Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

Kirchengeschichte Buch 6

Rufinus von Aquila ⏱️ 74 Min. Lesezeit
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Als auch Severus mit seiner Verfolgung die Kirchen erschütterte, wurden großartige Kämpfe des Martyriums von Christi Soldaten um der Frömmigkeit willen ausgefochten, besonders in Alexandria. Dorthin strömten die Athleten wie in ein Stadion der Frömmigkeit aus ganz Ägypten und der Thebais, und für ihr standhaftes Ertragen von Leid und Tod gewannen sie von Gott die Kronen der Unsterblichkeit. Unter ihnen war der Vater des Origenes, Leonides, der, als er für Christus durch Enthauptung das Martyrium erlitt, seinen Sohn noch als Knaben zurückließ. Es ist nicht fehl am Platz, kurz zu zeigen, wie ganz seitdem sein Herz auf das göttliche Gesetz ausgerichtet war, zumal er unter so vielen Menschen so berühmt geworden ist.

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Wenn man über das ganze Leben dieses Mannes schreiben wöllte, kann man sicher sein, dass das Material so umfangreich wäre, dass es ein eigenes Werk erfordern würde. Vorerst nehmen wir in diese Schrift so knapp wie möglich auch das ein, was ihn betrifft: einige wenige Stücke aus dem Vielen, das wir entweder aus seinen überlieferten Briefen oder aus den Berichten anderer erfahren haben. Sein Leben ist, wenn ich so sagen darf, schon von frühester Kindheit an wert, der Nachwelt aufgezeichnet zu werden. Severus stand im zehnten Jahr seiner Herrschaft, Laetus verwaltete damals Alexandria und ganz Ägypten, und Demetrius hatte dort nach Julian das Bischofsamt übernommen, als die Verfolgung mit maßloser Heftigkeit aufflammte und viele in jener Zeit mit dem Martyrium gekrönt wurden. Origenes, damals noch ein junger Knabe, entbrannte mit einem solchen Verlangen nach dem Martyrium, dass er sich aus eigenem Antrieb den Gefahren aussetzte und kopfüber mitten unter die Kämpfenden stürmte, sodass es schien, als wolle er den Tod selbst verfolgen und ergreifen. Und das hätte er durchaus erreicht, wenn er nicht durch die Fügung des Herrn, so meint man, zum Nutzen vieler für den Aufbau der ganzen Kirche bewahrt worden wäre, gerettet nämlich durch die Sorge seiner Mutter, die sein Verlangen nach einem ruhmreichen Tod hemmte.

Als sie ihn zunächst mit mütterlichem Flehen bat, an sich zu denken und seine Mutter zu schonen, entfachten ihre Bitten sein Verlangen nach dem Martyrium nur noch mehr, zumal er wusste, dass sein Vater bereits im Gefängnis saß, und er eilte, sich ihm in Haft und Martyrium anzuschließen; doch die List der Mutter hinderte ihn. Denn als sie merkte, dass er im Begriff war, früh aufzustehen und noch vor Morgengrauen zu den Kämpfen hinauszustürmen, schlich sie nachts in das Zimmer ihres schlafenden Sohnes, stahl alle Kleidungsstücke, in denen er hätte hinausgehen können, und zwang ihn so, zu Hause zu bleiben. Von der List seiner Mutter ausgetrickst und unfähig, etwas anderes zu tun oder die Sache ruhig zu ertragen, wagte er etwas, das über sein Alter hinausging. Er schrieb an seinen Vater, er möge, auch wenn er selbst durch die List der Mutter zurückgehalten werde, den eingeschlagenen Weg festhalten. Und er fügte hinzu: „Achte darauf, Vater, entscheide nicht um unsertwillen anders.“

Das waren Origenes’ erste Lektionen der Kindheit, das war seine erste Schule, das waren die Zeichen seiner Hingabe und Frömmigkeit von früh an; so tief hatte seine Bindung an Gott Wurzeln geschlagen. Daher begann er nun, sich der Lektüre der göttlichen Bücher zu widmen und den göttlichen Glauben mit Fleiß zu studieren, zumal sein Vater ihn bereits darin eingeführt hatte; unter die weltlichen Bücher, die er in frühester Zeit lernte, mischte jener von Zeit zu Zeit auch Stücke aus unseren Schriften, die er ihm zu lesen vorlegte. Danach riet er ihm, diesen allmählich mehr Gewicht beizumessen als dem Schulstoff. Und von da an zwang er den Knaben, jeden Tag Zeit auf ihre Lektüre zu verwenden und sie auswendig zu lernen, nicht etwa gegen seinen Willen; im Gegenteil, er war sehr bereit zu lernen. Denn man merkte beim Lesen, dass er sich nicht mit einem elementaren Verständnis zufriedengab, sondern seinen Vater mit Fragen bestürmte, wie man die Schrift zu verstehen und zu untersuchen habe. Er fragte ihn, was es heißen solle, dass die Schrift vom Heiligen Geist eingegeben ist, und welche Absicht Gott unter der Einfachheit der Sprache verfolge. Sein Vater tat so, als wolle er ihn schelten und verbot ihm Fragen, die über sein Alter hinausgingen, während er sich innerlich über alle Maßen freute und dem allmächtigen Gott dankte, der ihm gewährt hatte, der Vater eines solchen Sprosses zu sein. So hingebungsvoll und aufmerksam war er als Vater, dass man über ihn erzählt: „Er beugte sich oft über den schlafenden Knaben, zog die Decke von seiner Brust und, weil Gottes Geist in ihm eingeschlossen war, verehrte er seine Brust wie einen Tempel, bedeckte sie mit Küssen und zog sich dann zurück, indem er sich dazu gratulierte, von Gott mit solcher Nachkommenschaft gesegnet worden zu sein.“ Solche und viele ähnliche Geschichten werden über die Jugend des Origenes erzählt.

Als sein Vater sein Leben im Martyrium vollendete, blieb der damals etwa siebzehnjährige Junge mit seiner verwitweten Mutter und sechs weiteren jungen Brüdern in bitterster Not zurück, da der Besitz seines Vaters, der in der Tat sehr umfangreich war, eingezogen wurde. Doch die Vorsehung des allmächtigen Gottes ließ ihn nicht im Stich; wegen seines auffallenden Eifers für Gelehrsamkeit und Glauben wurde er von einer Frau hohen Standes und großen Reichtums mit großer Wärme aufgenommen. Damals lebte in ihrem Haus jedoch als Adoptivsohn ein gewisser Paulus, von Herkunft aus Antiochien und ein äußerst berühmter Anhänger einer alten Häresie. Der junge Origenes, der damals mit ihm im Haus der Frau wohnen musste, zeigte die treueste und katholische Gesinnung, die er seit seiner Kindheit hatte. Denn als täglich nicht nur Scharen von Häretikern, sondern auch viele von den Unseren in Massen zu dem jungen Mann zusammenströmten wie zu einem Lehrer und Meister höchsten Ansehens, weil ihn alle für überragend gelehrt hielten, wich Origenes kein bisschen zurück und weigerte sich, auch nur gemeinsam mit ihm zu beten, weder aus Höflichkeit noch aufgrund des notwendigen Zusammenlebens. Denn so hoch hielt er von Jugend an die Einhaltung der kirchlichen Regel und so verabscheuungswürdig war ihm die Gemeinschaft mit Häretikern, wie er selbst in einem seiner Werke sagt: „die Lehre der Häretiker ist zu verabscheuen.“ Dabei fehlte es ihm keineswegs an Interesse für die weltliche Literatur, in der sein Vater ihn hatte ausbilden lassen; vielmehr studierte er sie nach dem Tod seines Vaters noch weit eifriger. Er war in der Grammatik so gut geschult, dass er sie ohne weiteres selbst unterrichten konnte, und damit bestritt er seinen Lebensunterhalt.

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Als Origenes eine Schule leitete und Grammatik unterrichtete, wie er selbst in einigen seiner Schriften berichtet, und der Kirche in Alexandria ein Lehrer fehlte, weil alle durch die Drohungen und die Brutalität der Verfolger so aufgeschreckt waren, dass sie geflohen waren, kamen einige Heiden gerade während seines Grammatikunterrichts zu ihm zusammen, um von ihm eine Darlegung unseres Glaubens und unserer Religion zu hören. Er bekehrte sie nicht nur vom Unglauben zum Glauben, sondern formte sie auch durch seine Unterweisungen zum vollkommenen Leben. Der erste unter ihnen war Plutarch, der, von ihm zu unserem Glauben bekehrt, nicht nur die Gebote des vollkommenen Lebens hielt, sondern sogar zur Fülle der Seligkeit gelangte, indem er die Palme des Martyriums errang. Der zweite mit ihm war Heraklas, Plutarchs Bruder nach Blut und Verdienst, der, nachdem er von ihm umfassend in unserem Glauben und in unserer Lehre sowie in den Übungen des reineren Lebens unterwiesen worden war, nach Demetrius zur Leitung der Kirche von Alexandria berufen wurde. Zur Zeit, als die Verfolgung immer heftiger wurde und Aquila Alexandria und Ägypten verwaltete, stand Origenes im achtzehnten Lebensjahr. Damals war er bereits bei allen, im In- und Ausland, bei Ungläubigen wie bei Gläubigen, hochberühmt.

Der Hauptgrund dafür war, dass er nicht nur alle Heiligen, die wegen ihres Bekenntnisses im Gefängnis saßen, durch Worte und Ermahnungen aus vollkommener und geistlicher Lehre zum Martyrium stärkte, sondern durch viele Liebesdienste und Hilfen auch die Härte der Fesseln und den Schmutz des Gefängnisses linderte. Oft war er sogar vor den Richtergerichten und bei den Folterungen selbst zugegen, teilte angesichts der gottlosen Verhöre der Richter mit Empfinden und Gedanken die Leiden der Märtyrer und war, wenn man so sagen darf, mit Blick und Nicken darauf bedacht, ihre Antworten noch fester zu machen. Und wenn sie ihr Urteil empfingen, zeigte er die gleiche Zuversicht, stellte sich mitten in alle Gefahren und verabschiedete die Märtyrer ohne Furcht vor den wachenden Verfolgern sogar mit einem letzten Kuss, sodass die Heiden mehr als einmal deswegen auf ihn losstürmten; doch er entkam, beschützt durch Gottes rechte Hand und die allgemeine Hochachtung, die er genoss. Es ist nicht leicht zu zählen und unmöglich zu erzählen, wie oft und wie häufig – fast täglich – dieselbe göttliche rechte Hand ihn aus so vielen und so großen Gefahren rettete, während er unermüdlich und jederzeit bereit war, Gottes Wort zu verkünden, und wie oft er denen entkam, die im Hinterhalt lagen, um ihn heimlich zu töten. So sehr reizte er durch seinen Eifer für Gottes Werk den Zorn der Ungläubigen, dass sogar Soldatentrupps abgestellt wurden, das Haus zu umstellen, in dem man ihn wohnen sah; doch sie konnten ihn weder fassen noch festhalten, denn Gottes Schutz bewahrte ihn.

Die gegen ihn in den Gemütern entfesselte Raserei war so groß geworden, einfach weil man sah, wie viele Menschen durch ihn vom Unglauben zu unserem Glauben bekehrt wurden. Die Verfolgung gegen ihn wuchs täglich so sehr, dass ihn nicht einmal die ganze riesige Stadt Alexandria verbergen konnte; er ging von Haus zu Haus, und doch jagte man ihn überall, weil man sah, wie an jedem Ort durch ihn große Scharen zum Glauben an Gott hinzukamen. Dennoch hatte er Erfolg, denn für ihn war vollkommene Lehre nicht nur eine Sache der Worte; auch durch sein Tun gab er Beispiele einer vollendeten Lebensführung, und man sagte von ihm: „Hier ist einer, der so lebt, wie er spricht, und so spricht, wie er lebt, denn er handelt, wie er lehrt, und er lehrt, wie er handelt.“ Es war klar und offenkundig, dass göttliche Gnade mit ihm war, durch die er zahllose Menschen dazu herausforderte, ihm nachzuahmen und zum Glauben an Gott zu kommen. Daher übertrug Bischof Demetrius, als er sah, dass dank seiner hervorragenden Lehre und Predigt des Wortes Gottes große Scharen zu ihm strömten, ihm in der Kirche das Amt der Katechese, das heißt des Unterrichtens.

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Der erste, der nach den Aposteln dieses Amt in Alexandria innehatte, war Pantänus, der zweite in der Folge Clemens, und der dritte Origenes, der Schüler des Clemens. Clemens führt in seinen Stromateis, wo er in den Vorreden auch die Zeiten angibt, in denen er die Bücher schrieb, die Darstellung bis zum Ende der Herrschaft des Commodus. Daher können wir sicher sein, dass damit auch jene Zeit des Severus umfasst ist, um die es uns hier geht.

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In dieser Zeit behandelte auch ein anderer Schriftsteller, ein gewisser Judas, die in Daniel verzeichneten Wochen; auch er erwähnt das zehnte Jahr des Kaisers Severus. Zudem verunsicherte er viele von den Unseren, weil er aus der Härte der Verfolgungen schloss, die Ankunft des so oft besprochenen Antichrist stehe nun bereits unmittelbar bevor.

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Origenes begann, nachdem Bischof Demetrius ihm das Lehramt anvertraut hatte, seinen Grammatikunterricht zurückzustellen und widmete sich stattdessen dem Wort Gottes. Er wählte sogar einen Weg, der seine Reife zeigte: Er übergab die Bibliothek heidnischer Bücher einem treuen Freund, mit der Abmachung, sie ihm gegen eine tägliche Zahlung von vier Obolen abzukaufen. So wollte er weder jemandes tägliche Ausgaben belasten noch den Eindruck erwecken, er horte daheim einen Geldvorrat. Indem er nun einen großen Teil seiner Zeit mit solchen Übungen verbrachte, galt er durch und durch als christlicher Philosoph in Leben, Sitten und Disziplin; denn um seine jugendlichen Begierden zu zügeln und in Weisheit voranzukommen, legte er sich Tag und Nacht strengere Maßhalte auf. Unablässig versenkte er sich in Betrachtungen der göttlichen Bücher bei größter Enthaltung, in unaufhörlichen Fasten und beinahe ständigen Nachtwachen, sodass, wenn die Natur einmal verlangte, dass er einen Augenblick Schlaf raubte, er das nicht in einem Bett tat, das er nie benutzte, sondern auf bloßem Boden. Vor allem aber war er überzeugt, dass die Evangeliengebote und die Worte des Retters mit brennender Liebe und Eifer zu vollziehen sind; sie gebieten nicht zwei Tuniken zu haben, keine Sandalen zu tragen und sich nicht um den morgigen Tag zu sorgen und jedes davon mühte er sich mit größter Sorgfalt und Treue zu erfüllen, wobei er sich über sein Alter und seine Kräfte hinaus in Wettkämpfen der Standhaftigkeit in Kälte und Blöße nach den Ermahnungen des Apostels, verausgabte.

So gab er allen, die ihn hörten, Beispiele dafür, alles Eigene preiszugeben und die selige Armut zu wählen. Damit war er allen lieb und beliebt, nur in einem Punkt betrübte er eine große Zahl und stieß nicht wenige vor den Kopf, nämlich die, die er aus strenger Einhaltung der Enthaltsamkeit abwies, wenn sie ihm wenigstens für das Nötigste etwas aus ihren Mitteln geben wollten, obwohl alle ihn für würdig hielten, nicht nur der „doppelten Ehre,“1 sondern um Gottes Wort willen vielfach größerer Ehre. Für ihn war Enthaltsamkeit die höchste Ehre. Man sagt auch, er sei viele Jahre barfuß gegangen, ohne jegliches Schuhwerk, und habe auf Wein und alles Ähnliche völlig verzichtet, außer auf das, was zum Leben unbedingt nötig ist, bis ihn schließlich Unwohlsein, genauer eine Erkrankung des Magens, stoppte. Indem er so durch die Beispiele seines Lebens und seiner Praxis jene formte, die er aus heidnischem Leben und hohler Philosophie zur wahren Philosophie und Weisheit Christi bekehrte, lehrte er sie nicht nur, einen Glauben zu haben, der im innersten Geheimen der Seele wohnt, indem er sie sehen ließ, dass er lebte, was er lehrte; er weckte in ihnen sogar die Liebe zum Martyrium durch die Dinge, deren tägliche Einübung sie stärkte. Viele von ihnen wurden während der Verfolgung verhaftet und errangen die Palme des Martyriums.

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Der Erste unter ihnen war Plutarch, den wir kurz zuvor erwähnt haben. Als die Leute sahen, wie man ihn zum Tod führte und Origenes an seiner Seite stand, um seinen Geist zur Großmut zu entflammen, stürzte sich die Menge auf ihn, fest entschlossen, ihn als den Verantwortlichen für dessen Tod fast in Stücke zu reißen und zu töten; doch auch damals wurde er durch die Hilfe der göttlichen Vorsehung ihren wütenden Händen entrissen. Nach dem Martyrium des Plutarch wurde Serenus als Zweiter aus der Schülerschaft des Origenes Märtyrer. Als Dritter wurde ebenso Herakleides mit dem Martyrium gekrönt, als Vierter ein Neophyt, Heros. Der erstgenannte Serenus war noch Katechumene, als er seine Vollendung erreichte. Als Fünfter aus derselben Schule erlitt ein weiterer Serenus das Martyrium; von ihm heißt es, er sei nach vielen Qualen für Christus „sogar enthauptet worden“. Es gab auch sehr viele Frauen, unter ihnen Hera, eine Katechumene, über die er irgendwo sagt, sie habe „die Taufe durch Feuer empfangen“.

Außerdem gab es Potamiaena, die berühmteste unter den Frauen und Märtyrerinnen, und sogar ihren Henker selbst, Basilides. Bis heute feiern die Bewohner des Ortes den dauerhaften Ruhm von Potamiaenas Tugenden, weil sie zuerst ungeheure, zahllose Kämpfe um ihre Jungfräulichkeit und Keuschheit bestand und dann beim Martyrium raffinierte und unerhörte Qualen ertrug, bis sie schließlich ihr Leben dadurch vollendete, dass sie zusammen mit ihrer ehrwürdigen Mutter Marcella verbrannt wurde. Es heißt, Aquila – so hieß der tyrannische Richter – habe sie, nachdem er sie mit grausamen Foltern zugerichtet hatte, am Ende in ihrer Würde und Keuschheit bedroht, indem er ihr androhte, sie entweder den grausamsten Gladiatoren oder den schamlosesten Zuhältern auszuliefern. Als man sie fragte, was sie vorziehe oder wähle, gab sie dem Tyrannen eine offene Antwort, die im Aberglauben der römischen Religion als frevelhaft galt, und darum wurde sogleich das Urteil über sie gesprochen.

Und als Basilides, einer aus dem Kreis derer, die gewöhnlich den Henkerdienst verrichten, sie zur Folter abführte und eine Menge schamloser und gottloser Leute versuchte, sie mit Worten und Schmähungen zu verhöhnen, wies er die, die sie schamlos angriffen, zurecht und trieb sie fort und zeigte so Menschlichkeit und Mitleid. Sie wiederum nahm seine fromme Tat an ihr und seine beabsichtigte Güte dankbar auf und sagte: „Du kannst gewiss sein: Wenn ich zu meinem Herrn gegangen bin, werde ich dir diese gute Tat ohne Verzug vergelten.“ Nach diesen Worten nahm sie mutig die verhängte Strafe an; heißes Pech wurde ihr nach und nach über die Glieder gegossen, und so verließ die selige Jungfrau die Erde und ging in den Himmel. Nicht viele Tage danach jedoch, als Basilides von seinen Gefährten aus irgendeinem Anlass aufgefordert wurde, einen Eid zu leisten, sagte er, es sei ihm unmöglich zu schwören, denn er sei Christ, und bekräftigte dies offen. Zuerst hielt man es für einen Scherz; als er aber dabei blieb, zerrte man ihn vor das Gericht, und weil er dort in seinem Bekenntnis standhaft blieb, wurde er ins Gefängnis geworfen.

Als die Unsrigen ihn dort besuchten und nach dem Grund für diese plötzliche und lobenswerte Wandlung fragten, soll er geantwortet haben, dass drei Tage nach ihrem Martyrium Potamiaena in der Nacht an seiner Seite erschienen sei und ihm eine Krone aufs Haupt gesetzt habe, mit den Worten, sie habe beim Herrn für ihn Fürsprache eingelegt und ihre Bitte erlangt, nämlich dass, wie geschrieben steht, „Wer einen Propheten als Propheten aufnimmt, wird den Lohn eines Propheten empfangen,“ 2 sodass der, der einen Märtyrer aufnimmt, den Lohn eines Märtyrers empfange. Als die Brüder das hörten, gaben sie ihm sofort das Siegel des Herrn, und am nächsten Tag wurde er um seines Zeugnisses für den Herrn willen enthauptet. Und man sagt, Potamiaena habe zur selben Zeit in Alexandrien vielen anderen ihrer Mitschüler, mit denen sie sich in Origenes’ Schule dem Wort Gottes gewidmet hatte, dieselbe Gunst erwiesen, indem sie ihnen in Visionen erschien und ihnen die vom Herrn empfangenen Märtyrerkränze verlieh. Doch genug davon.

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In dieser Zeit, als Origenes in Alexandria die Unterweisung leitete, soll er etwas getan haben, das vielleicht aus jugendlichem, unreifem Urteil entsprungen scheint, aber von reifem Glauben und außergewöhnlicher Keuschheit zeugte. Die Worte des Evangeliums, „Es gibt Eunuchen, die sich um des Reiches Gottes willen selbst entmannt haben,“ 3 hielt er für wörtlich zu erfüllen, nicht bloß sinnbildlich durch Keuschheit. Und da er während der Verfolgung Gottes Wort predigte, offen und heimlich, im Verborgenen, und sowohl Männern als auch Frauen, vollzog er das Wort des Herrn tatsächlich an sich selbst und wirklich, damit offenbar sei, dass er den Ungläubigen keinen Anlass zu böswilligem Gerede gab. Er wollte es geheim halten, da er nicht den Beifall von Menschen, sondern den Lohn von Gott suchte, doch verbergen konnte er es nicht, und die Nachricht von seiner Tat gelangte an Bischof Demetrius. Zunächst war dieser über die Kühnheit seiner Tugend sehr betroffen, dann pries er die Wucht und Glut seines Glaubens und seinen großen Entschluss im Werk Gottes und ermahnte ihn: „Konzentriere dich jetzt auf das Werk des Lehrens und Predigens, gerade jetzt, da unsere Feinde keinen Anlass mehr haben, uns herabzusetzen.“

So dachte Demetrius damals, als noch nichts vorgefallen war, was seine Regungen beeinflusst und sein gesundes Urteil verändert hätte. Später jedoch, als er sah, wie berühmt der junge Mann wurde und wie man ihn im In- und Ausland in den Himmel hob, erlag er menschlicher Schwäche und begann jene Tat zu tadeln, die er zuvor grenzenlos gepriesen hatte. Es geschah nämlich, dass Alexander von Jerusalem und Theoktistos von Cäsarea, hervorragende und angesehene Männer unter den Bischöfen Palästinas, als sie sein gottesfürchtiges Wirken am Wort Gottes sahen, ihn zum Presbyter ordinierten und als einen empfahlen, der so gut wie des Hohepriesteramts würdig sei. Alle priesen dies als höchst recht getan und sagten, nicht einmal die ihm verliehene Ehre werde seiner Weisheit und seinen Tugenden gerecht; Demetrius aber war tief getroffen und, da er nichts anderes fand, dessen er ihn beschuldigen konnte, machte er ihm nun jene Sache zum Vorwurf, die er als Knabe getan hatte und die er als Bischof gelobt hatte, und suchte jetzt auch an denen etwas auszusetzen, die ihn ordiniert hatten. Doch das geschah später. Damals galt Origenes in Alexandria als Kirchenlehrer von großem Ruf, der Gottes Wort allen predigte, die sein Ruhm veranlasste, zusammenzukommen und ihn zu hören, sei es gelegen oder ungelegen, bei Tag und bei Nacht, öffentlich und in den Häusern, wie der Apostel sagt; nachdem alle Hindernisse beseitigt waren, führte er sein Werk in völliger Freiheit und vollem Vertrauen fort. Als Severus achtzehn Jahre regiert hatte, folgte ihm sein Sohn Antoninus. In dieser Zeit gab es sehr viele, die Ruhm darin suchten, ihr Bekenntnis abzulegen, die jedoch von Gottes Vorsehung bewahrt wurden. Unter ihnen war Alexander, den wir kurz zuvor erwähnt haben und der für sein Bekenntnis sehr berühmt war; er wurde zum Bischof der Kirche in Jerusalem eingesetzt, während Narcissus, der dort früher das Amt des Hohepriesters bekleidet hatte, noch lebte.

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Da unsere Erzählung nun bei Narcissus angekommen ist, scheint es mir angemessen, etwas über die bemerkenswerten Taten dessen zu sagen, von dem die Einwohner des Ortes in der Tat vieles berichten; wir nennen jedoch eine seiner Taten, aus der die übrigen Erzählungen ihre Glaubwürdigkeit gewinnen können. Es geschah einmal in der feierlichen Passahnacht, dass das Öl für die Lampen ausging, und als die Diener dies meldeten, ergriff das Volk tiefe Betrübnis. Narcissus aber, im Glauben vertrauend, befahl den Dienern, Wasser zu schöpfen und zu ihm zu bringen. Als sie es gebracht hatten, betete er, segnete das Wasser und befahl, es in die Lampen zu gießen. Da geschah plötzlich ein staunenswertes Wunder, in keiner Zeit gehört, die Natur des Wassers wurde in die ölige Beschaffenheit von Öl verwandelt und warf einen helleren Schein als gewöhnlich. Zum Beweis bewahrten viele der frommen Brüder etwas von dem aus Wasser verwandelten Öl auf, sodass der Nachweis dieses Wunders sogar bis zu uns gelangt ist. Wenn dies als Hinweis auf seinen Glauben und seine Verdienste taugt, so zeigt eine andere seiner Taten ebenso, wie groß seine Tugend war. Da er neben anderem großen Mut besaß und unbeugsam am Gerechten und Rechten festhielt, kamen ein paar nichtsnutzige Halunken, die wussten, dass sie Unrecht getan hatten und fürchteten, einer Strafe nicht zu entgehen, wenn ihre Vergehen überführt würden, dem zuvor und verschworen sich, den zu umgehen, dessen Urteil sie fürchteten. So ersannen sie gegen ihn eine besonders schändliche und verletzende Verleumdung, versammelten Publikum und führten aus ihren eigenen Reihen Zeugen vor, die ihre Anschuldigungen unter Eid bekräftigten, der eine legte sich für den Fall, dass er nicht die Wahrheit gesagt habe, als Strafe den Feuertod auf, ein anderer das Zugrundegehen an Gelbsucht, ein dritter den Verlust seines Augenlichts.

Obwohl weder die Gläubigen noch die Gottesfürchtigen dem Eid Glauben schenkten, weil allen das Leben, die Lebensführung und die Keuschheit des Narcissus bekannt waren, ertrug er selbst die Schmach und den Verdruss dieser Anschuldigungen nicht; zudem hatte er immer ein verborgenes, philosophisches Leben führen wollen, darum entzog er sich der Kirche und den Seinen und verbrachte viele Jahre verborgen an einsamen Orten und in abgelegenen Gegenden des Landes. Das große Auge der göttlichen Vorsehung blieb jedoch nicht lange untätig, sondern brachte über jene gottlosen Männer ebendie Vergeltung, die sie in den im Meineid enthaltenen Flüchen selbst festgelegt hatten. Ein winziger Funke setzte in der Nacht das Haus des ersten Zeugen in Brand, und er verbrannte in den rächenden Flammen zusammen mit seiner ganzen Familie und seinem Hausstand. Einen anderen traf die Gelbsucht, die ihn plötzlich von den Fußsohlen bis zum Scheitel erfüllte, die er selbst über sich heraufbeschworen hatte. Der Dritte sah, wie die anderen umkamen, und erkannte, dass er dem göttlichen Auge nicht entfliehen konnte; da trat er, von verspäteter Reue ergriffen, plötzlich vor die anderen und legte ihnen die ganze Geschichte der bösen Verschwörung offen. So viele Tränen vergoss er über das begangene Unrecht und so lange weinte er Tag und Nacht, dass er am Ende sein Augenlicht verlor. So wurden sie für ihre Lüge bestraft.

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Da Narcissus also die Wüste gesucht und sich an verborgene Orte zurückgezogen hatte, sodass niemand wusste, wo er sich aufhielt, beschlossen die Bischöfe der benachbarten Kirchen, an seiner Stelle einen anderen zu ordinieren; er hieß Dius. Er wurde, nachdem er die Kirche kurze Zeit geleitet hatte, von Germanio abgelöst, und Germanio wiederum von Gordius, als plötzlich, gleichsam wieder zum Leben erweckt und vom Himmel zurückgegeben, Narcissus unerwartet erschien und von den Brüdern gebeten wurde, die Kirche erneut zu leiten. Denn die Liebe aller zu ihm war noch viel heftiger entflammt, sei es, weil er Übeltätern trotz Unschuld nachgegeben hatte, sei es, weil er das verborgene philosophische Leben höherstellte, und auch, weil der Herr an ihm das Wort erfüllt hatte: „Mein ist die Rache; ich werde vergelten, spricht der Herr.“4

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Da Narcissus nun vom Alter ermattet war und dem Dienst des Hohepriesteramts nicht mehr gewachsen, rief Gottes Fügung Alexander dem Greis durch die denkbar deutlichste Offenbarung zur Hilfe; Alexander, den wir zuvor erwähnt haben, war bereits Bischof eines anderen Ortes. Seine Vorfahren stammten aus Kappadokien; dort war er Bischof einer angesehenen Stadt. Er war nach Jerusalem geeilt, um anzubeten und die heiligen Stätten zu sehen. Gott bewegte die Bewohner des Ortes, ihn mit allen Zeichen von Liebe und Aufmerksamkeit aufzunehmen; sie banden ihn durch die Kraft der Liebe und die Bande der Zuneigung und ließen ihn nicht in die Heimat zurückkehren. Denn der Herr hatte nicht nur dem seligen Narcissus, sondern auch vielen anderen durch Offenbarungen vor aller Augen deutlich gezeigt, dass sie ihn am heiligen Ort als Bischof behalten sollten. Das Ehrfurchtgebietendste aber war: An dem Tag, als seine Ankunft in der Stadt angekündigt war und eine große Schar der Brüder ihm vor die Tore entgegenging, hörten alle mit größter Deutlichkeit eine Stimme vom Himmel: „Nehmt den Bischof auf, den Gott euch bestimmt hat!“ Und da durch all dies Gottes Fügung allen klar kundgetan war, nötigten die Bischöfe der benachbarten Städte, als sie von allem erfuhren, was zeigte, dass das, was mit ihm geschah, aus Gottes Beschluss hervorging, ihn, dortzubleiben.

Alexander selbst erwähnt in seinen Briefen an die Antinoiten, Briefe, die wir noch besitzen, Narcissus als seinen Gefährten und Teilhaber im Episkopat und schreibt über ihn: „Es grüßt euch Narcissus, der vor mir als Bischof begonnen hat, diese Kirche zu leiten und der, durch eure Gebete mir zur Seite gestellt, jetzt im hundertsechzehnten Lebensjahr steht; er bittet euch zusammen mit mir, in Eintracht zu leben.“ So viel hierzu. In Antiochien starb inzwischen der Bischof Serapion, und Asclepiades erhielt diesen Sitz; er war selbst einer der Bekenner von herausragendem Verdienst. Der eben genannte Alexander vermerkt seine Ordination und schreibt an die Antiochener: „Alexander, Sklave und Gefangener Jesu Christi, an die gesegnete Kirche in Antiochien: Gruß im Herrn. Der Herr erleichterte meine Fesseln und weitete die Enge meines Gefängnisses, sobald ich erfuhr, dass jener höchst würdige Mann Asclepiades das Bischofsamt eurer heiligen Kirche empfangen hat.“ Zugleich zeigt er, dass er diesen Brief durch die Hand des Presbyters Clemens an die Kirche in Antiochien gesandt hat; am Ende des Schreibens heißt es: „Was ich euch geschrieben habe, habe ich gesandt, Herren meine Brüder, durch die Hand des seligen Presbyters Clemens, eines Mannes von höchster Vorzüglichkeit in jeder Tugend, den ihr kennt und noch besser kennenlernen werdet. Seine Gegenwart bei uns, von Gottes Vorsehung gefügt, hat die Kirche des Herrn zugleich gefestigt und vermehrt.“

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Ich meine, andere besitzen gewiss noch weitere kleinere Schriften jenes gelehrten Mannes, des Bischofs Serapion; zu uns gelangten jedoch nur die, die er an einen Domnus schrieb, der zur Zeit der Verfolgung den Glauben an Christus verließ und zum Aberglauben der Juden überging, sowie die an Pontius und Karikos, Mitglieder der Kirche. Es gibt außerdem noch andere Briefe von ihm an weitere Empfänger. Wir haben auch das Buch erhalten, das er über das Evangelium des Petrus verfasste, in dem er nachweist, dass manches, was darin steht, falsch ist; er wollte damit die Brüder in Rhosus zurechtbringen, die wegen jener Schrift in Häresie abgeglitten waren. Es ist gut, daraus einen kurzen Abschnitt anzuführen, der seine Meinung über jene Schrift zeigt. An einer Stelle schreibt er so: „Was uns betrifft, Brüder, wir erkennen Petrus und die übrigen Apostel ebenso an wie Christus. Aber was andere geschrieben und ihnen fälschlich zugeschrieben haben, meiden wir, da wir ihren Sinn und ihre Gedanken kennen und wissen, dass uns so etwas nicht überliefert ist. Ich meine damit: Als ich bei euch war, hielt ich alle unter euch im Glauben für gesund und sagte, ohne das Buch, das man mir vorlegte und das das in Petrus’ Namen verfasste Evangelium enthielt, durchzugehen: ‚Wenn dies das Einzige ist, was bei euch Streit zu verursachen scheint, soll man das Buch lesen.‘ Nun aber habe ich erfahren, dass die, die darauf bestanden, jenes Buch müsse gelesen werden, dies deshalb taten, weil ihre Gesinnung eine verborgene Häresie darstellt, so ist mir berichtet worden; daher werde ich mich beeilen, zu euch zurückzukehren; erwartet mich bald! Denn wir wissen, Brüder, zu welcher Häresie Markian gehörte, der sich selbst zu widersprechen pflegte, weil er nicht verstand, was er sagte. Auch ihr werdet aus dem, was euch geschrieben wurde, erfahren, was er sagte; wir haben es von denen erfahren, die dasselbe Evangelium nach seiner Überlieferung gelernt und sein Wissen übernommen haben. Wir nennen sie Doketen, denn in ihrer Lehre finden sich sehr viele Gedanken, die eben von diesen Leuten entlehnt sind. Denn sicher ist: Das meiste, was sie über den Retter sagen, stimmt mit rechter Vernunft überein, anderes aber weicht ab – und eben dies fügen wir bei.“ So schrieb Serapion.

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Von Clemens sind viele Bücher erhalten. Sicher belegt sind acht Bücher der Stromateis, die er „Notizbücher oder Stromateis des Titus Flavius Clemens über die Erkenntnis nach der wahren Philosophie“ betitelte. Unter „Stromateis“ versteht man eine vielfältig zusammengestellte Sammlung. Ebenfalls von ihm stammen acht Bücher der Hypotyposeis, die man als „Abrisse“ oder „Gliederungen“ bezeichnen kann; darin nennt er Pantänus ausdrücklich als seinen eigenen Lehrer, berichtet vieles von dessen Auslegungen und nimmt seine Lehren in das Werk auf. Ferner gibt es seine Ermahnung an die Heiden, ein weiteres Werk mit dem Titel „Paedagogus“, und ein anderes „Wer von den Reichen kann gerettet werden?“. Eine weitere kürzere Schrift behandelt das Passahfest, eine andere ist eine Abhandlung über das Fasten, eine weitere handelt von Verleumdung, dazu eine Ermahnung zur Standhaftigkeit und eine an die Neugetauften, außerdem die Schrift „Der kirchliche Kanon“. Eine andere richtet sich gegen diejenigen, die der jüdischen Auslegung der Schrift folgen; sie ist an den oben genannten Bischof Alexander gerichtet.

In den Stromateis hat er nicht nur das entfaltet, was er den göttlichen Schriften entnommen hat, sondern auch, was sich bei den heidnischen Autoren findet. Denn es erschien ihm in diesem Werk nützlich, jene Lehren zu sammeln und miteinander zu vergleichen, die göttliche Autorität haben, und die, welche die Weisen unter den Griechen erdacht haben, ja sogar die, die bei den übrigen Barbaren im Umlauf sind. Er widerlegt außerdem die Irrtümer der Häretiker und fügt viel Erzählstoff ein, und aus alledem hat er uns ein Werk gewaltiger Gelehrsamkeit geschaffen. Seine Kapitel verdienen daher den von ihm gegebenen Titel Stromateis, was bedeutet, dass sie reich und vielfältig gewandet sind. Er bringt dabei auch Beispiele aus Büchern, die viele nicht annehmen, der Weisheit, die Salomo zugeschrieben wird, und der Weisheit Jesu Sirach, die die Lateiner Ecclesiasticus nennen. Er zitiert außerdem Barnabas und Clemens und verwendet auch den Brief des Judas.

Er nennt außerdem die alten Schriftsteller, nämlich Tatian und Kassian, als Verfasser von Chroniken, ebenso die jüdischen Autoren Philon, Aristobulos, Josephus, Demetrios und Eupolemos; indem er sogar die Ältesten der Griechen mit unserem Mose und dem jüdischen Volk vergleicht, zeigt er, dass Mose und das jüdische Volk noch älter sind. Er bietet in diesem Werk darüber hinaus viele weitere Hilfsmittel zu einer hervorragenden Bildung. Und unter anderem bemerkt er im ersten kurzen Buch, dass er selbst nicht lange nach den Aposteln gelebt hat, und er verspricht, einen Kommentar zum Buch Genesis zu schreiben. In der kurzen Schrift über das Passahfest gibt er an, dass die Brüder ihn drängten, das, was die Presbyter, also die Nachfolger der Apostel, nur mündlich überliefert hatten, in Büchern niederzulegen und der Nachwelt zu übergeben. Darin erwähnt er auch Melito, Irenäus und andere und fügt manches aus ihren Berichten bei.

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In den Büchern der Hypotyposeis, den „Abrissen“, legt er, kurz gesagt, die ganze göttliche Schrift in knappen Abhandlungen dar. Dabei lässt er nicht einmal jene Schriften aus, die manche für apokryph halten, etwa die Petrusapokalypse. Über den Hebräerbrief sagt er, er sei eindeutig vom Apostel Paulus, freilich auf Hebräisch geschrieben, da er an die Hebräer gerichtet war, und von Lukas, dem Schüler des Paulus, ins Griechische übertragen. Daher, so sagt er, gleiche der Stil stark der kurzen Schrift über die Taten der Apostel, die Lukas verfasst hat. Dass der übliche paulinische Namenseintrag am Anfang fehlt, erklärt er so, über den Namen des Paulus sei bei den Hebräern im Voraus beschlossen gewesen, seine Worte nicht anzunehmen, daher habe man ihn klugerweise vermieden, damit sie das Schreiben nicht schon beim ersten Blick, wenn sie den Namen des Paulus sähen, zu lesen verweigerten. Kurz darauf fügt er hinzu: „Und weil, wie der selige Presbyter zu sagen pflegte, der Herr als der Apostel des Allmächtigen, der zu den Hebräern gesandt ist, bezeichnet wird, hat Paulus, der den Heiden zugewiesen war, sich aus Demut nicht Apostel der Hebräer genannt, aus Ehrfurcht vor dem Herrn, der von sich sagte: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel,“ 5 und auch weil er als Apostel der Heiden galt.“

Clemens erklärt in diesen Büchern auch die ihm von den älteren Presbytern überlieferte Ordnung der Evangelien und sagt, „zuerst seien jene Evangelien niedergeschrieben worden, die die Stammbäume enthalten“, also die von Matthäus und Lukas. Zum Evangelium nach Markus „sei der Anlass folgender gewesen“, als Petrus in Rom öffentlich das Wort Gottes verkündigt und das Evangelium im Geist ausgelegt habe, hätten seine Hörer Markus, der damals schon lange sein Begleiter gewesen sei, gebeten, „niederzuschreiben, was er wisse, dass der Apostel gepredigt habe“. Und als Petrus später erfahren habe, „dass er es getan hat“, habe er „das Geschehene nicht untersagt, obwohl er es nicht angeordnet hat“. Was Johannes betrifft, sagt er, „als dieser später sah, dass die Evangelien eher das nach dem Fleisch enthielten, habe auch er auf Bitten der Jünger das geschrieben, was das Geistliche betrifft; daher habe er, vom Geist erfüllt, ein geistliches Evangelium verfasst“. So berichtet Clemens. Alexander, von dem wir oben gesprochen haben, erwähnt Clemens zusammen mit Pantänus in einem Schreiben an Origenes und nennt sie Männer, die er noch zu Lebzeiten persönlich kannte. Er schreibt: „Denn so ist auch Gottes Wille, wie du selbst weißt, dass die mir von den Vätern erwiesene Freundschaft unversehrt bleibe, ja vielmehr noch stärker und inniger werde.

Und die, die wir als Väter kennen, sind jene Seligen, die uns vorausgegangen sind und zu denen auch wir bald aufbrechen werden: mein wahrhaft seliger Herr Pantänus und mein heiliger Herr Clemens, die mich beide viel gelehrt haben, und alle anderen ihresgleichen, durch die ich auch dich kennengelernt habe, einen in jeder Hinsicht hervorragenden Mann, der mir Herr und Bruder ist.“ So steht es damit. Adamantius, so heißt Origenes auch, kam, als Zephyrinus die römische Kirche leitete, nach Rom, wie er irgendwo selbst schreibt, weil es sein Wunsch war, die älteste Kirche der Römer zu sehen. Nachdem er dort nur kurze Zeit verweilt hatte, eilte er nach Alexandria zurück, zu dem ihm anvertrauten Lehrdienst, und vollbrachte dort das übernommene Werk mit aller Sorgfalt und frommem Eifer; Demetrius, damals Bischof, ermahnte und förderte ihn nicht nur, sondern tat es sogar ganz offen, damit es den Brüdern an religiöser Unterweisung nicht fehle.

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Origenes sah inzwischen, dass er nicht alles zugleich leisten konnte, nämlich die Forschung in den tieferen und geistlichen Fragen, die Auslegung der Heiligen Schrift und zugleich die Betreuung und Ausbildung derer, die Tag für Tag zum Glauben hinzukamen, was ihm nicht einmal eine Stunde zum Atemholen ließ. Ständig wurde er von einem zum anderen gerufen, sodass von der ersten Morgenhelle bis spät am Abend sein Lehrsaal ununterbrochen gefüllt war, die einen kamen, die anderen gingen nicht fort, gebannt von der Süße des Wortes Gottes. Daher hielt er es für besser, die Scharen der Anfänger abzutrennen und sie einem seiner Schüler zu übergeben, Heraklas, einem in allem vortrefflich unterwiesenen und ihm in allen Tugenden bewährten Mann, und ihn als Mitträger seines Amtes und Werkes zu gewinnen. Denn er war redegewandt und in allen Fächern der Philosophie hervorragend gebildet. Darum übertrug er ihm die Aufgabe, den Anfängern die Grundlagen zu lehren, während er selbst die Unterweisung der Reiferen behielt.

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Unter seinen weiteren gelehrten Bemühungen versäumte es Origenes nicht, das Hebräische gründlich zu studieren und lernte es, um sowohl festzustellen, welche Schriften die Juden auf Hebräisch lesen, als auch welchen Umfang die verschiedenen Fassungen der anderen Übersetzer hatten, die neben der der Siebzig entstanden waren. Sein Ziel war, außer den gemeinhin benutzten Fassungen von Aquila, Symmachus und Theodotion, auch andere aufzuspüren, die in entlegenen Orten verborgen lagen und deren Übersetzer er nicht einmal namentlich verzeichnet fand. Er bemerkt nur, er habe eine in Nikopolis an der Küste von Actium gefunden, eine weitere in Jericho und andere an anderen Orten. Daher war er der Erste, der eines jener berühmt gewordenen Bücher zusammenstellte, in denen er jede Fassung in getrennte Spalten eintrug, zuerst die hebräischen Wörter selbst in hebräischen Buchstaben, daneben an zweiter Stelle dieselben hebräischen Wörter in griechischen Buchstaben, als dritte Fassung die des Aquila, als vierte die des Symmachus, als fünfte die der Siebzig, die die unsrige ist, und als sechste die des Theodotion. Wegen dieser sechsfachen Anordnung nannte er diese Ausgaben Hexapla, das heißt in sechsfacher Gliederung geschrieben. Im Buch der Psalme hingegen und in einer Reihe weiterer Bücher fügte er noch Stellen aus jenen anderen Fassungen ein, die er, da er sie ohne Angabe der Übersetzer fand, die sechste und die siebte Fassung nannte.

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Man muss sich also klarmachen, dass einer dieser Übersetzer, Symmachus, ein Ebionit war, ein Angehöriger jener Häresie, die behauptet, Christus sei aus Josef und Maria als bloßer Mensch geboren, und das Gesetz sei nach jüdischer Weise einzuhalten, wie wir schon früher erwähnt haben. Symmachus verfasste außerdem einige Traktate, in denen er versucht, die Geltung seiner Häresie aus dem Evangelium nach Matthäus zu belegen. Origenes schreibt, er habe diese Stücke zusammen mit der Übersetzung des Symmachus im Besitz einer gewissen Juliana vorgefunden; sie erklärte, sie habe diese Bücher von Symmachus selbst empfangen.

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Zu dieser Zeit wurde auch ein Mann namens Ambrosius, durch Herkunft und Bildung hochangesehen und ein Anhänger der Lehre des Valentinus, von Origenes mit der Wahrheit des katholischen Glaubens widerlegt; vom Glanz des wahren Lichts erfasst, ließ er die Finsternis seiner Irrtümer hinter sich und wandte sich dem Licht und der Klarheit der katholischen Kirche zu. Es gab außerdem viele andere Gelehrte, für ihre Gelehrsamkeit hochberühmt, die auf seinen weithin ausstrahlenden Ruf hin eilig zu ihm strömten: die einen, um mit ihm zu diskutieren; die anderen, mit besserer Haltung, um die Wahrheit zu hören und zu behalten. Unzählige kamen auch aus den Reihen der Häretiker, wurden von ihm widerlegt und gaben ihre Irrtümer reuevoll auf. Und alle Philosophen höchsten Ansehens, die in größter Achtung standen, erkannten an, dass er als Lehrer ohnegleichen sei, sowohl bei den Unseren als auch in ihren eigenen Kreisen. Denn es war seine Gewohnheit, diejenigen unserer jungen Leute, die er als begabt und fleißig erkannte, auch in jene Fächer einzuführen, die Philosophen gewöhnlich als Grundlagen ihrer Ausbildung lernen: Geometrie, Arithmetik und alles Weitere, was zur Schulung in der Kunst des Schlussfolgerns gehört. Wenn es dann nötig wurde, aus philosophischen Werken etwas zu erklären, lauschten ihm selbst die in diesem Fach Gelehrtesten mit solcher Bewunderung, dass er unter ihnen als der Überragende galt und als Philosoph den ersten Autoren der Antike gleichgestellt wurde. Er ermutigte auch die Unkundigen und Ungebildeten zum Lernen und sagte ihnen, es sei für ihr Verständnis der Schrift von großem Vorteil, sich mit den freien Künsten, ja sogar mit der Philosophie, vertraut zu machen. Er pflegte nämlich zu sagen: „Unsere Philosophie ist die wahre; ihre Felder hat die heidnische, falsche Philosophie zuvor besetzt.“ Und er fügte hinzu: „Die Wahrheit soll ihre Felder nicht räumen, nur weil die Lüge sie sich schon angemaßt hat.“

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Dementsprechend gab es auch unter den Philosophen zahlreiche Zeugen seiner Studien; manche widmeten ihm ihre Bücher, andere legten sie ihm zur Begutachtung vor. Sogar jener Porphyrios, der in Sizilien Bücher gegen uns schrieb, in denen er die heiligen Schriften angriff, fand an den Traktaten des Origenes nichts zu tadeln, als er gegen die Schriftausleger vorging, und griff daher zu Schmähung und Verleumdung; er machte ihm Fehler zum Vorwurf, die für uns höchstes Lob verdienen, teils sagte er die Wahrheit, teils erfand er, wie es seine Art war, Unwahrheiten. Bald bewundert er ihn als Philosophen, bald brandmarkt er ihn als Christen. Hör also, was er fortfahrend über ihn sagt: „Sie hängen“, sagt er von den Christen, „an den Dummheiten der jüdischen Schriften; und da sich in ihnen weder Zusammenhang noch Aufklärung findet, flüchten sie sich zu gewissen widersprüchlichen und missklingenden Erzählungen, die das Dunkle nicht so sehr erklären, als vielmehr denen Ruhm und Bewunderung verschaffen, die sie auslegen. Denn was Mose in schlichter und ungeschliffener Sprache geschrieben hat, behaupten sie, sei göttlich autorisiert und mit Bildern und Rätseln überzogen; und mit aufgeblähtem, selbstgefälligem Sinn, ihr Urteilsvermögen von Verwirrung heimgesucht, behaupten sie, es habe heiligen Gehalt, erfüllt von gewaltigen Mysterien, in denen der unerfahrene und ungebildete Schreiber sich nicht verständlich machen kann.“

Und weiter sagt er: „Diese lächerliche Auslegung nahm ihren Anfang bei einem Mann, den auch ich gesehen habe, als ich noch ein recht junges Kind war, und der insgesamt den Gipfel der Gelehrsamkeit erreichte, wie auch die Bücher zeigen, die er der Nachwelt hinterlassen hat. Es ist Origenes, dessen großer Ruhm unter ihren Lehrern verbreitet ist. Denn er war ein Hörer des Ammonius, der unter den Philosophen vor unserer Zeit den höchsten Rang hatte. Origenes hat, was die Gelehrsamkeit betrifft, fast seinen ganzen Lehrer in sich aufgesogen; als es aber darum ging, eine gesunde Entscheidung über die rechte Lebensführung zu treffen, schlug er den seinem Lehrer entgegengesetzten Weg ein. Ammonius nämlich, der seit Kindheit Christ gewesen war und von christlichen Eltern geboren, wandte sich, sobald er zum vernünftigen Alter gelangt und an die Pforte der Philosophie gekommen war, sogleich einer rechten Lebensweise zu. Origenes dagegen, der Heide gewesen war und in den Disziplinen der Griechen gebildet, ist in barbarische religiöse Praktiken abgedriftet; indem er sich ihnen zuwandte, hat er jene glänzende, durch philosophische Bildung geschliffene Begabung verdorben und zugrunde gerichtet und das helle Licht griechischer Lehre und Erziehung für törichte Geschichten und Fabeln an sich gerissen.

Er hatte nämlich alle Geheimnisse Platons erfasst, war unterrichtet in den Büchern des Numenius, Cronius, Apollophanes und Longinus, ebenso in denen des Moderatus und des Nicomachus, und die Schriften der unter den Pythagoreern Höchstrangigen waren seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen. Er war sogar mit den Büchern des Chaeremon, des Stoikers, und des Cornutus vertraut. Von all diesen übernahm er gewisse geheime und mystische Stoffe, die unter den Griechen im Umlauf sind, und passte sie einer barbarischen Religion und jüdischem Aberglauben an; so verwandelte er den Ruhm der Philosophie in fremde und artfremde Dogmen.“ So schreibt Porphyrios im dritten Buch gegen die Christen; in einem Punkt spricht er wahr, in einem anderen falsch. Was er über Gelehrsamkeit und Begabung des Mannes berichtet, ist gewiss wahr. Offenkundig falsch ist hingegen seine Behauptung, Origenes sei aus heidnischem Aberglauben zum Christentum übergetreten und Ammonius sei vom Christentum in heidnische Irrtümer abgefallen. Origenes hat den Glauben und die Lehre Christi von seinen Großeltern und noch entfernteren Vorfahren empfangen; von seinem als Märtyrer gestorbenen Vater haben wir kurz zuvor erzählt. Für Ammonius wiederum geben seine Bücher den Beweis, dass er mitten in seinen philosophischen Studien den Glauben an Christus bis zu seinem letzten Atemzug unversehrt bewahrt hat; sie sind noch vorhanden und legen unsere Religion glänzend dar, besonders der Band, den er über die Harmonie von Mose und Jesus geschrieben hat. Es gibt außerdem viele andere ausgezeichnete kleinere Schriften von ihm, die bei allen Gelehrten hohes Ansehen genießen.

Wir haben dies so dargelegt, weil wir auch das Zeugnis der Gegner heranziehen wollten, um zu zeigen, wie staunenswert sie selbst die Gelehrsamkeit und die Lehre des Origenes einschätzen. Er selbst schreibt, als Antwort an einige, die ihn dafür kritisierten, dass er sich auf solche Studien einließ, über sich Folgendes: „Als ich mich jedoch dem Studium des Wortes Gottes zuwandte und unser Ruf sich verbreitete und deshalb etliche Philosophen zu uns kamen und mit uns zusammentrafen, um uns zu befragen oder zu widersprechen, und zugleich viele Häretiker aufstanden, um uns anzugreifen, entschloss ich mich, die Dogmen sowohl der Philosophen als auch der Häretiker sorgfältig zu prüfen, damit ich nicht unvorbereitet dastünde, sie zu widerlegen, wenn ich nicht wüsste, was in ihren Schriften steht. Dabei folgten wir dem Beispiel unseres Vorgängers, des apostolischen Mannes Pantänus, der in griechischen Studien und philosophischer Bildung hervorstach, und ebenso dem Heraklas, der jetzt den Vorsitz des Presbyteriums in Alexandria ziert und den ich, ehe ich überhaupt begonnen hatte, seit einigen Jahren bei dem Lehrer der Philosophen mit diesen Studien befasst fand. Dieser Mann war jedoch so frei von jedem Vorwurf deswegen, dass er sogar die bisher übliche Kleidung ablegte und das Philosophengewand annahm, das er seitdem trägt. Auch die Bücher der Philosophen hat er nie aufgehört zu lesen und ihnen seine ganze Energie des Nachsinnens zu widmen.“ So weit seine eigene Entgegnung auf gewisse Beschwerden. Während er damals in Alexandria mit dem Wort Gottes beschäftigt war, erschien plötzlich ein Mann aus dem Militärdienst mit Schreiben an ihn, an den Bischof Demetrius und an den damals amtierenden Präfekten von Ägypten, abgesandt vom Militärbefehlshaber von Arabien. Dieser bat dringend, Origenes möge unverzüglich bis zu ihm kommen, um ihm den Glauben an Christus zu entfalten, den er, wie sein weithin bekannter Ruf bezeugte, mit größter Klarheit verkündigte. Sie kamen der Bitte nach: Origenes ging hin und lehrte, sie glaubten, und er kehrte zurück.

Kurz darauf jedoch, als in Alexandria Bürgerkrieg ausbrach und die Leute sich an verschiedene Orte zerstreuten, ging er nach Palästina und blieb in Cäsarea, wo die Bischöfe ihn beauftragten, in der Kirche zu lehren und die göttlichen Schriften auszulegen, obwohl er noch nicht zum Presbyter ordiniert war, wie wir aus dem Antwortschreiben des Alexander an Demetrius entnehmen, der ihm das viel später zum Vorwurf machte. Er schreibt: „Was du in deinem Brief hinzugefügt hast, es sei nie gehört worden und nie geschehen, dass Laien in Gegenwart von Bischöfen lehrten, ich weiß nicht, warum du eine so offenkundige Unwahrheit behaupten willst; denn es ist Sitte, dass überall dort, wo Leute sind, die in der Kirche die Brüder unterweisen und das Volk trösten können, die heiligen Bischöfe sie stets einladen, eine Ansprache zu halten, so Euelpius durch unseren Bruder Neon in Laranda, Paulinus durch Celsus in Ikonion und Theodor durch Attikus in Synnada. Und es besteht kein Zweifel, dass vielerorts andere von den heiligen Bischöfen zu demselben eingeladen werden, überall dort, wo es Menschen gibt, die Gottes Werk im Wort und in der Lehre angemessen ausführen können.“ Doch dies geschah später. Zu jener Zeit jedoch sandte Demetrius durch ausgewählte Männer, Diakone der Kirche, einen Brief an ihn und bat ihn mit aller Zuneigung, nach Alexandria zurückzukehren und sich wieder seinem üblichen Dienst zu widmen.

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Damals blühten in den Kirchen zahlreiche hochgebildete Männer; ihre Briefe, die sie einander schrieben, fanden wir in der Bibliothek in Jerusalem noch aufbewahrt. Diese Bibliothek hatte jener hochgelehrte Alexander, den wir bereits erwähnt haben, der Bischof des Ortes, eingerichtet, und, genau genommen, aus ihr haben wir den Stoff für dieses gesamte Geschichtswerk genommen. Unter ihnen war Beryllus, einer der führenden Autoren, der verschiedene kleinere Schriften hinterließ; er war Bischof in Bostra, der Hauptstadt Arabiens. Es gab auch Hippolyt, einen Bischof, der seinerseits eine Reihe von Schriften hinterließ. Überliefert ist uns zudem die Disputation eines gewissen Gaius, eines höchst gelehrten Mannes, gegen Proklus den Kataphrygier; sie fand in Rom im Beisein des Bischofs Zephyrinus statt. Als er dem Kataphrygier vorwarf, „neue Schriften“ eingeführt zu haben, vertrat er seinerseits unter anderem die Auffassung, „es gebe dreizehn Briefe des Apostels Paulus“, und nannte den an die Hebräer gerichteten nicht, der bei den Lateinern bis jetzt nicht als paulinisch gilt.

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Als Antoninus eine Regierung von sieben Jahren und sechs Monaten vollendet hatte, folgte ihm Macrinus. Als dieser ein Jahr später starb, übernahm ein anderer Antoninus die Herrschaft über das römische Reich. Im ersten Jahr seiner Regierung entschlief der Bischof von Rom, Zephyrinus, nach achtzehn Jahren im bischöflichen Amt. Nach ihm erhielt Kallistus das Amt; nach fünf Jahren im Dienst überließ er bei seinem Tod den Bischofsstuhl Urban. Nach Antoninus, der das römische Reich nur vier Jahre innehatte, gelangte es in die Hände Alexanders. Damals starb auch in Antiochien Asklepiades, und Philetus trat die Nachfolge im Bischofsamt an. Die Mutter des Kaisers Alexander, Mamaea, eine sehr gottesfürchtige Frau, hörte von Origenes’ Ruf, denn seine herrliche Berühmtheit hatte sich so weit verbreitet, dass sie selbst die Ohren der Herrscher erreichte. Sie setzte daher alles daran, ihn zu sich zu holen, um selbst bestätigt zu bekommen, was sie sehen konnte, dass alle an seinem Schreiben, seiner Rede, seinem Glauben, seiner Klugheit und seiner Lehre aller Art bewunderten. Deshalb sandte sie Männer aus dem Militärdienst, die ihn mit allen Zeichen von Ehrerbietung und inständigem Bitten baten, als wahren Ausleger des göttlichen Wortes und als Diener Gottes zu ihr nach Antiochien zu kommen, wo sie sich damals aufhielt. Als er dorthin gegangen war und die Mühe und Zeit aufgewandt hatte, die nötig waren, um alles, was das Wort Gottes und die Herrlichkeit des Herrn betrifft, ordentlich zu ordnen, und die von ihm Unterwiesenen gefestigt und standhaft im Glauben zurückgelassen hatte, kehrte er zu seiner eigenen Schule in Alexandria zurück; durch seine Anwesenheit war er noch weit berühmter geworden als durch seinen Ruf.

22

In jenen Tagen verfasste Hippolyt, den wir kurz zuvor erwähnt haben, unter anderem eine kurze Schrift über das Passah. Darin stellt er eine chronologische Tafel des sechzehnjährigen Zyklus zusammen, der gewöhnlich zur Bestimmung des Passahdatums dient, und lässt die gesamte Tafel, wie auch immer berechnet, im ersten Regierungsjahr des Kaisers Alexander enden. Weitere kleine Schriften von ihm sind ebenfalls zu uns gelangt: eine über das Hexaemeron, eine über die Schriften nach dem Hexaemeron, eine gegen Marcion, eine zum Hohelied, eine zu einem Teil des Propheten Ezechiel und eine gegen alle Häresien. Und gewiss befinden sich auch noch andere kleinere Arbeiten von ihm im Besitz anderer.

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Zur gleichen Zeit begann Origenes, Kommentare zu den heiligen Schriften zu schreiben, gedrängt von Ambrosius, der ihn mit aller Kraft seiner Gebete und Bitten dazu anhielt. Ambrosius setzte außerdem alles daran, ihn für diese Arbeit reichlich und überreich mit allem Nötigen zu versorgen. Er stellte sieben Stenographen, die ihm ständig zur Hand gingen und sich beim Diktat, das fast ohne Unterlass lief, gegenseitig ablösten; ebenso viele Kopisten beschäftigte er für dieselbe Aufgabe und dazu ebenso viele Mädchen mit ausgezeichneter Handschrift. Nachdem er außerdem alles Erforderliche in voller Fülle bereitgestellt hatte, verlangte er als strenger und gottesfürchtiger Antreiber von ihm tägliche Arbeit an diesem Werk für Gottes Wort, und er selbst mühte sich mit großem Eifer um das Lernen von Gottes Wort. Daher galt Origenes als derjenige, der diesen Dienst vor allem verdiente, dem das, was in den heiligen Schriften verborgen und verdeckt lag, erschlossen werden sollte.

In dieser Zeit überließ der Bischof Urban in Rom nach acht Jahren im priesterlichen Dienst den Bischofsstuhl Pontianus. In Antiochien erhielt Zebennus nach Philetus die Kirche. Damals baten die Kirchen in Achaia Origenes, ganz dorthin zu kommen, um die Häretiker zu widerlegen, die dort offen aufblühten. Als er dorthin unterwegs war und zwangsläufig durch Palästina kam, wurde er in Cäsarea vom Bischof jener Provinz zum Presbyter ordiniert. Doch die empörte Feindseligkeit, die das gegen ihn aufbrachte, die Verteidigungsmaßnahmen derer, die die Kirchen leiteten, und der übrige Aufruhr, den der durchschlagende Erfolg seiner Verkündigung von Gottes Wort auslöste, all das verlangt eigentlich eine eigene Darstellung. Auf manches davon haben wir im zweiten Buch der Apologia teilweise hingewiesen, wer es wissen will, findet es dort.

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Unterdessen arbeitete er unermüdlich und ohne Unterbrechung an der Auslegung der göttlichen Bücher, ganz gleich, ob er in Alexandria oder in Cäsarea wohnte; das bezeugen seine eigenen Abhandlungen.

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Nun gibt er bei der Auslegung des ersten Psalms an, was der Kanon des Alten Testaments ist, und zwar mit den Worten: „Man muss wissen, dass es zweiundzwanzig Bücher im Alten Testament gibt, gemäß der Überlieferung der Hebräer, nämlich entsprechend der Zahl der bei ihnen gebräuchlichen Buchstaben. Es sind zweiundzwanzig: Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium, Jesus, Sohn des Nun, Richter und das erste und zweite Buch der Königreiche, das bei ihnen ein Buch ist, das sie Samuel nennen. Das dritte und vierte Buch sind für sie ebenfalls eins; sie nennen es Davids Königsherrschaft. Auch das erste und zweite Buch der Paralipomena gelten als eins; sie nennen es die Worte der Tage. Erstes und zweites Esdras sind ein Buch. Dann gibt es das Buch der Psalme, die Sprüche Salomos, ein weiteres Buch, der Prediger, und ein drittes Buch von ihm, das Hohelied. Ferner ein Buch der zwölf Propheten sowie die Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel, Daniel, Hiob und Esther. Damit schließen sie den Kanon der göttlichen Bücher. Die Makkabäerbücher rechnen sie als außerhalb.“

Auch über den Kanon des Neuen Testaments schreibt er im ersten Buch seiner Kommentare zum Evangelium nach Matthäus wie folgt: „Ich habe aus der Überlieferung über die vier Evangelien gelernt, dass allein sie in allen Kirchen Gottes unter dem Himmel unangefochten anzunehmen sind. Denn so haben es die Väter überliefert: dass zuerst Matthäus, der ein Zöllner gewesen war, ein Evangelium in hebräischen Buchstaben schrieb, das den aus der Beschneidung zum Glauben Gekommenen übergeben wurde; dass das zweite von Markus verfasst wurde nach dem, was Petrus ihm übergeben hatte; er erwähnt ihn in seinem Brief, wenn er sagt, ‚Mein Sohn Markus grüßt euch.‘6 Das dritte ist nach Lukas und wird vom Apostel Paulus empfohlen als geschrieben für die aus den Völkern zum Glauben Gekommenen. Und über allen steht das Evangelium nach Johannes.“

Über die Briefe der Apostel sagt er außerdem Folgendes: „Der, der zu einem geeigneten Diener eines neuen Bundes gemacht wurde, ‚nicht des Buchstabens, sondern des Geistes,‘7 Paulus nämlich, hat das Evangelium ‚von Jerusalem bis nach Illyrien,‘ 8 voll gepredigt; doch er schrieb nicht an alle Gemeinden, die er unterwiesen hatte, sondern nur vierzehn Briefe, die meisten davon recht kurz. Manche jedoch sind beim an die Hebräer gerichteten unsicher, weil er dem nicht zu entsprechen scheint, was er von sich sagt, nämlich dass er ‚ungeübt im Reden,‘9 sei. Was ich sage, ist das, was meine Älteren mir überliefert haben: dass er ganz eindeutig von Paulus ist, und alle unsere Älteren haben ihn als Paulusbrief angenommen. Wenn du mich aber fragst, von wem seine Formulierung stammt, Gott weiß es gewiss; die Meinung, die wir jedoch gehört haben, ist folgende: Einige sagten früher, der Brief habe die Eleganz des Griechischen von Clemens, dem Schüler der Apostel und Bischof von Rom, erhalten, nicht aber den Gedanken; andere schrieben dies Lukas zu, der das Evangelium und die Apostelgeschichte verfasst hat. Was Petrus betrifft, auf den die Kirche Christi gegründet wird, er schrieb nur zwei Briefe; über den zweiten sind ebenfalls manche unsicher. Auch Johannes, der an der Brust des Herrn lag, schrieb nach dem Evangelium die Apokalypse; in dieser wurde ihm aber geboten, über das, was die sieben Donner gesagt hatten, zu schweigen. Er schrieb auch drei Briefe, von denen zwei sehr kurz sind; einige halten gerade diese zwei für zweifelhaft.“ So seine Bemerkungen.

26

Es war im zehnten Jahr des genannten römischen Kaisers, als Origenes aus Alexandria floh und nach Cäsarea kam; die Katechetenschule überließ er Heraclas, einem seiner besten Schüler, von dem ich zuvor gesprochen habe. Nicht lange danach starb auch Bischof Demetrius, nachdem er dreiundvierzig Jahre Bischof jener Kirche gewesen war, und Heraclas trat seine Nachfolge an.

27

Unter den Bischöfen jener Zeit ragte Firmilian von Cäsarea in Kappadokien hervor. Er hatte vor Origenes wegen dessen Wissen und Lehre so große Hochachtung, dass er ihn ständig drängte, bei ihm zu bleiben. Er verließ seine Kirche und eilte zu ihm, und er pflegte eine Art heiligen Austausch: Er ließ ihn dorthin rufen, um seine Kirche zu unterweisen, während er ein andermal zu ihm reiste, um selbst Fortschritte zu machen, und wohnte seinem Unterricht Tag und Nacht bei. Auch Alexander, der, wie zuvor gesagt, die Kirche in Jerusalem leitete, und Theoktistus, der die Kirche in Cäsarea führte, verbrachten fast ihr ganzes Leben damit, ihm zuzuhören, und überließen allein ihm die gesamte Aufgabe der Unterweisung in den heiligen Schriften und in der Lehre der Kirche.

28

Als der Kaiser Alexander nach dreizehnjähriger Regierung starb, folgte ihm Maximinus Cäsar, der aus Hass auf das Haus seines Vorgängers Alexander Verfolgungen gegen die Kirchen entfachte. Er befahl jedoch, nur diejenigen zu bestrafen, die für das Volk und die Lehre Verantwortung trugen, weil sie der Grund seien, warum die übrigen glaubten. Damals schrieb Origenes an Ambrosius sein Buch über das Martyrium. Es ging unter sehr vielen um, die von sich aus hervortraten, um den Namen Christi zu bekennen, mit unerschütterter Festigkeit. So entstand in einem Zeitraum von drei Jahren seit der Verfolgung des Maximinus eine enorme Zahl von Bekennern, eine Zeit, die sowohl seiner Verfolgung als auch seinem Leben ein Ende machte.

29

Nach ihm übernahm Gordian die Herrschaft. Pontianus, der sechs Jahre Bischof von Rom gewesen war, wurde von Anterus abgelöst, der nach nicht einmal einem Monat Amtszeit das Bischofsamt an Fabian überließ. Man erzählt, Fabian sei nach dem Tod des Anterus mit seinen Freunden vom Land zurückgekehrt, während das ganze Volk der Kirche versammelt war, um einen Bischof zu wählen, und wie es bei solchen Anlässen üblich ist, riefen verschiedene Stimmen verschiedene Namen, ohne dass die Menge zu einer festen Entscheidung kam. Fabian stand selbst unter den anderen und wollte sehen, was dabei herauskommen würde, als plötzlich durch Gottes Vorsehung eine Taube vom Himmel herabflog, ähnlich der, die auf Jesus am Jordan herabgekommen war, in der Gestalt des Heiligen Geistes, und sich auf seinem Haupt niederließ. Beim Anblick dessen, so heißt es, wandten sich aller Augen und Münder ihm zu, und wie von einem Geist bewegt erklärten sie ihn nach Gottes Urteil des Episkopats würdig; sofort wurde er auf den Stuhl gesetzt und als rechtmäßiger Bischof bestätigt. Manche sagen, dies sei ihm widerfahren, andere schreiben es Zephyrinus zu. Zur selben Zeit übernahm in Antiochien Babylas nach dem Tod des Zebennus die Leitung der Kirche. Und in Alexandria, als Heraclas Demetrius nachfolgte, übergab er die Katechetenschule, die er von Origenes erhalten hatte, an Dionysius, denn auch er war ein Schüler des Origenes.

30

Während sich Origenes selbst in Cäsarea aufhielt, strömten unzählige Männer zu ihm, nicht nur aus jener Gegend, sondern auch aus fernen Provinzen, und sie verließen ihre Heimatorte und folgten ihm, während er den Weg Gottes lehrte. Unter ihnen war niemand anderes als jener hochberühmte Theodor, der vor nicht allzu langer Zeit unter den Bischöfen im Pontus am meisten hervorstach, ein durch und durch apostolischer Mensch in Glauben, Tugenden und Erkenntnis, und dazu sein Bruder Athenodor. Als sie noch jung waren, zog Origenes sie aus ihren Rhetorikvorlesungen heraus und überredete sie, den üblichen Weg literarischer Studien gegen die göttliche Philosophie zu tauschen. Mit ihm widmeten sie sich fünf Jahre lang dem Wort Gottes und machten in göttlicher Bildung und Erkenntnis solche Fortschritte und zeichneten sich in Lebensführung und Sittlichkeit so sehr aus, dass beide noch in jungen Jahren aus den Studien herausgerissen wurden, um in der Provinz Pontus zu Bischöfen bestellt zu werden.

31

Auch unter den kirchlichen Schriftstellern jener Zeit ragte Africanus hervor. Erhalten ist sein Brief an Origenes, in dem er beanstandet beziehungsweise nahelegt, „die Susanna-Erzählung, die im Daniel steht, sei erfunden und dem prophetischen Schreiben fremd.“ Origenes antwortete ihm mit einem höchst glänzenden Schreiben, in dem er behauptet, „man solle jüdischen Täuschungen und Tricksereien keinerlei Beachtung schenken, und für authentisch in den göttlichen Schriften sei allein zu halten, was die Siebzig Übersetzer übersetzt haben, da dies durch apostolische Autorität bestätigt ist.“ Weitere kleine Schriften dieses Autors, Africanus, sind ebenfalls zu uns gelangt, vor allem die äußerst sorgfältig und mit Mühe verfasste Chronik; darin erwähnt er, er eile nach Alexandria, wohin ihn der weithin verbreitete Ruf des Heraclas gelockt habe, denn man sprach von seiner gewaltigen Gelehrsamkeit in göttlichen und philosophischen Studien, und, wie zuvor erwähnt, er hatte dort das Bischofsamt erhalten. Africanus schrieb auch an einen Aristides über die scheinbare Abweichung in den Evangelien und darüber, warum die Darstellung des Geschlechtsregisters Christi bei Matthäus und Lukas unterschiedlich gegeben ist; er zeigt, wie offenkundig ihre Übereinstimmung ist, wie wir im ersten Buch dieses Werkes dargelegt haben.

32

In dieser Zeit, so berichtet er, hatte Origenes dreißig Bücher eines Kommentars zu einem Teil des Propheten Jesaja veröffentlicht und erwähnt, dass er beim Aufbruch nach Athen fünfundzwanzig zu Ezechiel abschließt. Dort schrieb er auch die ersten fünf Bücher zum Hohelied. Weitere fünf vollendete er nach seiner Rückkehr nach Cäsarea. Es ist jetzt nicht nötig, seine Schriften aufzuzählen, die fast nicht mehr zu zählen sind, denn wir haben dies in dem Werk getan, in dem wir das Leben des seligen Pamphilus erzählt haben; dort haben wir berichtet, wie viele Bücher der Alten, besonders des Origenes, er der Bibliothek in Cäsarea widmete, die er selbst mit bewundernswerdiger und edler Sorgfalt zusammengetragen hat. Wer also wissen will, wie viele Bücher des Origenes uns erreicht haben, findet dort das Verzeichnis. Nun aber zurück zu unserer Geschichte.

33

Beryllus, der Bischof von Bostra in Arabien, den wir kurz zuvor erwähnt haben, versuchte den Maßstab der kirchlichen Lehre zu brechen und begann fremde, der Wahrheit widerstrebende Ansichten zu lehren, indem er behauptete, unser Herr und Retter habe weder vor seiner Geburt im Fleisch existiert noch die Substanz der Gottheit in sich selbst besessen, sondern nur die Gottheit des Vaters, die in ihm wohnte. Eine große Zahl von Bischöfen kam deshalb zusammen und führte lange Streitgespräche mit ihm. Unter anderen wurde Origenes dringend gebeten, die Sache mit ihm auszutragen. Sein erster Schritt war ein ruhiges Gespräch, um sorgfältig zu erkunden, was er dachte. Als er es erfasst hatte, zeigte er ihm sogleich den Schwachsinn auf, die in solchen Gedanken steckt, und die Gottlosigkeit dessen, der sie behauptet, und bewegte ihn so, die irrtümliche Meinung zu widerrufen und zu verwerfen und zum wahren Glauben und zur gesunden Lehre zurückzukehren. Das ist in solchen Fällen fast unerhört: den Irrtum aus der Kirche zu vertreiben, so dass der Urheber korrigiert und nicht verloren wird. Das schriftliche Protokoll jener Unterredung zwischen Origenes und Beryllus ist noch vorhanden und bezeugt für sich die hervorragende Leistung. Und viele andere ähnlich berühmte und wunderbare Taten und Worte von ihm sind zu uns gelangt; wir haben sie aus seinen eigenen Briefen und aus den Berichten der Vorigen erfahren, doch übergehen wir sie hier dem Umfang dieser Geschichte entsprechend. Man findet sie in der Apologie, die der Märtyrer Pamphilus zu seiner Verteidigung gemeinsam mit mir verfasst hat; wir haben einander in Entschluss und Arbeit gegenseitig getragen, um die Kritiker zum Schweigen zu bringen.

34

Als Gordian sechs Jahre das römische Reich regiert hatte, folgte ihm Philippus zusammen mit seinem Sohn Philippus. Über ihn geht die Überlieferung, er sei Christ gewesen und habe am Tag des Passahfestes, nämlich in der Nachtwache, teilnehmen und an den Mysterien Anteil haben wollen. Doch der Bischof des Ortes ließ es nicht zu, es sei denn, er bekannte zuerst seine Sünden und stellte sich zu den Büßern; auch künftig sollte er überhaupt keinen Zugang zu den Mysterien erhalten, wenn er nicht zuvor durch Buße seine, wie es hieß, zahlreichen Verfehlungen abwusch. Man erzählt daher, er habe die Anordnung des Priesters bereitwillig angenommen, die Furcht Gottes habe ihn erfüllt, und er habe die tiefste Frömmigkeit in Tat und Werk gezeigt.

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Im dritten Jahr seiner Herrschaft starb in Alexandria Heraclas, im sechsten Jahr seines Bischofsamts, und Dionysius übernahm das Bischofsamt.

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Zu dieser Zeit, als Origenes sein sechzigstes Lebensjahr erreicht hatte und durch Erfahrung, Prüfungen und Mühen das vollste Vertrauen in Gottes Wort gewonnen hatte, ließ er, so heißt es, zu, dass seine in den Kirchen aus dem Stegreif gehaltenen Reden von Stenographen mitgeschrieben wurden; zuvor hatte er dies nie erlaubt, sondern erst, als Würde des Lebens, Länge der Jahre und die von langer Erfahrung verliehene Autorität es gestatteten. Darauf antwortete er in acht Bänden einem gewissen Celsus, einem epikureischen Philosophen, der Bücher gegen uns geschrieben hatte. Dann veröffentlichte er fünfundzwanzig Bücher eines Kommentars zum Evangelium nach Matthäus und verfasste sehr viele Kommentare zu den zwölf Propheten, von denen uns nur fünfundzwanzig Bände erreicht haben. Es gibt auch Briefe von ihm an Kaiser Philippus und an dessen Frau Severa, die nicht die geringste Schmeichelei enthalten. Er schrieb außerdem an Fabian, den Bischof von Rom, und an sehr viele andere, die die Kirchen leiteten, über seinen katholischen Glauben. Dies haben wir im sechsten Buch unserer Apologie für ihn deutlicher dargelegt. Und es gibt weitere Briefe von ihm an verschiedene Personen; wir haben bisher hundert davon gefunden und sie in Büchern geordnet, um sie zu bewahren.

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Zur selben Zeit traten in Arabien Leute auf, die verdrehte Lehren vortrugen und behaupteten, die Seelen der Menschen gingen zusammen mit den Körpern zugrunde und würden vernichtet, und zur Zeit der Auferstehung würden sie dann zusammen mit den Körpern wieder neu erweckt. Um diese Krankheit aus der Kirche zu vertreiben, trat ein großes Bischofskonzil zusammen, und abermals wurde Origenes von allen gebeten, teilzunehmen und zu sprechen. Als er dann vor der gesamten Versammlung der Priester vortrug, war seine Rede so eindringlich, dass sie alle, die im Irrtum der neuen Lehre verstrickt waren, zum rechten Glauben und zu katholischer Gesinnung zurückrief.

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In dieser Zeit trat eine weitere Häresie auf, die der Elkesaiten genannt wird, und er erstickte sie im Keim, sobald sie aufkam. Er sprach darüber so, als er in der Kirche über den zweiundachtzigsten Psalm predigte: „In diesen Tagen ist jemand aufgetreten, der meint, er wisse etwas Großes über das hinaus, was andere wissen, und der zur Verteidigung einer neuerdings aufgekommenen Häresie der Elkesaiten gottlose und lächerliche Behauptungen aufstellt. Ich sage euch, was diese Häresie lehrt, damit keiner von euch ihr unbemerkt verfällt. Sie verwerfen einen Teil der Heiligen Schrift und bedienen sich dann nach Belieben der Belegstellen aus Neuem und Altem Testament, die ihnen passen. Den Apostel Paulus verwerfen sie jedoch völlig und behaupten, es sei nichts falsch daran, während der Verfolgung zu verleugnen, denn wer im Herzen fest ist, bleibe im Herzen im Glauben, auch wenn er mit dem Mund zum Widerruf gezwungen wird. Das vertreten sie, und sie tragen irgendein Buch mit sich herum, von dem sie sagen, es sei vom Himmel gefallen; wer seine Worte hört, erhält, so sagen sie, eine Sündenvergebung, eine andere als die, die Christus gegeben hat.“

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Unterdessen folgte auf Philipp nach siebenjähriger Regierung Decius. Aus Feindschaft gegen Philipp entfesselte er eine Verfolgung gegen die Kirchen, in der Fabian in Rom mit dem Martyrium gekrönt wurde und seinen Bischofsstuhl Cornelius hinterließ. In Jerusalem wurde Bischof Alexander abermals wegen seines Bekenntnisses zu Christus vor Gericht gezerrt und ins Gefängnis geworfen. Mit den ehrwürdigen Greisenhaaren des Alters trat er herausragend hervor, und nachdem er den Herrn durch wiederholte Leiden und Qualen verherrlicht hatte, indem er zwischen Kerker und Tribunal hin- und hergeschleppt wurde, starb er, während eine Folter die andere jagte. Mazabanes trat an seine Stelle im Bischofsamt. In Antiochien beschloss Babylas nach einem in jeder Hinsicht dem Alexanders gleichen Bekenntnis sein glorreiches Leben im Gefängnis. Nach ihm erhielt Fabian das Bischofsamt. Was aber die Vielzahl der gegen Origenes in dieser Verfolgung verübten Dinge angeht, die Mittel und die Heftigkeit, mit denen der böseste der Dämonen mit seinem ganzen Heer gegen ihn kämpfte, wie er neue Kreuze, neue Arten von Strafen und in keinem Zeitalter gehörte Foltern ertrug, mehr als alle anderen, die damals um des Namens Christi willen festgehalten wurden, wie der Dämon in seiner Raserei all seine Waffen gegen ihn aufbot und ihn sogar mit Feuer bedrohte, und das alles wegen seines gewaltigen Ruhms als Lehrer des Glaubens und der Wahrheit, so dass er von tausend Toden umlauert war, ohne dass auch nur einer eintrat, obwohl er sich danach sehnte, wie schließlich alles für ihn ausging, da sein Verfolger alles daransetzte, dass ihm weder der Tod gewährt wurde noch seine Qual ein Ende nahm, und die Briefe, die er später darüber schrieb, überströmend von Tränen und jeder Regung des Erbarmens: Wer dies alles ausführlicher wissen will, findet eine vollständige Darstellung in diesen seinen Schriften.

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Zu dieser Zeit wurde Dionysius, der Bischof von Alexandria, durch sein oft wiederholtes Bekenntnis weithin berühmt und durch die Vielfalt seiner Leiden und Qualen groß gemacht, wie wir aus seinen eigenen Briefen völlig zuverlässig erfahren. Man berichtet, er habe einigen seiner Verfolger geantwortet: „Warum müht ihr euch ab, mich herumzujagen? Reißt mir den Kopf vom Hals, da ihr euch doch ganz dafür verausgabt, und bringt ihn dem Tyrannen als prächtiges Geschenk.“

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Er schreibt auch an Fabian, den Bischof von Antiochien, über jene, die unter Decius in Alexandria den Kampf des Martyriums durchgestanden hatten, mit folgenden Worten: „Nicht erst, als der Erlass des Kaisers erschien, begann bei uns die Verfolgung; der Handlanger des Dämons, der in unserer Stadt den Titel ‚göttlich‘ trug, kam den Befehlen des Herrschers um ein volles Jahr zuvor und hetzte die abergläubische Menge gegen uns auf. Durch ihn entflammt, dürstete die Menge nach nichts als dem Blut der Frommen. Zuerst ergriffen sie daher einen frommen Greis namens Metranus und befahlen ihm, gottlose Worte auszusprechen; als er sich weigerte, zerprügelten sie Glied um Glied seinen ganzen Körper, bohrten mit spitzen Stäben in sein Gesicht und seine Augen, trieben ihn unter Qualen aus der Stadt hinaus und trieben ihm dort mit Steinen den letzten Odem aus. Danach führten sie eine angesehene Frau, Quinta, zu den Götzen und drängten sie, sie zu verehren; bei ihrer Weigerung, vielmehr Verwünschung, legten sie ihr Fesseln an die Füße, schleiften sie durch alle Straßen der Stadt und zerrissen sie in einer schockierenden, grausigen Folter. Daraufhin brachen alle gemeinsam in die Häuser der Diener Gottes ein, rissen, stürzten und besudelten alles mit wilder Feindschaft, nahmen, was Wert hatte, an sich und schichteten, was wertlos war, auf den Straßen zusammen und verbrannten es. Unsere Leute nahmen jedoch die Plünderung ihrer Güter mit Freude hin, wie der Apostel von den Alten sagte, ‚ihr habt den Raub eurer Güter mit Freude hingenommen,‘10

Und als sie die wunderbare alte Jungfrau Apollonia ergriffen, rissen sie ihr zuerst alle Zähne aus und drohten dann, nachdem sie Holz zu einem Scheiterhaufen aufgeschichtet hatten, sie lebendig zu verbrennen, falls sie nicht ihre gottlosen Worte mitspreche. Doch sie, als sie den Scheiterhaufen brennen sah, fasste sich kurz, entriss sich plötzlich den Händen der Gottlosen und sprang aus eigenem Entschluss in das Feuer, mit dem sie ihr gedroht hatten, sodass die Urheber der Grausamkeit selbst erschraken, als sie sahen, dass die Frau bereitwilliger den Tod annahm als ihr Verfolger ihn zuzufügen. Sie trafen auch Serapion zu Hause an und folterten ihn aufs Grausamste, indem sie ihm zuerst alle Gelenke im Körper zerschmetterten und ihn dann vom Obergeschoss hinabstürzten. Unsere Leute konnten nirgendwohin; wir durften keine Straße betreten; weder bei Tag noch bei Nacht war es uns möglich, uns irgendwohin zu begeben. Sobald einer von uns draußen erschien, erhob sich Geschrei aus der Menge und Gewalt brach los, die damit endete, dass der Gesehene an den Füßen fortgeschleift oder zu Tode verbrannt wurde.

Als diese Übel Tag für Tag wuchsen, brach plötzlich unter den Verfolgern selbst ein Wahnsinn aus, der in Straßenkämpfen explodierte, und während unter ihnen der gewaltsame Streit tobte, wurde uns eine kurze Atempause vergönnt. Doch die Atempause währte nicht lange. Denn die Herrscher erließen sofort die grausamsten Edikte, durch die gegen uns eine solche Wildheit losgelassen wurde, dass sie, wie der Herr vorausgesagt hat, ‚wenn möglich, sogar die Auserwählten zum Fall bringen.‘11 Da alle darüber sehr erschraken, stürzten sich manche der Vornehmen sofort freiwillig in die gottlosen Handlungen. Andere eilten schon auf bloßes Geheiß zu den verfluchten Opfern und unreinen Schlachtopfern, wieder andere, wenn sie von den Ihren verraten wurden. Einige waren bleich und zitternd, sodass es aussah, als würden sie geopfert und nicht sie den Götzen opfern, so sehr, dass sie von der zuschauenden Menge ausgelacht wurden, weil sie gleichermaßen vor dem Sterben und vor dem Opfern Angst zu haben schienen. Andere liefen so schamlos zu den Altären, als wollten sie beweisen, sie seien niemals Christen gewesen. Das sind die, über die der Herr vorausgesagt hat, ‚Die mit Vermögen werden mit Mühe gerettet.‘12

Die übrigen stürzten ihnen Hals über Kopf nach oder ergriffen jedenfalls die Flucht. Einige von ihnen wurden festgenommen und ins Gefängnis geworfen; manche verleugneten den Glauben sofort, als sie vor den Richter traten, andere hielten die Foltern kurze Zeit aus und fielen schließlich doch. Die aber, die selig wurden, boten Gott und den Engeln durch ihr Martyrium einen wunderbaren Anblick, denn im Geist des Herrn standen sie wie mächtige Säulen, in der vom Herrn empfangenen Stärke, wie es ihrem Glauben entsprach. Der erste von ihnen war der ehrwürdige Julian, der von der Gicht so gelähmt war, dass er weder gehen noch stehen konnte; er wurde zusammen mit denen vorgeführt, die ihn gewöhnlich auf einem Stuhl trugen. Einer von ihnen verleugnete sogleich, der andere, Eunus genannt, hielt gemeinsam mit dem greisen Julian am Bekenntnis des Herrn Jesus Christus fest. Man befahl, sie auf Kamele zu setzen, durch die ganze Stadt zu führen und auf beiden Seiten bis auf die Knochen auszupeitschen, während das Volk zusah, bis sie mitten unter den Hieben starben. Ein Soldat, der zugegen war, hielt diejenigen zurück, die auch die Leichname verhöhnen wollten, und plötzlich erhob die ganze Menge ein Geschrei gegen ihn. Dieser starke Soldat, nun Christi, wurde vor den Statthalter gebracht und, indem er in keiner Weise weniger standhaft an seinem Bekenntnis festhielt, um seiner Frömmigkeit willen zur Hinrichtung verurteilt. Ein anderer Mann namens Macarius, ein Libyer, wurde vom Statthalter lange bearbeitet, der ihn zum Widerruf drängte; als er sich jedoch im Bekenntnis noch entschlossener erwies als jener in seinem Drängen, wurde schließlich befohlen, ihn lebendig zu verbrennen. Auch Epimachus und Alexander verbrachten lange Zeit in Fesseln und unter Qualen im Gefängnis, wiederholt Foltern und verschiedenen Strafen ausgesetzt, und da sie im Glauben standhielten, wurden sie am Ende den Flammen übergeben.

Es waren auch vier Frauen bei ihnen, unter denen die heilige Jungfrau Ammonaria war, gegen die der Statthalter mit größter Entschlossenheit ankämpfte und ihr die härtesten und einfallsreichsten Foltern zufügte, besonders weil er ihren mit größter Festigkeit geäußerten Entschluss brechen wollte, „niemals eines der Dinge zu tun, die ihr unrechtmäßig befohlen wurden“; als sie bei ihrem Entschluss blieb, wurde sie schließlich hingerichtet. Die zweite war eine ehrwürdige alte Frau, eine Jungfrau namens Mercuria, und Dionysia, die viele Kinder geboren hatte, die sie Christus nicht vorzog, und eine weitere Ammonaria. Da sie vor dem Richter größten Mut zeigten und er sich schämte, von Frauen besiegt zu werden, wurden sie nach unerhörten Folterarten mit dem Schwert hingerichtet. Die Ägypter Heron, Arsinus und Isidor wurden zusammen mit einem Knaben im Alter von fünfzehn namens Dioskorus vor den Statthalter geführt. Zuerst versuchte er den Knaben Dioskorus mit Worten und dann mit Schlägen, weil er in einem Alter war, das sich leicht bewegen lasse. Als er merkte, dass er ihm in keiner Weise nachgab, wollte er ihn noch grausamer foltern. Dann zerfleischte er die anderen mit verschiedenen Foltern; als er aber sah, dass sie gleichermaßen mit dem Mut des Glaubens gerüstet waren, ließ er sie den Flammen übergeben. Den Knaben Dioskorus jedoch sprach er aus Bewunderung für die Tapferkeit und Weisheit, mit der er ihm auf alles antwortete, frei, in der Hoffnung, er werde wegen seiner Jugend seine Meinung ändern. Das geschah nicht aus Mitleid des Tyrannen, sondern aus der Vorsehung des Herrn. Denn jetzt ist uns Dioskorus von Gott zur Tröstung und Stütze seines Volkes geschenkt.

Nemesius, ein weiterer Ägypter, wurde fälschlich als Räuber angezeigt; als er von dieser Anklage freigesprochen war, wurde er später als Christ denunziert. Diesmal kannte der Statthalter keine Schonung, sondern fügte ihm die doppelte Zahl an Foltern zu und ließ ihn zusammen mit den Räubern verbrennen, ohne zu wissen, dass seine Grausamkeit diesem hervorragenden Märtyrer eine Ähnlichkeit mit dem Retter verlieh, der zur Rettung der Menschheit zusammen mit den Räubern das Kreuz trug. Eine Schar von Soldaten hatte sich eingefunden, unter ihnen Ammon, Zenon, Ptolemäus, Ingenuus und der greise Theophilus. Sie standen am Richterstuhl, und als ein gewisser Christ vom Statthalter gefoltert wurde und nahe daran war zu verleugnen, brach es ihnen das Herz; mit ihren Gesichtern versuchten sie gleichsam den in seinen Qualen Schwankenden aufzurichten. Mit ausgestreckten Händen gaben sie ihm zuweilen Zeichen, und mit den verschiedensten Bewegungen und Haltungen ihres ganzen Leibes hoben sie den Mut dessen, der zu fallen drohte. Alle wandten sich ihnen zu und konnten aus ihren Gesten erkennen, was sie selbst bekannten; und noch ehe die Menge ein Geschrei gegen sie erheben konnte, traten sie vor und erklärten, dass sie Christen seien. Da wendete sich wirklich das Blatt: Ihre Zuversicht jagte den Verfolgern Schrecken ein und den Unsrigen Mut, während die für überwunden Gehaltenen sich freiwillig zu den Foltern meldeten und baten, die von jenen als Schrecken zugefügten Dinge als Wonne zu erfahren, so triumphierte Gott durch seine Heiligen.

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Auch Ischyrions denkwürdige Tat dürfen wir nicht verschweigen. Er war als Verwalter bei einem hochgestellten Mann angestellt und wurde von diesem angewiesen, den Götzen zu opfern. Als er sich weigerte, setzte er ihn Misshandlungen aus, und als er dennoch standhielt, bearbeitete er ihn mit Schmeichelei. Da er beides verachtete, wurde er, so heißt es, mit einem angespitzten, äußerst dicken Stab mitten durch den Körper erstochen. Warum sollte ich die unzähligen Scharen aufzählen, die in Wüsten und Bergen umherirrten und durch Hunger, Durst, Kälte, Erschöpfung, Räuber und Tiere umkamen? Sie alle wurden, in Nachahmung der von Gott erwählten Propheten, mit der Herrlichkeit des Martyriums gekrönt. Da war auch der ehrwürdige Greis Chaeremon, Bischof der ägyptischen Stadt Nilopolis, der mit seiner betagten Frau zum Berg Arabian aufbrach und von niemandem mehr gesehen wurde. Viele der Brüder zogen wiederholt aus, um nach ihm zu suchen, doch obwohl sie überall suchten, fand niemand je sie oder ihre Leichname. Ich habe dir dies nicht grundlos berichtet, liebster Bruder; sondern damit du weißt, wie viel unter uns zur Ehre Gottes durch die heiligen Märtyrer geschehen ist.“

Und wenig später fährt er fort: „Diese göttlichen Märtyrer, die mit Christus in den himmlischen Regionen sitzen, haben Anteil an seiner Herrschaft und an seinem Gericht und richten mit ihm die Sache der gefallenen Brüder; sie nahmen die Gefallenen auf und wiesen ihre Umkehr und Buße nicht ab, weil sie wussten, dass unser Gott, dessen Märtyrer sie waren, ‚nicht den Tod des Sterbenden will, sondern dass er umkehrt und Buße tut.‘13 Wenn sie also einige annahmen und in die Kirche aufnahmen und mit ihnen auch Gebet und Mahl teilten, was wollt ihr, dass wir tun, Brüder? Wie meint ihr, sollen wir handeln? Gehört es sich nicht, ihrem Beschluss und Urteil zu folgen und uns nicht hart und grausam gegen die zu verhalten, denen sie Erbarmen erwiesen? Ich meine nicht, dass es uns zusteht, ihren Beschluss aufzuheben, ihre Barmherzigkeit zunichtemachen, das Gute zu stören und eine so gerechte und gottesfürchtige Praxis zu verletzen.“

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So spricht Dionysius über die Gefallenen. Damals trat ein Presbyter der römischen Kirche, Novatus, aufgebläht vor Selbstüberhebung, auf und stritt ihnen jede Hoffnung auf Rettung ab, selbst wenn sie würdig Buße täten. So wurde er zum Anführer der Häresie der Novatianer, die sich nach ihrer Abspaltung von der Kirche den anmaßenden Namen „katharoi“, das heißt „Reine“, gaben. In Rom trat deshalb eine sehr große Synode zusammen, bestehend aus sechzig Bischöfen, ebenso vielen Presbytern und einer großen Zahl von Diakonen. Auch in den übrigen Provinzen gab es ausführliche Beratungen über diese Sache, aus denen Beschlüsse darüber bekanntgegeben wurden, was zu tun sei. Es wurde daher beschlossen, dass Novatus und jene, die ihm in seiner Selbstüberhebung folgten und mit ihm in seine unmenschliche Gesinnung abirrten, ohne etwas von brüderlicher Liebe zu bewahren, der Kirche fremd seien, während die, die während des Kampfes gefallen waren, mit brüderlichem Erbarmen zu pflegen und mit den Heilmitteln der Buße zu heilen seien. Cornelius, der Bischof von Rom, schrieb darüber an die Kirche von Antiochien und legte deren Bischof Fabian dar, was die in Rom versammelte Synode entschieden hatte und was die Italiener, die Afrikaner und die übrigen Abendländer ebenfalls beschlossen hatten. Cyprian seinerseits veröffentlichte eine ausgezeichnete Schrift zu diesen Fragen, in der er darlegt, dass die Gefallenen zur Buße anzuspornen seien und dass die, die dem widersprechen, der Barmherzigkeit Christi fremd sind.

Es gibt außerdem einen weiteren Brief des Cornelius an Fabian, den Bischof von Antiochien, der alle Einzelheiten über Novatus gibt, wer er war und was für ein Mensch in Leben und Verhalten, und wie er von der Kirche abgefallen ist. Darin sagt er, aus dem Wunsch, Bischof zu werden, den er heimlich genährt hatte, sei er in all diese Übel geraten; genährt worden sei seine Anmaßung vor allem durch seinen Erfolg, sich gleich am Anfang einige der Besten unter den Bekennenden an die Seite zu ziehen. Unter ihnen waren Maximus, ein Presbyter der römischen Kirche, und Urban, die zu Bekennenden geworden waren, sowie Sidonius und Celerinus, die unter den Bekennenden sehr berühmt waren, weil sie sich allen Arten von Folter überlegen gezeigt hatten. „Als sie jedoch genauer bedachten,“ sagt er, „wie er in allem mit Tricks und Täuschung, mit Lügen und Meineid vorging und sich nur gut stellte, um Unwissende zu täuschen, verließen sie ihn mit ihren Flüchen und kehrten mit würdiger Genugtuung zur Kirche zurück; und vor den Bischöfen und Presbytern, ebenso den Laien, bekannten sie zuerst ihren Irrtum und dann auch seine Kniffe und Täuschungen.“

Er fährt in dem Brief fort und sagt, „Nachdem er den Brüdern wieder und wieder geschworen hatte, überhaupt nicht Bischof werden zu wollen, stand er plötzlich und unerwartet als Bischof da, wie ein frisch gemachtes Ding, sodass der, der stets für Zucht und kirchliche Ordnung eingetreten war, sich das Episkopat anmaßte, das er nicht von Gott empfangen hatte. Was er tat, war, sich drei Bischöfe schlichtester Art aus einem fernen Teil Italiens zu greifen, die nicht wussten, was vorging, oder vielmehr von seiner listigen Trickserei getäuscht wurden, und ihnen eine Handauflegung abzupressen, die alles Rechtmäßige zur Farce machte. Einer von ihnen kehrte jedoch sofort zur Kirche zurück und wurde, nachdem er seine Sünde bekannt hatte, auf Drängen des Volkes zur Kommunion unter den Laien zugelassen. Anstelle der beiden anderen, die Novatus die Hände aufgelegt hatten, wurden andere Bischöfe ordiniert und ausgesandt. Dieser Verteidiger des Evangeliums wusste also nicht, dass es in einer katholischen Kirche einen einzigen Bischof geben soll, wo er doch sehen konnte, dass es sechsundvierzig Presbyter, sieben Diakone, sieben Subdiakone, zweiundvierzig Akolythen, zweiundfünfzig Exorzisten samt Lektoren und Türhütern und 1500 Witwen zusammen mit Bedürftigen gab, die Gott alle in seiner Kirche ernährt.“

Er fügt hinzu, dass Novatus in jungen Jahren von einem unreinen Geist gequält wurde, dass er, nachdem er einige Zeit bei den Exorzisten verbracht hatte, so schwer erkrankte, dass man ihn aufgegeben hatte, dass er, ans Bett gebunden, der Not gehorchend durch Begießung getauft wurde und dass nichts von dem, was gewöhnlich auf die Taufe folgt, ordnungsgemäß an ihm vollzogen wurde, nicht einmal die Vollendung durch das Siegel der Chrisamsalbung, sodass er den Heiligen Geist niemals für sich beanspruchen konnte. „Als der Bischof dann eine persönliche Zuneigung zu ihm gefasst hatte und ihn zum Presbyter ordinieren wollte, untersagten es ihm der gesamte Klerus und sehr viele Laien mit der Begründung, es sei nicht richtig, jemanden zum Kleriker zu machen, der die Gnadengabe in erzwungener Bettlägerigkeit empfangen habe; der Bischof erbat sich jedoch von allen als besondere Bitte, dass es ihm ausnahmsweise bei dieser einen Person gestattet werde.“ Er schreibt ferner von ihm, dass er sich während der Verfolgung irgendwo in einer Zelle versteckte und, als die Diakone ihn – wie üblich – baten, den dem Tod entgegengehenden Katechumenen beizustehen, so sehr Angst hatte herauszutreten, dass er leugnete, Presbyter zu sein; und dass er bei der Austeilung des Sakraments an das Volk den Empfangenden die Hände festhielt und ihnen nicht erlaubte, es zu genießen, bevor sie bei dem, was sie in den Händen hielten, geschworen hatten, ihn niemals zu verlassen und nicht wieder zu Cornelius zurückzukehren. Dies und vieles Weitere dieser Art schrieb Cornelius über sein Leben, sein Verhalten und seine Gottlosigkeiten.

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Dionysius fügt in seinem Antwortschreiben an Fabian über ihn eine erwähnenswerte Geschichte ein. Sie lautet so: „In Alexandria war ein gewisser Serapion einer von den Gefallenen, und er hatte oft gebeten, wieder aufgenommen zu werden, doch wurde ihm seine Bitte nie gewährt. Dann erkrankte er so schwer, dass er drei Tage lang nicht mehr sprechen konnte; am vierten Tag aber erholte er sich ein wenig, rief seine Tochter zu sich und sagte: ‚Wie lange hältst du mich noch zurück? Soll doch jemand eilig den Presbyter holen, damit ich endlich loskomme.‘ Nachdem er das gesagt hatte, verstummte er wieder. Der Junge lief nachts zum Presbyter, doch der Presbyter war krank und konnte nicht kommen. Da ich aber angeordnet hatte, dass man den Gefallenen, die dem Tod entgegengehen, die Tröstung der Versöhnung niemand verweigern solle, besonders denen, die – wie klar war – dies schon zuvor erbeten hatten, gab er dem Jungen ein wenig von der Eucharistie und trug ihm auf, sie dem Greis, nachdem er sie angefeuchtet hatte, zu reichen. Als der Junge zurückkam, noch ehe er das Haus betreten hatte, öffnete Serapion wieder die Augen und sagte: ‚Bist du zurück, mein Sohn? Auch wenn der Presbyter nicht kommen konnte, tu, wie dir aufgetragen ist, damit ich scheiden kann.‘ Und als die Handlung vollzogen war, gab er, als wären gleichsam Ketten und Fesseln gesprengt, seinen nun getrösteten Geist auf. Das zeigt außer Zweifel“, sagte er, „dass niemand um die Hilfe gebracht werden darf, die aus dieser guten Gabe fließt.“

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Dionysius schrieb auch einen Brief an Novatus selbst; er lautet so: „Gruß von Dionysius an seinen Bruder Novatus. Wenn du, wie du sagst, widerwillig an diesen Punkt gelangt bist, wirst du es dadurch zeigen, dass du freiwillig davon ablässt. Es wäre in der Tat besser gewesen, alles zu erleiden, als die Kirche gespalten zu sehen; und es wäre nicht weniger ruhmreich gewesen, das Martyrium auf dich zu nehmen, um die Spaltung der Kirche zu verhindern, als es auf dich zu nehmen, um nicht den Götzen zu opfern; ersteres wäre, so meine ich, sogar ein höheres Martyrium. Denn im einen leidet jeder nur für seine eigene Seele, im anderen aber für die ganze Kirche. Wenn du nun die Brüder zur Einmütigkeit zurückführen kannst, sei es durch Überzeugung oder sogar durch Nötigung, wird das Verdienst deiner Änderung die von dir begangene Schuld überwiegen; denn diese wird dann nicht mehr angerechnet, jene aber sogar gelobt. Wenn die anderen jedoch in ihrer Verweigerung fortfahren, dann rette wenigstens deine eigene Seele. Ich verabschiede mich und hoffe auf den Frieden, um den ich dich bitte.“

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Er schrieb das Gleiche auch an Novatian. An die Ägypter schickte er zudem einen Brief über die Buße der Gefallenen, in dem er die Regeln für ihre Buße darlegt. Und es sind viele weitere ausgezeichnete Schriften des Dionysius im Umlauf. Er schrieb über die Buße und eine kurze Ermahnungsschrift zum Martyrium an Origenes, ebenso etwas über die Buße an die Laodizener und die Armenier. Ferner schrieb er mehrere Stücke an Cornelius, den Bischof von Rom, in denen er auch festhält, er sei von vielen Bischöfen eingeladen worden, nämlich von Helenus in Tarsus in Kilikien, von Firmilian in Kappadokien und von Theoktistus in Palästina, nach Antiochien zu einer Synode zu kommen, weil es dort einige gab, die die Lehren des Novatus zu säen versuchten. Er fügte hinzu, dass nach dem Tod des Bischofs Fabian von Antiochien Demetrian die Bischofswürde übernommen habe. Über den Bischof von Jerusalem schrieb er so: „Der wunderbare Mann Alexander hat sein Leben glücklich im Gefängnis vollendet und ist dem Herrn vorausgegangen.“ Es gibt einen weiteren Brief des Dionysius an die Römer über die Dienste und noch einen an sie über Frieden und Buße sowie einen an einige Bekennende in Rom, die noch Novatus folgten. An dieselben schrieb er zwei weitere Briefe, nachdem sie zur Kirche zurückgekehrt waren. Und indem er zu verschiedensten Themen an viele andere schrieb, hat er jedem mit wissenschaftlichem Interesse ein überaus reiches Reservoir an Belehrung und Unterweisung hinterlassen.

Schriftstellen

  1. 1Tim 5,17
  2. Mt 10,41
  3. Mt 19,12
  4. Röm 12,19
  5. Mt 15,24
  6. 1Petr 5,13
  7. 2Kor 3,6
  8. Röm 15,19
  9. 2Kor 11,6
  10. Hebr 10,34
  11. Mt 24,24
  12. Mk 10,23
  13. Ri 33,11