gott, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn bekannt gemacht.“5 Darum ist der Vater immer Vater, weil der Sohn in Ewigkeit ewig ist.
Wie also kann der Vater immer Vater und der Sohn immer Sohn sein? Ich bin der Vater meines eigenen Wortes, und immer wenn ich beschließe, mein Wort hervorzubringen, und wenn mein Wort andere Ohren erreicht, wird mein Wort doch nicht von mir getrennt; denn das Wort ist der Wille seines Vaters. So dient das Wort dem Vater überall, ohne jemals von ihm getrennt zu werden. Und so wie wir, wann und wohin wir wollen, unseren eigenen Geist aussenden, und wenn der Geist ferne Orte erreicht, wird er dort betrachtend tätig, ohne von uns losgerissen zu werden – wenn du also schon an solchen kleinen, nur aus Nachsicht gewählten Bildern festhalten willst, dann bedenke, wie grenzenlos das unermessliche Meer ist, wie weit die unendliche Größe, wie unbegreiflich die Macht, wie unaussprechlich die Majestät des Vaters. Denn geoffenbart wurde die Erkenntnis der unermesslichen und unbegreiflichen Größe, und gesehen wurde das, was verborgen war, damit das Sichtbare der Sohn sei und das innerlich Gedachte Gott und Vater; er, der in überreichem Maß freigebig und gut ist, hat gewollt, in einer Gabe erkannt zu werden, und er hat einzig ihn gegeben, damit wir Gott als Vater erkennen – ist das nicht durch sein Wort geschehen?
Und wie bringen wir Flehen und Gebete und Bitten und Danksagungen vor Gott, den Vater? Geschieht das nicht durch sein Wort? Und die Fürstentümer und die Mächte und die Gewalten derer, die zur Rechten der Gerechtigkeit sind – Engel, Erzengel, Herrschaften, Obrigkeiten, göttliche Mächte, alle Naturen, Stämme, Völker und Sprachen –, sie alle bringen Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit dar – wie? Durch sein Wort. Was ist stärker als das Wort? Was ist mächtiger als das Wort? Was ist reicher als das Wort? Was ist herrschaftlicher als das Wort? Was ist königlicher als das Wort? Was ist weiser als das Wort? Was ist göttlicher als das Wort? Was ist herrlicher als das Wort? Seiner Gestalt nach ist es unsichtbar; seine Schönheit ist unnachahmlich; seine Herrlichkeit ist unerforschlich; seine Reichtümer sind unermesslich. Das Wort hat Gott, den Vater, offenbart; das Wort hat uns das Leben geschenkt; das Wort hat uns das Licht gezeigt; das Wort ist uns mit der Liebe des Vaters vorausgegangen; das Wort hat alles geordnet; das Wort hat alles erfüllt; das Wort hat alles zur Vollendung geführt; das Wort ist „in die unteren Teile der Erde hinabgestiegen und hinaufgestiegen über alle Himmel,“7 ; das Wort hat den Menschen Gott sichtbar gemacht; wenn das Wort nicht wäre, wäre nichts. „Durch ihn ist alles geworden, und ohne ihn wurde nicht eines, das geworden ist,“8 denn der Vater hat alles durch das Wort gemacht. Darum ist der Vater immer Vater, weil der Sohn in Ewigkeit ewig ist.
Wie also ist es besser zu verstehen, dass der Vater immer Vater und der Sohn immer Sohn ist? Die Aussage ist nicht dunkel, sondern überaus klar: Das Zeugen gehört seinem eigenen Wesen wesenhaft und im Überfluss, weshalb der aus ihm Hervorgehende der Eingeborene genannt wird; darum tritt die hervorgehende Natur aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare hervor. Der Vater zeugt aus sich selbst das Abbild seiner eigenen Güte, er gestaltet nach der Ähnlichkeit seiner eigenen Gerechtigkeit das Innerste, den Geist, das Verständnis, seine Weisheit, das Angesicht seines Denkens gemäß dem Plan seiner Vorsehung, das Dasein seiner Macht, das Gepräge seiner Hypostase, die Frucht seines Herzens gemäß der Majestät seiner Größe – sein gutes Wort. Wenn das Wort im Geist schweigt, herrscht Stille; wenn aber der Geist alles erleuchten will, tritt das Wort hervor zur Erleuchtung aller. Denn „alles, was sichtbar wird, ist Licht,“9 und wieder sagt der heilige Apostel Paulus im Brief an die Hebräer: „...der durch das Wort seiner Macht alles offenbar macht.“10 Das Unsichtbare und Verborgene und Ungesprochene und Unaussprechliche hat er uns durch sein gutes Wort, den Reichtum seiner Herrlichkeit, in Fülle geoffenbart, wie auch David in den Psalmen sagt: „Mein Herz hat ein gutes Wort ausgegossen.“11
Und wieder sagt er in einem anderen Psalmen: „Im Glanz der Heiligen, aus dem Schoß, vor dem Morgenstern habe ich dich gezeugt.“12 Und das kostbare, von Gott eingegebene Evangelium nach Lukas spricht aus dem Mund seiner Propheten von alters her: „Durch das herzliche Erbarmen unseres Gottes, mit dem uns der Aufgang aus der Höhe besucht hat, das ewige, wahre, unvergängliche und schattenlose Licht.“13 Nachdem er ihn gezeugt hat, sieht der Vater sich selbst mit Freude im Sohn; und wie der heilige Apostel Paulus im Brief an die Kolosser sagt: „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung.“14 Und weiter steht in der Offenbarung des Johannes geschrieben: „Der Erstgeborene und der Letzte, der im Anfang und im Ende ist, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige.“ 15 Und bei Jesaja heißt es: „Denn du bist Gott, und in dir ist Gott, und wir haben es nicht erkannt, der Gott Israels.“16 Und mit diesen stimmt auch das apostolische Wort im Brief an die Hebräer überein; denn wenn er sagt: „der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Gepräge seiner Hypostase,“10 dann hat er uns gezeigt, dass der Sohn immer beim Vater ist.
Denn auch wenn wir beispielhaft reden, um im Denken die Einheit von Geist und Wort zu verankern, ist das weder zurückzuweisen noch missbilligenswert, denn die göttliche Schrift weigert sich nie, durchschaubare Wahrheiten durch sinnlich fassbare Bilder vor Augen zu stellen. Wenn der Retter sagt: „Womit soll ich das Reich der Himmel vergleichen? Es gleicht einem Senfkorn...,“17 gibt er uns ein Vorbild und lehrt uns, dass auch wir solche dargebotenen Gleichnisse verwenden dürfen. Darum wollen auch wir dieses Gleichnis gebrauchen und zeigen, dass der Sohn immer beim Vater ist: Nehmen wir an, der Vater sei Feuer. Gibt es irgendein Feuer ohne seinen Glanz oder ohne das Gepräge seiner Substanz? Denn der Glanz ist ein Zeichen des Feuers, und das Gepräge ist der Beweis seines Daseins; und das Gepräge zeigt das Dasein des Feuers. Wie könnten also das Gepräge und der Glanz etwas Fremdes sein und nicht vielmehr die eigene Frucht des Feuers, durch deren Frucht die Kraft des Feuers bekannt wird? Und auch die Wirkkraft ist zugleich mit dem Feuer; durch diese Wirkkraft wird gezeigt, dass das Gepräge und der Glanz mit ihm sind, so dass die Wirkkraft und die zeugende Kraft beisammen sind; und die zeugende Kraft ist immer beim Feuer.
Wenn jemand dies dem Feuer wegnehmen würde, würde er das Feuer nicht einmal mehr als Feuer anerkennen. So können wir also sagen: Wenn jemand, sage ich, nicht anerkennt, dass die zeugende Kraft beim Vater ist, wird er auch den Vater nicht anerkennen; denn der Vater wäre dann nicht von Natur aus Vater, sondern hätte den Namen Vater nur äußerlich erworben, und so wäre er nicht vollkommen – aber ein solcher Gedanke soll uns niemals kommen. Da uns jedoch durch die, die sich weigern zu bekennen „immer Vater, immer Sohn“, eine Notwendigkeit auferlegt worden ist, spreche ich dieses Wort aus, um ihre Lästerung aufzudecken. Damit ich also die Darlegung nicht weiter in die Länge ziehe, habe ich meiner Geringheit entsprechend für richtig gehalten, dies zu sagen; dem unsichtbaren und weisen Gott aber gehören Ehre und Herrschaft und Majestät und Glanz, jetzt und allezeit, der da war und ist und sein wird von Generation zu Generation und in die unvergänglichen, unverweslichen Ewigkeiten der Ewigkeiten, amen.
Schriftstellen
- Gen 1,26
- Joh 1,1
- 1Kor 1,24
- Röm 16,27
- Joh 1,18
- Joh 13,23
- Eph 4,9-10
- Joh 1,3
- Eph 5,13
- Hebr 1,3
- Ps 44,2
- Ps 109,3
- Lk 1,78
- Kol 1,15
- Offb 1,8; Offb 1,17
- Jes 45,15
- Mt 13,31
