Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

14. Predigt zu Genesis

Origenes ⏱️ 10 Min. Lesezeit
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Es steht beim Propheten, der in der Person des Herrn spricht: „Durch den Dienst der Propheten habe ich Gleichnisse verwendet.“1 Damit ist gemeint: Obwohl unser Herr Jesus Christus in seiner Substanz einer ist und nichts anderes als der Sohn Gottes, wird er in den Bildern und Gestalten der Schrift als verschieden und vielfältig dargestellt. Zum Beispiel haben wir, wie ich mich erinnere, zuvor erklärt, dass Christus im Sinnbild Isaak war, als dieser als Brandopfer dargebracht wurde. Dennoch stellte auch der Widder ihn dar. Außerdem erscheint Er auch in dem Engel, der zu Abraham sprach und zu ihm sagt: „Leg deine Hand nicht an den Jungen.“2 Denn er sagt zu ihm: „Weil du dies getan hast, werde ich dich gewiss segnen.“ 3 Er heißt das Schaf oder Lamm, das beim Passah geopfert wird; und er wird als der Hirte der Schafe bezeichnet. Nicht minder wird er als der Hohepriester beschrieben, der das Opfer darbringt. Als das Wort Gottes wird er der Bräutigam genannt, und als die Weisheit wiederum die Braut, wie auch der Prophet in seiner Person sagt: „Er hat mir wie einem Bräutigam eine Krone aufgesetzt und mich wie eine Braut mit Schmuck geschmückt.“4 Und vieles andere mehr, dessen nachzugehen jetzt zu weit gehen würde.

Wie also der Herr selbst seine Gestalt jeweils Ort, Zeit und bestimmten Umständen anpasst, so sind auch die Heiligen, die ihn im Voraus haben, entsprechend Ort, Zeit und Umständen als Vorbilder von Geheimnissen zu verstehen. So sehen wir es jetzt bei Isaak, über den wir, den Text sagen hören: „Er zog von dort hinauf zum Brunnen des Eides, und der Herr erschien ihm in jener Nacht und sprach: Ich bin der Gott deines Vaters Abraham; fürchte dich nicht. Denn ich bin mit dir, und ich will dich segnen und deinen Samen mehren um Abrahams, deines Vaters, willen.“ 5 Der Apostel Paulus hat uns zwei Vorbilder an diesem Isaak vorgelegt. Zum einen sagte er, Ismael, der Sohn der Hagar, stehe für das Volk dem Fleisch nach, Isaak dagegen für das Volk, das aus Glauben ist. Zum anderen sagte er: „Er sagt nicht: und den Samen, als von vielen, sondern: und deinem Samen, als von einem, welcher Christus ist.“6 Isaak stellt daher sowohl das Volk als auch Christus dar. Nun ist sicher, dass von Christus als dem Wort Gottes nicht nur in den Evangelien die Rede ist, sondern auch im Gesetz und bei den Propheten. Im Gesetz lehrt er die Anfänger; in den Evangelien lehrt er die Vollkommenen. Und so stellt Isaak jetzt das Wort dar, das im Gesetz oder bei den Propheten ist.

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„Isaak zog also hinauf zum Brunnen des Eides, und der Herr erschien ihm.“ 5 Wir haben auch schon zuvor gesagt, dass die Ausschmückung des Tempels und der darin vollzogenen Gottesdienste ein Aufstieg des Gesetzes war. Auch das Wachstum der Propheten kann man einen Aufstieg des Gesetzes nennen. Darum heißt es vielleicht, Isaak sei zum Brunnen des Eides hinaufgezogen, und dort erschien ihm der Herr. Denn durch die Propheten gilt: „Der Herr hat geschworen und er wird nicht bereuen, dass er ein Priester ist in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.“7 Gott erschien ihm also am Brunnen des Eides und bestätigte so die Erfüllung der ihm gegebenen Verheißungen. „Und Isaak baute dort einen Altar und rief den Namen des Herrn an und schlug dort sein Zelt auf. Und die Knechte Isaaks gruben dort einen Brunnen.“8 Isaak baut tatsächlich jetzt im Gesetz einen Altar und schlägt sein Zelt auf; in den Evangelien aber schlägt er kein Zelt auf, sondern baut ein Haus und legt ein Fundament. Denn höre, wie die Weisheit von der Kirche sagt: „Die Weisheit hat sich ein Haus gebaut und sieben Säulen aufgerichtet.“9 Höre dazu auch Paulus: „Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist, welches Jesus Christus ist.“ 10 Wo also ein Zelt ist, mag es auch aufgeschlagen sein, steht fest, dass es wieder abgebrochen wird. Wo aber Fundamente sind und ein Haus „auf einen Felsen“ gebaut ist, wird dieses Haus niemals zerstört, „denn es ist auf einen Felsen gegründet worden.“11 Dennoch gräbt Isaak auch dort einen Brunnen, und er hört nie auf, Brunnen zu graben, bis „die Quelle lebendigen Wassers“ aufbricht und „der Strom des Flusses die Stadt Gottes froh macht“12 .

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Aber auch „Abimelech“ – jener Mann, der früher Abraham geehrt hatte – kommt jetzt mit seinen Freunden aus Gerar zu Isaak. Und Isaak sagt zu ihnen: „Warum seid ihr zu mir gekommen? Ihr habt mich doch gehasst und von euch fortgestoßen.“ Sie antworteten auf diese Worte: „Wir haben gewiss gesehen, dass der Herr mit dir ist, und wir sagten: Es soll ein Eid zwischen uns und dir sein, und wir wollen einen Bund mit dir schließen, damit du uns nichts Böses tust,“13 und so weiter. Dieser Abimelech, wie ich es sehe, hat nicht immer Frieden mit Isaak; bald widerspricht er und bald sucht er Frieden. Wenn du dich erinnerst, wie wir zuvor gesagt haben, dass Abimelech für die Gebildeten und Weisen der Welt steht, die durch philosophische Bildung vieles, auch von der Wahrheit, erfasst haben, kannst du verstehen, warum er mit Isaak, der im Gesetz das Wort Gottes repräsentiert, weder ständig im Streit liegt noch immer in Frieden ist. Denn die Philosophie widerspricht nicht allem im Gesetz Gottes, steht aber auch nicht in allem mit ihm im Einklang. Viele Philosophen schreiben, es gebe einen Gott, der alles geschaffen hat. Darin stimmen sie mit dem Gesetz Gottes überein. Einige haben außerdem hinzugefügt, dass Gott durch sein Wort alles gemacht und regiert und dass durch das Wort Gottes alles geleitet wird. Damit schreiben sie im Einklang nicht nur mit dem Gesetz, sondern auch mit den Evangelien. Ja, fast die gesamte Moral- und Naturphilosophie teilt unsere Auffassungen. Doch sie widerspricht uns, wenn sie behauptet, die Materie sei mit Gott gleich ewig.

Sie widerspricht, wenn sie leugnet, dass Gott sich um das Sterbliche kümmert, und behauptet, seine Vorsehung sei auf die Bereiche jenseits der Mondsphäre beschränkt. Sie widerspricht uns, wenn sie das Leben derer, die geboren werden, nach den Bahnen der Sterne bemisst. Sie widerspricht, wenn sie sagt, diese Welt sei dauerhaft und werde kein Ende haben. Es gibt aber auch vieles andere, worin sie entweder mit uns uneins sind oder mit uns übereinstimmen. Daher wird in dieser Figur Abimelech bald als in Frieden mit Isaak, bald als im Widerspruch zu ihm geschildert. Ich denke außerdem nicht, dass es dem Heiligen Geist, der dies schreibt, gleichgültig war, zu berichten, dass mit Abimelech noch zwei andere kamen, nämlich „Ochozath, sein Verwandter, und Phicol, der Anführer seines Heeres“14 . Ochozath bedeutet „umfassend“ und Phicol „Mund aller“, Abimelech selbst aber bedeutet „mein Vater ist König“. Diese drei stellen nach meinem Verständnis sinnbildlich die ganze Philosophie dar, die unter ihnen in drei Teile zerfällt: Logik, Physik, Ethik, das heißt rational, natürlich, sittlich. Das Rationale ist das, was Gott als Vater aller anerkennt, das heißt Abimelech. Das Natürliche ist das Festgefügte, das alles umfasst, insofern es von den Kräften der Natur selbst abhängt; dafür steht Ochozath, dessen Name „umfassend“ bedeutet. Das Sittliche ist das, was in aller Mund ist und alle betrifft; es ist in aller Mund, weil sich die gemeinsamen Grundsätze gleichen. Dafür steht Phicol, was „Mund aller“ bedeutet.

Alle diese kommen also mit einer solchen Unterweisung zum Gesetz Gottes und sagen: „Wir haben gewiss gesehen, dass der Herr mit dir ist, und wir sprachen: ‚Es sei ein Eid zwischen uns und dir, und wir wollen einen Bund mit dir schließen, damit du uns kein Unrecht tust; wie wir dich nicht verflucht haben, so bist auch du vom Herrn gesegnet.‘“ 15 Diese drei, die vom Wort Gottes Frieden erbitten und seine Gemeinschaft durch einen Bund im Voraus festmachen wollen, können durchaus die Magier darstellen, die aus Gegenden des Ostens kommen, gebildet in den Büchern ihrer Väter und in der Unterweisung ihrer Ahnen, und sagen: „Wir haben gewiss gesehen“, „den geborenen König“, „und wir haben gesehen, dass Gott mit ihm ist“, „und wir sind gekommen, ihn anzubeten.“ 16 Aber auch, wenn jemand in solcher Unterweisung geschult ist, erkennt, dass „Gott in Christus war und die Welt mit sich versöhnte“17 , und die Majestät seiner Werke bewundert hat, so soll er sagen: „Wir haben gewiss gesehen, dass der Herr mit dir ist, und wir sprachen: ‚Es sei ein Eid zwischen uns.‘“ Denn wer sich dem Gesetz Gottes nähert, sagt notwendigerweise: „Ich habe geschworen und bin entschlossen, deine Gebote zu halten.“18

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Was aber suchen sie? Sie sagen: „Damit du uns kein Unrecht tust; aber wie wir dich nicht verflucht haben, so bist auch du vom Herrn gesegnet.“ Mir scheint, sie bitten mit diesen Worten um Vergebung der Sünden, damit sie nicht Böses empfangen. Sie erbitten Segen, nicht Vergeltung. Achte auf das Folgende. Der Text sagt: „Und Isaak machte ihnen ein großes Fest; und sie aßen und tranken.“19 Denn gewiss ist, dass der, der dem Wort dient, „Schuldner der Weisen und der Unweisen“20 ist. Weil er also den Weisen ein Fest bereitet, heißt es, er habe nicht ein kleines, sondern ein „großes Fest“ gemacht. Und du: Wenn du nicht mehr „ein kleines Kind“ bist und „Milch“ brauchst, sondern deine „geübten Sinne“ mitbringst und nach reicher Unterweisung fähiger zum Verständnis des Wortes Gottes kommst, dann gibt es auch für dich ein „großes Fest“. Es werden dir nicht die „Gemüse“ der Schwachen als Speise bereitet, und du wirst nicht mit der Milch genährt, mit der „kleine Kinder“ genährt werden, sondern der Diener des Wortes bereitet dir ein „großes Fest“. Er wird zu dir die „Weisheit“ reden, die „unter den Vollkommenen“ dargeboten wird. Er wird dir „die Weisheit Gottes, verborgen in einem Geheimnis, die keiner der Fürsten dieser Welt erkannt hat“21 , vorlegen. Er wird dir Christus so offenbaren, dass in ihm „alle Schätze der Weisheit verborgen sind“22 . Daher bereitet er dir ein „großes Fest“ und isst selbst mit dir, sofern er dich nicht so vorfindet, dass er zu dir sagen müsste: „Ich konnte zu euch nicht reden wie zu Geistlichen, sondern wie zu Fleischlichen, wie zu Unmündigen in Christus.“23

Das sagt er zu den Korinthern; und er fügt hinzu: „Denn wenn Streit und Spaltungen unter euch sind, seid ihr dann nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise?“24 Paulus hat ihnen kein „großes Fest“ bereitet; vielmehr fiel er, als er bei ihnen war und Mangel litt, niemandem zur Last, er „aß von niemandes Brot umsonst“, sondern arbeitete Nacht und Tag; seine eigenen Hände versorgten ihn selbst und alle, die bei ihm waren. Die Korinther waren also so weit davon entfernt, ein „großes Fest“ zu haben, dass der Verkündiger des Wortes Gottes bei ihnen nicht einmal das geringste, nicht einmal ein kleines Fest halten konnte. Ein großes Fest gibt es aber für die, die besser zu hören verstehen, die ihre „Sinne“ unterrichtet und „geübt“ zur Anhörung des Wortes Gottes mitbringen. Isaak isst mit ihnen; und er isst nicht nur, sondern er erhebt sich und bekräftigt mit einem Eid den künftigen Frieden mit ihnen. Lasst auch uns darum beten, das Wort Gottes mit einem solchen Sinn, mit einem solchen Glauben zu hören, dass er es für gut hält, uns ein „großes Fest“ zu bereiten. Denn „die Weisheit hat ihre Opfer geschlachtet, ihren Wein im Mischkrug gemischt und ihre Diener ausgesandt“25 , die allesamt so viele, wie sie finden, zu ihrem Fest führen. So groß ist dieses Fest, dass wir, wenn wir in das Fest der Weisheit eingetreten sind, nicht wieder die Gewänder der Torheit mitbringen, weder gehüllt in das Kleid des Unglaubens noch verdunkelt durch die Flecken der Sünde, sondern in Einfalt und Reinheit des Herzens das Wort umarmen und der göttlichen Weisheit dienen, die Christus Jesus, unser Herr, ist, dem sei Ehre und Herrschaft in alle Ewigkeit. Amen.

Schriftstellen

  1. Hos 12,10
  2. Gen 22,12
  3. Gen 22,16
  4. Jes 61,10
  5. Gen 26,23-24
  6. Gal 3,16
  7. Ps 110,4
  8. Gen 26,25
  9. Spr 9,1
  10. 1Kor 3,11
  11. Mt 7,25
  12. Ps 46,4
  13. Gen 26,28
  14. Gen 26,26
  15. Gen 26,28-29
  16. Mt 2,2
  17. 2Kor 5,19
  18. Ps 119,106
  19. Gen 26,30
  20. Röm 1,14
  21. 1Kor 2,7-8
  22. Kol 2,3
  23. 1Kor 3,1
  24. 1Kor 3,3
  25. Spr 9,2-3