Brief 55 - An Amandus
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Ein kurzer Brief lässt lange Erklärungen nicht zu; weil viel Stoff auf engem Raum zusammengedrängt ist, kann er Themen, die viele Gedanken anstoßen, nur mit wenigen Worten streifen. Du fragst mich, was die Stelle im Evangelium nach Matthäus bedeutet: „Sorgt euch nicht um den morgigen Tag; dem Tag genügt sein eigenes Übel.“1 In der Heiligen Schrift bezeichnet „morgen“ die Zukunft. So sagt Jakob in Genesis: „Dann wird meine Gerechtigkeit morgen für mich antworten.“2 Und als die zwei Stämme Ruben und Gad und der halbe Stamm Manasse einen Altar gebaut hatten und ganz Israel Boten zu ihnen sandte, antworteten sie dem Hohepriester Pinehas, sie hätten den Altar gebaut, damit nicht „morgen zu ihren Kindern gesagt wird: Ihr habt keinen Anteil am Herrn.“3 Ähnliche Stellen findest du viele im Alten Testament. Wenn Christus uns also verbietet, für zukünftige Dinge Sorge zu tragen, erlaubt er uns doch, für die gegenwärtigen zu sorgen, weil er unsere schwache sterbliche Lage kennt. Seine weiteren Worte „dem Tag genügt sein eigenes Übel,“ sind so zu verstehen, dass es genügt, an die gegenwärtigen Plagen dieses Lebens zu denken. Warum sollten wir unsere Gedanken auf Unwägbarkeiten ausdehnen, auf Dinge, die wir entweder nicht erlangen können oder die wir, wenn wir sie erlangt haben, bald wieder loslassen müssen? Das griechische Wort κακία, das die lateinische Übersetzung mit „Bosheit“ wiedergibt, hat zwei Bedeutungen, nämlich Bosheit und Bedrängnis; Letzteres nennen die Griechen κακώσις, und in dieser Stelle wäre „Bedrängnis“ die bessere Wiedergabe. Wenn aber jemand dem widerspricht und darauf besteht, dass κακία „Bosheit“ und nicht „Bedrängnis“ bedeutet, ist der Sinn derselbe wie in den Worten „Die ganze Welt liegt in der Bosheit,“4 und wie in der Bitte des Gebet des Herrn „erlöse uns von dem Bösen,“5 dann will die Stelle sagen, dass uns unser gegenwärtiger Kampf mit der Bosheit dieser Welt genügen soll.
Du fragst mich nach der Stelle im ersten Brief des seligen Apostels Paulus an die Korinther, wo er sagt: „Jede Sünde, die der Mensch begeht, ist außerhalb des Körpers; wer aber Unzucht treibt, sündigt gegen den eigenen Körper,“6 denn wir sollen den Sinn eines Abschnitts nicht aus den Schlusssätzen, gewissermaßen aus dem Schwanz des Kapitels, herauspressen, sondern etwas zurückgehen und weiterlesen, bis wir zu diesen Worten kommen. „Der Körper ist nicht für Unzucht, sondern für den Herrn; und der Herr für den Körper. Und Gott hat den Herrn auferweckt und wird auch uns [mit ihm] durch seine eigene Macht auferwecken. Wisst ihr nicht, dass eure Körper Glieder Christi sind? Soll ich also die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Hure machen? Das sei ferne. Oder wisst ihr nicht, dass, wer sich an eine Hure bindet, ein Körper mit ihr ist? Denn, sagt er, die zwei werden ein Fleisch sein. Wer sich aber an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Flieht die Unzucht. Jede Sünde, die der Mensch begeht, ist außerhalb des Körpers; wer aber Unzucht treibt, sündigt gegen den eigenen Körper,“7 und so weiter. Der heilige Apostel hat zuvor gegen das Übermaß argumentiert und kurz zuvor gesagt: „Speisen für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird diesen wie jene zunichtemachen,“ 8 dann wendet er sich der Unzucht zu. Denn Übermaß im Essen ist die Mutter der Begierde; ein Bauch, der mit Speisen überfüllt und mit Wein getränkt ist, führt sicher in die sinnliche Lust. Wie andernorts gesagt wurde, zeigt schon die Anordnung der menschlichen Organe die Bahn seiner Laster. Daher lassen sich Sünden wie Diebstahl, Totschlag, Plünderung, Meineid und dergleichen, nachdem sie begangen wurden, bereuen, und so sehr der Vorteil ihn auch locken mag, das Gewissen schlägt den Täter immer.
Nur die Lust und die sinnliche Begierde erleben gerade in der Stunde der Buße erneut die früheren Versuchungen, das Jucken des Fleisches und die Lockungen der Sünde, sodass schon die Aufmerksamkeit, die wir auf die Heilung solcher Vergehen richten, in sich selbst zu einer neuen Quelle der Sünde wird. Oder anders gesagt: Andere Sünden sind außerhalb von uns; was immer wir tun, tun wir gegen andere. Unzucht hingegen befleckt den Unzüchtigen sowohl im Gewissen als auch am Körper; und gemäß den Worten des Herrn, „darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein,“9 wird auch er ein Körper mit einer Hure und sündigt gegen seinen eigenen Körper, indem er das, was der Tempel Christi ist, zum Körper einer Hure macht. Damit wir keinen Hinweis der griechischen Ausleger übergehen, gebe ich dir noch eine weitere Erklärung. Es ist eines, mit dem Körper zu sündigen, und ein anderes, im Körper zu sündigen. Diebstahl, Totschlag und alle anderen Sünden außer der Unzucht begehen wir mit den Händen außerhalb von uns. Unzucht allein begehen wir in uns selbst, in unseren Körpern, und nicht mit unseren Körpern an anderen. Die Präposition ‚mit‘ bezeichnet das Werkzeug der Sünde, die Präposition ‚in‘ dagegen, dass die Sphäre der Leidenschaft wir selbst sind. Andere geben folgende Erklärung: Nach der Schrift ist der Körper eines Mannes seine Frau; wenn ein Mann Unzucht treibt, heißt es daher, er sündigt gegen seinen eigenen Körper, das heißt gegen seine Frau, insofern er sie durch seine eigene Unzucht befleckt und sie, obwohl sie selbst ohne Schuld ist, durch den Verkehr mit ihm zur Sünderin macht.
Deinem Fragenbrief lag ein kurzer Zettel bei mit den Worten: „Frag ihn“ – also mich –, „ob eine Frau, die ihren Mann verlassen hat, weil er ein Ehebrecher und Sodomit ist, und die sich gezwungen sah, einen anderen zu nehmen, solange der zuerst verlassene Mann lebt, ohne Buße für ihre Schuld in der Kirche zur Kommunion gehen darf.“ Während ich den Fall lese, erinnere ich mich an den Vers „Vorwände in Sünden vorbringen.“10 Wir sind alle Menschen und alle nachsichtig mit unseren eigenen Fehlern; und was unser eigener Wille uns tun lässt, schreiben wir einer Notwendigkeit der Natur zu. Es ist, als würde ein junger Mann sagen: „Mein Körper überwältigt mich, das Glühen der Natur entfacht meine Begierden, der Bau meines Körpers und seine Zeugungsorgane verlangen nach Geschlechtsverkehr.“ Oder ein Mörder: „Ich war in Not, ich brauchte Nahrung, ich hatte nichts, womit ich mich bedecken konnte. Wenn ich eines anderen Blut vergossen habe, dann um mich vor Kälte und Hunger zu retten.“ Sag also der Schwester, die mich so nach ihrem Stand fragt, nicht mein Urteil, sondern das des Apostels: „Wisst ihr nicht, Brüder – ich rede nämlich zu solchen, die das Gesetz kennen –, dass das Gesetz über den Menschen herrscht, solange er lebt? Denn die verheiratete Frau ist durch das Gesetz an den Mann gebunden, solange er lebt; wenn aber der Mann gestorben ist, ist sie vom Gesetz des Mannes losgebunden. Also wird sie, solange der Mann lebt, wenn sie einem anderen Mann angehört, eine Ehebrecherin genannt.“11
„Die Frau ist gebunden, solange ihr Mann lebt; wenn aber ihr Mann gestorben ist, ist sie frei, zu heiraten, wen sie will, nur im Herrn.“12 Der Apostel hat damit jede Ausflucht abgeschnitten und klar erklärt, dass eine Frau, die wieder heiratet, solange ihr Mann lebt, eine Ehebrecherin ist. Komm mir nicht mit der Gewalt eines Vergewaltigers, mit der Bitte der Mutter, dem Befehl des Vaters, dem Einfluss der Verwandten, der Dreistigkeit und den Ränken der Dienerschaft, mit Verlusten im Haushalt. Ein Mann mag ein Ehebrecher oder ein Sodomit sein, mit jedem Verbrechen befleckt und von seiner Frau wegen seiner Sünden verlassen; dennoch ist er ihr Mann, und solange er lebt, darf sie keinen anderen heiraten! Der Apostel verkündet dieses Dekret nicht aus eigener Vollmacht, sondern auf die Vollmacht Christi hin, der in ihm spricht. Denn er folgt den Worten Christi im Evangelium: „Wer seine Frau scheidet, außer wegen Unzucht, macht, dass sie Ehebruch begeht; und wer die Geschiedene heiratet, begeht Ehebruch.“ 13 Beachte, was er sagt: „Wer die Geschiedene heiratet, begeht Ehebruch.“ Ob sie nun ihren Mann fortgeschickt hat oder der Mann sie: Der, der sie heiratet, ist dennoch ein Ehebrecher. Darum sagten die Apostel, als sie sahen, wie schwer das Joch der Ehe dadurch wurde, zu ihm: „Wenn die Sache des Mannes mit der Frau so steht, ist es nicht gut zu heiraten,“ und der Herr erwiderte: „Wer es aufnehmen kann, der nehme es an,“ und sogleich zeigt er am Beispiel der drei Eunuchen die Seligkeit der Jungfräulichkeit, die an kein körperliches Band gebunden ist.14
Ich kann nicht genau erkennen, was sie mit den Worten meint, sie habe sich gezwungen gesehen, nochmals zu heiraten. Was ist das für ein Zwang, von dem sie spricht? Wurde sie von einer Menge überwältigt und gegen ihren Willen vergewaltigt? Wenn ja, warum hat sie, so zum Opfer gemacht, später ihren Vergewaltiger nicht von sich gewiesen? Sie lese die Bücher des Mose, und sie wird finden, „Wenn eine Jungfrau einem Mann verlobt ist und ein Mann findet sie in der Stadt und liegt bei ihr, dann bringt beide an das Tor jener Stadt und steinigt sie mit Steinen, das Mädchen, weil es in der Stadt nicht geschrien hat, und den Mann, weil er die Frau seines Nächsten erniedrigt hat. Wenn aber der Mann die verlobte Jungfrau auf dem Feld findet und der Mann ergreift sie und liegt bei ihr, so soll nur der Mann sterben; dem Mädchen aber sollst du nichts tun, im Mädchen ist keine Sünde zum Tod.“15 Wenn also deine Schwester, die, wie sie sagt, in eine zweite Verbindung gezwungen worden ist, den Körper Christi empfangen und nicht als Ehebrecherin gelten will, soll sie Buße tun, wenigstens insofern, dass sie von dem Zeitpunkt ihrer Umkehr an keinen weiteren Verkehr mit diesem zweiten Mann hat, der nicht Ehemann, sondern Ehebrecher heißen muss. Wenn ihr das hart vorkommt und wenn sie den einmal Geliebten nicht verlassen kann und den Herrn nicht der sinnlichen Lust vorzieht, dann höre sie die Erklärung des Apostels, „Ihr könnt nicht den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen; ihr könnt nicht am Tisch des Herrn teilhaben und am Tisch der Dämonen.“16 Und anderswo, „Welche Gemeinschaft hat das Licht mit der Finsternis?“17
„Und welche Übereinstimmung hat Christus mit Belial?“18 Was ich jetzt sage, mag neu klingen, ist es aber nicht, sondern alt, denn es wird durch das Zeugnis des Alten Testaments gestützt. Wenn sie ihren zweiten Mann verlässt und wünscht, mit dem ersten versöhnt zu werden, kann sie das jetzt nicht, denn es steht im Deuteronomium geschrieben: „Wenn ein Mann eine Frau nimmt und sie heiratet und es geschieht, dass sie keine Gunst mehr in seinen Augen findet, weil er etwas Anstößiges an ihr gefunden hat, dann soll er ihr eine Scheidungsurkunde schreiben, sie ihr in die Hand geben und sie aus seinem Haus entlassen. Und wenn sie aus seinem Haus gegangen ist, darf sie eines anderen Mannes Frau werden. Und wenn der zweite Mann sie hasst und ihr eine Scheidungsurkunde schreibt und sie ihr in die Hand gibt und sie aus seinem Haus entlässt oder wenn der zweite Mann, der sie zur Frau genommen hat, stirbt, dann darf ihr erster Mann, der sie entlassen hat, sie nicht wieder zur Frau nehmen, nachdem sie verunreinigt worden ist; denn das ist ein Gräuel vor dem Herrn, und du sollst das Land nicht zur Sünde bringen, das der Herr, dein Gott, dir zum Erbteil gibt.“19 Darum bitte ich dich, tu dein Möglichstes, sie zu trösten und sie zum Heil zu drängen. Krankes Fleisch verlangt nach Messer und Brenneisen. Schuld hat die Wunde, nicht die Heilkunst, wenn der Arzt mit einer Härte, die in Wahrheit Güte ist, nicht schont, und Schonung ist grausam.
Deine dritte und letzte Frage bezieht sich auf die Stelle im selben Brief, wo der Apostel, während er von der Auferstehung spricht, zu den Worten kommt: „Denn er muss herrschen, bis er alle Dinge unter seine Füße gelegt hat. Als letzter Feind wird der Tod vernichtet. Denn alles hat er unter seine Füße getan. Wenn er aber sagt: ‚Alles ist ihm unterworfen,‘ ist offenkundig, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei.“20 Es überrascht mich, dass du mich über diese Stelle befragst, wo doch der ehrwürdige Hilarius, Bischof von Poitiers, das elfte Buch seiner Schrift gegen die Arianer einer umfassenden Untersuchung und Auslegung gewidmet hat. Dennoch will ich wenigstens ein paar Worte sagen. Der Hauptanstoß der Stelle ist, dass vom Sohn gesagt wird, er sei dem Vater untertan. Was ist nun beschämender und erniedrigender: dem Vater untertan zu sein – oft ein Zeichen liebender Hingabe, wie im Psalm „Wahrhaft ist meine Seele Gott untertan,“ 21 – oder gekreuzigt zu werden und zum Fluch des Kreuzes zu werden? „Denn verflucht ist jeder, der am Holz hängt.“22 Wenn Christus also um unseretwillen zum Fluch gemacht wurde, um uns vom Fluch des Gesetzes zu befreien, wunderst du dich, dass er ebenfalls um unseretwillen dem Vater untertan ist, um auch uns ihm zu unterwerfen, wie er im Evangelium sagt: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich,“23 und „und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“24
Christus ist also in den Glaubenden dem Vater untertan; denn alle Glaubenden, ja das ganze Menschengeschlecht, gelten als Glieder seines Körpers. In den Ungläubigen hingegen – das heißt bei Juden, Heiden und Häretikern – heißt es, sei er nicht untertan; denn diese Glieder seines Körpers sind dem Glauben nicht unterworfen. Am Ende der Welt aber, wenn all seine Glieder Christus – nämlich ihren eigenen Körper – herrschen sehen, werden auch sie Christus unterworfen werden, das heißt ihrem eigenen Körper, damit der ganze Körper Christi Gott und dem Vater untertan sei und „damit Gott alles in allem sei.“ 25 Er sagt nicht: „damit der Vater alles in allem sei,“ sondern: „damit Gott alles in allem sei,“ wobei „Gott“ ein Titel ist, der eigentlich der Dreifaltigkeit zukommt und sich nicht nur auf den Vater, sondern auch auf den Sohn und den Heiligen Geist bezieht. Gemeint ist also, dass die Menschheit der Gottheit untertan werde. Mit „Menschheit“ meinen wir hier nicht jene Milde und Freundlichkeit, die die Griechen „Philanthropie“ nennen, sondern das ganze Menschengeschlecht. Und wenn er sagt: „damit Gott alles in allem sei,“ ist das so zu verstehen: Jetzt ist unser Herr und Heiland nicht alles in allem, sondern in jedem von uns nur ein Teil. Zum Beispiel ist er Weisheit in Salomo, Großzügigkeit in David, Geduld in Hiob, Wissen um das Zukünftige in Daniel, Glaube in Petrus, Eifer in Pinehas und Paulus, Jungfräulichkeit in Johannes und andere Tugenden in anderen. Wenn aber das Ende aller Dinge kommt, dann wird er alles in allem sein; denn dann werden die Heiligen je für sich alle Tugenden besitzen, und alle werden Christus in seiner ganzen Fülle besitzen.
Schriftstellen
- Mt 6,34
- Gen 30,33
- Jos 22,24-25
- 1Joh 5,19
- Mt 6,13
- 1Kor 6,18
- 1Kor 6,13-18
- 1Kor 6,13
- Gen 2,24
- Ps 140,4
- Röm 7,1-3
- 1Kor 7,39
- Mt 5,32
- Mt 9,10-12
- Dtn 22,23-27
- 1Kor 10,21
- 2Kor 6,14
- 2Kor 6,15
- Dtn 24,1-4
- 1Kor 15,25-28
- Ps 61,2
- Gal 3,13
- Joh 14,6
- Joh 12,32
- 1Kor 15,28
