Über die rettende Furcht vor der Hölle
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Wir dürfen uns nicht daran ergötzen, wenn andere bestraft werden, als wäre das unsere Rache! Nein, wir sollen froh sein, dass wir selbst dieser Züchtigung und Strafe entkommen sind! Denn was haben wir bitteschön davon, wenn andere leiden? Ich bitte euch inständig: Legt diese niedere Gesinnung ab! Lasst euch stattdessen vom Königreich zur Tugend antreiben. Denn wer wirklich übermäßig tugendhaft ist, der lässt sich weder von Angst noch vom Königreich leiten, sondern tut es allein für Christus selbst! Genau wie Paulus es getan hat. Aber was uns angeht: Lasst uns auf das Gute im Königreich und auf die Schrecken der Hölle schauen. Wenigstens auf diese Weise müssen wir uns regulieren, uns trainieren und uns zu dem zwingen, was getan werden muss! Wenn du in diesem Leben etwas Großes oder Gutes siehst, ruf dir das Königreich ins Gedächtnis – und du wirst das Hier und Jetzt als bedeutungslos verachten. Wenn du etwas Furchterregendes siehst, denk an die Hölle – und du wirst dem Irdischen nur ein verächtliches Lachen schenken. Wenn dich körperliches Verlangen packt, denk an das Feuer! Denk auch an den Genuss der Sünde selbst – dass er absolut wertlos ist, dass er nicht einmal echten Genuss bietet! Denn wenn schon die Angst vor den hier festgesetzten Gesetzen stark genug ist, uns sogar von bösen Taten wegzureißen, wie viel mehr muss dann die Erinnerung an das Kommende wirken – an die unsterbliche Vergeltung, an die ewig währende Strafe? Wenn die Angst vor einem irdischen König uns von so vielen Übeln fernhält, wie viel mehr dann die Furcht vor dem ewigen König?
Woher also nehmen wir diese ständige Furcht? Indem wir ständig auf die Schriften hören! Denn wenn schon der bloße Anblick eines Leichnams unseren Geist derart zügelt, wie viel mehr dann die Hölle und das unauslöschliche Feuer? Wie viel mehr der Wurm, der kein Ende nimmt? Wenn wir ständig an die Hölle denken, werden wir so schnell nicht hineinstürzen! Genau deshalb hat Gott die Strafe angedroht. Gäbe es keinen gewaltigen Nutzen darin, an die Hölle zu denken, hätte Gott sie nicht angedroht! Aber da die Erinnerung daran die Kraft hat, Großes zu vollbringen, hat Er uns die Drohung wie eine rettende Medizin in die Seele gepflanzt. Lasst uns also diesen riesigen Gewinn, der daraus entspringt, nicht ignorieren, sondern lasst uns das ständig im Kopf wälzen – beim Frühstück, beim Abendessen! Denn das Geschwätz über angenehme Dinge nützt der Seele rein gar nichts; es macht sie nur schlaff. Das Gespräch über schmerzhafte und düstere Dinge hingegen schneidet alles ab, was in ihr zerstreut ist und wild wuchert; es holt die Seele zurück und sammelt sie wieder, wenn sie sich aufgelöst hat. Wer über Theater und Mimen schwadroniert, nützt der Seele überhaupt nichts, nein, er entzündet sie nur noch mehr und macht sie rücksichtsloser! Und wer sich um den Kram anderer Leute schert und sich überall einmischt, der hat sich durch genau diese geschwätzige Neugier oft Gefahren für seine Seele aufgehalst. Wer aber über die Hölle spricht, der läuft keinerlei Gefahr, sondern macht die Seele nüchtern und selbstbeherrscht.
„Aber du hast Angst“, sagst du, „vor der Härte solcher Worte?“ Glaub mir: Wenn du schweigst, hast du die Hölle nicht gelöscht, und wenn du redest, hast du sie nicht entfacht! Egal, ob du den Mund aufmachst oder schweigst: Das Feuer wird lodern. Man muss ständig davon reden, damit ihr niemals hineinstürzt! Denn keine Seele, die Angst vor der Hölle hat, wird schnell sündigen. Hör auf den besten Rat: „Gedenke deiner letzten Dinge, und du wirst niemals sündigen.“1 Keine Seele, die das Gericht fürchtet, wird lässig mit ihren Verfehlungen umgehen; denn wenn die Furcht mit voller Wucht den Verstand beherrscht, duldet sie nichts Weltliches mehr neben sich. Denn wenn schon eine bloße Rede darüber, sobald man sie vorbringt, die Seele so demütigt und zusammenzieht, wird dann nicht das ständige Nachsinnen darüber die Seele gründlicher reinigen als jedes Feuer? Wir dürfen uns an das Königreich nicht auf die gleiche Weise erinnern wie an die Hölle, denn Furcht wirkt stärker als ein Versprechen. Und ich weiß genau, dass viele zehntausend Segnungen verachten würden, wenn sie dafür nur der Strafe entkommen könnten! Mir persönlich reicht es schon jetzt völlig aus, der Rache zu entgehen und nicht bestraft zu werden. Wer die Hölle vor Augen hat, wird nicht in die Hölle fallen; aber wer die Hölle auf die leichte Schulter nimmt, wird ihr nicht entkommen! Es ist genau wie bei uns: Wer die Gerichte fürchtet, wird nicht vor Gericht landen, aber wer sie verachtet – genau das sind die, die dort hineingeraten! So ist es auch dort. Hätten die Niniviten den Untergang nicht gefürchtet, wären sie vernichtet worden; aber weil sie sich fürchteten, wurden sie nicht vernichtet.
Hätten sie zur Zeit Noahs die Flut gefürchtet, wären sie nicht von ihr überrollt worden; und hätten die Leute von Sodom sich gefürchtet, wären sie nicht verbrannt. Es ist ein gewaltiges Übel, eine Drohung zu verachten! Denn wer eine Drohung in den Wind schlägt, wird durch die Ereignisse selbst sehr schnell eine Lektion lernen. Nichts ist so nützlich, wie über die Hölle zu sprechen; es macht unsere Seelen reiner als jedes Silber. Hört, was der Prophet sagt: „Alle deine Gerichte stehen mir immer vor Augen.“2 Und auch Christus spricht pausenlos darüber! Denn selbst wenn es den Zuhörer schmerzt, bringt es doch den größten Nutzen. Denn alles, was uns wirklich nützt, ist genau so beschaffen; wundert euch bloß nicht darüber. Sowohl Medizin als auch Nahrung quälen den Kranken zwar zuerst, aber dann bringen sie den Nutzen. Wenn wir schon die Wucht von bloßen Worten nicht ertragen können, dann ist völlig klar, dass wir das Elend, das durch die echten Ereignisse kommt, niemals aushalten werden! Wenn niemand Worte über die Hölle ertragen kann, dann ist eines offensichtlich: Sollte uns eine Verfolgung ereilen, würde niemand jemals standhaft gegen Feuer oder Schwert bleiben!
Lasst uns unser Gehör trainieren, damit es nicht verweichlicht, denn das ist der Schritt hin zur Tat. Wenn wir uns daran gewöhnen, Furchtbares zu hören, werden wir uns auch daran gewöhnen, Furchtbares zu ertragen. Aber wenn wir so verweichlicht sind, dass wir nicht einmal Worte ertragen können – wann wollen wir dann bitte im Angesicht der Realität standhaft bleiben? Siehst du, wie der selige Paulus alles Gegenwärtige und alle aufeinanderfolgenden Gefahren verachtet? Warum? Weil er trainiert hatte, sogar die Hölle selbst zu verachten, um dessen willen, was Gott gefällt! Er hielt die Erfahrung der Hölle für absolut bedeutungslos, so groß war sein Verlangen nach Christus; wir dagegen ertragen nicht einmal die Worte darüber, obwohl es zu unserem eigenen Vorteil wäre! Jetzt geht ihr fort, nachdem ihr nur ein paar Dinge gehört habt. Aber ich bitte euch inständig: Wenn auch nur ein Funken Liebe in euch ist, dann lasst diese Themen ständig in euren Gesprächen kreisen! Sie können euch nicht schaden, selbst wenn sie euch nichts nützen würden – aber sie werden euch garantiert nützen, denn auch die Seele wird durch Gespräche geformt. „Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten.“ 3 Also bringt guter Umgang Nutzen; also machen auch Gespräche über furchterregende Dinge die Seele nüchtern. Denn die Seele ist wie Wachs. Wenn du sie mit kalten Gesprächen fütterst, härtest du sie und machst sie steif; aber wenn du heiße Gespräche an sie heranlässt, machst du sie weich. Und sobald sie weich geworden ist, drückst du ihr jede Form auf, die du willst, und gravierst ihr das königliche Bildnis ein.
Lasst uns also unsere Ohren verstopfen gegen wahlloses, faules Geschwätz! Dieses Übel ist keine Kleinigkeit; aus dieser Quelle entspringen alle Übel. Hätte unser Geist geübt, auf die göttlichen Worte zu achten, hätte er anderen Dingen keine Beachtung geschenkt; und hätte er anderen Dingen keine Beachtung geschenkt, wäre er nicht zu bösen Taten übergegangen. Denn der Weg zur Tat ist das Wort: Zuerst fassen wir einen Gedanken, dann sprechen wir ihn aus, dann tun wir es. Viele, ja sehr viele Male sind Menschen, selbst wenn sie nüchtern waren, durch schändliche Worte zu schändlichen Taten gekommen. Denn unsere Seele ist von Natur aus weder gut noch böse, sondern durch ihre eigene Wahl wird sie zum einen oder zum anderen. Genau wie das Segel das Schiff dorthin trägt, wo auch immer der Wind weht – oder besser gesagt, wie das Steuer das Schiff lenkt, wenn der Wind von hinten kommt und günstig steht –, so verhält es sich auch mit der Vernunft: Wenn gute Worte wie ein günstiger Wind auf sie blasen, wird sie gefahrlos segeln; sind sie aber widrig, bringen sie den Geist oft sogar zum Sinken. Denn was die Winde für die Schiffe sind, das sind die Worte für die Seelen: Wohin du auch willst, durch sie verschiebst und wendest du sie. Aus diesem Grund sagt ein Ratgeber: „All deine Rede sei im Gesetz des Höchsten.“ 4 Deshalb dränge ich euch: Wenn wir die Kinder von der Amme nehmen, lasst uns sie nicht an Altweibermärchen gewöhnen, sondern von frühester Kindheit an sollen sie lernen, dass es ein Gericht gibt, dass es eine Strafe gibt; das soll fest in ihrem Verstand verankert sein! Wenn diese Furcht tiefe Wurzeln geschlagen hat, bewirkt sie Großes. Denn eine Seele, die von klein auf gelernt hat, vor dieser Erwartung zu erzittern, wird diese Furcht nicht schnell abschütteln. Nein, wie ein Pferd, das dem Zügel gehorcht und den Gedanken an die Hölle als Reiter auf sich sitzen hat, wird sie ordentlich gehen und Dinge äußern und aussprechen, die nützlich sind. Und weder Jugend noch Reichtum noch das Waisensein noch irgendetwas anderes wird der Seele schaden können, da ihre Vernunft so fest steht und allem widerstehen kann.
Mit diesen Worten lasst uns uns selbst regulieren, unsere Frauen, unsere Sklaven, unsere Kinder, unsere Freunde – und wenn möglich sogar unsere Feinde! Denn mit diesen Worten können wir viele unserer Sünden direkt an der Wurzel kappen. Und es ist besser, unsere Zeit mit schmerzhaften Themen zu verbringen als mit angenehmen – das wird aus Folgendem sonnenklar. Sag es mir: Wenn du in ein Haus gehst, wo eine Hochzeit gefeiert wird, genießt du für den Moment den Anblick; aber danach, wenn du weggehst, zerfließt du vor Trauer, weil du selbst nicht so viel besitzt. Aber wenn du in ein Haus der Trauernden gehst – selbst wenn die Leute dort steinreich sind –, wirst du beim Hinausgehen beruhigter sein; denn du nimmst von dort keinen Neid mit, sondern Trost und Zuspruch für deine eigene Armut. Du siehst an den bloßen Tatsachen, dass Reichtum nichts Gutes und Armut nichts Böses ist, sondern dass diese Dinge völlig gleichgültig sind! So ist es auch jetzt: Wenn du über Luxus redest, verwundest du die Seele nur umso mehr, da sie vielleicht gar nicht die Mittel hat, im Luxus zu leben. Wenn du aber gegen den Luxus anredest und dabei Worte über die Hölle mitten hineinwirfst, dann erfreut dich die Sache und wird großen Genuss bereiten! Denn wenn du bedenkst, dass der Luxus uns überhaupt nicht gegen jenes Feuer verteidigen kann, wirst du ihn nicht suchen; und wenn du dir klarmachst, dass er jenes Feuer sogar gewöhnlich noch mehr entfacht, wirst du ihn nicht nur nicht suchen, sondern dich von ihm abwenden und ihn davonjagen!
Lasst uns nicht vor Worten über die Hölle fliehen, damit wir vor der Hölle selbst fliehen können! Lasst uns nicht vor der Erinnerung an die Strafe fliehen, damit wir nicht bestraft werden. Hätte jener reiche Mann dieses Feuer im Gedächtnis behalten, hätte er nicht gesündigt; aber weil er sich nie daran erinnerte, genau deshalb ist er hineingefallen. Sag mir, Mensch: Wenn du vor dem Richterstuhl Christi stehen wirst, wirst du dann über irgendetwas anderes reden als darüber? Wenn du einen Fall vor einem irdischen Richter hast, sprichst du oft – bis die Sache entschieden ist – weder bei Nacht noch bei Tag, zu keiner Zeit, in keiner Stunde über irgendetwas anderes, sondern ständig nur über diesen Fall! Aber wenn du Rechenschaft für dein ganzes Leben ablegen und dich einer strengen Prüfung unterziehen musst, kannst du es nicht einmal ertragen, wenn andere dich an das Gericht erinnern? Deshalb, aus genau diesem Grund, ist alles verloren und ruiniert: Denn wenn wir vor einem menschlichen Gericht wegen weltlicher Dinge stehen sollen, wirbeln wir alles auf, rufen jeden an, machen uns ständig Sorgen darum und tun alles nur deswegen; aber wenn wir in Kürze vor den Richterstuhl Christi treten sollen, tun wir nichts – weder von uns aus noch durch andere – und wir flehen den Richter auch nicht an! Und doch gewährt Er uns eine lange Frist und reißt uns nicht mitten in unseren Sünden weg, sondern erlaubt uns, sie abzulegen; und Seine Güte und Menschenliebe lässt nichts unversucht von all dem, was uns zu Ihm bringen könnte. Aber es kommt nichts dabei heraus; und aus diesem Grund ist die Strafe umso größer. Aber das möge niemals geschehen! Deshalb bitte ich euch inständig: Lasst uns doch jetzt endlich zur Besinnung kommen! Lasst uns die Hölle vor Augen behalten; lasst uns an die unvermeidliche Rechenschaft denken, die wir ablegen müssen, damit wir durch das Nachdenken über diese Dinge sowohl vor der Bosheit fliehen als auch die Tugend wählen, um so die guten Dinge erlangen zu können, die denen versprochen sind, die Ihn lieben – durch Seine Gnade und Menschenliebe.
Schriftstellen
- Sir 7,36
- Ps 17,23
- 1Kor 15,33
- Sir 9,15
