Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

Über die Einheit der Kirche

Cyprian von Karthago ⏱️ 37 Min. Lesezeit
Hörbuch Abspielen Deutsch • Stream • fortlaufend
1

Da der Herr uns ermahnt und sagt: „Ihr seid das Salz der Erde“1 und da Er uns dazu aufruft, in Harmlosigkeit schlicht zu sein und dennoch in unserer Schlichtheit klug zu bleiben, was anderes, geliebte Brüder, gehört sich da für uns, als mit weiser Vorsicht und wachsamem Herzen darauf zu achten, die List des schlauen Feindes zu erkennen und uns vor ihr zu hüten? Damit wir, die wir Christus, die Weisheit Gottes des Vaters, angezogen haben, nicht in der Weisheit, die uns zur Bewahrung unseres Heils geboten ist, als mangelhaft erscheinen. Denn nicht allein die Verfolgung ist zu fürchten, noch das, was in offenem Angriff voranschreitet, um die Diener Gottes zu überwältigen und niederzuwerfen. Vorsicht fällt leichter, wenn die Gefahr offen zutage tritt, und der Geist ist bereits auf den Kampf vorbereitet, wenn sich der Feind zu erkennen gibt. Gefährlicher und sorgfältiger zu meiden ist der Feind, wenn er sich heimlich an uns heranschleicht, wenn er im Schein des Friedens betrügt und auf verborgenen Wegen vorrückt – weshalb er auch den Namen „Schlange“ trägt. Das ist stets seine Raffinesse; das ist seine finstere und verstohlene List, mit der er den Menschen zu hintergehen versucht. So hat er von Anfang an die Welt betrogen; und schmeichelnd mit lügenhaften Worten verführte er unerfahrene Seelen durch unbedachte Leichtgläubigkeit. So versuchte er auch, den Herrn selbst zu versuchen: er näherte sich Ihm heimlich, als wolle er Ihm wieder auf lauernde Weise nahekommen und Ihn täuschen; doch er wurde erkannt und zurückgewiesen, und darum gestürzt, weil er durchschaut und entlarvt wurde.

2

Daraus wird uns ein Beispiel gegeben, den Weg des alten Menschen zu meiden und den Fußspuren des siegreichen Christus zu folgen, damit wir nicht unvorsichtig wieder in die Netze des Todes geraten, sondern vorausschauend die Unsterblichkeit bewahren, die wir empfangen haben. Doch wie könnten wir Unsterblichkeit besitzen, wenn wir nicht jene Gebote Christi befolgen, durch die der Tod vertrieben und überwunden wird, da Er selbst uns mahnt und spricht: „Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“2 Und an anderer Stelle: „Wenn ihr tut, was ich euch gebiete, nenne ich euch hinfort nicht Knechte, sondern Freunde.“3 Schließlich nennt Er jene stark und standhaft, die in sicherer Festigkeit auf dem Felsen gegründet sind, fest verankert mit unerschütterlicher Beständigkeit gegen alle Stürme und Unwetter der Welt. „Jeder, der meine Worte hört und sie tut,“4 spricht Er, „den will ich mit einem klugen Mann vergleichen, der sein Haus auf Fels baute: Regen fiel herab, Ströme kamen, Winde wehten und stürmten gegen jenes Haus; und es fiel nicht, denn es war auf Fels gegründet.“5 Wir sollen also fest auf Seinen Worten stehen, lernen und tun, was Er sowohl gelehrt als auch getan hat. Doch wie könnte ein Mensch sagen, dass er an Christus glaubt, wenn er nicht tut, was Christus ihm geboten hat? Oder wie sollte er den Lohn des Glaubens erlangen, wenn er den Glauben an das Gebot nicht bewahrt? Notwendigerweise wird er schwanken und umherirren, von einem Geist des Irrtums fortgerissen, wie Staub, den der Wind verweht; und er wird keinen Fortschritt auf seinem Weg zum Heil machen, weil er die Wahrheit des Heilsweges nicht bewahrt.

3

Doch, geliebte Brüder, wir müssen uns nicht nur vor dem Offensichtlichen und Offenen hüten, sondern auch vor dem, was durch die Kunst der subtilen Täuschung betrügt. Was könnte hinterlistiger und raffinierter sein, als wenn dieser Feind – der durch das Kommen Christi entlarvt und niedergeworfen wurde, nachdem das Licht zu den Völkern gelangt ist und die rettenden Strahlen zum Heil der Menschen leuchten –, nun, da die Tauben das Hören der geistlichen Gnade empfangen haben, die Blinden ihre Augen zu Gott geöffnet haben, die Schwachen durch ewige Gesundheit wieder gestärkt sind, die Lahmen zur Kirche eilen und die Stummen mit klarer Stimme beten – was könnte hinterlistiger sein, als dass dieser Feind, der sieht, wie seine Götzen verlassen und seine Tempel durch die zahlreichen Scharen der Gläubigen leergefegt wurden, eine neue Täuschung ersinnt und unter dem Namen des Christentums die Unvorsichtigen in die Irre führt? Er hat Häresien und Spaltungen erfunden, durch die er den Glauben untergraben, die Wahrheit verderben und die Einheit spalten könnte. Diejenigen, die er nicht im Dunkel des alten Weges halten kann, umgarnt und täuscht er durch den Irrtum eines neuen Weges. Er reißt Menschen selbst aus der Kirche heraus; und während sie glauben, schon zum Licht gelangt zu sein und der Nacht der Welt entkommen zu sein, überzieht er sie, ohne dass sie es merken, erneut mit neuem Dunkel. So geschieht es, dass sie sich zwar noch Christen nennen, jedoch weder fest im Evangelium Christi noch im Gesetz und in der Lehre Christi stehen; sie wandeln in Finsternis und meinen dennoch, sie hätten das Licht, während der Widersacher sie schmeichelnd täuscht. Denn, wie der Apostel sagt, verwandelt er sich in einen Engel des Lichts und seine Diener stellt er als Diener der Gerechtigkeit dar – und so bieten sie Nacht anstelle des Tages, Tod anstelle der Rettung, Verzweiflung unter dem Vorwand der Hoffnung, Treulosigkeit unter dem Deckmantel des Glaubens, und den Antichristen unter dem Namen Christi. Auf diese Weise heucheln sie das, was der Wahrheit ähnlich sieht, und machen die Wahrheit durch ihre List zunichte. Dies geschieht, geliebte Brüder, solange wir nicht zur Quelle der Wahrheit zurückkehren, solange wir das Haupt nicht suchen und nicht der Lehre des himmlischen Meisters folgen.

4

Wenn jemand diese Dinge betrachtet und prüft, erübrigt sich eine lange Diskussion und ausführliche Argumente. Der Glaube lässt sich durch eine kurze Zusammenfassung der Wahrheit leicht beweisen. Der Herr spricht zu Petrus und sagt: „Ich sage dir, du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Und ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben; und was du auf Erden binden wirst, das soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das soll auch im Himmel gelöst sein.“6 Und nach seiner Auferstehung sagt er zu demselben erneut: „Weide meine Schafe.“7 Und obwohl er allen Aposteln nach seiner Auferstehung dieselbe Macht gibt und sagt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Empfangt den Heiligen Geist: Welchen ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten,“ 8 setzt er doch, um die Einheit hervorzuheben, den Ursprung dieser Einheit durch seiner Autorität fest, indem er sie von einem ausgehen lässt. Gewiss waren auch die übrigen Apostel das Gleiche wie Petrus, ausgestattet mit derselben Teilhabe an Ehre und Macht; doch der Anfang geht von der Einheit aus. Diese eine Kirche bezeichnet der Heilige Geist auch im Hohenlied in der Person des Herrn und spricht: „Meine Taube, meine Makellose, sie ist nur eine. Sie ist die Einzige ihrer Mutter, die Erwählte derer, die sie geboren hat.“9 Glaubt derjenige, der diese Einheit der Kirche nicht hält, dass er den Glauben hält? Vertraut derjenige, der gegen die Kirche streitet und sich ihr widersetzt, darauf, dass er in der Kirche ist, wenn doch der selige Apostel Paulus dasselbe lehrt und das Geheimnis der Einheit darlegt, indem er sagt: „Ein Leib und ein Geist, wie auch ihr berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott“?10

5

Und diese Einheit müssen wir festhalten und verteidigen, besonders wir Bischöfe, die wir in der Kirche den Vorsitz führen, damit wir auch das Bischofsamt selbst als eins und ungeteilt erweisen können. Niemand soll die Brüder durch eine Täuschung in die Irre führen; niemand soll die Wahrheit des Glaubens durch treulosen Betrug verfälschen. Das Episkopat (Bischofsamt) ist eins, und jeder Einzelne hat in gleicherweise so Anteil daran, dass jeder das Ganze besitzt. Ebenso ist auch die Kirche eins, die sich durch das Wachstum ihrer Fruchtbarkeit in eine weite und breite Menge ausbreitet. Wie es viele Strahlen der Sonne gibt, aber nur ein Licht; und viele Äste eines Baumes, aber nur eine Kraft, die in der festen Wurzel gründet; und wie aus einer Quelle viele Ströme fließen – obwohl sich die Vielzahl in einer überfließenden Fülle verteilt, bleibt die Einheit doch in der Quelle bewahrt. Trenne einen Sonnenstrahl von seinem Lichtkörper, und die Einheit lässt keine Teilung des Lichts zu; brich einen Ast vom Baum – abgebrochen kann er nicht weiter sprießen; schneide einen Fluss von seiner Quelle ab, und das Abgeschnittene trocknet aus. So ist es auch mit der Kirche: vom Licht des Herrn überstrahlt, verbreitet sie ihre Strahlen über die ganze Welt, und doch ist es ein und dasselbe Licht, das überall ausgestrahlt wird, und die Einheit des Leibes bleibt ungeteilt. Ihre fruchtbare Fülle breitet ihre Zweige über die ganze Erde aus. Sie dehnt ihre Ströme großzügig aus, die reichlich fließen, doch ihr Haupt ist eins, ihre Quelle ist eins; und sie ist eine Mutter, reich an den Früchten ihrer Fruchtbarkeit: aus ihrem Schoß werden wir geboren, durch ihre Milch werden wir genährt, durch ihren Geist werden wir belebt.

6

Die Braut Christi kann nicht ehebrecherisch sein; sie ist frei von Korruption und rein. Sie kennt nur ein Haus; sie bewahrt in keuscher Bescheidenheit die Heiligkeit eines einzigen Ehebettes. Sie bewahrt uns für Gott. Sie bestimmt die Söhne, die sie geboren hat, für das Reich. Wer sich von der Kirche trennt und sich mit einer Ehebrecherin verbindet, der ist von den Verheißungen der Kirche ausgeschlossen; und wer die Kirche Christi verlässt, kann die Belohnungen Christi nicht erlangen. Er ist ein Fremder, er ist unrein, er ist ein Feind. Er kann Gott nicht mehr als Vater haben, der die Kirche nicht als Mutter hat. Wenn jemand außerhalb der Arche Noahs hätte entkommen können, dann könnte auch der entkommen, der sich außerhalb der Kirche befindet. Der Herr warnt und spricht: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ 11 Wer den Frieden und die Einigkeit Christi bricht, handelt gegen Christus; wer anderswo als in der Kirche sammelt, zerstreut die Kirche Christi. Der Herr sagt: „Ich und der Vater sind eins.“ 12 Und an anderer Stelle steht geschrieben vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist: „Und diese drei sind eins.“ 13 Glaubt jemand, dass diese Einheit, die aus der göttlichen Kraft hervorgeht und in himmlischen Sakramenten zusammenhält, in der Kirche geteilt und durch das Auseinandergehen widerstreitender Willen zersplittert werden kann? Wer diese Einheit nicht hält, hält nicht das Gesetz Gottes, hält nicht den Glauben an den Vater und den Sohn, hält nicht Leben und Errettung.

7

Dieses Sakrament der Einheit, dieses Band der untrennbaren Eintracht, wird im Evangelium dargestellt, wo das Gewand des Herrn Jesus Christus keineswegs geteilt oder zerschnitten wird, sondern als ein unversehrtes und ungeteiltes Gewand empfangen wird von denen, die um Christi Gewand das Los warfen – die vielmehr Christus hätten anziehen sollen. Die Heilige Schrift sagt: „Das Gewand aber, weil es nicht genäht, sondern von oben her ganz gewebt war, sprachen sie zueinander: Lasst es uns nicht zerreißen, sondern das Los darum werfen, wem es gehören soll.“ 14 Dieses Gewand trug eine Einheit in sich, die von oben kam, das heißt, vom Himmel und vom Vater, und es sollte vom Empfänger und Besitzer in keiner Weise zerrissen werden; wir erhalten es ungeteilt und in voller Ganzheit. Wer die Kirche Christi teilt und spaltet, kann das Gewand Christi nicht besitzen. Auf der anderen Seite wird wiederum deutlich, dass eine Spaltung nicht dem Willen Gottes entspricht: Als nach Salomos Tod sein Reich und sein Volk geteilt wurden, begegnete der Prophet Ahija dem König Jerobeam auf dem Feld und zerriss sein Gewand in zwölf Teile. Er sprach: „Nimm dir zehn Stücke; denn so spricht der Herr: Siehe, ich werde das Königreich aus der Hand Salomos reißen und dir zehn Stämme geben; und zwei Stämme sollen ihm bleiben um meines Dieners David willen und um Jerusalems willen, der Stadt, die ich erwählt habe, um meinen Namen dort zu setzen.“15 Wie die zwölf Stämme Israels geteilt wurden, so zerriss der Prophet Ahija sein Gewand. Aber das Volk Christi kann nicht zerrissen werden; sein Gewand, durchgehend gewebt und vereint, wird von denen, die es besitzen, nicht geteilt. Ungeteilt, verbunden und zusammenhängend zeigt es die einträchtige Einheit unseres Volkes, das Christus angezogen hat. Durch das Sakrament und das Zeichen seines Gewandes hat er die Einheit der Kirche bezeugt.

8

Wer also ist so böse und untreu, wer ist so besessen vom Wahnsinn der Zwietracht, dass er glaubt, die Einheit Gottes könne geteilt werden, oder dass er es wagt, sie zu zerreißen – das Gewand des Herrn, die Kirche Christi? Er selbst warnt uns in seinem Evangelium und lehrt: „Es wird eine Herde und ein Hirte sein.“ 16 Glaubt jemand, dass es an einem Ort mehrere Hirten oder mehrere Herden geben könnte? Auch der Apostel Paulus drängt uns zur Einheit und fleht uns an, indem er sagt: „Ich ermahne euch, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe sagt und keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr zusammengefügt seid in demselben Sinn und in derselben Meinung.“ 17 Und weiter sagt er: „Ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu bewahren im Band des Friedens.“18 Glaubst du, du kannst bestehen und leben, wenn du dich von der Kirche trennst, dir andere Häuser und eine andere Wohnstätte baust, wo doch zu Rahab – in der die Kirche im Voraus dargestellt war – gesagt wurde: „Deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und das ganze Haus deines Vaters sollst du zu dir in dein Haus versammeln; und es wird geschehen, wer auch immer über die Tür deines Hauses hinausgeht, sein Blut sei auf seinem eigenen Haupt?“ Auch das Passah Sakrament enthält nichts anderes im Gesetz des Exodus, als dass das Lamm, das in der Gestalt Christi geschlachtet wird, in einem Haus gegessen werden soll. Gott spricht: „In einem Haus sollt ihr es essen; ihr sollt sein Fleisch nicht hinaus aus dem Haus tragen.“19 Das Fleisch Christi, das Heilige des Herrn, kann nicht nach außen getragen werden, und es gibt kein anderes Haus für die Gläubigen als die eine Kirche. Dieses Haus, diese Wohnung der Einmütigkeit, weist der Heilige Geist in den Psalmen aus und sagt: „Gott, der die Einsamen in ein Haus zusammenführt.“20 Im Haus Gottes, in der Kirche Christi, wohnen die Menschen einträchtig und verharren in Eintracht und Schlichtheit.

9

Deshalb kam auch der Heilige Geist in Gestalt einer Taube – eines schlichten und fröhlichen Geschöpfes, das nicht von Galle bitter ist, nicht grausam mit seinem Biss, nicht gewalttätig mit Reißklauen, das menschliche Behausungen liebt und die Gemeinschaft eines einzigen Heimes kennt; das seine Jungen gemeinsam aufzieht, das beim Fliegen stets Seite an Seite bleibt und sein Leben im gegenseitigen Umgang verbringt, das die Eintracht des Friedens durch den Schnabelkuss bezeugt und in allem das Gesetz der Einmütigkeit erfüllt. Diese Einfachheit sollte in der Kirche bekannt sein, diese Liebe sollte erreicht werden, damit die brüderliche Liebe die Tauben nachahmt und ihre Sanftmut und Milde den Lämmern und Schafen gleicht. Was haben die Wildheit der Wölfe im Herzen eines Christen verloren? Was die Wildheit der Hunde, das tödliche Gift der Schlangen und die blutdürstige Grausamkeit der Raubtiere? Wir können uns glücklich schätzen, wenn solche aus der Kirche ausgeschlossen werden, damit sie nicht die Tauben und Schafe Christi mit ihrer grausamen und vergifteten Ansteckung verwüsten. Bitterkeit kann nicht mit Süße bestehen und sich verbinden, Dunkelheit nicht mit Licht, Regen nicht mit Klarheit, Kampf nicht mit Frieden, Unfruchtbarkeit nicht mit Fruchtbarkeit, Dürre nicht mit Quellen, Sturm nicht mit Ruhe. Niemand soll denken, dass die Guten die Kirche verlassen könnten. Der Wind verweht den Weizen nicht, und der Sturm reißt den Baum, dessen Wurzel fest verankert ist, nicht aus. Leichtes Stroh wird vom Sturm umhergewirbelt, schwache Bäume werden vom Ansturm des Wirbelwinds entwurzelt. Der Apostel Johannes verflucht und tadelt solche Menschen heftig, wenn er sagt: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie bei uns geblieben.“21

10

Deshalb entstehen Häresien nicht nur immer wieder, sondern bleiben auch bestehen, solange ein verdrehter Geist keinen Frieden hat und ein uneiniger Unglaube keine Einheit bewahrt. Der Herr lässt dies zu, solange die Freiheit des eigenen Willens besteht, damit, während die Unterscheidung der Wahrheit unsere Herzen und Gedanken prüft, der lautere Glaube der Bewährten im klaren Licht erstrahlen kann. Der Heilige Geist warnt durch den Apostel und sagt: „Es müssen auch Häresien unter euch sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden.“ 22 So werden die Gläubigen geprüft, so werden die Treulosen entlarvt; so werden hier, schon vor dem Tag des Gerichts, die Seelen der Gerechten und der Ungerechten voneinander geschieden, und die Spreu wird vom Weizen getrennt. Dies sind jene, die eigenmächtig, ohne göttliche Anordnung, sich anmaßen, unter dreisten Fremden den Vorsitz zu führen; die sich selbst ohne gültige Ordination zu Vorstehern ernennen; die sich selbst den Titel eines Bischofs anmaßen, obwohl niemand ihnen das Bischofsamt verliehen hat. Der Heilige Geist weist auf sie in den Psalmen hin als diejenigen, die „im Sitz der Pestilenz“ sitzen – Plagen und Flecken des Glaubens, die mit der Zunge der Schlange täuschen und geschickt die Wahrheit verderben, tödliche Gifte aus pestilenzartigen Zungen speiend; deren Rede sich wie Krebs ausbreitet, deren Worte ein tödliches Gift im Herzen und in der Brust eines jeden bilden.

11

Gegen Menschen dieser Art ruft der Herr; vor ihnen warnt und schützt Er sein irrendes Volk, indem Er spricht: „Hört nicht auf die Worte der falschen Propheten; denn die Visionen ihres Herzens täuschen sie. Sie sprechen, aber nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen zu denen, die das Wort Gottes verwerfen: Ihr sollt Frieden haben, und jedem, der nach seinem eigenen Willen wandelt, sagen sie: Jeder, der im Irrtum seines Herzens geht, kein Übel wird über ihn kommen. Ich habe nicht zu ihnen gesprochen, und doch haben sie geweissagt. Hätten sie auf meinem Fundament gestanden und meine Worte gehört und mein Volk gelehrt, so hätte ich sie von ihren bösen Gedanken abgebracht.“23 Der Herr weist wiederum auf dieselben hin und beschreibt sie mit den Worten: „Sie haben mich verlassen, die Quelle lebendigen Wassers, und haben sich löchrige Zisternen gegraben, die kein Wasser halten können.“ 24 Obwohl es nur eine Taufe geben kann, glauben sie, sie könnten taufen; obwohl sie die Quelle des Lebens verlassen haben, versprechen sie die Gnade des lebendigen und heilbringenden Wassers. Doch bei ihnen werden die Menschen nicht gewaschen, sondern eher befleckt; Sünden werden nicht abgewaschen, sondern angehäuft. Eine solche Geburt bringt keine Söhne für Gott hervor, sondern für den Teufel. Durch eine Lüge werden sie geboren, und sie empfangen nicht die Verheißungen der Wahrheit. Aus Treulosigkeit gezeugt, verlieren sie die Gnade des Glaubens. Sie können die Belohnung des Friedens nicht erlangen, da sie den Frieden des Herrn durch den Wahnsinn der Zwietracht gebrochen haben.

12

Niemand soll sich selbst durch eine sinnlose Auslegung täuschen, wenn es um das Wort des Herrn geht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ 25 Verderber und falsche Ausleger des Evangeliums zitieren nur den letzten Teil und lassen den vorherigen beiseite, erinnern sich an einen Teil und verschweigen den anderen geschickt: So wie sie selbst von der Kirche getrennt sind, so schneiden sie einen Teil des Sinnes ab. Denn der Herr, als er seine Jünger zur Einmütigkeit und zum Frieden ermahnen wollte, sprach: „Ich sage euch: Wenn zwei von euch auf Erden übereinkommen über irgendetwas, um das sie bitten, so wird es ihnen von meinem Vater im Himmel gegeben werden. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“26 Damit zeigt er, dass es nicht auf die Menge ankommt, sondern auf die Einmütigkeit der Betenden. Er sagt: „Wenn zwei von euch auf Erden übereinkommen…“27 – er stellt das Übereinkommen an erste Stelle; er macht die Eintracht des Friedens zur Voraussetzung; er lehrt, dass wir fest und treu übereinstimmen sollen. Aber wie kann jemand mit anderen übereinstimmen, der nicht mit dem Leib der Kirche selbst und mit der gesamten Brüdergemeinschaft übereinstimmt? Wie können zwei oder drei im Namen Christi versammelt sein, die offensichtlich von Christus und seinem Evangelium getrennt sind? Denn wir haben uns nicht von ihnen entfernt, sondern sie sich von uns; und da Häresien und Spaltungen später entstanden sind, indem sie für sich selbst verschiedene Versammlungsstätten eingerichtet haben, haben sie das Haupt und die Quelle der Wahrheit verlassen. Der Herr spricht jedoch über seine Kirche und richtet sich an jene, die in der Kirche sind: Wenn sie in Übereinstimmung und gemäß seiner Weisung und Mahnung zusammenkommen – selbst wenn es nur zwei oder drei sind, die in Einmütigkeit beten –, dann werden sie von der Majestät Gottes erhalten, worum sie bitten. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“25 , sagt er, „da bin ich mitten unter ihnen“25 ; das heißt, bei den Einfachen und Friedfertigen, bei denen, die Gott fürchten und seine Gebote halten. Mit solchen, auch wenn es nur zwei oder drei sind, hat er gesagt, ist er in gleicher Weise, wie er mit den drei Jünglingen im Feuerofen war. Weil sie in Aufrichtigkeit zu Gott standen und in Einmütigkeit untereinander, belebte er sie mitten in den Flammen mit dem Tau des Himmels. Ebenso war Er bei den beiden Aposteln, die im Gefängnis eingeschlossen waren: Weil sie einfach und einmütig waren, war Er selbst bei ihnen; Er selbst löste die Riegel des Kerkers und stellte sie wieder auf den Marktplatz, damit sie dem Volk das Wort verkünden konnten, das sie treu predigten. Wenn Er also in seinen Geboten sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“25 , trennt er die Menschen nicht von der Kirche, da er selbst die Kirche eingesetzt und errichtet hat; vielmehr tadelt er die Ungläubigen für ihre Zwietracht und empfiehlt den Gläubigen den Frieden durch sein Wort. Er zeigt, dass er eher bei zwei oder drei ist, die mit einem Geist beten, als bei einer großen Menge, die uneins ist, und dass durch das einmütige Gebet weniger Menschen mehr erreicht werden kann, als durch die zwiespältigen Bitten vieler.

13

Deshalb fügte der Herr, als er das Gesetz des Gebets gab, hinzu: „Und wenn ihr betet und dabei etwas gegen jemanden habt, so vergebt, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Übertretungen vergibt.“ Er ruft denjenigen vom Altar zurück, der im Streit zum Opfer kommt, und fordert ihn auf, sich zuerst mit seinem Bruder zu versöhnen und dann in Frieden zurückzukehren, um seine Gabe Gott darzubringen. Denn Gott hatte keinen Wohlgefallen an Kains Opfergaben; er konnte nicht im Frieden mit Gott sein, der in neidischer Zwietracht keinen Frieden mit seinem Bruder hatte. Welche Art von Frieden können sich dann die Feinde der Brüder erhoffen? Welche Opfer glauben diejenigen zu feiern, die sich als Rivalen der Priester aufspielen? Denken sie etwa, dass Christus mit ihnen ist, wenn sie sich versammeln, obwohl sie außerhalb der Kirche Christi zusammenkommen?

14

Selbst wenn solche Menschen im Bekenntnis des Namens getötet werden würden, würde dieser Makel nicht einmal durch ihr Blut abgewaschen werden: Die unerbittliche und schwere Schuld der Zwietracht wird nicht einmal durch das Leiden gereinigt. Er kann kein Märtyrer sein, der nicht in der Kirche ist; er kann das Reich nicht erlangen, wer das verlässt, was dort herrschen wird. Christus gab uns den Frieden; er gebot uns, in Einmütigkeit und in einem Geist zu sein. Er forderte, dass die Bande der Liebe und Nächstenliebe unversehrt und unverletzt bewahrt werden; er kann sich nicht als Märtyrer erweisen, wer die brüderliche Liebe nicht bewahrt hat. Der Apostel Paulus lehrt dies und bezeugt es, indem er sagt: „Und wenn ich allen Glauben hätte, sodass ich Berge versetzen könnte, aber keine Liebe hätte, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Güter den Armen gäbe und meinen Leib hingäbe, damit ich verbrannt würde, aber keine Liebe hätte, so nützte es mir nichts. Die Liebe ist langmütig; die Liebe ist gütig; die Liebe neidet nicht; die Liebe prahlt nicht, bläht sich nicht auf, lässt sich nicht reizen, denkt nichts Böses; sie liebt alles, glaubt alles, hofft alles, erträgt alles. Die Liebe hört niemals auf.“ 28 Die Liebe, sagt er, hört niemals auf. Denn sie wird immer im Reich sein, sie wird ewig bestehen in der Einheit einer durch sie verbundenen Brüdergemeinschaft. Zwietracht kann das Himmelreich nicht erreichen; sie kann die Belohnungen Christi nicht empfangen, der gesagt hat: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.“29 Wer die Liebe Christi durch treulose Zwietracht verletzt, kann nicht erlangen, was Christus verheißt. Wer keine Liebe hat, hat auch Gott nicht. Das Wort des seligen Apostels Johannes lautet: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“30 Die, die nicht in Gottes Kirche einmütig sein wollen, können nicht bei Gott bleiben. Selbst wenn sie im Feuer verbrannt oder den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen würden, wäre dies nicht die Krone des Glaubens, sondern die Strafe für Treulosigkeit; es wäre nicht das ruhmreiche Ende religiöser Tapferkeit, sondern die Zerstörung der Verzweiflung. Solch einer mag getötet werden; gekrönt kann er aber nicht werden. Er bekennt sich als Christ, aber so wie der Teufel sich oft als Christus ausgibt. Der Herr selbst hat uns davor gewarnt und gesagt: „Viele werden in meinem Namen kommen und sagen: Ich bin Christus, und viele werden sie verführen.“31 So wie er nicht Christus ist, auch wenn er im Namen täuscht, so kann auch der nicht als Christ erscheinen, der nicht in der Wahrheit seines Evangeliums und des Glaubens verharrt.

15

Sowohl zu prophezeien als auch Dämonen auszutreiben und große Taten auf Erden zu vollbringen ist gewiss etwas Erhabenes und Bewundernswertes; doch erreicht man das Himmelreich nicht allein dadurch, dass man all dies tut, wenn man nicht auf dem rechten und gerechten Weg wandelt. Der Herr warnt und spricht: „Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben, und in deinem Namen viele Wunder getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!“ 32 Es bedarf der Gerechtigkeit, damit man sich bei Gott, dem Richter, würdig erweist; wir müssen seine Gebote und Ermahnungen befolgen, damit unsere Verdienste ihre Belohnung empfangen. Der Herr hat in seinem Evangelium, als er uns den Weg unserer Hoffnung und unseres Glaubens in einer kurzen Zusammenfassung weisen wollte, gesagt: „Der Herr, dein Gott, ist ein einziger Gott; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Das ist das erste Gebot; und das zweite ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ Damit hat er zugleich die Liebe und die Einheit gelehrt. Er hat alle Propheten und das Gesetz in zwei Gebote eingeschlossen. Doch welche Einheit bewahrt derjenige, welche Liebe hält oder achtet derjenige, der, erfüllt von dem Wahnsinn der Zwietracht, die Kirche spaltet, den Glauben zerstört, den Frieden stört, die Liebe zerstreut und das Sakrament entweiht?

16

Dieses Übel, treueste Brüder, begann schon vor langer Zeit; doch nun hat die verderbliche Ausbreitung desselben Übels zugenommen, und die vergiftete Plage häretischer Verkehrtheit und Spaltungen beginnt neu zu sprießen und auszutreiben. Denn so muss es in der letzten Zeit der Welt kommen, wie der Heilige Geist es durch den Apostel vorausgesagt und uns gewarnt hat: „In den letzten Tagen werden schwere Zeiten kommen, und die Menschen werden Eigenliebe haben, stolz sein, prahlerisch, habgierig, gotteslästerlich, den Eltern ungehorsam, undankbar, unheilig, ohne natürliche Liebe, unversöhnlich, Verleumder, unenthaltsam, grausam, das Gute hassend, Verräter, unbesonnen, aufgeblasen, mehr die Vergnügungen liebend als Gott, sie haben den äußeren Schein von Frömmigkeit, aber verleugnen deren Kraft.“33 Solcher Art sind jene, die sich in Häuser schleichen und leichtsinnige Frauen in ihre Gefangenschaft führen, Frauen, die mit Sünden beladen sind und von vielen Begierden getrieben werden; die immer lernen und doch niemals zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Und wie Jannes und Jambres dem Mose widerstanden, so widerstehen auch diese der Wahrheit; doch sie werden nicht weiterkommen, denn ihre Torheit wird allen offenbar werden, wie es auch bei jenen der Fall war. Alles, was vorhergesagt wurde, erfüllt sich; und da das Ende der Welt naht, treten diese Dinge zur Prüfung sowohl der Menschen als auch der Zeiten ein. Der Irrtum verführt, während der Widersacher immer heftiger tobt; die Torheit erhebt sich, der Neid entflammt, die Habsucht verblendet, die Gottlosigkeit verdirbt, der Stolz bläht auf, die Zwietracht reizt, der Zorn treibt kopflos voran.

17

Doch lasst uns die überhandnehmende und kopflose Treulosigkeit vieler nicht beunruhigen oder erschüttern, sondern vielmehr unseren Glauben stärken – im Vertrauen auf die Wahrheit, die uns dies alles im Voraus angekündigt hat. Weil einige so geworden sind, wie es vorhergesagt wurde, sollen andere Brüder vor solchen Dingen auf der Hut sein, da auch dies vorhergesagt wurde, wie der Herr uns lehrt und spricht: „Seht zu! Ich habe euch alles vorhergesagt.“ Meidet, ich bitte euch, Brüder, solche Menschen und haltet ihre verderblichen Gespräche wie die Ansteckung des Todes von euch fern, wie es geschrieben steht: „Umgib deine Ohren mit Dornen und verweigere es, einer bösen Zunge zuzuhören.“ Und weiter: „Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten.“34 Der Herr lehrt uns und mahnt uns, uns von solchen zu trennen. Er sagt: „Sie sind blinde Führer der Blinden; und wenn ein Blinder einen Blinden führt, so fallen beide in die Grube.“ 35 Wer auch immer von der Kirche getrennt ist, von einem solchen soll man sich abwenden und ihn meiden. Ein solcher Mensch ist verdorben und sündigt und wird durch sein eigenes Tun verurteilt. Glaubt er etwa, dass er Christus hat, der sich gegen die Priester Christi stellt und sich von der Gemeinschaft seines Klerus und Volkes absondert? Er erhebt die Hand gegen die Kirche, er kämpft gegen die Anordnung Gottes. Ein Feind des Altars, ein Rebell gegen das Opfer Christi, dem Glauben untreu, der Religion entweiht, ein ungehorsamer Diener, ein gottloser Sohn, ein feindlicher Bruder – er verachtet die Bischöfe und verlässt die Priester Gottes. Er wagt es, einen anderen Altar aufzustellen, ein anderes Gebet mit unbefugten Worten zu sprechen, die Wahrheit des Herrn durch falsche Opfer zu entweihen und erkennt nicht, dass derjenige, der gegen Gottes Anordnung kämpft, für für seine waghalsige Kühnheit durch göttliches Eingreifen bestraft wird.

18

So erlitten auch Korach, Dathan und Abiram, die versuchten, sich die Macht des Opferns gegen Mose und den Priester Aaron anzumaßen, sofortige Strafe für ihr Vorhaben. Die Erde, die ihre Fugen löste, tat sich auf zu einem tiefen Abgrund, und der Riss des sich öffnenden Bodens verschlang die Männer, die dort standen und lebten. Doch der Zorn des erzürnten Gottes traf nicht nur die Anführer des Aufstands; zusätzlich wurden zweihundertfünfzig ihrer Anhänger und Mitstreiter in jener Freveltat, die sich in ihrer Kühnheit mit ihnen verbündet hatten, von einem Feuer verzehrt, das eilends vom Herrn ausging. Dies sollte zweifellos eine Mahnung sein und zeigen, dass alles, was diese bösen Männer unternommen hatten, um durch menschlichen Willen Gottes Anordnung zu stürzen, im Widerstand gegen Gott selbst geschah. Ebenso wurde König Usija – als er das Räucherfass ergriff und sich gewaltsam das Recht zu opfern anmaßte, entgegen Gottes Gesetz, und sich weigerte, dem Priester Asarja, der ihm entgegentrat, Gehorsam zu leisten – durch den göttlichen Zorn gedemütigt. Auf seiner Stirn wurde er mit dem Mal des Aussatzes gezeichnet: der Herr, den er erzürnt hatte, kennzeichnete ihn genau an jener Stelle, wo diejenigen das Zeichen des Wohlgefallens empfangen, die sich Gott wohlverdient gemacht haben. Auch die Söhne Aarons, die fremdes Feuer auf den Altar legten, das der Herr nicht geboten hatte, wurden sofort im Angesicht des strafenden Herrn ausgelöscht.

19

Zweifellos ahmen diese jene nach und folgen ihnen, die, indem sie Gottes Überlieferung verachten, fremdartigen Lehren nachjagen und menschlich festgelegte Lehren einführen, wie sie der Herr in seinem Evangelium tadelt und zurechtweist, indem er sagt: „Ihr verwirft das Gebot Gottes, um eure eigene Überlieferung festzuhalten.“36 Dieses Vergehen ist schlimmer als Gefallene, die jedoch, indem sie Buße für ihre Sünde tun, Gott in voller Genugtuung anflehen. Im einen Fall wird die Kirche gesucht und angefleht; im anderen wird sie bekämpft. Hier könnte Notwendigkeit im Spiel gewesen sein; dort jedoch ist der Wille in die Bosheit verstrickt: Auf der einen Seite hat der Gefallene nur sich selbst geschadet; auf der anderen Seite hat derjenige, der Häresie oder Spaltung verursacht, viele in die Irre geführt und mit sich gezogen. Im ersten Fall geht es um den Verlust einer einzelnen Seele; im zweiten um die Gefährdung vieler. Der eine erkennt zweifellos, dass er gesündigt hat, und beklagt und beweint es; der andere hingegen, aufgebläht in seinem Herzen und sich selbst in seinen Vergehen gefallend, trennt Söhne von ihrer Mutter, reißt Schafe von ihrem Hirten fort und stört die Sakramente Gottes. Während der Gefallene nur einmal gesündigt hat, sündigt der andere täglich. Schließlich kann der Gefallene, der später das Martyrium erlangt, die Verheißungen des Reiches empfangen; der andere jedoch, wenn er außerhalb der Kirche getötet wird, kann die Belohnungen der Kirche nicht erlangen.

20

Niemand soll sich, geliebte Brüder, wundern, dass selbst einige der Bekenner so weit gehen und dass auch andere so schwer und schändlich sündigen. Denn das Bekenntnis befreit einen Menschen nicht von den Schlingen des Teufels, noch schützt es ihn, solange er noch in der Welt ist, mit einer ewigen Sicherheit vor Versuchungen, Gefahren und Angriffen dieser Welt. Sonst würden wir niemals jene späteren Betrügereien, Unzuchten und Ehebrüche bei Bekennern sehen, die wir nun mit Seufzen und Trauer bei einigen bezeugen müssen. Welcher Bekenner er auch sein mag, er ist nicht größer, besser oder Gott lieber als Salomo. Dieser behielt zwar die Gnade, die er vom Herrn empfangen hatte, solange er in Gottes Wegen wandelte, doch als er den Weg des Herrn verließ, verlor er auch die Gnade des Herrn. Deshalb ist geschrieben: „Halte fest, was du hast, damit dir niemand deine Krone nehme.“ 37 Der Herr würde gewiss nicht davor warnen, dass die Krone der Gerechtigkeit genommen werden könnte, wenn nicht auch die Gerechtigkeit selbst verloren gehen könnte – und mit ihr die Krone.

21

Das Geständnis ist der Anfang des Ruhms, nicht der volle Verdienst der Krone; es vollendet nicht unser Lob, sondern begründet unsere Würde. Da geschrieben steht: „Wer aber bis ans Ende ausharrt, der wird gerettet werden,“38 ist alles, was vor dem Ende liegt, nur eine Stufe auf dem Weg zum Gipfel des Heils, nicht das Ziel, in dem das Ergebnis des Aufstiegs bereits erreicht ist. Er ist ein Bekenner; doch nach dem Geständnis ist seine Gefahr größer, weil der Gegner mehr herausgefordert ist. Er ist ein Bekenner; gerade deshalb muss er umso mehr auf der Seite des Evangeliums des Herrn stehen, da er durch das Evangelium Ruhm vom Herrn erlangt hat. Denn der Herr sagt: „Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert; und wem mehr Würde verliehen ist, von dem wird mehr Dienst verlangt.“39 Niemand soll durch das Beispiel eines Geständigen zugrunde gehen; niemand soll von ihm Ungerechtigkeit, Hochmut oder Verrat lernen. Er ist ein Bekenner – so sei er demütig und still; er sei in seinem Verhalten bescheiden und diszipliniert, damit derjenige, der sich Geständiger Christi nennt, auch Christus nachahmt, den er gesteht. Da Christus sagt: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden,“ 40 und da er selbst vom Vater erhöht wurde, weil er, als das Wort, die Kraft und die Weisheit Gottes des Vaters, sich auf Erden erniedrigte, wie könnte er dann den Hochmut lieben, wo er uns doch durch sein eigenes Gesetz Demut aufgetragen hat und selbst vom Vater den höchsten Namen als Lohn seiner Demut empfangen hat? Er ist ein Geständiger Christi – aber nur dann, wenn er nicht die Majestät und Würde Christi später durch sein Verhalten lästert. Die Zunge, die Christus gestanden hat, soll nicht böse reden; sie soll nicht aufrührerisch sein, sie soll nicht mit Schmähungen und Streit die Gemeinschaft stören; sie soll nach Worten des Lobes nicht Schlangengift gegen die Brüder und gegen die Priester Gottes speien. Wenn jemand sich später aber als verwerflich und schädlich erweist; wenn er sein Geständnis durch übles Verhalten verschwendet; wenn er sein Leben durch schändliche Unreinheit befleckt; wenn er schließlich die Kirche verlässt, in der er zum Geständigen wurde, und die Eintracht der Einheit zerreißt, indem er seinen anfänglichen Glauben gegen nachfolgende Ungläubigkeit eintauscht, so möge er sich nicht wegen seines Geständnisses einbilden, zur Belohnung des Ruhms auserwählt zu sein, wenn ihm durch eben dieses Verhalten das verdiente Strafurteil umso sicherer geworden ist.

22

Auch Judas hat der Herr unter die Apostel berufen, und doch verriet Judas später den Herrn. Dennoch hat dadurch der Glaube und die Standhaftigkeit der Apostel nicht versagt, nur weil der Verräter Judas aus ihrer Gemeinschaft gefallen ist. So wird auch im vorliegenden Fall die Heiligkeit und Würde der Geständigen nicht sofort gemindert, weil der Glaube einiger von ihnen gebrochen ist. Der selige Apostel Paulus spricht in seinem Brief in dieser Weise: „Was aber, wenn einige vom Glauben abgefallen sind? Wird ihr Unglaube etwa die Treue Gottes aufheben? Das sei ferne! Denn Gott ist wahrhaftig, obwohl jeder Mensch ein Lügner sei.“41 Der größere und bessere Teil der Geständigen bleibt fest in der Kraft ihres Glaubens und in der Wahrheit des Gesetzes und der Zucht des Herrn; sie verlassen auch nicht den Frieden der Kirche, da sie sich erinnern, dass sie die Gnade Gottes in der Kirche empfangen haben. Und gerade dadurch erlangen sie ein größeres Lob ihres Glaubens, dass sie sich von der Treulosigkeit jener abgewandt haben, die mit ihnen in der Gemeinschaft des Geständnisses verbunden waren, und sich von der Ansteckung des Verbrechens losgesagt haben. Vom wahren Licht des Evangeliums erleuchtet, von der reinen und weißen Helligkeit des Herrn bestrahlt, sind sie ebenso lobenswert in der Bewahrung des Friedens Christi, wie sie im Kampf gegen den Teufel siegreich gewesen sind.

23

Geliebte Brüder, ich wünsche und bemühe mich darum und ermahne gleichermaßen, dass, wenn möglich, keiner der Brüder verloren gehen möge und dass unsere freudige Mutter in ihrem Schoß den einen Leib eines einigen Volkes umfassen kann. Doch wenn heilsamer Rat bestimmte Anführer der Spaltungen und Urheber von Zwistigkeiten, die in blindem und hartnäckigem Wahnsinn verharren, nicht auf den Weg des Heils zurückführen kann, so löst ihr anderen euch, wenn ihr entweder in Unwissenheit gefangen wart, durch Irrtum verführt oder durch die List täuschender Falschheit irregeleitet wurdet, aus den Netzen des Betrugs. Befreit eure irrenden Schritte von den Irrtümern und erkennt den geraden Weg der himmlischen Straße. Das Wort des zeugnishaften Apostels lautet: „Wir gebieten euch im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr euch von allen Brüdern zurückzieht, die unordentlich wandeln und nicht nach der Überlieferung, die sie von uns empfangen haben.“42 Und weiter sagt er: „Lasst euch von niemandem mit leeren Worten verführen; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Söhne des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Genossen.“43 Wir müssen uns zurückziehen, ja vielmehr fliehen vor denen, die abgefallen sind, damit niemand, der sich mit denen verbindet, die in Bosheit wandeln und auf Wegen des Irrtums und der Sünde gehen, selbst auch vom Pfad des wahren Weges abirrt und in gleiche Schuld gerät. Gott ist einer, und Christus ist einer, und seine Kirche ist eine, und der Glaube ist einer, und das Volk ist durch das Band der Eintracht zu einer substantiellen Einheit des Leibes verbunden. Diese Einheit kann nicht zerrissen werden; ein Leib kann nicht durch die Teilung seines Gefüges getrennt oder in Stücke gerissen werden, indem seine Eingeweide durch eine Zerreißung auseinandergerissen werden. Was aus dem Schoß hervorgegangen ist, kann nicht in getrenntem Zustand leben und atmen, sondern verliert die Substanz seiner Gesundheit.

24

Der Heilige Geist mahnt uns und sagt: „Wer ist der Mann, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht? Bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen davor, Falsches zu reden. Meide das Böse und tue Gutes; suche den Frieden und jage ihm nach.“44 Der Sohn des Friedens sollte den Frieden suchen und ihm nachjagen. Wer das Band der Nächstenliebe kennt und liebt, sollte seine Zunge vom Bösen der Zwietracht zurückhalten. Unter seinen göttlichen Geboten und heilsamen Lehren fügte der Herr, als er sich bereits seiner Passion näherte, dieses hinzu und sagte: „Frieden lasse ich mit euch, meinen Frieden gebe ich euch.“45 Dies gab er uns als Erbe; alle Gaben und Belohnungen, von denen er sprach, hat er durch die Bewahrung des Friedens versprochen. Wenn wir Miterben Christi sind, dann lasst uns im Frieden Christi bleiben; wenn wir Söhne Gottes sind, sollten wir Friedensstifter sein. „Selig sind die Friedensstifter,“ 46 sagt er, „denn sie werden Kinder Gottes heißen.“46 Es ziemt sich für die Söhne Gottes, Friedensstifter zu sein – sanftmütig im Herzen, schlicht in der Rede, einträchtig in der Zuneigung, treu miteinander verbunden im Band der Einmütigkeit.

25

Diese Einmütigkeit herrschte einst unter den Aposteln; und so bewahrte auch die junge Versammlung der Gläubigen, indem sie die Gebote des Herrn befolgte, ihre Nächstenliebe. Die göttliche Schrift bezeugt dies, wenn sie sagt: „Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele.“47 Und an anderer Stelle: „Diese alle verharrten einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.“48 So beteten sie mit wirksamen Gebeten; und so konnten sie mit Zuversicht alles erlangen, worum sie in der Barmherzigkeit des Herrn baten.

26

Doch unter uns hat die Einmütigkeit in Maße abgenommen, genauso wie die Großzügigkeit im Tun nachgelassen hat. Damals verkauften die Gläubigen ihre Häuser und Güter und brachten den Erlös den Aposteln, um sich Schätze im Himmel zu sammeln, und dieser Erlös wurde zum Nutzen der Armen verteilt. Heute geben wir nicht einmal mehr den Zehnten unseres Erbes; und während der Herr uns auffordert zu verkaufen, kaufen und vermehren wir vielmehr unseren Besitz. So ist die Kraft des Glaubens unter uns geschwunden; so ist die Stärke der Gläubigen schwach geworden. Deshalb sagt der Herr in seinem Evangelium, mit Blick auf unsere Zeit: „Wenn der Menschensohn kommt, meint ihr, er wird Glauben auf Erden finden?“ 49 Wir sehen, dass sich erfüllt hat, was er vorausgesagt hat. Es gibt keinen Glauben in der Gottesfurcht, im Gesetz der Gerechtigkeit, in der Liebe und im Fleiß; niemand bedenkt die Furcht vor dem, was kommen wird, niemand nimmt sich den Tag des Herrn zu Herzen, den Zorn Gottes und die Strafen, die die Ungläubigen treffen werden, und die ewigen Qualen, die den Treulosen bestimmt sind. Das, wovor unser Gewissen Angst hätte, wenn es glauben würde, fürchtet es nicht, weil es überhaupt nicht glaubt. Doch wenn es glauben würde, würde es auch Acht geben; und wenn es Acht geben würde, würde es entkommen.

27

Lasst uns, geliebte Brüder, so viel wie möglich aufrütteln und den Schlaf unserer alten Trägheit abschütteln. Lasst uns wachsam sein, die Gebote des Herrn zu beachten und zu erfüllen. Lasst uns so sein, wie Er selbst uns geboten hat, indem er sagt: „Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lampen brennen; und seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er von der Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm, wenn er kommt und anklopft, sogleich öffnen. Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet.“50 Wir sollten gegürtet sein, damit uns der Tag des Aufbruchs nicht unvorbereitet findet und wir nicht beschwert und verstrickt sind. Lasst unser Licht durch gute Werke leuchten und so hell erstrahlen, dass es uns von der Nacht dieser Welt zum Licht des ewigen Glanzes führt. Lasst uns stets mit Sorge und Vorsicht auf das plötzliche Kommen des Herrn warten, damit unser Glaube bereit ist, wenn Er anklopft, und wir von Ihm die Belohnung für unsere Wachsamkeit empfangen. Wenn wir diese Gebote befolgen, wenn wir diese Ermahnungen und Vorschriften bewahren, kann uns der Betrug des Teufels nicht im Schlummer überraschen; vielmehr werden wir mit Christus in seinem Reich herrschen, als Knechte, die wachend bleiben.

Schriftstellen

  1. Mt 5,13
  2. Mt 19,17
  3. Joh 15,15
  4. Mt 7,24
  5. Mt 7,24-25
  6. Mt 16,18-19
  7. Joh 21,16
  8. Joh 20,21-23
  9. Hld 6,9
  10. Eph 4,4-6
  11. Mt 12,30
  12. Joh 10,30
  13. 1Joh 5,8
  14. Joh 19,23
  15. 1Kön 11,31-32
  16. Joh 10,16
  17. 1Kor 1,10
  18. Eph 4,2-3
  19. Ex 12,46
  20. Ps 68,7
  21. 1Joh 2,19
  22. 1Kor 11,19
  23. Jer 23,16-22
  24. Jer 2,13
  25. Mt 18,20
  26. Mt 18,19-20
  27. Mt 18,19
  28. 1Kor 13,2-8
  29. Joh 15,12
  30. 1Joh 4,16
  31. Mt 24,5
  32. Mt 7,22-23
  33. 2Tim 3,1-5
  34. 1Kor 15,33
  35. Mt 15,14
  36. Mk 7,9
  37. Offb 3,11
  38. Mt 10,22
  39. Lk 12,48
  40. Lk 14,11
  41. Röm 3,3-4
  42. 2Thess 3,6
  43. Eph 5,6-7
  44. Ps 34,12-14
  45. Joh 14,27
  46. Mt 5,9
  47. Apg 4,32
  48. Apg 1,14
  49. Lk 18,8
  50. Lk 12,35-37