Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

4. Predigt zu Exodus

Origenes ⏱️ 24 Min. Lesezeit
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Wir haben eben eine höchst berühmte Geschichte gehört. Aufgrund ihrer Bedeutung sollte diese Geschichte in der ganzen Welt bekannt sein. Sie berichtet, dass Ägypten samt Pharao, dem König, mit schweren Geißelungen durch Zeichen und Wunder gezüchtigt wurde, damit sie dem hebräischen Volk seine natürliche Freiheit zurückgäben, das, obwohl es von freien Eltern geboren war, von ihnen gewaltsam in die Sklaverei gestoßen worden war. Der Ablauf der Ereignisse ist aber so eng verflochten, dass du, wenn du die einzelnen Teile sorgfältig prüfst, mehr Stoff findest, an dem dein Geist sich festhält, als Dinge, die man einfach abtun könnte. Und weil es lange dauern würde, die einzelnen Aussagen in der Reihenfolge der Schrift darzulegen, wollen wir den Inhalt der ganzen Geschichte kurz überblicken. Als erstes Zeichen also „warf Aaron seinen Stab hin, und er wurde zu einer Schlange.“1 Die versammelten Zauberer und Magier der Ägypter machten ebenso aus ihren Stäben Schlangen. Aber die Schlange, die aus Aarons Stab geworden war, verschlang die Schlangen der Ägypter. Was Pharao hätte in Staunen versetzen und ihm den Glauben leicht machen sollen, bewirkte das Gegenteil. Denn die Schrift sagt: „Pharaos Herz wurde verstockt, und er hörte nicht auf sie.“2 Hier heißt es ausdrücklich: „Pharaos Herz wurde verstockt.“ Dasselbe steht nicht weniger bei der ersten Plage, als das Wasser in Blut verwandelt wurde,3 so auch bei der zweiten Plage, als Frösche in Menge erscheinen,4 bei der dritten, als Stechmücken überfallen,5 ebenso bei der vierten, als Fliegen hervorgebracht werden,6 und bei der fünften, als „die Hand des Herrn über das Vieh“7 der Ägypter kommt. Beim sechsten Mal aber, als Mose „Asche aus dem Ofen nahm und sie streute, und es kamen Geschwüre und brennende Beulen an Menschen und an vierfüßigen Tieren, und die Magier konnten nicht mehr vor Mose stehen,“8 wird nicht mehr gesagt, dass Pharaos Herz verstockt wurde. Es wird etwas noch Schrecklicheres hinzugefügt.

Es steht geschrieben: „Der Herr verstockte das Herz des Pharao, und er hörte nicht auf sie, so wie der Herr es bestimmt hatte.“9 Auch bei der siebten Plage, als Hagel und Feuer ganz Ägypten verwüsteten, „wurde das Herz des Pharao verstockt“10 , aber nicht vom Herrn. Bei der achten jedoch, als Heuschrecken hervorbrachen, heißt es: „Der Herr verstockte das Herz des Pharao.“11 Auch bei der neunten, als „das ganze Land Ägypten eine Finsternis erfüllte, die man greifen konnte,“12 heißt es: „Der Herr verstockte das Herz des Pharao.“13 Schließlich heißt es, als das hebräische Volk ausgezogen war, nachdem die Erstgeborenen der Ägypter erschlagen worden waren, weiter im Bericht: „Der Herr verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, und das Herz seiner Diener, und er jagte den Söhnen Israels nach.“14 Aber auch als Mose aus dem Land Madián nach Ägypten gesandt wird und ihm befohlen wird, „alle Wunder zu tun, die der Herr in seine Hand gelegt hat,“ wird hinzugefügt: „Diese wirst du vor Pharao tun; ich aber werde das Herz des Pharao verstocken, und er wird das Volk nicht ziehen lassen.“ 15 Dies ist das erste Mal, dass der Herr ankündigt, das Herz des Pharao zu verstocken. Zum zweiten Mal aber, nachdem die Anführer Israels aufgezählt worden sind, heißt es wenig später, der Herr habe gesprochen: „Ich werde das Herz des Pharao verstocken und meine Zeichen vermehren.“16

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Wenn wir diese Schriften also für göttlich halten und vom Heiligen Geist geschrieben, dann sollten wir, so meine ich, den göttlichen Geist nicht so gering einschätzen, dass wir meinen, in einem so großen Werk sei dieser Unterschied zufällig gemacht worden – dass nämlich einmal gesagt wird, Gott habe „das Herz des Pharao verstockt“, ein anderes Mal aber, es sei verstockt worden, nicht von Gott, sondern sozusagen freiwillig. Ich gebe freimütig zu, dass ich nicht geeignet oder fähig bin, in solchen Unterschieden die Geheimnisse der göttlichen Weisheit auszuforschen. Ich sehe aber den Apostel Paulus, der, weil der Geist Gottes in ihm wohnt, den Mut hatte, mit Zuversicht zu sagen: „Uns aber hat Gott es durch den Geist geoffenbart; denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes.“17 Ich sehe diesen Mann als einen, der den Unterschied versteht zwischen „Pharaos Herz wurde verstockt“ und „der Herr verstockte das Herz des Pharao“. Er sagt an anderer Stelle: „Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte und Geduld und Langmut und weißt nicht, dass dich die Geduld Gottes zur Umkehr führen will? Du aber häufst dir mit deinem harten und unbußfertigen Herzen Zorn auf für den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes.“18 In dieser Stelle verurteilt er ohne Zweifel den, der sich freiwillig verstockt. An anderer Stelle aber, als würde er zu diesem Thema eine Frage aufwerfen, sagt er: „So erbarmt er sich, wessen er will, und verhärtet, wen er will.“19

Du wirst mir also sagen: „Warum klagt er dann noch an? Denn wer widersteht seinem Willen?“20 Und er fügt diesen Worten noch hinzu: „O Mensch, wer bist du, dass du mit Gott rechten willst?“21 Ich glaube, er antwortet mit diesen Worten auf die Frage nach dem Menschen, von dem gesagt wird, der Herr habe ihn verhärtet, und zwar nicht so sehr, indem er die Frage löst, sondern indem er sich auf seine apostolische Autorität stützt. Wegen der Unreife seiner Hörer hält er es nicht für angemessen, die Geheimnisse solcher Lösungen „Papier und Tinte anzuvertrauen,“ so wie er auch an einer anderen Stelle von gewissen Worten sagt, er habe „Worte gehört, die ein Mensch nicht sagen darf.“22 Daher schreckt auch die Strenge des edlen Lehrers in dem, was folgt, den Menschen zurück, der aus bloßer Neugier in sehr verborgene Fragen eindringt, nicht so sehr um des Lohnes des Studiums willen, sondern aus bloßem Wissensdrang, wenn er sagt: „O Mensch, wer bist du, dass du mit Gott rechten willst? Wird das Gebildete zu dem, der es gebildet hat, sagen: Warum hast du mich so gemacht?“21 So soll es auch für uns genügen, dies nur festgestellt und bedacht und unseren Hörern gezeigt zu haben, wie viele Dinge im göttlichen Gesetz in tiefe Geheimnisse eingesenkt sind, vor denen wir beten sollen: „Aus der Tiefe habe ich zu dir gerufen, Herr.“23

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Ich meine aber, man muss auch jenen Hinweis bedenken, wenn einmal von Aaron gesagt wird, er habe einige Schläge gegen Pharao oder Ägypten geführt, ein andermal Mose und ein andermal der Herr selbst. Denn bei der ersten Plage, als er „die Wasser in Blut verwandelt“, heißt es von Aaron, er habe seinen Stab erhoben und das Wasser geschlagen. Ebenso bei der zweiten, als er das Wasser schlug und „Frösche hervorbrachte“, und bei der dritten, als er „den Stab mit seiner Hand ausstreckte und den Staub der Erde schlug, und es wurden Stechmücken.“ In diesen drei Schlägen ist Aaron das Werkzeug. Bei der vierten aber wird gesagt, der Herr selbst habe gehandelt, sodass „die Fliegen kamen und das Haus des Pharao erfüllten.“ Auch bei der fünften, als „das Vieh der Ägypter umkam“, wird nicht weniger vom Herrn gesagt, dass er „diese Tat getan habe.“ Bei der sechsten aber „streut Mose Asche aus dem Ofen, und es kommen Geschwüre und brennende Beulen an Menschen und Vieh.“ Ebenso bei der siebten: „Mose erhebt seine Hand zum Himmel, und es gibt Donner und Hagel, und Feuer fährt zur Erde nieder.“24 Auch bei der achten streckt derselbe Mose seine Hand zum Himmel aus, „und der Herr bringt den Wind den ganzen Tag und die ganze Nacht, und er bringt die Heuschrecken herbei.“25 Ebenso bei der neunten streckt derselbe Mose „seine Hand zum Himmel aus, und es wird Finsternis und Dunkel über dem ganzen Land Ägypten.“ 26 Bei der zehnten aber, dem Ziel und Abschluss des ganzen Werkes, wird alles vom Herrn vollbracht. Denn so steht geschrieben: „Es geschah aber um Mitternacht, da schlug der Herr jeden Erstgeborenen im Land Ägypten, vom Erstgeborenen des Pharao, der auf dem Thron saß, bis zum Erstgeborenen des Gefangenen, der im Kerker war, und jeden Erstgeborenen des Viehs.“27

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Es gibt noch einen weiteren Unterschied, den wir in diesen Worten beobachtet haben. Bei der ersten Plage, als das Wasser in Blut übergeht, wird Mose noch nicht befohlen, zu Pharao hineinzugehen, sondern es wird zu ihm gesagt: „Geh hin, ihm am Ufer des Flusses entgegen, wenn er hinausgeht zum Wasser.“28 Bei der zweiten Plage aber, nachdem die erste von diesen Männern fest und treu vollzogen worden war, wird zu Mose gesagt: „Geh hinein zu Pharao,“ und als er eingetreten ist, spricht er: „So spricht der Herr,“29 und so weiter. In der dritten jedoch, als die Stechmücken kommen, geben die Zauberer, die sich zuvor widersetzt hatten, ihren Widerstand auf und bekennen: „Das ist der Finger Gottes.“30 In der vierten wird Mose ebenfalls befohlen, „früh aufzustehen und Pharao entgegenzutreten, wenn er zum Wasser hinausgeht“, als die Häuser der Ägypter von Fliegen erfüllt werden31 . In der fünften wiederum, als das Vieh der Ägypter umkommt, wird Mose befohlen, „zu Pharao hineinzugehen.“ 32 In der sechsten wird Pharao völlig missachtet, und es heißt nicht, dass Mose oder Aaron zu ihm hineingegangen seien, weil „Geschwüre und brennende Beulen sogar an den Zauberern Ägyptens waren, und sie konnten Mose nicht widerstehen.“33 In der siebten, als Hagel, Feuer und Donner kommen, wird Mose geboten, „sehr früh aufzustehen und Pharao entgegenzutreten.“34

In der achten Plage, als die Heuschrecken kommen, erhält Mose den Befehl, „zu ihm hineinzugehen“. In der neunten wird Pharao wieder übergangen, und Mose bekommt den Auftrag, „seine Hände zum Himmel auszubreiten, damit Finsternis über das ganze Land Ägypten komme, eine Finsternis, die man fühlen kann,“12 er geht nicht hinein, sondern wird zu Pharao gerufen. Ebenso ist es bei der zehnten Plage, als die Erstgeborenen getötet werden und das Volk sich sammelt, um eilig aus Ägypten aufzubrechen. Darüber hinaus gibt es viele andere Hinweise, in denen man jeweils einzelne Offenbarungen der göttlichen Weisheit erkennen kann. So wirst du feststellen, dass Pharao bei der ersten Plage, als das Wasser in Blut verwandelt wird, weder überzeugt wird noch den göttlichen Schlägen nachgibt. Bei der zweiten aber scheint er sich etwas zu erweichen. Denn „er rief Mose und Aaron und sagte zu ihnen: ‚Betet zum Herrn für mich, damit er die Frösche von mir und von meinem Volk wegnimmt, dann werde ich das Volk ziehen lassen‘.“35 In der dritten Plage geben die Zauberer nach und sagen zu Pharao: „Das ist der Finger Gottes.“ 36 In der vierten aber, nachdem er durch die Fliegen geschlagen worden ist, sagt Pharao: „Geht, opfert eurem Gott, nur geht nicht zu weit weg! Betet also zum Herrn für mich,“37

Bei der fünften Plage, als er durch das Sterben des Viehs getroffen wird, gibt er nicht nur nicht nach, sondern wird noch mehr verhärtet. So macht er es auch bei der sechsten, in der Plage der Geschwüre. In der siebten Plage aber, als er durch Hagel und Feuer verwüstet wird, heißt es: „Pharao sandte hin und ließ Mose und Aaron rufen und sagte zu ihnen: ‚Ich habe auch diesmal gesündigt; der Herr ist gerecht, ich aber und mein Volk sind böse. Darum betet zum Herrn für mich.‘“38 Bei der achten, als er von den Heuschrecken bedrückt wird, heißt es: „Da beeilte sich Pharao und ließ Mose und Aaron rufen und sagte: ‚Ich habe gesündigt vor dem Herrn, eurem Gott, und gegen euch. Tragt auch diesmal meine Sünde vor den Herrn und betet zu dem Herrn, eurem Gott.‘“39 In der neunten, als er von Finsternis bedeckt ist, heißt es: „Da rief Pharao Mose und Aaron und sagte: ‚Geht, dient dem Herrn, eurem Gott.‘“ 40 Jetzt aber, in der zehnten Plage, als die Erstgeborenen der Menschen und des Viehs umkommen, heißt es: „Pharao rief Mose und Aaron bei Nacht und sagte zu ihnen: ‚Steht auf, geht hinaus aus der Mitte meines Volkes, sowohl ihr als auch die Söhne Israels. Geht, dient dem Herrn, eurem Gott, wie ihr gesagt habt; nehmt auch eure Schafe und euer Vieh und geht, wie ihr gesagt habt. Aber segnet auch mich.‘ Und die Ägypter drängten das Volk, dass sie so schnell wie möglich aus dem Land Ägypten hinauszögen; denn sie sagten: ‚Wir werden alle sterben.‘“41

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Wer ist der Mensch, den Gott mit jenem Geist erfüllt, mit dem er Mose und Aaron erfüllte, als sie diese Wunder und Zeichen wirkten, damit er, vom selben Geist erleuchtet, über das reden kann, was sie getan haben? Denn ich glaube nicht, dass diese vielen verschiedenen, staunenswerten Dinge anders erklärt werden können, als wenn man sie in demselben Geist bespricht, in dem sie geschehen sind; denn auch der Apostel Paulus sagt: „Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan.“42 Die Worte der Propheten sind also nicht „jedem“ zur Auslegung untertan, sondern „den Propheten“. Da aber derselbe selige Apostel uns befiehlt, Nachahmer dieser Gnade zu werden, das heißt der prophetischen Gabe, wenn auch nur in unvollkommener Weise und soweit es in unserer Macht steht, indem er sagt: „Seid eifrig bedacht auf die höheren Gaben, am meisten aber, dass ihr prophetisch redet,“43 wollen auch wir versuchen, Eifer für die guten Gaben zu fassen und, wenn wir etwas davon besitzen, es unter Beweis zu stellen, die Fülle der Gabe aber vom Herrn erwarten. Darum sagt der Herr durch den Propheten: „Tu deinen Mund weit auf, und ich will ihn füllen.“44 Und darum heißt es an anderer Stelle: „Stich ins Auge, und es bringt eine Träne hervor; stich ins Herz, und es bringt Einsicht hervor.“45 Damit wir uns also nicht aus verzweifelter Mutlosigkeit in ein Schweigen flüchten, das die Kirche Gottes in keiner Weise erbaut, wollen wir wieder das Wort ergreifen und kurz über das reden, wozu wir fähig sind und in welchem Maß wir es vermögen.

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Soweit ich es erkennen kann, meine ich, dass dieser Mose, der nach Ägypten kommt und den Stab mit sich bringt, mit dem er Ägypten mit den zehn Plagen schlägt und straft, das Gesetz Gottes ist, das dieser Welt gegeben wurde, damit es sie mit den zehn Plagen zurechtweist und bessert, das heißt mit den zehn Geboten, die im Dekalog enthalten sind. Der Stab aber, durch den all dies geschieht, durch den Ägypten unterworfen und Pharao überwunden wird, ist das Kreuz Christi, durch das diese Welt besiegt und „der Herrscher dieser Welt“46 samt den Fürstentümern und Gewalten im Triumph einhergeführt wird. Die Bedeutung der Tatsache nun, dass der Stab, nachdem er hingeworfen wurde, zu einem Drachen oder einer Schlange wird und die Schlangen der ägyptischen Magier frisst, die ebenso getan hatten, wird in jenem Wort des Evangeliums angedeutet, das zeigt, dass die Schlange Weisheit oder Klugheit bedeutet: „Seid weise wie die Schlangen,“47 sagt die Schrift, und an anderer Stelle: „Die Schlange aber war weiser als alle Tiere und alle Tiere des Feldes, die im Paradies waren.“48 Das Kreuz Christi also, dessen Verkündigung als „Dummheit“ erschien, dieses Kreuz, das Mose, das heißt das Gesetz, in sich trägt, wie der Herr gesagt hat: „Denn er hat von mir geschrieben,“49 dieses Kreuz, sage ich, von dem Mose geschrieben hat, ist, nachdem es auf die Erde geworfen worden war, das heißt, nachdem die Menschen begonnen hatten, an es zu glauben, in Weisheit verwandelt worden, und in eine so große Weisheit, dass es alle Weisheit der Ägypter, das heißt dieser Welt, verschlungen hat. Denn bedenke, wie „Gott die Weisheit dieser Welt zur Dummheit gemacht hat,“ nachdem er „Christus, den Gekreuzigten, als die Kraft Gottes und Weisheit Gottes“50 offenbart hat, und wie jetzt die ganze Welt gefangen ist von dem, der gesagt hat: „Ich fange die Weisen in ihrer List.“51 Auch die Tatsache, dass die Wasser des Flusses in Blut verwandelt werden, lässt sich sehr treffend deuten.

Zuerst ist es recht, dass eben jener Fluss, in den sie die Kinder der Hebräer zur grausamen Schlachtung geworfen hatten, den Urhebern des Bösen nun Blut zu trinken gibt und dass sie das Blut eines verdorbenen Stromes trinken müssen, den sie selbst durch Mord entweiht haben. Danach aber, damit in den allegorischen Gesetzen nichts fehle, wird das Wasser in Blut verwandelt, und Ägypten bekommt sein eigenes Blut zu trinken. Die Wasser Ägyptens sind die irrenden und glitschigen Lehren der Philosophen. Weil diese Lehren Menschen getäuscht haben, die schwach im Verstand und Kinder im Wissen waren, müssen jene Lehren, sobald das Kreuz Christi dieser Welt das Licht der Wahrheit zeigt, für den Tod der Kinder und für die Blutschuld Strafe zahlen. Denn so sagt auch der Herr selbst: „Alles Blut, das auf der Erde vergossen worden ist, vom Blut Abels, des Gerechten, bis zum Blut des Zacharias, wird von diesem Geschlecht gefordert werden.“52 Die Lieder der Dichter, so denke ich, sind bildlich durch die zweite Plage angedeutet, in der Frösche hervorkommen. Die Dichter haben mit einer gewissen leeren, aufgeblasenen Melodie verführerische Geschichten in diese Welt eingeführt, wie mit dem Gequake und den Liedern der Frösche. Denn dieses Tier ist nutzlos, außer dass es einen minderwertigen, rauen Laut hervorbringt. Danach kommen die Stechmücken. Dieses Tier wird, während es durch die Luft fliegt, von seinen Flügeln getragen, ist aber so fein und klein, dass es dem Auge entgeht, wenn man nicht sehr genau hinschaut. Setzt es sich jedoch auf den Körper, bohrt es mit dem schärfsten Stachel, sodass man das, was man im Flug nicht sehen konnte, als Stich sehr wohl spürt.

Diese Art von Tier, meine ich, lässt sich am treffendsten mit der Kunst der Dialektik vergleichen, die die Seelen mit winzigen, feinen Stichworten durchbohrt und sie so scharfsinnig umgeht, dass der, der betrogen wird, die Täuschung weder sieht noch begreift. An vierter Stelle würde ich die Fliege mit der Sekte der Kyniker vergleichen, die neben den übrigen Verderbtheiten ihrer Verführung Lust und Begierde als das höchste Gut ausrufen. Da also die Welt zuerst durch solche einzelnen Dinge verführt worden ist, tadeln sie das Wort und das Gesetz Gottes, wenn sie kommen, mit eben solchen Schlägen, damit die Welt aus der Art der Strafen die Art ihrer Irrtümer kennenlernt. Ägypten aber wird an fünfter Stelle durch den Tod der Tiere und des Viehs geschlagen. Darin wird der Wahnsinn und die Dummheit der Sterblichen überführt, die zum Beispiel unvernünftigem Vieh Verehrung entgegenbrachten und Bildern nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren, in Holz und Stein geprägt, den Namen „Gott“ gaben. Sie verehren Jupiter Hammon im Widder und Anubis im Hund. Sie beten Apis im Stier an und andere Tiere, die Ägypten als Wunderzeichen der Götter bewundert. Darum sehen sie gerade an jenen Tieren jämmerliches Leid, in denen sie meinten, eine Gottheit verehren zu müssen. Danach kommen in der sechsten Plage Geschwüre und brennende Beulen hervor. Mir scheint, in den Geschwüren wird die betrügerische, eiternde Bosheit entlarvt, in den Beulen die geschwollene, aufgeblasene Überheblichkeit, in den Fiebern der Wahnsinn des Zorns und der Raserei. So sehr werden die Leiden in der Welt durch die Gestalten ihrer eigenen Irrtümer regiert.

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Doch nach diesen Schlägen kommen „Geräusche“ von oben, sagt der Text, gewiss Donnerschläge, „und Hagel und Feuer, das mitten im Hagel umherfährt.“53 Sieh das Maß des göttlichen Tadels: Er schlägt nicht lautlos, sondern er lässt es krachen und sendet eine Lehre vom Himmel, durch die der Gezüchtigte seine Schuld erkennen kann. Und er sendet Hagel, durch den die noch zarten, unreifen Laster verwüstet werden. Und er sendet Feuer, weil er weiß, dass es „Dornen und Disteln“ gibt, die dieses Feuer verzehren soll, von denen der Herr sagt: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen.“54 Die Anreize der Lust und der Leidenschaft werden durch dieses Feuer verbrannt. Die Heuschrecken werden an achter Stelle genannt. Ich meine, dass durch diese Art von Plage die Wankelmütigkeit des Menschengeschlechts, das sich ständig selbst widerspricht und mit sich selbst im Streit liegt, gezügelt wird. Denn obwohl die Heuschrecken keinen König haben, wie die Schrift sagt, „die keinen König haben und doch allesamt in geordneten Reihen ausziehen,“55 haben die Menschen, obwohl sie von Gott als vernünftige Wesen geschaffen sind, weder sich selbst in guter Ordnung regieren können noch bereitwillig ertragen, von Gott als ihrem König gelenkt zu werden.

Die neunte Plage ist die Finsternis – entweder, damit die Blindheit ihres Denkens bloßgestellt wird, oder damit sie begreifen, dass die Gründe der göttlichen Heilsordnung und Vorsehung höchst dunkel sind. Denn „Gott machte die Finsternis zu seiner Hütte.“56 Diejenigen, die kühn und leichtfertig versuchen, diese Finsternis zu durchforschen und sich dabei dies und jenes herausgreifen, sind kopfüber in die „Finsternis“ der Irrtümer gestürzt, eine dichte Finsternis, die man förmlich greifen kann. Schließlich wird der Tod der Erstgeborenen erwähnt. Vielleicht liegt in diesem Geschehen etwas, das über unser Begreifen hinausgeht und so aussieht, als hätten die Ägypter es gegen „die Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind,“57 verübt. Darum wird auch der Verderbungsengel zu diesem Auftrag gesandt, der nur die verschont, bei denen an jedem Türpfosten das Blut des Lammes gefunden wird. Währenddessen werden die Erstgeborenen der Ägypter vernichtet. Wir würden sagen, sie sind entweder „die Fürstentümer und Gewalten“ und die „Herrscher dieser Welt der Finsternis“, die Christus bei seinem Kommen „öffentlich bloßgestellt“ hat,58 das heißt, die er als Gefangene „mitgeführt und im Holz des Kreuzes über sie triumphiert hat,“59 oder sie sind die Urheber und Erfinder der falschen Religionen, die in dieser Welt waren und die die Wahrheit Christi samt ihren Urhebern ausgelöscht und vernichtet hat. Das alles gehört zur mystischen Deutung.

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Wenn wir nun auch die moralische Deutung betrachten wollen, sagen wir: Jede Seele in dieser Welt, solange sie in Irrtümern und in Unwissenheit gegenüber der Wahrheit lebt, ist in Ägypten. Wenn das Gesetz Gottes dieser Seele nahe zu kommen beginnt, verwandelt es ihr die Wasser in Blut, das heißt: Es macht aus dem fließenden, glitschigen Leben der Jugend das Blut des Alten oder Neuen Testaments. Dann zieht es aus der Seele die eitle, leere Geschwätzigkeit und das Murren gegen die Vorsehung Gottes heraus, das wie das Gequake der Frösche ist. Es reinigt auch ihre bösen Gedanken und vertreibt die stechenden Mücken, das heißt die stichartige Macht der List. Es nimmt auch die Bisse der Leidenschaften weg, die den Stichen der Fliege gleichen, und vernichtet die Dummheit und das tierische Denken in der Seele, durch das „der Mensch in Herrlichkeit war und nicht verstand, sondern den dummen Tieren gleichgestellt und ihnen ähnlich geworden ist.“60 Und im Blick auf die Geschwüre am Vieh tadelt das Gesetz die geschwollene Überheblichkeit der Seele und löscht die Glut des Wahnsinns in ihr aus. Danach bedient es sich außerdem der Stimmen der „Söhne des Donners“61 , das heißt der Lehren der Evangelien und der Apostel, und achtet auch auf die Zucht des Hagels, damit es den Überfluss der Lust zügelt. Zugleich gebraucht es das Feuer der Buße, damit die Seele ebenfalls sagen kann: „Brannte nicht unser Herz in uns.“62 Und das Gesetz Gottes nimmt der Seele auch das Beispiel der Heuschrecken nicht weg, durch die all ihre ruhelosen und aufgewühlten Regungen abgefressen und verzehrt werden, sodass auch sie lernt, was der Apostel lehrt: „dass alles ehrbar und geordnet zugeht.“63

Wenn aber die Seele im Blick auf ihre Moral ausreichend gezügelt und dazu angehalten worden ist, ihr Leben untadeliger zu führen, wenn sie den Urheber der Schläge erkannt und begonnen hat zu bekennen: „Das ist der Finger Gottes,“30 und sie etwas Einsicht gewonnen hat, dann sieht die Seele erst recht die Finsternis ihres eigenen Verhaltens, dann erkennt sie das Dunkel ihrer eigenen Irrtümer. Und wenn die Seele an diesem Punkt angekommen ist, dann wird sie es verdienen, dass in ihr die Erstgeborenen der Ägypter vernichtet werden. Ich meine, man kann etwa Folgendes darunter verstehen. Jede Seele, wenn sie zur Fülle des Lebens vorgedrungen ist und wenn gewissermaßen ein natürliches Gesetz in ihr begonnen hat, ihre eigenen Ansprüche zu verteidigen, bringt ohne Zweifel erste Regungen hervor, die der Begierde des Fleisches folgen, Regungen, die eine von Lust oder Zorn aufgestachelte Seele in Gang setzt. Darum sagt der Prophet über Christus allein etwas, das gleichsam eigentümlich ist und nicht mit anderen Menschen geteilt wird: „Er wird Butter und Honig essen, bevor er etwas Böses tut oder spricht; er wird das Gute wählen, denn noch bevor er als Kind das Gute oder das Böse kennt, widersteht er dem Bösen, um das Gute zu wählen.“64 Ein anderer Prophet aber sagt, von sich selbst sprechend: „Gedenke nicht der Vergehen meiner Jugend und meiner Unwissenheit.“65 Weil also jene ersten Regungen der Seele, die dem Fleisch entsprechen, sich Hals über Kopf in die Sünde stürzen, werden sie mit Recht im moralischen Sinn als die Erstgeborenen der Ägypter dargestellt, die vernichtet werden, insofern die Umkehr für den Rest des Lebens einen vollkommeneren Weg vorgibt.

Also sind demnach die Erstgeborenen der Ägypter in jener Seele als vernichtet zu verstehen, die das göttliche Gesetz, nachdem es sie aus ihren Irrtümern herausgehoben hat, zügelt und zurechtbringt, es sei denn, die Seele verharrt trotz all dem in Treulosigkeit und will sich nicht mit dem Volk Israel verbinden, damit sie aus der Tiefe hinausziehe und unversehrt hervorgehe, sondern bleibt in der Ungerechtigkeit und sinkt „wie Blei im heftigsten Wasser.“66 Denn die Ungerechtigkeit sitzt nach der Vision des Propheten Zacharias auf einem Talent Blei. Darum heißt es von dem, der in der Ungerechtigkeit bleibt, er werde in der Tiefe „wie Blei“ versenkt. In einigen der oben erwähnten Vorgänge haben wir klar bemerkt, dass gewisse Wunderzeichen von Aaron vollbracht werden, andere von Mose, wieder andere aber vom Herrn selbst. Diese Unterschiede kann man so verstehen, dass sie uns zeigen, in welchen Dingen wir durch die Opfer der Priester und die Fürbitten der Hohepriester gereinigt werden sollen, deren Rolle Aaron verkörpert, in welchen Dingen wir durch das Wissen um das göttliche Gesetz zurechtgebracht werden sollen, wie es das Amt des Mose darstellt; in anderen aber, die ohne Zweifel schwerer sind, bedürfen wir der Macht des Herrn selbst.

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Aber denke nicht, dass wir ohne Grund darauf geachtet hätten, dass Mose anfangs nicht zu Pharao hineingeht, sondern nur zu ihm kommt, wenn er hinaus zu den Wassern geht, dass er später dann zu ihm hineingeht und danach wiederum nicht hineingeht, sondern erst nach einer Vorladung vor Pharao tritt. Ich meine, das bedeutet Folgendes: Ob unser Kampf gegen Pharao nun das Wort Gottes und die Ausübung der Religion betrifft oder ob wir versuchen, die von ihm belagerten Seelen seiner Macht zu entreißen und uns mit Vernunftgründen auseinandersetzen müssen – wir sollen nicht gleich beim ersten Auftreten bis zu den letzten, eigentlichen Streitfragen vordringen, sondern wir müssen dem Widersacher entgegengehen und ihm an seinen Wassern entgegentreten; denn seine Wasser sind die heidnischen Philosophen. Zuerst also müssen wir dorthin hinausgehen, um ihnen zu begegnen und mit denen zu diskutieren, die dazu bereit sind, damit wir ihnen zeigen und sie lehren, dass sie geirrt haben. Danach erst sollen wir auch zu den tieferen Gegenständen des Kampfes vordringen. Denn auch der Herr sagt: „Wenn nicht zuerst der Starke gebunden wird, kann man nicht in sein Haus hineingehen und seine Gefäße rauben.“67 Zuerst also müssen wir „den Starken“ binden. Er muss mit den Fesseln der Fragen gebunden werden, und so müssen wir hineingehen, um „seine Gefäße“ zu plündern und die Seelen zu befreien, die er sich durch betrügerische Täuschung angeeignet hatte.

Wenn wir dies oft getan und ihm widerstanden haben – wie der Apostel sagt, „So steht nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit,“68 und wieder: „Steht fest im Herrn und verhaltet euch wie Männer,“69 – wenn wir ihm also auf diese Weise entgegentreten, dann wird jener uralte, listige Ränkeschmied sich so stellen, als sei er besiegt, und so tun, als gäbe er nach, um uns vielleicht im Kampf nachlässiger zu machen. Er wird sogar eine falsche Reue vorspielen und uns anflehen, wegzugehen – aber nicht weit. Er will, dass wir ihm in gewisser Nähe bleiben; zu seinen eigenen Zwecken will er, dass wir nicht weit von ihm weggehen. Wenn wir uns aber nicht weit von ihm zurückziehen, nicht das Meer durchqueren und nicht sagen: „So weit der Osten vom Westen ist, hat er unsere Ungerechtigkeiten von uns entfernt,“70 können wir nicht gerettet werden. Darum lasst uns um das Erbarmen des Herrn bitten, dass er auch uns aus dem Land Ägypten, aus der Macht der Finsternis, herausreißt und den Pharao mit seinem Heer „wie Blei im heftigsten Wasser“66 versinken lässt. Wenn wir aber befreit worden sind, lasst uns „dem Herrn singen“ mit Freude und Jubel, „denn er ist herrlich und ehrwürdig,“71 denn Ehre und Herrlichkeit sind sein in alle Ewigkeit. Amen.

Schriftstellen

  1. Ex 7,10
  2. Ex 7,13
  3. Ex 7,20-22
  4. Ex 7,27-8,10
  5. Ex 8,12-15
  6. Ex 8,16-28
  7. Ex 9,3
  8. Ex 9,8-11
  9. Ex 9,12
  10. Ex 9,34-35
  11. Ex 10,20
  12. Ex 10,21
  13. Ex 10,27
  14. Ex 14,8
  15. Ex 4,21
  16. Ex 7,3
  17. 1Kor 2,10
  18. Röm 2,4-5
  19. Röm 9,18
  20. Röm 9,19
  21. Röm 9,20
  22. 2Kor 12,4
  23. Ps 129,1
  24. Ex 9,23
  25. Ex 10,3
  26. Ex 10,21-22
  27. Ex 12,29
  28. Ex 7,15
  29. Ex 7,26-27
  30. Ex 8,19
  31. Ex 8,16-20
  32. Ex 9,1
  33. Ex 9,11
  34. Ex 9,13
  35. Ex 8,8
  36. Ex 8,15
  37. Ex 8,24
  38. Ex 9,27-28
  39. Ex 10,16-17
  40. Ex 10,24
  41. Ex 12,31-33
  42. 1Kor 2,14
  43. 1Kor 12,31; 1Kor 14,1
  44. Ps 80,11
  45. Sir 22,19
  46. Joh 12,31; Kol 2,15
  47. Mt 10,16
  48. Gen 3,1
  49. Joh 5,46
  50. 1Kor 1,20; 1Kor 1,23-24
  51. 1Kor 3,19; Hi 5,13
  52. Lk 11,50-51; Mt 23,35
  53. Ex 9,23-24
  54. Lk 12,49
  55. Spr 30,27
  56. Ps 18,12
  57. Hebr 12,23
  58. Eph 6,12
  59. Kol 2,15
  60. Ps 48,13
  61. Mk 3,17
  62. Lk 24,32
  63. 1Kor 14,40
  64. Jes 7,15-16
  65. Ps 24,7
  66. Ex 15,10
  67. Mk 3,27
  68. Eph 6,14
  69. 1Kor 16,13
  70. Ps 102,12
  71. Ex 15,1