Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

Kirchengeschichte Buch 8

Rufinus von Aquila ⏱️ 48 Min. Lesezeit
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Es übersteigt unsere Kräfte zu berichten, wie wunderbar und wie großartig sich das Wort Christi und die Lehre der Frömmigkeit vor der Verfolgung unserer Tage durch die ganze Welt Bahn brachen und welche Erhabenheit sie erreichten. Ein Beweis dafür ist, dass manche der römischen Herrscher sogar den Unseren die Macht übertrugen, Provinzen zu regieren und Recht zu sprechen, und ihren Frauen, Dienern und ihren ganzen Haushalten erlaubten, nicht nur an unseren Herrn Jesus Christus zu glauben, sondern ihren Glauben mit voller Zuversicht und Freiheit zu bekunden. Sie nahmen jene als vertraute und enge Gefährten an, von denen sie aufgrund ihres Glaubens an Christus sicher sein konnten, dass sie völlig frei von Falschheit waren. So war jener höchst berühmte Mann Dorotheus aus dem Stab der kaiserlichen Kämmerer, der wegen seines Glaubens an den Herrn als höchst vertrauenswürdig galt, sodass ihm verdientermaßen mehr Ehre und Liebe zuteilwurde als den Übrigen. Mit ihm waren Gorgonius und die anderen, die im Herrn treu waren und die höchsten Ehren im Palast genossen oder verdientermaßen anderen bei der Regierung von Provinzen vorgezogen wurden, in Anbetracht ihrer Treue. Wer aber könnte nun würdig die Volksmengen beschreiben, die sich in den Kirchen versammelten, und die zahllosen Scharen, die an jedem Ort zusammenströmten, besonders an den Festtagen? Nicht einmal die alten Räumlichkeiten reichten für sie aus, sondern die Gebetshäuser breiteten sich täglich aus, sodass ihre Ausdehnung jener von Städten zu gleichen schien.

So geschah es, dass sich die Lage der meisten Kirchen durch ihr erfolgreiches Wachstum verbesserte und ihr Ruhm sich über die Erde erhob und alles andere übertreffend dem Himmel entgegenzueilen schien. Denn sie begegnete keinem Neid; die Missgunst jenes bösesten Dämons setzte ihr nichts entgegen, weil das Volk wahrhaftig von der rechten Hand des Himmels gestützt wurde – was es damals aufgrund seiner Ausübung der Frömmigkeit und Hingabe an die Gerechtigkeit von Gott noch verdiente. Doch als die Moral verdorben und die Disziplin durch das Übermaß an Freiheit und Milde ruiniert war, während wir einander beneideten und herabwürdigten, während wir uns gegenseitig beschimpften und kritisierten und internen Krieg gegeneinander führten, während unsere Worte wie Geschosse die Herzen der Nächsten verwundeten, während wir uns in Zwietracht und Streit stürzten, Leiter gegen Leiter und Volk gegen Volk, während Gesichter heuchelten, Herzen Unheil sannen, die Rede Betrug verbarg und die Masse der Übel Schritt für Schritt anschwoll, da begann die göttliche Vorsehung – den Verlust der Disziplin betrachtend, den ihr Volk durch den üppigen Frieden und die ihm gewährte übermäßige Zügellosigkeit duldete – zunächst schrittweise jene zurückzuhalten, die strauchelten. Vorerst ließ sie zu, dass nur jene im Militärdienst durch die Verfolgung der Heiden angegriffen wurden; der Zustand der Kirche und der Gemeinden blieb noch unversehrt.

Doch dadurch kehrte beim Volk keine Einsicht in seine Milde zurück; vielmehr meinten sie, der Lauf der Dinge geschehe ohne göttliche Vorsehung, als ob sie Gott nicht kennen würden, und verharrten so in ihrem Unrecht. Und gerade jene, die als Leiter und Herrscher des Volkes angesehen wurden, entbrannten gegeneinander in Konflikten, Eifersucht, Neid, Stolz, Feindschaft und Hass, sodass sie sich eher für Despoten als für Priester hielten, die christliche Demut vergessend, während sie die heiligen Mysterien mit profanem Sinn feierten. Dann endlich, gemäß den Worten des Propheten Jeremia: „Der Herr hat in seinem Zorn die Tochter Zion verdunkelt und die Herrlichkeit Israels vom Himmel geworfen und an seinen Fußschemel nicht gedacht am Tag seines Zorns.“1 Und wie er wiederum sagt: „Der Herr hat alle Schönheit Israels versenkt und all seine Mauern niedergerissen.“2 Und wiederum, wie er in den Psalmen sagt: „Er hat den Bund seines Knechtes zerstört, sein Heiligtum zur Erde entweiht“ – durch die Zerstörung der Kirchen – „er hat all seine Mauern zerstört und seine Festungen zur Furcht gemacht; alle, die am Weg vorübergingen, haben sein Volk ausgeplündert, weswegen wir unseren Nachbarn zur Schmach geworden sind. Denn er hat die rechte Hand unserer Feinde erhoben und die Hilfe seines Schwertes abgewendet und uns im Kampf nicht geholfen, sondern ihn sogar aus der Reinigung vertilgt und seinen Thron zu Boden geschmettert. Er hat unsere Tage verkürzt und vor allem Schande über uns ausgegossen.“3

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Denn der Gipfel aller Übel erreichte uns, als die Gebetshäuser und die Kirchen des lebendigen Gottes bis auf den Grund niedergerissen und zerstört wurden, während man die heiligen Schriften mitten auf den Straßen verbrannte. Oh, welch ein Schrecken! Wir sahen mit eigenen Augen, wie die Priester des Herrn und Hirten der Kirchen öffentlich nackt ausgezogen und von den Gottlosen schamlos und frech hierhin und dorthin geschleift wurden, damit sich die prophetischen Worte erfüllten, die da lauten: „Verachtung ist über die Fürsten ausgegossen worden, und er hat sie in die Irre geführt, wo kein Weg ist, und nicht auf den rechten Pfad.“4 Doch es ist nicht unsere Sache, die vielen Arten des Unrechts zu beschreiben, das den Priestern Gottes angetan wurde, genauso wenig wie wir es als unsere Aufgabe ansahen, im Detail zu erklären, wie groß die Raserei war, die zuvor unter den Unseren entbrannt war. Das Einzige, was wir festhalten dürfen, ist, dass wir die göttliche Hand in Gottes gerechtem Gericht und notwendiger Zurechtweisung spürten. Auch ist es nicht von Belang, anzugeben, wegen wem der Sturm der Verfolgung losbrach oder wen das Unwetter der Untreue überwältigte oder wie viele es waren; ich werde nur das aufzeichnen, was uns selbst, die wir es sagen, oder andere, die es hören, erbauen wird. Aus diesem Grund werden wir von nun an kurz und nach bestem Können von den göttlichen Wettkämpfen der seligsten Märtyrer berichten. Es war das neunzehnte Jahr der Regierung Diokletians, der Monat März, und der feierliche Tag des Passahfestes war nahe, als die Edikte des Herrschers überall im Land ausgehängt wurden, die befahlen, dass alle Kirchen überall bis auf den Grund zerstört werden sollten, dass die heiligen Schriften verbrannt werden sollten, dass jene von uns, die durch ein Amtsprivileg geschützt waren, dieses verlieren und der Ehrlosigkeit anheimfallen sollten, und dass kein Sklave, der Christ blieb, die Freiheit erlangen könne. All dies stand in den Edikten, die zuerst gegen uns erlassen wurden. Andere wurden kurz darauf hinzugefügt. Es wurde der Befehl gegeben, dass alle Vorsteher der Kirchen an jedem Ort zuerst in Fesseln geworfen und dann durch jede Art von Folter gezwungen werden sollten, den Götzen zu opfern.

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Da wurden die Priester Gottes wahrhaftig zu einem gewaltigen „Schauspiel für diese Welt und für Engel und Menschen“5 , als die Verfolger sie in ihrer Grausamkeit zur Folter schleiften und sie Wettkämpfe bestanden, die für alle ein Wunder waren. Jene jedoch – und es war die weitaus größere Zahl –, die die Furcht unterwarf und der Terror schon vor dem ersten Kampf zu zermalmen vermochte, will ich lieber übergehen. Die anderen aber, von bereiterem Geist und stärkerem Glauben, erlitten die Qualen. Manche wurden durch Geißelung zerfleischt, anderen riss man die Nägel heraus, wieder andere wurden mit glühenden Platten versengt. Eine Anzahl von ihnen gab erschöpft auf, während andere bis zum Ende ausharrten. Manche der Verfolger, als seien sie von Mitleid bewegt, brachten einige der Unseren zu den unheiligen Opfern und erhoben ein Geschrei, als hätten diese geopfert, obwohl sie nicht geopfert hatten. Andere hatten sich den unreinen Opfertieren nicht einmal genähert, doch diese Leute schrien, jene hätten das Opfer bereits vollzogen, und sie gingen fort, schuldig nur darin, dass sie die gegen sie erhobene Anschuldigung schweigend erduldeten. Andere, halbtot nach ihrem Leiden, wurden wie tot hinausgeworfen. Andere wurden an den Füßen fortgeschleift, um zu jenen gezählt zu werden, die geopfert hatten. Manche riefen laut und bezeugten, dass sie nicht geopfert hatten, sondern Christen waren, glücklich, durch dieses Bekenntnis geehrt zu werden. Eine Anzahl von ihnen zeigte sogar noch größere Zuversicht, indem sie bezeugten, dass sie weder geopfert hatten noch es jemals tun würden. Doch die anwesenden Soldaten schlugen ihnen sofort ins Gesicht und auf die Augen, um sie zum Schweigen zu bringen, und stießen sie gewaltsam hinaus, als hätten sie zugestimmt. So eifrig waren sie darauf bedacht, den Anschein zu erwecken, ihr Ziel erreicht zu haben. Doch es war ihnen nicht vergönnt, mit diesen Taten gegen die seligen Märtyrer davonzukommen. Deren Tugend der Geduld und Seelengröße werden wir erzählen, so gut wir können, gemäß unseren bescheidenen Fähigkeiten, auch wenn keine Zunge ihr gerecht werden könnte.

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Zunächst also, da dieses Feuer, wie wir sagten, von einem winzigen Funken allein unter den Soldaten entfacht wurde, als jene im Militärdienst, die Christen waren, ausgesondert und vor die Wahl gestellt wurden, entweder die Opfer darzubringen oder den Dienst und das Leben selbst aufzugeben, da gaben die meisten von ihnen für ihren Glauben an Christus den Dienst auf, und einige wenige gaben sogar auch ihr Leben hin. Doch als das so entfachte Feuer zu einer Feuersbrunst ausbrach, die Völker und Priester ergriff, wurde es unmöglich, die Zahl jener zu nennen, die täglich in fast jeder Stadt und Provinz den Märtyrertod erlitten.

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In Nikomedia etwa sah einer der Prominenten, ausgezeichnet durch weltliche Ehre und Rang, kaum die grausamen Edikte gegen die Anbeter Gottes auf dem Platz hängen, als er von der übermäßigen Glut seines Glaubens entflammt wurde. Vor den Augen des Volkes ergriff er offen das Dokument des ungerechten Gesetzes, riss es herunter und zerfetzte es in Stücke – und das, während ein Augustus zusammen mit einem Cäsar in ebenjener Stadt residierte! Als man ihnen berichtete, was dieser fromme und angesehene Mann getan hatte, entfesselten sie jede Art von Bestialität gegen ihn, doch sie brachten es nicht fertig, ihn in seinen Qualen vor irgendjemandem auch nur bekümmert erscheinen zu lassen; sein Gesicht blieb glücklich und freudvoll, selbst als seine Eingeweide unter den Schmerzen nachgaben, und die Freude seines Geistes strahlte aus seinem Antlitz. Seine Peiniger litten dadurch umso schmerzlicher, da sie jede Form der Marter an einem verschwendeten, den sie dadurch nicht einmal zu betrüben vermochten.

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Danach wandte sich die Raserei gegen einen der Gefährten des Dorotheus, jene aus dem Stab der kaiserlichen Kämmerer, die man immer so sehr geliebt hatte wie eigene Kinder. Es geschah nämlich, dass er, als er offen Einspruch gegen die schweren Folterungen erhob, die dem eben erwähnten Märtyrer zugefügt wurden, selbst befohlen wurde vorzutreten, und man bedrängte ihn zu opfern. Und als er sich weigerte, befahl man, ihn aufzuhängen und seinen ganzen Körper von Peitschen zerfetzen zu lassen, damit der Schmerz ihn zwinge, das zu tun, was er auf Geheiß nicht tun wollte. Doch als er unerschütterlich blieb, wurde befohlen, Essig und Salz über seine Eingeweide zu gießen, die nun der Haut beraubt waren. Und als er auch diese Qual tapfer und mutig ertrug, wurde befohlen, einen mit glühenden Kohlen ausgebreiteten Rost in die Mitte zu stellen und das, was von seinem Körper nach der Zerfleischung durch die Geißelung noch übrig war, daraufzulegen – aber nicht alles auf einmal, sondern langsam und schrittweise, damit die Qual in die Länge gezogen würde.

Die Handlanger des Bösen drehten seinen Körper hierhin und dorthin, peinigten jedes einzelne Glied nacheinander und erneuerten die Qual in der Hoffnung, ihn zum Nachgeben zu zwingen. Doch er blieb fest im Glauben und jubelnd in der Hoffnung. In seinem Glauben frohlockend hauchte er seinen letzten Atemzug aus – sein Fleisch war nun verzehrt – und kam im Feuer um. So beschaffen war das Martyrium, mit dem Petrus geschmückt wurde, denn so lautete sein Name: ein wahrer Erbe des Glaubens und des Namens des Petrus. Sein Unterweiser in der Lehre und Leiter bei den Diensten innerhalb des Palastes war Dorotheus, der kaiserliche Kämmerer, dessen Ebenbild an Dienst, Glauben und Seelengröße sein Gefährte Gorgonius war. Ihrer hervorragenden Führung war es zu verdanken, dass fast alle Bediensteten des Kämmerers intensiv und frei im Glauben an Gott ausharrten. Als daher Dorotheus und Gorgonius sahen, wie Petrus die ihm zugefügten grausamen und wilden Folterungen so tapfer und frei ertrug, sagten sie: „Majestät, warum bestraft Ihr Petrus für eine Überzeugung, die wir alle teilen? Warum wird ihm zur Last gelegt, was wir alle bekennen? Das ist unser Glaube, das ist unsere Religion und die eine Überzeugung, die uns gemeinsam ist.“ Dennoch ließ er sie vorführen und befahl, sie durch Erhängen hinzurichten, nachdem er sie fast denselben Foltern unterworfen hatte wie die Vorangegangenen.

Zu ebenjener Zeit empfing auch Anthimus, der Bischof jener Stadt, die Herrlichkeit des Martyriums durch Enthauptung, als er im Bekenntnis zu dem Herrn Jesus Christus beharrte. Und fast seine ganze Herde folgte ihm wie einem wahrhaft guten Hirten, als er den Weg zum Martyrium voranging. Es geschah nämlich, dass zu dieser Zeit ein Teil des Palastes in Nikomedia Feuer fing. Der Kaiser hegte den falschen Verdacht, die Unseren hätten es getan, und entbrannt in grenzenloser Wut befahl er, alle der Unseren wahllos zusammenzutreiben und die einen mit dem Schwert zu enthaupten, die anderen aber lebendig zu verbrennen. Doch in ihnen brannte durch göttliche Gnade ein größeres Feuer des Glaubens. So kam es, dass, als die anwesenden Beamten sie einen nach dem anderen fragten, ob sie vielleicht nach einer Opferung freigelassen werden wollten, weder die Männer noch die Frauen auch nur darauf warteten, gefragt zu werden; vielmehr stürzten sie sich aus eigenem Antrieb in die Flammen oder wetteiferten miteinander, ihre Nacken den Schwertern der Henker darzubieten. Und als die übermäßige Grausamkeit selbst die Zuschauer entsetzte, pferchten die Handlanger des Bösen einen Teil des Volkes in Boote, schleppten sie auf das offene Meer hinaus und warfen sie, als sie in ihrer Überzeugung im Glauben beharrten, in die Tiefe. Ihre grausame Wildheit erreichte tatsächlich einen solchen Grad, dass sie die kaiserlichen Diener, die den Märtyrertod erlitten hatten und auf die übliche zivilisierte Weise bestattet worden waren, wieder ausgruben und ihre Körper ins Meer warfen, indem sie sagten: „Sie dürfen nicht zu Göttern der Christen werden, damit nicht jene, die sich weigern, die Götter anzubeten, anfangen, unsere Sklaven zu verehren.“ Denn sie denken, dass wir den Märtyrern göttliche Ehre erweisen.

Während dies in Nikomedia geschah, wo der wilde, blutrünstige Urheber der Grausamkeit selbst nach dem Fleisch der Frommen geiferte, wurde in der Provinz Melitene und in Syrien mit nicht geringerer Eile vorgegangen, um alle Vorsteher der Kirchen ins Gefängnis zu werfen und in Fesseln zu legen, gemäß den kaiserlichen Edikten, während gleichzeitig Männer und Frauen aus dem Volk, von hohem wie von niedrigem Stand, mit ihnen hinweggerissen wurden, wobei sich an jedem Ort ein elendes und abscheuliches Schauspiel bot. Denn in der Stadt herrschte plötzliche Stille, in den Gefängnissen ein gedrängtes Gewimmel, in den Straßen der Stadt keine Menschenseele, in den Gefängnissen kein freier Platz, sodass der Anblick weniger dem von Verurteilten glich, die in einen Kerker gebracht werden, als vielmehr dem einer ganzen Stadt, die ins Gefängnis verlegt wurde. Die für Mörder, Ehebrecher, Giftmischer und Grabschänder geschmiedeten Ketten schnürten nun die Hälse von Bischöfen, Presbytern, Diakonen, Lektoren und allem religiösen Volk ein, sodass für die Verbrecher weder Fesseln noch Plätze in den Kerkern übrig blieben. Als nun dem Herrscher zu Ohren kam, dass die Gefängnisse überquollen und aufgrund der den Unschuldigen auferlegten Strafe kein Platz mehr für die Verbrecher war, wurden neue Dekrete erlassen, dass jene Inhaftierten, die zu opfern wünschten, frei ausgehen dürften, während jene, die sich weigerten, auf verschiedene Weisen getötet werden sollten. Und dann übersteigt die Menge jener, die in jeder der Provinzen, besonders in Afrika und Mauretanien, der Thebais und Ägypten, den Märtyrertod erlitten, wahrlich jedes menschliche Zählvermögen.

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Auch steht es nicht in unserer Macht, einen angemessenen Bericht über jene zu geben, deren Wettkämpfe wir selbst in Palästina und Tyrus, der größten Stadt Phöniziens, sahen. Denn so gewaltig war die Tugend der Standhaftigkeit, die sie im Widerstand gegen die ihnen zugefügten Foltern in ihrem Kampf um die Frömmigkeit zeigten, dass man geneigt wäre, das Geschehene nicht zu glauben, wenn man nicht zuvor unserem Herrn und Retter geglaubt hätte, als er sagte: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“6 und wüsste, dass seine Kraft bei den Märtyrern zugegen war. Wir aber erzählen, wie gesagt, nicht vom Hörensagen, sondern was wir mit eigenen Augen sahen. Verschiedene Arten von Foltern wurden erdacht, eine folgte auf die andere. Die Körper der Märtyrer Gottes wurden zuerst mit Peitschen von oben bis unten zerfleischt. Danach wurden sie den Bestien übergeben: Löwen, Bären und Leoparden wurden herbeigebracht, und jede Art von wildem Tier, auch Eber und sogar Stiere, deren Wildheit durch Eisen und Feuer noch gesteigert wurde. All dies wurde gegen die Anbeter Gottes bereitgemacht, und jede Grausamkeit von Menschen, Bestien und sogar den Elementen wurde gegen sie aufgeboten. Ihnen gegenüber wurden die Anbeter Gottes nackt in die Mitte der Arena gestellt. Und so, noch wilder gemacht als sie ohnehin waren, brachen die Tiere aus ihren Käfigen, füllten im Nu das Stadion, umringten die in der Mitte postierte Kirche der Märtyrer, liefen immer wieder um sie herum und wichen, da sie spürten, dass der Schutz der göttlichen Kraft bei ihnen war, weit von ihnen zurück. Da aber sprang die Raserei, die in den Bestien gebremst war, auf die Menschen über. Niemand spürte die Gegenwart von Gottes Kraft; niemand erkannte den göttlichen Beistand, der den Frommen zur Seite stand, sondern jene, die geschickt darin waren, Bestien anzustacheln, wurden gegen die von Gottes rechter Hand Beschützten ausgesandt. Die Bestien jedoch zerfleischten im Augenblick jene Leute, die geschickt worden waren, um sie anzustacheln – als Beweis für alle, dass es ihnen nicht an Wildheit fehlte, sondern dass Gottes Schutz seine Anbeter schirmte.

Und als keiner dieser Spezialisten es mehr wagte, sich ihnen zu nähern, wurde den heiligen Märtyrern selbst befohlen, die wilden Tiere gegen sich aufzustacheln, indem sie ihre Arme schwenkten, als ob sie sie herausforderten. Aber nicht einmal so erlitten sie irgendeinen Schaden; wenn irgendeines der Tiere vielleicht aufgestört wurde und nahe kam, machte es sofort kehrt und sprang zurück. Da ergriff tatsächlich großes Staunen und Furcht alle Zuschauer, als sie nackte Menschen sahen, die meisten noch in ihrer Jugend, mitten unter so vielen und so großen Bestien platziert, ihre Hände und Augen ruhig und furchtlos zum Himmel erhoben und ihren Sinn ganz auf Gott gerichtet, während sie nicht nur auf irdische Dinge keine Acht gaben, sondern sogar ihr eigenes Fleisch geringachteten, wobei selbst die Beamten vor Furcht zitterten, als jene, die sie verurteilt hatten, mit glücklichen und fröhlichen Gesichtern inmitten der Bestien standen. Aber der Sinn der Sterblichen ist so stur und gottlos! Die Wildheit der Bestien wurde durch Gottes Kraft gezähmt, aber die Wut der Menschen wurde durch das Beispiel der wilden Tiere nicht gemindert; Gott wurde weiterhin von Menschen versucht. Andere, die echte Verbrecher waren, wurden den Bestien vorgeführt. Und kaum waren sie erschienen, da wurde einer von einem Löwen verschlungen, ein anderer von einem Leoparden und ein dritter von Bären, während wieder ein anderer von einem Stier in Stücke gerissen wurde, und so kamen sie alle im Nu um.

Doch selbst als sie so angestachelt wurden, rührten die Bestien die Anbeter Gottes in keiner Weise an, da der göttliche Geist sie wie eine stärkste Mauer umgab. Wahrhaftig ist der, der sagte: „Wo zwei oder drei von euch sein werden, da werde ich in ihrer Mitte sein.“7 Da nun die menschliche Wildheit auf diese Weise nichts erreicht hatte, wurde befohlen, die Bestien auszutauschen; die ersten wurden entfernt und andere an ihrer Stelle losgelassen. Und als auch diese, wie die ersten, den Anbetern Gottes keinen Schaden zufügten, wurden auch sie entfernt, und noch wildere Bestien – nämlich menschliche – wurden auf die Märtyrer gehetzt; sie allein konnten Ungeheuer an Unmenschlichkeit, wilde Tiere an Grausamkeit und Bestien an Scheußlichkeit übertreffen. Sie vollbrachten also mit ihren Schwertern, was sie mit ihren Bestien nicht vermochten. Und um zu zeigen, dass sie in jeder Hinsicht schlimmer waren als Ungeheuer, verboten sie sogar, die Leichname zu bestatten, sondern befahlen, sie den Gewässern zu übergeben.

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So beschaffen waren die wunderbaren Wettkämpfe in Tyrus, die die ehrwürdigen Märtyrer bestanden, die aus Ägypten in jene Stadt gekommen waren. In ihrer eigenen Provinz Ägypten aber achteten zahllose andere, ebenso glorreiche – Männer wie Frauen, Kinder zusammen mit Greisen – dieses gegenwärtige Leben gering, im Streben nach der Seligkeit der zukünftigen Herrlichkeit, gemäß ihrem Glauben an unseren Herrn Jesus Christus. Manche von ihnen wurden den Flammen übergeben, nachdem sie geschlagen, mit Krallen zerfleischt, gegeißelt und auf verschiedene andere Weisen schrecklich gefoltert worden waren; andere wurden ins Meer geworfen; eine Anzahl wurde auch enthauptet, wobei sie ihre Nacken aus eigenem Antrieb den Äxten darboten; eine Anzahl verhungerte; andere wurden an Kreuze geheftet, manche unter ihnen sogar verkehrt herum, mit dem Kopf nach unten und den Füßen in die Höhe gerichtet.

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Doch in der Thebais spottet die verübte Grausamkeit jeder Beschreibung. Statt eiserner Krallen benutzten die Folterer Tonscherben, mit denen der ganze Körper so zerfetzt wurde, dass die gesamte Haut vom Fleisch geschält war. Sie ließen auch Frauen, die so völlig nackt waren, dass nicht einmal ihre Scham bedeckt war, einen ganzen Tag lang an Maschinen hängen – kunstvoll so konstruiert, dass einer ihrer Füße in die Höhe gezogen wurde, während der Kopf nach unten hing: ein schockierender Anblick. Ein anderes Mal, wann immer zwei Bäume nebeneinanderstanden, bogen sie deren Äste gewaltsam zueinander, banden je einen Fuß des Märtyrers daran fest und ließen die gewaltsam gebogenen Äste dann plötzlich los. Und wenn diese durch ihren natürlichen Impuls in ihre Position zurückschnellten, rissen sie die Körper mit sich und zerstückelten sie verächtlich. Und dies geschah nicht über wenige Tage oder eine kurze Zeit; denn einige Jahre lang geschah es täglich, dass mindestens zehn und manchmal hundert Männer und Frauen, und auch Kinder, an einem einzigen Tag durch die eben genannten Strafen hingemetzelt wurden. Wir selbst sahen tatsächlich, als wir zu jener Zeit in Ägypten reisten, mit eigenen Augen zahllose Mengen der Gläubigen, die einem Gouverneur von der wildesten Sorte vorgeführt wurden, der vorne auf dem Tribunal saß; sobald sie sich als Christen bekannten, befahl er, jeden einzelnen von ihnen zu enthaupten. Und als sie miteinander wetteiferten, sich nach ihrem Bekenntnis aus eigenem Antrieb dem Schwert zu unterwerfen, blieb seine Unmenschlichkeit und Grausamkeit ungerührt – weder durch den Anblick ihrer großen Zahl noch durch die Größe ihrer Tugend; er befahl dennoch, sie alle wegzuführen und zu enthaupten.

Sie zogen alle gemeinsam hinaus auf ein Feld, das an die Mauern grenzte, nicht fortgeschleift von den Fesseln der Henker, sondern aneinandergekettet durch die Bande des Glaubens. Niemand fehlte, denn niemand hielt sie fest; aus eigenem Antrieb drängten sie alle danach, einander zuvorzukommen, um jenen, die die Enthauptungen vollzogen, ihre Hälse darzubieten. Die Hände der Scharfrichter versagten, sie ermüdeten und mussten einander ablösen; die Schneide des Schwertes wurde stumpf! Ich sah Scharfrichter erschöpft sitzen, wie sie Kraft schöpften, ihren Geist belebten und ihre Schwerter wechselten, während selbst der Tag nicht ausreichte, um die Urteile zu vollstrecken. Doch keiner von ihnen, nicht einmal kleine Kinder, ließ sich vom Tod abschrecken; das Einzige, was jeder von ihnen fürchtete, war, dass sie, wenn die untergehende Sonne den eilenden Tag beschloss, von der Gemeinschaft der Märtyrer getrennt zurückbleiben könnten. So geschah es, dass sie, voller Zuversicht im Glauben, tapfer und mutig, mit Freude und Jubel den gegenwärtigen Tod als den Beginn des ewigen Lebens ergriffen. Als schließlich jene erschlagen waren, die früher dran waren, gaben sich die Übrigen nicht der Faulheit und Untätigkeit hin, sondern jeder erwartete den Ort seines Martyriums, während er Psalme und Hymnen an Gott sang, damit sie auf diese Weise ihren allerletzten Atemzug im Lobpreis Gottes aushauchten. Wahrhaft wunderbar war jene Herde der Seligen, eine Truppe standhafter Männer, eine Krone aus dem Glanz der Herrlichkeit Christi! Diese Krone war wahrlich geschmückt mit einem Stein, kostbarer als alle anderen, und einem Juwel, das berühmter war; diese Truppe wurde angeführt von einem Hauptmann, der bekannter war, diese Herde geschmückt durch einen Hirten, der berühmter war.

Phileas war sein Name, der Bischof der Stadt namens Thmuis. Die Auszeichnung, die von erstem Rang ist – die der Tugend des Geistes –, bezog er vom Himmel, während er jene, die irdisch ist und zur Welt gehört, aus seiner früheren Tätigkeit in den höchsten Ämtern des römischen Staates herleitete. Sowohl in den freien Künsten als auch in allen Praktiken, die die Tugend des Geistes betreffen, hervorragend gebildet, meisterte er als Letztes auch jene göttliche Philosophie, die vor allem anderen steht, derart, dass er alle übertraf, die vor ihm waren. Und da die meisten der prominenten Männer, die seine Verwandten und Sippe waren, in derselben Stadt lebten, wurde er immer wieder zum Gouverneur gebracht, zusammen mit seinen Verwandten – zahlreichen Personen von großem Einfluss –, die ihn anflehten, seinen Ermahnungen nachzugeben; man drängte ihn, seine Frau zu berücksichtigen und für seine Kinder Sorge zu tragen und nicht in seiner Sturheit zu verharren. Er aber wies ihr Geschwätz zurück, als wäre es eine Welle, die gegen einen unnachgiebigen Felsen brandet, drang im Geist zum Himmel vor, behielt Gott im Blick und betrachtete die heiligen Märtyrer und Apostel als seine Eltern und Verwandten. Zu jener Zeit war ein Mann anwesend, der eine Truppe römischer Soldaten befehligte, dessen Name Philoromus war. Als er Phileas von seinen weinenden Verwandten umringt und vom listigen Gouverneur bedrängt sah – die ihn doch nicht einmal im Geringsten zu beugen oder zu schwächen vermochten –, schrie er: „Warum stellt ihr den Mut des Mannes vergeblich und nutzlos auf die Probe? Warum wollt ihr einen, der Gott treu ist, untreu machen? Warum zwingt ihr ihn, Gott zu verleugnen, damit er Menschen nachgibt? Seht ihr nicht, dass seine Ohren eure Worte nicht hören? Dass seine Augen eure Tränen nicht sehen? Wie kann der von irdischen Tränen wankend gemacht werden, dessen Augen die Herrlichkeit schauen, die himmlisch ist?“ Als er dies gesagt hatte, richtete sich der Zorn der anderen gegen Philoromus, und sie forderten, dass er ein und dasselbe Urteil empfange wie Phileas. Der Richter stimmte freudig zu und befahl, beide zu enthaupten.

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Da wir nun Phileas erwähnt und dargelegt haben, wie er sein Talent und seine Bildung einsetzte, erscheint es keineswegs fehl am Platz, in diese Geschichte einige Auszüge aus seinen kurzen Schriften aufzunehmen, in denen er die Leiden der Märtyrer festhält, da sie genau zu unserem Thema gehören. In seinem Schreiben an die Leute von Thmuis sagt Phileas nach einigen anderen Dingen Folgendes: „Beispiele dieser guten Dinge haben uns die seligen Märtyrer geboten, die – indem sie zusammen mit uns in den Wettkämpfen ausharrten, wie sie es aus den heiligen Schriften gelernt hatten, und das Auge ihres Geistes fest auf Gott gerichtet hielten – furchtlos den Tod um der Frömmigkeit willen erlitten. Denn sie bedachten unablässig, dass unser Herr Jesus Christus, der unsertwegen Mensch wurde, uns lehrte, dass wir bis zum Tod gegen die Sünde kämpfen sollen, 'da er selbst sein Gleichsein mit Gott nicht als Raub betrachtete, sondern sich selbst entäußerte, indem er die Gestalt eines Sklaven annahm, und als er im Zustand eines Menschen gefunden wurde, sich selbst erniedrigte bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz.'8 Seinem Beispiel folgend, akzeptierten die seligen Märtyrer alle Qualen und Strafen, um ihr Gewissen in Bezug auf ihren Glauben nicht zu verletzen, da die vollkommene Liebe in ihnen die Furcht vertrieb.

Wenn ich nun ihre Tugenden der Tapferkeit aufzählen und von der Größe ihrer Beständigkeit erzählen wollte, würde meine Sprachgewalt nicht ausreichen, um das Geschehene glaubhaft zu machen – und auch die anderer nicht, außer jener, die sie mit eigenen Augen sahen. Denn sie waren all jenen ausgesetzt, die sie auf jede beliebige Weise quälen wollten, und jeder, der eine neue Art der Folter vorbrachte, die er sich in seiner Muße ausgedacht hatte, durfte sie anwenden. Manche von ihnen wurden mit Knüppeln geschlagen, manche mit Ruten und manche mit Peitschen; eine Anzahl von ihnen wurde mit Riemen gestreckt oder an Seilen aufgehängt. Man bemühte sich, für fast jeden Einzelnen neue Foltern zu erfinden. Einige wurden mit auf den Rücken gebundenen Händen aufgehängt, mit Flaschenzügen auseinandergezerrt und Glied für Glied zerrissen. Das Zerfleischtwerden durch Krallen erschien nun als etwas Vergangenes und kaum Ernstzunehmendes. Und wenn diese Art der Folter zufällig Menschen zugefügt wurde, wurden nicht bloß ihre Seiten gepflügt, wie man es bei Räubern und Mördern tut; die Krallen gruben sich in ihre Bäuche, Oberschenkel, Schienbeine und sogar ihre Nägel. Nicht einmal ihre Gesichter und Stirnen blieben von der Folter verschont. Und dazu – was über alles andere hinausging – wurden die menschlichen Körper, nachdem sie höchst unmenschlich verstümmelt worden waren, öffentlich zur Schau gestellt, nicht nur der Kleidung, sondern der Haut beraubt, und zu einem grausamen Schauspiel für alle Vorübergehenden gemacht. Manche ließen sie an Säulen gespreizt zurück, ihre Arme verdreht und auf dem Rücken gefesselt. Und nun blieben jene, die dem Gouverneur vorgeführt wurden, nicht nur während der Zeit, in der sie von ihm verhört oder gefoltert wurden, auf den Folterbänken, sondern fast den ganzen Tag über, während andere Geschäfte verhandelt wurden – nur für den Fall, dass einer von ihnen unter dem Druck der unablässigen Bestrafung wankte.

So groß war ihre Grausamkeit und so völlig hatten sie jedes Gefühl der Menschlichkeit verloren, dass sie befahlen, nachdem ein Körper durch Foltern und Schläge völlig aufgerieben war, ihn nackt an den Füßen zurück ins Gefängnis zu schleifen, und dort, mit den Füßen im Block eingeschlossen und die Wunden auf dem Rücken noch frisch, wurden sie auf einen Boden geworfen, der unter ihnen mit Tonscherben übersät war. Währenddessen brachte die große Zahl jener, die mutig und kühn bis zum Tod ausharrten, keine geringe Schande über die Erfinder der Bosheit wegen der Grausamkeit, die sie vergeblich ausgeübt hatten. Andere, wenn sie ihre körperliche Kraft wiedergewonnen hatten, forderten die Vollstrecker der Bestrafung heraus, die Wettkämpfe von Neuem zu beginnen. Aber es beschämte sie, sie wieder zur Folter zu rufen; erschreckt durch ihre bloße Kühnheit, befahlen sie, sie zu enthaupten.“ Solches sind die Worte des seligen Märtyrers Phileas, eines wahren Philosophen in Gott, die er an die ihm anvertraute Kirche schrieb, während er in Fesseln lag und ins Gefängnis geworfen war, und durch die er ihre Mitglieder in Einheit mit sich selbst zu Gefährten der Märtyrer und Teilhabern der himmlischen Kronen machte. Wer würde es daneben wagen, das Ereignis auszulassen, das in Phrygien geschah, und bei dem sowohl die der Menschheit gemeinsamen Gesetze als auch jene, die dem Römischen Reich eigen sind, verletzt wurden?

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Es gab dort eine Stadt christlicher Bürger, in der sich die gesamte Bevölkerung – die Männer von Rang und der Kurator wie auch die Magistrate – als Christen bekannten und sich weigerten zu opfern; der Befehl wurde gegeben, sie mit Soldaten zu umzingeln, in Brand zu setzen und sie alle gemeinsam zu verbrennen: Männer mit Frauen, die Alten mit den Kindern, die Stadt samt ihren Bewohnern, sodass keine einzige Person aus der Stadt entkam, selbst als jenen die Wahl gelassen wurde, die dies wünschten. Was hier Bürgern angetan wurde, wäre als Grausamkeit verurteilt worden, wenn es einem Feind geschehen wäre. Der Anführer und die Inspiration dieses gesegneten und gewaltigen Martyriums, das die ganze Stadt gemeinsam auf sich nahm, war nun ein Mann, berühmt für seine Frömmigkeit, Hingabe und allgemeine Wohltätigkeit: Adauctus, ein Italiener von Geburt und Heimat, der die Ämter am Hof der Reihe nach bis hin zum Vorsteher der Ämter bekleidet hatte und der zu dieser Zeit der kaiserliche Finanzverwalter in der eben erwähnten Stadt war. Seinem Mut, Christus zu bekennen, folgte die gesamte Bevölkerung und gewann dadurch mittels des Martyriums die Palme, die durch das Beispiel ihres vortrefflichen Anführers wahrhaft kaiserlich ist.

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Doch woraus sollen wir schöpfen, um die Leiden aufzulisten, die jeder der Märtyrer einzeln durchmachte? Wie könnte man etwa jene aufzählen, bei denen die heiligen Märtyrer in Arabien durch Äxte erschlagen wurden? Oder wie beschreiben, was in Kappadokien geschah, wo der Befehl erging, den Anbetern Gottes die Beine zu brechen? Wer kann von den Foltern in Mesopotamien berichten, wo sie die Christen wie Schweine töteten – aufgehängt an Händen und Füßen, um im beißenden, scharfen Rauch von unten zu ersticken – eine schockierende Tortur? Andere kamen in langwierigeren Qualen um, als man sie nah an ein langsames Feuer legte. Und wie kann ich die Ereignisse in Alexandria wiedergeben, die selbst die Geschichten der alten Dichter übertreffen? Wo man ihnen die Ohren und – eine schändliche Verstümmelung – die Nasenlöcher abschnitt, die Enden ihrer Hände und ihrer anderen Glieder abhackte und ihre Rümpfe unter Gelächter davonziehen ließ. Wie soll ich die auf glühende Kohlen gesetzten Roste in Antiochien ins Gedächtnis rufen, auf die Christen gelegt wurden, um versengt zu werden? Unter anderem halte ich es jedoch nicht für richtig, die bemerkenswerte Tat zweier edler Jünglinge schweigend zu übergehen. Als sie ergriffen und gedrängt wurden, den Götzen zu opfern, sagten sie: „Bringt uns zu den Altären!“ Und als man sie dorthin gebracht hatte, legten sie ihre Hände auf das lodernde Feuer und sagten: „Wenn wir sie zurückziehen, dürft ihr glauben, dass wir geopfert haben!“ Und dort standen sie, unbeweglich, bis alles Fleisch ins Feuer geschmolzen war. Andere entgingen, als man sie zum Opfer suchte, der gotteslästerlichen Befleckung, indem sie ihr Leben mit einem Sprung aus der Höhe beendeten, wobei sie weniger Vertrauen in ihre Standhaftigkeit zeigten, aber größere Sorgfalt, ihren Glauben zu bewahren.

Unter ihnen war eine bewundernswerte und ehrwürdige Frau, anziehend sowohl durch ihre Schönheit als auch durch ihre Keuschheit, von vornehmer Abstammung und reich. Sie hatte zwei jungfräuliche Töchter, durch und durch moralisch, aufgezogen nach dem Maßstab der mütterlichen Keuschheit; sie eiferten danach, in ihrer Erscheinung und ihrem Wesen mit der Integrität ihrer Mutter gleichzuziehen, die sie in ihrer Frömmigkeit in der Furcht des Herrn erzogen hatte, ganz nach der göttlichen Vorschrift. Doch genau diese Vorzüge von Natur und Erziehung, von denen wir sprachen, stachelten böse Männer an, sich wild um die Jungfrauen und ihre Mutter zu streiten, und sie setzten alles daran, sie aufzuspüren. Als sie sich jedoch zurückzogen, um dem Tumult zu entgehen, wurde die Jagd nach ihnen mit äußerstem Eifer betrieben. Die dafür abgestellten Soldaten fanden sie und zwangen sie, nach Antiochien mitzukommen. Doch während sie noch unterwegs waren, in dem Wagen, in den die Soldaten sie gezwungen hatten, sprach die fromme und keusche Mutter zu ihren Töchtern: „Ihr wisst, meine süßesten Töchter, wie ich euch in Gottes Zucht erzogen habe; ihr wisst, dass Gott euch von Kindheit an Vater, Ernährer und Lehrer war. Ihr wisst, dass ihr gemeinsam mit mir das Gute in Sittsamkeit und Keuschheit so sehr geliebt habt, dass selbst eure Augen nie durch den Anblick von Unreinheit befleckt wurden – das weiß ich von euch. Ihr seht doch, dass der einzige Zweck dieser Gewalt ist, uns von Gott oder von der Keuschheit zu trennen. Sollen denn diese Glieder, die selbst die gewöhnliche Luft kaum berührt hat, in den öffentlichen Bordellen zur Hure gemacht werden? Nein, Töchter, ich flehe euch an! Denn unser Glaube an Gott ist nicht so schwach, dass wir den Tod fürchten, und wir verachten die Keuschheit nicht so sehr, dass wir selbst in Schande noch leben wollen. Ich verlange vielmehr von euch: Wie ihr dem Beispiel eurer Mutter in allem folgt, so tut es auch hierin! Lasst uns den unreinen Händen dieser Schurken zuvorkommen, dem Übergriff dieser Übeltäter vorgreifen und durch einen Tod, der rein und keusch ist, diese Welt verurteilen, die uns zu einem Leben zwingt und schleift, das unrein und unkeusch ist!“

Und als sie sah, dass ihre Töchter ihrer Ermahnung glühend zustimmten, kamen sie an einen Fluss, der auf ihrem Weg lag. Dort gaben sie vor, wegen eines natürlichen Bedürfnisses abzusteigen, und als sich ihre Wächter aus einem natürlichen Gefühl des Anstands eine kurze Strecke zurückgezogen hatten, zogen sie ihre Gewänder fest um sich und warfen sich in die reißende Strömung des bedrohlichen Flusses. Es gab auch zwei andere Jungfrauen, die Schwestern waren und in jeder Hinsicht hervorragend; von glänzender Herkunft und bewundernswertem Leben, standen sie noch in ihrer Jugend und waren von ziemlich schöner Erscheinung, wenngleich noch schöner im Geist, da ihr Schmuck eher ihr Wandel als ihr Geschmeide war. Da ihr Eifer gänzlich lobenswert war, weigerten sie sich, ihre Keuschheit durch amtliche Edikte und Gesetze verletzen zu lassen, und ertränkten sich im Meer. Dies ist, was in Antiochien geschah. In Pontus wurden grausamere Dinge getan. Angespitztes Schilf wurde manchen Leuten unter die Fingernägel gesteckt. Anderen wurde geschmolzenes Blei den Rücken hinuntergegossen, direkt zu ihren Schamteilen, dem gewöhnlichen Ort der Ausscheidung. Auch Frauen wurden mit äußerster Unmenschlichkeit und ohne jedes Mitleid behandelt: Heiße Spieße und brennende Holzkohle wurden in ihre Schamteile und ihre inneren Organe gestoßen. Aber was soll ich tun, wenn mir die bloßen Begriffe für die begangenen Verbrechen fehlen und ich nicht einmal die Worte finden kann, um die Akte der Schurkerei aufzulisten? Die Märtyrer jedoch ertrugen sie alle mit enormer Stärke und Frömmigkeit, während die vortrefflichen, herausragenden Magistrate dachten, dass es nur eine Art gäbe, auf die ihre Weisheit von allen bewundert würde: wenn sie irgendeine Folter neuartiger Sorte und neumodische Grausamkeit erfanden.

Als sie endlich satt waren – nicht davon, wie vernünftig und rücksichtsvoll sie gewesen wären, sondern von ihrer übermäßigen Grausamkeit – und als sie begannen, über die Ungeheuerlichkeit ihres Verbrechens nachzudenken: die Städte entleert von ihren Bürgern, und zwar Bürgern höchsten Ranges, das Land der Bauern beraubt, Väter ihrer Söhne und Eltern ihrer Kinder beraubt, da schlug ihre Stimmung in eine Art Güte und Rücksichtnahme um, und sie veröffentlichten ein kaiserliches Edikt. Es besagte, es sei nicht recht, so viele Bürger zu töten, die stur auf ihren Überzeugungen beharrten, und es verfügte, dass Leute dieser Art fortan niemals hingerichtet werden sollten; vielmehr sollten allen, die an dieser Art von Bekenntnis festhielten, die rechten Augen mit einem Messer ausgestochen und mit einem Brandeisen ausgebrannt werden, und ihre linken Kniekehlen sollten ebenso mit einem Brandeisen verstümmelt werden, und man sollte sie in jede der Provinzen wegschicken, um Zwangsarbeit in den Kupfer- und Eisenminen zu verrichten. So sah die kaiserliche Milde in der Vorkehrung aus, die sie für Bürger höchsten Ranges traf. Nun handelten sie, wie es scheint, gemäß ihren eigenen Gewohnheiten oder Lastern, während für jene gerechten und heiligen Männer Kronen der Tugend und Geduld bereitgemacht wurden, womit unser Herr und Retter den Glauben jener prüfte, die an ihn glaubten, oder ihre Verdienste belohnte. Doch so wie es nicht nur schwierig, sondern unmöglich ist, alle einzeln aufzulisten, die Gott in ihren Leiden im Fleisch die Ehre gaben, so erscheint es gleichermaßen als ein deutliches Zeichen von Undankbarkeit, alle gänzlich zu übergehen und nicht wenigstens einige wenige ausdrücklich zu erwähnen. Wir werden daher einige von ihnen aufzeichnen, besonders die Vorsteher der Kirchen, die mit der Herrlichkeit des Martyriums gekrönt wurden, jeder an seinem eigenen Ort.

13

Anthimus, der Bischof von Nikomedia, soll von uns als Erster als Märtyrer im Königreich Christi eingeschrieben werden, so wie er in den Aufzeichnungen der Frommen hervorleuchtet; er wurde enthauptet. Nach ihm folgt Lucian, der durch sein Leben und seinen Eifer schon immer ein Märtyrer war; er war ein Presbyter von Antiochien, verkündete aber damals in Nikomedia das Königreich Christi in Wort und Tat. In Tyrus waren die berühmtesten unter den Märtyrern Tyrannion, der Bischof der Stadt, der von Kindheit an in den Wegen Christi erzogen worden war, Zenobius, ein Presbyter aus Sidon, und Silvanus, Bischof von Emesa, der den Chören der Märtyrer hinzugefügt wurde, als er in seiner eigenen Stadt von den Bestien verschlungen wurde. In Palästina wurden Silvanus, Bischof in Gaza, zusammen mit dem Großteil des Klerus, sowie vierzig weitere gemeinsam in der Mine von Phaeno enthauptet, während die Bischöfe Peleus und Nilus mit sehr vielen Klerikern lebendig verbrannt wurden. Unter ihnen muss auch Pamphilus eingeschlossen werden, die edelste Blume der Kirche von Cäsarea und die Frucht einer himmlischen Gabe. In Alexandria und in ganz Ägypten und der Thebais war es zuerst Petrus, der Bischof jener Stadt, der wie der Morgenstern unter den Himmelskörpern aufging, herausragend in seinem Leben und Wandel, und mit ihm der Presbyter Faustus sowie Dius und Ammonius, ihm ebenbürtig an Verdienst, Wandel und Martyrium. Auch Phileas sowie Hesychius, Pachomius und Theodor, Bischöfe aus den Städten Ägyptens, und zahllose andere mit ihnen erlitten das edelste aller Martyrien. Damit unsere Geschichte jedoch nicht ihr angemessenes Maß überschreitet, überlasse ich die Erzählung ihrer individuellen Wettkämpfe ihren Mitbürgern, die sie angemessen beschreiben können und damals anwesend waren.

Währenddessen entging es dem ewigen und immer wachen Auge nicht, wie unsere Angelegenheiten durch die überall vollstreckte grausame Bestrafung in Verwirrung gestürzt und in den Ruin getrieben wurden. Es ist wahr, der Herr hatte seinen Haushalt übergeben, um ein wenig gezüchtigt zu werden, doch die blutrünstigen Diener der Brutalität ließen eine gewaltige Wut an ihm aus, und so machte sich Gottes rächende rechte Hand sofort bemerkbar: Sie führte jene, die das Reich zuvor in vollkommenem Wohlstand regiert hatten, solange sie Frieden mit der Kirche hielten, dazu, eine solche Umwälzung der Dinge herbeizuführen, dass der Augustus selbst jenen Grad an Verstandeslosigkeit und Dummheit erreichte, dass er die kaiserlichen Hoheitszeichen ablegte, zusammen mit seinem Mit-Augustus, und sie nach ihrer Herrschaft als einfache Privatleute lebten. Und was jenen betrifft, der den zweiten Rang nach ihm innegehabt hatte und ihm danach an erster Stelle nachfolgte und der Anstifter und Anführer der Verfolgung gegen uns gewesen war: Er wurde von so vielen verschiedenen Krankheiten, körperlichem Verfall und geistigem Siechtum heimgesucht, dass er nach langwieriger und unheilbarer Schwäche, gepeinigt von den Rachegeistern seiner Verbrechen, sein böses Leben aus eigenem Antrieb aufgab.

Constantius aber verhielt sich mit großer Güte gegenüber anderen und mit völliger Hingabe gegenüber Gott. Er hatte sein Reich weder aus Eifer für die Partnerschaft mit dem Blut der Frommen befleckt, noch unsere Gebetshäuser und Versammlungsorte in feindseliger Raserei zerstört wie Maximian; ganz im Gegenteil: Er hielt Gottes Anbeter in Ehrfurcht und Ehren. Daher gelang es ihm als frommem Vater verdientermaßen, seinen noch frömmeren Sohn Konstantin als Erben eines Teils des Reiches zu hinterlassen. Konstantin nun war, von dem Augenblick an, als er durch das Vermächtnis seines Vaters den Gipfel des Römischen Reiches erklomm, bei den Bürgern beliebt, vom Heer willkommen geheißen und von den Mächtigen nachgeahmt; den Schurken und Feiglingen aber war er furchtbar. Und in seiner Einhaltung der Religion eiferte er danach, selbst seinen Vater bei Weitem zu übertreffen. Auch Licinius wurde durch einstimmigen Beschluss an der Herrschaft beteiligt und zum Augustus erklärt.

Dies kränkte Maximinus zutiefst, da er im Osten zu jener Zeit immer noch nur als Cäsar galt; da er es nicht länger ertragen konnte, riss er den Titel des Augustus für sich selbst an sich. Was Maximian betrifft, mit dem Beinamen Herculius, der – wie wir kurz zuvor erwähnten – Diokletians Partner gewesen war und mit ihm die kaiserlichen Hoheitszeichen abgelegt hatte: Er wurde von seinem Sohn Maxentius fortgejagt, als dieser in Rom die Macht usurpierte; er floh zu Konstantin, um Mitleid zu suchen, da dieser sein Schwiegersohn war, und schmiedete dann Komplotte gegen ihn, nachdem er von ihm loyal aufgenommen worden war. Er wurde dabei zu seiner Schande ertappt und kam noch schändlicher um, sodass nach seinem Tod seine Statuen und Bildnisse entfernt wurden und sein Name in den öffentlichen Tempeln ersetzt wurde.

14

Sein Sohn Maxentius also, der in Rom die Macht usurpiert hatte, heuchelte zunächst, unseren Glauben zu verehren, um das Volk für sich einzunehmen, und aus diesem Grund befahl er, die Verfolgung einzustellen und die Christen vor jedem Schaden zu schützen. Doch in seinen übrigen Taten oder in seinem Leben und Wandel fand sich auch nicht das Geringste, was christlich gewesen wäre. Denn er sulte sich derart im Abschaum der Skandale und Verbrechen und im Schlamm der Unreinheit, dass er keines der allerschlimmsten Vergehen ausließ, und das nicht nur in seinem Leben im Allgemeinen, sondern sogar an bloß einem einzigen Tag. So befahl er, die Frauen der Senatoren, besonders der prominentesten, offen wegzuschleppen und seiner Lust zu unterwerfen, und nachdem er sie geschändet hatte, befahl er, sie ihren Ehemännern zurückzugeben, wobei seine Gier nach Ehebruch nicht so sehr gestillt als vielmehr verändert worden war. Doch so groß war die Furcht, die auf den Vätern und dem Volk lastete, dass sie nicht einmal offen zu zeigen wagten, dass sie sich fürchteten; sie ertrugen ihre ungewohnte Knechtschaft unter Stöhnen und wurden durch die Angst davon abgehalten, irgendeinen Schlag für die Freiheit zu planen, da er nicht länger von Zorn, sondern von der Lust am Töten getrieben wurde. So befahl er an einem gewissen Tag seinen Soldaten, durch die Straßen der ganzen Stadt zu ziehen und jeden mit dem Schwert zu erschlagen, dem sie begegneten, gleich welchen Alters oder Geschlechts; und zahllose Scharen des römischen Volkes wurden niedergemetzelt, nicht durch feindliche Schwerter, sondern durch die von Bürgern. Was die Senatoren betrifft, besonders jene unter ihnen, die aufgrund ihrer Stellung oder ihres Reichtums berühmter waren, so wurden Anklagen gegen sie erfunden, und sie wurden als Schuldige verurteilt und geächtet.

Und als Gipfel seiner Verbrechen fügte er die Ausübung der Magie hinzu, die er mit größtem Eifer betrieb und zu deren Förderung schwangere edle Frauen aufgespürt und grässlichen Ritualen unterworfen wurden, bei denen man sie in der Mitte durchschnitt. Winzige Säuglinge wurden ergriffen und ihre Eingeweide aus ihrem Inneren herausgerissen, um untersucht zu werden. Auch Löwen wurden erschlagen, und mittels gewisser Machwerke und Gebete, die durch dämonische Kunst verfasst waren, sollten angeblich Kriege abgewendet werden, und man glaubte, die Gerechtigkeit des Reiches könne durch Ungerechtigkeit aufrechterhalten werden. Und zu all diesen Übeln kam noch Folgendes hinzu: Dass alle in den übrigen Städten und auf den Höfen, die durch die Grausamkeit des Usurpators in Schrecken versetzt waren, dachten, sie hätten keine Möglichkeit, ihr Leben zu sichern, und ihre Felder verließen und sich an abgelegene Verstecke begaben, sodass, da weder gepflügt noch gesät wurde, der Hunger in die Stadt und überall sonst eingefallen war, sodass es keinen Lebensunterhalt mehr gab.

Im Osten und in Ägypten übte nun Maximinus eine Tyrannei aus, die jener an Grausamkeit und Wahnsinn in jeder Hinsicht glich, sodass – so wie der eine der Partner des anderen in der Tyrannei war – er ihm auch im Verbrechen nachzueifern schien, und man hätte nicht sagen können, wer von beiden die Siegespalme der Bosheit eher verdient hätte. Tatsächlich schien Maximinus seinen Partner im Bösen noch darin zu übertreffen, dass er den Lehrern der Magie und der finsteren Künste auch noch öffentliche Ehren und höchste Ämter verlieh. Dazu war er dermaßen abergläubisch der Bilderverehrung verfallen, dass er ohne Rückgriff auf Vorzeichen, Wahrsagereien und Omen nicht einmal den geringsten Schritt zu tun wagte. Folglich war er ein schärferer und heftigerer Verfolger der Unseren als alle vor ihm. Er befahl auch, alle alten Heiligtümer wiederherzustellen, die selbst von eifrigen Anbetern längst verlassen waren, und ernannte zu ihren Priestern und Oberpriestern in jeder Provinz prominente Männer, die bereits hohe Ämter bekleidet hatten, wobei er ihnen zusätzlich Gehälter und militärisches Gefolge gewährte. Was kaum verwundert, da er offenkundige Übeltäter zu Gouverneuren von Provinzen und militärischen Befehlshabern beförderte. Doch dieses nichtige Treiben verschlang Unmengen an Gold und Silber. Infolgedessen wurden alle Provinzen überall auf jede erdenkliche Weise und bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausgeplündert; Abgaben wurden erhöht, Steuern vervielfacht, jeder der Reicheren wurde aufgrund der abstrusesten oder gar erfundenen Anklagen verurteilt, andere wiederum geächtet, und so beraubte er alle Menschen gleichermaßen ihres väterlichen Besitzes und riss sie aus ihren angestammten Familien. Genau damit bereicherte er seine engen Gefährten und Komplizen sozusagen mit Bergen von Gold.

Bei Banketten war er so maßlos und so betrunken, dass man ihn für wahnsinnig hielt, da sein Verstand im alkoholischen Stupor geschwunden war, und was er im Rausch befohlen hatte, wusste er am nächsten Tag nicht mehr, dass er es befohlen hatte. Indem er sich in Luxus, Üppigkeit und jeder Art von Zügellosigkeit suhlte, lieferte er seinen Soldaten die schändlichsten Beispiele. So blieb jedes ausschweifende, unverschämte und liederliche Verhalten jener, die das Kommando über die Soldaten und die Provinzen hatten, wegen des kaiserlichen Vorbilds ungestraft. Unter anderem war er besonders darauf bedacht, auch nicht an den kleinsten Dörfern vorbeizugehen, geschweige denn an den Städten, ohne die edlen Matronen, die an jedem Ort entdeckt wurden, zu schänden und die Jungfrauen zu beflecken. Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Mann, ein so großer Feind der Keuschheit, der Moral, der Gerechtigkeit und jeder Art von Fairness, auch ein Feind und Verfolger der Christen war. Der Grad der Grausamkeit, den er gegen sie zeigte, entsprach seinem Eifer, seine Vorgänger im Verbrechen zu übertreffen. Er lechzte danach, Feuer, glühende Platten, Kreuze und Bestien anzuwenden, Ertränken im Meer, das Abtrennen von Gliedern, das Ausstechen von Augen und besondere Foltern für jedes einzelne Glied, während sich herausstellte, dass seine Opfer mutiger und ausdauernder im Ertragen waren, als er klug und geschickt im Erfinden war. Denn er wurde oft nicht nur von Männern besiegt, sondern sogar von Frauen, die vom Wort Gottes und der Glut des Glaubens entflammt waren; Frauen zwar, als sie verhaftet wurden, doch gekrönt wie mächtige Männer im Kampf, zogen sie es vor, sofort den Tod zu erleiden – oder ihn vielmehr, im Gegenteil, sogar zu suchen –, als ihre Körper beflecken zu lassen.

Während er nun von zwei fordernden Herren, der Lust und der Grausamkeit, kopfüber gehetzt wurde, gab es in Alexandria jemanden namens Dorothea, aus einer ziemlich prominenten Familie, von enormem Reichtum und angesehener Verwandtschaft. Aber noch bemerkenswerter an ihr als diese Dinge waren die Schönheit ihres Verstandes und ihres Eifers sowie ihre Entschlossenheit, alle anderen ehrbaren Künste zu meistern. Ihre Erscheinung und Schönheit waren nun so herrlich, dass man sie für ein wunderbares und besonderes Werk Gottes gehalten hätte. Sie jedoch eiferte danach, in ihrer religiösen Haltung und ihrem moralischen Leben liebreizender zu sein als in ihrer körperlichen Erscheinung, und so traf sie die schönste aller Entscheidungen: das, was Männer für schön und attraktiv hielten, Gott zu weihen statt menschlicher Befriedigung, und so blieb sie eine Gott geweihte Jungfrau. Er aber, der göttliche und menschliche Dinge mit seiner Lust und Grausamkeit besudelte, kannte nur die Lieblichkeit ihrer Erscheinung und nicht auch die ihres Verstandes und ihrer Entschlossenheit, und so setzte er es sich zum Ziel, die Jungfrau zu schänden und ihre Keuschheit zu entweihen. Als er jedoch entdeckte, dass sie eine Christin war und gemäß seinen eigenen Edikten seiner Bestrafung statt seiner Lust unterworfen sein sollte, begann er zu zögern, unsicher, welchen Weg er einschlagen sollte. Die Lust jedoch, die eine größere Herrschaft in ihm genoss, gewann in seinem zögernden Geist die Oberhand, und er sandte geheime Botschaften an die Jungfrau – die erwartete, ergriffen und zu Folter und Martyrium abgeführt zu werden – mit dem Antrag auf Unzucht.

Sie entgegnete – vernünftig genug –, dass es Unrecht von ihr wäre, den Tempel ihres Körpers, den sie einst Gott geweiht hatte, mit Götzenanbetung oder der Befleckung durch Lust zu besudeln, und dass sie dementsprechend bereit sei zu sterben. Sie fügte hinzu, es stehe dem grausamen Tyrannen schlecht an, zu Schmeichelei oder Sanftmut Zuflucht zu nehmen, noch sei es seiner würdig, seine harte Gesinnung ihr gegenüber zu erweichen, wo sie doch täglich durch das in Wogen vergossene Blut der Christen verhärtet werde. Als seine Lust, durch ihre Antwort entfacht, noch heißer aufloderte und er beschloss, dass er, wenn sie seinen Worten nicht nachgebe, mit Gewalt vorgehen werde, da verließ jene reinste der Jungfrauen all ihren Besitz, ihr Haus und ihre Familie. Sie reiste heimlich bei Nacht mit wenigen, überaus treuen Dienern und mit ihrer liebsten Gefährtin, der Keuschheit, ab und ließ den Tyrannen verspottet, dumm und verstandslos zurück. Es gab viele andere prominente Frauen und Jungfrauen, die er auf gleiche Weise angriff wie sie und die er auf gleiche Weise bereiter fand zu sterben als seiner Lust zu dienen; er unterwarf sie grausamen Foltern. Sie erlitten den Tod weit williger und glücklicher als alle anderen, da sie glaubten, dass vom Herrn doppelte Kronen für sie bereitgemacht würden: nicht nur für die Frömmigkeit, sondern auch für die Keuschheit. Nun findet sich unter diesen Erzählungen eine wunderbare Tat, die ich nicht für richtig halte, schweigend zu übergehen: die Tat einer Frau in Rom von höchstem Stand, Sophronia, deren Ehemann Präfekt von Rom unter dem Usurpator Maxentius war. Als dieser von der Schönheit der Frau erfuhr, handelte er wie üblich, sandte seine Diener der Unzucht und befahl, die Frau zu ihm zu bringen. Sie berichtete die Sache ihrem Ehemann. Als es ihm gesagt wurde, grübelte er lange nach und sagte schließlich mit tiefem Stöhnen: „Was sollen wir tun, wenn wir dies entweder ertragen oder sterben müssen?“

Als sie dann sah, dass ihr verängstigter Ehemann ihre Keuschheit aus Todesfurcht verraten hatte, sagte sie zu denen, die gesandt worden waren: „Wartet ein wenig, bis ich mich zurechtgemacht und geschmückt habe, wie es sich gehört, und dann werde ich gehen.“ Daraufhin betrat sie ihr Schlafzimmer, und nachdem sie niedergekniet war und gebetet hatte, um ihre Keuschheit Gott zu opfern, riss sie ein Schwert an sich, stieß es sich durch Brust und Eingeweide und sandte über ihre Zofen diese letzten Worte an den Usurpator: „Mögen christliche Frauen dem Tyrannen auf diese Weise besser gefallen!“ So wüteten die Tyrannen im Osten wie im Westen, bewaffnet von einem einzigen dämonischen Geist und entflammt von denselben gleichen Lastern, während im Gegensatz dazu der Tugend des Geistes und der Beständigkeit des Glaubens der Christen dadurch größeres Ansehen und Glanz zuteilwurden.

15

Als aber der Kaiser Maximian im Osten zehn Jahre lang ununterbrochen mit gleicher Grausamkeit gegen die Christen gewütet und zahllose Tausende Anbeter des wahren Gottes abgeschlachtet hatte und als seine Trunkenheit seiner Grausamkeit und Lust unnachgiebige Stärke verliehen hatte, die weder Klugheit noch Sättigung aufhielt oder hemmte, da kam die göttliche Vorsehung ihren Anbetern zu Hilfe und brachte jenen Erleichterung, die sie im Feuer geprüft hatte. Denn die göttliche Vergeltung stürzte sich auf den Urheber des Verbrechens selbst. Er, der mit seinem feisten, vollgestopften Fleisch umherstolziert war, schwoll plötzlich auf, seine Eingeweide aufgedunsen und eiternd. Ein Geschwür, das dann tiefer in seiner Brust entstand, verzehrte von innen heraus das gesamte Innere seiner Gedärme, während sich die Fäulnis ausbreitete. Danach, als sich durch eiternde Geschwüre einige Gänge zur Oberfläche geöffnet hatten, begann eine zahllose Menge von Würmern in Wellen aus den Adern im Inneren des verfaulten Geschwürs herauszuschwärmen. Der Gestank war so unerträglich, dass sich niemand nähern konnte, nicht einmal die Ärzte, da sein feistes Fleisch, von jeder Delikatesse genährt, einen schweren Geruch von Verwesung und Fäulnis ausdünstete. Er befahl dann, die meisten Ärzte hinzurichten, da sie kein Heilmittel für die Krankheit bieten noch ihren Gestank ertragen konnten. Einer von ihnen, der dort war, um getötet zu werden, statt zu heilen, wurde von Gott inspiriert zu sagen: „Warum, Majestät, begeht Ihr den Fehler zu denken, dass Menschen rückgängig machen können, was Gott zufügt? Diese Krankheit ist nicht menschlich, noch kann sie von Ärzten geheilt werden. Aber erinnert Euch, wie viel Ihr gegen Gottes Diener getan habt und wie gottlos und profan Ihr Euch gegenüber der göttlichen Religion verhalten habt, und Ihr werdet erkennen, woher Ihr Heilung suchen müsst. Denn ich kann mit den Übrigen sterben, Ihr aber werdet nicht durch Ärzte geheilt werden.“

16

Da endlich begriff Maximian, dass er ein Mensch war, und eingedenk der Ungeheuerlichkeit seiner Verbrechen gestand er als Erstes ein, dass er geirrt und sich gottlos verhalten habe, und er begann so zu handeln, als wolle er Gott Sühne leisten. Er rief daraufhin seine untergeordneten Amtsträger zusammen und befahl, sofort ein Gesetz zu entwerfen und zu erlassen, das nicht nur verfügte, dass die Verfolgung der Christen aufhören und sie vor jedem Unrecht geschützt werden sollten, sondern auch, dass man den Wiederaufbau ihrer Kirchen erlauben solle, damit sie, während sie sich ihren üblichen Riten und Bitten widmeten, den höchsten Gott auch um sein Heil anflehen mochten. Da der Befehl schneller ausgeführt wurde, als er ausgesprochen war, wurden sofort Edikte folgenden Wortlauts an jede der Städte gesandt: „Der Kaiser Cäsar Galerius Maximianus, der Unbesiegte Augustus, Pontifex Maximus, Sieger über die Ägypter, Sieger über die Thebaner, fünfmaliger Sieger über die Sarmaten, zweimaliger Sieger über die Perser, sechsmaliger Sieger über die Karpen, Sieger über die Armenier, Bezwinger der Meder und Adiabener, zwanzigfacher Inhaber der tribunizischen Gewalt, neunzehnmal Imperator, achtmal Konsul, Vater des Vaterlandes, Prokonsul; und der Kaiser Cäsar Flavius Valerius Constantinus, der Fromme, der Glückliche, der Unbesiegte Augustus, Pontifex Maximus, Inhaber der tribunizischen Gewalt, fünfmal Imperator, Konsul, Vater des Vaterlandes, Prokonsul.

Unter den anderen Maßnahmen, die wir zum Vorteil des Staates treffen, hatten wir zuallererst begehrt, alle Dinge gemäß den alten Gesetzen und der offiziellen Praxis der römischen Sitte zu regeln, und diesem den Wunsch hinzugefügt, dass die Christen, welche die Religion der Vorfahren verlassen hatten, zu ihr zurückkehren mögen. Doch sie haben sich in ihrem Inneren irgendwie dazu entschlossen, einen solchen Widerstand in dieser Sache zu zeigen, dass sie keineswegs zur Ausübung der alten, von unseren Vorfahren etablierten Religion zurückkehren wollen; vielmehr zieht es jeder vor, sich nach eigener Wahl selbst ein Gesetz aufzustellen, und verschiedenes Volk kommt an verschiedenen Orten zusammen. Und als ein Edikt von uns in Bezug auf sie veröffentlicht wurde, das befahl, zu den angestammten, vor alters her etablierten Gesetzen zurückzukehren, zogen es die meisten von ihnen vor, sich den Strafen auszusetzen und sich zahllosen Toden zu unterwerfen, anstatt solchen Befehlen zu gehorchen. Da wir nun gesehen haben, dass viele noch immer in diesem Entschluss verharren, sodass sie weder den himmlischen Göttern die gebührende Ehre erweisen noch ihrer eigenen Religion angemessene Aufmerksamkeit zu schenken scheinen, haben wir – in Anbetracht der unserer Milde eigenen Sanftmut, mit der wir gewohnt sind, allen Menschen Gnade zu erweisen – geurteilt, dass unsere Nachsicht bereitwillig auch ihnen gegenüber gezeigt werden sollte: dass sie wieder Christen sein dürfen und die Versammlungsorte, in denen sie zu beten pflegten, bauen und wiederherstellen dürfen, jedoch unter der Bedingung, dass sie nichts gegen die öffentliche Ordnung tun. Wir werden den Amtsträgern in anderen Briefen erklären, welcher Politik sie folgen sollen. Begünstigt durch dieses Zeichen der Milde, sollten sie ihren Gott für unsere Sicherheit und für den Erhalt des Staates anflehen, damit sie, während der Staat vor jedem Schaden geschützt ist, auch selbst sicher und unversehrt in ihren eigenen Häusern bleiben können.“ Dieses Dokument, das aus dem Lateinischen ins Griechische übersetzt wurde, haben wir wieder ins Lateinische übertragen. Doch lasst uns sehen, was danach geschah.

Schriftstellen

  1. Klgl 2,1
  2. Klgl 2,2
  3. Ps 88,40-46
  4. Ps 106,40
  5. 1Kor 4,9
  6. Mt 28,20
  7. Mt 18,20
  8. Phil 2,6-8