Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

11. Predigt zu Genesis

Origenes ⏱️ 11 Min. Lesezeit
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1

Der heilige Apostel schenkt uns immer wieder Gelegenheiten zum geistlichen Verstehen und weist die deutlichen Kennzeichen aus, an denen der Eifrige in allem erkennt, dass „das Gesetz geistlich ist“1 . Zwar sind diese Kennzeichen nicht zahlreich, doch sie sind notwendig. Wenn er an einer Stelle über Abraham und Sara spricht, sagt er: „Nicht im Glauben geschwächt“2 , so heißt es in der Schrift, „bedachte er seinen eigenen Leib, der schon wie tot war, da er fast hundert Jahre alt war, und den Mutterschoß der Sara, der tot war.“ 3 Dieser Mann also, von dem Paulus sagt, sein Leib sei im Alter von hundert Jahren wie tot gewesen und er habe Isaak eher durch die Kraft seines Glaubens als durch die Fruchtbarkeit seines Körpers gezeugt, von eben diesem berichtet die Schrift nun, er habe eine Frau namens Ketura genommen und von ihr weitere Söhne gezeugt, als er offenbar schon etwa hundertsiebenunddreißig Jahre alt war. Denn Sara, seine Frau, war nach dem Bericht zehn Jahre jünger als er. Da Sara im Alter von einhundertsiebenundzwanzig Jahren starb, zeigt dies, dass Abraham mehr als hundertsiebenunddreißig Jahre alt war, als er Ketura zur Frau nahm. Was also? Sollen wir annehmen, dass in einem so großen Patriarchen damals die Lockungen des Fleisches aufblühten? Und soll der, von dem schon längst gesagt wurde, seine natürlichen Regungen seien abgestorben, nun wieder zur Leidenschaft entflammt worden sein? Oder deuten — wie wir schon oft gesagt haben — die Ehen der Patriarchen auf etwas Mystisches und Heiliges hin, wie auch derjenige andeutet, der von der Weisheit sagte: „Ich beschloss, sie zu meiner Frau zu nehmen“?4

Vielleicht hat Abraham also schon damals so gedacht. Und obwohl er weise war, wusste er gerade deshalb, dass es für die Weisheit kein Ende gibt und dass das Alter dem Lernen keine Grenze setzt. Denn wann sollte der aufhören, der gewohnt ist, die Ehe in dem Sinn zu leben, den wir oben angedeutet haben, das heißt: die Ehe mit der Tugend? Saras Tod ist nämlich als die Vollendung der Tugend zu verstehen. Aber ein Mensch von vollendeter und vollkommener Tugend soll sich immer in irgendeinem Lernen üben. Die göttliche Sprache nennt dieses Lernen seine Frau. Darum meine ich, dass der Unverheiratete und der Unfruchtbare im Gesetz unter einem Fluch stehen; denn es heißt: „Verflucht ist, wer in Israel keinen Samen hinterlassen hat.“ Wenn man diese Worte jedoch auf leiblichen Samen bezieht, stünden alle Jungfrauen der Kirche unter einem Fluch. Und was sage ich von den Jungfrauen der Kirche? Johannes selbst, von dem es heißt: „niemand unter den von Frauen Geborenen größer war“5 , und viele andere Heilige haben keine leiblichen Nachkommen hinterlassen, da von ihnen ja nicht einmal berichtet wird, dass sie geheiratet hätten. Sicher aber haben sie geistlichen Samen und geistliche Söhne hinterlassen, und jeder hatte die Weisheit zur Frau, so wie auch Paulus durch das Evangelium Söhne gezeugt hat.

Abraham hat daher als alter Mann, mit einem Leib, der schon abgestorben war, Ketura zur Frau genommen. Nach dem oben dargelegten Grund halte ich es sogar für besser, eine Frau dann zu nehmen, wenn der Leib tot ist, wenn die Glieder abgetötet sind. Denn unser Verstand ist für die Weisheit umso empfänglicher, wenn „die Abtötung Christi in unseren“ sterblichen „Leibern getragen wird“.

Ketura, die Abraham im Alter zur Ehe nimmt, bedeutet thymiama, also Weihrauch oder guter Duft. Er sagte wie auch Paulus sagte: „Wir sind der gute Duft Christi.“6 Sehen wir also, wie einer zum „guten Duft Christi“6 wird. Sünde ist ein übler Gestank. Ja, Sünder werden mit Schweinen verglichen, die sich in den Sünden wälzen wie in stinkendem Kot. Und David, als reuiger Sünder, sagt: „Meine Wunden sind verfault und vereitert.“7

2

Wenn also unter euch jemand ist, in dem jetzt kein Geruch der Sünde mehr ist, sondern der Duft der Gerechtigkeit, die Süße der Barmherzigkeit; wenn jemand, indem er „ohne Unterlass“ betet, immer dem Herrn Weihrauch darbringt und sagt: „Lass mein Gebet wie Weihrauch vor deinem Angesicht ausgerichtet sein, das Erheben meiner Hände wie das Abendopfer.“8 – der hat Ketura geheiratet. So, denke ich, werden die Ehen der Alten passender gedeutet; so werden die Verbindungen, die die Patriarchen in ihrem bereits letzten und geschwächten Alter eingingen, edel verstanden; so ist, meine ich, auch die notwendige Zeugung von Kindern zu veranschlagen. Denn für solche Ehen und eine solche Nachkommenschaft sind junge Männer nicht so gut geeignet wie alte. Je schwächer nämlich einer im Fleisch ist, desto stärker ist er in der Tugend der Seele und desto geeigneter für die Umarmungen der Weisheit. So wird auch von jenem gerechten Mann Elkana in der Schrift berichtet, dass er zur gleichen Zeit zwei Frauen hatte; die eine hieß Peninna, die andere Hanna, das heißt „Bekehrung“ und „Gnade“. Zunächst, so heißt es, hatte er Söhne von Peninna, das heißt aus der Bekehrung, und später von Hanna, das heißt aus der Gnade. Überhaupt bezeichnet die Schrift den Fortschritt der Heiligen bildhaft durch Ehen. Daher kannst auch du, wenn du willst, ein Gatte solcher Ehen sein. Wenn du zum Beispiel freigebig Gastfreundschaft übst, wird es scheinen, als hättest du sie zur Frau genommen. Wenn du dazu noch die Sorge für die Armen fügst, wird es scheinen, als hättest du eine zweite Frau gewonnen. Und wenn du dir außerdem Geduld dazugesellst und Sanftmut und die anderen Tugenden, wird man meinen, du hast so viele Frauen genommen, wie du Tugenden besitzt.

Darum berichtet die Schrift, dass einige der Patriarchen zur gleichen Zeit viele Frauen hatten, andere aber weitere Frauen nahmen, nachdem die vorherigen gestorben waren. Damit soll bildhaft angezeigt werden, dass manche gleichzeitig viele Tugenden ausüben können, andere aber mit den folgenden erst beginnen können, wenn sie die früheren Tugenden zur Vollendung gebracht haben. So wird von Salomo berichtet, dass er zugleich viele Frauen hatte, zu dem der Herr gesagt hatte: „Vor dir gab es keinen Weisen wie dich, und nach dir wird es keinen geben.“9 Weil ihm der Herr eine Fülle an Klugheit gegeben hatte, „wie Sand am Meer“, damit er sein Volk „in Weisheit“ richte, konnte er deshalb viele Tugenden zugleich ausüben. Über das hinaus, was uns aus dem Gesetz Gottes gelehrt wird, wenn wir auch mit manchen der Lehren in Berührung kommen, die gewissermaßen draußen in der Welt liegen – etwa mit der Literaturkenntnis oder der Grammatiklehre, mit Geometrie oder Mathematik oder sogar mit der Disziplin der Dialektik – und wir uns all das, was von außen her gesucht wurde, für unsere Zwecke nutzbar machen und es in der Darlegung unseres Gesetzes anerkennen, dann wird es scheinen, als hätten wir Fremdfrauen oder sogar Nebenfrauen geheiratet. Und wenn wir aus solchen Ehen, indem wir streiten, erörtern und die Widersprechenden widerlegen, einige zum Glauben bekehren können, und wenn wir sie, indem wir sie mit ihren eigenen Überlegungen und Fertigkeiten überwinden, dazu bewegen, die wahre Philosophie des Christus und die wahre Frömmigkeit gegenüber Gott anzunehmen, dann wird es scheinen, als hätten wir Söhne aus der Dialektik oder der Rhetorik gezeugt, wie von einer Fremdfrau oder Nebenfrau.

Das Alter schließt also niemanden von solchen Ehen aus und ebenso wenig davon, Söhne dieser Art zu zeugen. Im Gegenteil, gerade dieser reine Nachwuchs passt zur reifen Lebenszeit. So nimmt nun auch Abraham im hohen Alter, wie die Schrift sagt, „alt und voller Tage“10 , Ketura zur Frau. Wir sollten aber aus dem, was der wörtliche Sinn berichtet, keineswegs übersehen, welche Geschlechter und welcher Art sie sind, die von Ketura herstammen. Denn wenn wir uns das merken, können wir leichter erkennen, was in der Schrift über die verschiedenen Völker gesagt wird. Wenn etwa gesagt wird, Mose habe die Tochter Jitros, des Priesters von Midian, zur Frau genommen, dann zeigt sich: Dieser Midian ist ein Sohn von Ketura und Abraham. Wir wissen also, dass die Frau des Mose aus dem Samen Abrahams stammt und keine Fremde war. Und wenn geschrieben steht: „die Königin von Kedar“, dann sollen wir ebenso wissen, dass auch Kedar aus eben derselben Wurzel Keturas und Abrahams hervorgeht. Ähnliches wirst du auch in den Geschlechtern Ismaels finden. Wenn du das sorgfältig bedenkst, wirst du darin noch weitere Zusammenhänge entdecken, die anderen entgehen. Für jetzt aber legen wir diese Dinge zurück und eilen zu dem, was uns in den folgenden Versen vorgelesen wurde.

3

Und es geschah, sagt der Text: „nachdem Abraham gestorben war, segnete der Herr Isaak, seinen Sohn, und er wohnte am Brunnen der Vision“11 . Was könnten wir über den Tod Abrahams mehr sagen als das, was das Wort des Herrn in den Evangelien enthält, nämlich: „Was aber die Auferstehung der Toten betrifft: Habt ihr nicht gelesen, wie er im Dornbusch spricht: ‚der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs‘? Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Denn sie alle leben.“12 Lasst uns also auch diese Art des Todes wählen, wie auch der Apostel sagt, dass „wir der Sünde sterben, aber für Gott leben“. Denn der Tod Abrahams ist so zu verstehen, dass dieser Tod seinen Schoß so sehr geweitet hat, dass alle Heiligen, die von den vier Enden der Erde kommen, „von den Engeln in den Schoß Abrahams getragen werden“13 . Sehen wir nun, wie nach seinem Tod „der Herr Isaak, seinen Sohn, segnete“ und worin dieser Segen besteht. „Der Herr segnete Isaak“,14 sagt der Text, „und er wohnte am Brunnen der Vision.“ Das ist der ganze Segen, mit dem der Herr Isaak gesegnet hat: dass er am Brunnen der Vision wohnt. Das ist ein großer Segen für alle, die ihn verstehen. Möchte der Herr auch mir diesen Segen geben, dass ich würdig werde, „am Brunnen der Vision“ zu wohnen.

Was für ein Mensch kann wissen und verstehen, was das für eine Vision ist, „die Jesaja, der Sohn des Amoz, sah“15 ? Was für ein Mensch kann wissen, was die Vision des Nahum ist? Was für ein Mensch kann erfassen, was jene Vision enthält, die Jakob in Bethel sah, als er nach Mesopotamien aufbrach, als er sagte: „Dies ist das Haus des Herrn und das Tor des Himmels“16 ? Und wenn jemand jede einzelne Vision oder die Dinge, die im Gesetz und in den Propheten stehen, zu erkennen und zu verstehen vermag, der wohnt „am Brunnen der Vision“. Bedenkt außerdem noch genauer, dass Isaak vom Herrn den großen Segen verdient hat, dass er „am Brunnen der Vision“ wohnen durfte. Wann aber werden wir je würdig genug sein, vielleicht einmal „am Brunnen der Vision“ vorbeizukommen? Er durfte bleiben und in der Vision wohnen; wir hingegen, so wenig wir durch das Erbarmen Gottes erleuchtet sind, vermögen kaum auch nur eine einzige Vision wahrzunehmen oder zu ahnen. Wenn es mir jedoch gelingt, einen einzigen Sinn der Visionen Gottes zu erfassen, wird es gelten, als hätte ich einen Tag „am Brunnen der Vision“ verbracht. Wenn ich nicht nur etwas nach dem Buchstaben, sondern auch nach dem Geist erfassen kann, wird es gelten, als hätte ich zwei Tage „am Brunnen der Vision“ verbracht. Und wenn ich zudem die moralische Seite berührt habe, dann habe ich drei Tage dort verbracht. Oder selbst wenn ich nicht alles zu verstehen vermag, wenn ich mich doch eifrig mit den heiligen Schriften beschäftige, „über das Gesetz Gottes Tag und Nacht nachsinne“17 und zu keiner Zeit aufhöre zu fragen, zu erörtern, zu forschen und - was das Größte ist - zu Gott zu beten und von dem, „der den Menschen Erkenntnis lehrt“18 , Verständnis zu erbitten, dann wird es gelten, als wohnte ich „am Brunnen der Vision“.

Wenn ich aber nachlässig wäre und mich weder zu Hause mit dem Wort Gottes beschäftigte noch häufig die Kirche aufsuchte, um das Wort zu hören - wie ich manche unter euch sehe, die nur an Festtagen in die Kirche kommen -, solche wohnen nicht „am Brunnen der Vision“. Ich fürchte vielmehr, dass die Nachlässigen, selbst wenn sie in die Kirche kommen, weder aus dem Wasserbrunnen trinken noch Erfrischung finden, sondern sich den Geschäften und Gedanken ihres Herzens hingeben, die sie mitbringen, und nicht weniger durstig von den Brunnen der Schriften weggehen. Ihr also, beeilt euch und setzt alles daran, dass jener Segen des Herrn zu euch komme, damit ihr „am Brunnen der Vision“ wohnen könnt, damit der Herr euch die Augen öffnet und ihr „den Brunnen der Vision“ seht und daraus „lebendiges Wasser“ empfangt, das in euch „eine Quelle von Wasser wird, die ins ewige Leben aufquillt“19 . Wer aber selten zur Kirche kommt, selten aus den Quellen der Schriften schöpft und das Gehörte beim Weggehen sogleich beiseiteschiebt und sich anderen Geschäften zuwendet, der wohnt nicht „am Brunnen der Vision“. Wollt ihr, dass ich euch zeige, wer niemals vom Brunnen der Vision weggeht? Es ist der Apostel Paulus, der gesagt hat: „Wir alle aber schauen mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn.“ 20 Auch ihr also: Wenn ihr immerzu die prophetischen Visionen erforscht, wenn ihr beständig fragt, immer lernen wollt, wenn ihr über diese Dinge nachsinnt, wenn ihr in ihnen bleibt, dann empfangt auch ihr einen Segen vom Herrn und wohnt „am Brunnen der Vision“. Denn der Herr Jesus wird auch euch „auf dem Weg“ erscheinen und euch die Schriften öffnen, sodass ihr sagen könnt: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er uns die Schriften öffnete?“21 Er erscheint aber denen, die an ihn denken und über ihn nachsinnen und „in seinem Gesetz Tag und Nacht“17 leben. Ihm sei die Herrlichkeit und die Herrschaft in alle Ewigkeit. Amen.

Schriftstellen

  1. Röm 7,14
  2. Röm 4,20
  3. Röm 4,19
  4. Weish 8,2
  5. Mt 11,11
  6. 2Kor 2,15
  7. Hi 19,20
  8. Ps 141,2
  9. 1Kön 4,30
  10. Gen 25,8
  11. Gen 25,11
  12. Lk 20,37-38
  13. Lk 16,22
  14. Gen 26,13
  15. Jes 1,1
  16. Gen 28,17
  17. Ps 1,2
  18. Hi 36,22
  19. Joh 4,14
  20. 2Kor 3,18
  21. Lk 24,32