Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

Auszüge aus Genesis (Fragmente)

Origenes ⏱️ 57 Min. Lesezeit
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1

„Und Gott sprach: Die Erde lasse Gewächs des Grases hervorsprießen, Samen säend nach Art und nach Gleichheit.“1 Man soll diese Formulierung nicht vorschnell abtun, „Und Gott sprach: Die Erde lasse Gewächs des Grases hervorsprießen, Samen säend nach Art und nach Gleichheit“1 wirke wie ein Solözismus. Denn das „säend“ lässt sich nicht ohne Weiteres mit „Gewächs des Grases“ verbinden. Wie aber kann man es ohne Solözismus verstehen, wo doch die meisten meinen, das „säend“ sei auf das „Gewächs des Grases“ bezogen? Es ist möglich, wenn man zur Gliederung einen Mittelpunkt setzt und so liest: „Die Erde lasse Gewächs des Grases hervorsprießen.“1 Dann, nach einer Zäsur, füge man hinzu: „Samen säend nach Art.“ So lautet es: „Die Erde lasse Gewächs des Grases hervorsprießen, nach Art Samen säend.“1 Dabei wird das „Samen säend“ zu „nach Art“ gezogen. „Wachst und vermehrt euch.“2 Wachstum meint die Zunahme an Größe; „sich vermehren“ bezeichnet die aus geschlechtlicher Vereinigung hervorgehende Fortpflanzung zur Vielzahl. „Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild und nach unserem Gleichnis.“3 Zuerst ist zu klären, worin das „Bild“ besteht: im Körper oder in der Seele. Sehen wir zunächst, welche Belege die Vertreter der ersten Ansicht anführen. Zu ihnen gehört auch Meliton, der Schriften hinterlassen hat darüber, dass Gott leibhaft sei. Sie finden nämlich, dass von „Gliedern Gottes“ gesprochen wird: von Augen Gottes, die auf den Erdkreis blicken, und von seinen Ohren, die dem Gebet der Gerechten geneigt sind, und: „Der Herr roch den Duft der Wohlgefälligkeit“4 , und: „Der Mund des Herrn hat dies gesprochen“, und vom Arm Gottes, von Händen, Füßen und Fingern. Offen behaupten sie, all dies lehre nichts anderes als die Gestalt Gottes. Wie, sagen sie, hätte sich Gott Abraham, Mose und den Heiligen gezeigt, wenn nicht in einer Gestalt? Und wenn in einer, nach welchem Typus, wenn nicht nach dem menschlichen? Dazu sammeln sie zahllose Schriftstellen, die von den „Gliedern“ Gottes reden.

Gegen diese Leute muss man zuerst mit dem Wortlaut kämpfen. Wir stellen denjenigen, die nichts kennen außer dem Buchstaben, Schriftstellen entgegen, die ihrer Meinung widersprechen. Zum Beispiel aus Zacharias: „Sieben Augen des Herrn, die auf die ganze Erde blicken.“5 Wenn Gott aber sieben Augen hat und wir zwei, dann sind wir nicht nach seinem Bild geschaffen. Und wir selbst haben keine Flügel, über Gott aber heißt es: „Unter seinen Flügeln wirst du hoffen.“6 Wenn er also Flügel hat und wir ein ungeflügeltes Lebewesen sind, dann ist der Mensch nicht nach dem Bild Gottes geschaffen. Wie kann zudem der kugelförmige und sich ständig bewegende Himmel, wie sie meinen, der Thron Gottes sein? Und wie ist die Erde der Schemel seiner Füße? Sollen sie es uns erklären. Gehören die Beine von den Knien bis zu den Fußsohlen dessen, der den Raum zwischen Himmel und Erde umfasst - da die Erde in der Mitte der ganzen Welt liegt und von ihr umschlossen wird, wie geometrische Beweise zeigen - zu uns oder zu den Antipoden? Erfüllen seine Füße unsere ganze bewohnte Erde, greifen sie darüber hinaus oder decken sie weniger ab? Sind seine Füße durch Meere und Flüsse voneinander getrennt, oder treten sie sogar auf den Wassern? Und wie kann der, dessen so großer Himmel Thron ist und die Erde der Schemel seiner Füße, sich nur im Paradies beim Umhergehen finden lassen oder auf dem Gipfel des Sinai dem Mose erscheinen? Und wie sollte jemand, der so über Gott denkt, nicht dumm genannt werden?

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Dann, nachdem er viel zur Widerlegung dieser Meinung gesagt hat, fügt er hinzu: Wer behauptet, das „nach dem Bild“ liege nicht im Körper, sondern in der vernünftigen Seele, wird – sobald man erfasst, welche Kräfte ihr eigen sind – eine Lehre vorlegen, die man nicht leicht abtun kann. Denn die Erkenntniskraft im Menschen ist prüfend und wohltätig, gerecht handelnd und stark, kurz: fähig, jedes Gute zur Vollendung zu bringen. Diese Kräfte sind ihm von Gott nach dessen Bild gegeben. Dass das „nach dem Bild“ durch Taten geprägt wird und nicht durch die Gestalt des Körpers, sagt der Apostel klar in dem Schreiben an die Korinther: „Wie wir das Bild des Irdischen getragen haben, so wollen wir auch das Bild des Himmlischen tragen.“7 Das Bild des Irdischen trägt, wer nach dem Fleisch lebt und die Werke des Fleisches tut. Das Bild des Himmlischen hingegen, wer im Geist die Taten des Fleisches tötet. Und in einem anderen Brief, in dem er lehrt, wie man leben soll, fügt er den Geboten hinzu: „Damit ihr werdet nach dem Bild dessen, der geschaffen hat.“ „Der Herr ist geduldig.“ Und der geduldige Mensch trägt das „nach dem Bild Gottes“. „Gerecht und heilig ist der Herr, und barmherzig und gnädig ist der Herr.“ Wer also Gerechtigkeit und Heiligkeit liebt und das Gebot des Retters tut und bewahrt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“8 , und: „Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“9 , wird in allem zum Bild Gottes. „Und herrscht über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und über alles Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen.“2 Dabei ist zu beachten: Im Verzeichnis der Erschaffung der Tiere sind die Seeungeheuer ein anderes als die Gattung der kriechenden Lebewesen. Und wenn jetzt gesagt wird, der Mensch solle über die Fische des Meeres herrschen, so wird die Gattung der Seeungeheuer und die der wilden Tiere übergangen. Man darf nicht meinen, das sei grundlos weggelassen, wo doch hätte geschrieben werden können: Und sie sollen herrschen über die Fische und die Seeungeheuer des Meeres und die wilden Tiere der Erde und die Vögel des Himmels und das Vieh.

Und bedenke, soweit das Schweigen der Schrift es erlaubt: Nicht alle Tiere sind um des Menschen willen geschaffen, sondern jene, über die er zu herrschen heißt – die Fische des Meeres, die Vögel des Himmels und das Vieh der Erde; vielleicht auch die Kriechtiere der Erde, weil aus ihnen die dringendsten Bedürfnisse an Heilmitteln gedeckt werden. Nicht aber sind um des Menschen willen die großen Seeungeheuer und die wilden Tiere der Erde entstanden. Denn dann wäre ihre Bezeichnung der dem Menschen gegebenen Vollmacht hinzugefügt worden. Außerdem finden wir in der Schrift das Geschlecht der Schlangen nicht unter den Kriechtieren eingeordnet, sondern unter den wilden Tieren. „Die Schlange war die klügste von allen Tieren.“ Und in der Apostelgeschichte: „Eine Viper biss Paulus und hing an seiner Hand“10 ; und es heißt weiter: „Als die Barbaren sahen, dass das Tier an seiner Hand hing...“ In Levitikus sieh genau hin, bei welchen Lebewesen es den Begriff „Kriechtier“ ansetzt – ganz anders als im heutigen Sprachgebrauch: „Das sollt ihr essen von den geflügelten Kriechtieren, die auf vieren gehen, die Schenkel oberhalb ihrer Füße haben, um damit auf der Erde zu springen: Dies sollt ihr von ihnen essen – den Bruchus und die ihm Ähnlichen, und die Heuschrecke und die ihr Ähnlichen, und den Attake und die ihm Ähnlichen, und den Schlangenkämpfer und die ihm Ähnlichen. Und jedes geflügelte Kriechtier, das vier Füße hat, ist euch ein Gräuel, und an diesen werdet ihr unrein werden.“ 11 Also herrscht der Mensch weder über die großen Seeungeheuer noch über die wilden Tiere; vielleicht sind sie überhaupt nicht um seinetwillen geworden. Entsprechend dem, was hier unter die Vollmacht des Menschen gestellt ist, heißt es im achten Psalm: „Alles hast du unter seine Füße gelegt: Schafe und Rinder, alle, dazu auch die Tiere des Feldes; die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres, die auf den Pfaden der Meere ziehen.“12 Denn auch hier sind die Seeungeheuer und die wilden Tiere verschwiegen.

Und Gott vollendete am sechsten Tag die Werke, die er gemacht hatte. Einige aber ziehen daraus eine absurde Vorstellung: Sie stellen sich Gott gleich einem Bauherrn vor, dem die Zeit nicht reichte, die Baustelle ohne mehr Tage zu vollenden. Sie behaupten, die Welt sei in mehreren Tagen vollendet worden, und bauen daraus ihre Folgerungen. Möglicherweise berief sich der Verfasser auf die Wendung „Er sprach, und sie wurden; er gebot, und sie wurden geschaffen.“ 13 Und weiter heißt es in der Schrift „Dies ist die Geschichte der Entstehung des Himmels und der Erde, als sie entstanden; an dem Tage, da der Herr, Gott, den Himmel und die Erde machte.“14 Das Wort „Buch“ steht an dieser Stelle überhaupt nicht im Hebräischen. Es ist ein Irrtum eines hebräischen Schreibers, fehlgegangen in dessen Irrtum. Bei Aquila steht: „Dieses Buch der Geburten Adams“, bei den O steht: „Dies ist die Geschichte der Entstehung der Menschen.“ Man meinte auch, an dieser Stelle sei ein ‚Buch‘ verloren gegangen, und so fügte man es hinzu. Und Gott pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten und setzte dorthin den Menschen, den er gebildet hatte. Und Gott ließ noch aus der Erde jedes schöne Holz hervorsprießen zum Anschauen und gut zur Beschaffung von Nahrung.

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Wenn wir beim Lesen von den Mythen und von der wörtlichen Überlieferung aufsteigen und fragen, welche Bäume jene sind, die Gott anbaut, sagen wir, dass an jenem Ort keine sinnlich wahrnehmbaren Bäume sind. Dasselbe gilt weiter: In der Auslegung steht „Garten in Eden“, wobei man dieselbe hebräische Wortform gebraucht. Eden wird demnach hauptsächlich mit „lieblich“ gedeutet. Die Juden geben also an, dass der Ort, an dem der Herr, Gott, den Paradiesgarten oder den Garten gepflanzt hat, Eden genannt wird; und sie sagen, er sei die Mitte der Welt, gleich der Pupille des Auges. Deshalb wird auch der Fluss Pison als „Mund der Pupille“ erklärt, weil er aus Eden, dem ersten Fluss, hervorgeht. Was sie überliefern, lautet so: Eden, das mit „lieblich“ erklärt wird, existierte vor der Entstehung des Gartens; in ihm wurde der Garten angelegt. Das Gold jener Erde ist schön. Wenn unser Mund durch unsere Tugend verwandelt wird und die Seele gute Einsichten beherrscht, dann nährt er gute Lehren. Darauf anspielend hat der Text „gutes Gold“ genannt. Und der Name des zweiten Flusses ist Gihon. Er umfließt das ganze Land Äthiopiens. Äthiopien heißt auf Hebräisch Chus und bedeutet auch Finsternis. Daher aus Äthiopien, das heißt aus Chus, wegen der dunklen Färbung der Haut, die er gegenüber seinen übrigen Brüdern hatte.

Und er setzte ihn in den Garten. Die durch die göttliche Taufe Wiedergeborenen werden in den Garten gesetzt, das heißt in die Kirche, damit sie die innerlich vorhandenen geistlichen Werke wirken. Sie empfangen das Gebot, alle Brüder zu lieben und die künftig kommende Frucht mit Geduld zu essen, wie gesagt: „Von jedem Baum, der im Paradies ist, sollst du essen.“ 15 Doch jemand übertritt das Gebot des Wiedergeborenen, der sich der Gedanken der Schlange bedient und die einen liebt als gut, die anderen aber als böse hasst. Das ist nämlich der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse; wer davon kostet, stirbt - nicht weil Gott den Tod geschaffen hat, sondern weil der Mensch den Nächsten gehasst hat. Gott hat den Tod nicht geschaffen und freut sich nicht über den Untergang der Lebenden. Er wird nicht von leidenschaftlicher Wut bewegt, ersinnt nichts zur Rache und verändert nicht die eigene Natur des Einzelnen. Vielmehr hat er alles in Weisheit gemacht und vorherbestimmt, dass alles nach einem geistlichen Gesetz gerichtet werde. Darum spricht er zu Adam: „Am Tag, da ihr davon esset, werdet ihr des Todes sterben.“ 16 So haben wir dem jeweiligen Geschehen von Gut und Böse naturgemäß das Angemessene als Folge zugewiesen und nicht willkürlich, wie einige meinen, die das geistliche Gesetz nicht kennen.

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„Und der Herr Gott machte für Adam und seine Frau Gewänder aus Fell und bekleidete sie.“ 17 Was ist unter den Fellgewändern zu verstehen? Sehr dumm und altweiberhaft, ja Gottes unwürdig, ist die Vorstellung, Gott habe Tieren die Häute abgezogen, die getötet wurden oder sonstwie starben, und daraus Kleidungsstücke gemacht, Felle zusammengenäht wie ein Schuster. Wer diesem Abweg entgeht und sagt, die Fellgewänder seien nichts anderes als die Körper, sagt zwar etwas Plausibles, das Zustimmung finden kann, aber nicht etwas eindeutig Wahrhaftiges. Denn wenn die Fellgewänder Fleisch und Knochen sind, wie sagt Adam zuvor: „Dies ist nun Knochen von meinen Knochen und Fleisch von meinem Fleisch.“ 18 Einige, die solche Schwierigkeiten sehen, haben daher erklärt, die Fellgewänder seien die Abgestorbenheit, mit der Adam und Eva bekleidet wurden, da sie wegen der Sünde dem Tod verfielen. Doch auch sie können kaum überzeugend darlegen, wie Gott, und nicht die Sünde, dem Übertreter den Tod bewirkt. Außerdem sind sie gezwungen zu sagen, dass Fleisch und Knochen von sich aus nicht vergänglich sind, wenn unsere Väter später wegen der Sünde den Tod empfangen haben.

Aber selbst wenn das Paradies ein heiliger Ort ist, sollen sie erklären, wie dort jedes der Glieder nicht vergeblich seine eigene Wirksamkeit entfaltet. Was das Nasenloch betrifft, sagen Aquila und Symmachus so; die Septuaginta dagegen liest Gesicht bei dem Gebildeten, in das Gott den Odem des Lebens einhauchte. Man muss aber sagen, dass man nicht am bloßen Buchstaben der Schrift als an der Wahrheit kleben darf, sondern im Buchstaben den verborgenen Schatz suchen soll. „Und er setzte die Cherubim.“19 Nicht nur die dienenden Geister bewachen den Weg zum Baum des Lebens; sie werden ausgesandt für die, die die Rettung erben sollen. Ebenso aber halten feindliche Mächte Wache und hindern die, die sich zum Baum des Lebens zu begeben wünschen. Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: „Lasst uns aufs Feld gehen.“ Im hebräischen Text steht die von Kain an Abel gerichtete Rede nicht; und Aquila’s Anhänger haben gezeigt, dass im Apokryphon die Hebräer diese Stelle so ansetzen, entsprechend der Lesart der Siebzig. Und Kain sprach zum Herrn, dem Gott: „Meine Sünde ist größer, als dass man sie mir vergeben sollte.“ Er hat nicht recht unterschieden; er verachtete das göttliche Gesetz; er tötete seinen Bruder; dadurch tötete er auch das Recht; er hat gelogen; er begehrte den Tod, indem er Leben und Umkehr verwirft.

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Und er zeugte nach seiner Gestalt und nach seinem Bild. Denen, die meinen, das Bild Gottes sei etwas anderes als das „nach dem Bild“, ist zu entgegnen: Wenn Adam das eine ist und sein Bild etwas anderes, gibt es dann noch einen Dritten, nach dessen Bild Adam ist? Sie berufen sich auf: „Herr, in deiner Stadt wirst du ihr Bild verachten.“ und auf: „Dennoch geht der Mensch in einem Bild umher.“ Man muss aber fragen, worin sich Adams „Gestalt“ von seinem Bild unterscheidet. Henoch gefiel Gott, nachdem er den Methusalem gezeugt hatte. Wenn er nach der Zeugung Methuselams gefiel, war er vorher nach der Schrift nicht wohlgefällig. Offenkundig gefiel er aus Reue, als er den „Auszug des Todes“ zeugte, den sie schon hatten, bevor er geboren wurde. Und Gott sprach: „Ich werde den Menschen, den ich gemacht habe, vom Angesicht der Erde auslöschen.“20 Nicht schlicht „ich werde auslöschen“, sondern „von der Erde“. Denn der Gemachte ist seiner Natur nach nicht dazu bestimmt, völlig ausgelöscht zu werden, weil er nach dem Bild Gottes gemacht ist. Dies sind die Geschlechter Noahs und das Folgende. Wäre dies in gewöhnlicherer Weise geschrieben, hätte man hinzufügen müssen: „Dies sind die Geschlechter Noahs: Noah zeugte drei Söhne.“

Jetzt aber, da seine „Geschlechter“ Gerechtigkeit bedeuten, ist „Dies sind die Geschlechter“ vorangestellt, und hinzugefügt wird: „ein gerechter Mann“. Noah gefiel Gott. Und Noah zeugte drei Söhne: Sem, Ham und Jafet. Zuvor steht, dass Lamech hundertachtundachtzig Jahre lebte und Noah zeugte. Und Lamech lebte, nachdem er Noah gezeugt hatte, fünfhundertfünfundsechzig Jahre; und alle Tage Lamechs wurden siebenhundertdreiundfünfzig Jahre, und er starb. Und Noah war fünfhundert Jahre alt und zeugte drei Söhne. Hier finden wir eine Abweichung von fünfundsechzig Jahren bei Noah. Doch an dieser Stelle sagt die Schrift, dass Noah Gott gefiel, wie auch von Henoch geschrieben steht. Denn auch jener wurde, als er Gott gefiel, entrückt. Ebenso hat die göttliche Schrift bei Noah die fünfundsechzig Jahre vor seiner Wohlgefälligkeit nicht für ihn in Anschlag gebracht. So wurden auch bei Abraham die sechzig Jahre vor seiner Gotteserkenntnis nicht als Leben angerechnet; bei Henoch dreißig Jahre; bei Saul zwanzig; bei Salomo vierzig; bei Hezekiah siebzehn. Und auch bei Methusalem findet sich eine Abweichung von fünfzehn Jahren.

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„Die Erde aber wurde verdorben vor Gott; und die Erde wurde voll von Unrecht; und Gott, der Herr, sah die Erde, und siehe, sie war verdorben; denn alles Fleisch hatte seinen Weg auf der Erde verdorben.“21 Unrecht verdirbt die Erde, Gerechtigkeit aber rettet sie. Und wer sündigt, verdirbt, so weit es an ihm liegt, die Erde. Nicht durch die Sintflut wurde die Erde verdorben (damals hat sie die Verderbnis abgewaschen), sondern durch das Unrecht. Und was den Weg Gottes verdarb, ist nicht Geist, sondern Fleisch. Denn „das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott“22 und „die im Fleisch leben, können Gott nicht gefallen“23 . „Je zwei von allen sollst du in die Arche hineinbringen, damit du sie mit dir ernährst. Männlich und weiblich sollen sie sein.“24 Weil er wollte, dass die Menschen, die in die Arche eintraten, rein bleiben, frei von geschlechtlicher Vermischung, führt er sie so hinein und schreibt ihnen schon mit der Art des Eintritts ihre Lebensführung in der Arche vor. Es wäre nicht angemessen gewesen, während die ihresgleichen umkamen, sich dem Beischlaf und der Kinderzeugung zu widmen. Als aber das Unheil vorüber war und die Notwendigkeit rief, die Erde mit Menschen zu füllen, entlässt er sie in eheliche Gemeinschaft, indem er spricht: „Geh hinaus, du und deine Frau, und deine Söhne und die Frauen deiner Söhne.“ 25 „Von allen reinen Tieren nimm dir je sieben, sieben, männlich und weiblich; von den nicht reinen Tieren aber je zwei, zwei, und so weiter.“26

Man könnte fragen, wie das gesagt wird, als ob Noah den Unterschied der Unreinen gekannt hätte, wo doch das Gesetz reine und unreine Tiere noch nicht unterschieden hatte. Darum ist zu beachten, ob Noah dies nicht nach dem Grundsatz erkannte: „Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus tun, was das Gesetz fordert“27 , oder ob er es aus dem natürlichen Gesetz her wusste. „Noah aber war sechshundert Jahre alt, als die Sintflut des Wassers über die Erde kam.“28 Vielleicht ist hier „des Wassers“ beigefügt mit Blick auf die Gegenüberstellung zu einer kommenden Flut durch Feuer. „Und sie gingen zu Noah in die Arche, je zwei von allem Fleisch.“29 Angesichts dieser Formulierung könnte man fragen, warum nicht gesagt wurde: Die unreinen je zwei, die reinen je sieben, sondern von den Reinen geschwiegen wird. Sieh zu, ob nicht in dem „von allem Fleisch“ eine Entlastung liegt, indem darin nur die Unreinen bezeichnet sind: „von allem Fleisch“. „Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach zu ihnen: ‚Seid fruchtbar und vermehrt euch und füllt die Erde.‘“30 Wie hat Noah sich vermehrt und vermehrt, wo er doch nach der Flut noch keine Kinder gezeugt hatte? Vielleicht darf man daher „Seid fruchtbar und vermehrt euch“2 hier nicht körperlich verstehen. Und wenn es hier wegen Noah nicht körperlich zu hören ist, dann ist klar, dass es auch im Anfang so nach dem Willen des geistlichen Gesetzes verstanden werden soll.

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Und „Furcht und Schrecken vor euch sei auf allen Tieren der Erde“31 – und das Folgende. Manche drängen den Wortlaut dahin, dass sie behaupten, jedes Lebewesen fürchte beim Anblick des Menschen, ja sogar die wilden Tiere in der Einöde. Vielleicht ist es aber besser, an die bösen Mächte zu denken, die wilden Tiere der Erde und die übrigen Arten von Gegnern, die vom Gerechten Schrecken erleiden, und dass der Schrecken auf solchen liegt. Denn die bösen Mächte fürchten den Gerechten. „Nur Blut einer Seele sollt ihr nicht essen; denn euer Blut, das der Seelen, will ich einfordern. Aus der Hand aller Tiere will ich es einfordern.“32 Da der Wortlaut darauf hinweist, ist zu sagen: Die Tiere sind widerstehende Mächte, durch deren Hand die sündigende Seele stirbt; von ihrer Hand wird der Tod des Sünders eingefordert werden. Man kann es aber auch auf die Tiere im engeren Sinn beziehen, von deren Hand er verfügt hat, dass der stoßende Stier gesteinigt werde. „Denn im Bild Gottes habe ich den Menschen gemacht.“33 Gott sagt: „Im Bild Gottes habe ich den Menschen gemacht.“ Bild des unsichtbaren Gottes aber ist der Retter. Also ist nach der Schrift auch der Retter Gott. „Die Söhne aber Noahs, die aus der Arche herauskamen, waren Sem, Ham, Jafet. Ham aber war der Vater Kanaans.“34 Warum hat die Schrift, nachdem sie gesagt hatte: „Und die Söhne Noahs, die aus der Arche herauskamen, waren Sem, Ham, Jafet“34 , hinzugefügt: „Und Ham, dieser war der Vater Kanaans“34 ?

Wenn es nötig war, die Söhne zu nennen, hätte man alle nennen müssen, nicht nur Kanaan. Kanaan aber wurde selbst gottlos, wie die Geschichte zeigt. Weil der Geist also die Nähe des Vaters zu dem Sohn zeigen wollte, entfremdet er ihn gewissermaßen durch den Zusatz „Ham war der Vater Kanaans“ von der Frömmigkeit der Brüder. Söhne waren zwar alle Söhne Noahs dem Geschlecht nach; nur dieser aber war dem Wesen nach kein Sohn, sondern Vater eines ähnlichen Kindes. Darum steht es eindringlich: „Er war der Vater Kanaans.“ Der Hebräer, der dies gesagt hat, brachte auch eine solche Überlieferung vor und legte der Überlieferung einen Beweis bei: Kanaan habe zuerst die Blöße des Großvaters gesehen und es seinem Vater allein gemeldet und dabei, wie über den Greis, gespottet. Ham aber, der ebenso wie die Brüder nicht gottlos zum Vater hätte hingehen sollen, sondern auch den ersten, der es gesehen und verbreitet hatte, zurechtweisen, ließ sich vielmehr überzeugen, ging hinein, sah und berichtete es den Brüdern. Das scheint freilich ein Märchen zu sein, wenn nicht der Beweis stark wäre: „Und Noah erwachte aus seinem Schlaf und erkannte, was ihm sein jüngerer Sohn getan hatte.“35 Denn der jüngste Sohn war Ham nicht, sondern der zweite. Es heißt ja: „Sem und Ham und Jafet“. Hätte er den Jüngsten bezeichnen wollen, hätte er Jafet gesagt. Weil Großväter aber die Nachkommen stets „Söhne“ nennen, auch die ferneren Abkömmlinge, hat die Schrift den äußersten der Nachkommen, Kanaan, genannt, dass er von Noah erkannt worden sei, weil er dies getan hat. Und dass es so ist, fügt das göttliche Wort sogleich hinzu und sprach: „Verflucht sei Kanaan, ein Sklave der Sklaven werde er seinen Brüdern sein.36 “ Wundert sich aber jemand, warum Ham, der selbst gottlos war, nicht dieselbe Verfluchung wie sein Sohn erhielt, so soll er erkennen: Wäre über Ham gesagt worden: „Er wird Sklave der Sklaven sein“, dann hätten an der Sklaverei auch seine Brüder Anteil bekommen, so wie die Brüder Kanaans gemäß dem Fluch zu Sklaven wurden, dessen Sklave Kanaan erklärt wurde.

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„Nicht wird künftig alles Fleisch sterben.“ Er verspricht, nicht mehr eine weltweite Flut herbeizuführen, auch wenn die Gesinnung der Menschen von Jugend an auf das Böse aus ist. Denn es steht nicht mehr alle Tage so wie vor der Flut. Er gewährt den Jungen eine gewisse milde Nachsicht wegen des Leichtgleitenden ihres Alters. Darum sagt er: „Ich werde nicht noch einmal hinzufügen, die Erde zu verfluchen wegen der Werke der Menschen; denn der Sinn des Menschen liegt beharrlich auf dem Bösen von Jugend an.“4 Das heißt: Ich weiß im Voraus, dass die Jugend der Kommenden leicht ins Straucheln gerät. Fürchtet euch also nicht. Deshalb bringe ich über euch keinen völligen Untergang mehr. „Und Noah, ein Mann, Ackerbauer der Erde, begann und pflanzte einen Weinberg; und er trank vom Wein und wurde betrunken und war nackt in seinem Haus.“37 Noah kannte die Natur des Weines nicht, dass er berauscht. Das bezeugt die Schrift durch das „er begann“ und das „er war nackt“. Irdischer Wein entblößt den Geist von der Erkenntnis des Geistigen. So war die Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse: wie der Wein, der Noah entblößte. Auch wenn Noah betrunken wurde und nackt war, so doch in seinem Haus. Denn heilig ist, wer sich nicht außerhalb seines Hauses entblößt.

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„Dieser war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, Gott.“38 Der Titel „Jäger“ steht jetzt nicht bei Gerechten; und achte darauf, vielleicht auch sonst niemals.

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„Und die ganze Erde war eine Lippe, und eine Stimme für alle.“39 Denen, die „Ich und der Vater sind eins“40 nicht verstehen und darum dem Sohn eine eigene Hypostase absprechen, halten wir entgegen: „Die ganze Erde war eine Lippe, und eine Stimme für alle.“39 Suchen wir nun den Unterschied zwischen „Lippe“ und „Stimme“, so werden wir sagen, dass sich „Stimme“ auf die Sprache bezieht, vielleicht aber „Lippe“ auf den Sinn. Oder umgekehrt. „Kommt, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, damit keiner mehr die Stimme seines Nächsten versteht.“41 Sprachverwirrung ist ein Merkmal der Bosheit; ein Merkmal der Tugend dagegen ist es, wenn „Herz und Seele aller Glaubenden eins waren“42 . Liest du die Schrift mit diesem Blick, wirst du sehen: Wo bloße Zahlenfülle, wo Spaltung, Trennung, Missklang und dergleichen herrschen, da sind Kennzeichen der Bosheit; wo aber Einheit, Einmütigkeit und große Kraft in den Worten ist, da sind Kennzeichen der Tugend.

„Und Terach lebte siebzig Jahre und zeugte Abram, Nahor und Haran.“43 Den Vater des Volkes, das die Woche feiert, zeugte Terach, als er siebzigjährig war. Ich gebe zu bedenken, ob er nicht alle drei als Drillinge gezeugt hat. Denn sonst hätte er, siebzigjährig, nicht Vater aller drei aus einer [Frau] sein können; zugleich werden bei ihm keine weiteren Frauen genannt. „Und Abram zog nach Ägypten, um dort als Fremder zu wohnen, denn die Hungersnot war hart im Land.“44 Abraham wohnte nicht sesshaft in Ägypten, sondern hielt sich als Fremder dort auf, weil die Hungersnot im Land schwer war. „Die Kanaaniter und die Perisiter wohnten damals im Land.“ Als Verwerfliche wohnten die Kanaaniter dort sesshaft, nicht als Fremde. So ist es: Die Schlechten siedeln sich an, sie „wohnen“ das Land, sie sind nicht nur zu Gast. „Wenn du nach links gehst, gehe ich nach rechts; und wenn du nach rechts gehst, gehe ich nach links“ – und so weiter. Auch wenn die Wahl Lot aufgrund der Großmut Abrahams gestattet wurde, ist zu beachten: Der, der wählte, hat keinen Gewinn von seiner Wahl; der aber nachgab, hat den zurückgelassenen Teil als gesegneten Anteil.

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„Und Terach lebte siebzig Jahre und zeugte Abram, Nahor und Haran.“43 Den Vater des Volkes, das die Woche feiert, zeugte Terach, als er siebzigjährig war. Ich gebe zu bedenken, ob er nicht alle drei als Drillinge gezeugt hat. Denn sonst hätte er, siebzigjährig, nicht Vater aller drei aus einer Frau sein können; zugleich werden bei ihm keine weiteren Frauen genannt. „Und Abram zog nach Ägypten, um dort als Fremder zu wohnen, denn die Hungersnot war hart im Land.“44 Abraham wohnte nicht sesshaft in Ägypten, sondern hielt sich als Fremder dort auf, weil die Hungersnot im Land schwer war. „Die Kanaaniter und die Perisiter wohnten damals im Land.“ Als Verwerfliche wohnten die Kanaaniter dort sesshaft, nicht als Fremde. So ist es: Die Schlechten siedeln sich an, sie „bewohnen“ das Land, sie sind nicht nur zu Gast. „Wenn du nach links gehst, gehe ich nach rechts; und wenn du nach rechts gehst, gehe ich nach links“ – und so weiter. Auch wenn die Wahl Lot aufgrund der Großmut Abrahams gestattet wurde, ist zu beachten: Der, der wählte, hat keinen Gewinn von seiner Wahl; der, der aber nachgab, hat den zurückgelassenen Teil als gesegneten Anteil.

Aber Gott sprach zu Abram, nachdem Lot sich von ihm getrennt hatte: „Heb deine Augen auf und schau von dem Ort, an dem du jetzt bist, nach Norden und Süden, nach Osten und zum Meer; denn das ganze Land, das du siehst, gebe ich dir.“45 Gottes Trost folgt denen, die die Tugend vollbringen. Nachdem er also dem Bruder die Wahl überlassen hatte und jener sich das schönste und fruchtbarste Gebiet aussuchte, erschien Gott Abraham, führte ihn mit tröstenden Worten und guten Verheißungen innerlich, gleichsam sagend: Du hast diese kleinste und sinnlich wahrnehmbare Erde geringgeschätzt. Ich gebe dir das Land der Sanftmütigen, das Land der Lebenden. Denn hebe die Augen des Verstandes, und schau von dem Ort aus, an dem du jetzt bist. Der Ort des Gerechten ist die Tugend. Von ihr aus wartet er wach auf das, worauf er hofft, und harrt dessen, was in den Himmeln aufbewahrt ist. Wäre dies nicht gemeint, wieviel Land hätte er wohl mit den körperlichen Augen schauen können? Oder bis wohin hätte er seinen Blick kreisen und im Rund schweifen lassen können? „Sie nahmen die ganze Reiterei Sodoms.“ Man sagt, die Sodomiter seien, schlechte Leute wie sie waren, die ersten gewesen, die eine „Reiterei“ besaßen – so wurde sie jetzt zum ersten Mal so genannt. Es kam aber einer der Entkommenen und meldete es Abram, dem „Perates“. Abraham wird „Perates“ genannt, weil er aus dem Land der Chaldäer herüberkam und, indem er Mesopotamien durchquerte, in die Gebiete der Kanaaniter gelangte. Bei Aquila lautet es außerdem: „Hebräer“.

Und er sprach zu ihm: „Blick zum Himmel auf und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst; so wird deine Nachkommenschaft sein.“46 Er sagt damit, dass die Früchte der Seele des Heiligen – an Zahl und an Glanz, da Gott mitwirkt – so zahlreich und so herrlich werden. An ihnen tritt der göttliche Segen selbst hervor. Er aber sprach: „Herr und Gebieter, woran soll ich erkennen, dass ich sie als Erbe besitzen werde?“ – und das Folgende. Es wäre nicht passend zu dem, dessen Glaube ihm zur Gerechtigkeit angerechnet wurde, dass er ungläubig wäre, wie man meinen könnte. Vielmehr: Nachdem er zuvor geglaubt hat, erbittet er jetzt auch Erkenntnis über das, was er geglaubt hat. Gott gibt Abraham kein Gesetz, zu opfern, sondern weil die Uralten ihre Eide durch solche Handlungen bekräftigten. „In der vierten Generation werden sie hierher zurückkehren; denn noch sind die Sünden der Amoriter bis jetzt nicht voll.“47 Die Ansetzung von vierhundert Jahren dient dazu, dass Abrahams Nachkommenschaft sich mehrt und die verheißenen Zeichen eintreten. Wozu also das: „Noch sind die Sünden der Amoriter nicht voll“47 ? Um zu zeigen, dass sie zu Recht wegen ihrer Sünden vertrieben werden. Denn wenn er sagt: „Ich habe bereut“, sagt er nicht, was er erfährt, und er erfährt nicht, was er sagt, sondern er stellt die Unangemessenheit des Geschehenen dar.

Und wenig später: Schon längst gab es in Palästina Gerechte, Melchisedek und viele andere. Denn er war nicht einfach Priester ohne Gehorsame. „Noch sind sie nicht voll geworden“ heißt also: Noch ist der Fromme nicht aus ihrer Mitte verschwunden; noch sind sie nicht bis zur Vollendung in Sünde erfüllt. Denn zehn Gerechte retten die Stadt; damals aber waren es nicht wenige. „Sie werden sie vierhundert Jahre unterdrücken.“ 48 Warum aber nennt der Apostel dreißig Jahre mehr – für die Spanne vom Bund, den er mit Abraham schloss, über den Auszug aus Ägypten durch die Wüste bis zur Gabe des Gesetzes? Das steht nicht im Widerspruch zu dem, was in Exodus geschrieben ist. Denn dort heißt es: „Nach vierhundertdreißig Jahren zog die Heeresmacht des Herrn aus Ägypten aus“49 ; hier aber heißt es „nach vierhundert“. Man muss nämlich beachten: Es wurde nicht gesagt: „Als die vierhundert Jahre erfüllt waren, zogen sie aus“, sondern: „nach vierhundert Jahren“ – und eben darauf verweisen auch die dreißig.

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„Und ihre Herrin wurde vor ihr verachtet.“ Absichtlich wird nicht gesagt, von wem, damit wir suchen und finden: Es liegt in der Natur der Sache, dass die Tugend entehrt wird, wenn ihre Vorstufen Kinder gebären. Gewiss nicht notwendig von Abraham, sondern entweder von der Magd selbst oder von denen, die sich über ihre Nachkommen freuen, ehe die Besseren geboren sind. „Und nicht soll weiterhin dein Name Abram genannt werden, sondern Abraham soll dein Name sein.“50 Achte auf die Deutung der Namen. Denn sie sind vom Heiligen Geist kraftvoll verliehen worden. Und dies gilt es ebenfalls zu wissen: Namen zeigen Gewohnheiten, Zustände und Qualitäten an; daraus lässt sich die Eignung des Genannten erkennen. Und Abraham sprach zu Gott: „Dieser Ismael lebe vor dir.“ Abraham erbat für Ismael etwas Besonderes; er begnügte sich nicht mit „er lebe“, darum fügte er hinzu: „vor dir“. Denn vor dem Herrn zu leben ist Sache der Seligen und nur der Heiligen. „Abraham aber und Sarah waren alt, weit vorgerückt an Tagen.“51 Vielleicht ist der Ausdruck „weit vorgerückt an Tagen“ nur für Gerechte gesetzt. Trifft das zu, so ist kein Schlechter „vorgeschritten“. Und Abraham trat herzu und sprach: „Vernichte nicht den Gerechten zusammen mit dem Gottlosen.“ Das ist ein Lob Abrahams. Es zeigt die Festigkeit seiner Frömmigkeit; darum konnte er „herzutreten“. Dieses Herantreten ist nicht körperlich zu verstehen. „Lot aber saß am Tor Sodoms.“52 Lot war nicht im Innern Sodoms, sondern am Tor. Ich würde sagen: So wie Abraham außerhalb des Zeltes saß und aus Gastfreundschaft die Vorübergehenden zu ungewohnter Stunde erwartete – denn es war Mittag –, so saß der Verwandte jenes Mannes und Nachahmer seiner Gesinnung am Tor, er mahnte die Vorübergehenden, und es war schon Abend geworden. Er kannte die Gottlosigkeit in Sodom nur zu gut und dass es dort für Fremde keine Ruhe gibt. „Und er nötigte sie, und sie traten in sein Haus ein.“ Weil Lot nicht so war wie Abraham, zögerten sie, bei ihm einzukehren; es bedurfte des Drängens. „Die Männer aber, die am Eingang des Hauses waren, schlugen sie mit Blindheit.“53 Zum Guten werden mit Blindheit geschlagen, die ihren Blick schlecht gebraucht haben, damit die Blindheit sie am Sündigen hindere. „Und er zerstörte all diese Städte und die ganze Umgebung und alle, die in den Städten wohnten, und alles, was aus der Erde spross.“ Der Herr vernichtet nicht nur die Gottlosen, sondern auch ihre Lebensmittel, weil sie sodomitisch und schädlich sind. Dazu gehört auch der Weinstock, von dem geschrieben steht: „Denn von der Rebe Sodoms ist ihr Weinstock, und ihre Ranke aus Gomorra.“54

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„Abimelech aber rührte sie nicht an.“55 Das „rührte nicht an“ ist betont – wie in: „Es ist gut für den Mann, eine Frau nicht zu berühren.“56 Gemeint ist nicht nur die geschlechtliche Vereinigung; schon der bloße Blick oder das Anrühren einer Frau ist eine leidenschaftliche Regung. Gott freilich ließ Abimelech sich ihr nicht nahen; vielleicht gewährt er solche Enthaltsamkeit überhaupt nur dem, der ganz nüchtern gesinnt ist. Denn so etwas ist von Gott gegeben.

Und Abraham sprach zu seinen Dienern: „Bleibt hier mit dem Esel; ich aber und der Knabe gehen dorthin, und nachdem wir angebetet haben, kehren wir zu euch zurück.“57 Das sagte er im Vertrauen darauf, dass Gott auch von den Toten aufzuerwecken vermag. „Und Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und legte es auf Isaak, seinen Sohn.“58 Denn Christus litt, seinen eigenen Kreuzbalken auf der Schulter tragend, außerhalb des Tores; nicht durch Menschenkraft zum Leiden gezwungen, sondern aus eigenem Willen und durch den Ratschluss Gottes und des Vaters.

„Siehe, auch Milka hat Nahor, deinem Bruder, Söhne geboren, Uz, den Erstgeborenen...“59 Milka wird als „Königtum“ gedeutet; Uz als „der Beratende“; Nahor als „Ruhe des Lichts“; Buz als „der Verachtete“; Kemuel als „Auferstehung Gottes“; Syron als „das Schwebende“; Chasad als „Lüge“; Azau als „der Sehende“; Faldak als „Sturz des Bedürftigen“ oder „Sturz der Armut“; Jedlaf als „Überfluss der Hand“ oder „nimm die Hand“; Bethuel als „Gottes Bewohner“ oder „Tochter Gottes“; Rebekka als „Geduld“; Reema als „erwartete Vision“; Taam als „wiederkäuend“; Tochos als „Schweigen“; Mochan als „leerer Bauch“.

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„Siehe, ich stehe an der Wasserquelle.“ Darum sollen wir mit Eifer an der Quelle stehen, damit nicht auch auf uns passt: „Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen.“ 60 „Und es soll das die Jungfrau sein, zu der ich sagen werde: Neige deinen Krug“ – und so weiter. Diese Worte passen zum Hausältesten Abrahams und sind dem Vorsteher über all sein Gut angemessen. Und beachte die Weisheit, welches Zeichen er setzt. „Der Mann aber beobachtete sie schweigend, um zu erkennen, ob der Herr seinen Weg hatte gelingen lassen oder nicht.“61 Daraus ist zu lernen: Es ist gut, wenn der Betende nicht mit hörbarer Stimme betet, sondern im Herzen zu dem, der Herzen und Nieren prüft. „Isaak aber ging durch die Wüste zum Brunnen der Schau.“ Eine dem Heiligen gemäße Wegstrecke: Er geht durch die Wüste wegen seines großen Rückzugs, und er geht zum „Brunnen der Schau“ um der Gottesschau willen. „Und Isaak ging hinaus, um auf dem Feld zu sinnen gegen Abend.“62 Wer von göttlichen Dingen sprechen will, muss aus dem Irdischen hinausgehen; genau das nennt er hier „sinnen“. Es heißt nicht, mit wem; zu Recht, denn solche Unterredung geschieht nicht mit Menschen, sondern entweder mit Gott oder als Selbstgespräch. Das „gegen Abend“ ist ein Zeichen dafür, dass einer oft erst im Alter fähig wird, mit Verständnis über das Höhere zu sprechen.

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Abraham nahm noch eine Frau, die Ketura hieß. Sie gebar ihm Zembran und die weiteren Söhne. Aus den Kindern Keturas sind sehr viele Völker hervorgegangen. Sie siedelten in der Troglodytenwüste, im Glücklichen Arabien und im dazwischenliegenden Gebiet, ferner im Land der Midianiter, und in der Stadt Midian, die an der jenseits von Arabien gelegenen Wüste liegt, gegenüber von Paran, östlich vom Roten Meer. Daher stammt das Volk der Midianiter von Midian, dem Sohn Abrahams und Keturas. So wird aus diesem deutlich, dass Jethro, der Schwiegervater des Mose, ein Nachkomme Abrahams und somit mit Mose verwandt war. Ketura wird gedeutet als „die Kleinere“ oder „die Geringere“; Jesbok als „Erlassung“ oder „er wird erlassen“; Soië als „gutes Volk“; Saban als „Abkehr“; Theman als „ihr Untergang“ oder „die zum Ende kommen“; Dedan als „ausreichendes Gericht“ oder „Einzelheit“; Raguel als „starker Freund“ oder „Hirtensorge Gottes“; Nabdeel als „dem Gott Dienender“; Assouriëm als „Standhafte“ oder „die Geraden lenken“; Latusiëm als „Schmiede“; Jephar als „Bedürftiger“ oder „Fehlender“; Afer als „Staub“ oder „irdisch“ oder „Asche“; Henoch als „deine Gnade“; Abida als „Höhe meines Vaters“; Ephron als „Staub“ oder „irdisch“ oder „Asche“; Saar als „Süden“; Duma als „Schweigen“; Mambre als „aus der Schau“; Massa als „Erhebung“; Ismael als „Gehör Gottes“; Choddad als „maßloses Leeren“; Nebajot als „Weissagung“; Theman als „Vollendung“; Kedar als „Verdunkelung“; Jetur als „Verstoßener“; Nabdeel als „dem Gott Dienender“; Naphes als „Erquickung“; Masman als „Aufmerksamkeit“ oder „Hören“; Kedma als „vorn, nach Osten“; Massam als „aus Wohlgerüchen“; Euilat als „die Gebärende“; Sur als „Mauer“.

„Wohne in dem Land, das ich dir nennen werde; und halte dich als Fremder in diesem Land auf, und ich werde mit dir sein und dich segnen.“ Wenn einer dort als Fremder wohnt, wo man auf Gottes Befehl wohnen soll, ist Gott mit ihm und segnet ihn. Wohnt aber einer dort sesshaft, wo man nicht als Fremder wohnen soll, ist Gott nicht mit ihm und wird ihn nicht segnen. „Weil Abraham auf meine Stimme hörte und meine Gebote, meine Rechtsentscheidungen und meine Satzungen bewahrte.“63 Auch wenn das Gesetz nach Mose noch nicht niedergeschrieben war, hat Abraham das Genannte bewahrt – so bewahrte er es, wie Völker, die kein Gesetz haben, doch von Natur aus tun, was das Gesetz verlangt, und damit zeigen, dass das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben ist, wobei ihr Gewissen Zeugnis ablegt, wie der Apostel sagt. „Und die Knechte Isaaks gruben im Tal von Gerar; und sie fanden dort einen Brunnen lebendigen Wassers.“64 Jeder Betende soll sich mit Eifer bemühen, ein Kind Isaaks zu sein, diese Brunnen geistlich zu verstehen und sie in sich selbst zu graben. „Dann zog er von dort weiter, grub einen anderen Brunnen, und man stritt nicht mehr darüber.“65 Darin, dass er den Unrecht Tuenden nicht widerstand, zeigt er, dass er wirklich ohne Falsch war. Darum erkennt Gott seine Langmut an, erscheint ihm und verheißt ihm das Land, damit er nicht mutlos wird, weil er als fremder Beisasse denen ausgesetzt war, die ihm Unrecht tun wollten, und so jedes Mal das Wort erfüllt: wenn sie euch verfolgen.

16

„Und er sprach: Die Stimme ist die Stimme Jakobs.“66 Eine fromme Stimme wäre aus Esaus Mund nicht zu hören gewesen. Als er nämlich sagte: „Was der Herr, dein Gott, mir vorgelegt hat“, erkannte Isaak es und sprach: „Die Stimme ist die Stimme Jakobs.“ 66 „Und er sprach: Siehe, der Duft meines Sohnes ist wie der Duft eines vollen Feldes, das der Herr gesegnet hat.“67 Offenkundig war dieser Duft nicht sinnlich. Was für ein Geruch ließe sich denn mit dem Duft eines Feldes vergleichen? Vielleicht war es jener, den der Apostel trägt, wenn er sagt: „Wir sind Christi Wohlgeruch für Gott an jedem Ort.“68 Ich meine zudem, jede Tugend habe ihren eigenen Wohlgeruch, der die Gesamtheit der Tugenden zur Fülle bringt. Umgekehrt aber stinken die Laster, wie es heißt: „Faul und eitrig sind meine Wunden geworden.“69 Es ist angemessen, dass der Herr den Acker der Tugenden segnet, der ihm wohlriechend ist. „Und sie sprach zu ihm: Siehe, Esau, dein Bruder, droht, dich zu töten; nun also, mein Sohn, höre auf meine Stimme, steh auf und fliehe nach Mesopotamien.“70 Daraus lernen wir: Man soll sich den Nachstellungen entziehen und Verfolgungen fliehen, selbst wenn man – wie Jakob – der Visionen gewürdigt wird. Man fände Trost, wenn man sieht, was Jakob widerfuhr, als er vor Esau floh: Er wurde der Visionen gewürdigt, wurde Vater von zwölf Stämmen, und als er aus der Flucht um der Verfolgung willen zurückkehrte, wurde er statt Jakob Israel. „Du sollst dir keine Frau nehmen aus den Töchtern Kanaans.“71 Die Töchter Kanaans sind böse – nicht nur vor Esau, sondern vor Isaak, seinem Vater. „Als aber der Herr Gott sah, dass Lea gehasst wurde, öffnete er ihren Mutterleib.“72 Gott öffnet einen Mutterleib zur Geburt von Heiligen. Und nach dem geistlichen Gesetz öffnet er den Mutterschoß der Seele, damit die, die seine Mutter werden soll, das Wort Gottes gebärt. Denn als Erste hat für Gott die Synagoge der Juden, die der Zeit nach ältere, Frucht hervorgebracht.

Und Laban sprach zu ihm: „Wenn ich Gnade vor dir gefunden habe, würde ich Wahrsagung treiben; denn Gott hat mich bei deinem Eintreten gesegnet.“ „Es gibt keine Wahrsagerei in Jakob“. Laban aber sagt: „Ich würde wahrsagen“ – als einer, der der Lebenswahl Jakobs fremd ist, ihr jedoch nicht völlig fremd, da er zu dem „ich würde wahrsagen“ noch hinzufügt: „Denn Gott hat mich bei deinem Eintreten gesegnet.“ „Jakob nahm sich frische Ruten – vom Storaxbaum, vom Walnussbaum und von der Platane.“73 Die drei Ruten sind sinnbildlich entweder die drei Seelenkräfte: Vernunft, Mut, Begierde; oder die drei Betrachtungen: der körperlichen Dinge, der unkörperlichen und der heiligen Dreifaltigkeit; oder – allgemeiner – deutet die Walnuss auf das tätige Leben, der Storax auf das betrachtende, und die Platane auf diese Welt und ihre Schau. Das Abziehen des grünen Rindenanteils bedeutet die Lossagung davon: Im tätigen Leben ist das „Grüne“ die Lustsuche; in der Betrachtung ist es die Beschäftigung mit dem Körperlichen. Was das „Grüne“ in den beiden anderen Deutungen angeht – prüfe es. Und der Herr sprach zu Jakob: „Kehre zurück in das Land deines Vaters und zu deiner Verwandtschaft; und ich werde mit dir sein.“74 Als Jakob Frucht brachte und reich wurde, sich aber außerhalb seiner eigenen Sippe befand, da sagte der Herr zu ihm: „Kehre zurück in das Land deines Vaters.“ Etwas Ähnliches ist vom Herrn zu denken, wenn wir an der Schwelle des Hinscheidens stehen, um freigelassen zu werden zu unseren Vätern. Und er gibt dem, der in das Land seines Vaters und zu seinem Geschlecht zurückkehrt, auch den Lohn. Ich meine, der Herr war ihm im Traum gegenwärtig.

„Euer Vater hat mich betrogen und meinen Lohn zehnmal verändert.“75 Aquila gibt wieder: „zehn Zahlen“, Symmachus: „zehnmal der Zahl nach“. Der Hebräer erklärt: Laban habe die Abmachungen mit Jakob zehnmal gebrochen, weil sich das, was „auf Jakobs Namen“ geboren wurde, überaus mehrte und er Jakob beneidete. Das zeigen auch die beiden Fassungen: „Und du hast meinen Lohn um zehn Lämmer betrogen.“76 Von „Lämmern“, die er mir zu geben vereinbart hätte, ist allerdings nirgends die Rede; es findet sich kein Hinweis auf eine solche Abmachung. Doch aus dem, was er selbst sagt, wird es klar. Denn wie die Schrift Lamech nicht ausdrücklich als Mörder einführt, es aber bei der Auslegung herauskommt und das Geschehene erkennbar wird, so auch hier. Oft erklärt die Schrift das, was beim Geschehen nicht erzählt wurde, später durch einen Ausleger. „Deine Schafe und Ziegen wurden nicht fehlgebärend; die Widder deiner Herde habe ich nicht verzehrt.“ In diesen Worten zeigt sich der Freimut des guten Hirten – daran sollen wir uns ein Beispiel nehmen. So sollen die Schaf- und Ziegenherden geistliche Früchte hervorbringen; und die Reichen der Herde sollen wir nicht auffressen. Weil aber seine Hausgötter nicht gefunden wurden, schließt er Verträge mit dem erhabenen Jakob. So auch die Welt: Sobald sie die falschgenannten Götter abwarf, wurde sie ein Freund Christi.

17

Und Jakob sagte zu seinen Brüdern: „Sammelt Steine.“ Und sie sammelten Steine. In Prediger steht: „Eine Zeit, Steine zu werfen, und eine Zeit, Steine zu sammeln.“77 Sie werden auf Jakobs Befehl hin gesammelt – er war ein Vorbild Christi –, damit der Bau vollendet werde auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wobei Christus selbst, unser Herr, der Eckstein ist, aus lebendigen Steinen, wenn ein geistliches Haus entsteht, ein heiliges Priestertum. Und Laban wandte sich ab und ging an seinen Ort. Für den Schlechten ist sein Ort wegen seiner Bosheit nah; wer aber durch Fortschritt vorangeht, für den ist der Ort weit – und die Mühe ist nicht gering. Und die Engel Gottes begegneten ihm. Der Herr sagt: „Ich bin der Weg.“78 Wer also diesen Weg geht, dem kommen Engel Gottes entgegen. Und er befahl ihnen und sprach: „So sollt ihr zu meinem Herrn Esau sagen: So spricht dein Knecht Jakob: Ich habe bei Laban als Fremder gewohnt.“79 Aus Ehrfurcht nennt er seinen älteren Bruder ohne Heuchelei „Herr“. Zudem wendet eine besänftigende Antwort den Zorn ab. Als Mensch fürchtete er sich; doch weil er Gott vertraute, floh er nicht, sondern ging ihm entgegen. Und er überschritt die Furt des Jabbok. Jabbok ist ein Fluss Arabiens, der jetzt Iambikes genannt wird. Jakob aber blieb allein zurück, und ein Mann rang mit ihm – und so weiter. Wer wäre der „Mann“, der zugleich Gott ist, der mit Jakob mitringt und mitkämpft, wenn nicht das heilige Wort Gottes, der in vielerlei Teil und auf vielerlei Weise zu den Vätern gesprochen hat, der als Herr und Gott angesprochen wird und der, nachdem er Jakob gesegnet hatte, ihn Israel nannte mit den Worten: „Denn du hast mit Gott gerungen und dich durchgesetzt.“80 So sahen die Männer jener Zeit das Wort Gottes, wie auch die Apostel unseres Herrn gesprochen haben: „Was von Anfang an war, was wir mit unseren Augen gesehen haben und geschaut, und unsere Hände betastet haben – vom Wort des Lebens.“81 Dieses Wort und dieses Leben hat auch Jakob geschaut und fügt hinzu: „Denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen.“

„Und Jakob liebte Josef mehr als alle seine Söhne, denn er war ihm ein Sohn des Alters; und er machte ihm ein buntes Gewand.“82 Das bunte Gewand ist eine vorzügliche Haltung, geschmückt mit Tugenden. „Als aber seine Brüder sahen, dass ihn ihr Vater mehr liebte als alle seine Söhne, hassten sie ihn und konnten kein friedliches Wort mit ihm reden.“83 Wer hasst, ist unfähig, zum Gehassten friedlich zu sprechen. Darum werfen wir den Hass ab, damit wir friedlich reden können. „Die Midianiter aber verkauften Josef in Ägypten an Potephres, den Eunuchen des Pharao, den Oberkoch.“84 Bei Aquila und Symmachus heißt Potephres hier „Phoutiphar“, anderswo „Phoutiphare“. Die Deutung des hier stehenden Namens ist beim Wortlaut gegeben; die Erklärung des anderen wird im Folgenden erscheinen. „Da Onan erkannte, dass die Nachkommenschaft nicht ihm gehören werde, ließ er, so oft er zur Frau seines Bruders einging, den Samen auf die Erde fallen.“85 Jeder, der „auf das Fleisch sät“ und die Werke des Fleisches in der Erde anhäuft, ist wie Onan; darum wird er von Gott getötet. „Und der Herr war mit Josef; und er war ein Mann, dem es gelang.“86 Wie einer, der auf ein Ziel schießt, spannte er sein inneres Leitvermögen und traf immer. Die Schrift gebraucht diese Wendung an vielen Stellen. „Und der Herr segnete um Josefs willen das Haus des Ägypters.“87 Wegen des Heiligen, der im Haus des Ägypters war, wird Haus, Besitz und Feld des Ägypters gesegnet. Das ist jedoch kein geistlicher Segen.

Nach diesen Worten aber geschah es: „Der Obermundschenk des Königs von Ägypten und der oberste Bäcker vergingen sich an ihrem Herrn, dem König von Ägypten.“88 Ich meine, Entsprechendes zu dem „Sie haben gegen den König von Ägypten gesündigt“ könnte man über die Märtyrer sagen: Sie verfehlen sich am geistigen König von Ägypten, nicht aber an Gott. Denn sie scheinen gegen das Gesetz der Welt zu verstoßen, das dem Gesetz Gottes entgegengesetzt ist. „Denn durch Diebstahl bin ich aus dem Land der Hebräer geraubt worden, und auch hier habe ich nichts getan.“ Mit dem „Hier habe ich nichts getan“ deutet er an, dass er nichts von dem getan hat, was unter den Ägyptern üblich war. Zum ägyptischen Treiben gehörte es nämlich auch, sich mit der Frau des Herrn einzulassen. Josef aber antwortete ihm: „Dies ist seine Deutung: Die drei Körbe sind drei Tage.“ Und weiter oben heißt es: „Die drei Böden sind drei Tage.“ Also wird das „drei Tage“ sowohl durch Böden als auch durch Körbe dargestellt. Die Vorsehung bedient sich zur Darstellung der drei Tage der Beispiele, die der jeweiligen Lebensweise angemessen sind. Solches findest du auch an anderen Schriftstellen: derselbe Sachverhalt wird durch Beispiele angezeigt, die verschieden zu sein scheinen.

18

„Und es geschah am dritten Tag, es war der Geburtstag des Pharao, da machte er ein Gastmahl für all seine Diener.“89 Schon vor uns hat jemand festgestellt, dass derjenige verachtenswert ist, der Geburtstage ehrt und den Tag seiner eigenen Geburt gutheißt. Wir bestätigen diese Aussage und finden bei Herodes etwas Ähnliches: als die Tochter der Herodias tanzte und das Haupt des Johannes abgeschlagen wurde. Und nirgends erscheint ein Gerechter, der seinen Geburtstag feiert.

„Und es geschah nach zwei Jahren: Der Pharao sah einen Traum. Ihm war, als stünde er auf dem Fluss.“90 Und so weiter. Wer auf das Fließende und Ungewisse vertraut, meint, auf dem Fluss zu stehen – von dort steigt ja das vermeintliche Glück herauf, solange seine Rinder fett sind. Doch am Ende wird dies alles von den schlechteren (den mageren) verschlungen. Zum „er meinte“ vergleiche: „Ich meinte, ihr bindet Garben.“ Beim zweiten Traum: „Die Sonne, der Mond und die Sterne warfen sich vor mir nieder.“ Und wieder sagt der Obermundschenk: „In meinem Traum war ein Weinstock...“; der Oberbäcker aber: „Ich meinte, drei Körbe mit Weizenmehl auf meinem Haupt zu tragen...“. Die erzählende Stimme der Schrift sagt: „Er meinte, auf dem Fluss zu stehen, nicht am Ufer des Flusses.“ Der Pharao hingegen sagt: „Ich meinte, am Ufer des Flusses zu stehen, nicht auf dem Fluss.“ Die ägyptischen, das heißt weltlichen Dinge beginnen mit Besserem – Sinnbild ist die Fülle – und enden in Bitterem – Sinnbild sind Fülle und Hunger. Ähnliches lässt sich im Bericht vom Reichen beobachten. Gleichsam hatte er seine sieben Jahre der Fülle: er erhielt seine Güter in seinem Leben, war „in Purpur und feines Leinen gekleidet und lebte Tag für Tag prächtig“91 ; doch es endet für ihn im Gegenteil, indem er nach dem Fortgang von hier das Böse empfängt. So etwas siehst du auch bei denen, die die breite und weite Straße gehen – ihr Ende ist Verderben; denen aber der Anfang eng und bedrängt ist, deren Ende ist Leben. Daher: „Wehe den Satten, denn sie werden hungern, und den Lachenden, denn sie werden weinen.“92 „Selig sind die Trauernden und Weinenden, denn sie werden getröstet werden.“93

Und siehe: „Aus dem Fluss stiegen sieben Kühe herauf, und was weiter folgt.“94 Pharaos Träume handelten von Kühen und von Ähren. Denn durch das, womit die Erde bebaut wird, und durch das, was sie hervorbringt, wurden dem König Vorzeichen für Überfluss und für Mangel gegeben. Pharao erwachte und träumte ein zweites Mal: „Und siehe: Sieben Ähren wuchsen an einem einzigen Halm, ausgewählt und schön.“95 Josef aber sah nicht Ähren, sondern Garben; der Ägypter (Pharao) sah nicht Garben, sondern Ähren. Und wiederum: Der Obermundschenk deutet die drei Halme als drei Tage; der König deutet die sieben Ähren an einem einzigen Halm als die sieben Jahre in einer zusammenhängenden Zeitspanne. So ergibt sich bei ein und demselben Wort „Halm“ eine unterschiedliche Auslegung. Wenn daher jemand die Schrift anders erzählt, soll man nicht meinen, er zwinge sie. Außerdem ist zu beachten: In der Zeit des Überflusses steigen sieben Ähren auf einem einzigen Halm auf; in der Zeit der Hungersnot sind es zwar sieben Ähren, aber nicht mehr auf einem Halm. Ein anderer sagt: an einem Rohr. „Und es geschah am Morgen: Da war sein Geist aufgewühlt; und er sandte aus und rief alle Ausleger Ägyptens und all ihre Weisen.“96 Wie hat er die Ausleger und die Weisen ganz Ägyptens zusammengerufen? Das ist sowohl am Wortlaut zu prüfen als auch die Frage, ob Pharao für die anagogische Deutung ägyptischer Ausleger bedurfte, als ob sie die Weiseren wären. „Ganz Ägyptens“ verstehen wir als nachgestellt zu: „alle Ausleger Ägyptens und all ihre Weisen“.

Der Pharao erzählte ihnen seinen Traum, doch keiner legte ihn dem Pharao aus. Ich meine nicht, dass sie völlig schwiegen; eher sagten sie alles Mögliche, nur nicht die eigentliche Deutung der Träume. Jemand wird einwenden: Wie wusste der Pharao, ob die ägyptischen Deuter und Weisen mit ihren Auslegungen der Träume trafen oder nicht? Der Hebräer erwidert, der Pharao habe, als er den Traum sah, auch dessen Deutung gesehen; sie war ihm nur aus dem Gedächtnis entfallen. So erinnerte er sich bei jedem, der sprach, nicht an das, von dem er wusste, dass er es gesehen hatte. Darum staunte er über Josef und erhob ihn sofort so weit, dass er ihm ganz Ägypten, sein Getreide und das Heil der Ägypter anvertraute. Denn sobald Josef die Träume darlegte, wurde jener daran erinnert, dass es genau das war, was ihm zuvor gezeigt worden war. Josef antwortete dem Pharao: „Ohne Gott gibt es keine Antwort zum Heil des Pharao.“ Josef ist darin zu loben, dass er mit Gott beginnt. Beachte außerdem, dass er zur Frau sagte: „Sollte ich diese böse Tat tun und gegen Gott sündigen?“ Und auch zu den Eunuchen im Gefängnis: „Sind nicht die Deutungen bei Gott?“ Und der Pharao sagte zu all seinen Dienern: „Werden wir je einen Mann finden wie diesen, der den Geist Gottes in sich hat?“ Weil der Pharao darin etwas Übermenschliches erkannte, dass Josef die Lösung seines Traumes, die ihm aus dem Gedächtnis gefallen war, klar gemacht hatte, erklärte er, in Josef sei der Geist Gottes. Vom selben Gedanken her wurde der Pharao genötigt, von einem einzigen Gott zu sprechen. Das passt zu dem, was zuvor über die Lösung des Traumes vorweg festgestellt worden war. Vor ihm her rief ein Herold. Im Hebräischen steht „Abrech“, was eigentlich „sanfter Vater“ bedeutet. Zu Recht nannte er Josef einen sanften Vater; denn obwohl er jung an Jahren war, hat er den Ägyptern wie ein Vater eine rettende Führung gezeigt. Das Wort besagt aber nichts anderes als „kniet nieder“. Denn der Ruf des Herolds ist eindeutig.

Und der Pharao gab Josef den Namen Psontomphanēch. Psontomphanēch bedeutet: „dem die Zukunft offenbart wurde“. Aquila sagt Safamphanē und Symmachus: Saphthphanē, „Er hat Verborgenes enthüllt“. Er gab ihm Asenat, die Tochter des Potifera, Priesters von Heliopolis, zur Frau. Das „Potifar“ steckt im Namen des Vaters der Frau, die Josef heiratete. Man könnte meinen, er sei ein anderer als der, der Josef gekauft hatte. Die Hebräer sehen das aber nicht so; nach einer apokryphen Überlieferung sei es derselbe Mann gewesen, der sowohl sein Herr als auch sein Schwiegervater wurde. Sie erzählen außerdem, Asenat habe beim Vater die Mutter verleumdet, sie habe Josef nachgestellt, obwohl sie das nicht getan hatte. Er gab sie Josef zur Frau, weil er den Ägyptern eilig zeigen wollte, dass gegen sein Haus nichts dergleichen verschuldet worden war. Josef nannte den Erstgeborenen Manasse, denn: „Gott hat mich alles vergessen lassen – all meine Mühen und alles meines Vaters.“ Dass Gott ihn all seiner Mühen vergessen ließ, ist eindeutig gut. Ob aber Josef auch alles seines Vaters Jakob vergaß – und ob Gott dies so an ihm tat –, ist zu prüfen. Gott bewirkt ja nicht, dass Josef die Worte Jakobs und seiner Söhne vergisst; es sei denn, es geht um seine Leiden. Dann ist „Mühen“ gemeinsam zu verstehen, nämlich so: alle meine Mühen und alle Mühen meines Vaters. Den zweiten nannte er Ephraim, denn: „Gott hat mich wachsen lassen im Land meiner Erniedrigung.“ Geistlich verstanden ist Ägypten das Land der Erniedrigung für den Gerechten. So sagt der Apostel: „Der Körper unserer Erniedrigung.“ Und in den Psalmen: „Unser Leben wurde in den Staub erniedrigt.“ Und wieder: „Du hast uns gebeugt an einem Ort der Drangsal.“97

Josef aber war der Herrscher Ägyptens. Er verkaufte allen Leuten des Landes. Als die Brüder Josefs kamen, warfen sie sich vor ihm mit dem Gesicht zur Erde nieder. Weil die Söhne Jakobs nicht zu den Völkern des Landes gehörten, verkaufte er ihnen nicht, sondern gab das Silber doppelt zurück. Es war nämlich angemessen, dass die Söhne Israels das Getreide unentgeltlich empfangen. Anmutig ist die Wortwahl über dieselben: wenn sie kaufen, heißt es „Söhne Israels“; wenn sie sich vor Josef verneigen, „die Brüder Josefs“. Nur Benjamin verneigt sich weder vor Esau noch vor Josef. Darum entsteht der Tempel in seinem Anteil. „Ja, wir stehen wegen unseres Bruders in Sünde; denn wir übergingen die Not seiner Seele, als er flehte.“ Er flehte – das ist still vorausgesetzt; denn es ist nicht aufgezeichnet, wie er flehte. Ruben antwortete ihnen: „Habe ich euch nicht gesagt: Tut dem Knaben kein Unrecht? Aber ihr habt nicht auf mich gehört. Und siehe, sein Blut wird eingefordert.“ Oben ist gesagt worden, dass Josef, als Ruben nicht zugegen war, an die Ismaeliter verkauft wurde; und dass Ruben, nachdem er verkauft war, zur Zisterne zurückkehrte, Josef dort nicht fand, seine Kleider zerriss, zu seinen Brüdern zurückkam und sagte: „Der Knabe ist nicht da; und wohin soll ich noch gehen?“ Es scheint nicht, als hätte er von den Brüdern erfahren, dass Josef verkauft worden war. Vielleicht also meinte er, er sei getötet worden; darum sagt er jetzt: „Siehe, sein Blut wird eingefordert.“ Juda sprach zu Israel, seinem Vater: „Sende den Knaben mit mir, und wir wollen aufbrechen, damit wir leben.“ Vielleicht prophezeit er, dass Benjamin bei dem Stamm Juda sein sollte. „Ich will für ihn einstehen; fordere ihn aus meiner Hand. Wenn ich ihn nicht zu dir bringe...“ Juda bedenkt kein mögliches Menschenrisiko für Benjamin, sondern verspricht – so meine ich – dem Vater prophetisch.

„Nehmt von den Früchten des Landes in eure Gefäße und bringt dem Mann Geschenke: Harz und Honig, Weihrauch und Stakte, dazu Terebinthe und Nüsse.“98 Aus den Früchten des Landes bringt man Josef Gaben, die Ägypten nicht besitzt: Harz, Honig, Weihrauch, Stakte, Terebinthe und Nüsse. Und weiter oben heißt es: Auch die Kamele waren voll von Weihrauch, Harz und Stakte – nicht aber von Honig, Terebinthe und Nüssen. Drei Arten bringen die Midianiter zusammen mit Josef nach Ägypten; zu diesen fügen die Söhne Jakobs drei weitere hinzu und bringen sie Josef. Nur der Same Abrahams bringt sowohl die ersten als auch die zweiten. Es war nämlich passend, dass das Geringere von den unehelichen Kindern Abrahams getragen wurde, das Mehr aber von den echten – weil Ägypten gerade dieser Dinge bedurfte. „Wegen des Silbers, das anfangs in unseren Säcken zurückgelegt wurde, werden wir hineingeführt – um uns zu verleumden und gegen uns vorzugehen, um uns zu Sklaven zu nehmen und unsere Esel.“ Unwahrscheinlich ist, dass sie, da sie sich in solcher Lage wähnen, sich um die Esel sorgen – es sei denn, es ist allegorisch zu verstehen. „Gott sei euch gnädig; fürchtet euch nicht.“ So scheint der Verwalter im Haus Josefs gesprochen zu haben, der durch Josef zur Gottesfurcht gewonnen wurde. Benjamins Anteil wurde größer als der Anteil aller anderen – fünfmal im Vergleich zu ihren Anteilen. Er wurde vergrößert entweder um Jerusalems willen oder als Vorbild des Apostels Paulus. Und auch Jesus aus dem Stamm Ephraim verteilte den anderen Stämmen das Land. „Denn Gott hat mich vor euch her gesandt, um euch einen Rest zu bewahren.“ Weil Gott Josef um des Lebens der vielen willen vor seinen Brüdern nach Ägypten gesandt hat, hat Gott – indem er ihn nach Ägypten sandte – den Neid und den Entschluss seiner Brüder mitbenutzt für die Fügung um Josef, die auf das Leben vieler zielte. Es gibt also Zeiten, in denen Gott sich der Sünden anderer bedient, um Eigenes zum Heil anderer zu beschließen.

„Jetzt also habt nicht ihr mich hierher gesandt, sondern Gott; er hat mich dem Pharao wie einen Vater gemacht, zum Herrn seines ganzen Hauses und zum Herrscher über das ganze Land Ägypten.“99 Wer Herr ist über die körperlichen Dinge und ihnen in keiner Weise nachgibt, könnte dies sagen: „Gott hat mich zum Herrn über das ganze Land Ägypten gemacht.“ 99 „Und euer Auge soll euren Hausrat nicht schonen. Denn alles Gute Ägyptens wird euch gehören.“ Alles, was in dem, bildlich gesprochen, „Ägypten“ genannt wird, vorhanden ist, gehört nicht den Ägyptern, sondern Israel. Darum plündern die Hebräer beim Auszug die Ägypter aus und nehmen goldene und silberne Gefäße und alles Gute, was es in Ägypten gab. „Und ich werde dich hinaufführen bis ans Ziel.“ Eine Gott angemessene Verheißung: nicht nur hinaufführen, sondern den Hinaufgeführten auch ans Ziel bringen. Zu denen, die aus der Pentateuch die spätere, jenseitige Lebensweise erfragen, sagen wir: Weil der, der sprach „Ich werde dich hinaufführen“, wahrhaftig ist, hat er ihn später in diesem Leben hinaufgeführt; und nach dem Hingang hat er ihn hinaufgeführt, als danach Josef seine Hände auf die Augen des Körpers Jakobs legte. Gott hat hinaufgeführt, indem er Israel nach dem Ende dieses Lebens zu dem Ziel bei sich selbst emporführte. Jakob stand auf vom Brunnen des Eides, und die Söhne Israels nahmen ihren Vater Jakob auf. Der, der zum Brunnen des Eides kommt, ist Israel, der – so meine ich – Jakob mit allem, was ihm gehört, herbeiführt; derjeniger aber, der vom Brunnen des Eides aufsteht, ist Jakob. Denn der Auferstehung bedurfte nicht Israel, sondern Jakob. Danach nun haben den Vater, der der Aufnahme bedurfte, nicht „Jakobs Söhne“, sondern „Israels Söhne“ aufgenommen. Der Pharao sandte Wagen, um nicht Israel, sondern Jakob zu tragen. Er ging nach Ägypten hinein; Jakob stieg nicht hinab. Denn zu Israel ist gesprochen: „Fürchte dich nicht, nach Ägypten hinabzusteigen.“100

„Jakob zog nach Ägypten hin ein, und all seine Nachkommen mit ihm.“ 101 Jetzt ist von Jakobs „Nachkommenschaft“ die Rede; weiter oben hieß es „Söhne Israels“. Wenn aber Jakob und all seine Nachkommen nach Ägypten hineingingen, Er und Onan jedoch nicht hineingingen, dann waren sie nicht Jakobs Nachkommen. „Seine Töchter und die Töchter seiner Töchter.“ Offenkundig nahm er, da er seine Töchter bei sich hatte, auch die Schwiegersöhne mit. Denn er konnte es nicht ertragen, die Töchter außerhalb seines Hauses fortzuschicken, damit sie nicht zur Götzenverehrung abglitten. Wenn Jakob keine Töchter hat, wie steigen dann seine Töchter nach Ägypten hinab? Ist das nicht allegorisch zu verstehen? Im Anschluss sagt er, sie seien „von Lea“; und er nennt „dreiunddreißig Töchter“, wobei Dinah namentlich genannt wird. „Dies sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten hineingegangen sind.“ „Söhne“ nicht „Jakobs“, und „hineingegangen“, nicht „hinabgestiegen“ nach Ägypten – das sind die Namen. „Erstgeborener Jakobs: Ruben“ und so weiter. Oben sagte er, es seien die Namen der Söhne Israels; jetzt nennt er Ruben den Erstgeborenen Jakobs. Man beachte, dass er zusammen mit den in Kanaan geborenen Söhnen Jakobs auch die in Ägypten befindlichen Söhne Josefs mitzählt. Das dient dem Wort, das später über die Erbteile gesagt wird: „Ephraim und Manasse gehören mir wie Ruben und Simeon.“ Und Israel sagte zu Josef: „Nun kann ich sterben, denn ich habe dein Gesicht gesehen; ja, du lebst noch.“102 Staunenswert ist, dass einer, der in Ägypten lebte, von den Ägyptern keinen Schaden genommen hat und im Leben nach Gott geblieben ist. Darum sagte Jakob zu Josef: „Ja, du lebst noch.“ „Deine Knechte sind Schäfer von Jugend an bis jetzt...“ Und sie sagten zum Pharao: „Wir sind gekommen, um im Land als Fremdlinge zu wohnen.“ Sie sprechen freimütig vor dem Pharao, dass sie Schäfer sind. Dann aber, damit der Pharao nicht beunruhigt werde, sagen sie: „Wir sind gekommen, um im Land als Fremdlinge zu wohnen.“103

Und der Pharao sagte zu Josef: „Sie sollen im Land Gosen wohnen.“104 Da in den Tetrapla – aus denen auch die Abschrift nach der Abfolge des Hebräischen und der anderen Ausgaben hergestellt wurde – sichtbar wird, dass bei den Siebzig an manchen Stellen die Reihenfolge vertauscht ist, sodass das Erste zuletzt und das Letzte zuerst steht, und da genau dies auch hier zu finden ist, haben wir der Ordnung halber die Folge angegeben. Sie lautet so: Auf „Deine Knechte wollen im Land Gosen wohnen“103 folgt „Und der Pharao sagte zu Josef: Sie sollen im Land Gosen wohnen.“105 „Wenn du weißt, dass unter ihnen...“ – und was weiter folgt –, das heißt: „Wenn du weißt, dass unter ihnen Tüchtige sind, setze sie als Aufseher über mein Vieh.“ Die Tüchtigen Israels will der Pharao als Aufseher über das Vieh der Ägypter einsetzen. Ist aber einer aus Israel tüchtig, dann fliehe er diesen Auftrag. „Und Jakob segnete den Pharao und ging von ihm hinaus.“106 Hätte er einen Gerechten gesegnet, wäre er nicht von ihm weggegangen. Man muss fragen, ob je einer, nachdem er einen Heiligen gesegnet hat, von ihm weggegangen ist. Hier geht der Segnende hinaus; weiter oben aber geht Jakob, der eine Segnung empfangen hat, hinein. „Und Josef brachte all das Silber in das Haus des Pharao.“107 Wo sonst hätte all das Silber Ägyptens und Kanaans hingehören, wenn nicht in das Haus des Pharao? „Da brachten sie ihr Vieh zu Josef; und Josef gab ihnen Brot im Tausch gegen die Pferde, und gegen die Schafe, und gegen die Rinder, und gegen die Esel.“107 Josef handelt hierin nicht hart, sondern damit sie sich nicht mühen, das Vieh zu füttern, und damit sie es später als Gunst vom Pharao zurückerhalten. „Und es bleibt uns vor unserem Herrn nichts übrig als unser eigener Körper und unser Land.“ Denn von den Sündern heißt es: „Weil sie Fleisch sind.“ Darum sagen jetzt auch die Ägypter – als Fleisch – nicht, dass ihnen eine Seele geblieben sei, sondern nur ihr eigener Körper und ihr Land. Das ist als die Rede all derer zu verstehen, die Gott fremd sind.

„Damit wir also nicht vor dir sterben und das Land verödet, kauf uns und unser Land.“ Die Ägypter wollen vor dem Pharao leben, nicht vor Gott. Die Ägypter wollen Eigentum des Pharao werden – so wie die Heiligen Eigentum Gottes sind. Denn der Hunger hat über sie die Oberhand gewonnen, ausdrücklich über die Ägypter. Von Israel würde nämlich nicht gesagt werden, der Hunger habe über sie gesiegt. „Und Jakob fasste Mut und setzte sich auf das Lager.“ Er stärkte und setzte sich, um gottbewegt zu sprechen. Ich meine: Jakob war angefochten, Israel aber war gestärkt. Er ist es, der die Söhne Josefs segnete und was weiter folgt; dabei wird über den Knaben nicht „Jakob“ gesagt. „Und er sprach zu mir: Siehe, ich lasse dich wachsen und vermehre dich.“ Entweder wächst der Gottlose nicht, oder er wächst nicht durch Gott. Entsprechendes gilt für „ich vermehre dich“, denn Gott sagt dies als Segen. „Ephraim und Manasse sollen mir gehören wie Ruben und Simeon.“108 Wie Ruben und Ephraim, denn beide sind Erstgeborene; wie Manasse und Simeon, denn jeder ist bei seiner Mutter der Zweite. „Die Nachkommen aber, die du nachher zeugst, sollen dem Namen ihrer Brüder zugerechnet werden; sie werden in deren Erbteilen genannt werden.“ Die künftig weiteren Söhne, so sagt er, werden den namensgebenden Stämmen ihrer Brüder in der Erbverteilung zugeordnet.

19

Als Israel die Söhne Josefs sah, sagte er: „Wer sind diese?“ Das scheint dem Wort zu widersprechen: „Jakobs Augen waren vom Alter trübe geworden.“109 Es sei denn, „sehen“ meint dasselbe wie „mit den Augen nicht sehen können“, nämlich dass Israel das Geschlecht Josefs sah, weil Gott ihm das Kommende gezeigt hatte. „Da streckte Israel seine rechte Hand aus und legte sie auf Ephraims Haupt.“110 Die Propheten waren bei ihren Weissagungen bei Verstand und verstanden, was sie prophezeiten. Und tatsächlich führte später der Stamm Ephraim die Zehn Stämme an. Aus ihm stammt der selige Jesus, der Sohn Nuns, der im Buch Numeri als wahrer Typus Christi erscheint. Darum wird auch die Segensverheißung Josefs auf ihn bezogen: „Gott mache dich wie Ephraim und wie Manasse.“111 Und: „Er stellte Ephraim vor Manasse.“ Dieses Wort kann man passend darauf anwenden, dass in der Gebetsordnung der Würdigere vorn steht. „Du kauertest und lagst wie ein Löwe und wie ein junger Löwe.“112 Das „du lagst“ bezeichnet den Tod nach der Heilsordnung. Christus ist den völlig Verrohten ein Löwe, den noch Anfänglichen ein Junglöwe.

Schriftstellen

  1. Gen 1,11
  2. Gen 1,28
  3. Gen 1,26
  4. Gen 8,21
  5. Sach 4,10
  6. Ps 91,4
  7. 1Kor 15,49
  8. Lk 6,36
  9. Mt 5,48
  10. Apg 28,3-4
  11. Lev 11,20-23
  12. Ps 8,6-8
  13. Ps 33,9
  14. Gen 2,4
  15. Gen 2,16
  16. Gen 2,17
  17. Gen 3,21
  18. Gen 2,23
  19. 1Kön 6,27
  20. Gen 6,7
  21. Gen 6,11-12
  22. Röm 8,7
  23. Röm 8,8
  24. Gen 6,19
  25. Gen 8,15
  26. Gen 7,2
  27. Röm 2,14
  28. Gen 7,6
  29. Gen 7,15
  30. Gen 9,1
  31. Gen 9,2
  32. Gen 9,4-5
  33. Gen 9,6
  34. Gen 9,18
  35. Gen 9,24
  36. Gen 9,25
  37. Gen 9,20-21
  38. Gen 10,9
  39. Gen 11,1
  40. Joh 10,30
  41. Gen 11,7
  42. Apg 4,32
  43. Gen 11,26
  44. Gen 12,10
  45. Gen 13,14-15
  46. Gen 15,5
  47. Gen 15,16
  48. Gen 15,13
  49. Ex 12,41
  50. Gen 17,5
  51. Gen 18,11
  52. Gen 19,1
  53. Gen 19,11
  54. Dtn 32,32
  55. Gen 20,6
  56. 1Kor 7,1
  57. Gen 22,5
  58. Gen 22,6
  59. Gen 22,20-21
  60. Jer 2,13
  61. Gen 24,21
  62. Gen 24,63
  63. Gen 26,5
  64. Gen 26,19
  65. Gen 26,20
  66. Gen 27,22
  67. Gen 27,27
  68. 2Kor 2,15
  69. Ps 38,5
  70. Gen 27,43
  71. Dtn 7,3
  72. Gen 29,31
  73. Gen 30,37
  74. Gen 31,3
  75. Gen 31,7
  76. Gen 31,38
  77. Pred 3,5
  78. Joh 14,6
  79. Gen 32,5
  80. Gen 32,28
  81. 1Joh 1,1
  82. Gen 37,3
  83. Gen 37,4
  84. Gen 37,36
  85. Gen 38,9
  86. Gen 39,2
  87. Gen 39,5
  88. Gen 40,1
  89. Gen 40,20
  90. Gen 41,1
  91. Lk 16,19
  92. Lk 6,25
  93. Mt 5,4
  94. Gen 41,2
  95. Gen 41,5
  96. Gen 41,8
  97. Ps 60,3
  98. Gen 43,11
  99. Gen 45,8
  100. Gen 46,3
  101. Gen 46,5
  102. Gen 46,30
  103. Gen 47,4
  104. Gen 45,20
  105. Gen 47,6
  106. Gen 47,10
  107. Gen 47,17
  108. Gen 48,5
  109. Gen 48,10
  110. Gen 48,14
  111. Dtn 33,17
  112. Gen 49,9