13. Predigt zu Genesis
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Wir stoßen immer wieder auf die gewohnten Taten der Patriarchen im Blick auf die Brunnen. Denn siehe, die Schrift berichtet, dass Isaak, nachdem „der Herr ihn gesegnet hatte und er sehr groß geworden war“1 , ein großes Werk unternahm. Und er begann, heißt es, Brunnen zu graben, „Brunnen, die seine Diener zur Zeit seines Vaters Abraham gegraben hatten; aber die Philister hatten sie verstopft und mit Erde gefüllt.“2 Zuerst also „wohnte er beim Brunnen der Vision“; und, vom Brunnen der Vision erleuchtet, nimmt er sich vor, andere Brunnen zu öffnen - und zwar nicht zuerst neue Brunnen, sondern die, welche sein Vater Abraham gegraben hatte. Und als er den ersten Brunnen gegraben hatte, heißt es: „die Philister waren neidisch auf ihn“3 . Doch ihr Neid hielt ihn nicht auf, ihrer Eifersucht gab er nicht nach; vielmehr, heißt es, „grub er wieder die Brunnen, die die Diener seines Vaters Abraham gegraben hatten und die die Philister nach dem Tod seines Vaters Abraham verstopft hatten; und er gab ihnen Namen gemäß den Namen, die sein Vater ihnen gegeben hatte.“4 Er grub also jene Brunnen, die sein Vater gegraben hatte und die durch die Bosheit der Philister mit Erde gefüllt worden waren.
Er grub auch andere neue Brunnen „im Tal von Gerar“5 – nicht er selbst, sondern seine Diener – „und er fand dort einen Brunnen lebendigen Wassers. Aber die Hirten von Gerar stritten mit den Hirten Isaaks und sagten, das Wasser sei ihr. Und er nannte den Namen des Brunnens Unrecht; denn sie handelten ihm gegenüber ungerecht.“6 Aber Isaak weicht ihrer Bosheit aus und „grub wieder einen anderen Brunnen, und auch um diesen“7 , heißt es, „stritten sie; und er nannte seinen Namen Feindschaft. Und er zog von dort weg und grub nochmals einen anderen Brunnen, und über ihn stritten sie nicht; und er nannte seinen Namen Weite und sagte: Jetzt hat Gott uns Raum gegeben und uns auf der Erde vermehrt.“ 8 Wohl sagt der heilige Apostel, wenn er die Größe der Geheimnisse bedenkt: „Und wer ist dem gewachsen?“9 In ähnlicher – nein, in ganz anderer Weise, weil wir ihm bei weitem unterlegen sind – sagen auch wir, da wir eine so große Tiefe in den Geheimnissen der Brunnen sehen: „Und wer ist dem gewachsen?“ Denn wer vermag würdig zu erklären entweder die Geheimnisse so großer Brunnen oder das, was nach dem Bericht um der Brunnen willen geschah, wenn wir nicht den Vater des lebendigen Wortes anrufen und er selbst geruht, uns das Wort in den Mund zu legen – damit wir für euch Dürstende aus jenen so überreichen und zahlreichen Brunnen ein wenig „lebendiges Wasser“ schöpfen können?
Es gibt also Brunnen, die die Diener Abrahams gegraben hatten, die aber die Philister mit Erde füllten. Darum nimmt Isaak zunächst auf sich, diese Brunnen freizulegen. Die Philister hassen das Wasser; sie lieben die Erde. Isaak liebt das Wasser; er sucht ständig nach Brunnen; er räumt alte Brunnen frei, er öffnet neue. Betrachte unseren Isaak, der „für uns als Opfer dargebracht worden ist“10 , wie er in das Tal von Gerar kommt – Gerar bedeutet Mauer oder Hecke –, ich sage: er kommt, um „die Zwischenwand des Zaunes, die Feindschaften, in seinem Fleisch“11 niederzureißen, er kommt, um die Mauer zu entfernen, die zwischen uns und den himmlischen Tugenden steht, damit er „beides eins“ macht und das verirrte Lamm auf den Bergen „auf seinen Schultern“ zurückträgt und es den übrigen „neunundneunzig, die nicht abgeirrt waren“12 wieder zuführt. Dieser Isaak also, unser Retter, will, wenn er in jenes Tal von Gerar gekommen ist, zuerst die Brunnen graben, die die Diener seines Vaters gegraben hatten; er will die Brunnen des Gesetzes und der Propheten erneuern, die die Philister mit Erde verstopft hatten. Wer sind die, die die Brunnen mit Erde füllen? Ohne Zweifel diejenigen, die dem Gesetz eine irdische und fleischliche Auslegung geben und die geistliche und mystische Auslegung verschließen, sodass sie weder selbst trinken noch anderen erlauben zu trinken. Höre unseren Isaak, den Herrn Jesus, wie er in den Evangelien sagt: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen; ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die, die hineingehen wollen, habt ihr nicht hineingelassen.“13
Das sind also diejenigen, die die Brunnen mit Erde gefüllt haben, „die die Diener Abrahams gegraben hatten“14 : diejenigen, die das Gesetz fleischlich lehren und die Wasser des Heiligen Geistes verunreinigen; Sie nahmen die Brunnen zu diesem Zweck in Beschlag – nicht damit Wasser hervorkommt, sondern damit sie Erde hineinschütten. Darum nimmt Isaak sich vor, diese Brunnen zu graben. Und sehen wir, wie er sie gräbt. Als die Diener Isaaks, die die Apostel unseres Herrn sind, am Sabbat durch Kornfelder gingen, sagt die Schrift: „Sie rissen Ähren ab und aßen, indem sie sie mit den Händen zerrieben.“15 Damals sagten also die, die die Brunnen seines Vaters mit Erde gefüllt hatten, zu ihm: „Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat nicht erlaubt ist.“16 Um ihr irdisches Verständnis auszuräumen, sagt er zu ihnen: „Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als er hungrig war, er und die bei ihm waren, wie er zum Priester Abjathar hineinging und die Schaubrote aß, er und seine Diener, die doch niemand essen darf als die Priester?“17 Und er fügt zu diesen Worten hinzu: „Wenn ihr erkannt hättet, was ‚Ich will Barmherzigkeit und keine Opfer‘ heißt, hättet ihr die Unschuldigen gewiss nicht verurteilt.“18 Was aber erwidern jene auf diese Worte? Sie stritten mit seinen Dienern und sagen: „Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält.“19 So grub Isaak also die Brunnen, „die die Diener seines Vaters gegraben hatten“2 .
Mose, der den Brunnen des Gesetzes gegraben hatte, war ein Diener seines Vaters; David und Salomo und die Propheten waren Diener seines Vaters, und ebenso alle, die die Bücher des Alten Testaments geschrieben haben – Bücher, die das irdische und schmutzige Verständnis der Juden zugeschüttet hat. Als Isaak dieses Verständnis reinigen und zeigen wollte, dass alles, was „Gesetz und Propheten“ gesagt haben, auf ihn selbst zielt, stritten die Philister mit ihm. Er trennt sich aber von ihnen; denn er kann nicht bei denen bleiben, die in den Brunnen nicht Wasser haben wollen, sondern Erde; und er sagt zu ihnen: „Siehe, euer Haus wird euch verwüstet überlassen.“ 20 Darum gräbt Isaak auch neue Brunnen, ja vielmehr: Isaaks Diener graben sie. Isaaks Diener sind Matthäus, Markus, Lukas, Johannes; seine Diener sind Petrus, Jakobus, Judas; der Apostel Paulus ist sein Diener. Sie alle graben die Brunnen des Neuen Testaments. Aber jene, die „auf das Irdische bedacht sind“ und weder Neues aufrichten noch Altes reinigen lassen, zanken auch um diese Brunnen. Sie stellen sich den Brunnen des Evangeliums entgegen; sie widerstehen den apostolischen Brunnen. Und weil sie sich allem widersetzen, weil sie in allem streiten, wird zu ihnen gesagt: „Da ihr euch der Gnade Gottes unwürdig gemacht habt, wenden wir uns von jetzt an zu den Heiden.“21
Nach alledem grub Isaak also einen dritten Brunnen und „nannte den Namen jenes Ortes Weite, indem er sprach: Jetzt hat der Herr uns Raum gegeben und uns auf der Erde vermehrt.“ 7 Denn wahrhaftig, jetzt ist Isaak Raum gegeben, und sein Name ist groß geworden auf der ganzen Erde, da er für uns die Erkenntnis der Dreifaltigkeit erfüllt hat. Denn damals war „Gott nur in Judäa bekannt“22 , und sein Name wurde in Israel genannt; jetzt aber ist „ihr Klang ausgegangen in die ganze Erde und ihre Worte bis an die Enden der Welt.“23 Denn die Diener Isaaks sind durch die ganze Welt gegangen, haben Brunnen gegraben und allen „das lebendige Wasser“ gezeigt, indem sie „alle Völker tauften im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“24 Denn „des Herrn ist die Erde und ihre Fülle.“ 25 Aber auch jeder von uns, der dem Wort Gottes dient, gräbt Brunnen und sucht „lebendiges Wasser“, aus dem er seine Hörer erneuern kann. Wenn also auch ich beginne, die Worte der Alten zu erörtern und in ihnen einen geistlichen Sinn zu suchen, wenn ich versuche, den Schleier des Gesetzes wegzunehmen und zu zeigen, dass das Geschriebene „allegorisch“ ist, dann grabe ich tatsächlich Brunnen. Doch sogleich werden die Freunde des Buchstabens boshafte Anklagen gegen mich erregen und mir auflauern. Sofort werden sie Feindseligkeiten und Verfolgungen gegen mich erheben und behaupten, die Wahrheit könne nur auf der Erde Bestand haben. Sind wir aber Diener Isaaks, dann lasst uns „Brunnen lebendigen Wassers“ und Quellen lieben. Ziehen wir uns zurück von den Streitsüchtigen und denen, die boshafte Anklagen ersinnen, und lassen wir sie bei der Erde, die sie lieben. Wir aber hören niemals auf, „Brunnen lebendigen Wassers“ zu graben.
Und indem wir bald Altes und bald Neues erörtern, wollen wir jenem Schriftgelehrten im Evangelium gleichen, von dem der Herr sagte: „Er bringt aus seinem Schatz Neues und Altes hervor.“ 26 Wenn nun jemand mit weltlicher Bildung mich predigen hört, sagt er vielleicht: „Was du sagst, gehört uns, das ist die Gelehrsamkeit unserer Wissenschaft. Diese Beredsamkeit, mit der du erörterst und lehrst, ist die unsere.“ Und wie ein Philister reizt er Streit mit mir und sagt: „Du hast auf meinem Boden einen Brunnen gegraben.“ Er wird sich im Recht dünken und beanspruchen, was zu seinem Land gehört. Ich aber antworte: Die ganze Erde hat Wasser; doch wer ein Philister ist und „auf das Irdische bedacht ist“, weiß nicht, wie man Wasser auf der ganzen Erde findet. Er weiß nicht, in jeder Seele die vernünftige Einsicht und das Bild Gottes zu entdecken. Er weiß nicht zu erkennen, dass es in allem Glaube, Frömmigkeit und Religion geben kann. Was nützt es dir, Bildung zu haben und nicht zu wissen, wie du sie gebrauchen sollst? Was nützt es dir, ein Wort zu haben und nicht sprechen zu können? Gerade das ist das Werk der Diener Isaaks: Sie graben „Brunnen lebendigen Wassers“ in jedem Land, das heißt, sie verkünden jeder Seele das Wort Gottes und gewinnen Frucht. Willst du sehen, wie viele Brunnen ein Diener Isaaks im Land der Fremden gegraben hat? Siehe Paulus, der „das Evangelium Gottes erfüllt hat von Jerusalem ringsum bis nach Illyrien“27 . Und um jeden dieser Brunnen hat er die Verfolgungen der Philister erlitten.
Hör ihn selbst sagen: „Wie vieles ist mir geschehen in Ikonion, in Lystra,“28 wie vieles in Ephesus? Wie oft wurde er geschlagen, wie oft gesteinigt, wie oft kämpfte er mit wilden Tieren? Aber er hielt stand, bis er hinausgehen konnte in die „Weite“, das heißt: bis er Kirchen in der Weite der ganzen Erde gründete. So sind also die Brunnen, die Abraham grub – das heißt die Schriften des Alten Testaments – von den Philistern, oder von bösen Lehrern, Schriftgelehrten und Pharisäern, ja sogar von feindlichen Mächten, mit Erde angefüllt worden; ihre Adern sind verstopft, damit sie denen, die von Abraham sind, keinen Trank reichen. Denn jenes Volk kann nicht aus den Schriften trinken, sondern leidet an einem „Durst nach dem Wort Gottes“29 , bis Isaak kommt und sie öffnet, damit seine Diener trinken. Dank sei daher Christus, dem Sohn Abrahams – von dem geschrieben steht: „Das Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“30 –, der gekommen ist und die Brunnen für uns geöffnet hat. Denn er öffnete sie jenen, die sagten: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er uns die Schriften öffnete?“31 Er hat also diese Brunnen geöffnet und „nannte sie“, sagt der Text, „wie sein Vater Abraham sie genannt hatte“4 . Denn er hat die Namen der Brunnen nicht geändert. Und es ist erstaunlich, dass Mose auch unter uns Mose heißt und jeder der Propheten bei seinem eigenen Namen genannt wird. Denn Christus hat nicht die Namen in ihnen geändert, sondern das Verständnis. Und er wandelt es so, dass wir uns künftig nicht „zu jüdischen Fabeln“32 und „endlosen Geschlechtsregistern“33 wenden; denn „sie wenden ihr Gehör von der Wahrheit ab, sondern werden den Fabeln zugewandt“34 .
Er hat also die Brunnen geöffnet und uns gelehrt, Gott nicht an irgendeinem einzigen Ort zu suchen, sondern zu erkennen, dass „Opfer seinem Namen in jedem Land dargebracht wird.“ 35 Denn jetzt ist jene Zeit, „wenn die wahren Anbeter den Vater“36 weder in Jerusalem noch auf dem Berg Garizim anbeten, „sondern im Geist und in der Wahrheit.“37 Gott wohnt also weder an einem Ort noch in einem Land, sondern er wohnt im Herzen. Und wenn du den Ort Gottes suchst: Ein reines Herz ist sein Ort. Denn er sagt, dass er an diesem Ort wohnen wird, wenn er durch den Propheten spricht: „Ich will in ihnen wohnen und in ihnen wandeln; und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein, spricht der Herr.“ 38 Bedenke also, dass vielleicht sogar in der Seele eines jeden von uns „ein Brunnen lebendigen Wassers“ ist, eine Art himmlische Erkenntnis und verborgenes Bild Gottes; und die Philister, das heißt feindliche Mächte, haben diesen Brunnen mit Erde angefüllt. Mit was für einer Erde? Mit fleischlichen Wahrnehmungen und irdischen Gedanken; und deshalb „haben wir das Bild des Irdischen getragen“. Damals also, als wir „das Bild des Irdischen“ trugen, füllten die Philister unsere Brunnen. Jetzt aber, da unser Isaak gekommen ist, lasst uns sein Kommen annehmen und unsere Brunnen ausheben. Lasst uns die Erde daraus wegschaffen. Lasst sie uns von aller Unreinheit und von allen schlammigen und irdischen Gedanken reinigen, und lasst uns in ihnen jenes „lebendiges Wasser“ entdecken, von dem der Herr spricht: „Wer an mich glaubt, aus seinem Inneren werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“39 Seht, wie groß die Großzügigkeit des Herrn ist: Die Philister haben unsere Brunnen gefüllt und unsere kleinen und kümmerlichen Wasseradern verstopft, und an ihrer Stelle werden uns Quellen und Ströme wiedergegeben.
Wenn also auch ihr, die ihr heute diese Worte hört, gläubig erfasst, was gesagt ist, dann würde Isaak auch in euch wirken. Er würde eure Herzen von irdischen Wahrnehmungen reinigen. Und wenn ihr seht, wie groß diese in der göttlichen Schrift verborgenen Geheimnisse sind, schreitet ihr im Verständnis voran, ihr schreitet in geistlicher Einsicht voran. Auch ihr selbst werdet anfangen, Lehrer zu sein, und „Ströme lebendigen Wassers“39 werden von euch ausgehen. Denn das Wort Gottes ist gegenwärtig, und dies ist jetzt sein Werk: die Erde aus der Seele eines jeden von euch zu entfernen und eure Quelle zu öffnen. Denn er ist in euch und kommt nicht von außen, so wie „auch das Reich Gottes in euch ist.“ 40 Und jene Frau, die eine Drachme verloren hatte, fand sie nicht draußen, sondern in ihrem Haus, nachdem sie „eine Lampe anzündete und ihr Haus säuberte“41 von Schmutz und Unrat, den die Trägheit und Stumpfheit einer langen Zeit aufgehäuft hatten; dann fand sie die Drachme. Wenn ihr also eine Lampe anzündet, wenn ihr eure Aufmerksamkeit der Erleuchtung des Heiligen Geistes zuwendet und „das Licht in seinem Licht seht“42 , werdet ihr eine Drachme in euch entdecken. Denn das Bild des himmlischen Königs ist in euch gelegt worden. Denn als Gott den Menschen am Anfang schuf, „machte er ihn nach seinem eigenen Bild und seiner Ähnlichkeit“43 ; und er legte dieses Bild nicht nach außen, sondern in sein Inneres. Dieses Bild konnte in euch nicht gesehen werden, solange euer Haus mit Schmutz besudelt und mit Gerümpel vollgestopft war. Jene Quelle der Erkenntnis lag in euch, aber sie konnte nicht fließen, weil die Philister sie mit Erde gefüllt und ihr das „Bild des Irdischen“ aufgeprägt hatten.
Aber damals trugt ihr zwar das „Bild des Irdischen“; jetzt aber, da ihr dies gehört habt und durch das Wort Gottes von der ganzen irdischen Masse und Last gereinigt seid, lasst das „Bild des Himmlischen“ in euch hell aufleuchten. Dies also ist das Bild, von dem der Vater zum Sohn sagte: „Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild und unserer Ähnlichkeit.“44 Der Sohn Gottes ist der Maler dieses Bildes. Und weil er ein so großer Maler ist, kann sein Bild durch Nachlässigkeit verdunkelt werden; durch Bosheit kann es nicht zerstört werden. Denn das Bild Gottes bleibt immer, selbst wenn ihr in euch selbst das „Bild des Irdischen“ darübermalt. Ihr selbst malt dieses Bild in euch. Denn wenn euch die Begierde verdunkelt hat, habt ihr eine irdische Farbe eingebracht. Wenn ihr auch von Habsucht brennt, habt ihr noch eine weitere Farbe beigemischt. Und wenn der Zorn euch blutrot färbt, fügt ihr nicht weniger noch eine dritte Farbe hinzu. Eine andere Rotschattierung kommt durch den Hochmut dazu und eine weitere durch die Gottlosigkeit. Und so malt ihr durch jede einzelne Art der Bosheit, wie aus verschiedenen zusammengetragenen Farben, in euch selbst dieses „Bild des Irdischen“, das Gott nicht in euch gemacht hat. Darum sollen wir den anflehen, der durch den Propheten sagt: „Siehe, ich tilge deine Missetaten wie eine Wolke und deine Sünden wie einen Nebel.“45 Und wenn er all jene Farben in euch ausgelöscht hat, die aus den rötlichen Schattierungen der Bosheit aufgenommen wurden, dann leuchtet jenes Bild, das von Gott geschaffen wurde, in euch hell auf. Seht also, wie die göttlichen Schriften Bilder und Gestalten einführen, durch die die Seele zur Erkenntnis oder zur Reinigung ihrer selbst angeleitet wird.
Willst du noch eine weitere Gestalt dieses Bildes sehen? Es gibt bestimmte Schriftstücke, die Gott schreibt, und bestimmte, die wir selbst schreiben. Wir schreiben Schriftstücke der Sünde. Höre den Apostel sagen: „Die Handschrift in den Satzungen, die gegen uns war, die uns entgegenstand, hat er ausgelöscht; er hat sie aus dem Weg geschafft, indem er sie an sein Kreuz heftete.“46 Was er „Handschrift“ nennt, war der Schuldschein unserer Sünden. Denn jeder von uns wird durch das, was er begeht, zum Schuldner und schreibt die Schuldscheine seiner Sünden. Auch im Gericht Gottes, von dem Daniel berichtet, erwähnt er „die Bücher, die geöffnet wurden“47 – ohne Zweifel die Bücher, in denen die Sünden der Menschen standen. Wir selbst also schreiben uns durch das, was wir tun, diese Schriftstücke. Denn auch das, was im Evangelium vom „ungerechten Verwalter“ gesagt ist, ist ein Bild für diese Sache. Er sagt zu jedem Schuldner: „Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreibe achtzig“48 – und das Übrige, was erzählt wird. Du siehst also, dass zu jedem Menschen gesagt wird: „Nimm deinen Schuldschein.“ Daher ist klar: Unsere Schriftstücke sind Schriftstücke der Sünde; Gott aber schreibt Schriftstücke der Gerechtigkeit. Denn so sagt der Apostel: „Denn ihr seid ein Brief, nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes; nicht auf steinernen Tafeln, sondern auf fleischernen Tafeln des Herzens.“49 Du hast also in dir Schriftstücke Gottes und Schriftstücke des Heiligen Geistes. Wenn du aber übertrittst, schreibst du selbst in dir die Handschrift der Sünde.
Achte aber darauf: Immer wenn du dich dem Kreuz Christi und der Gnade der Taufe genähert hast, wird deine Handschrift ans Kreuz geheftet und in der Quelle der Taufe ausgelöscht. Schreibe nicht später neu, was ausgelöscht wurde, und baue nicht wieder auf, was zerstört ist. Bewahre in dir nur die Schriftstücke Gottes. In dir bleibe allein die Schrift des Heiligen Geistes. Kehren wir aber zu Isaak zurück und lasst uns mit ihm „Brunnen lebendigen Wassers“ graben. Auch wenn die Philister sich widersetzen, auch wenn sie streiten, lasst uns dennoch mit ihm beharrlich Brunnen graben, damit auch zu uns gesagt wird: „Trinke Wasser aus deinen eigenen Gefäßen und aus deinen eigenen Brunnen.“50 Und lasst uns so viel graben, dass die Wasser des Brunnens in unsere „Straßen“ überfließen, so dass unser Wissen um die Schriften nicht nur für uns reicht, sondern wir auch andere lehren und unterweisen, damit Menschen und Vieh trinken können. Lasst die Weisen hören. Lasst die Einfältigen hören. Denn der Lehrer der Kirche ist „Schuldner der Weisen und der Unweisen“51 . Er soll Menschen und Vieh zu trinken geben, denn auch der Prophet sagt: „Menschen und Tiere wirst du bewahren, o Herr.“52 Der Herr Jesus Christus selbst, unser Retter, erleuchtet uns und reinigt unsere Herzen, dem die Herrlichkeit und die Herrschaft sei in alle Ewigkeit. Amen.
Schriftstellen
- Ri 13,24-25
- Gen 26,15
- Gen 26,14
- Gen 26,18
- Gen 26,25
- Gen 26,18-19
- Gen 26,22
- Gen 26,21-22
- Offb 5,2
- Röm 8,32
- Eph 2,14-15
- Lk 15,4
- Lk 11,52
- Gen 21,25
- Lk 6,1
- Mt 12,2
- Mk 2,25-26
- Mt 12,7
- Joh 9,16
- Mt 23,38
- Apg 13,46
- Ps 76,2
- Ps 19,4
- Mt 28,19
- Ps 24,1
- Mt 13,52
- Röm 15,19
- 2Tim 3,11
- Am 8,11
- Mt 1,1
- Lk 24,32
- Tit 1,14
- 1Tim 1,4
- 2Tim 4,4
- Mal 1,11
- Joh 4,23
- Joh 4,24
- 2Kor 6,16
- Joh 7,38
- Lk 17,21
- Lk 15,8
- Ps 36,10
- Gen 1,27
- Gen 1,26
- Jes 44,22
- Kol 2,14
- Dan 7,10
- Lk 16,6
- 2Kor 3,3
- Spr 5,15
- Röm 1,14
- Ps 36,6
