Kommentar zu Genesis (Fragmente)
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Vorwort zu Origenes' Kommentar zu Genesis. Wenn uns unsere Trägheit und völlige Faulheit nicht schon daran hinderten, überhaupt hinzuzutreten und zu bitten – da uns unser Herr und Retter ja gerade dazu auffordert –, würden wir in der Tat zurückweichen, wenn wir bedenken, wie weit wir von der Größe der geistlichen Auslegung entfernt sind, durch die der Sinn so großer Wirklichkeiten erforscht werden soll.
Aus dem ersten Band des Kommentars zum Buch Genesis. Gott hat nicht erst angefangen, Vater zu sein, weil ihn – wie Menschen, die Väter werden – die noch fehlende Fähigkeit, Vater zu sein, daran gehindert hätte. Wenn Gott nämlich immer vollkommen ist, und ihm die Macht zu eigen ist, Vater zu sein, und es gut ist, dass er der Vater eines solchen Sohnes ist: Warum sollte er es aufschieben und sich selbst des Guten berauben und, um es so zu sagen, erst von dem Zeitpunkt an, da er es kann, Vater eines Sohnes sein? Dasselbe freilich ist auch über den Heiligen Geist zu sagen.
Aus den Schriften des Origenes über die Genesis. Wenn aber jemand daran Anstoß nimmt und es wegen der menschlichen Handwerker nicht fertigbringt anzuerkennen, dass Gott ohne zugrunde liegende ungeschaffene Materie das Seiende hervorbringt, weil ja auch ein Bildhauer sein Werk nicht ohne Bronze vollbringen kann, ein Zimmermann nicht ohne Holz und ein Baumeister nicht ohne Steine, dann muss man ihn nach der Macht Gottes fragen, ob Gott, wenn er will, etwas ins Dasein zu setzen, wobei sein Wille weder in Verlegenheit gerät noch erlahmt, auch wirklich ins Dasein setzen kann, was er will. Denn mit demselben Grund, mit dem er — wie alle, die die Vorsehung mit ihrer eigenen Begründung lehren, sagen — die Qualitäten, die zuvor nicht waren, so, wie er will, zur Ausgestaltung des Ganzen durch seine unaussprechliche Macht und Weisheit ins Sein setzt, vermag sein Wille auch die Substanz selbst, soweit er ihrer bedarf, entstehen zu lassen. Wir werden nämlich denen, die das nicht so gelten lassen wollen, entgegenhalten, ob für sie nicht daraus folgt, dass Gott gleichsam Glück hatte, eine ungeschaffene Substanz vorzufinden, ohne die er, wäre ihm nicht das Ungeschaffene zugrunde gelegt worden, zu keinem Werk imstande gewesen wäre, vielmehr geblieben: kein Schöpfer, kein Vater, kein Wohltäter, nicht gut, nichts von alledem, was man mit Recht von Gott sagt. Und woher käme überhaupt die Bemessung der zugrunde liegenden Substanz genau in dem Maß, dass sie für den Bestand einer Welt von solcher Größe ausreicht? Es wäre ja gleichsam eine Vorsehung, die älter ist als Gott, die notwendigerweise die Materie Gott bereitgestellt hätte, damit die ihm innewohnende Kunst nicht ins Leere laufe, falls keine Substanz da wäre, mit der er Umgang haben könnte, durch die er die Schönheit einer so gewaltigen Welt ausgeschmückt hat.
Und überhaupt: Wie ist sie aufnahmefähig geworden für jede Qualität, die Gott geben will, wenn nicht Gott selbst sie sich in dem Maß und in der Art gemacht hat, wie er wollte, dass sie beschaffen sei? Nehmen wir der Diskussion halber an, die Materie sei ungeschaffen, so sagen wir denjenigen, die das behaupten: Wenn die Substanz, ohne dass die Vorsehung sie Gott zugeführt hätte, so geworden ist, was hätte eine bestehende Vorsehung dann mehr getan als das, was von selbst geschieht? Und wenn er selbst, obwohl keine Materie da war, sie zu schaffen wünschte – was hätten seine Weisheit und seine Göttlichkeit mehr bewirkt als das, was aus Unerschaffenem Bestand hat? Denn wenn sich zeigt, dass durch die Vorsehung dasselbe geschehen wäre, was auch ohne Vorsehung Bestand hatte, warum sollten wir dann nicht auch beim Weltganzen den Schöpfer und den Handwerker verwerfen? Denn so wie es unsinnig ist, bei einer so kunstvoll gefertigten Welt zu sagen, ein solches Gebilde sei ohne weisen Handwerker entstanden, so ist es ebenso unvernünftig zu behaupten, die Materie habe in solcher Menge und solcher Art und derart tauglich für das kunstfertige Wort Gottes ungeschaffen bestanden. Denjenigen aber, die den Vergleich bemühen, kein Werkmeister mache ohne Materie, ist zu sagen, dass sie ungleichartig vergleichen. Denn die Vorsehung legt jedem Handwerker die Materie vor, die aus einer vorausgehenden Kunst – menschlicher oder göttlicher – hervorgeht. Das soll fürs Erste genügen gegenüber denen, die wegen der Aussage: „Die Erde aber war unsichtbar und ungestaltet,“ 1 meinen, die körperliche Natur sei ungeschaffen.
Aus dem ersten Band des Kommentars zum Buch Genesis. Über die Leuchten, die als Zeichen eingesetzt wurden – gemeint sind niemand anders als Sonne und Mond sowie die Sterne –, ist es überaus wichtig, Folgendes klarzustellen: nicht nur um vieler Völker willen, die der Christus-Glauben nicht erreicht hat und die sich durch die Verflechtung der Wandelsterne mit den Zeichen des Tierkreises in die Lehre vom Verhängnis verirren, so als ob alles, was auf Erden geschieht, und alles, was jeden einzelnen Menschen betrifft, ja vielleicht sogar die vernunftlosen Tiere, davon bestimmt würde; sondern auch weil viele, die man für gläubig hält, mitgerissen werden und meinen, Menschenangelegenheiten seien gezwungen und könnten gar nicht anders ablaufen, als wie die Sterne es in ihren wechselnden Konstellationen anzeigen. Wer so lehrt, hebt als Folge daraus den freien Willen völlig auf; darum werden auch Lob und Tadel hinfällig, ebenso Taten, die zu billigen sind, und Taten, die zu tadeln sind. Wenn es aber so stünde, dann wäre das verkündete Gericht Gottes dahin, und die Drohungen gegen die, die gesündigt haben, dass sie bestraft werden, ebenso die Ehren und die Seligkeiten für die, die sich dem Besseren verschrieben haben; denn nichts davon hätte dann noch einen vernünftigen Grund. Und wer die Konsequenzen seiner eigenen Lehren sähe, müsste zugeben: Der Glaube wäre vergeblich, die Ankunft Christi hätte nichts bewirkt, die ganze Heilsordnung durch Gesetz und Propheten ebenso, und die Mühen der Apostel, die Kirchen Gottes durch Christus zu gründen. Es sei denn, man wolle gar behaupten, auch Christus selbst habe – nach dem Wagemut derer, die so reden – bei seiner Geburt unter der Notwendigkeit der Sternbewegungen gestanden und alles, was er tat und erlitt, sei dadurch bestimmt gewesen, nicht dadurch, dass Gott, der Vater des Alls, ihm die außergewöhnlichen Kräfte verlieh, sondern die Sterne.
Aus solchen gottlosen und frevelhaften Reden folgt außerdem, dass man am Ende sogar von den Glaubenden sagt, sie seien von den Sternen geführt worden, um an Gott zu glauben. Wir würden sie fragen: Was wollte Gott, als er eine solche Welt machte, in der Männer das erleiden, was Frauen zukommt, ohne in irgendeiner Weise selbst Urheber der Ausschweifung zu sein, andere aber den Zustand wilder Tiere angenommen haben und, weil die Bewegung des Alls sie so gemacht hat – da Gott das Ganze so geordnet habe –, sich den grausamsten und zutiefst unmenschlichen Taten ausliefern, Mord und Piraterie? Und wozu sollen wir noch von all dem reden, was unter Menschen geschieht, von den unzähligen Sünden, die sie begehen, während die Anführer dieser hochtrabenden Lehren sie von jeder Schuld freisprechen und Gott die Ursache von allem zuschreiben, was böse und zu tadeln ist? Wenn aber einige von ihnen, um Gott zu verteidigen, sagen, der Gute sei ein anderer, der an nichts von alledem Anteil habe, und all dies dem Schöpfer anlasten, dann werden sie erstens nicht einmal so, wie sie wollen, beweisen können, dass er gerecht ist; denn wie sollte der – nach ihrer Behauptung – Vater so vieler vernünftigerweise „gerecht“ heißen? Zweitens ist zu prüfen, was sie über sich selbst sagen wollen: ob sie der Gewalt der Sterne unterworfen sind oder davon befreit und, solange sie leben, keinerlei Einwirkung von dorther auf sich erfahren. Sagen sie nämlich, sie seien den Sternen untertan, ist klar, dass die Sterne ihnen auch diesen Gedanken geschenkt haben und der Schöpfer ihnen durch die Bewegung des Alls den Begriff vom „höheren“, von ihnen erdichteten Gott eingegeben hätte – was sie ja nicht wollen. Antworten sie aber, sie stünden außerhalb der Gesetze des Schöpfers hinsichtlich der Sterne, dann sollen sie, damit ihr Gerede nicht eine unbelegte Behauptung bleibt, versuchen, uns zwingender darzulegen, worin der Unterschied zwischen einem Geist besteht, der Geburt und Verhängnis unterworfen ist, und einem anderen, der davon frei ist.
Denjenigen, die solche Leute kennen, ist klar: Werden sie zur Rechenschaft gezogen, sind sie durchaus nicht imstande, sie zu geben. Außerdem wären auch Gebete, wenn man sie heranzieht, völlig wirkungslos; denn wenn gewisse Dinge gezwungen zustande kommen und die Sterne es bewirken und nichts außerhalb ihrer gegenseitigen Verflechtung geschehen kann, fordern wir unvernünftigerweise von Gott, uns dieses oder jenes zu gewähren. Und warum sollten wir die Rede weiter ausdehnen, um die Gottlosigkeit des bei den Vielen ungeprüft herumgereichten Geredes über das Verhängnis vorzuführen? Für eine Skizze genügt das Gesagte. Wie wir aber, als wir den Satz „Die Leuchten sollen zu Zeichen sein,“2 prüften, zu diesen Punkten gelangt sind, daran wollen wir uns erinnern. Wer über etwas Wahres lernt, tut dies entweder, indem er selbst Augenzeuge der Dinge geworden ist und dann das eine oder andere zutreffend aussagt, nachdem er Leiden und Wirken derer gesehen hat, die litten oder handelten; oder indem er die Berichte solcher hört, die an den Geschehnissen in keiner Weise ursächlich beteiligt sind, und so zu bestimmtem Wissen gelangt. Ausgenommen sei hier die Frage, ob Handelnde oder Leidende, indem sie erzählen, was sie getan oder erlitten haben, den, der nicht zugegen war, zur Erkenntnis des Geschehenen führen können.
Wenn also jemand, der von einem unterwiesen wird, der in keiner Weise Ursache der Geschehnisse ist, darüber belehrt wird, dass dies oder jenes geschehen ist oder geschehen wird, und nicht unterscheidet, dass der Lehrende, der von etwas als Geschehenem oder Kommendem spricht, damit noch keineswegs die Ursache dafür ist, dass die Sache so eintritt, dann wird er meinen, derjenige, der darlegt, dass dies oder jenes geschehen sei oder geschehen werde, habe das, worüber er lehrt, getan oder werde es tun. Er wird es offenkundig irrigerweise meinen. So etwa, wenn einer auf ein prophetisches Buch stößt, das das über Judas, den Verräter, im Voraus deutlich macht, und, nachdem er das Zukünftige daraus gelernt hat und dessen Eintreffen sieht, glaubt, das Buch sei die Ursache dessen, was später geschah, weil er aus dem Buch erfahren hatte, was Judas später tun würde; oder er würde, wenn schon nicht das Buch, dann den ersten Verfasser dafür halten – oder den Handelnden selbst, sagen wir Gott. Doch so wie bei den Prophezeiungen über Judas, wenn man die Worte selbst prüft, klar wird, dass Gott nicht Urheber des Verrats des Judas geworden ist, sondern nur angezeigt hat, was er im Voraus wusste und was aus dessen Bosheit geschehen sollte, ohne dass es auf Gott als Ursache zurückginge, so würde, wer sich in die Lehre vertieft, dass Gott alles im Voraus weiß, und in jene Schriften, in die er gleichsam die Worte seiner Vorkenntnis eingeprägt hat, erkennen, dass weder der Vorauswissende schlechthin Ursache des Vorausgewussten ist noch die Dinge, die die Prägungen jener Worte der Vorkenntnis aufgenommen haben.
Dass Gott jedes einzelne der zukünftigen Dinge lange zuvor als kommend wusste, ist auch ohne Schrift aus dem Nachdenken über Gott klar – ein einleuchtender Grundsatz über die Macht und den Verstand Gottes. Wenn man es aber auch aus der Schrift darlegen soll, sind die Prophetien voll solcher Beispiele; und auch bei Susanna zeigt sich das Wissen Gottes um alles vor ihrer Entstehung, wenn sie sagt: „Gott, der Ewige, der Kenner der Verborgenheiten, der alles weiß, bevor sie entstehen, du weißt, dass diese gegen mich Falsches bezeugt haben.“ (Susanna 1:42) Ganz deutlich ist im dritten Königebuch sogar der Name eines künftigen Königs samt seinen Taten viele Jahre vor ihrem Eintreffen vorausgesagt, so: „Und Jerobeam machte ein Fest im achten Monat, am fünfzehnten Tag des Monats, nach dem Fest im Land Juda. Und er stieg auf den Altar in Bethel, den er gemacht hatte, um den Kälbern zu opfern, die er gemacht hatte.“3 Dann kurz darauf: „Und siehe, ein Mann Gottes kam aus Juda im Wort des Herrn nach Bethel, und Jerobeam stand am Altar, um zu opfern. Und er rief gegen den Altar im Wort des Herrn und sprach: Altar, so spricht der Herr: Siehe, ein Sohn wird dem Haus David geboren, Josia ist sein Name, und er wird auf dir die Priester der Höhen schlachten, die auf dir Rauch darbringen, und Menschenknochen wird er auf dir verbrennen. Und er gab an jenem Tag ein Zeichen, das der Herr geredet hatte, indem er sprach: Siehe, der Altar wird zerbrechen, und die Fettmasse, die auf ihm ist, wird ausgeschüttet.“4 Und wenig später wird gezeigt, dass auch der Altar zerbrach und die Fettmasse vom Altar ausgeschüttet wurde – gemäß dem Zeichen, das der Mann im Wort des Herrn gegeben hatte.
Und im Jesajabuch, verfasst lange vor der Wegführung nach Babylon – nach der später einmal Kyrus, der König der Perser, auftritt und beim Wiederaufbau des Tempels mitwirkt, der sich zu den Zeiten Esras ereignet –, wird über Kyrus mit Namen so prophezeit: „So spricht der Herr, Gott, zu meinem Gesalbten Kyrus, dessen rechte Hand ich ergriffen habe, damit vor ihm Völker gehorchen, und die Stärke von Königen werde ich zerreißen. Ich öffne vor ihm Türen, und Tore werden nicht geschlossen. Ich werde vor dir hergehen und Berge ebnen. Bronzetüren werde ich zerbrechen und eiserne Riegel zerschmettern. Und ich werde dir Schätze der Finsternis geben, Verborgenes, Unsichtbares werde ich dir öffnen, damit du erkennst, dass ich der Herr, der Gott bin, der deinen Namen ruft, der Gott Israels. Um meines Knechtes Jakob und Israels, meines Erwählten, willen werde ich dich bei deinem Namen rufen und dich annehmen.“5 Denn daraus ist klar ersichtlich, dass Gott, um des Volkes willen, dem Kyrus Gutes erwies, ihm – obwohl er die Gottesfurcht der Hebräer nicht kannte – schenkte, über viele Nationen zu herrschen. Das lässt sich übrigens auch aus griechischen Autoren lernen, die über den vorausgesagten Kyrus berichtet haben. Zudem wird im Danielbuch, als die Babylonier damals unter Nebukadnezar herrschten, die Reihe der Reiche nach ihm gezeigt – durch das Standbild: das der Babylonier wird als Gold bezeichnet, das der Perser als Silber, das der Makedonen als Erz, das der Römer als Eisen.
Und wiederum sagt derselbe Prophet über Dareios, über Alexander und die vier Nachfolger Alexanders, des Königs der Makedonen, und über Ptolemäus, der über Ägypten herrschte, den sogenannten Lagos, so: „Und siehe, ein Ziegenbock kam von Westen über das Gesicht der ganzen Erde, und an dem Bock war ein Horn zwischen seinen Augen. Und er kam bis zu dem Widder, der die Hörner hatte, den ich vor dem Ubal stehen sah, und er lief gegen ihn an in der Kraft seiner Stärke. Und ich sah ihn den Widder erreichen, und er wurde gegen ihn sehr erregt, und er schlug den Widder und zerbrach beide Hörner von ihm; und keine Kraft war im Widder, vor ihm zu bestehen, und er warf ihn zu Boden und zertrat ihn, und keiner war da, der den Widder aus seiner Hand rettete. Und der Ziegenbock wurde sehr groß; und als er stark geworden war, wurde sein großes Horn zerbrochen, und es stiegen an seiner Stelle vier andere Hörner auf zu den vier Winden des Himmels. Und aus einem von ihnen ging ein Horn hervor, ein starkes, und es wurde übermäßig groß nach Süden und nach Westen.“6 Was braucht es, die Prophezeiungen über Christus noch aufzuzählen: seinen Geburtsort Bethlehem, den Ort seines Aufwachsens Nazareth, die Flucht nach Ägypten, die Wunder, die er tat, und wie er durch Judas, den zum Apostel Berufenen, verraten wurde? All das sind Zeichen von Gottes Vorkenntnis. Und auch der Retter selbst sagt: „Wenn ihr seht, dass Jerusalem von Heeren umzingelt ist, dann werdet ihr erkennen, dass ihre Verwüstung nahe gekommen ist,“7 denn er hat das spätere Geschehen im Voraus angesagt, das Ende der Zerstörung Jerusalems.
Da wir also gezeigt haben, dass Gott Vorkenntnis hat, ist es nicht unpassend, nun zu erklären, wie die Sterne „zu Zeichen“ geworden sind: Man muss verstehen, dass die Sterne so geordnet sind, sich zu bewegen – die sogenannten Wandelsterne in Gegenrichtung zu den Fixsternen –, damit aus der Gestalt der Gesamtkonstellation Zeichen über das, was jeden Einzelnen betrifft, wie auch über Allgemeines entnommen werden; erkennen sollen dies jedoch nicht die Menschen (denn es übersteigt bei weitem menschliches Vermögen, aus der Bewegung der Sterne verlässlich das über jeden zu entnehmen, was er jeweils tut oder erleidet), sondern die Mächte, die aus vielen Gründen dies wissen müssen – wie wir im Folgenden nach Kräften zeigen werden. Weil nun Menschen aus gewissen Beobachtungen oder sogar aufgrund der Belehrung von Engeln, die ihre eigene Ordnung überschritten haben und zum Verderben unseres Geschlechts darüber mancherlei lehrten, einiges verstanden, meinten sie, diejenigen, von denen sie die Zeichen zu erhalten glauben, seien auch die Verursacher dessen, was – wie unsere Darlegung sagt – angezeigt wird. Über all das wollen wir sogleich, gleichsam in gedrängter Form, so sorgfältig wie möglich handeln. Zur Sprache kommen deshalb diese Fragen: wie bei Gottes ewiger Vorkenntnis über das, was jeder zu tun scheint, der freie Wille erhalten bleibt; auf welche Weise die Sterne nicht Ursachen dessen sind, was unter Menschen geschieht, sondern nur Anzeiger; und dass Menschen darüber keine präzise Erkenntnis haben können, vielmehr die Zeichen bei Mächten liegen, die den Menschen überlegen sind. Außerdem ist zu untersuchen, warum Gott die Zeichen zum Wissen dieser Mächte gemacht hat.
Sehen wir also zuerst den Punkt, an dem viele Griechen, aus Furcht, die Dinge seien gezwungen und der freie Wille bleibe keineswegs bestehen, falls Gott die Zukunft vorausweiß, lieber eine gottlose Lehre auf sich genommen haben, als an dem festzuhalten, was – wie sie sagen – ein ehrenvoller Gedanke über Gott sei, tatsächlich aber den freien Willen aufhebt und damit Lob und Tadel, die Anerkennung der Tugenden und die Verwerflichkeit der Laster. Sie sagen nämlich: Wenn Gott von Ewigkeit her wusste, dass ein bestimmter Mensch Unrecht tun und diese und jene Ungerechtigkeiten begehen wird, und wenn Gottes Wissen unfehlbar ist, dann wird er auf jeden Fall ein Ungerechter sein und diese Ungerechtigkeiten tun, da er als solcher vorausgesehen wurde; es sei unmöglich, dass er nicht Unrecht tue. Ist es aber unmöglich, dass er nicht Unrecht tut, dann steht sein Unrecht unter Zwang und es ist ihm unmöglich, etwas anderes zu tun als das, was Gott wusste. Ist es aber unmöglich, dass er etwas anderes tut, und ist doch niemand dafür tadelnswert, dass er Unmögliches nicht tut, dann beschuldigen wir die Ungerechten vergeblich. Von der Ungerechtigkeit und den Ungerechtigkeiten aus ziehen sie dann weiter zu den übrigen Sünden; und vom Gegenstück her auch zu den vermeintlichen guten Taten. So folge aus Gottes Vorkenntnis der Zukunft, dass das, was in unserer Macht steht, nicht gerettet werden kann. Ihnen ist zu entgegnen: Wenn Gott beim Beginn der Weltgestaltung – da nichts grundlos geschieht – alles, was kommen wird, mit seinem Verstand durchgeht, indem er sieht: Weil dies geschehen ist, folgt jenes; und wenn dann das Folgende geschieht, folgt dieses; und wenn dieses eingetreten ist, wird jenes sein – und wenn er so bis zum Ende der Dinge fortschreitet, weiß er, was sein wird –, dann ist er damit noch keineswegs in jedem einzelnen Fall Ursache dafür, dass das, was er weiß, so eintritt.
Wie wenn einer einen Menschen sieht, der aus Unwissenheit ungestüm ist und in seiner Hast unvernünftig auf einen glatten Weg tritt und begreift, dass er ausrutschen und fallen wird: Er wird dadurch nicht zur Ursache seines Sturzes. So müssen wir auch Gott denken: Er hat im Voraus gesehen, wie jeder sein wird, er durchschaut die Gründe, durch die einer so werden wird, und dass er dieses oder jenes sündigen oder dieses oder jenes richtig machen wird. Man muss sogar sagen: Nicht die Vorkenntnis verursacht die Dinge (denn Gott greift den, von dem er im Voraus wusste, dass er sündigen wird, beim Sündigen nicht an), vielmehr – es klingt ungewöhnlich, ist aber wahr – ist das Zukünftige der Grund dafür, dass es über ihn eine solche Vorkenntnis gibt. Denn nicht weil es gewusst ist, geschieht es, sondern weil es geschehen sollte, ist es gewusst worden. Das verlangt eine Unterscheidung. Wenn nämlich jemand das „es wird gewiss sein“ so versteht, als ob das Vorausgewusste notwendigerweise eintreten müsste, geben wir ihm nicht recht; wir werden nicht sagen: „Weil vorausgewusst war, dass Judas ein Verräter werden würde, musste Judas notwendigerweise ein Verräter werden.“ Denn in den Prophezeiungen über Judas stehen Tadel und Anklagen gegen ihn, die jedem zeigen, dass er zu Recht getadelt wird. Kein Tadel träfe ihn, wenn er gezwungen gewesen wäre, ein Verräter zu sein und es ihm nicht möglich gewesen wäre, den übrigen Aposteln gleich zu werden. Ob das nicht gerade aus den Stellen hervorgeht, die wir gleich anführen: „Es sei keiner barmherzig mit seinen Waisen, weil er nicht daran dachte, Barmherzigkeit zu üben, und einen Menschen verfolgte, der arm und elend war, einen im Herzen Verwundeten, um ihn zu töten. Er liebte den Fluch, und er wird über ihn kommen, und den Segen wollte er nicht, und er wird sich von ihm entfernen.“8
Wenn aber jemand den Satz es wird gewiss eintreten seinem Sinn nach so erklärt, dass er sagt: Gewiss, dies wird eintreten, es hätte aber auch anders kommen können, dann lassen wir das als wahr gelten. Denn Gott kann nicht lügen; wohl aber lässt sich bei Dingen, die eintreten können oder auch nicht, denken, dass sie eintreten oder nicht. Deutlicher: Ist es möglich, dass Judas ein Apostel bleibt wie Petrus, dann ist es möglich, dass Gott über Judas denkt, er werde wie Petrus Apostel bleiben. Ist es möglich, dass Judas ein Verräter wird, ist es möglich, dass Gott über ihn denkt, er werde ein Verräter sein. Wird Judas nun ein Verräter, dann wird Gott, der in seiner Vorkenntnis zwischen diesen beiden Möglichkeiten das Wahre erkennt, voraussehen, dass Judas ein Verräter wird; und doch bleibt das, worauf sich dieses Wissen richtet, der Möglichkeit nach auch anders auszugehen. Man könnte das Wissen Gottes so wiedergeben: Möglich ist, dass dieser dies tut, möglich auch das Gegenteil; da beides möglich ist, weiß ich, dass er dies tun wird. Denn so wenig Gott sagen würde, diesem Menschen sei es unmöglich zu fliegen, so wenig wird er, wenn er über jemanden einen Spruch gibt, sagen, diesem sei es unmöglich, besonnen zu sein. Die Fähigkeit zu fliegen liegt im Menschen schlechthin nicht; die Fähigkeit zur Besonnenheit wie zur Zügellosigkeit sehr wohl. Da beide Kräfte vorhanden sind, liefert sich, wer ermahnenden und erziehenden Worten kein Gehör schenkt, der schlechteren aus; besser dran ist, wer die Wahrheit sucht und entschlossen ist, nach ihr zu leben. Der eine sucht die Wahrheit nicht, weil er der Lust zuneigt; der andere prüft sie, geleitet von allgemeinen Einsichten und durch ein Wort, das zum Guten ermutigt.
Wieder so: Der eine wählt die Lust – nicht weil er ihr nicht widerstehen könnte, sondern weil er nicht kämpft. Der andere verachtet sie, weil er das Hässliche sieht, das so oft in ihr steckt. Dass aber Gottes Vorkenntnis denen, die sie betrifft, keinen Zwang auferlegt, zeigt sich zusätzlich zu dem schon Gesagten auch daran, dass Gott vielerorts in der Schrift die Propheten beauftragt, Umkehr zu predigen, ohne dabei so zu tun, als wüsste er nicht, ob die Hörenden umkehren oder an ihren Sünden festhalten; so heißt es bei Jeremia: „Vielleicht werden sie hören und umkehren,“9 denn Gott sagt nicht „vielleicht“, weil er nicht wüsste, ob sie hören oder nicht, sondern um durch die Formulierung die Ausgeglichenheit der Möglichkeiten sichtbar zu machen, damit seine zuvor angekündigte Vorkenntnis die Hörenden nicht mutlos macht, indem sie den Anschein von Notwendigkeit erweckt, als liege die Umkehr nicht in ihrer Hand und werde so gleichsam selbst zur Ursache der Sünden. Oder sie würde umgekehrt für solche, die das vorausgewusste Gute nicht kennen und die im Kampf der Tugend wider das Böse standhalten könnten, zur Ursache der Erschlaffung werden: Sie stünden dann nicht mehr gespannt gegen die Sünde, weil sie meinten, das Vorausgesagte werde ja ohnehin eintreten. So könnte die Vorkenntnis des künftigen Guten gerade zum Hindernis werden. Deshalb hat Gott, der alles in der Welt weise ordnet, uns mit gutem Grund gegenüber dem Kommenden gleichsam blind gemacht; denn dessen Kenntnis hätte uns vom Ringen gegen das Böse gelöst, und wenn wir sie für gewiss hielten, hätte sie uns dazu gebracht, ohne Gegenwehr gegen die Sünde ihr umso schneller zu verfallen. Zugleich würde es den, der gut und edel werden soll, im Kampf schwächen, wenn ihn die Vorkenntnis träfe, er werde gewiss gut sein. Da wir aber, selbst unter den gegebenen Bedingungen, für das Gute größere Leidenschaft und Anspannung brauchen, würde eine vorweggenommene Gewissheit, gewiss gut und edel zu werden, die Übung unterlaufen. Darum wissen wir zu unserem Nutzen nicht, ob wir gut oder böse sein werden.
Da wir gesagt haben, dass Gott uns gegenüber dem Zukünftigen blind gemacht hat, wollen wir – gestützt auf eine ausdrückliche Stelle aus dem Exodus – es so erläutern: „Wer hat schwerhörig gemacht und taub und sehend und blind? Bin nicht ich, der Herr, Gott?“ 10 Das heißt: Derselbe hat einen zugleich blind und sehend gemacht, sehend im Blick auf das Gegenwärtige, blind hingegen im Blick auf das Zukünftige. Vom Schwerhörigen und Tauben zu sprechen, gehört hier nicht zur Sache. Dass jedoch die Ursachen vieler Dinge, die in unserer Macht stehen, zum größten Teil bei dem liegen, was nicht in unserer Macht steht, werden auch wir zugeben; wären jene – ich meine die Dinge, die nicht in unserer Macht stehen – nicht eingetreten, wäre manches von dem, was in unserer Macht steht, nicht getan worden. Zugleich geschieht manches von dem, was in unserer Macht steht, als Folge jener vorausgegangenen, nicht in unserer Macht stehenden Gegebenheiten, wobei es doch möglich bleibt, unter denselben vorausgegangenen Umständen auch anderes zu tun als das, was wir tun. Wer aber verlangt, das, was in unserer Macht steht, aus dem Ganzen herauszulösen, so dass wir nicht aufgrund dessen, was uns widerfahren ist, dieses wählen, hat vergessen, dass er ein Teil der Welt ist und eingebettet in die Gemeinschaft der Menschen und in das umfassende Umfeld. Ich meine, es ist in knapper Form hinreichend gezeigt, dass die Vorkenntnis Gottes die Vorausgewussten keineswegs mit Zwang festlegt. Wenden wir uns nun der weiteren Streitfrage zu, dass die Sterne keineswegs Verursacher dessen sind, was unter Menschen geschieht, sondern nur Anzeiger. Offenkundig ist nämlich: Wenn man diese oder jene Sternkonstellation für verursachend hielte in Bezug auf bestimmte Geschehnisse am Menschen – bleiben wir beim Thema –, dann könnte die heute bei diesem vorliegende Konstellation nicht als Ursache dessen gelten, was längst in Bezug auf einen anderen oder mehrere geschehen ist.
Denn alles, was etwas bewirkt, ist älter als das Bewirkte. Nun gilt in der Lehre derer, die dergleichen versprechen, Folgendes: Man hält es für möglich, anhand der Konstellation auch über Dinge am Menschen Auskunft zu geben, die älter sind als die Konstellation selbst. Sie behaupten nämlich, wenn sie die Geburtsstunde eines Menschen hätten, könnten sie feststellen, wie jeder der Wandelsterne steht, in welchem Grad und in welchen Minuten des Tierkreises, welcher Stern am östlichen Horizont, welcher am westlichen, welcher am höchsten Punkt des Himmels und welcher am Gegenpunkt stand. Und sobald sie die Sterne so angesetzt haben, wie sie meinen, sie hätten sich damals bei der Geburt des Betreffenden gestellt, untersuchen sie zur Stunde der Entbindung nicht nur das Zukünftige, sondern auch das Vergangene, ja sogar Dinge vor Geburt und Empfängnis des Betreffenden: was für einer der Vater sei, reich oder arm, körperlich unversehrt oder versehrt, im Charakter besser oder schlechter, besitzlos oder sehr vermögend, mit diesem oder jenem Beruf; und dasselbe auch über die Mutter und über ältere Geschwister, falls es sie gibt. Nehmen wir für den Augenblick einmal hin, dass sie in solchen Angaben ins Schwarze träfen – später werden wir zeigen, dass es nicht so ist. Dann wollen wir diejenige fragen, die meinen, die menschlichen Dinge stünden unter dem Zwang der Sterne: Wie kann eine Konstellation, die heute besteht, das, was älter ist als sie, bewirkt haben?
Wenn das nämlich unmöglich ist – woraus ja folgt, dass die Aussagen über zeitlich Früheres nicht zutreffen –, dann ist klar, dass die Sterne, die sich so am Himmel bewegen, nicht das Vergangene und Bereitsgeschehene bewirkt haben, bevor sie so standen. Wenn das so ist, wird der, der ihre Trefferquote zugibt und sich auf das über Zukünftiges Gesagte stützt, sagen: „Sie treffen zu, nicht weil die Sterne verursachen, sondern weil sie nur anzeigen.“ Behauptet aber jemand, die Sterne bewirkten zwar nicht das Vergangene, vielmehr hätten andere Konstellationen die Erkenntnis davon verursacht, die jetzige Konstellation zeige es lediglich an, das Zukünftige aber ergebe sich sehr wohl aus der gegenwärtigen Konstellation bei der Geburt des Betreffenden – dann soll er den Unterschied darlegen, der es erlaubt, aus den Sternen zu zeigen, dass dies als von Wirkkräften her wahr erkannt wird, jenes aber nur als von Anzeichen. Können sie diesen Unterschied nicht geben, werden sie sich vernünftigerweise eingestehen, dass nichts von dem, was Menschen betrifft, aus den Sternen hervorgeht, sondern – wie gesagt – wenn etwas angezeigt wird, dann so, als empfinge man das Vergangene und das Zukünftige nicht aus den Sternen, sondern aus dem Geist Gottes, durch ein prophetisches Wort. Denn wie wir zuvor gezeigt haben, dass Gottes Wissen um das, was jeder tun wird, den freien Willen nicht verletzt, so hindern auch die Zeichen, die Gott zum Anzeigen eingesetzt hat, den freien Willen nicht. Vielmehr kann der ganze Himmel – gleichsam Gottes Buch – wie ein prophetisches Buch das Zukünftige enthalten. Darum darf in der Gebetschrift Josefs das Wort, das Jakob spricht, so verstanden werden:
„Ich habe nämlich auf den Tafeln des Himmels gelesen, was euch und euren Söhnen geschehen wird.“ 11 Vielleicht deutet auch das Wort: „Der Himmel wird zusammengerollt werden wie eine Schriftrolle,“ 12 darauf, dass die darin enthaltenen Worte, als Zeichen der künftigen Dinge, zur Vollendung kommen und, um so zu sagen, erfüllt werden, so wie man sagt, die Prophezeiungen seien erfüllt, wenn sie eingetreten sind. Und so werden die entstandenen Sterne zu Zeichen sein, gemäß dem Wort: „Sie sollen zu Zeichen sein.“2 Jeremia aber führt uns zu uns selbst zurück und nimmt die Furcht vor dem, was man für angezeigt hält und vielleicht sogar dafür hält, es komme von dort her; er sagt: „Fürchtet euch nicht vor den Zeichen des Himmels.“13 Sehen wir uns auch ein zweites Argument an, warum die Sterne keine wirkenden Ursachen sein können, sondern, wenn überhaupt, nur Zeichen. Man kann nämlich aus sehr vielen Geburtsbildern dasselbe über einen einzigen Menschen entnehmen; das sagen wir hypothetisch und lassen gelten, dass Menschen ihre Kunst überhaupt erlernen können. Zum Beispiel: Dass über diesen hier gesagt wird, er werde dies und jenes erleiden und sterben, indem er Räubern in die Hände fällt und getötet wird, das, so sagen sie, könne man sowohl aus seinem eigenen Geburtsbild entnehmen als, falls er mehrere Brüder hat, auch aus dem jedes einzelnen Bruders. Denn sie meinen, das Geburtsbild eines jeden enthalte die Aussage: ein Bruder werde durch Räuber sterben; ebenso das des Vaters und das der Mutter, das der Ehefrau, das seiner Söhne, das seiner Sklaven und das seiner engsten Freunde, vielleicht sogar das derer, die die Tat begehen.
Wie also soll etwas, das in so vielen Geburten vorkommt, ausgerechnet durch die Konstellation der Sterne dieser einen Geburt bewirkt sein und nicht ebenso durch die jener anderen? Unglaubwürdig ist schon die Behauptung, „die Konstellation in der eigenen Geburt dieses einen habe dies bewirkt, die in jener Geburt aber habe es nicht bewirkt, sondern nur angezeigt“. Denn dumm wäre es zu sagen, jede einzelne Geburt habe die wirkende Ursache dafür enthalten, dass gerade dieser Mann beseitigt wird, so dass, ich rede hypothetisch, in fünfzig Geburten enthalten wäre, dass eben dieser eine getötet werde. Ich sehe auch nicht, wie sie es retten wollen, dass bei fast allen in Judäa die Konstellation bei der Geburt so beschaffen sei, dass sie am achten Tag die Beschneidung empfangen, beschnitten und verstümmelt werden, mit Geschwüren und Entzündung zu tun haben und Wunden, und gleich beim Eintritt ins Leben Ärzte brauchen; bei den Ismaeliten in Arabien so, dass alle im Alter von dreizehn Jahren beschnitten werden, denn so wird von ihnen berichtet; und wiederum, dass bei manchen der Äthiopier die Kniescheiben entfernt werden und bei den Amazonen einer der Brüste. Wie sollen die Sterne so etwas bei diesen Völkern verursachen? Ich meine, wenn man sie darauf festlegen wollte, würden sie es nicht einmal bis zu einer tragfähigen, wahren Aussage über diese Dinge bringen. Angesichts der vielen gebräuchlichen Wege der Vorhersage begreife ich nicht, wie die Menschen so weit abirren konnten, bei der Vogelschau und der Opferdeutung zu sagen, diese enthielten nicht die wirkende Ursache, sondern zeigten nur an, und ebenso bei der Sternbeobachtung, geschweige denn bei der Geburtshoroskopie.
Wenn sich Zukünftiges überhaupt erkennen lässt – das gestehen wir ihnen gern zu –, und wenn das, was geschieht, aus derselben Quelle stammt, aus der auch das Wissen darüber gewonnen wird, warum sollen die Ereignisse eher von den Sternen ausgehen als von der Vogelschau? Und eher von der Vogelschau als von den Eingeweiden der Opfertiere oder von Sternschnuppen? Das genügt fürs Erste, um zu widerlegen, dass die Sterne wirkende Ursachen für menschliche Dinge sind. Was wir eingeräumt haben – es schadete dem Argument ja nicht –, nämlich dass Menschen die himmlischen Konstellationen und die Zeichen und das, wovon sie Zeichen sind, erfassen können, das wollen wir jetzt prüfen, ob es wahr ist. Die Fachleute auf diesem Gebiet sagen: „Wer die Kunst der Geburtshoroskopie zuverlässig beherrschen will, muss wissen, in welchem Zwölftel des Tierkreises der betreffende Stern steht, und in welchem Grad des Zwölftels und in welchem Sechzigstel; die Genauesten sogar, in welchem Sechzigstel des Sechzigstels.“ Und sie sagen weiter: „Das sei bei jedem einzelnen Planeten zu tun, wobei das Verhältnis zu den Fixsternen zu prüfen ist.“ Wieder sagen sie zum östlichen Horizont: „Man müsse sehen, welches Zwölftel dort gerade aufstieg, dazu den Grad und das Sechzigstel des Grades, das erste oder das zweite Sechzigstel.“ Wie aber soll man das Sechzigstel bestimmen, wenn eine Stunde, grob gesprochen, ein halbes Zwölftel umfasst, ohne eine proportionale Unterteilung der Stunde zur Hand zu haben – so dass man zum Beispiel wüsste, dass jemand in der vierten Stunde geboren ist, und zwar auf die halbe Stunde genau, ja bis auf Viertel, Achtel, Sechzehntel und Zweiunddreißigstel? Denn, sie sagen, „die angezeigten Deutungen weichen stark ab, und zwar nicht erst, wenn die ganze Stunde unbekannt ist, sondern schon, wenn ihr Bruchteil unbekannt ist.“
Bei Zwillingen liegt der Abstand der Geburten oft nur in einem winzigen Augenblick, und doch zeigen sich bei ihnen, wie jene sagen, viele Unterschiede in dem, was ihnen geschieht und was sie tun, und zwar wegen der Ursache in der Beziehung der Sterne und des Zwölftel-Abschnitts am Horizont, den diejenigen, die meinen, die Stunde genau festgehalten zu haben, in Wahrheit nicht erfassen. Denn niemand kann sagen, dass der Abstand zwischen dieser Geburt und jener ein Dreißigstel einer Stunde beträgt. Doch lassen wir ihnen, was die Ermittlung der Stunde betrifft, diese Zugeständnis. Man beruft sich nämlich auf einen Lehrsatz, der zeigt, dass das Tierkreiszeichen ähnlich wie die Planeten von Westen nach Osten fortschreitet, in hundert Jahren um einen Grad, und dass dies mit der Zeit die Lage der Zwölftel verändert: das intellektuell erschlossene Zwölftel ist eines, und ein anderes ist die gleichsam gezeichnete Gestalt, jedoch aus dem intelligiblen Tierkreis, was sich kaum wirklich erfassen lässt. Gewähren wir ihnen auch dies, dass man das „gedankliche“ Zwölftel erfassen kann oder aus dem sinnlich sichtbaren Zwölftel das Wahre ableiten. Aber die von ihnen so genannte „Mischung“ der Faktoren, die in solchen Konstellationen zusammentreffen, werden selbst sie nicht durchweg „retten“ können: das Angezeigte wird, sagen wir, vom Schlechteren aus verdunkelt, weil es unter dem Blick des Stärkeren steht, und zwar um so viel oder so viel; oft wiederum wird die Verdunkelung durch das Schlechtere durch den Blick des Besseren verhindert, so dass dann ein anderer Faktor in dieser Weise konfiguriert ist und Schlimmeres anzeigt. Ich meine: Wer an diesen Punkten wirklich festhält, wird die Hoffnung auf eine sichere Erkenntnis darüber aufgeben; sie liegt keineswegs in der Reichweite von Menschen – wenn überhaupt, reicht es nur bis zu einem bloßen Anzeigen.
Wer wirklich Erfahrung mit solchen Dingen hat, wird eher merken, wie fehlbar dieses Raten ist bei denen, die davon sprechen und es sogar aufschreiben, als dass es tatsächlich treffsicher wäre. Jesaja jedenfalls sagt, in der Überzeugung, dass solches von Menschen nicht ermittelt werden kann, zur Tochter der Chaldäer, die das vor allen anderen großspurig versprechen: „Sollen sie doch antreten und dich retten die Astrologen des Himmels; sie sollen dir ansagen, was im Begriff ist, über dich zu kommen,“ 14 denn daraus lernen wir, dass selbst die großen Liebhaber dieser Künste nicht imstande sind, im Voraus anzuzeigen, was der Herr beschlossen hat jedem Volk zu bringen. Bislang haben wir das Prophetische nur dem Wortlaut nach aufgenommen; wenn aber, so heißt es, Jakob auf den Tafeln des Himmels gelesen habe, was seinen Söhnen widerfahren werde, und man uns damit entgegenhält, die Schrift zeige etwas, das unseren Aussagen widerspreche – wir sagten ja, der Mensch habe keinen Zugriff auf die Zeichen; Jakob aber sagt, er habe auf den Tafeln des Himmels gelesen –, so antworten wir: Unsere Weisen, die eines über die menschliche Natur hinausgehenden Geistes teilhaft wurden, werden nicht menschlich, sondern göttlich in die Geheimnisse unterwiesen; wie Paulus sagt: „Ich hörte unaussprechliche Worte, die einem Menschen zu reden nicht erlaubt sind.“15 Denn sie kennen Wechsel der Wendungen und Veränderungen der Zeiten, die Kreise der Jahre und die Stellungen der Sterne, nicht von Menschen und nicht durch Menschen, sondern weil der Geist es ihnen offenbart und ihnen rein, wie Gott will, das Göttliche verkündet. Außerdem war Jakob mehr als ein gewöhnlicher Mensch: Er fasste den Bruder an der Ferse und bekennt in eben jenem Buch, aus dem wir das Wort „Ich habe auf den Tafeln des Himmels gelesen,“11 angeführt haben, er sei ein oberster Anführer von Tausendschaften der Macht des Herrn und trage seit langem den Namen Israel; das erkennt er wieder, während er im Körper seinen Dienst versieht, da ihn der Erzengel Uriel daran erinnert.
Als Nächstes bleibt zu prüfen und den Gläubigen darzulegen, dass die Himmelslichter als Zeichen gesetzt sind; und von denen, die sich mit übertriebener Neugier in diese Fragen vertiefen, wird man die Nachfrage hören: „Was ist der Grund, warum Gott diese Zeichen am Himmel gemacht hat?“ Zunächst lässt sich sagen: Wir glauben, dass die Majestät des Verstandes Gottes alle Erkenntnis über jedes einzelne Seiende in sich enthält, so dass nicht einmal das Zufällige und vermeintlich Geringste seiner Gottheit entgeht. Das ist eine Überzeugung, nicht ein augenfälliger Beweis, sondern geglaubt, weil sie dem ungezeugten Verstand entspricht, der über alle Natur erhaben ist. Damit nun dies durch Erfahrung erkannt werde von denen, die mehr sind als nur Menschen, und von heiligen Seelen, die vom gegenwärtigen Band des Körpers gelöst sind, hat Gott gleichsam Buchstaben und Zeichen durch den Lauf der Himmelskörper an den Himmel geschrieben, damit die Belehrten und die noch zu Belehrenden die Zeichen Gottes lesen. Es ist auch nicht erstaunlich, dass Gott etwas um der Erweisung gegenüber den Seligen willen tut; denn die Schrift sagt zu Pharao: „Eben hierfür habe ich dich aufgerichtet, damit ich an dir meine Macht zeige, und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündet wird.“16 Wenn nämlich Pharao erhalten wurde zur Erweisung der Macht Gottes und zur Verkündigung seines Namens auf der ganzen Erde, dann bedenke, wie viel Erweis der Macht Gottes die himmlischen Zeichen enthalten, da alles, von Anbeginn bis zum Ende, in das erhabene Buch Gottes, den Himmel, eingeprägt ist.
Zweitens nehme ich an, dass die Zeichen bei den Mächten liegen, die die menschlichen Dinge ordnen, damit sie manches nur erkennen und anderes ausführen; wie es auch in unseren Büchern Stellen gibt, die dazu geschrieben sind, dass wir erkennen, etwa die Schöpfung der Welt und andere Geheimnisse, und andere, die dazu geschrieben sind, dass wir sie, indem wir sie erkennen, tun, nämlich die Gebote und Anordnungen Gottes. So kann es sein, dass die himmlischen Buchstaben, die Engel und göttliche Mächte gut zu lesen vermögen, teils Dinge enthalten, die von den Engeln und Dienern Gottes gelesen werden, damit sie sich an der Erkenntnis freuen, teils aber wie empfangene Befehle ausgeführt werden. Wir gehen auch nicht fehl, wenn wir sagen, dass Himmel und Sterne ein Gegenstück zu dem haben, was im Gesetz steht. Wenn nun niedrigere und vom Menschen verschiedene Wirkkräfte manches von dem vollbringen, was im Himmel vorausgewusst und angezeigt ist, dann müssen sie es nicht deshalb tun, weil sie durch die Schriften Gottes daran erinnert worden wären; vielmehr ist es wie bei Menschen, die Unrecht tun: ohne gelernt zu haben, dass Gott vorausgewusst hat, dass dieser oder jener von ihnen Unrecht erleiden wird, tun sie das Unrecht aus ihrer eigenen Bosheit. So führen die dem Gott entgegenstehenden Mächte, die die Bosheit der Menschen, die Schlimmes wollen, vorausgewusst haben, es nach ihrer eigenen, höchst schändlichen Wahl aus. Die heiligen Engel hingegen, „dienstbare Geister, zur Dienstleistung ausgesandt,“ 17 es ist nur folgerichtig, dass sie die Gebote wie aus dem Gesetz Gottes entnommen entgegennehmen und geordnet, zur rechten Zeit, auf die rechte Weise und soweit es nötig ist, das Bessere tun; denn es wäre abwegig, wenn sie, obwohl göttlich, zufällig und ohne feste Bestimmung kämen, um, sagen wir, Abraham eine Botschaft zu bringen, für Isaak etwas zu tun, Jakob aus Gefahr zu retten oder sich dem Geist dieses Propheten zuzuwenden.
Damit sie also nicht zufällig oder planlos handeln, lesen sie das Buch Gottes; und so tun sie, was ihnen aufgetragen ist. Wie gesagt: Was wir tun – und was die gegnerischen Kräfte an uns vollbringen –, geschieht aus eigener Entscheidung: unordentlich, wenn wir sündigen; geordnet und geschult, nicht ohne Engel, nicht ohne göttliche Schriften und nicht ohne heilige Diener, wenn wir tun, was Gott gefällt. Und auch Clemens der Römer, ein Schüler des Apostels Petrus, stimmt dem in dieser Sache zu. In den „Die Reisen des Petrus“, im Gespräch mit seinem Vater in Laodicea, sagt er am Ende solcher Ausführungen, im vierzehnten Buch, etwas sehr Treffendes über das, was bei der Geburt angeblich herauskommt: „Und der Vater: Vergib mir, mein Kind. Deine gestrigen Worte waren wahr und haben mich dahin gebracht, mich mit dir zu verbinden; aber mein Gewissen quält mich noch ein wenig, wie ein Rest von Fieber, zu einem kleinen Unglauben. Denn ich weiß von mir selbst, dass sich alles aus dem Geburtsbild an mir erfüllt hat.“ – „Und ich antwortete: Verstehe mit mir, Vater, wie die Kunst beschaffen ist, auf deren Grundlage ich rate. Geh zu einem Astrologen und sag ihm zuerst: ‚Dies und jenes Üble ist mir in jener Zeit widerfahren; ich wollte wissen, von welchem der Sterne es gekommen ist.‘ Und er wird sagen, Mars oder Saturn als Übeltäter habe die Zeiten beherrscht; oder einer von beiden sei ausgleichend geworden; oder er habe das Jahr unter einem Quadrat- oder Oppositionsaspekt gesehen, oder in Konjunktion, oder unter einem Antrieb, oder außerhalb seiner Tages- oder Nachtzugehörigkeit. Und außerdem hat er noch tausend andere Dinge zu sagen: darüber hinaus etwa, der Wohltäter sei mit dem Übeltäter unverträglich gewesen; oder unbeachtet geblieben (ohne Aspekt); oder nur in einer Figur gestanden; oder gegen die Sekt; oder während einer Finsternis; oder ohne Verbindung; oder in lichtschwachen Sternbildern. Und bei der Vielzahl solcher Vorwände vermag er zu allem, was er gehört hat, Begründungen beizubringen. Geh danach, nach diesem Astrologen, zu einem anderen und sage das Gegenteil: ‚Dies und jenes Gute ist mir in jener Zeit widerfahren‘ – und nenne dieselbe Zeit; fordere nun, er solle sagen, von welchem Teil des Geburtsbildes dies gekommen ist.
Und doch, wie ich vorhin sagte: Selbst wenn du gelogen hast, wird er aus den vielen Figuren eine finden, dann eine zweite, eine dritte und noch mehr, die er als wirksam anführt und von denen er sagen wird, von dort sei das Gute gekommen; denn es bleibt bei jeder menschlichen Geburt – wenn nicht gar in jeder Stunde – nicht aus, dass einige Sterne günstig, andere ungünstig stehen. Der Kreis ist gleichteilig, vielgestaltig und liefert unzählige Vorwände, zu denen jeder sagen kann, was er will. Wie wir bei rätselhaften Träumen bisweilen nichts verstehen, nach ihrem Eintreffen aber die passendste Deutung beibringen, so vermag auch diese Kunst, bevor etwas eintritt, uns nichts Bestimmtes zu melden; erst nach der Geschichte des Geschehenen zeigt sich die Ursache des Ausgangs deutlich. Darum verfehlen die Vorhersager oft ihr Ziel und tadeln sich nach dem Ausgang: 'Das war die wirkende Ursache, und wir haben es nicht gesehen.' Dass selbst die großen Kenner stolpern, geschieht, weil sie – wie ich gestern sagte – nicht wissen, was aus dem Geburtsbild unbedingt Ursache wird und was nicht, und was wir unbedingt tun wollen und dann doch nicht tun. Uns aber, die das Geheimnis gelernt haben, ist der Grund klar: Weil wir einen freien Verstand besitzen und uns bisweilen entschließen, innezuhalten, haben wir den Sieg davongetragen. Die Astrologen dagegen, die dieses Geheimnis nicht kennen, haben, nachdem sie von Anfang an über jede Willensentscheidung kategorisch geurteilt und sich vergriffen hatten, die Klimakterien, die „kritischen Jahre“, ausgedacht und so die freie Entscheidung ins Ungefähre verflüchtigt, wie wir gestern gezeigt haben. Doch nun, wenn du hierzu noch etwas zu sagen hast, sprich. Und er schwor und antwortete: Nichts ist wahrer als dies, was du gesagt hast.“
Aus dem dritten Band des Kommentars zu Genesis.
„Und Gott machte die beiden großen Lichter: das große Licht zur Herrschaft des Tages und das kleinere Licht zur Herrschaft der Nacht, und die Sterne. Und Gott setzte sie in das Himmelsgewölbe, damit sie über der Erde leuchten und über Tag und Nacht herrschen.“18 Zu klären ist also, ob „zur Herrschaft des Tages“ dasselbe meint wie „über den Tag zu herrschen“, und entsprechend „zur Herrschaft der Nacht“ wie „über die Nacht zu herrschen“. Aquila hat die Entsprechung gewahrt, indem er statt „zur Herrschaft“ „zur Vollmacht“ und statt „herrschen“ „Vollmacht ausüben“ übersetzt. Diejenigen, die sich um die Prüfung der Bedeutungen bemüht haben, sagen: Wo Benennungen und Prädikate paarweise auftreten, kommen die unter die Benennungen fallenden Dinge zuerst, und die Prädikate treten zu den Benennungen hinzu; so habe eine Benennung ihr Prädikat, etwa die Klugheit – „klug sein“ ist das Prädikat; ebenso ist Besonnenheit die Benennung, „besonnen sein“ das Prädikat; und sie sagen, die Klugheit bestehe zuerst, dann entstehe als Prädikat aus der Klugheit das Klugsein. Auch wenn dies manchem gegen die beabsichtigten Aussage der Schrift zu gehen scheint – wir haben doch folgendes sorgfältig beobachtet: Der Gott, der die Lichter macht, macht das große „zur Herrschaft des Tages“ und das kleinere „zur Herrschaft der Nacht“; gesetzt werden sie aber in das Himmelsgewölbe nicht mehr „zur Herrschaft des Tages und der Nacht“, sondern „um über Tag und Nacht zu herrschen“. Dass in der fachgemäßen Darstellung Benennungen zuerst gesetzt und erst danach Prädikate hinzugefügt werden, hat uns darauf gebracht, ob die Sache nicht auch vom Diener Gottes so gedacht ist – zumal da Aquila, der eifrig um die genaueste Wiedergabe bemüht ist, nichts anderes getan hat als Benennung und Prädikat zu unterscheiden. Wer sich damit schwer tut, soll doch prüfen, ob sich eine ethische, naturkundliche oder theologische Frage ohne Genauigkeit der Bedeutungen und ohne die nach den Regeln der Logik nötige Klärung überhaupt in der gebotenen Weise darstellen lässt.
Was wäre denn daran verkehrt, die Wörter im eigentlichen Sinn der Sprachen zu hören und genau auf die gemeinte Bedeutung zu achten? Denn oft geraten wir aus Unkenntnis der Logik schwer ins Schleudern, wenn wir Homonymien, Mehrdeutigkeiten, uneigentliche und eigentliche Rede und die nötigen Unterscheidungen nicht klären. So sind manche, weil sie die Homonymie der Bezeichnung „Welt“ nicht beachten und nicht herausarbeiten, worauf sich „Die Welt liegt im Bösen,“19 bezieht, dazu gekommen, über den Schöpfer aufs Frechste und Unheiligste zu denken; denn bei Johannes ist damit an jener Stelle statt des Alls die irdisch-menschliche Sphäre gemeint. Halten sie „Welt“ nämlich wörtlich für das ganze Gefüge aus Himmel und Erde und allem, was darin ist, so fällen sie verwegene, gottlose Urteile über Gott, ohne im mindesten zeigen zu können, wie Sonne, Mond und Sterne, die sich so geordnet bewegen, „im Bösen liegen“. Führen wir ihnen dann aus dem Wort „Das ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt,“20 vor, dass nach dieser Formulierung „Welt“ dort genannt wird, wo die Sünde überhandnimmt, das heißt in den irdischen Bereichen, so werden die Einsichtigen das Gesagte annehmen; die Streitsüchtigen aber, die sich töricht gebärden, halten wegen Unkenntnis der Homonymie an ihren einmal gefassten schlechten Urteilen fest. Und wiederum: Wenn es heißt „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich,“21 werden sie ihre Auffassung, wonach „die Welt“ das Ganze der Dinge im gesamten Weltall meint – zumal gemäß ihren eigenen Voraussetzungen –, nicht mehr aufrechterhalten können; denn gerade hier muss man den Ausdruck als homonym prüfen. Auch in Sachen Mehrdeutigkeit, schlechter Deutungen und der Setzung der Satzzeichen ließe sich, um nur dies zu nennen, zahlloses weiteres beibringen. Dies haben wir eingeschoben, um zu zeigen: Für uns, die wir beim Erfassen der göttlichen Schriften in der Wahrheit nicht fehlgehen wollen, ist das Wissen um die logischen Gebrauchsweisen, die tatsächlich ins Spiel kommen, höchst notwendig; und eben dessen bedurften wir jetzt, um den Unterschied zwischen den Wendungen „zur Herrschaft der Nacht“ und „um über den Tag und die Nacht zu herrschen“ herauszuarbeiten.
Nachdem die heiligen Apostel und Jünger unseres Retters über die ganze bewohnte Welt zerstreut worden waren, erhielt Thomas, wie die Überlieferung berichtet, Parthien; Andreas Skythien; Johannes Asien, und er verweilte bei ihnen in Ephesus und starb dort. Petrus hingegen scheint in Pontus und Galatien und Bithynien sowie in Kappadokien und Asien den Juden aus der Zerstreuung gepredigt zu haben; und schließlich, als er nach Rom gekommen war, wurde er mit dem Kopf nach unten gekreuzigt, weil er selbst es so zu leiden für angemessen hielt. Was braucht man von Paulus zu sagen? Er hat, „von Jerusalem bis nach Illyrien, das Evangelium Christi erfüllt,“22 und später in Rom unter Nero das Martyrium erlitten.
Schriftstellen
- Gen 1,2
- Gen 1,14
- 1Kön 12,32-33
- 1Kön 13,1-3
- Jes 45,1-4
- Dan 8,5-9
- Lk 21,20
- Ps 108,12; Ps 108,16-17
- Jer 26,3
- Ex 4,11
- Hen 1,1
- Jes 34,4
- Jer 10,2
- Jes 47,13
- 2Kor 12,4
- Ex 9,16
- Hebr 1,4
- Gen 1,16-18
- 1Joh 5,19
- Joh 1,29
- 2Kor 5,19
- Röm 15,19
