Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

Über öffentliche Veranstaltungen

Cyprian von Karthago ⏱️ 15 Min. Lesezeit
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Cyprian sendet der Gemeinde, die im Evangelium standhaft bleibt, seinen Gruß. Es bedrückt mich sehr und trifft meine Seele, wenn sich mir keine Gelegenheit bietet, euch zu schreiben; denn es ist mein Verlust, nicht mit euch im Austausch zu sein. Nichts aber gibt mir so viel Freude und Heiterkeit zurück, wie wenn sich mir wieder eine solche Möglichkeit eröffnet. Wenn ich euch im Brief anrede, habe ich das Gefühl, bei euch zu sein. Und obwohl ich weiß, dass ihr überzeugt seid, dass das, was ich sage, so ist, wie ich es sage, und ihr an der Wahrheit meiner Worte nicht zweifelt, soll doch auch die Wirklichkeit selbst das bezeugen: Meine Zuneigung zeigt sich nämlich darin, dass ich wirklich keine Gelegenheit euch zu schreiben vorübergehen lasse. So gewiss ich also bin, dass ihr im Lebenswandel ebenso achtbar seid, wie ihr eurem Taufgelübde treu seid, so gibt es doch wortgewandte Anwälte des Lasters und nachsichtige Förderer, die den Lastern Autorität verschaffen und, was noch schlimmer ist, den Tadel der göttlichen Schriften in eine Verteidigung von Verbrechen verkehren, als dürfe man das Vergnügen an den öffentlichen Schauspielen „als harmlose Erholung fürs Gemüt“ suchen. Denn dadurch erschlafft die Kraft der kirchlichen Disziplin, sie wird von der ganzen Mattigkeit des Lasters zersetzt, sodass der Bosheit nicht mehr eine Entschuldigung, sondern Autorität geliefert wird. Darum schien es mir gut, euch jetzt nicht zu unterweisen, sondern euch Belehrte in wenigen Worten zu mahnen, damit die schlecht verbundenen Wunden nicht die Narbe der bereits geschlossenen Heilung wieder aufsprengen. Denn kein Übel wird so mühsam beendet, dass sein Wiederkehren nicht dennoch leicht wäre, solange es durch Zustimmung getragen und durch die Ausreden der Vielen gestreichelt wird.

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Gläubige und Leute, die für sich die Autorität des christlichen Namens beanspruchen, schämen sich nicht – ich wiederhole, sie schämen sich nicht –, in den himmlischen Schriften eine Verteidigung für die leeren abergläubischen Bräuche der heidnischen Schauspiele zu suchen und so dem Götzendienst göttliche Autorität zuzuschreiben. Wie kommt es, dass das, was die Heiden zu Ehren irgendeines Götzen tun, bei einer öffentlichen Schau von treuen Christen aufgegriffen wird, der heidnische Götzendienst damit gestützt und die wahre göttliche Religion unter Verachtung Gottes mit Füßen getreten wird? Die Scham zwingt mich, ihre Vorwände und Verteidigungen zu berichten. „Wo,“ sagen sie, „stehen denn solche Schriften? Wo ist das verboten? Im Gegenteil, Elija ist der Wagenlenker Israels, und David selbst hat vor der Lade getanzt. Wir lesen von Psalterien, Hörnern, Trompeten, Trommeln, Flöten, Harfen und Chortänzen. Außerdem stellt der Apostel in seinem Kampf den Wettstreit des Faustkampfs vor und unseren Ringkampf gegen die geistlichen Mächte der Bosheit. Und wenn er seine Bilder von der Rennbahn nimmt, setzt er auch den Siegeskranz als Preis vor. Warum sollte also ein treuer Christ nicht anschauen dürfen, worüber doch die göttliche Feder schreiben könnte?“ An diesem Punkt dürfte ich mit gutem Grund sagen, es wäre für sie weit besser gewesen, überhaupt keine Schriften zu kennen, als die Schrift so zu lesen. Denn Worte und Bilder, die als Ansporn zur evangelischen Tugend aufgezeichnet sind, verkehren sie in Plädoyers für das Laster; denn darüber ist geschrieben, nicht damit man es anschaut, sondern damit in uns größerer Eifer für das, was uns nützt, geweckt wird, wo doch bei den Heiden so offenkundig so viel Eifer für Dinge zutage liegt, die keinen Nutzen bringen.

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Das alles ist also ein Ansporn zur Tugend, nicht eine Erlaubnis oder Freiheit, heidnischen Irrtum anzuschauen, damit unser Sinn um des göttlichen Lohnes willen noch mehr zur evangelischen Tugend entflammt wird, da es durch das Ertragen all dieser Mühen und Schmerzen gewährt ist, zu ewigen Gütern zu gelangen. Dass Elija „der Wagenlenker Israels“ heißt, ist kein Freibrief, den öffentlichen Schauspielen zuzuschauen; denn er lief sein Rennen in keinem Zirkus. Und dass David vor dem Angesicht Gottes die Tänze anführte, ist keine Legitimation dafür, dass treue Christen im öffentlichen Theater Platz nehmen; denn David verrenkte nicht seine Glieder in obszönen Bewegungen, um in seinem Tanz die Geschichte griechischer Wollust darzustellen. Psalter, Hörner, Flöten, Trommeln und Harfen wurden im Dienst des Herrn gebraucht, nicht für Götzen. Man soll daraus nicht einwenden, man dürfe deshalb Unerlaubtes anschauen; denn durch die List des Teufels werden solche Dinge von heilig zu unerlaubt verdreht. Dann soll wenigstens die Scham dagegen Einspruch erheben, wenn die Heilige Schrift es nicht ausdrücklich tut. Denn in manchem ist die Schrift in ihrer Unterweisung umso zurückhaltender; dem Anspruch der Scham nachgebend, hat sie gerade durch ihr Schweigen mehr verboten. Die Wahrheit selbst würde, wenn sie sich so weit herabließe, sich mit solchen Dingen zu befassen, schlecht von ihren Getreuen denken. Denn oft ist es bei Vorschriften nützlich, über manches zu schweigen; wo man etwas ausdrücklich verbietet, ruft man es nicht selten erst recht ins Gedächtnis. So gibt es auch in den Schriften ein beredtes Schweigen; Strenge spricht anstelle von Geboten, und die Vernunft lehrt dort, wo die Schrift geschwiegen hat. Jeder berate sich nur mit sich selbst und rede im Einklang mit dem Charakter seines Bekenntnisses, dann wird er keines dieser Dinge tun. Denn das Gewissen hat mehr Gewicht, das niemandem als sich selbst verpflichtet ist.

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Was hat die Schrift untersagt? Gewiss hat sie verboten, das anzuschauen, dessen Tun sie verbietet. Sie hat, sage ich, all jene Arten von Schauspielen verurteilt, als sie den Götzendienst aufgehoben hat, die Mutter aller öffentlichen Vergnügungen, aus der diese Ausgeburten von Eitelkeit und Leichtfertigkeit hervorgegangen sind. Denn welches Schauspiel ist ohne Götzen? Welches Vergnügen ohne Opfer? Welcher Wettkampf ist nicht einem Toten geweiht? Und was hat ein treuer Christ mitten unter solchen Dingen zu suchen? Wenn er den Götzendienst meidet, warum ergötzt der nun Geweihte sich an Dingen, die tadelnswert sind? Warum billigt er Aberglauben, die Gott widersprechen, und liebt sie beim Zuschauen? Zudem soll er wissen, dass all dies Erfindungen von Dämonen sind, nicht von Gott. Schamlos ist, wer in der Kirche Dämonen austreibt und doch bei öffentlichen Schauspielen ihre Vergnügungen preist; und obwohl er ihm ein für alle Mal abgeschworen und in der Taufe allem entsagt hat, sagt er, wenn er nach Christus zu des Teufels Schauspielen geht, Christus ebenso ab, wie er zuvor dem Teufel abgesagt hat. Der Götzendienst ist, wie ich bereits sagte, die Mutter aller öffentlichen Vergnügungen, und um treue Christen unter seinen Einfluss zu bringen, lockt er durch die Lust der Augen und Ohren. Romulus war der Erste, der die Zirkusspiele dem Consus, dem Gott des Rates, weihte, im Blick auf den Raub der Sabinerinnen. Die übrigen szenischen Vergnügungen wurden veranstaltet, um das Volk abzulenken, als eine Hungersnot die Stadt heimsuchte, und später Ceres und Bacchus und den übrigen Götzen und Toten geweiht. Jene griechischen Wettkämpfe, ob in Gedichten, in Instrumentalmusik, in Redekunst oder in körperlicher Stärke, haben verschiedene Dämonen zu Hütern; und alles Übrige, was die Augen anzieht oder die Ohren der Zuschauer verlockt, führt, wenn man Ursprung und Stiftung prüft, seinen Grund entweder auf einen Götzen oder einen Dämon oder einen Toten zurück. Darum hat der Teufel, ihr erster Urheber, weil er wusste, dass nackter Götzendienst für sich Abscheu erregen würde, ihn mit den Schauspielen verbunden, damit man ihn um ihrer Anziehung willen liebe.

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Wozu das Thema noch weiter verfolgen oder die widernatürlichen Opferarten bei den öffentlichen Schauspielen schildern, unter denen bisweilen durch den Betrug des Priesters sogar ein Mensch zum Opfer wird, wenn das noch warme Blut, eben erst aus der Kehle, in den schäumenden Becher aufgefangen wird, während es noch dampft, und, als würde es dem durstigen Götzen ins Gesicht geschleudert, ihm zu Ehren brutal ausgetrunken wird, und mitten im Vergnügen der Zuschauer der Tod mancher gierig herbeigefleht wird, damit man an einem blutigen Schauspiel die Wildheit lernt, als gälte dem Menschen seine private Raserei wenig, wenn er sie nicht auch öffentlich lernen sollte? Zur Bestrafung eines Menschen wird ein tollwütiges Wildtier mit Leckerbissen gemästet, damit es unter den Augen der Zuschauer noch grausamer wüte. Der geschickte Abrichter dressiert die Bestie, die vielleicht barmherziger gewesen wäre, hätte ihr noch brutalerer Herr sie nicht zur Grausamkeit gelehrt. Ganz abgesehen von allem, was der Götzendienst sonst noch empfiehlt, wie nichtig sind schon die Wettkämpfe selbst, Streitereien um Farben, Zänkereien über Rennen, Jubel über bloße Ehrfragen, man freut sich, weil ein Pferd schneller war, man trauert, weil es träger war, man rechnet die Jahre der Pferde, kennt die Konsuln, unter denen sie liefen, lernt ihr Alter, verfolgt ihre Zuchtlinie, verzeichnet sogar Großväter und Urgroßväter. Wie unfruchtbar ist all dies, ja wie beschämend und schändlich!

Eben dieser Mensch, sage ich, der aus dem Kopf die ganze Ahnenreihe seiner Pferde herbeten kann und das blitzschnell erzählen, ohne dass ihn das Zuschauen stört – fragst du ihn, wer die Eltern Christi sind, weiß er es nicht; oder, wenn er es weiß, ist er umso beklagenswerter. Frage ich ihn ferner, auf welchem Weg er zu dieser Schau gekommen ist, wird er bekennen: über die nackten Körper von Huren und liederlichen Frauen, über öffentliche Begierde, öffentliche Schande, grobe Lüsternheit, über die allgemeine Verachtung aller. Und selbst wenn man ihm nicht vorhält, was er vielleicht getan hat, so hat er doch gesehen, was nicht getan werden darf, und er hat seine Augen durch Begierde auf den Anblick des Götzendienstes abgerichtet. Er hätte, wenn er gekonnt hätte, das Heilige mit ins Bordell genommen; denn wenn er, vom Tisch des Herrn entlassen, sich eilig zum Schauspiel begibt und – wie es oft geschieht – die Eucharistie noch in sich trägt, dann hat dieser Treulose den heiligen Körper Christi zwischen die schmutzigen Körper der Huren getragen und sich ein strengeres Urteil verdient für den Weg, auf dem er dorthin gegangen ist, als für das Vergnügen, das ihm die Schau bereitet hat.

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Doch nun von hier aus zur schamlosen Verderbnis der Bühne. Ich schäme mich, zu sagen, was dort gesagt wird; ich schäme mich sogar, anzuprangern, was dort getan wird – Scheinbeweise und Spitzfindigkeiten, die Tricks der Ehebrecher, die Schamlosigkeiten der Frauen, schmutzige Witze, schäbige Schmarotzer, ja die togastragenden Familienväter selbst, bald dumm, bald obszön, in jedem Fall plump, in jedem Fall unkeusch. Und obwohl weder Einzelne noch Familien noch irgendein Stand von der Schmährede dieser Verkommenen verschont bleiben, strömt doch jeder ins Schauspiel. Die allgemeine Schande ist ein Genuss, sie anzusehen oder wiederzuerkennen; es ist ein Vergnügen – ja, es ist Unterricht. Man strömt dorthin, zur öffentlichen Schande des Bordells, zur Schule der Obszönität, damit im Verborgenen nicht weniger getan werde, als öffentlich gelernt wurde; und mitten unter den Gesetzen wird alles gelehrt, was die Gesetze verbieten. Was hat ein treuer Christ inmitten solcher Dinge zu suchen, da er nicht einmal Böses denken darf? Warum findet er Gefallen an Darstellungen der Begierde, um dabei seine Scham abzulegen und in Verbrechen dreister zu werden? Indem er sich ans Sehen gewöhnt, lernt er das Tun.

Dennoch verbergen jene Frauen, die ihr Unglück in diese Sklaverei geführt und erniedrigt hat, ihre öffentliche Ausschweifung und finden im Verbergen einen Trost für ihre Schande. Selbst die, die ihre Schamhaftigkeit verkauft haben, erröten, den Anschein zu erwecken, sie hätten es getan. Aber jenes öffentliche Ungeheuer ereignet sich vor aller Augen, und die Obszönität der Huren wird übertroffen. Es wird ein Weg gesucht, mit den Augen Ehebruch zu begehen. Dieser Schande wird eine Schande vollauf würdig hinzugefügt, ein Mensch in allen Gliedern zerbrochen, ein Mann, geschmolzen zu etwas, das noch unter der Weichlichkeit einer Frau liegt, hat die Kunst gefunden, die Sprache mit den Händen zu ersetzen, und um eines – ich weiß nicht was, aber weder Mann noch Frau – willen ist die ganze Stadt in Aufruhr, damit die fabelhaften Ausschweifungen der Antike in einem Ballett dargestellt werden. Alles, was nicht erlaubt ist, wird so geliebt, dass sogar das, was der Lauf der Zeit aus dem Blick verschwinden ließ, den Augen wieder ins Gedächtnis gerufen wird.

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Der Begierde genügt es nicht, ihre gegenwärtigen Mittel des Unheils zu nutzen; durch die Schau eignet sie sich auch das an, worin schon die frühere Zeit verirrte. Es ist nicht erlaubt, sage ich, dass treue Christen dort sind; es ist, sage ich, überhaupt nicht erlaubt, selbst nicht für jene, die Griechenland, zur Ergötzung der Ohren, überallhin aussendet, zu allen, die in seinen eitlen Künsten geschult sind. Der eine ahmt das heisere kriegerische Krachen der Trompete nach; ein anderer bläst mit seinem Atem in eine Flöte und regelt ihr klagendes Tönen; ein weiterer versucht mit Tänzen und mit der musikalischen Stimme eines Mannes, mit dem Atem, den er mit Anstrengung aus den Eingeweiden in die oberen Teile seines Körpers gehoben hat, die Grifflöcher von Flöten zu bespielen, lässt den Klang mal heraus, hält ihn mal im Inneren zurück und presst ihn durch bestimmte Öffnungen der Grifflöcher in die Luft, bricht den Ton nun im Takt und versucht, mit den Fingern zu sprechen, undankbar gegenüber dem Schöpfer, der ihm eine Zunge gegeben hat. Warum sollte ich von den komischen und nutzlosen Verrenkungen reden? Warum von jenen großen tragischen Stimmrasereien? Warum von Saiten, die lärmend in Schwingung versetzt werden? Das alles sollten treue Christen selbst dann nicht aufsuchen und anschauen, wenn es nicht Götzen geweiht wäre; denn auch wenn es nicht verbrecherisch wäre, ist es doch von äußerster Nutzlosigkeit geprägt und passt wenig zu Glaubenden.

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Auch jene andere Dummheit der Leute verschafft den Untätigen offensichtlich Vorteil, und der erste Sieg gehört dem Bauch, der Essen jenseits des menschlichen Maßes verlangen darf, ein schändliches Gewerbe, das sich die Krone der Völlerei anmaßt. Das jämmerliche Gesicht wird vermietet, damit es verwundende Schläge einsteckt, damit der noch jämmerlichere Bauch vollgestopft wird. Wie widerlich sind außerdem diese Kämpfe! Ein Mann liegt unter einem Mann, verstrickt in abscheuliche Umarmungen und Verschlingungen. In solchen Wettkämpfen wird die Scham besiegt, gleichgültig ob man nur zusieht oder selbst siegt. Sieh, der eine springt nackt auf dich zu; ein anderer schleudert mit äußerster Anstrengung einen ehernen Ball in die Luft. Das ist nicht Ruhm, sondern Dummheit. Kurz gesagt, nimm den Zuschauer weg, und du hast seine Leere vorgeführt. Solches sollen gläubige Christen meiden, wie ich schon oft gesagt habe, Spektakel so eitel, so verderblich, so gotteslästerlich, vor denen wir Augen und Ohren hüten müssen. An das, was wir hören und sehen, gewöhnen wir uns schnell. Denn da der menschliche Geist von sich aus zum Laster hingezogen ist, was wird er tun, wenn er neben seinem abwärts geneigten, leicht abgleitenden Willen auch noch körperliche Anreize hat? Was wird er tun, wenn auch noch Druck von außen dazukommt? Darum muss der Geist von solchen Dingen abgezogen werden.

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Der Christ hat edlere Schauspiele, wenn er sie will. Er hat echte und nützliche Freuden, wenn er sich besinnt. Und, um von denen zu schweigen, die er noch nicht schauen kann, hat er die Schönheit der Welt vor Augen, die er betrachten und bewundern kann. Er darf den Aufgang der Sonne ansehen und wieder ihren Untergang, wie sie in ihrem Wechsel Tage und Nächte herumführt; die Scheibe des Mondes, die mit ihrem Zunehmen und Abnehmen die Bahnen der Jahreszeiten bezeichnet; die Scharen der leuchtenden Sterne und jene, die hoch oben mit äußerster Beweglichkeit funkeln – deren Ordnungen sich über den Wandel des ganzen Jahres erstrecken, und die Tage selbst mit den Nächten in Stunden eingeteilt; die schwere Masse der Erde, im Gleichgewicht gehalten durch die Berge, und die strömenden Flüsse mit ihren Quellen; die Weite der Meere mit ihren Wellen und Ufern; und unterdessen die Luft, die überall gleichermaßen in vollkommener Harmonie besteht, mitten in allem ausgebreitet und in verbindender Eintracht alles mit zartem Leben belebt, bald streut sie aus zusammengezogenen Wolken Schauer aus, bald ruft sie mit erneuerter Klarheit die Heiterkeit des Himmels zurück; und in all diesen Bereichen die je eigenen Bewohner – in der Luft die Vögel, im Wasser die Fische, auf der Erde der Mensch. Das, sage ich, und andere göttliche Werke seien die Schauspiele für gläubige Christen. Welches von Menschenhand erbaute Theater wäre je damit zu vergleichen? Mag es auch aus ungeheuren Steinmassen aufgerichtet sein, die Bergkämme sind höher, und mögen die reich verzierten Dächer in Gold glänzen, sie werden vom Glanz des sternenübersäten Firmaments übertroffen. Wer erkannt hat, dass er Kind Gottes ist, wird niemals Menschenwerke bewundern. Wer irgendetwas anderes als den Herrn bewundern kann, erniedrigt sich von der Höhe seiner Würde.

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Der gläubige Christ, sage ich, widme sich den heiligen Schriften; dort findet er würdige Schauspiele für seinen Glauben. Er wird sehen, wie Gott seine Welt gründet und nicht nur die anderen Tiere schafft, sondern jenes staunenswerte und bessere Gefüge: den Menschen. Er wird die Welt in ihrer Anmut schauen, gerechte Schiffbrüche, den Lohn der Guten und die Strafen der Gottlosen, Meere, die für ein Volk austrocknen, und wiederum aus dem Felsen sich wie Meere ausbreitende Wasser für ein Volk. Er wird Ernten sehen, die vom Himmel herabkommen, nicht vom Pflug hervorgebracht; Flüsse, deren Wasserfülle gezügelt wird, sodass trockene Übergänge sichtbar werden. Er wird sehen, wie der Glaube mit der Flamme ringt, wie wilde Tiere durch Hingabe überwunden und zur Sanftmut besänftigt werden. Er wird auch Seelen schauen, die sogar aus dem Tod zurückgeholt werden. Außerdem wird er staunenswerte Rückführungen von Seelen in das Leben von Körpern bedenken, die selbst schon verzehrt waren. Und über all dem wird er ein noch größeres Schauspiel sehen: den Teufel, der über die ganze Welt triumphiert hatte, am Boden liegend unter den Füßen Christi. Wie ehrwürdig ist dieses Schauspiel, Brüder! Wie köstlich, wie nötig, immer die eigene Hoffnung anzuschauen und die Augen für das eigene Heil zu öffnen! Dies ist ein Schauspiel, das man selbst dann schaut, wenn das Augenlicht erlischt. Dies ist ein Schauspiel, das weder Prätor noch Konsul veranstaltet, sondern der, der allein ist und über allem und vor allem, ja aus dem alles ist: der Vater unseres Herrn Jesus Christus. Ihm seien Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Ich grüße euch, Brüder, allezeit von Herzen. Amen.