10. Taufunterweisung
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Habt ihr die böse Gewohnheit des Schwörens aus eurem Mund verbannt? Ich habe weder vergessen, was ich zu euch gesagt habe, noch was ihr mir in dieser Sache versprochen habt. Ja, ich habe gesprochen, und ihr habt ein Versprechen gegeben; auch wenn ihr es nicht ausdrücklich gesagt habt, habt ihr es doch durch eure Zustimmung zu dem, was ich gesagt habe, zugesagt. Dieses Versprechen wiegt schwerer als ein ausgesprochenes, denn wer ein Versprechen mit Worten gibt, stimmt oft mit der Zunge zu, nicht aber mit dem Verstand; wer jedoch dem, was ich gesagt habe, zustimmt, der stimmt aus der Seele heraus zu.
Habt ihr eure Zunge von diesem schweren Makel gereinigt? Habt ihr die Schande aus euren heiligen Seelen verbannt? Ich vermute, ihr habt euch rein gemacht, denn ihr seid im Begriff, einen großen König zu empfangen und aus der Unterweisung wahrhaft weiser Väter reichen geistlichen Gewinn zu ziehen. Die Zeit ist ausreichend, und die zur Besserung unserer Verfehlung gesetzte Frist geht nun endlich ihrem Ende entgegen. Zudem seid ihr gelehrig und folgsam. Der Apostel Paulus sagt: „Gehorcht euren Vorstehern und ordnet euch ihnen unter“1 , und hört in allem auf sie. Auf dieser Grundlage vermute ich, dass alles ins Lot gekommen ist. Dennoch wollte ich nicht so sehr vermuten oder glauben, als vielmehr dies mit Gewissheit wissen. Wäre ich sicher gewesen, hätte ich mich eifriger Reden zugewandt, die den Mysterien näherstehen, und meine Sorge um die Eide beiseitegelassen. Ich hätte mich sicherer gefühlt, euch an der Hand zu dieser ehrfurchtgebietenden Einweihung zu führen; ich hätte euch in das Heiligtum selbst geleitet; ich hätte euch das Allerheiligste und alles darin gezeigt — ein Gefäß, das nicht Manna birgt, sondern den Leib des Herrn, das Brot des Himmels. Ich hätte euch nicht eine hölzerne Lade gezeigt, die die steinernen Tafeln des Gesetzes birgt, sondern eine, die das makellose und heilige Fleisch des Gesetzgebers trägt. Ich hätte euch darin nicht ein unbeflecktes Lamm gezeigt, das geopfert wird, sondern das Lamm Gottes, das im mystischen Opfer dargebracht wird, auf das selbst die Engel schauen und erzittern. Ich hätte euch nicht Aaron gezeigt, wie er in goldener Kleidung eintritt, sondern den Eingeborenen, wie er mit der Erstlingsfrucht unserer Natur in den Himmel eingeht und dem Vater selbst die Größe seines Erfolges zeigt, wie der heilige Paulus sagt: „Denn Christus ist nicht eingegangen in ein von Händen gemachtes Heiligtum, ein bloßes Abbild des Wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen“2 . Hier gibt es keinen solchen Vorhang wie im jüdischen Tempel, sondern einen, der eine viel tiefere heilige Ehrfurcht weckt. Hört also und achtet darauf, was das für ein Vorhang ist, damit ihr erkennt, was für ein Allerheiligstes der Tempel hatte und was für ein Allerheiligstes das unsere ist. Der heilige Paulus sagt: „Mit großem Vertrauen treten wir durch das Blut Christi in das Heiligtum ein, auf dem neuen und lebendigen Weg, den er für uns durch den Vorhang (das heißt durch sein Fleisch) eröffnet hat.“3 . Seht ihr, wie viel tiefer die heilige Ehrfurcht ist, die dieser Vorhang weckt, im Vergleich zu dem des Tempels? Darum wollte ich euch heute in all diese Dinge einführen.
Aber was ist nur mit mir? Meine Sorge um eure Eide – eine Sorge, die meine Seele verzehrt – lässt mich nicht los. Und ich weiß, dass viele von euch die Schärfe meiner Sprache tadeln, weil ihr mich sagen hörtet, diese Sorge verzehre meine Seele. Sie tun das, weil sie das Schwören für eine kleine Sünde halten, und gerade deshalb beklage ich es umso mehr. Gewiss, andere Sünden sind schwer und werden auch als schwer angesehen – Mord und Ehebruch sind schwer und gelten auch als solche –, doch das Schwören ist eine schwere Sünde, wird aber nicht für schwer gehalten. Darum beklage und fürchte ich diese Sünde, denn es ist kennzeichnend für die List des Teufels, eine Sünde mit verhülltem Gesicht einzuschmuggeln. So, als mischte er ein tödliches Gift in eine gewohnte Speise, so versteht er es, das Schwören zu verbergen, indem er die vorgefasste Meinung in den Menschen nährt, Eide seien harmlos.
Was also? Sollen wir die ganze Unterweisung und unsere Zeit dem Thema des Schwörens widmen? Keineswegs! Ich kann mir sogar vorstellen, dass manche diese Gewohnheit bereits abgelegt haben. Als der Sämann hinausging, um zu säen, fiel ja auch nicht jedes Korn unter die Dornen oder auf Felsen; manches fiel auf guten Boden. So ist es auch bei euch: In einer so großen Schar kann es unmöglich keinen geben, der die Frucht einer solchen Unterweisung zeigt, wie ihr sie empfangen habt. Da viele den Fehler korrigiert haben – wenn auch noch nicht alle –, wollen auch wir unsere Rede entsprechend aufteilen. Denn es ist nicht nötig, dass diejenigen, die diesen Fehler nicht abgestellt haben, meine ganze Einführungspredigt hören. Damit jedoch diejenigen, die den Fehler korrigiert haben, nicht missbraucht und misshandelt werden, lasst uns den Nachlässigeren um der Eifrigeren willen Nachsicht entgegenbringen. Denn es ist viel besser, den Nachlässigen um der Eifrigeren willen Nachsicht zu gewähren, als die Eifrigen wegen der Nachlässigen zu missbrauchen und zu misshandeln.
Ich möchte euch an etwas erinnern, das ich in meiner letzten Rede versprochen, aber nicht eingelöst habe, weil mich die Unterweisung zu dringlicheren Themen drängte. Was war das? Ich wollte euch erklären, warum unsere Väter alle anderen Zeiten des Jahres übergangen und festgesetzt haben, dass eure Seelen gerade in dieser Zeit eingeweiht werden sollten; und ich sagte, die Beachtung der Zeit sei keine einfache oder zufällige Sache. Denn es ist immer dieselbe Gnade, und sie wird durch die Jahreszeit nicht behindert; die Gnade kommt ja von Gott. Doch die Beachtung des rechten Zeitpunktes steht durchaus in Verbindung mit dem Geheimnis der Einweihung. Warum also haben unsere Väter dieses Fest auf diese Zeit gelegt? Jetzt hat unser König im Krieg gegen die Barbaren gesiegt. Und alle Dämonen sind Barbaren, ja wilder als Barbaren. Jetzt hat er die Sünde vernichtet, jetzt den Tod niedergeworfen und den Teufel unterworfen; er hat Gefangene weggeführt.
Darum feiern wir an diesem Tag die Erinnerung jener Siege, und aus diesem Grund haben unsere Väter angeordnet, dass die Gaben des Königs zu dieser Zeit ausgeteilt werden; denn das ist die Sitte der Sieger. Auch die Könige der fremden Völker tun das und zählen die Tage der Triumphfeier, die viele Ehren verdient. Doch ihre Art von Ehre strotzt vor Unehre. Denn was für eine Ehre liegt in Schauspielen und in dem, was man dort redet und treibt? Sind diese Schauspiele nicht in jeder Hinsicht von Schande und schallendem Gelächter erfüllt?
Die Ehre dieser Zeit wird dem Großmut dessen gerecht, der sie verleiht. Darum ordneten unsere Väter die Feier dieser Zeit an: zuerst, damit euch die Zeit seines Sieges an den Herrn erinnert; sodann, damit es in der Triumphfeier Menschen gibt, die leuchtende Gewänder tragen und im Begriff stehen, vom König einen Lohn zu empfangen. Doch das war nicht ihr einziger Grund. Unsere Väter setzten diese Feier auch fest, damit ihr während der ganzen Festzeit Teilhaber des Herrn seid. Der heilige Paulus sagt: „Er wurde am Holz gekreuzigt.“4 Werde du selbst durch deine Taufe gekreuzigt. Der heilige Paulus fügte hinzu, dass das Kreuz der Tod der Sünde ist.
Hört also, was der heilige Paulus sagt und wie er von der Taufe zugleich als dem Tod der Sünde und als dem Kreuz spricht. „Wisst ihr nicht, dass ihr alle, die in Christus getauft worden seid, in seinen Tod getauft worden seid?“5 Und wieder: „Unser alter Mensch ist mit ihm gekreuzigt worden, damit der Leib der Sünde vernichtet wird.“6 Damit ihr nicht erschreckt, wenn ihr die Worte Tod und Kreuz hört, fügte der heilige Paulus hinzu, dass das Kreuz der Tod der Sünde ist.
Habt ihr gesehen, wie die Taufe ein Kreuz ist? Lernt, dass sogar Christus die Taufe das Kreuz genannt hat, als er den Namen der Taufe mit dem des Kreuzes gleichbedeutend verwendete. Er nannte eure Taufe ein Kreuz. „Ich nenne meine Taufe ein Kreuz“, sagt er. Wo sagt er das? „Ich habe eine Taufe, mit der ich getauft werden soll, und davon wisst ihr nichts.“7 Und wie ist klar, dass er vom Kreuz spricht? Die Söhne des Zebedäus traten an ihn heran — genauer gesagt: die Mutter der Söhne des Zebedäus — und sagte: „Befiehl, dass diese meine zwei Söhne in deinem Reich sitzen, einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken.“8 Eine mütterliche Bitte, auch wenn sie unbedacht war! Wie antwortete Christus also? „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde, und euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?“9 Seht ihr: Er nannte das Kreuz eine Taufe. Woran wird das deutlich? Er sagt: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“9 Er nennt sein Leiden einen Kelch, und darum sagt er: „Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“10 Habt ihr gesehen, wie er das Kreuz eine Taufe und das Leiden einen Kelch genannt hat?
Er sprach nicht deshalb so darüber, weil er selbst gereinigt worden wäre — wie denn auch er, „der keine Sünde tat, und in dessen Mund kein Betrug war“11 ? —, sondern weil das Blut, das aus seinem Leiden und vom Kreuz floss, die ganze Welt reinwusch. Darum sagt auch der heilige Paulus: „Denn wenn wir mit ihm in der Gestalt seines Todes durch die Taufe vereint worden sind.“ 12 Er sagte nicht: „im Tod“, sondern: „in der Gestalt seines Todes“. Denn beides, das erste wie das zweite, ist Tod, nur nicht der Tod desselben: Das erste ist der Tod des Leibes, das zweite der Tod der Sünde. Darum ist es die „Gestalt des Todes“.
Wie ist es also? Sterben wir nur mit dem Herrn, und haben wir nur Anteil an seiner Trauer? Vor allem sage ich: Anteil am Tod des Herrn zu haben, ist kein Grund zur Trauer. Warte nur ein wenig, dann wirst du sehen, dass du selbst an seinen Wohltaten Anteil hast. Denn der heilige Paulus sagt: „Wenn wir mit ihm gestorben sind, glauben wir, dass wir auch mit ihm zusammen leben werden.“13 Denn in der Taufe geschehen Begräbnis und Auferstehung zugleich. Wer getauft wird, legt den alten Menschen ab, zieht den neuen an und steht auf - so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters auferstanden ist. Siehst du also, wie Paulus die Taufe abermals eine Auferstehung nennt?
Warum also fallen bei uns Tod, Begräbnis und Auferstehung zugleich zusammen - wir stehen ja in dem Moment auf, in dem wir begraben werden -, während die Auferstehung unseres Herrn auf sich warten ließ? Er stand erst nach drei Tagen auf. Warum kommt unsere Auferstehung sofort, seine aber später? In Wahrheit tat er es, damit wir begreifen, dass nicht Schwäche der Grund der Verzögerung ist. Gewiss: Wer im Nu seinen Diener aufzuerwecken vermochte, war umso mehr fähig, sich selbst aufzuerwecken. Warum dann die Verzögerung? Warum die drei Tage im Grab? Damit die Tatsache seiner Auferstehung - nach einem Tod, der nicht sogleich wieder aufgehoben wurde - eben durch diese Verzögerung mit einem Beweis feststeht, der jeden Zweifel ausschließt. Selbst jetzt noch, nach einem so eindeutigen Beweis, gibt es Menschen, die sagen, er habe nur scheinbar gelitten. Was hätten diese Leute wohl gesagt, wenn seine Auferstehung nicht auf sich hätte warten lassen? Denn der Teufel trachtete danach, nicht nur die Erzählung von der Auferstehung zu untergraben, sondern auch den Glauben an seinen Tod. Er wusste nämlich, und zwar sehr genau, dass der Tod des Retters das allgemeine Heilmittel für die ganze Welt ist; darum war er darauf aus, dies dem Glauben der Menschen zu entreißen, um das Heil zu zerstören.
Darum zögerte der Herr mit seiner Auferstehung, und die Juden kamen und sagten: „Gebt uns Soldaten, damit wir das Grab bewachen.“ 14 Was für eine Schamlosigkeit! Hast du je, o Jude, eine bewachte Leiche gesehen? Denn wenn der Gekreuzigte nur eine gewöhnliche Leiche und ein bloßer Mensch war, warum tut ihr dann solch Sonderbares und Ungewöhnliches? Warum fürchtet ihr euch, warum zittert ihr und stellt Wachen auf? Doch Gott verhinderte das nicht; er ließ das Grab bewachen, damit der Sünder durch die Taten seiner eigenen Hände überführt wird. Denn sie sagten: „Gebt uns Soldaten, damit die Jünger ihn nicht stehlen und sagen, er sei auferstanden.“15 Aber das Gegenteil geschah. Sie nahmen die Soldaten, und eben darum konnten sie, nachdem er auferstanden war, nicht behaupten, die Jünger hätten ihn gestohlen und er sei nicht auferstanden. So wurden die gegen die Auferstehung erdichteten Einwände zu Argumenten für sie. Christus machte ausgerechnet die, die gegen ihn ein Komplott geschmiedet hatten, zu Zeugen seiner Auferstehung und zerschlug so die Schutzbehauptung, die sie sich an jenem Tag zurechtgelegt hatten.
Ich meine, das Gesagte hat ausreichend erklärt, warum unsere Väter angeordnet haben, dass die Einweihung zu dieser Zeit vollzogen wird. Doch ich möchte euch noch einen weiteren Punkt vorlegen – es sei denn, ihr seid des Hörens schon müde – und euch sagen, warum wir euch von hier ohne Gewand und ohne Schuhe hinaussenden, damit ihr die Worte der Exorzisten hört. Denn auch dort wird wieder derselbe Grund sichtbar: Der König hat in der Schlacht gesiegt und Gefangene gemacht. Und Gefangene gehen nackt und barfuß. Hört wenigstens, was Gott zu den Juden sagt: „Wie mein Kind Jesaja nackt und barfuß ging, so werden die Söhne Israels nackt und barfuß in die Gefangenschaft gehen.“16 Er will euch also durch euer äußeres Erscheinungsbild daran erinnern, dass der Teufel über euch herrschte, und er ruft euch ins Gedächtnis, wie niedrig eure Herkunft war vor der Wiedergeburt. Darum steht ihr nicht nur nackt und barfuß da, sondern ihr steht sogar mit nach oben gewandten Händen, um Gottes kommende Herrschaft zu bekennen, der ihr jetzt entgegengeht. Ihr seid allesamt Beute und Kriegsbeute. Von dieser Beute hat Jesaja schon längst gesprochen, noch bevor die Nöte ein Ende nahmen, als er so weissagte: „Er wird die Beute der Starken teilen.“17 Und ebenso: „Er kam, um den Gefangenen Freilassung zu verkündigen.“18 Aber auch David, wie Jesaja, hat diese Gefangennahme erklärt und gesagt: „Du bist in die Höhe hinaufgestiegen, du hast die Gefangenen fortgeführt.“19
Seid aber nicht bedrückt, wenn ihr das Wort Gefangenschaft hört; denn nichts ist seliger als diese Gefangenschaft. Die Gefangenschaft durch Menschen führt von der Freiheit in die Sklaverei; diese Gefangenschaft aber verwandelt Sklaverei in Freiheit. Außerdem beraubt euch die Gefangenschaft durch Menschen der Heimat und führt euch auf fremden Boden; diese Gefangenschaft aber treibt euch vom fremden Land fort und führt euch in eure Heimat, das himmlische Jerusalem. Die Gefangenschaft durch Menschen nimmt einem die Mutter; diese Gefangenschaft aber führt euch zur gemeinsamen Mutter von uns allen. Jene Gefangenschaft trennt euch von Verwandten und Mitbürgern; diese dagegen führt euch zu den Bürgern oben, denn der heilige Paulus sagt: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen.“20 Das ist also der Grund, warum ihr nackt und barfuß dasteht.
Aber warum erinnern die Worte der Exorzisten – diese furchteinflößenden und grauenvollen Worte – euch an unser aller Herrn, an die Strafe, an die Rache und an die Feuer der Hölle? Wegen der Schamlosigkeit der Dämonen. Denn der Katechumene ist ein Schaf ohne Siegel; er ist eine verlassene Herberge und ein Gasthaus ohne Tür, das unterschiedslos allen offensteht; er ist eine Räuberhöhle, eine Zuflucht wilder Tiere, eine Wohnstatt der Dämonen. Und doch hat unser Herr aus lauter Güte verfügt, dass diese verlassene, türenlose Herberge, diese Zuflucht der Räuber, ein königlicher Palast werde. Deshalb hat er uns, eure Lehrer, und jene Exorzisten gesandt, um die Herberge vorab vorzubereiten. Und durch unsere Unterweisung machen wir, die euch lehren, die Mauern der Herberge, die schwach und baufällig waren, fest und sicher.
Christus sagt: „Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, gleicht einem weisen Mann, der sein Haus auf Felsen gebaut hat.“21 Lasst uns Fundamente legen, die sicher sind, bis der König herannaht. Wenn wir irgendeinen Schmutz oder Schlamm sehen, lasst ihn uns ablassen. So ist die Art der Sünde: faulig und schmutzig. Hört also, wie David ihr Wesen beschreibt: „Wie eine schwere Last drücken mich [meine Sünden] über die Maßen. Meine Wunden stinken, sie eitern wegen meiner Torheit.“22 Wir wiederum lassen den Gestank ab und reichen die Salbe des Geistes dar; die Exorzisten aber sorgen mit jenen furchterregenden Worten dafür, dass dort kein wildes Tier sei, keine Schlange, keine Viper, kein Skorpion. Und wäre das Tier noch so wild: Sobald es jene furchtbare Formel [des Exorzismus] hört, kann es weder davonschleichen noch sich in seinem Bau verbergen; es macht sich sogar wider Willen davon und läuft weg.
Ich wollte auch über dieses andere Thema sprechen, obwohl ich es nicht zugesagt habe. Doch ich muss euch sagen, warum wir Gläubige heißen, während die noch nicht Eingeweihten Katechumenen genannt werden. Es ist wirklich beschämend und lächerlich, wenn jemand eine Ehre empfängt und den Namen nicht kennt, den diese Ehre trägt. Aber was ist nur mit mir? Meine Sorge wegen eures Schwörens hat mich wieder ergriffen, sie klagt mich der Trägheit an und zieht meine Rede zurück zu diesem Thema. Verschieben wir also die Erörterung der Bezeichnungen Gläubige und Katechumenen auf die nächste Unterweisung und wenden wir uns jetzt meiner Mahnung und meinem Rat in der Frage des Schwörens zu. Schwören ist etwas Schreckliches und Schädliches; es ist ein vernichtendes Gift, Verderben und Gefahr, eine verborgene Wunde, eine unsichtbare Wunde, ein dunkles Geschwür, das sein Gift in der Seele ausbreitet; es ist ein Pfeil Satans, ein flammender Speer, ein zweischneidiges Schwert, ein scharf geschliffener Krummsäbel, eine unverzeihliche Sünde, ein unentschuldbares Vergehen, ein tiefer Abgrund, ein sturzsteiler Fels, eine fest gebaute Falle, ein straff gespanntes Netz, eine Fessel, die sich nicht sprengen lässt, eine Schlinge, der niemand entkommt.
Genügt das? Glaubt ihr nun, dass das Schwören etwas Schreckliches ist, ja die schädlichste aller Sünden? Glaubt mir, ich bitte euch, glaubt mir! Wenn mir aber jemand nicht glaubt, so liefere ich jetzt den Beweis. Diese Sünde hat etwas, was keine andere Sünde besitzt. Wenn wir die übrigen Gebote nicht übertreten, entgehen wir der Strafe; beim Schwören aber werden wir gleichermaßen bestraft, sowohl wenn wir uns vor dem Übertreten hüten als auch wenn wir übertreten.
Habt ihr vielleicht nicht verstanden, was ich gesagt habe? Dann will ich es noch deutlicher sagen. Oft kommt es vor, dass jemand geschworen hat, eine gesetzwidrige Tat zu begehen, und damit in eine Falle geraten ist, aus der es keinen Ausweg gibt. Denn von da an muss er entweder seinen Eid halten und die rechtswidrige Tat ausführen, oder den Eid nicht halten und des Meineids überführt werden. Nach beiden Seiten hin klafft der Abgrund, nach beiden Seiten droht der unvermeidliche Tod — sowohl dem, der den Eid hält, als auch dem, der ihn bricht. Gibt es etwas Verderblicheres als diese Sünde, ganz gleich, ob der Eid gehalten oder gebrochen wird?
Und damit ihr erkennt, dass es so ist und dass sich mancher — nicht nur, wenn er seinen Eid gebrochen hat, sondern sogar, wenn er ihn hält — oft strafbar gemacht hat, will ich euch die folgende Geschichte erzählen. Herodes richtete einst ein Geburtstagsmahl aus und beging den Jahrestag seiner Geburt. Um diesen Tag glänzend zu machen, ließ er die Tochter der Königin zum Tanz auftreten. Ihm war jedoch nicht bewusst, dass er damit den Tag nicht schmückte, sondern ihn entwürdigte. An diesem Tag hätte er Gott in seiner liebenden Güte danken sollen, weil er ihn aus dem Nichts erschaffen hat, weil er ihm eine Seele gegeben hat, weil er ihn in dieses heilige Welttheater hineingestellt hat, weil er ihn zum Zuschauer dieser schönsten und wunderbarsten Schöpfung gemacht hat. Er hätte den Tag mit Hymnen und Dank dem Herrn gegenüber ehren sollen, doch er ehrte ihn mit Unehre. Denn was ist schändlicher als das Tanzen?
An jenem Tag tanzte Herodias’ Tochter. Hört zu, ihr Männer und Frauen, die ihr eure größten Tage mit solchen Tänzen und Liedern feiert. Das sind keine kleinen Übel, auch wenn sie weder gut noch böse zu sein scheinen; gerade weil sie als weder gut noch böse erscheinen, sind sie große Übel. Weil sie unbedeutend scheinen, widmet man ihnen keine Sorgfalt und Umsicht. Eine schwere Krankheit bekommt Pflege und wird geheilt; doch ein Leiden, das gering erscheint, wird verächtlich abgetan und wird ernst. Was sagst du da? Hat wirklich jemand die Dreistigkeit, solches Tanzen in das Haus eines der Gläubigen zu bringen, und fürchtet er nicht, dass ein Blitz vom Himmel herabfährt und alles in seinen Flammen verzehrt? Das sage ich auch zu den Frauen, damit sie die Männer zurechtweisen und von solcher Lust abbringen.
An jenem Tag trat die Tochter der Königin ein und tanzte. Gepriesen sei Gott! Wie groß ist die Mäßigung, zu der er unser Leben geführt hat! Hört, ihr, die ihr glaubt, welchem Bräutigam ihr entgegengeht: Er hat unser zuvor unschickliches Leben genommen und es mit Schamhaftigkeit, Mäßigung und Würde geschmückt. Wozu die Prinzessin sich damals nicht schämte, das würde sich heute nicht einmal die geringste Magd gefallen lassen.
So tanzte die Prinzessin, und nach dem Tanz beging sie noch eine schwerere Sünde. Denn sie überredete diesen dummen Mann, ihr unter Eid zu versprechen, ihr alles zu geben, was sie verlangen würde. Seht ihr, dass das Schwören Menschen ebenfalls dumm macht? Darum schwor er, ihr zu geben, was immer sie nur verlangte. Was wäre denn, wenn sie dein Haupt verlangt hätte, Herodes? Was, wenn sie dein ganzes Königreich gefordert hätte? Doch an all dies dachte er nicht. Der Teufel hatte seine Falle gestellt und sie gut gesichert; und sobald der Eid ausgesprochen war, warf er ringsum seine Schlingen und spannte sein Netz auf allen Seiten. Dann fügte er jene Forderung hinzu, damit es aus der Lage kein Entkommen gab. Die Prinzessin sagte: „Gib mir das Haupt Johannes des Täufers auf einer Platte.“23 Die Bitte war schändlich, die Gabe töricht und verderblich; der Eid war die Ursache beider.
Was hätte er tun sollen? Ihr erinnert euch an das, was ich gesagt habe: Ob wir den Eid halten oder ihn brechen, wir werden so oder so bestraft. Hätte er ihr das Haupt des Propheten geben sollen? Die Strafe war unerträglich. Hätte er es nicht geben sollen? Dann wird man ihn des Meineids beschuldigen. Seht ihr, wie auf beiden Seiten ein Abgrund klafft?
„Gib mir hier auf einer Schale den Kopf von Johannes dem Täufer.“24 , sagte sie. Die Bitte war abscheulich, aber sie überredete ihn, und er gab den Befehl, die heilige Zunge des Johannes zum Schweigen zu bringen. Doch bis heute erhebt sie ihre Stimme, denn Tag für Tag – ja vielmehr in jeder Kirche – hört ihr Johannes durch die Evangelien laut rufen und sagen: „Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders Philipp zu haben.“25 Er schlug den Kopf ab, aber die Stimme schlug er nicht ab; er brachte die Zunge zum Schweigen, doch die Anklage brachte er nicht zum Schweigen.
Siehst du, was das Schwören anrichtet? Es schlägt Propheten die Köpfe ab. Du hast den Köder gesehen; fürchte also den Untergang, den er nach sich zieht. Du hast das Netz gesehen; falle nicht hinein. Du musst künftig darauf achten, dass die Wunde nicht tiefer wird; du musst künftig deine Hand mit ihrem blutbefleckten Schwert zurückhalten; du musst schweigen und deine Zunge fernhalten von den Wunden des Meineids. Du wirst die Sünde des Schwörens niemals begehen, wenn du dir merkst: Ob du deinen Eid hältst oder brichst, du wirst gleichermaßen bestraft.
Wo sind jetzt die, die sagen: „Angenommen, mein Schwur ist gerechtfertigt?“ Wie kann das gerecht sein, wenn das Gesetz übertreten wird? Wie kann das gerecht sein, wenn Gott es verbietet und du es trotzdem tust? Aber du wirst später Nachsicht mit uns haben, wenn wir deine Wunden verbinden; denn auch der Verband schmerzt.
Die Strafe sowohl für falsches als auch für wahrhaftiges Schwören war schon, bevor ich euch unterwiesen habe, hart; jetzt, da ich euch unterwiesen habe, ist sie noch härter. Christus sagte: „Wenn ich nicht gekommen wäre und zu ihnen gesprochen hätte, hätten sie keine Sünde. Jetzt aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde.“26 Auch über euch kann ich das sagen; denn künftig werdet ihr für eure Übertretungen keine Entschuldigung mehr haben. Wenn die Taufe auf Schwüre trifft, ob falsch oder wahrhaftig geschworen, wenn sie Unzucht oder Ehebruch findet, wenn sie die ganze Fülle des Bösen vorfindet, wäscht sie all das sorgfältig ab und macht die Seele vollkommen rein.
Möget ihr von nun an über diese Reinheit eurer Seele wachen und jede Befleckung entfernen, und mögen wir durch eure Gebete an eurer Zuversicht teilhaben. Und betet künftig auch für eure Lehrer, denn schon bald werdet ihr für uns mit einem Glanz aufstrahlen, der heller ist als die Sterne selbst. Mögen wir also alle durch eure Gebete Anteil an eurer Zuversicht vor dem Richterstuhl Christi erhalten, durch den und mit dem dem Vater zusammen mit dem Heiligen Geist Ehre sei, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Schriftstellen
- Hebr 13,17
- Hebr 9,24
- Hebr 10,19-20
- Gal 3,13
- Röm 6,3
- Röm 6,6
- Lk 12,50
- Mt 20,21
- Mk 10,38
- Mt 26,39
- 1Petr 2,22
- Röm 6,5
- Röm 6,8
- Mt 27,65
- Mt 27,64
- Jes 20,4
- Jes 53,12
- Jes 61,1
- Ps 67,19
- Eph 2,19
- Mt 7,24
- Ps 38,4-5
- Mt 14,8
- Mk 6,25
- Mk 6,18
- Joh 15,22
