Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

16. Predigt zu Genesis

Origenes ⏱️ 17 Min. Lesezeit
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1

Nach dem verlässlichen Zeugnis der Schrift war kein Ägypter frei. Denn „Pharao machte das Volk zu seinen Sklaven“1 ; er ließ innerhalb der Grenzen Ägyptens niemanden frei, sondern die Freiheit wurde im ganzen Land Ägypten weggenommen. Vielleicht steht deshalb geschrieben: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten herausgeführt hat, aus dem Haus der Sklaverei.“2 Ägypten wurde also zum Haus der Sklaverei und, was noch beklagenswerter ist, der freiwilligen Sklaverei. Denn obwohl von den Hebräern berichtet wird, dass sie in Sklaverei gebracht wurden und, nachdem ihnen die Freiheit entrissen worden war, das Joch der Tyrannei trugen, heißt es doch, sie seien „gewaltsam“ in diesen Zustand gebracht worden. Denn es steht geschrieben: „Die Ägypter verabscheuten die Kinder Israel, und mit Macht bedrückten die Ägypter die Söhne Israel gewaltsam und verbitterten ihr Leben mit harten Arbeiten in Lehm und Ziegeln und mit allen Arbeiten, die in den Ebenen waren; in all dem brachten sie sie mit Gewalt in Sklaverei.“3 Achte also sorgfältig darauf, wie bezeugt wird, dass die Hebräer „gewaltsam“ in Sklaverei gebracht wurden. In ihnen war eine natürliche Freiheit, die ihnen nicht leicht oder durch irgendeine Täuschung entrissen wurde, sondern mit Gewalt. Pharao hingegen brachte das ägyptische Volk mühelos in seine Sklaverei; und es steht nicht geschrieben, dass er dies mit Gewalt tat.

Die Ägypter neigen zu einer verdorbenen Lebensweise und verfallen schnell jeder Sklaverei der Laster. Blicke auf den Ursprung ihres Geschlechts, und du wirst sehen, dass ihr Vater Ham, der über die Blöße seines Vaters gelacht hatte, ein solches Urteil verdiente: dass sein Sohn Kanaan ein Knecht seiner Brüder sein sollte; damit der Zustand der Knechtschaft die Schlechtigkeit seines Handelns beweise. Nicht ohne Grund ahmt daher die befleckte Nachkommenschaft die Niedrigkeit des Geschlechts nach. Die Hebräer hingegen, selbst wenn sie in Knechtschaft geraten, selbst wenn sie von den Ägyptern Tyrannei erleiden, erleiden dies „gewaltsam“ und aus Not. Darum werden sie „aus dem Haus der Sklaverei“ befreit und in die ursprüngliche Freiheit zurückgerufen, die sie wider Willen verloren hatten. Es ist ja im göttlichen Gesetz sogar vorgesehen, dass, wenn jemand einen hebräischen Knecht kauft, er ihn nicht auf ewig in Knechtschaft halten darf, sondern er ihm sechs Jahre dient, im siebten aber frei ausgeht. Für die Ägypter gibt es nichts dergleichen. Nirgends nimmt das göttliche Gesetz Rücksicht auf die Freiheit der Ägypter, weil sie sie freiwillig verloren haben. Es überlässt sie dem ewigen Joch ihres Zustands und der dauernden Sklaverei.

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Wenn wir diese Worte also geistlich verstehen, erkennen wir, was die Sklaverei der Ägypter ist: den Ägyptern zu dienen heißt nichts anderes, als sich den fleischlichen Lastern zu beugen und den Dämonen unterworfen zu werden. Jedenfalls zwingt keine von außen kommende Notwendigkeit irgendjemanden in diesen Zustand. Vielmehr überwältigen Trägheit der Seele und Begierde und Lust des Körpers jeden Einzelnen. Die Seele unterwirft sich dem aus eigener Nachlässigkeit. Wer jedoch um die Freiheit der Seele besorgt ist und die Würde seines Geistes mit auf den Himmel gerichteten Gedanken erhöht, gehört zu den Kindern Israels. Auch wenn er eine Zeit lang „gewaltsam“ bedrückt wird, verliert er seine Freiheit dennoch nicht für immer. Denn auch unser Retter, der im Evangelium über Freiheit und Sklaverei spricht, sagt: „Jeder, der sündigt, ist ein Sklave der Sünde.“4 Und wieder sagt er: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ 5 Wenn uns aber vielleicht jemand sagen sollte: „Wie kommt es dann, dass das ganze Land durch Josef an den Pharao übereignet wird und dass jene ganze Sklaverei, die wir oben als aus dem Zustand der Sünde hervorgegangen erklärt haben, durch einen heiligen Mann für den Pharao verwaltet wird?“ - dann können wir darauf antworten, dass schon die Aussage der Schrift die Verwaltung des heiligen Mannes entschuldigt, wenn sie sagt, die Ägypter hätten sich selbst und ihren Besitz verkauft. Die Schuld fällt daher nicht auf den Verwalter zurück, wenn er das gibt, was den Empfängern ihren Verdiensten gemäß zukommt.

Denn du wirst feststellen, dass auch Paulus so etwas getan hat, als er den Mann, der sich durch die Scheußlichkeit seiner Taten der Gemeinschaft der Heiligen unwürdig gemacht hatte, dem Satan übergab, „damit er lerne, nicht zu lästern“6 . In diesem Fall hat zumindest niemand behauptet, Paulus habe hart gehandelt, weil er einen Menschen aus der Kirche ausschloss und dem Satan übergab. Ohne Zweifel fällt die Schuld auf den, der durch seine Taten verdient hatte, dass es in der Kirche keinen Platz für ihn gebe, vielmehr aber verdient hatte, der Gemeinschaft Satans zugeordnet zu werden. So hat daher auch Josef, als er an den Ägyptern weder hebräische Freiheit noch israelitischen Adel erkannte, die passende Sklaverei mit der passenden Tyrannei verbunden. Ich sage noch mehr. Du wirst auch in den göttlichen Heilsordnungen etwas Ähnliches finden, und zwar in dem, was Mose sagt: „Als der Höchste die Völker verteilte und die Grenzen der Völker festlegte, ordnete er sie nach der Zahl der Engel Gottes. Und Jakob wurde der Anteil des Herrn, Israel das Los seines Erbes.“7 Du siehst also, dass die Herrschaft von Engeln zu Recht für jede Nation eingesetzt wurde; das Volk Israel hingegen wurde „der Anteil des Herrn“.

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Danach folgt: „Die Ägypter verkauften ihr Land an den Pharao; denn die Hungersnot gewann über sie die Oberhand.“8 Mir scheint, dass auch in dieser Aussage ein Tadel der Ägypter liegt. Denn du würdest nicht leicht finden, dass von den Hebräern geschrieben steht, die Hungersnot habe über sie die Oberhand gewonnen. Zwar heißt es, dass „die Hungersnot über das Land die Oberhand gewann“9 , dennoch steht nicht geschrieben, dass die Hungersnot über Jakob oder seine Söhne die Oberhand gewann, wie es von den Ägyptern gesagt wird, dass „die Hungersnot über sie die Oberhand gewann“. Zwar kommt die Hungersnot auch zu den Gerechten; dennoch behält sie nicht die Oberhand über sie. Darum rühmen sich die Gerechten auch in der Hungersnot, wie Paulus sich freudig über solche Leiden rühmt, wenn er sagt: „In Hunger und Durst, in Kälte und Nacktheit.“10 Was also für die Gerechten eine Übung der Tugend ist, ist für die Ungerechten eine Strafe der Sünde. Denn es steht auch zur Zeit Abrahams geschrieben: „Es kam eine Hungersnot in das Land, und Abraham zog hinab nach Ägypten, um dort zu wohnen, denn die Hungersnot hatte im Land die Oberhand.“11 Und gewiss, wenn - wie manche meinen - der Text der göttlichen Schrift nachlässig und unbeholfen abgefasst wäre, hätte er sagen können, Abraham sei darum hinab nach Ägypten gezogen, um dort zu wohnen, weil die Hungersnot über ihn die Oberhand gewonnen habe. Achte aber darauf, welche große Unterscheidung das göttliche Wort macht, welch große Sorgfalt es übt.

Wenn die Schrift von den Heiligen spricht, sagt sie, die Hungersnot habe „über das Land“ die Oberhand gewonnen; wenn sie von den Ungerechten spricht, sagt sie, sie seien von der Hungersnot gehalten. Daher gewann die Hungersnot weder über Abraham noch über Jakob noch über ihre Söhne die Oberhand. Und selbst wenn sie überhandnimmt, heißt es, sie nehme „über das Land“ die Oberhand. Und zur Zeit Isaaks steht nicht weniger geschrieben: „Eine Hungersnot kam in das Land, zusätzlich zu jener früheren Hungersnot, die zur Zeit Abrahams war.“12 Doch die Hungersnot vermochte über Isaak nicht so weit die Oberhand zu gewinnen; vielmehr sagt der Herr zu ihm: „Geh nicht hinab nach Ägypten, sondern wohne in dem Land, das ich dir zeigen werde, und bleibe darin, und ich werde mit dir sein.“ 13 Im Einklang mit dieser Beobachtung hat, meines Erachtens, der Prophet lange danach gesagt: „Ich war jung und bin nun alt; und ich habe den Gerechten nicht verlassen gesehen, noch seine Nachkommen um Brot betteln.“14 Und anderswo: „Der Herr wird die gerechte Seele nicht mit Hungersnot schlagen.“15 Aus all diesen Stellen geht hervor, dass wohl die Erde Hungersnot leiden kann, und ebenso die, die „das Irdische im Sinn haben“. Nie aber können durch das Fasten der Hungersnot bedrückt werden, deren Brot es ist, „den Willen des Vaters, der im Himmel ist, zu tun“16 , und deren Seele jenes „Brot, das vom Himmel herabkommt“ nährt. Deshalb sagt die göttliche Schrift mit Bedacht nicht, dass jene von der Hungersnot gehalten wurden, von denen sie wusste, dass sie die Erkenntnis Gottes besaßen und denen die Speise der himmlischen Weisheit angeboten wurde.

Aber auch im dritten Buch der Könige findest du, dass mit ähnlicher Sorgfalt über eine Hungersnot berichtet wird. Als die Hungersnot über das Land die Oberhand gewonnen hatte, sagt Elija zu Ahab: „So wahr der Herr, Gott der Mächte, der Gott Israels, lebt, vor dessen Angesicht ich stehe: In diesen Jahren soll weder Tau noch Regen auf das Land fallen, außer auf mein Wort hin.“17 Nach diesen Worten gebietet der Herr, dass die Raben den Propheten ernähren und dass er Wasser aus dem Bach Kerit trinkt. Und wiederum in Sarepta befiehlt er einer sidonischen Witwe, den Propheten zu versorgen. Sie hatte nicht mehr als für einen Tag zu essen. Indem sie teilte, wurde es unversiegbar, und die erschöpfte Speise wurde auf vielerlei Weise überreich. Denn gemäß dem Wort des Herrn versiegten „der Topf mit Mehl“ und „der Krug mit Öl“ nicht zur Speise für den Propheten. Ähnliches findest du auch zur Zeit Elischa, als der Sohn Jaders, der König von Syrien, gegen Samaria heraufzog und es belagerte. Die Schrift sagt: „Und es entstand eine große Hungersnot in Samaria, so lange, bis ein Eselskopf fünfzig Silber-Schekel galt und ein Viertel Taubendreck fünf Silberstücke.“18 Doch plötzlich geschieht durch das Wort des Propheten ein erstaunlicher Umschwung; er sagt: „Hört das Wort des Herrn: So spricht der Herr: Morgen um diese Zeit wird ein Maß feinsten Weizenmehls einen Schekel gelten und zwei Maße Gerste einen Schekel, im Tor von Samaria.“ 19 Beachte daher, was aus all diesen Stellen folgt: Wenn die Hungersnot über ein Land die Oberhand gewinnt, gewinnt sie nicht über die Gerechten die Oberhand, sondern durch sie wird der drohenden Vernichtung Abhilfe geschaffen.

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Da du also siehst, dass eine Beobachtung dieser Art in fast allen Texten der Heiligen Schrift korrekt bewahrt ist, übertrage diese Worte auf ihren bildhaften und allegorischen Sinn, zu dem uns nicht weniger die Worte der Propheten selbst anleiten. Denn einer der Zwölfpropheten verkündet klar und offen in schlichter Aussage, dass eine geistliche Hungersnot gemeint ist, wenn er sagt: „Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da sende ich eine Hungersnot über das Land, nicht eine Hungersnot nach Brot noch Durst nach Wasser, sondern eine Hungersnot, das Wort des Herrn zu hören.“ 20 Siehst du, was die Hungersnot ist, die über die Sünder die Oberhand gewinnt? Siehst du, was die Hungersnot ist, die über das Land die Oberhand gewinnt? Denn die, die von der Erde sind und „irdische Dinge im Sinn haben“21 und nicht „erfassen können, was vom Geist Gottes ist“, leiden „eine Hungersnot an Gottes Wort“. Sie hören die Gebote des Gesetzes nicht; sie kennen die Vorwürfe der Propheten nicht; sie sind der apostolischen Tröstungen unwissend; sie erfahren die Heilung des Evangeliums nicht. Und darum wird von ihnen mit Recht gesagt: „Die Hungersnot gewann die Oberhand über das Land.“ Für die Gerechten hingegen und für die, „die über das Gesetz des Herrn nachsinnen Tag und Nacht“22 , bereitet die Weisheit ihren Tisch: „sie bereitet ihren Tisch, sie schlachtet ihre Opfer, sie mischt ihren Wein im Mischkrug und ruft mit lauter Stimme“ – nicht damit alle kommen, nicht damit die im Überfluss Lebenden, nicht die Reichen und nicht die Weisen dieser Welt sich ihr zuwenden, sondern: „wenn es solche gibt, die schwach an Verstand sind, die sollen zu mir kommen.“

Das heißt: Wenn es solche gibt, die „von Herzen demütig“ sind, die von Christus gelernt haben, „sanftmütig und von Herzen demütig“23 zu sein (was anderswo „arm im Geist“ genannt wird), die aber reich sind im Glauben, dann versammeln sie sich bei den Festmählern der Weisheit und, erfrischt durch ihre Gastmähler, treiben sie die Hungersnot aus, die „über das Land die Oberhand gewinnt“. Achte auch du daher darauf, dass du nicht als Ägypter befunden wirst und die Hungersnot über dich die Oberhand gewinnt, dass du nicht, beschäftigt mit den Geschäften der Welt oder gefesselt von den Banden der Habsucht oder entkräftet durch die Ausschweifungen des Luxus, von den Speisen der Weisheit entfremdet wirst, die in den Kirchen Gottes immer aufgetragen werden. Denn wenn du dein Ohr von diesen Worten abwendest, die entweder in der Kirche gelesen oder ausgelegt werden, wirst du ohne Zweifel „eine Hungersnot an Gottes Wort“20 erleiden. Wenn du aber vom Geschlecht Abrahams stammst und den Adel des Volkes Israel bewahrst, nährt dich das Gesetz immer, die Propheten nähren dich, und die Apostel bereiten dir ein reiches Gastmahl. Die Evangelien werden dich einladen, dich auch in den Schoß Abrahams, Isaaks und Jakobs zu legen „im Reich des Vaters“, damit du dort „vom Baum des Lebens“ isst und Wein trinkst vom „wahren Weinstock“, „den neuen mit Christus im Reich seines Vaters“. Denn „die Kinder des Bräutigams, solange der Bräutigam bei ihnen ist“24 , können auf diese Speisen nicht verzichten und keine Hungersnot leiden.

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Es wird im Folgenden zwar berichtet, dass das Land der ägyptischen Priester nicht der Knechtschaft des Pharao unterworfen wurde und dass sie sich nicht zusammen mit den übrigen Ägyptern verkauften; vielmehr erhielten sie Getreide oder Gaben nicht von Josef, sondern vom Pharao selbst. Und deshalb, als den anderen gleichsam näher verbunden, „verkauften sie ihr Land nicht“ an den Pharao. Gerade dadurch aber zeigen sie sich schlimmer als die anderen: Wegen ihrer allzu großen Vertrautheit mit dem Pharao erfahren sie keine Wandlung, sondern verharren im sündigen Besitz. Und wie der Herr zu denen spricht, die im Glauben und in der Heiligkeit vorangekommen sind: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde“25 , so sagt gleichsam auch der Pharao zu jenen, die zur höchsten Stufe der Bosheit und zum Priestertum der Verdammnis aufgestiegen sind: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde.“ Willst du wissen, worin der Unterschied zwischen den Priestern Gottes und den Priestern des Pharao liegt? Der Pharao gewährt seinen Priestern Ländereien. Der Herr hingegen gibt seinen Priestern keinen Anteil im Land, sondern sagt zu ihnen: „Ich bin dein Anteil.“ Du also, der du diese Worte liest, sieh die Priester des Herrn genau an und achte auf den Unterschied zwischen den Priestern, damit nicht jene, die einen Anteil am Land und Zeit für irdische Sorgen und Geschäfte haben, am Ende eher als Priester des Herrn erscheinen. Denn der Pharao will, dass seine Priester Landbesitz haben und den Acker, nicht die Seele bebauen, sodass sie den Feldern Aufmerksamkeit schenken und nicht dem Gesetz.

Hören wir vielmehr, wie Christus, unser Herr, seine Priester ermahnt: „Wer nicht allem entsagt, was er besitzt, der kann nicht mein Jünger sein.“ 26 Ich zittere, wenn ich diese Worte ausspreche. Denn ich selbst bin, sage ich, zuallererst mein eigener Ankläger. Ich spreche meine eigenen Verurteilungen aus. Christus erkennt nämlich den, den er etwas besitzen sieht und der nicht allem entsagt, was er besitzt, nicht als seinen Jünger an. Und was tun wir? Wie lesen wir selbst diese Worte und wie erklären wir sie den Menschen, wir, die nicht nur dem, was wir besitzen, nicht entsagen, sondern auch noch das erwerben wollen, was wir nie besaßen, bevor wir zu Christus kamen? Da unser Gewissen uns anklagt, können wir etwa die geschriebenen Worte verbergen und sie nicht vorbringen? Ich will mich nicht eines doppelten Verbrechens schuldig machen. Ich gestehe ein, und ich gestehe es offen vor den Hörenden, dass diese Dinge geschrieben stehen, obwohl ich weiß, dass ich sie noch nicht erfüllt habe. Aber, durch dies gewarnt, lasst uns wenigstens eilen, sie zu erfüllen. Lasst uns eilen, von den Priestern des Pharao, die einen irdischen Besitz haben, hinüberzugehen zu den Priestern des Herrn, die keinen Anteil auf Erden haben, deren Anteil der Herr ist. So einer war auch der, der gesagt hat: „Als Bedürftige, und doch viele reich machend; als nichts Habende und doch alles besitzend.“27 Paulus ist es, der sich solcher Dinge rühmt. Willst du hören, was auch Petrus selbst von sich sagt? Höre ihn, wie er zusammen mit Johannes ebenso bekennt und spricht: „Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir. Im Namen Jesu Christi, steh auf und geh!“28 Siehst du den Reichtum der Priester Christi? Siehst du Größe und Wesen der Gaben, die sie schenken, während sie nichts haben? Irdischer Besitz kann solche Reichtümer nicht verleihen.

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Wir haben Priester mit Priestern verglichen. Nun wollen wir, wenn ihr erlaubt, auch das ägyptische Volk mit dem israelitischen vergleichen. Es heißt nämlich weiter, dass nach der Hungersnot und der Knechtschaft das ägyptische Volk dem Pharao den fünften Teil darbringen soll. Das israelitische Volk hingegen entrichtet den Priestern den Zehnten. Seht auch hierin, wie die göttliche Schrift eine außerordentliche Stimmigkeit zeigt. Seht, wie das ägyptische Volk seine Abgaben an der Zahl Fünf abmisst: damit sind die fünf Sinne des Leibes gemeint, denen fleischliche Menschen dienen; denn die Ägypter beugen sich stets dem Sichtbaren und Körperlichen. Das israelitische Volk dagegen ehrt die Zehn, die Zahl der Vollendung. Es hat die zehn Worte des Gesetzes empfangen und, zusammengehalten durch die Kraft des Dekalogs, ist es durch das Darbringen in die göttlichen Geheimnisse eingetreten, die dieser Welt unbekannt sind. Auch im Neuen Testament ist die Zehn ehrwürdig: Die Frucht des Geistes wird als in zehn Tugenden aufsprießend beschrieben, und der treue Knecht legt seinem Herrn aus seinem Handel zehn Pfunde Gewinn vor und empfängt Vollmacht über zehn Städte. Weil aber einer der Urheber aller Dinge ist und Christus allein die Quelle und der „Anfang“, darum bringt das Volk zwar den Dienern und Priestern den Zehnten dar, seine Erstgeburt aber dem „Erstgeborenen aller Schöpfung“29 und seine Erstlingsfrüchte dem „Anfang“ aller Dinge, von dem geschrieben steht: „der, der der Anfang ist, der Erstgeborene aller Schöpfung“.

Seht also aus all dem den Unterschied zwischen dem ägyptischen Volk und dem Volk Israel und den Unterschied zwischen den Priestern des Pharao und den Priestern des Herrn. Und prüfe dich selbst: Zu welchem Volk gehörst du, und welches Priestertum, welcher Ordnung, hältst du? Wenn du noch den fleischlichen Sinnen dienst, wenn du noch mit der Zahl Fünf Abgaben zahlst und auf das „Sichtbare“ und „Zeitliche“ schaust und nicht auf das „Unsichtbare“ und „Ewige“, dann wisse, dass du zum ägyptischen Volk gehörst. Wenn du hingegen die zehn Worte des Gesetzes und die Zehnzahl des Neuen Testaments, wie wir oben erklärt haben, stets vor Augen hast und daraus den Zehnten darbringst, wenn du im Glauben die Erstgeburt deiner Sinne dem „Erstgeborenen aus den Toten“ opferst und deine Erstlingsfrüchte zum „Anfang“ aller Dinge zurückbringst, dann gilt für dich: „Du bist ein wahrer Israelit, in dem kein Trug ist.“ 30 Wenn aber auch die Priester des Herrn sich selbst prüfen und frei sind von allen irdischen Geschäften und von weltlichem Besitz, dann können sie mit Recht zum Herrn sagen: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“31 Und sie können von ihm hören: „Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt aller Dinge, wenn der Menschensohn in seinem Reich kommt, ebenfalls auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“32

7

Sehen wir, was Mose nach diesen Worten sagt: „Und Israel wohnte“33 , heißt es, „in Ägypten, im Land Gessen.“34 Gessen bedeutet „Nähe“ oder „Nahe-Sein“. Damit wird gezeigt, dass Israel, obwohl es in Ägypten wohnt, dennoch nicht fern von Gott ist, sondern ihm nahe und ganz in seiner Nähe, wie er selbst sagt: „Ich werde mit dir nach Ägypten hinabgehen, und ich werde bei dir sein.“ Darum: Auch wenn es scheint, als wären wir nach Ägypten hinabgestiegen; auch wenn wir, im Fleisch stehend, die Kämpfe und Anfechtungen dieser Welt bestehen; auch wenn wir unter denen wohnen, die Pharao unterworfen sind – wenn wir Gott nahe sind, wenn wir in der Betrachtung seiner Gebote leben und eifrig nach „seiner Vorschrift und seinen Rechtsbestimmungen“ forschen – denn das heißt, Gott immer nahe zu sein: an das zu denken, was Gottes ist, „das zu suchen, was Gottes ist“ –, dann wird Gott auch immer bei uns sein, durch Christus Jesus, unseren Herrn, dem die Herrlichkeit gebührt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Schriftstellen

  1. Gen 47,21
  2. Ex 20,2
  3. Ex 1,12-14
  4. Joh 8,34
  5. Joh 8,31-32
  6. 1Tim 1,20
  7. Dtn 32,8-9
  8. Gen 47,20
  9. Jdt 8,3
  10. 2Kor 11,27
  11. Gen 12,10
  12. Gen 26,1
  13. Gen 26,2-3
  14. Ps 37,25
  15. Spr 10,3
  16. Mt 7,21
  17. 1Kön 17,1
  18. 2Kön 6,25
  19. Am 8,5
  20. Am 8,11
  21. Phil 3,19
  22. Ps 1,2
  23. Mt 11,29
  24. Mk 2,19
  25. Joh 15,15
  26. Lk 14,33
  27. 2Kor 6,10
  28. Apg 3,6
  29. Kol 1,15
  30. Joh 1,47
  31. Mk 10,28
  32. Mt 19,28
  33. Gen 47,27
  34. Gen 45,19