3. Predigt zu Exodus
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Solange Mose in Ägypten war und „in aller Weisheit der Ägypter unterwiesen wurde,“1 war er weder „schwach in der Sprache“, „langsam mit der Zunge“, noch gab er vor ungeschickt im Reden zu sein: 2 denn gegenüber den Ägyptern war seine Rede klangvoll und seine Eloquenz unvergleichlich. Als er aber begann, die Stimme Gottes zu hören und göttliche Mitteilungen zu erkennen, da merkte er, dass seine eigene Stimme dürftig und schwach ist, und er versteht, dass seine Zunge langsam und gehemmt ist. Als er das wahre Wort zu erkennen begann, das „am Anfang bei Gott war,“3 erklärt er, er sei stumm. Ein Vergleich mag das Gesagte leichter verständlich machen: Wird ein vernunftbegabter Mensch mit den stummen Tieren verglichen, so wird er, auch wenn er unkundig und ungebildet ist, im Vergleich zu ihnen, denen sowohl Vernunft als auch Sprache fehlen, als eloquent erscheinen. Wird er aber mit gelehrten und redegewandten Menschen verglichen, die in aller Weisheit hervorragend sind, wird er ungeschickt im Reden und stumm erscheinen. Und wenn einer das göttliche Wort selbst ins Auge fasst und die göttliche Weisheit selbst betrachtet, wird er, wie gelehrt und weise er auch sei, bekennen, dass er im Vergleich zu Gott in weit höherem Maß ein stummes Tier ist, als das Vieh es im Vergleich zu uns ist. Der selige David hat das gewiss im Blick und wiegt sich auf der Waage der göttlichen Weisheit, wenn er sagt: „Ich wurde vor dir wie ein Lasttier.“4 In diesem Sinn sagt daher auch Mose, der Größte unter den Propheten, in der vorliegenden Stelle zu Gott, er sei „schwach in der Sprache“ und „langsam mit der Zunge“ und ungeschickt im Reden. Denn alle Menschen müssen im Vergleich zum göttlichen Wort nicht nur als uneloquent, sondern sogar als stumm gelten.
Die göttliche Hoheit vergilt ihm also, weil er zur Selbsterkenntnis vorangekommen ist, in der der größte Teil der Weisheit liegt. Hör, wie reich und herrlich seine Gaben waren. Der Text sagt: „Ich werde deinen Mund öffnen und dich lehren, was du sagen musst.“5 Selig sind, deren Mund Gott öffnet, damit sie reden. Gott öffnet den Mund der Propheten und füllt ihn mit seiner Beredsamkeit, wie er es in der vorliegenden Stelle sagt: „Ich werde deinen Mund öffnen und dich lehren, was du sagen musst.“5 Aber Gott sagt auch durch David: „Tu deinen Mund weit auf, und ich werde ihn füllen.“6 Ebenso sagt Paulus: „dass mir beim Öffnen meines Mundes das Wort gegeben werde,“7 Gott öffnet also den Mund derer, die die Worte Gottes reden. Ich fürchte jedoch, dass es umgekehrt auch solche gibt, deren Mund der Teufel öffnet. Denn gewiss hat der Teufel dem, der Lüge redet, den Mund zur Lüge geöffnet. Der Teufel hat dem, der falsches Zeugnis spricht, den Mund geöffnet. Er hat denen den Mund geöffnet, die Obszönes, Schmutz und dergleichen aus ihrem Mund hervorbringen. Ich fürchte, der Teufel öffnet auch den Mund „der Flüsterer und Herabsetzer,“8 und ebenso den derer, „die unnütze Worte hervorbringen, für die am Tag des Gerichts Rechenschaft gegeben werden muss.“9 Wer zweifelt noch daran, dass der Teufel den Mund derer öffnet, „die Frevel gegen den Höchsten reden,“10 „die leugnen, dass mein Herr Jesus Christus im Fleisch gekommen ist,“ oder „die den Heiligen Geist lästern, denen weder in diesem Zeitalter noch im kommenden vergeben wird.“11
Willst du, dass ich dir aus der Schrift zeige, wie der Teufel den Mund solcher Menschen öffnet, die gegen Christus reden? Achte darauf, was über Judas geschrieben ist, wie berichtet wird: „Satan fuhr in ihn,“ 12 und: „der Teufel legte es in sein Herz, ihn zu verraten,“13 er also, nachdem er das Geld genommen hatte, öffnete seinen Mund, „damit er mit den Anführern und den Pharisäern berate, wie er ihn verraten könnte,“14 daher scheint es mir keine geringe Gabe zu sein, den Mund zu erkennen, den der Teufel öffnet. Einen solchen Mund und solche Worte erkennt man nicht ohne die Gabe des Heiligen Geistes. Darum wird bei der Verteilung der geistlichen Gaben auch hinzugefügt, dass „Unterscheidung der Geister“ 15 manchen gegeben wird, eine geistliche Gabe also, durch die der Geist erkannt wird, wie der Apostel anderswo sagt: „Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind,“16 wie Gott aber den Mund der Heiligen öffnet, so, meine ich, öffnet Gott auch die Ohren der Heiligen, die göttlichen Worte zu hören. Denn so sagt der Prophet Jesaja: „Der Herr wird mein Ohr öffnen, damit ich erkenne, wann das Wort zu sagen ist,“17 so öffnet der Herr auch Augen, wie „der Herr Hagar die Augen öffnete und sie sah einen Brunnen lebendigen Wassers.“18 Ebenso sagt der Prophet Elischa: „Öffne, Herr, die Augen des Dieners, damit er sehe, dass mehr bei uns sind als beim Feind.“ Und der Herr öffnete die Augen des Dieners, und siehe, der ganze Berg war voll von Pferden und Wagen und himmlischen Helfern, denn „der Engel des Herrn lagert sich rings um die, die ihn fürchten, und wird sie erretten.“19
Wie gesagt, öffnet Gott daher Mund, Ohren und Augen, damit wir entweder sprechen oder unterscheiden oder hören, welche Worte von Gott sind. Bedeutsam finde ich auch das Wort des Propheten: „Die Zucht des Herrn hat mir das Ohr geöffnet.“20 Das beziehe ich auf uns, nämlich auf die ganze Kirche Gottes. Denn wenn wir in der Zucht des Herrn leben, öffnet die „Zucht des Herrn“ auch unser „Ohr“. Doch das Ohr, das durch die Zucht des Herrn geöffnet wird, ist nicht immer geöffnet, sondern mal geöffnet, mal verschlossen. Hör den Gesetzgeber sagen: „Nimm kein leeres Gerücht an,“ 21 wenn also je Leeres geredet wird, wenn je Dinge vorgebracht werden, die leer, ungehörig, schamlos, profan, böse sind, schließt der, der „die Zucht des Herrn“ kennt, seine Ohren, wendet sich vom Hören ab und sagt: „Ich aber war wie ein Tauber und hörte nicht, und ich war wie ein Stummer, der seinen Mund nicht öffnet.“22 Ist aber das, was gesagt wird, der Seele nützlich, ist es ein Wort von Gott, lehrt es die Sitten, ruft es zu Tugenden und hält es die Laster zurück, dann sollen die Ohren für solche Lehren offenstehen, und nicht nur die Ohren, sondern auch Herz und Verstand und jeder Eingang der Seele soll für eine solche Nachricht weit aufgetan werden. Das Gesetz hat übrigens große Mäßigung gezeigt, als es das Gebot formulierte: „Du sollst kein leeres Gerücht annehmen.“21 Es hat nicht gesagt: „Du sollst kein leeres Gerücht hören,“ sondern: „Du sollst es nicht annehmen.“ Wir hören oft leere Worte. Was Marcion sagt, ist leer. Was Valentinus sagt, ist leer. Alle, die gegen den Schöpfergott reden, reden leere Worte. Dennoch hören wir sie häufig an, damit wir ihnen antworten können, damit sie nicht mit geschmückter Rede heimlich einigen Einfachen, die auch unsere Brüder sind, entreißen.
Darum hören wir diese Worte, aber wir nehmen sie nicht an. Denn sie werden aus jenem Mund gesprochen, den der Teufel geöffnet hat. Deshalb sollen wir beten, dass der Herr es für gut hält, unseren Mund zu öffnen, damit wir denen widersprechen können, die uns widersprechen, und den Mund zu schließen, den der Teufel öffnet. Dies haben wir über das Wort gesagt: „Ich werde deinen Mund öffnen und dich lehren, was du reden musst.“5 Doch nicht nur Mose ist verheißen, dass sein Mund vom Herrn geöffnet wird, sondern auch Aaron. Denn auch von ihm heißt es: „Ich werde deinen Mund und seinen Mund öffnen und euch lehren, was ihr tun sollt.“23 Denn auch Aaron ging Mose entgegen, als er aus Ägypten aufbrach. Aber wo ging er ihm entgegen, an welchen Ort? Denn es ist wichtig, wo derjenige Mose begegnet, dessen Mund von Gott geöffnet werden soll. Denn es heißt: „Er ging ihm entgegen auf dem Berg Gottes.“ 24 Siehst du, dass der Mund dessen zu Recht geöffnet wird, der Mose auf dem Berg Gottes entgegengehen kann? Petrus, Jakobus und Johannes stiegen auf den Berg Gottes hinauf, um würdig zu werden, Jesus verklärt zu sehen und Mose und Elias mit ihm in Herrlichkeit zu schauen. So auch du: Wenn du nicht auf den Berg Gottes hinaufsteigst und Mose dort entgegentrittst, das heißt, wenn du nicht zum erhabenen Verständnis des Gesetzes hinaufsteigst, wenn du dich nicht zum Gipfel der geistlichen Erkenntnis emporarbeitest, ist dein Mund vom Herrn nicht geöffnet worden. Wenn du auf der niedrigen Stufe des Buchstabens stehenbleibst und den Text der Erzählung mit jüdischen Geschichten verknüpfst, dann bist du Mose nicht auf dem Berg Gottes begegnet, und Gott hat weder deinen Mund geöffnet noch dich gelehrt, was du reden musst. Wenn also Aaron Mose nicht „auf dem Berg Gottes entgegengegangen wäre,“24 wenn er nicht seinen erhabenen, hoch aufragenden Sinn gesehen und seine hohe Einsicht erkannt hätte, dann hätte Mose niemals die Worte Gottes zu ihm geredet, ihm niemals die Vollmacht über Zeichen und Wunder übergeben und ihn niemals zum Teilhaber eines so großen Geheimnisses bestimmt.
Da es aber zu lange dauern würde, die einzelnen Dinge der Reihe nach zu behandeln, wollen wir sehen, was „Mose und Aaron“ sagten, „als sie zu Pharao hineingingen“. „So spricht der Herr: ‚Lass mein Volk ziehen, damit sie mir in der Wüste dienen.‘“ 25 Mose will nicht, dass das Volk Gott dient, solange es noch in Ägypten ist, sondern dass es hinauszieht in die Wüste und dort dem Herrn dient. Das bedeutet ohne Zweifel: Solange jemand in den finsteren Geschäften dieser Welt verstrickt bleibt und in der Finsternis des täglichen Geschäftslebens lebt, kann er „dem Herrn nicht dienen“, denn er kann nicht „zwei Herren dienen“, er kann nicht „dem Herrn und dem Mammon dienen.“26 Darum müssen wir aus Ägypten hinausgehen. Wir müssen die Welt hinter uns lassen, wenn wir „dem Herrn dienen“ wollen. Ich meine aber, dass wir die Welt nicht räumlich verlassen sollen, sondern mit der Seele; nicht indem wir eine äußere Reise antreten, sondern indem wir im Glauben voranschreiten. Höre, wie Johannes dasselbe sagt: „Kinder, liebt nicht die Welt, noch das, was in der Welt ist; denn alles, was in der Welt ist, ist die Begierde des Fleisches und die Begierde der Augen.“27 Und was sagt Mose? Sehen wir, wie oder in welchem Maß er uns befiehlt, von Ägypten aufzubrechen. „Wir wollen“, sagt er, „einen Weg von drei Tagen in die Wüste gehen, und dort wollen wir dem Herrn, unserem Gott, opfern.“28 Was ist dieser „Weg von drei Tagen“, den wir gehen sollen, damit wir, aus Ägypten hinausgezogen, an den Ort gelangen, an dem wir opfern sollen? Ich verstehe unter dem „Weg“ den, der gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“29
Diesen Weg sollen wir drei Tage lang gehen. Denn wer „mit seinem Mund den Herrn Jesus bekannt hat und in seinem Herzen geglaubt hat, dass Gott ihn am dritten Tag von den Toten auferweckt hat, wird gerettet werden.“ 30 Das ist also der „Weg von drei Tagen“, durch den man an den Ort gelangt, an dem das „Opfer des Lobes“ dargebracht und dem Herrn aufgeopfert wird. Was wir gesagt haben, gehört zur mystischen Deutung. Wenn wir aber auch Raum für die moralische Deutung suchen, die für uns sehr nützlich ist, dann legen wir einen „Weg von drei Tagen“ von Ägypten zurück, wenn wir uns so von jeder Unreinheit von Seele, Körper und Geist fernhalten, dass, wie der Apostel sagt, „unser Geist und unsere Seele und unser Körper unversehrt bewahrt werden am Tag Jesu Christi.“31 Einen „Weg von drei Tagen“ aus Ägypten gehen wir, wenn wir, loslassend von den weltlichen Dingen, unsere vernünftige, natürliche, sittliche Weisheit den göttlichen Gesetzen zuwenden. Einen „Weg von drei Tagen“ aus Ägypten gehen wir, wenn wir unsere Worte, Taten und Gedanken reinigen – denn dies sind die drei Dinge, durch die der Mensch sündigen kann –, damit wir „rein im Herzen“ werden und so „Gott sehen“ können.32 Willst du aber sehen, dass genau dies der Heilige Geist in den Schriften andeutet? Wenn dieser Pharao, der Fürst Ägyptens, sieht, dass er stark bedrängt wird, das Volk Gottes wegzuschicken, versucht er durch diesen minderen Vorschlag zu erreichen, „dass sie nicht weiter weggehen“, dass sie nicht den ganzen Weg von drei Tagen zurücklegen. Er sagt: „Geht nicht weit weg.“ 33 Er will nicht, dass das Volk Gottes fern von ihm ist. Er will, dass sie sündigen, wenn nicht in der Tat, so doch im Wort; und wenn nicht im Wort, so doch im Gedanken. Er will nicht, dass sie den ganzen Weg von drei Tagen von ihm fortgehen. Er will wenigstens einen einzigen Tag in uns als seinen Besitz behalten. In manchen hat er zwei Tage, in anderen besitzt er alle drei Tage. Selig aber sind die, die volle drei Tage von ihm abstehen, sodass er keinen einzigen Tag in ihnen als seinen eigenen hat.
Denke also nicht, Mose habe das Volk nur damals aus Ägypten geführt. Auch jetzt noch will Mose, den wir bei uns haben – „denn wir haben Mose und die Propheten,“34 das heißt das Gesetz Gottes –, dich aus Ägypten herausführen. Wenn du darauf hören wölltest, würde es dich „weit weg“ von Pharao bringen. Wenn du nur das Gesetz Gottes hören und geistlich verstehen wölltest, würde es dich befreien von der Arbeit mit Schlamm und Spreu. Es will nicht, dass du in den Betätigungen des Fleisches und der Finsternis bleibst, sondern dass du in die Wüste hinausgehst, an den Ort kommst, der frei ist von den Verwirrungen und Aufruhren der Welt, dass du zur Ruhe der Stille gelangst. Denn „Worte der Weisheit werden in Stille und Ruhe gelernt.“ 35 Wenn du also an diesen Ort der Ruhe kommst, wirst du dort „dem Herrn opfern“28 können. Du wirst dort das Gesetz Gottes erkennen und die Kraft der göttlichen Stimme erfahren. Darum will Mose dich aus der Mitte des wankenden Alltagsgeschäfts und aus der Mitte lärmender Menschen herausführen. Darum will er, dass du aus Ägypten wegziehst, das heißt aus der Finsternis der Unwissenheit, damit du das Gesetz Gottes hörst und das Licht der Erkenntnis empfängst. Aber Pharao widersetzt sich. „Der Herrscher dieser Finsternis“36 will nicht, dass du zur Ruhe kommst; er will nicht, dass du aus seiner Finsternis herausgerissen und zum Licht der Erkenntnis geführt wirst. Und höre, was er sagt: „Wer ist der, auf dessen Stimme ich hören soll? Ich kenne den Herrn nicht, und Israel lasse ich nicht ziehen“37 .
Hörst du, was der Fürst dieser Welt antwortet? Er sagt, er kenne Gott nicht. Siehst du, was rohe Überheblichkeit anrichtet? Der Hochmut beherrscht ihn, solange er „nicht an den Mühen der Menschen Anteil hat und nicht mit den Menschen gegeißelt wird.“38 Wenig später wirst du sehen, wie sehr er durch Geißelungen vorankommt, wie viel besser er wird, wenn er gezüchtigt worden ist. Derselbe, der jetzt sagt: „Ich kenne den Herrn nicht,“37 wird später, wenn er die Wucht der Peitsche gespürt hat, sagen: „Bete für mich zum Herrn.“39 Und nicht nur das, sondern er wird sogar mit seinen eigenen Zauberern als Zeugen zugeben, dass in der Kraft der Zeichen „der Finger Gottes“ 40 am Werk ist. Niemand soll daher so unwissend sein über die göttliche Zucht, dass er die göttlichen Geißelungen für Vernichtung hält oder die Züchtigungen des Herrn für eine strafende Auslöschung. Sieh doch: selbst Pharao, dieser äußerst harte Mensch – und dennoch zieht er Nutzen daraus, wenn er gegeißelt wird. Vor den Geißelungen kennt er den Herrn nicht; nachdem er gegeißelt worden ist, bittet er, Mose möge zum Herrn für ihn beten. Durch die Strafen ist er so weit gekommen, dass er einsieht, weshalb er Strafe verdient. Darum sagte er: „Ich kenne den Herrn nicht, und Israel lasse ich nicht ziehen.“ 37 Achte aber darauf, wie er, nachdem er gegeißelt worden ist, dieses Wort im Evangelium gleichsam berichtigt. Denn es steht geschrieben, dass die Dämonen zum Herrn schrien und sagten: „Warum bist du gekommen, uns vor der Zeit zu quälen? Wir wissen, wer du bist. Du bist der Sohn des lebendigen Gottes,“41 nachdem sie die Qualen erfahren haben, kennen sie den Herrn. Vor den Geißelungen sagt er: „Ich kenne den Herrn nicht, und Israel lasse ich nicht ziehen.“37
Aber er wird Israel hinausziehen lassen, und er wird sie nicht nur hinausziehen lassen, sondern er selbst wird sie zum Aufbruch drängen. Denn es gibt keine „Gemeinschaft zwischen Licht und Finsternis,“ keinen „Anteil zwischen Glauben und Unglauben.“42 Was fügt er aber seinen Antworten weiter hinzu? „Warum“, sagt er, „Mose und Aaron, haltet ihr das Volk von seinen Arbeiten ab? Geht an eure Arbeiten.“ 43 Solange das Volk bei ihm ist und in „Schlamm“ und „Ziegeln“ arbeitet, solange es mit „Stroh“ beschäftigt ist, hält er sie nicht für verführt, sondern für Leute, die auf dem rechten Weg gehen. Wenn das Volk aber sagt: Ich will „einen Weg von drei Tagen gehen,“ 28 und „dem Herrn dienen,“25 dann behauptet er, Mose und Aaron hätten sie in die Irre geführt. Dies ist nämlich „den Alten gesagt worden.“44 Aber auch heute noch, wenn Mose und Aaron, das heißt das prophetische und das priesterliche Wort, eine Seele zum Dienst Gottes aufrütteln, sie einladen, aus der Welt herauszutreten, alles aufzugeben, was sie besitzt, auf das göttliche Gesetz zu achten und dem Wort Gottes zu folgen, wirst du sofort von denen hören, die mit Pharao und seinen Freunden eines Sinnes sind: „Sieh, wie die Menschen verführt und verdorben werden! Wie junge Leute arbeiten sie nicht, sie dienen nicht im Heer, sie tun nichts, was ihnen etwas einbringt. Sie lassen Notwendiges und Nützliches liegen und laufen Dummheit und Freizeit hinterher. Ist das etwa Gottesdienst? Sie wollen nicht arbeiten und suchen Gelegenheiten zu fauler Freizeit.“ Das waren damals die Worte des Pharao, und heute reden seine Freunde und Vertrauten genauso.
Pharao begnügt sich nicht mit Worten; es folgen auch Geißelungen. Er befiehlt, die Schreiber der Hebräer zu schlagen, das Stroh nicht mehr auszugeben und die Arbeit dennoch unerbittlich zu fordern. Das haben die Väter ertragen. Und in ähnlicher Weise leiden auch die, die als Volk Gottes in der Kirche sind, häufig. Denn du wirst feststellen, wenn du dir diejenigen anschaust, die sich von neuem „dem Fürsten dieser Welt“ ausgeliefert haben, dass sie mit sichtbarem Erfolg handeln und dass sich ihnen, wie sie selbst meinen, alles günstig fügt. Oft aber gelingen gerade diese kleinen, niedrigen Dinge des menschlichen Unterhalts den Dienern Gottes nicht. Solche Dinge halte ich für das Stroh, das Pharao austeilen lässt. So kommt es oft, dass denen, die Gott fürchten, sogar dieser billige, strohähnliche Unterhalt fehlt. Sie ertragen außerdem häufig die Verfolgungen von Tyrannen und tragen Folterungen und grausame Qualen, sodass manche, ermüdet, zu Pharao sagen: „Warum quälst du dein Volk?“45 Denn manche, von den Geißelungen überwältigt, fallen vom Glauben ab und bekennen, dass sie das Volk Pharaos sind. „Denn nicht alle, die aus Israel sind, sind Israel, und nicht alle sind Söhne, weil sie Nachkommen sind.“46 Die also, die schwankend sind und von den Bedrängnissen müde geworden, reden auch gegen Mose und Aaron und sagen: „Seit dem Tag, an dem du zu Pharao hineingegangen und wieder fortgegangen bist, hast du unseren Geruch vor ihm verhasst gemacht.“47 Sie reden die Wahrheit, auch wenn sie vielleicht nicht wissen, was sie sagen – so wie Kaiphas, der, als er sagte: „Es ist nützlich für euch, dass einer für das Volk stirbt,“48 die Wahrheit sprach und doch nicht wusste, was er sagte. Denn wie der Apostel sagt: „Wir sind ein guter Duft Christi,“ doch er fügt hinzu: „für die einen ein Geruch von Leben zum Leben, für die anderen aber ein Geruch von Tod zum Tod.“49 So ist auch das prophetische Wort für die, die glauben, „ein süßer Duft“, für die aber, die zweifeln und nicht glauben und bekennen, dass sie Pharaos Volk sind, wird es zu einem widerlichen Gestank.
Aber auch Mose selbst sagt zum Herrn: „Seit ich mit Pharao gesprochen habe, quält er dein Volk.“ 50 Es steht fest: Bevor das Wort Gottes gehört, bevor die göttliche Predigt bekannt wird, gibt es keine Bedrängnis, keine Versuchung; denn ein Krieg beginnt nicht, bevor die Trompete ertönt. Wo aber die Trompete der Predigt das Signal zum Kampf gibt, da folgt die Bedrängnis; dort erhebt sich jeder mühsame Kampf. Das Volk Gottes wird von dem Moment an bedrängt, in dem Mose und Aaron begonnen haben, zu Pharao zu reden. Von dem Augenblick an, da das Wort Gottes in deine Seele hineingetragen worden ist, entzündet sich notwendigerweise in dir ein Kampf zwischen Tugenden und Lastern. Bevor das Wort kommt, das zurechtweist, leben die Laster in dir in friedlicher Ruhe weiter; sobald aber das Wort Gottes beginnt, zwischen allem eine Scheidung zu machen, entsteht eine große Unruhe, und ein Krieg ohne Waffenstillstand bricht aus. „Denn wann könnte es Übereinstimmung geben zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, zwischen Zuchtlosigkeit und Zurückhaltung, zwischen Lüge und Wahrheit?“42 Darum sollen wir uns nicht allzu sehr erschrecken, wenn unser „Duft“ Pharao ekelhaft erscheint; denn die Tugend ist den Lastern ein Gräuel. Vielmehr sollen wir, wie später gesagt wird, dass Mose „vor Pharao“ stand, auch „gegen Pharao“ auftreten und weder einknicken noch uns beugen, sondern standhalten, „indem wir unsere Lenden mit Wahrheit gegürtet haben und unsere Füße mit der Bereitschaft des Evangeliums des Friedens beschuht haben,“ 51 denn so ermahnt uns der Apostel: „Steht also fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Sklaverei auflegen.“52
Und wieder sagt er: „In ihm stehen wir und rühmen uns in der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes.“ 53 Wir stehen aber mit Zuversicht, wenn wir den Herrn bitten, „dass er unsere Füße auf den Felsen stellt,“ 54 damit uns nicht das widerfährt, was derselbe Prophet sagt: „Meine Füße wären beinahe ins Wanken geraten, und meine Schritte wären fast geglitten,“55 darum lasst uns „vor Pharao stehen“, das heißt, lasst uns ihm im Kampf widerstehen, wie auch der Apostel Petrus sagt: „Widersteht ihm, standhaft im Glauben.“ 56 Aber auch Paulus sagt nichts Geringeres: „Steht fest im Glauben, verhaltet euch wie Männer.“57 Wenn wir also fest stehen, geschieht auch das, worum Paulus für die Jünger betet: „Der Gott des Friedens wird den Satan schnell unter euren Füßen zermalmen,“58 denn je länger wir unbeweglich und unbeugsam stehen, desto schwächer und kraftloser wird Pharao. Wenn wir aber anfangen, weich zu werden oder zu zweifeln, dann wird er stärker und fester gegen uns. So erfüllt sich wirklich an uns, was Mose im Voraus abgebildet hat. Denn als Mose „seine Hände erhob“, wurde Amalek besiegt; wenn er sie aber „sinken ließ“ und die müden Arme herabfallen ließ, „wurde Amalek stark.“59 So wollen auch wir unsere Arme erheben in der Kraft des Kreuzes Christi und „heilige Hände erheben im Gebet an jedem Ort ohne Zorn und Zweifel,“ 60 damit wir der Hilfe des Herrn würdig werden. Denn auch der Apostel Jakobus mahnt zu demselben und sagt: „Widersteht dem Teufel, und er wird von euch fliehen.“61 Lasst uns also mit voller Zuversicht vorangehen, im Vertrauen, dass er nicht nur „vor uns fliehen wird“, sondern dass „der Satan unter unseren Füßen zermalmt wird,“ 58 so wie auch Pharao im Meer ertränkt und in der tiefen Flut vernichtet wurde. Wenn wir uns aber aus dem Ägypten der Laster zurückziehen, werden wir die Fluten der Welt durch Jesus Christus, unseren Herrn, wie auf festem Weg durchschreiten, dem die Herrlichkeit und die Herrschaft gehört in alle Ewigkeit. Amen.
Schriftstellen
- Apg 7,22
- Ex 4,10
- Joh 1,2
- Ps 72,22
- Ex 4,12
- Ps 80,11
- Eph 6,19
- Röm 1,29-30
- Mt 12,36
- Dan 7,25
- Mt 12,32
- Lk 22,3
- Joh 13,2
- Lk 22,4
- 1Kor 12,10
- 1Joh 4,1
- Jes 50,4-5
- Gen 21,19
- Ps 33,8
- Jes 50,5
- Ex 23,1
- Ps 37,14
- Ex 4,15
- Ex 4,27
- Ex 7,16
- Mt 6,24
- 1Joh 2,15-16
- Ex 3,18
- Joh 14,6
- Röm 10,9
- 1Thess 5,23
- Mt 5,8
- Ex 8,24
- Lk 16,29
- Pred 9,17
- Eph 6,12
- Ex 5,2
- Ps 72,5
- Ex 8,8
- Ex 8,19
- Mt 8,29; Mk 1,24; Lk 4,34
- 2Kor 6,14
- Ex 5,4
- Mt 5,21
- Ex 5,22
- Röm 9,6-7
- Ex 5,21
- Joh 11,50-51
- 2Kor 2,15-16
- Ex 5,3
- Eph 6,14-15
- Gal 5,1
- Röm 5,2
- Ps 39,3
- Ps 72,2
- 1Petr 5,9
- 1Kor 6,13
- Röm 16,20
- Ex 17,11
- 1Tim 2,8
- Jak 4,7
