Erkenntnisse, Buch 1
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Dir, Gaudentius, du herausragender Glanz unserer Lehrer, ist so viel geistige Spannkraft, ja so viel Gnade des Geistes gegeben, dass alles, was du sagst – selbst im ganz normalen Gespräch oder wenn du in der Kirche predigst – in Büchern festgehalten und der Nachwelt als Lehre übergeben werden muss! Wir hingegen sind durch unseren begrenzten Verstand weniger schlagfertig und durch das Alter langsam und träge geworden. Dennoch: Das Werk, das uns einst die Jungfrau Silvia – ehrwürdigen Andenkens – aufgetragen hatte, nämlich Clemens in unsere Sprache zu übertragen, und das du danach wie ein rechtmäßiges Erbe eingefordert hast, das geben wir dir nun endlich zurück – wenn auch nach vielen Verzögerungen. Ich halte es für eine beachtliche Beute, die wir den griechischen Bibliotheken entrissen haben, um sie für unseren eigenen Gebrauch und Nutzen herbeizuschaffen. So wollen wir die, die wir mit eigenen Mitteln nicht ernähren können, mit fremder Kost aufpäppeln. Denn das Fremde erscheint oft süßer, manchmal ist es sogar nützlicher! Schließlich ist fast alles, was unseren Körpern Heilung bringt, was gegen Krankheiten hilft und Gifte vertreibt, fremder Herkunft. Judäa schickt das Tränenharz des Balsams, Kreta das Diptamkraut, Arabien erntet die Blüten der Gewürze und Indien die Ähren der Narde. Auch wenn diese Dinge bei uns etwas zerbrechlicher ankommen, als der eigene Acker sie hervorbrachte – sie bewahren doch die volle Anmut des Duftes und die unversehrte Kraft der Heilung. Nimm ihn also an, mein Herz!
Hier kehrt unser Clemens zu dir zurück. Nimm ihn auf – jetzt ist er ein Römer. Und wundere dich nicht, wenn dir sein Gesichtsausdruck in meiner Fassung vielleicht weniger blumig und redegewandt erscheint als gewohnt. Das ist völlig egal, solange der Sinn derselbe bleibt! Wir transportieren diese fremden Waren mit viel Schweiß ins Vaterland. Ich weiß allerdings nicht, mit welch dankbarem Gesicht mich meine Mitbürger empfangen, wenn ich ihnen diese große Beute aus Griechenland bringe und die verborgenen Schätze der Weisheit mit dem Schlüssel unserer Sprache aufschließe. Doch möge Gott deine Gebete erhören, damit uns kein böser Blick und kein missgünstiges Gesicht begegnet! Wir wollen nicht diese abartige Monstrosität erleben, dass diejenigen, denen man es wegnimmt, keinen Neid hegen, aber die, denen man es schenkt, grün anlaufen vor Missgunst. Es ist nur gerecht, dir, der du diese Dinge auch auf Griechisch gelesen hast, den Plan meiner Übersetzung offen zu legen – damit du nicht etwa glaubst, ich hätte an manchen Stellen die Ordnung der Übertragung missachtet. Ich glaube, es ist dir nicht verborgen, dass es von diesem Clemens im Griechischen zwei Ausgaben desselben Werkes der Anagnoseon gibt, also der Wiedererkennungen. Es existieren zwei Textkörper, die in einigem verschieden sind, in vielem aber dieselbe Erzählung bieten.
Der letzte Teil dieses Werkes, in dem von der Verwandlung des Simon berichtet wird, steht zwar in der einen Fassung, in der anderen fehlt er jedoch völlig! Es gibt zudem in beiden Fassungen gewisse Abhandlungen über den ungezeugten und den gezeugten Gott sowie über einige andere Dinge, die – um es kurz zu machen – meinen Verstand überstiegen haben. Diese Teile habe ich daher, da sie meine Kräfte überforderten, lieber anderen überlassen, als sie unvollständig vorzutragen. Im Übrigen aber habe ich mir, soweit wir dazu in der Lage waren, Mühe gegeben, nicht nur vom Sinn, sondern nicht einmal von den Worten und Ausdrucksweisen abzuweichen! Das macht die Sprache der Erzählung zwar weniger geschmückt, dafür aber treuer. Den Brief allerdings, in dem derselbe Clemens an Jakobus, den Bruder des Herrn, schreibt und ihm den Tod des Petrus meldet – und dass dieser ihn als Nachfolger für seinen Lehrstuhl und seine Lehre zurückgelassen hat –, in dem auch die ganze kirchliche Ordnung enthalten ist: Diesen Brief habe ich diesem Werk jetzt nicht vorangestellt! Denn er ist zeitlich später angesiedelt und wurde von mir längst übersetzt und herausgegeben. Aber was darin manchen vielleicht widersprüchlich erscheint, halte ich nicht für abwegig, wenn man es hier erklärt. Einige fragen nämlich: Wie kann Clemens selbst, wenn er an Jakobus schreibt, behaupten, Petrus habe ihm den Lehrstuhl übergeben, wo doch Linus und Cletus vor diesem Clemens Bischöfe in der Stadt Rom waren? Wir haben als Grund dafür Folgendes vernommen: Linus und Cletus waren zwar vor Clemens Bischöfe in der Stadt Rom, aber zu Lebzeiten des Petrus! Das heißt, sie übernahmen die Sorge für das Bischofsamt, er aber erfüllte die Pflicht des Apostelamtes. So findet man es auch in Cäsarea: Obwohl er selbst anwesend war, hatte er dort dennoch den Zachäus, den er geweiht hatte, als Bischof eingesetzt. Und auf diese Weise wird beides als wahr erscheinen: dass jene zwar vor Clemens als Bischöfe gezählt werden, Clemens aber dennoch nach dem Tod des Petrus den Lehrstuhl übernahm. Doch nun lasst uns sehen, welchen Anfang der Erzählung Clemens selbst wählt, während er an Jakobus, den Bruder des Herrn, schreibt.
Ich, Clemens, geboren in der Stadt Rom, habe mich von frühester Jugend an um die Keuschheit bemüht, denn eine innere Unruhe hielt mich schon als Kind gefangen und fesselte mich wie mit Ketten aus Sorge und Schwermut. Ein Gedanke nistete in mir – woher er kam, weiß ich nicht –, der mir immer wieder meine eigene Sterblichkeit vor Augen führte. Ich rang mit der Frage: Gibt es für mich irgendein Leben nach dem Tod, oder werde ich danach absolutes Nichts sein? War ich, bevor ich geboren wurde? Wird es nach dem Tod überhaupt keine Erinnerung an dieses Leben mehr geben? Wird die Unendlichkeit der Zeit alles dem Vergessen und dem Schweigen übergeben, sodass wir nicht nur nicht mehr sind, sondern nicht einmal die Erinnerung bleibt, dass wir jemals waren? Doch auch dies wälzte ich in meinem Herzen: Wann wurde die Welt geschaffen? Und was war, bevor sie entstand? Oder hat sie schon immer existiert? Denn eines schien mir sicher: Wenn sie geschaffen wurde, muss sie unweigerlich auch wieder aufgelöst werden. Und wenn sie aufgelöst wird, was wird dann sein? Wird das Vergessen und das Schweigen alles zudecken? Oder wird es vielleicht etwas geben, das der Verstand der Sterblichen jetzt noch gar nicht erfassen kann?
Diese und ähnliche Gedanken wälzte ich ununterbrochen in meinem Inneren – woher sie auch kommen mochten – und ich verzehrte mich förmlich vor lauter Trauer! Und was noch schwerer wog: Wenn ich jemals auf den Gedanken kam, diese Sorgen als nutzlos beiseitezuschieben, bäumten sich nur umso gewaltigere Wellen der Unruhe in mir auf. Denn in mir wohnte ein exzellenter Begleiter, der mich einfach nicht zur Ruhe kommen ließ: die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Wie der spätere Ausgang der Ereignisse lehrte und die Gnade des allmächtigen Gottes zeigte, war es genau diese innere Ausrichtung, die mich zur Erforschung der Wahrheit und zur Erkenntnis des wahren Lichts führte. Das hatte zur Folge, dass ich später um genau die Menschen trauerte, die ich zuvor in meiner Unwissenheit noch für glücklich gehalten hatte.
Weil ich also von klein diese innere Ausrichtung trug und unbedingt etwas lernen wollte, rannte ich ständig in die Schulen der Philosophen. Aber was bekam ich dort zu sehen? Nichts als ein endloses Hin und Her von Behauptungen und Zerpflücken von Lehrmeinungen, ständige Kämpfe, die Kunst der Syllogismen und trickreiche Schlussfolgerungen! Wenn die Ansicht,- die Seele sei unsterblich - die Oberhand gewann, freute ich mich. Wurde aber dargelegt, sie sei sterblich, zog ich traurig von dannen. Doch nichts davon gab meinem Herzen die Festigkeit der Wahrheit. Ich begriff lediglich eines: Dass Aussagen und Definitionen nicht aufgrund ihrer Natur oder der Wahrheit der Sache als wahr oder falsch erschienen, sondern allein vom Geschick derer, die sie verteidigten. Das quälte mich tief in meinem Innersten nur noch mehr, da ich nichts von dem, was da geredet wurde, als sicher festhalten konnte, aber gleichzeitig das Verlangen nicht loswurde, weiterzuforschen. Im Gegenteil: Je mehr ich versuchte, es zu ignorieren oder zu verachten, desto brennender, ja fast mit einer heimlichen Lust, schlich sich dieser Gedanke ein und ergriff Besitz von meinem gesamten Denken und Fühlen.
Völlig in die Enge getrieben von diesen Erkenntnissen, sagte ich mir selbst: Warum rackern wir uns so sinnlos ab, wenn das Ende doch eh feststeht? Wenn ich nach dem Tod nicht mehr existiere, dann quäle ich mich jetzt völlig umsonst! Wenn es aber nach dem Sterben ein Leben für mich gibt, dann sollten wir uns die Energie für jenes Leben aufheben. Sonst erwartet mich dort am Ende vielleicht noch Schlimmeres als das, was ich jetzt schon durchmache – es sei denn, ich lebe fromm und besonnen und werde nicht, wie einige Philosophen behaupten, dem Fluss Pyriphlegethon oder dem Tartarus übergeben, um wie Sisyphus, Tityus, Ixion und Tantalus ewige Qualen in der Unterwelt zu erleiden! Doch dann entgegnete ich mir selbst: Das sind doch nur Märchen! Aber selbst wenn das so wäre, ist es, wenn es so unsicher ist, immer noch besser, fromm zu leben. Aber sofort überlegte ich wieder: Wie soll ich mich denn von der Gier zur Sünde zurückhalten, wenn die Belohnung für die Gerechtigkeit völlig ungewiss ist? Vor allem, weil ich ja nicht einmal sicher weiß, was diese Gerechtigkeit überhaupt sein soll, die Gott gefällt. Ich erkenne weder, ob die Seele unsterblich ist und auf etwas hoffen kann, noch habe ich irgendeine Gewissheit über die Zukunft. Und doch kann ich von diesen Gedanken einfach nicht loslassen!
Was soll ich also tun? Ich werde nach Ägypten reisen und mich dort mit den Hierophanten oder Propheten anfreunden, die über die geheimen Heiligtümer herrschen. Ich werde einen Magier mit Geld bestechen, damit er mir eine Seele aus der Unterwelt heraufbeschwört – durch das, was sie Nekromantie nennen. Ich werde vorgeben, ihn in einer geschäftlichen Angelegenheit um Rat fragen zu wollen. In Wahrheit aber geht es mir nur darum: Ist die Seele unsterblich? Den Beweis dafür will ich nicht durch das erhalten, was er sagt oder was ich höre, sondern durch das, was ich sehe! Wenn ich die Seele mit eigenen Augen erblicke, werde ich für den Rest meines Lebens die unerschütterliche Gewissheit ihrer Unsterblichkeit besitzen. Dann kann keine Täuschung durch Worte und kein unsicheres Hörensagen mehr die Wahrheit meiner eigenen Sicht trüben! Doch diesen Plan legte ich einem befreundeten Philosophen vor. Der riet mir dringend davon ab. Er sagte: „Wenn die Seele dem Ruf des Magiers nicht gehorcht, wirst du danach nur noch verzweifelter leben, weil du dann denkst, dass nach dem Tod gar nichts mehr kommt – und das, obwohl du dich sogar an verbotene Dinge gewagt hast. Wenn du aber meinst, dort wirklich etwas zu sehen: Was für eine Religion oder Frömmigkeit soll dir bitte schön aus verbotenen und gottlosen Taten erwachsen? Man sagt nämlich, dass Gott solche Machenschaften hasst und dass er sich gegen alle stellt, die Seelen nach der Trennung vom Körper quälen.“ Als ich das hörte, wurde ich zwar zögerlicher in meinem Vorhaben, aber ich konnte weder das Verlangen ablegen noch die quälende Unruhe meiner Gedanken abschütteln.
Um es kurz zu machen: Während ich von diesen inneren Gedankenstürmen hin- und hergeworfen wurde, erreichte uns zur Regierungszeit des Kaisers Tiberius ein Gerücht. Es nahm seinen Anfang im Osten und breitete sich immer weiter aus, wie eine von Gott gesandte gute Nachricht, bis es schließlich den gesamten Erdkreis erfüllte und nicht mehr zuließ, dass der Wille Gottes im Stillen verborgen blieb. Überall verbreitete sich die Meldung, dass in Judäa jemand aufgetreten sei, der seit Beginn des Frühlings den Juden das Reich Gottes verkündete. Er sagte, dass all jene dieses Reich empfangen würden, die seine Gebote und die Grundsätze seiner Lehre einhielten. Damit man seiner Rede Glauben schenkte und sie als voller Göttlichkeit begriff, vollbrachte er – so hieß es – allein durch seinen Befehl zahlreiche Machttaten, Zeichen und gewaltige Wunder. Als hätte er seine Vollmacht direkt von Gott, machte er Gehörlose hörend und Blinde sehend, richtete Lahme auf und vertrieb jede Krankheit und sämtliche Dämonen aus den Menschen. Er weckte sogar die Toten auf, die man ihm brachte, heilte Aussätzige schon aus der Ferne durch bloßes Hinsehen, und es gab absolut nichts, was ihm unmöglich schien! Diese und ähnliche Berichte wurden mit der Zeit immer fester untermauert – nicht mehr nur durch vages Gerede, sondern durch handfeste Meldungen von Ankömmlingen aus jenen Regionen. Tag für Tag trat die nackte Wahrheit immer deutlicher ans Licht.
Schließlich bildeten sich an allen öffentlichen Plätzen der Stadt Versammlungen. Überall wurde über diese Nachricht diskutiert und man fragte sich voller Staunen, wer dieser Mann eigentlich war, der da erschienen war, und was für eine Botschaft er den Menschen im Auftrag Gottes brachte. Das ging so lange, bis noch im selben Jahr ein Mann an einem der belebtesten Orte der Stadt auftrat und der Menge entgegenrief: „Hört mich an, ihr Bürger Roms! In Judäa ist der Sohn Gottes erschienen! Er verspricht jedem, der auf ihn hören will, das ewige Leben – vorausgesetzt, er richtet seine Taten nach dem Willen des Vaters aus, der ihn gesandt hat. Kehrt deshalb endlich um vom Bösen zum Guten, vom Vergänglichen zum Ewigen! Erkennt an, dass es nur einen Gott gibt, den Herrscher über Himmel und Erde, in dessen gerechten Augen ihr Ungerechten seine Welt bewohnt! Wenn ihr euch aber bekehrt und nach seinem Willen handelt, werdet ihr in die kommende Welt eingehen, unsterblich werden und seine unfassbaren Güter und Belohnungen genießen.“ Der Mann, der diese Worte vor dem Volk sprach, stammte aus dem Osten, ein Hebräer namens Barnabas. Er behauptete, selbst einer der Jünger zu sein und ausgesandt worden zu sein, um dies jedem zu verkünden, der es wissen wollte. Als ich das hörte, folgte ich ihm zusammen mit der restlichen Masse, um seine Worte aufzusaugen. Mir war völlig klar, dass dieser Mann keine Ahnung von dialektischen Spielereien hatte. Schlicht und ohne jede rhetorische Schminke erzählte er einfach das, was er vom Sohn Gottes gehört oder selbst gesehen hatte. Er untermauerte seine Behauptungen nicht mit der Kraft von Argumenten, sondern führte für seine Worte und die Wunder, die er verkündete, massenhaft Zeugen an – und zwar direkt aus dem Volk, das um ihn herumstand.
Doch da das Volk dem, was aufrichtig vorgetragen wurde, bereitwillig zustimmte und die schlichte Rede annahm, fingen jene, die sich selbst für gebildet hielten oder Philosophen waren, an, den Mann zu verspotten und zu verachten und Fangstricke aus Syllogismen wie gewaltige Waffen gegen ihn aufzufahren. Er aber ließ sich nicht einschüchtern, tat ihre Spitzfindigkeiten als das Gestammel von Irren ab und hielt sie nicht einmal einer Antwort für würdig, sondern führte furchtlos fort, was er begonnen hatte. Als ihm schließlich einer mitten ins Wort fiel und einwarf, warum die Mücke so geschaffen sei, dass sie zwar ein winziges Tier sei, aber sechs Beine und zusätzlich Flügel habe, der Elefant aber, obwohl er ein gewaltiges Tier sei, weder Flügel noch mehr als vier Beine besitze, würdigte er das nicht einmal eines Blickes. Er führte seine Rede, die dieser unverschämte Einwurf unterbrochen hatte, mit ungebrochener Konzentration zu Ende und fügte bei jeder einzelnen Unterbrechung nur diese eine Ermahnung hinzu: „Wir haben den Befehl, euch die Worte und Wundertaten dessen zu verkünden, der uns gesandt hat, und die Glaubwürdigkeit dessen, was wir sagen, bestätigen wir nicht durch künstlich gesuchte Argumente, sondern indem wir Zeugen aus eurer eigenen Mitte vorbringen. Denn ich erkenne sehr viele hier mitten unter euch, von denen ich weiß, dass sie zusammen mit uns gehört haben, was wir gehört haben, und gesehen haben, was wir gesehen haben. Es liegt nun in eurer Macht: Nehmt an, was wir verkünden, oder verachtet es! Denn wir können nicht über das schweigen, von dem wir wissen, dass es euch nützt, weil Schweigen für uns Schaden bedeutet, für euch aber der Untergang ist, wenn ihr nicht annehmt, was wir sagen. Ich könnte auf eure dummen Einwände über den Unterschied zwischen Mücke und Elefant spielend leicht antworten, wenn ihr fragen würdet, um die Wahrheit zu lernen. Aber jetzt wäre es absurd, euch etwas über die Geschöpfe zu sagen, wo ihr doch den Schöpfer und Gründer von allem ignoriert!“
Als er das gesagt hatte, brachen alle wie auf einen Schlag mit zügellosem Maul in Gelächter aus. Sie wollten ihn einschüchtern und mundtot machen, schrien ihn als Barbaren nieder und brüllten, er sei nicht ganz bei Trost. Aber als ich sah, wie das ablief, erfüllte mich ein Eifer – ich weiß nicht woher – und ein heiliger Zorn entflammte in mir. Ich konnte nicht schweigen! Mit aller Freiheit rief ich dazwischen: „Völlig zu Recht hat der allmächtige Gott seinen Willen vor euch verborgen! Er hat vorausgesehen, dass ihr unwürdig seid, ihn zu erkennen. Das ist für jeden, der noch halbwegs bei Verstand ist, offensichtlich an dem zu sehen, was ihr hier treibt. Ihr seht doch, dass Prediger des göttlichen Willens angekommen sind. Aber weil ihre Sprache nicht mit grammatikalischer Kunst prahlt, sondern sie euch die göttlichen Befehle in schlichten und ungeschliffenen Worten überbringen – damit jeder Zuhörer folgen und verstehen kann –, lacht ihr über die Diener und Boten eures eigenen Heils! Ihr habt keine Ahnung! Es ist eure eigene Verurteilung – die ihr euch für so erfahren und eloquent haltet –, dass die Erkenntnis der Wahrheit bei Bauern und Barbaren zu finden ist. Wenn diese Wahrheit zu euch kommt, wird sie nicht einmal wie ein Gast aufgenommen. Dabei müsste sie eigentlich Bürgerin und Einheimische bei euch sein, wenn euch nicht eure Maßlosigkeit und Begierde im Weg stünden! Daran seid ihr überführt: Ihr seid keine Freunde der Wahrheit und keine Philosophen, sondern Prahler und Schwätzer! Ihr glaubt, die Wahrheit wohne nicht in schlichten Worten, sondern in verschlagenen und schlauen Floskeln. Ihr spuckt unzählige Worte aus, die nicht einmal den Wert eines einzigen wahren Wortes aufwiegen. Was, glaubt ihr also, wird aus euch werden, ihr ganzer Haufen Griechen, wenn das Gericht Gottes kommt, so wie dieser Mann es sagt? Aber jetzt Schluss damit, diesen Mann zu eurem eigenen Verderben auszulachen! Wer von euch will, soll mir antworten! Denn mit eurem bloßen Gebell betäubt ihr die Ohren derer, die gerettet werden wollen, und bringt die Geister, die bereit zum Glauben sind, durch eure Störungen dazu, in den Unglauben abzustürzen. Welche Entschuldigung werdet ihr jemals haben? Ihr lacht den Boten der Gottheit aus, der euch die Erkenntnis Gottes verspricht, und überhäuft ihn mit Beleidigungen? Selbst wenn er gar keine Wahrheit brächte, hättet ihr ihn allein schon wegen seiner guten Absicht euch gegenüber dankbar aufnehmen müssen!“
Während ich das und Ähnliches weiter ausführte, brach unter den Umstehenden ein gewaltiger Tumult los. Die einen waren zwar gerührt – als hätten sie Mitleid mit einem Gast – und stimmten meiner Rede zu, weil sie folgerichtig war. Aber die anderen – freche Dummköpfe – ließen die Wut ihres zügellosen Geistes nun genauso an mir aus wie an Barnabas! Als sich der Tag jedoch schon dem Abend zuneigte, packte ich Barnabas an der rechten Hand. Er sträubte sich zwar, aber ich schleppte ihn trotzdem in mein Haus und zwang ihn, dort zu bleiben, damit bloß keiner aus dieser unbelehrbaren Menge Hand an ihn legte. So verbrachten wir einige Tage zusammen. Er erklärte mir einiges, und ich hörte das Wort der Wahrheit begierig an. Dennoch drängte er auf Aufbruch. Er sagte, er wolle das Fest seiner Religion, das kurz bevorstand, unbedingt in Judäa feiern und dort künftig bei seinen Landsleuten und Brüdern bleiben. Er machte unmissverständlich klar, wie tief ihn der Schrecken über diese Beleidigung getroffen hatte.
Schließlich sagte ich zu ihm: „Erklär mir einfach nur die Lehre dieses Mannes, von dem du sagst, er sei erschienen! Ich werde deine Aussagen mit meiner Beredsamkeit in Form bringen und das Reich des allmächtigen Gottes und seine Gerechtigkeit verkünden. Und wenn du willst, segle ich danach sogar mit dir. Denn ich brenne darauf, Judäa zu sehen, und werde vielleicht für immer bei euch bleiben!“ Darauf antwortete er: „Wenn du unser Vaterland wirklich sehen und lernen willst, wonach du dich sehnst, dann segle jetzt sofort mit mir! Aber falls dich hier noch etwas festhält, hinterlasse ich dir eine Wegbeschreibung zu unserer Bleibe, damit du uns leicht finden kannst, wenn du kommen willst. Denn ich breche morgen auf.“ Als ich sah, dass an ihm nicht zu rütteln war, ging ich mit ihm hinunter zum Hafen und ließ mir sorgfältig die versprochenen Hinweise zu ihrem Aufenthaltsort geben. Ich sagte zu ihm: „Wenn ich nicht unbedingt noch etwas Geld von meinen Schuldnern eintreiben müsste, würde ich keine Sekunde zögern! Aber ich werde dir schnellstens folgen.“ Nachdem ich das gesagt und ihn den Schiffsführern eindringlich ans Herz gelegt hatte, kehrte ich traurig zurück. Denn die Erinnerung an den Umgang mit diesem guten Gast und besten Freund ließ mich einfach nicht los.
Ich hielt mich nur wenige Tage auf und trieb einen Teil der Schulden ein – das meiste ließ ich in meiner Eile einfach sausen, um mich bloß nicht von meinem Vorhaben abbringen zu lassen! Ich segelte sofort weiter nach Judäa und landete nach fünfzehn Tagen in Cäsarea Stratonis, der größten Stadt Palästinas. Als ich von Bord ging und eine Herberge suchte, erfuhr ich durch das Gerede der Leute, dass ein gewisser Petrus morgen einen harten Kampf der Worte und Streitfragen austragen würde! Petrus, der bewährteste Jünger jenes Mannes, der in Judäa erschienen war und viele Zeichen und göttliche Wunder unter den Menschen gewirkt hatte. Sein Gegner: ein gewisser Simon, ein Samaritaner aus dem Dorf Githon. Als ich das hörte, bat ich sofort darum, mir seine Herberge zu zeigen. Ich fand sie, stellte mich vor die Tür und drängte dem Pförtner auf, wer ich sei und woher ich käme. Und siehe da: Barnabas kam heraus! Sobald er mich sah, rannte er mir in die Arme, weinte vor Freude, packte mich an der Hand und führte mich zu Petrus hinein. Als er ihn mir von weitem zeigte, sagte er: „Das ist Petrus! Von ihm habe ich dir gesagt, er sei der Größte in der Weisheit Gottes, und von dir habe ich ihm wiederum ohne Unterlass erzählt. Geh also hinein, als wärst du ihm schon bestens bekannt. Denn alles Gute, das in dir steckt, hat er wahrheitsgemäß erfahren und deine fromme Absicht genau erkannt; deshalb brennt er auch darauf, dich zu sehen. Darum übergebe ich dich ihm heute mit meinen eigenen Händen als großes Geschenk.“ Und während er mich vorstellte, sagte er: „Das ist Clemens, Petrus.“
Der überaus gütige Petrus aber lief, als er meinen Namen hörte, sofort herbei und nachdem er mich hatte Platz nehmen lassen, sagte er: „Du hast genau das Richtige getan, Barnabas, den Prediger der Wahrheit, als Gast aufzunehmen, ohne die rasende Wut der Menge zu fürchten! Gesegnet wirst du sein! Denn so wie du den Botschafter der Wahrheit aller Ehre für würdig befunden hast, so wird die Wahrheit selbst dich – den Pilger und Gast – aufnehmen und als Bürger ihrer eigenen Stadt einschreiben. Dann wird deine Freude gewaltig sein, weil du jetzt eine winzige Gunst erweist, aber als Erbe ewiger Güter eingetragen wirst. Müh dich also jetzt nicht ab, mir deine Gesinnung darzulegen! Denn Barnabas hat mich in treuer Rede über alles unterrichtet, was dich und deinen Charakter angeht; fast täglich und ohne Unterlass hat er mir deine guten Taten ins Gedächtnis gerufen. Und um dir als einem bereits gleichgesinnten Freund kurz und bündig zu sagen, worum es geht: Wenn dich nichts aufhält, dann reise mit uns! Hör dir die Rede der Wahrheit an, die wir an den einzelnen Orten halten werden, bis wir in der Stadt Rom selbst ankommen. Und jetzt: Wenn du irgendeinen Wunsch hast, sprich!“
Als ich ihm dargelegt hatte, was ich von Anfang an unternommen und wie ich mich in völlig nutzlosen Streitfragen aufgerieben habe – und all das, was ich dir, mein Herr Jakobus, bereits zu Beginn berichtet habe, um mich nicht ständig zu wiederholen –, versprach ich ihm bereitwillig, die Reise mit ihm anzutreten. Denn genau das, sagte ich, ist es, worauf ich so brennend gewartet habe! Doch eines fordere ich vorher: Leg mir die Struktur der Wahrheit offen! Ich will wissen: Ist die Seele sterblich oder unsterblich? Und wenn sie unsterblich ist, wird sie dann für das, was sie hier treibt, ins Gericht geführt? Ich will wissen, was die Gerechtigkeit ist, die Gott gefällt! Und weiter: Wurde die Welt geschaffen? Warum wurde sie geschaffen? Wird sie aufgelöst oder zum Besseren erneuert? Oder wird es danach überhaupt keine Welt mehr geben? Um nicht jedes Detail einzeln aufzuzählen: Ich antwortete, dass ich genau das und alles Ähnliche lernen will. Darauf sagte Petrus: „Ich werde dir, Clemens, kurz und bündig die Erkenntnis der Dinge übergeben. Hör jetzt zu!
Der Wille Gottes und sein Ratschluss blieben den Menschen verborgen – und das aus vielen Gründen. Zuerst wegen schlechter Erziehung, wegen miserabler Gesellschaft, wegen schändlichen Gewohnheiten, wegen übler Gespräche und verkehrter Annahmen! Wegen all dem, sage ich, kam zuerst der Irrtum, dann die Verachtung, dann Unglaube und Bosheit, Habgier und hohle Prahlerei und andere ähnliche Übel. Wie ein gewaltiger Rauch hat das alles das gesamte Haus dieser Welt erfüllt. Es hat den Bewohnern da drinnen die freie Sicht geraubt, ihren Schöpfer anzuschauen oder zu durchschauen, was ihm gefällt. Was also bleibt denen übrig, die da drinnen sitzen? Nichts, außer aus tiefster Brust zu schreien und die Hilfe dessen anzurufen, den das raucherfüllte Haus als Einzigen nicht einschließt! Er soll herantreten und die Tür des Hauses aufreißen, damit der Rauch, der drinnen festsitzt, hinausziehen kann und das Licht der Sonne, das draußen strahlt, hereinflutet!
Diesen Mann also, nach dem man sucht, damit er dem Haus hilft, das voll ist vom Nebel der Unwissenheit und dem Rauch der Laster – den nennen wir den wahren Propheten! Er allein kann die Seelen der Menschen erleuchten, sodass sie den Weg des Heils mit eigenen Augen klar erkennen. Denn auf einem anderen Weg ist es unmöglich, etwas über die göttlichen und ewigen Dinge zu wissen, außer man lernt es von diesem wahren Propheten. Denn wie du selbst vorhin erwähnt hast: Die Glaubwürdigkeit von Dingen und die Meinungen über Ursachen werden mehr nach dem Geschick ihrer Verteidiger gewogen! Daher gilt ein und die gleiche Sache mal als gerecht, mal als ungerecht, und was eben noch wahr schien, wirkt durch die Behauptung eines anderen plötzlich falsch. Genau aus diesem Grund hat der Glaube der Religion und der Frömmigkeit die Anwesenheit des wahren Propheten gefordert, damit er selbst uns über jedes einzelne Ding sagt, wie sich die Wahrheit wirklich verhält, und uns lehrt, wie man über die einzelnen Dinge glauben muss. Und deshalb muss vor allem anderen die Glaubwürdigkeit des Propheten mit jeder nur denkbaren Prüfung getestet werden! Wenn du aber erkannt hast, dass er wahrhaftig ein Prophet ist, dann musst du ihm alles Übrige glauben. Du darfst ihn nicht weiter über jedes Detail, das er lehrt, hinterfragen, sondern musst das, was er sagt, als fest und heilig halten! Denn auch wenn es so aussieht, als würde man es bloß im Glauben annehmen, glaubt man es doch aufgrund der vorangegangenen Beweisführung. Denn wenn einmal von Anfang an die Wahrheit des Propheten durch Prüfung feststeht, muss der Rest schlicht im Glauben gehört und festgehalten werden, weil ja bereits feststeht, dass er der Lehrer der Wahrheit ist. Und so sicher es ist, dass alles, was die göttliche Erkenntnis betrifft, gemäß der Regel der Wahrheit festgehalten werden muss, so unzweifelhaft ist es, dass das Wahre von niemand anderem gewusst werden kann als von ihm ganz allein!
Nachdem er das gesagt hatte, legte er mir so offen und glasklar dar, wer dieser Prophet ist und wie er gefunden wird, dass ich meinte, die Beweise, die er für die prophetische Wahrheit vorbrachte, leibhaftig vor Augen zu haben und mit meinen eigenen Händen zu greifen! Ich war wie vom Donner gerührt und starr vor Staunen, wie niemand das sieht, was doch allen direkt vor der Nase liegt und wonach alle suchen. Deshalb brachte ich auf seinen Befehl hin alles, was er zu mir gesagt hatte, in eine Ordnung, verfasste ein Buch über den wahren Propheten und schickte es von Cäsarea aus zu dir – genau so, wie er es befohlen hat. Denn er sagte, er habe von dir den Auftrag erhalten, dir jedes Jahr alles schriftlich zu übermitteln, was er gesagt und getan hat. Damals, am Anfang seiner Rede, die er am ersten Tag über den wahren Propheten und unzählige andere Dinge an mich richtete, fügte er – nachdem er mich vollkommen unterwiesen hatte – noch Folgendes hinzu: „Pass auf“, sagte er, „was den Rest angeht: Sei bei meinen Streitgesprächen dabei, die ich führen werde, wenn die Notwendigkeit es fordert, mich mit Widersachern anzulegen! Wenn ich gegen sie diskutiere, habe ich keine Angst, dass du an dem zweifelst, was ich dir übergeben habe – selbst wenn es so aussehen sollte, als wäre ich unterlegen. Denn auch wenn es so wirkt, als würde ich besiegt werden, heißt das noch lange nicht, dass das, was uns der wahre Prophet übergeben hat, schwach ist! Dennoch hoffe ich, dass wir in den Disputen nicht unterlegen sind – vorausgesetzt, die Zuhörer sind vernünftig und Freunde der Wahrheit. Sie müssen fähig sein, zwischen der echten Kraft der Worte und ihrem schönen Schein zu unterscheiden. Sie müssen erkennen, welche Rede aus sophistischer Kunst stammt und die Wahrheit nicht enthält, sondern nur ein Abbild der Wahrheit vorgaukelt – und welche Rede schlicht und ohne Schminke vorgetragen wird und ihre ganze Wucht nicht im schönen Schein und Zierrat hat, sondern in der Wahrheit und Vernunft besitzt.“
Daraufhin sagte ich: „Ich danke dem allmächtigen Gott! Denn jetzt bin ich genau so unterwiesen, wie ich es mir gewünscht habe. Du kannst dir meinetwegen absolut sicher sein: Es ist völlig ausgeschlossen, dass ich an den Dingen zweifle, die ich von dir gelernt habe. Selbst wenn du persönlich irgendwann versuchen würdest, mich von meinem Glauben an den wahren Propheten wegzureißen – du hättest absolut keine Chance! So tief und mit vollem Geist habe ich das in mich aufgesogen, was du mir übergeben hast. Und denk bloß nicht, ich würde hier den Mund zu voll nehmen, wenn ich behaupte, dass ich mich von diesem Glauben nicht mehr abbringen lasse. Für mich steht fest: Jeder Mensch, der diese Vernunftgründe über den wahren Propheten annimmt, kann an der Wahrheit unmöglich noch zweifeln. Deshalb setze ich mein ganzes Vertrauen auf diese göttliche Lehre, die direkt vom Himmel festgelegt wurde. In ihr wird jede bösartige List besiegt. Denn gegen die Prophetie kann keine Kunst bestehen, auch nicht die Gerissenheit von sophistischen Wortklaubereien und logischen Spitzfindigkeiten. Wer vom wahren Propheten hört, den muss sofort das Verlangen nach der Wahrheit selbst packen! Er wird sich nicht länger diversen Irrtümern ausliefern, nur unter dem Vorwand, er müsse die Wahrheit erst noch suchen. Deswegen, mein Herr Petrus, hör auf, dir Sorgen zu machen! Tu nicht so, als hättest du es mit einem zu tun, der nicht weiß, was er empfangen hat, oder der nicht kapiert, welch gewaltiges Geschenk ihm anvertraut wurde. Sei dir gewiss: Du hast deine Gnade einem gegeben, der Bescheid weiß und versteht. Ich lasse mich nicht leicht täuschen, denn was ich so lange ersehnt habe, scheine ich jetzt blitzschnell erlangt zu haben. Es kann nämlich passieren, dass der eine, der sucht, schnell ans Ziel kommt, während der andere selbst nach langer Zeit nicht das erreicht, was er begehrt.“
Als Petrus das von mir gehört hatte, sagte er: „Ich danke meinem Gott, sowohl für deine Rettung als auch für meine eigene Ruhe! Denn es bereitet mir gewaltige Freude zu sehen, dass du begriffen hast, wie groß die prophetische Kraft ist, und dass du – wie du selbst sagst – dich nicht in einen anderen Glauben umkehren lassen kannst, selbst wenn ich es wollen würde, was fernliege! Von nun an fang an, einer von uns zu sein, und sei morgen bei unseren Streitgesprächen dabei; denn mir steht ein Kampf mit Simon Magus bevor.“ Als er das gesagt hatte, zog er sich zurück, um mit den Seinen Nahrung zu sich zu nehmen; mich aber wies er an, getrennt zu essen. Nach dem Essen aber, als er Gott Lob und Dank dargebracht hatte, gab er mir Rechenschaft über genau diese Handlungsweise und fügte hinzu: „Der Herr gebe dir, uns in allem gleichgestellt zu werden, damit du nach empfangener Taufe mit uns am selben Tisch zusammenkommen kannst.“ Nach diesen Worten befahl er mir zu ruhen, denn sowohl die Natur des Körpers als auch die Zeit luden bereits zum Schlaf ein.
Am nächsten Morgen kam Zachäus in aller Frühe zu uns herein, grüßte und sagte zu Petrus: „Simon verschiebt den Tag des Kampfes auf den Elften dieses Monats, also in sieben Tagen. Er behauptet nämlich, dann mehr freie Zeit für die Auseinandersetzung zu haben. Aber mir scheint seine Vertagung auch für uns notwendig zu sein, damit mehr Leute zusammenkommen, die als Zuhörer oder Richter unseres Streitgesprächs fungieren. Dennoch, wenn es dir sinnvoll erscheint: Lass uns während dieser Wartezeit die Dinge, die unserer Meinung nach streitig werden könnten, erst einmal unter uns ausdiskutieren, damit jeder von uns – sobald er erkannt hat, was vorzubringen und was zu entgegnen ist – bei sich selbst durchgeht, ob diese Argumente stichhaltig sind, oder ob der Gegner irgendetwas finden könnte, das er dagegen einwendet oder womit er unsere Einwände zerschlägt. Wenn aber von allen Seiten klar geworden ist, dass unsere Aussagen fest abgesichert sind, dann erst soll man voller Selbstbewusstsein den Anfang der Untersuchung wagen! Und meine Meinung ist jedenfalls diese: Vor allem muss gefragt werden, was das Allererste ist oder was unmittelbar ist, wovon gelehrt werden muss, dass es auch die Ursache von allem ist, was existiert; dann, ob alles, was existiert, gemacht wurde – und von wem, durch wen oder weswegen; ob sie ihre Substanz von einem, von zweien oder von vielen empfangen haben; und ob sie aus nichts Bestehendem oder aus etwas Vorhandenem genommen und geordnet wurden; ferner, ob es irgendeine Kraft in den höchsten Höhen oder in der Tiefe gibt; ob es etwas gibt, das besser ist als alles, oder unter allem steht; ob es Bewegungen gibt oder keine; ob das, was wir sehen, immer war und immer sein wird; ob es entstanden ist, ohne dass jemand wirkte, und zerfallen wird, ohne dass jemand es auflöst. Wenn, sage ich, das Streitgespräch damit seinen Anfang nimmt, denke ich, dass die Fragen, die wir sorgfältig prüfen und diskutieren, leicht klar werden. Sobald das aber geklärt ist, wird die Erkenntnis der Dinge, die daraus folgen, offen zutage liegen. Ich habe vorgetragen, was ich denke; zögere nicht, auch mir zu zeigen, was dir richtig scheint.“
Darauf erwiderte Petrus: „Sag Simon vorerst, er soll tun, was er will! Er soll wissen: Dank der göttlichen Vorsehung wird er uns immer bereit finden.“ Zachäus ging hinaus, um Simon zu melden, was er gehört hatte. Petrus aber blickte uns an, und da er sah, dass ich wegen der Verschiebung des Kampfes niedergeschlagen war, sagte er: „Wer glaubt, dass die Welt durch die Vorsehung des höchsten Gottes verwaltet wird, darf nicht – o Freund Clemens! – jedes Detail, das irgendwie geschieht, mit Unmut aufnehmen. Er muss vielmehr die Gewissheit haben, dass die Gerechtigkeit Gottes auch das, was überflüssig oder gegensätzlich scheint, in jeder Angelegenheit zu einem passenden und guten Ausgang führt – besonders aber bei denen, die ihn ganz vertraut verehren. Und deshalb: Wer sich dessen sicher ist, wie ich sagte, der versteht es, den Kummer aus seiner Seele zu werfen, selbst wenn etwas gegen seinen eigenen Plan läuft; denn er hält an der besseren Einsicht fest, dass durch die Fügung des guten Gottes selbst das vermeintlich Widrige zum Besseren gewendet wird. Deswegen, Clemens, lass dich jetzt nicht von dieser Verzögerung durch Simon den Magier betrüben! Ich glaube nämlich, dass dies durch Gottes Vorsehung zu deinem Nutzen geschehen ist, damit ich dir in dieser siebentägigen Vertagung die Rechenschaft unseres Glaubens ohne jeden Lärm, der Reihe nach und konsequent darlegen kann – gemäß der Tradition des wahren Propheten. Er allein weiß, was geschehen ist, wie es geschehen ist; was geschieht, wie es geschieht; und was sein wird, wie es sein wird. Diese Dinge sind zwar offen ausgesprochen, aber keineswegs offen aufgeschrieben worden, und zwar so sehr, dass man sie beim Lesen ohne einen Ausleger nicht verstehen kann – wegen der Sünde, die mit den Menschen herangewachsen ist, wie wir oben schon sagten. Darum werde ich dir alles erklären, damit du in den Schriften glasklar erkennst, was die Meinung des Gesetzgebers ist.“
Als er das gesagt hatte, fing er an, mir jeden einzelnen Punkt der Gesetzeskapitel, die strittig schienen, darzulegen – vom Anfang der Schöpfung bis zu dem Zeitpunkt, als ich in Cäsarea zu ihm gelangte. Dass er mir dies sagte, war der Verzögerung Simons geschuldet, sodass ich alles der Reihe nach erkennen konnte. „Ein andermal“, sagte er, „je nachdem, welche Gelegenheit das Gespräch bietet, werden wir jedes einzelne Thema, das wir jetzt eher knapp behandelt haben, ausführlicher erörtern, damit du gemäß meinem Versprechen alles vollständiger und perfekter erkennst. Weil uns also der heutige Tag noch bleibt, will ich dir aus dem Stoff, der vertagt wurde, das bereits Gesagte kurz wiederholen, damit es dir wieder ins Gedächtnis gerufen wird.“ Und so begann er, das, was er gesagt hatte, in meinem Geist auf folgende Weise aufzufrischen: „Erinnerst du dich, Freund Clemens, an meine Darlegung über das ewige Zeitalter, das kein Ende kennt?“ Da sagte ich: „Nichts, o Petrus, werde ich jemals behalten, wenn ich fähig sein sollte, das hier zu übergehen oder zu vergessen!“
Petrus nahm meine Antwort voller Freude auf und sagte: „Ich beglückwünsche dich zu dieser Antwort! Nicht, weil du leichtfertig darüber redest, sondern weil du bewiesen hast, dass du dich erinnerst. Denn die höchsten Dinge verlangen danach, durch Schweigen geehrt zu werden. Doch um zu beweisen, dass du die unaussprechlichen Dinge wirklich im Gedächtnis hast, sag mir, was du von dem behalten hast, was wir an zweiter Stelle besprochen haben – das sind Dinge, die man leicht aussprechen kann. Wenn ich sehe, wie zäh dein Gedächtnis ist, werde ich dir umso bereitwilliger und schneller das offenbaren, was ich will.“ Als ich bemerkte, dass er sich über das Gedächtnis seiner Zuhörer freute, sagte ich: „Ich erinnere mich nicht nur an deine Definition, sondern auch an die Vordefinition, die du vorangestellt hast! Ich bewahre den vollständigen Sinn von fast allem, was du dargelegt hast, auch wenn mir vielleicht nicht jedes einzelne Wort einfällt. Denn das, was du gesagt hast, ist meiner Seele wie eine zweite Natur und völlig zu eigen geworden! Du hast mir, der ich vor Durst verging, den allersüßesten Kelch gereicht. Und damit du nicht glaubst, ich würde dich nur mit Worten aufhalten, weil ich den Inhalt vergessen habe, werde ich jetzt sofort das Gesagte ins Gedächtnis zurückrufen. Dabei hilft mir die Ordnung deiner Beweisführung gewaltig. Weil das, was du sagst, logisch aufeinanderfolgt und ausgewogen geordnet ist, lässt es sich entlang dieser Linien leicht wieder abrufen. Die Ordnung der Worte ist nämlich eine mächtige Stütze für die Erinnerung! Wenn man anfängt, die Einzelheiten in ihrer logischen Folge zu rekonstruieren und etwas fehlt, sucht der Verstand sofort danach; hat er es gefunden, bewahrt er es – und wenn er es nicht aufspüren kann, wird er sich nicht schämen, den Meister zu fragen. Aber damit ich keine Verzögerung verursache bei dem, was du von mir forderst: Ich werde kurz zusammenfassen, was du über die Definition der Wahrheit überliefert hast.
Es war immer, es ist und es wird jenes Eine sein, aus dem der erste Wille, in Ewigkeit gezeugt, besteht. Und aus diesem ersten Willen folgt wiederum ein weiterer Wille. Danach kommt die Welt, aus der Welt die Zeit, hieraus die Menge der Menschen, aus der Menge die Erwählung der Freunde, und aus deren Einmütigkeit wird das friedliche Reich Gottes erbaut. Was aber das Übrige betrifft, das hierauf folgen muss, so hattest du mir versprochen, es ein andermal zu sagen. Danach, als du die Schöpfung der Welt dargelegt hattest, hast du uns die Bestimmung Gottes klar vor Augen geführt! Jene Bestimmung, die er vor den Augen aller ersten Engel aus seinem eigenen Willen heraus verhieß und die er für alle als ewiges Gesetz festlegte. Du hast gezeigt, dass er zwei Reiche gesetzt hat – ich spreche von der gegenwärtigen Zeit und der zukünftigen. Für beide hat er Zeiten festgesetzt und bestimmt, dass der Tag des Gerichts erwartet werden muss, den er selbst festgelegt hat. An jenem Tag wird eine Scheidung der Dinge und der Seelen stattfinden! Die Gottlosen werden für ihre Sünden dem ewigen Feuer ausgeliefert. Diejenigen aber, die nach dem Willen des Schöpfergottes gelebt haben, empfangen für ihre guten Werke den Segen. In strahlendstem Licht leuchtend, werden sie zum ewigen Wohnsitz geführt, bleiben dort in Unvergänglichkeit und empfangen die ewigen Gaben unaussprechlicher Güter.“
Als ich dies ausführte, war Petrus von Freude durchströmt und jubelte wie über einen eigenen Sohn – vielleicht auch aus Sorge, ich könnte im Gedächtnis an den Rest straucheln und mich vor den Anwesenden blamieren. „Es reicht“, sagte er, „o Clemens, denn du hast diese Dinge deutlicher herausgebracht, als sie von mir selbst dargelegt worden waren!“ Und ich sage: Eine umfassende Bildung hat uns die Ordnung des Erzählens verliehen und die Fähigkeit, das, was die Sache verlangt, klarer vorzubringen. Nutzen wir diese Kunst für die Irrtümer der Antike, stürzen wir durch den bloßen Glanz und die Süße der Worte ins Verderben des Lebens! Stellen wir aber die Bildung und Anmut der Rede in den Dienst der Wahrheit, um sie zu verteidigen, dann entsteht daraus – so meine ich – ein gewaltiger Nutzen. Doch, mein Herr Petrus, du kannst dir kaum vorstellen, mit welch jubelnder Dankbarkeit ich erhoben wurde, sowohl im Allgemeinen als auch ganz besonders durch jenen Kernsatz deiner Lehre, in dem du sagst: 'Es ist ein Gott, dessen Werk die Welt ist, und da er in jeder Hinsicht gerecht ist, wird er einem jeden nach seinen Taten vergelten.'1 Und danach hast du hinzugefügt und gesagt: 'Zur Verteidigung dieses Dogmas werden unzählige Tausende von Worten aufgefahren werden; doch bei denen, denen die Erkenntnis des wahren Propheten gewährt ist, wird dieser ganze Wortwald abgeholzt.' Und weil du mir deshalb die Lehre vom wahren Propheten übergeben hast, hast du mich mit der ganzen Festigkeit deiner Beweisführung gestärkt.“ Als ich schließlich begriffen hatte, dass genau hierin die Summe der gesamten Religion und Frömmigkeit besteht, antwortete ich auf der Stelle: „Du bist hervorragend fortgefahren, Petrus! Lege mir deshalb von nun an ohne Zögern die Traditionen des wahren Propheten dar, als einem, der bereits weiß, was die Fundamente des Glaubens und der Frömmigkeit sind – ihm allein muss man glauben, das ist eindeutig bewiesen. Jene Erklärungsweise aber, die Beweise und Argumente braucht, die heb dir für die Ungläubigen auf, denen du noch nicht zutraust, ihnen den zweifelsfreien Glauben der prophetischen Gnade anzuvertrauen.“ Und als ich dies gesagt hatte, fuhr ich fort: „Du hast beides versprochen: mir diese einfache und von jedem Irrtum freie Darlegung zu geben, und jene andere zu ihrer Zeit zu liefern, die sich durch jede einzelne Streitfrage hindurch erklärt, die aufgeworfen wird. Und danach hast du der Reihe nach den Zusammenhang der Dinge vom Anfang der Welt bis zur gegenwärtigen Zeit dargelegt; und wenn es dir recht ist, kann ich das alles aus dem Gedächtnis wiederholen.“
Daraufhin entgegnete Petrus: „Großartig! Es ist mir eine Freude, Clemens, dass ich meine Worte einem so sicheren Herzen anvertrauen kann! Denn sich an das Gesagte zu erinnern, ist der Beweis dafür, dass der Glaube der Taten bereitsteht. Wem aber der böse Dämon die Worte des Heils stiehlt und aus dem Gedächtnis reißt, der kann nicht gerettet werden, selbst wenn er es will! Denn er verliert den Weg, auf dem man zum Leben gelangt. Genau deshalb wollen wir das Gesagte umso mehr wiederholen und in deinem Herzen verankern: wie oder von wem die Welt geschaffen wurde, damit wir auf die Freundschaft des Schöpfers hinarbeiten. Diese Freundschaft entsteht jedoch durch ein gutes Leben und Gehorsam gegenüber seinem Willen – und dieser Wille ist das Gesetz aller Lebenden. Um dein Gedächtnis zu festigen, fassen wir genau das noch einmal kurz für dich zusammen.
Als Gott zu Beginn Himmel und Erde schuf – sozusagen als ein einziges Haus –, da erzeugte genau jener Schatten, der von den Körpern der Welt geworfen wurde, Finsternis für alles, was im Inneren eingeschlossen war. Doch als der Wille Gottes das Licht einführte, wurde jene Finsternis, die aus dem Schatten der Körper entstanden war, augenblicklich verschlungen! Daraufhin wurde das Licht dem Tag zugeordnet, die Finsternis der Nacht. Das Wasser aber, das sich innerhalb der Welt befand, mitten im Raum zwischen jenem ersten Himmel und der Erde, erstarrte wie zu Eis, wurde fest wie Kristall und spannte sich aus. Durch ein solches Firmament wurden die mittleren Räume zwischen Himmel und Erde regelrecht abgeriegelt; und dieses Firmament nannte der Schöpfer ‚Himmel‘, benannt nach jenem älteren Begriff. Und so teilte er das gewaltige Gefüge der ganzen Welt, obwohl es ein einziges Haus war, in zwei Regionen auf. Der Grund für diese Trennung war folgender: Die obere Region sollte den Engeln als Wohnstatt dienen, die untere aber den Menschen zur Verfügung stehen. Danach nahm das, was im unteren Bereich an Wasser übrig blieb, auf Befehl des ewigen Willens den Platz des Meeres ein und wurde zum Chaos; und als diese Wassermassen in die Senken und Höhlungen abflossen, kam tatsächlich das trockene Land zum Vorschein. Die Ansammlungen der Wasser wurden zu Meeren. Und hiernach brachte die Erde, die nun sichtbar geworden war, verschiedenste Arten von Pflanzen und Sträuchern hervor; auch Quellen und Flüsse ließ sie entspringen, nicht nur in den Ebenen, sondern auch auf den Bergen! So wurde alles vorbereitet, damit die Menschen, die darin wohnen sollten, die Macht hätten, all dies nach eigenem Ermessen zu nutzen – das heißt, ob sie es nun zum Guten wollen oder eben zum Bösen.
Danach schmückt er diesen sichtbaren Himmel mit Sternen! Auch Sonne und Mond setzt er hinein, damit der Tag das Licht des einen nutzt und die Nacht das des anderen, und damit sie zugleich als Hinweis auf vergangene, gegenwärtige und zukünftige Dinge dienen. Denn sie sind als Zeichen für Zeiten und Tage gemacht worden, die zwar von allen gesehen, aber nur von den Gebildeten und Einsichtigen verstanden werden. Und nachdem er daraufhin befohlen hatte, dass aus Erde und Wasser Lebewesen hervorgebracht werden, schuf er das Paradies, das er auch Ort der Genüsse nannte. Nach all dem aber machte er den Menschen, für den er alles vorbereitet hatte. Dessen innere Gestalt ist älter. Und um dessentwillen ist alles, was existiert, geschaffen und seinem Dienst überlassen worden, gegeben zum Nutzen seiner Wohnung.
Als also alles vollendet war, was im Himmel, auf der Erde und in den Wassern ist, und sich auch das Menschengeschlecht vermehrt hatte, da ließen sich in der achten Generation gerechte Männer, die das Leben von Engeln geführt hatten, von der Schönheit der Frauen verführen und glitten ab in wahllosen und verbotenen Geschlechtsverkehr! Von da an handelten sie völlig wahllos und gegen jede Ordnung, sodass sie den Zustand der menschlichen Angelegenheiten und die göttlich übergebene Lebensordnung total verkehrten – ja, sie zwangen alle Menschen, sei es durch Überredung oder Gewalt, gegen ihren Schöpfergott zu sündigen! Daraufhin wurden in der neunten Generation die Giganten geboren, jene, die man aus der Vorzeit kennt – keine ‚Drachenfüßer‘, wie die Fabeln der Griechen behaupten, sondern Wesen, die mit gewaltigen Körpern hervorgebracht wurden und deren Knochen von unermesslicher Größe mancherorts bis heute als Beweis gezeigt werden. Doch gegen sie brachte die gerechte Vorsehung Gottes die Sintflut über die Welt, damit der Erdkreis von ihrer Seuche reingewaschen und jeder Ort durch die Vernichtung der Gottlosen in ein Meer verwandelt werden würde! Nur ein einziger Gerechter wurde damals gefunden, namens Noah. Er wurde in der Arche mit seinen drei Söhnen und deren Frauen gerettet, und nachdem die Wassermassen abgelaufen waren, wurde er zusammen mit den Tieren, die er bei sich eingeschlossen hatte, und den Samen zum neuen Bewohner der Welt gemacht.
In der zwölften Generation, nachdem Gott die Menschen gesegnet hatte und sie begannen, sich zu vermehren, empfingen sie ein Gebot: Sie durften kein Blut kosten! Denn genau deswegen war ja auch die Sintflut geschehen. In der dreizehnten Generation beging einer der drei Söhne Noahs – der mittlere – ein Unrecht an seinem Vater. Und damit brachte er durch einen Fluch den Zustand der Sklaverei über seine Nachkommen. Währenddessen erhielt sein älterer Bruder das Wohnlos in der Mitte der Erde, wo die Region Judäa liegt. Der jüngere bekam den Osten zugelost, er selbst aber nahm den Westen. In der vierzehnten Generation aber errichtete einer aus dieser verfluchten Sippe aufgrund seiner magischen Kunst als Erster einen Altar für Dämonen und brachte ihnen die Ehre des Blutes als Opfer dar. In der fünfzehnten Generation stellten die Menschen zum allerersten Mal einen Götzen auf und warfen sich vor ihm nieder! Bis zu dieser Zeit hatte die hebräische Sprache, die dem Menschengeschlecht von Gott gegeben war, die Alleinherrschaft. In der sechzehnten Generation brachen die Menschensöhne vom Osten auf. Als sie in die Länder ihrer Väter kamen, kennzeichnete jeder den Ort seines Loses mit seinem eigenen Namen. In der siebzehnten Generation herrschte Nimrod als Erster in Babylonien und erbaute eine Stadt. Von dort zog er weiter zu den Persern und lehrte sie, das Feuer zu verehren.
In der achtzehnten Generation wurden Städte ummauert, Heere aufgestellt und Waffen geschmiedet! Richter und Gesetze wurden festgesetzt, Tempel erbaut, und man warf sich vor den Fürsten der Völker nieder, als wären sie Götter. In der neunzehnten Generation überschritten die Nachkommen jenes Mannes, der nach der Sintflut verflucht worden war, ihre eigenen Grenzen – jene, die sie im Westen durch das Los erhalten hatten. Sie vertrieben diejenigen, denen der mittlere Ort der Erde zugelost war, in die Länder des Ostens und jagten sie bis nach Persien und sie selbst nahmen durch dieses Unrecht den Platz der Vertriebenen ein. In der zwanzigsten Generation starb wegen des Verbrechens der Blutschande zum ersten Mal ein Sohn vor seinem Vater.
In der einundzwanzigsten Generation trat ein weiser Mann auf aus dem Geschlecht derer, die vertrieben worden waren, vom Samen des Erstgeborenen der Söhne Noahs: Abraham! Von ihm leitet sich unser Geschlecht der Hebräer ab. Als die ganze Welt erneut von verschiedenen Irrtümern unterdrückt wurde und wegen der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen eine Vernichtung vorbereitet wurde, die reif für sie war – diesmal nicht mehr durch Wasser, sondern durch Feuer! – und als das Unheil, das in Sodom seinen Anfang nahm, bereits dem ganzen Erdkreis drohte: Da riss er die gesamte Welt aus der Gefahr, damit sie nicht ebenso zugrunde ging! Er tat dies aufgrund der Freundschaft, durch die er vertraut war mit Gott, dem er wohlgefallen hatte. Während anfangs alle anderen in die Irre gingen, konnte er den Schöpfer erkennen, da er von Beruf Astrologe war – allein aus der Vernunft und der Ordnung der Sterne! Er begriff, dass alles durch Gottes Vorsehung gelenkt wird. Daher trat ihm ein Engel in einer Vision zur Seite und belehrte ihn noch umfassender über das, was er bereits zu ahnen begonnen hatte. Er zeigte ihm auch, was seinem Geschlecht und seinen Nachkommen geschuldet war, und versprach, dass ihnen diese Orte nicht bloß gegeben, sondern zurückgegeben werden sollten.
Als Abraham also unbedingt die Ursachen der Dinge erkennen wollte und dies mit höchster Konzentration in seinem Inneren wälzte, da erschien ihm der wahre Prophet! Er, der als Einziger die Herzen und Absichten der Menschen kennt, eröffnete ihm alles, wonach er verlangte: Er lehrte ihn die Erkenntnis der Gottheit, zeigte ihm gleichermaßen Ursprung und Ende der Welt, die Unsterblichkeit der Seele und die Lebensregeln, mit denen man Gott gefällt. Auch dass die Toten auferstehen werden, das künftige Gericht, die Belohnung der Guten und die Strafen der Bösen – all das verkündete er ihm, indem er alles durch ein gerechtes Urteil lenkte! Und nachdem er ihn ordnungsgemäß und umfassend belehrt hatte, zog er sich wieder in die unsichtbaren Wohnstätten zurück. Doch als Abraham sich noch in Unwissenheit befand – wie wir dir ja schon zuvor gesagt haben –, wurden ihm zwei Söhne geboren: Der eine hieß Ismael, der andere Eliesdros. Vom einen stammen die barbarischen Völker ab, vom anderen das Volk der Perser. Einige von ihnen eiferten dem Leben der Brahmanen und den benachbarten Bräuchen nach, andere ließen sich in Arabien nieder, und von deren Nachkommen wurden einige sogar nach Ägypten verstreut. Daher haben schließlich auch einige Inder und Ägypter gelernt, sich beschneiden zu lassen und von reinerer Einhaltung zu sein als die Übrigen – auch wenn die allermeisten von ihnen im Laufe der Zeit den Beweis und das Zeichen der Keuschheit in Gottlosigkeit verkehrten!
Doch da er diese beiden Söhne zu einer Zeit empfangen hatte, als er noch in Unwissenheit über die Dinge lebte, bat er Gott – nachdem er die Erkenntnis erlangt hatte und weil er gerecht war –, dass es ihm vergönnt sei, von Sara, seiner rechtmäßigen Frau, Nachkommen zu haben, obwohl sie unfruchtbar war! Und er empfing einen Sohn, den er Isaak nannte. Von Isaak wurde Jakob geboren, von Jakob aber die zwölf Patriarchen und von diesen zwölf die zweiundsiebzig. Als eine Hungersnot ausbrach, kamen diese mit ihrem ganzen Haus nach Ägypten; und nachdem sie sich innerhalb von vierhundert Jahren durch den Segen und die Verheißung Gottes vermehrt hatten, wurden sie von den Ägyptern drangsaliert. Als sie so gequält wurden, erschien dem Mose der wahre Prophet und die Ägypter, die sich dagegen wehrten, dass das Volk der Hebräer von ihnen wegzöge und in das Vaterland zurückkehrte, schlug er mit zehn himmlischen Plagen; das Volk Gottes aber führte er aus Ägypten heraus. Doch die Überlebenden der Ägypter verschworen sich in der Wut ihres Königs und jagten den Hebräern nach. Als sie diese am Ufer des Meeres eingeholt hatten und planten, alle niederzumetzeln und auszulöschen, teilte Mose das Meer durch ein Gebet, das er zu Gott ergoss, in zwei Teile. Das Wasser wurde rechts und links gehalten, als wäre es zu Eis erstarrt, sodass das Volk Gottes hindurchzog wie auf einem trockenen Weg, die Ägypter aber, die sie verfolgten und blindlings hineinstürmten, getötet wurden. Denn in dem Moment, als der Letzte aus dem Volk der Hebräer hinaufstieg, stieg auch der Letzte der Ägypter ins Meer hinab; und sofort lösten sich die Wasser des Meeres, die wie Eis zusammengehalten worden waren, auf den Befehl dessen hin, der sie gefesselt hatte. Sie gewannen die Freiheit ihrer Natur zurück und vollstreckten die Strafe am Volk der Gottlosen!
Danach führte Mose das Volk der Hebräer auf Befehl des Gottes, der alles im Voraus sieht, in die Wüste. Er ließ den kürzesten Weg, der von Ägypten nach Judäa führt, links liegen und führte die Masse auf langen Umwegen durch die Einöde. Er wollte durch vierzig Jahre der Übung das Böse auslöschen, das sich durch die ägyptischen Sitten über lange Zeit in sie eingefressen hatte. In der Zwischenzeit kamen sie zum Berg Sinai. Dort wurde ihnen unter Himmelsstimmen und himmlischen Erscheinungen das Gesetz übergeben, niedergeschrieben in zehn Geboten. Das erste und wichtigste davon war, dass sie ihn allein als Gott anbeten und sich keine andere Gestalt oder Form aufstellen sollten, um diese zu verehren. Aber als Mose auf den Berg gestiegen war und dort vierzig Tage blieb, da tat das Volk etwas Unfassbares. Dabei hatten sie gesehen, wie Ägypten von zehn Plagen geschlagen wurde! Sie hatten gesehen, wie das Meer zerriss und sie trockenen Fußes hindurchgingen! Sie hatten Manna als Brot vom Himmel bekommen und Wasser aus dem Felsen, der ihnen folgte – eine Speise, die sich durch die Kraft Gottes in genau den Geschmack verwandelte, den jeder begehrte. Sie waren unter der sengenden Hitze des Himmels am Tag durch eine Wolke beschattet worden, damit sie nicht verbrannten, und nachts durch eine Feuersäule erleuchtet, damit zur Weite der Wüste nicht auch noch der Horror der Finsternis kam. Als Mose also sozusagen auf sich warten ließ, da machten sie sich einen goldenen Kalbskopf – genau wie die Gestalt des Apis, den sie in Ägypten hatten verehren sehen – und warfen sich davor nieder. Nach all diesen gewaltigen Wundern, die sie gesehen hatten, waren sie unfähig, den Dreck ihrer alten Gewohnheiten von sich abzufeilen und abzuwischen. Und genau deswegen ließ Mose den kurzen Weg, der von Ägypten nach Judäa führt, liegen und trieb sie in einem riesigen Bogen durch die Wüste. Er wollte versuchen, wie wir oben erwähnt haben, ob er das Übel der alten Gewohnheit durch den Wechsel zu einer neuen Lebensordnung abschütteln könnte.
Mose, der treue und kluge Verwalter, durchschaute alles. Er sah, dass sich das Laster, Götzen zu opfern, durch den Umgang mit den Ägyptern tief in das Volk hineingefressen hatte und dass man die Wurzel dieses Übels nicht einfach aus ihnen herausschneiden konnte. Also gestand er ihnen zwar zu, Opfer zu bringen, aber er erlaubte dies einzig und allein für Gott! So wollte er gewissermaßen die eine Hälfte dieses tief verwurzelten Lasters wegschneiden; die andere Hälfte aber hob er auf, damit sie durch einen anderen und zu einer anderen Zeit bereinigt würde. Nämlich durch jenen, über den er selbst sagte: 'Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, erwecken; auf den sollt ihr hören in allem, was er euch sagen wird. Denn wer nicht auf jenen Propheten hört, dessen Seele wird aus seinem Volk ausgerottet werden.'2
Obendrein legte er einen festen Ort fest, an dem es ihnen als einzigem erlaubt war, Gott zu opfern. Das alles geschah jedoch mit einem klaren Weitblick: Wenn der passende Zeitpunkt gekommen wäre und sie durch den Propheten gelernt hätten, dass 'Gott Barmherzigkeit will und nicht Opfer'3 , dann sollten sie einsehen, dass derjenige, der sie belehrte, selbst der auserwählte Ort Gottes ist – nämlich seine Weisheit! An diesem Ort allein ist es angemessen, Gott Opfer darzubringen. Von diesem irdischen Ort hier aber, der nur auf Zeit auserwählt schien und der oft durch feindliche Überfälle und Zerstörungen geplagt wurde, sollten sie schließlich hören, dass er restlos vernichtet werden muss. Zum Beweis dafür wurde dieser Ort schon vor der Ankunft des wahren Propheten – der ja vorhatte, die blutigen Opfer samt dem Tempelort zu verwerfen – oft von Feinden verwüstet und in Brand gesteckt. Und das Volk wurde in die Gefangenschaft unter fremde Völker verschleppt und erst dann zurückgerufen, als es zur Barmherzigkeit Gottes floh. Dadurch sollte man eines lernen: Wer Schlachtopfer darbringt, wird vertrieben und den Feinden ausgeliefert; wer aber Barmherzigkeit und Gerechtigkeit übt, wird ganz ohne Opfer aus der Gefangenschaft befreit und in die Heimat zurückgebracht. Aber das haben nur herzlich wenige kapiert. Denn die meisten hingen, auch wenn sie es eigentlich hätten spüren und bemerken können, an der unvernünftigen Meinung der dummen Masse fest. Denn eine richtige Überzeugung in Freiheit ist die Sache von wenigen.
Nachdem Mose diese Dinge geordnet hatte, setzte er einen gewissen Jesus an die Spitze des Volkes, damit dieser sie in das Land der Väter zurückführt. Er selbst stieg auf Befehl des lebendigen Gottes auf einen Berg und starb dort. Sein Tod war jedoch so beschaffen, dass bis zum heutigen Tag kein Mensch sein Grab gefunden hat! Als nun das Volk den heimatlichen Boden betrat, wurden durch die Vorsehung Gottes gleich beim allerersten Einmarsch die Bewohner der ungerechten Völker verjagt, und sie übernahmen das Erbe der Väter durch Losentscheid. Danach wurden sie eine ganze Zeit lang von Richtern regiert, nicht von Königen, und hielten sich in einem friedlicheren Zustand. Als sie sich aber mehr Tyrannen suchten als wahre Könige, da bauten sie aus reinem königlichen Geltungsdrang einen Tempel – und zwar genau an dem Ort, der ihnen eigentlich nur für das Gebet bestimmt war! Und so folgte der Reihe nach ein gottloser König auf den anderen, und das Volk sank in noch gewaltigere Gottlosigkeit ab.
Als aber die Zeit anbrach, in der erfüllt werden sollte, was – wie wir sagten – den Einrichtungen des Mose noch fehlte, und als der Prophet erschien, den er angekündigt hatte, da warnte dieser sie zuerst durch die Barmherzigkeit Gottes, endlich mit den Schlachtopfern aufzuhören. Und damit sie bloß nicht dachten, dass es ohne Schlachtopfer keine Vergebung der Sünden für sie gäbe, setzte er für sie die Wassertaufe ein. In ihr sollten sie von allen Sünden losgesprochen werden, sobald sein Name angerufen wurde. Fortan sollten sie einem vollkommenen Leben folgen und in Unsterblichkeit bestehen – gereinigt nicht durch das Blut von Vieh, sondern durch die Reinigung der Weisheit Gottes! Schließlich wird auch dies als offenkundiger Beweis für dieses gewaltige Geheimnis angeführt: Jeder, der diesem Propheten glaubt – dem, der von Mose vorhergesagt wurde – und auf seinen Namen getauft wird, der bleibt unversehrt vor der Vernichtung durch den Krieg, der über das ungläubige Volk und diesen Ort hereinbricht. Die Nichtglaubenden aber werden aus dem Ort und dem Reich verbannt, damit sie, selbst gegen ihren Willen, die Absicht Gottes begreifen und ihr gehorchen.
Nachdem also alles so im Voraus geordnet war, ist er da – der Erwartete! Er brachte Zeichen und Wunder mit sich, Beweise, durch die er ganz klar erkennbar wurde. Aber nicht einmal dann glaubte das Volk, das doch über so viele Jahrhunderte genau dafür erzogen worden war, dies zu glauben. Und sie glaubten nicht nur nicht, nein, sie setzten auf ihren Unglauben noch Blasphemie obendrauf! Sie nannten ihn, der zu ihrer Rettung gekommen war, einen Fresser, einen Sklaven seines Bauches und behaupteten, er werde von einem Dämon getrieben. So gewaltig ist die Niedertracht, wenn Böse am Werk sind: Wenn die Weisheit Gottes denen, die die Wahrheit lieben, nicht beigestanden hätte, dann hätte der gottlose Irrtum fast alle zugleich verschlungen. Uns also wählte er zuerst aus – zwölf, die an ihn glaubten – und nannte uns Apostel; danach noch zweiundsiebzig andere, bestens bewährte Jünger. Die Masse sollte wenigstens auf diese Weise das Abbild des Mose wiedererkennen und endlich glauben, dass er es ist: der Prophet, dessen Kommen Mose vorhergesagt hat.
Aber vielleicht wendet jetzt jemand ein, dass es ja jedem möglich ist, eine Zahl nachzuahmen; was aber wird er zu den Zeichen und Wunderkräften sagen, die dieser tat? Denn tatsächlich hat schon Mose in Ägypten Wunderkräfte und Heilungen vollbracht. Auch jener, den er selbst als Propheten ankündigte, der so wie er aufstehen werde, wurde von den Gottlosen ans Kreuz getrieben – während er „jede Krankheit und jedes Gebrechen“4 im Volk heilte, unzählige Wunderkräfte wirkte und das ewige Leben verkündete. Doch diese Tat wurde durch seine Kraft zum Guten gewendet. Schließlich litt, als er litt, die ganze Welt mit ihm. Denn sogar die Sonne verfinsterte sich, die Berge zerrissen und die Gräber sprangen auf; der Vorhang des Tempels zerriss, als würde er die Vernichtung beklagen, die dem Ort drohte. Und trotzdem: Obwohl die ganze Welt erschüttert wurde, lassen sich diese Leute selbst jetzt keineswegs erschüttern, um solch gewaltigen Dingen auf den Grund zu gehen.
Aber weil es notwendig war, dass an die Stelle derer, die im Unglauben verharrten, die Heidenvölker gerufen wurden, damit jene Zahl voll werde, die Abraham gezeigt worden war, wird die rettende Predigt vom Reich Gottes in die ganze Welt gesandt. Deswegen sind die Geister der Welt in Aufruhr! Sie stellen sich denen, die die Freiheit suchen, immer in den Weg und suchen nach Mechanismen des Irrtums, um das Bauwerk Gottes einzureißen. Aber genau dadurch sollen diejenigen, die nach der Herrlichkeit der Rettung und der Freiheit streben, Widerstand leisten! Sie sollen gewaltige Kämpfe gegen sie durchschwitzen, dadurch stärker werden und zur Krone der Rettung gelangen – nicht ohne die Siegespalme des Sieges! In der Zwischenzeit, als er gelitten hatte und Finsternis die Welt von der sechsten bis zur neunten Stunde erdrückte, kehrte die Sonne zurück und die Dinge wurden wieder in ihre Ordnung gebracht. Da kehrten auch die niederträchtigen Menschen, sobald die Angst nachließ, zu sich und ihren alten Sitten zurück. Denn einige von ihnen bewachten den Ort mit aller Härte – aber als er auferstand, konnten sie ihn nicht festhalten! Da nannten sie ihn einen Magier; andere erfanden die Lüge, er sei gestohlen worden.
Trotzdem: Die Wahrheit siegte überall! Denn als Beweis dafür, dass dies durch göttliche Kraft geschah, wurden wir, die wir anfangs nur ein winziger Haufen waren, im Laufe der Zeit mit Gottes Beistand viel zahlreicher als jene. Das ging so weit, dass die Priester irgendwann Panik bekamen, das ganze Volk könnte durch Gottes Vorsehung – und zu ihrer eigenen Schande! – zu unserem Glauben überlaufen. Ständig schickten sie Leute zu uns und baten uns, dass wir mit ihnen über Jesus diskutieren sollten: ob er wirklich der Prophet sei, den Mose vorhergesagt hat, der ewige Christus. Denn genau das scheint der einzige Unterschied zu sein zwischen uns, die wir an Jesus glauben, und den nichtglaubenden Juden. Aber warum sie ständig danach fragten, wir aber nach einem passenden Zeitpunkt suchten, hat seinen Grund: Es war bereits ein Jahr seit dem Leiden des Herrn vollendet, und die Kirche des Herrn, die in Jerusalem gegründet war, wuchs in gewaltiger Überfülle unter Jakobus. Er war vom Herrn dort als Bischof eingesetzt worden und steuerte sie mit absolut richtigen Anordnungen.
Als wir zwölf Apostel uns nun am Tag des Passah mit einer gewaltigen Menschenmenge versammelt hatten und jeder von uns in die Kirche der Brüder eingetreten war, da legten wir – während Jakobus nachhakte und das Volk zuhörte – kurz dar, was wir an den einzelnen Orten getan hatten. Mitten in diese Berichte hinein schickte der Hohepriester Kajaphas Priester zu uns und forderte uns auf, zu ihm zu kommen. Wir sollten ihm entweder vernünftig beweisen, dass Jesus der ewige Christus ist, oder er selbst würde uns belehren, dass er es nicht ist. Das Ziel war, dass sich das gesamte Volk auf den einen oder den anderen Glauben einigen sollte; und er bestürmte uns ständig, dies endlich zu tun! Wir aber haben das oft hinausgezögert, weil wir immer nach einem noch günstigeren Zeitpunkt suchten.“ Da antwortete ich, Clemens, darauf: „Ich denke, dass gerade diese Frage, ob er selbst der Christus ist, der Begründung des Glaubens enorm nützt. Sonst würde der Hohepriester niemals so oft und inständig darum bitten, über Christus belehrt zu werden oder selbst zu belehren.“ Und Petrus sagte: „Du hast richtig geantwortet, Clemens! Denn so wie niemand ohne Augen sehen kann, noch ohne Ohren hören, noch ohne Nase riechen, noch ohne Zunge schmecken oder ohne Hände etwas ertasten kann: Genauso unmöglich ist es, ohne den wahren Propheten zu erkennen, was Gott gefällt.“ Und ich antwortete: „Der wahre Prophet ist Christus selbst, das habe ich durch deine Lehre schon gelernt. Aber was das eigentlich ist – ‚Christus‘ – oder warum er so genannt wird, das will ich lernen, damit meine Erkenntnis über eine so gewaltige Sache nicht schwammig und unsicher bleibt.“
Da fing Petrus an, mich so zu belehren: „Als Gott die Welt erschaffen hatte, setzte er als Herr des Universums über jedes einzelne Geschöpf Fürsten ein – selbst über die Bäume, die Berge und Quellen, die Flüsse und über alles, wie gesagt, was er gemacht hatte. Es führt nämlich zu weit, alles einzeln durchzugehen. Er setzte also den Engeln einen Engel als Fürsten vor, den Geistern einen Geist, den Sternen einen Stern, den Dämonen einen Dämon, den Vögeln einen Vogel, den wilden Tieren ein Tier, den Schlangen eine Schlange, den Fischen einen Fisch und den Menschen einen Menschen: Das ist Christus Jesus! Christus aber wird er aufgrund eines herausragenden religiösen Ritus genannt; denn so wie Könige bestimmte gemeinsame Titel haben – wie bei den Persern Arsakes, bei den Römern Cäsar, bei den Ägyptern Pharao –, so wird bei den Juden der König mit dem gemeinsamen Namen Christus tituliert. Der Grund für diesen Titel ist folgender: Obwohl er Gottes Sohn und der Anfang von allem war, ist er Mensch geworden, und ihn hat der Vater als Ersten mit Öl gesalbt, das vom Holz des Lebens genommen worden war. Wegen dieser Salbung heißt er Christus. Schließlich wird er selbst gemäß der Vorherbestimmung des Vaters auch alle Frommen, wenn sie in sein Königreich gelangt sind, als Überwinder des rauen Weges zur Erholung von ihren Mühen mit ähnlichem Öl salben, damit ihr Licht leuchtet und sie, erfüllt vom Heiligen Geist, mit Unsterblichkeit beschenkt werden. Ich erinnere mich aber, dass ich dir die ganze Natur dieses Zweiges, von dem diese Salbe genommen ist, schon zur Genüge dargelegt habe.
Aber auch jetzt werde ich dir das alles in einer ganz kurzen Übersicht wieder ins Gedächtnis rufen. Im gegenwärtigen Leben war Aaron der erste Hohepriester, gesalbt mit der Mischung des Chrisams, das als Abbild jener geistlichen Salbe gemacht wurde, von der wir oben sprachen; er war der Fürst des Volkes, und wie ein König nahm er vom Volk Erstlingsgaben und Kopfsteuer entgegen, und nachdem er das Los übernommen hatte, das Volk zu richten, urteilte er über Reines und Unreines. Doch auch wenn irgendein anderer mit eben dieser Salbe gesalbt wurde, wurde er sofort selbst König oder Prophet oder Hohepriester, als hätte er daraus Kraft empfangen! Wenn aber schon diese zeitliche Gnade, die von Menschen zusammengemischt wurde, so gewaltig war: Dann begreif doch endlich, was für eine Wucht jene Salbe hat, die von Gott aus dem Zweig des Lebens hervorgebracht wurde, wo doch schon das Menschengemachte so herausragende Würden unter den Menschen verleiht! Denn was gibt es in der gegenwärtigen Weltzeit Glorreicheres als einen Propheten, Strahlenderes als einen Hohepriester, Erhabeneres als einen König?“
Und ich antwortete darauf: „Ich erinnere mich, Petrus, dass du über den ersten Menschen gesagt hast, er sei ein Prophet gewesen; dass er aber gesalbt worden sei, hast du nicht gesagt. Wenn es also ohne Salbe keinen Propheten gibt: Wie war dann der erste Mensch ein Prophet, obwohl er nicht gesalbt war?“ Da lächelte Petrus: „Wenn der erste Mensch prophezeit hat“, sagte er, „dann ist sicher, dass er auch gesalbt war. Denn mag der, der das Gesetz schriftlich verfasst hat, auch über dessen Salbung geschwiegen haben, so hat er uns dies doch offensichtlich zum Verstehen hinterlassen. Denn genau so: Hätte er gesagt, er sei gesalbt, würde man nicht zweifeln, dass er auch ein Prophet war, selbst wenn es nicht im Gesetz stünde. Da nun aber feststeht, dass er ein Prophet war, ist gleichermaßen sicher, dass er auch gesalbt war – weil er ohne Salbe gar nicht prophezeien konnte! Eigentlich hättest du vielmehr Folgendes einwenden müssen: Wenn der Chrisam erst von Aaron durch die Kunst des Salbenmischers hergestellt wurde, wie konnte dann der erste Mensch vorher mit Salbe gesalbt werden, als die Künste der Mischung noch gar nicht erfunden waren?“ Und ich antwortete: „Führ mich nicht vor, Petrus! Ich rede nämlich nicht von der zusammengemischten Salbe und dem zeitlichen Öl, sondern von jenem reinen und ewigen, das – wie du gelehrt hast – von Gott gemacht wurde und nach dessen Ähnlichkeit dieses von Menschen gemischt worden ist, wie du sagst.“
Und Petrus reagierte darauf, wie es schien, empört: „Was glaubst du eigentlich, Clemens? Dass wir alle alles schon vor der Zeit wissen können? Aber damit wir jetzt nicht vom vorgenommenen Gespräch abkommen: Das werde ich dir ein andermal offener darlegen, wenn dein Fortschritt offensichtlich geworden ist. Damals jedenfalls galt der Hohepriester oder Prophet, wenn er mit der zusammengemischten Salbe gesalbt war und Gottes Altar entzündete, in der ganzen Welt als berühmt. Aber nach Aaron, der Hohepriester war, wird ein anderer aus den Wassern genommen – ich rede nicht von Mose, sondern von dem, der in den Wassern der Taufe von Gott Sohn genannt wurde. Denn Jesus ist es, der jenes Feuer, das der Hohepriester für die Sünden entzündete, durch die Gnade der Taufe gelöscht hat! Seit er nämlich erschienen ist, hat das Chrisam aufgehört, durch das das Hohepriestertum gewährt wurde oder die Prophetie oder das Königtum.
Diesen also hat Mose als künftig vorhergesagt, der das Gesetz Gottes an die Menschen übergab; aber auch ein anderer vor ihm, wie ich es dir ja schon vorher überliefert habe. Er also hat angezeigt, dass er kommen werde: bei der ersten Ankunft zwar niedrig, bei der zweiten aber glorreich! Und die erste ist in der Tat schon erfüllt, als er kam und lehrte und er, der Richter aller, gerichtet und getötet wurde. Bei der zweiten Ankunft aber wird er eintreffen, um Gericht zu halten: Die Gottlosen wird er verdammen, die Frommen aber in die Gemeinschaft und Teilhabe des Königreichs aufnehmen. Der Glaube an die zweite Ankunft steht unerschütterlich fest aufgrund der ersten. Denn die Propheten haben über die erste gesprochen, besonders Jakob und Mose, einige jedoch auch über die zweite. Aber die Großartigkeit der Prophetie erweist sich vor allem darin, dass sie über die Zukunft nichts gesagt haben, was bloß einer logischen Abfolge der Dinge entspricht; andernfalls würde es so aussehen, als hätten da kluge Männer eher das abgeschätzt, was die Konsequenz der Ereignisse diktiert hatte.
Was ich aber sage, ist Folgendes: Es wäre nur logisch gewesen, dass Christus von den Juden aufgenommen wird, zu denen er gekommen war, und dass man ihm glaubt – ihm, der gemäß den Traditionen der Väter zum Heil des Volkes erwartet wurde; dass aber die fremden Völker ihm fernbleiben, denen weder etwas über ihn versprochen noch angekündigt worden war, ja, denen er früher nicht einmal dem Namen nach bekannt war. Und dennoch haben die Propheten – gegen jede Ordnung und Logik der Dinge – gesagt, er werde die Erwartung der Heiden sein und nicht die der Juden! Und genau so ist es auch passiert. Denn als er kam, wurde er von denen, die ihn nach der Tradition der Ahnen scheinbar erwarteten, absolut nicht erkannt; diese aber, die rein gar nichts von ihm gehört hatten, glauben sowohl, dass er gekommen ist, als auch hoffen sie, dass er kommen wird. Und so erwies sich die Prophetie in allem als treu, die sagte, er selbst sei ‚die Erwartung der Heiden‘5 . Die Juden haben sich also über die erste Ankunft des Herrn geirrt; und nur darüber besteht der Streit zwischen uns und ihnen. Dass Christus nämlich kommen wird, das wissen auch sie und erwarten es; dass er aber schon in Niedrigkeit gekommen ist – dieser, der Jesus genannt wird –, das wissen sie nicht. Und gerade dadurch wird seine Ankunft am allermeisten bestätigt, dass ihm nicht alle glauben.
Diesen also hat Gott am Ende der Welt bestimmt, weil es unmöglich war, die Übel der Sterblichen durch einen anderen zu reinigen, solange die Schöpfung des Menschengeschlechts intakt bleiben sollte – das heißt: bei gewahrter Freiheit des Willens! Da dieser Zustand also unversehrt bewahrt wurde, kam er, um alle Gerechten in das Königreich einzuladen und jene, die sich bemüht haben, ihm zu gefallen; ihnen hat er unsagbare Güter bereitet und Jerusalem, die himmlische Stadt, die in der Wohnung der Heiligen heller strahlen wird als der Glanz der Sonne. Die Ungerechten aber und die Gottlosen und die, die Gott als Nichts betrachtet haben und das ihnen anvertraute Leben für diverse Schandtaten missbrauchten und die Zeit für gerechtes Werk zu einem Übungsplatz der Bosheit machten: Die wird er der passenden und verdienten Vergeltung übergeben! Was aber im Übrigen dort geschehen wird, das auszusprechen und zu verkünden steht weder Engeln noch Menschen zu; sondern uns genügt es, nur dies zu wissen: dass Gott den Guten den ewigen Besitz der Güter verleihen wird.
Nach diesen Worten von ihm antwortete ich: „Wenn das Königreich Christi nur die genießen werden, die seine Ankunft als Gerechte vorfindet: Gehen dann die, die vor seiner Ankunft gestorben sind, beim Königreich völlig leer aus?“ Da sagte Petrus: „Du zwingst mich, Clemens“, sagte er, „einige der unaussprechlichen Dinge öffentlich zu machen. Aber dennoch: Soweit es erlaubt ist, sie vorzubringen, werde ich es ohne Zögern tun. Christus, der von Anfang an und immer war, war in jeder einzelnen Generation bei den Frommen – wenn auch im Verborgenen –, aber er war immer da! Besonders bei denen, von denen er erwartet wurde und denen er oft erschien. Aber es war noch nicht die Zeit, dass damals, bei aufgelösten Körpern, die Auferstehung geschah; sondern dies schien von Gott eher als Belohnung gedacht: dass der, der als gerecht befunden wurde, länger im Körper verblieb – oder gewiss, wie es über einen gewissen Gerechten in den Schriften des Gesetzes eindeutig berichtet wird: ‚dass Gott ihn entrückt hat.‘6 Nach ähnlichem Beispiel wurde auch mit den Übrigen verfahren, die seinem Willen gefielen, sodass sie, ins Paradies entrückt, für das Königreich aufbewahrt werden; während von denen, die die Norm der Gerechtigkeit nicht vollständig erfüllen konnten, sondern in ihrem Fleisch einige Überreste der Bosheit hatten, die Körper zwar aufgelöst wurden, die Seelen aber in guten und frohen Regionen bewahrt werden, damit sie bei der Auferstehung der Toten, wenn sie das Ihre zurückerhalten – durch eben diese Auflösung bereits gereinigt –, für das, was sie gut gemacht hatten, die ewige Erbschaft erlangen. Und deshalb sind alle selig, die das Königreich Christi erlangt haben werden, weil sie nicht nur den Strafen der Hölle entfliehen, sondern auch unvergänglich bleiben werden und als Erste Gott, den Vater, sehen und unter den Ersten bei Gott den Rang der Ehre einnehmen werden.
Deswegen gibt es über Christus eine gewaltige Streitfrage, und alle Ungläubigen unter den Juden rasen mit unermesslichem Wahnsinn gegen uns, aus Angst, er könnte am Ende wirklich der sein, an dem sie sich versündigt haben; und die Angst wächst noch mehr, weil sie wissen: Sobald sie ihn ans Kreuz geschlagen hatten, hat die ganze Welt mit ihm gelitten, und sein Körper war nirgends mehr aufzufinden, obwohl er von ihnen mit sorgfältiger Wache bewacht wurde, und dazu strömen unzählige Massen zum Glauben an seinen Namen zusammen. Daher waren sie gezwungen, zusammen mit dem Hohepriester Kajaphas öfter zu uns zu senden, um nach der Wahrheit seines Namens zu forschen. Und da sie immer wieder forderten, über Jesus entweder zu lernen oder zu lehren, ob er selbst der Christus sei, erschien es uns richtig, zum Tempel hinaufzugehen und vor dem ganzen Volk Zeugnis über ihn abzulegen und zugleich die Juden wegen der vielen Dinge hart zur Rede zu stellen, die von ihnen auf absurde Weise betrieben wurden. Denn das Volk spaltete sich schon in viele Parteien, was seinen Anfang bei Johannes dem Täufer nahm.
Denn als der Aufgang Christi schon unmittelbar bevorstand, um die Opfer zurückzudrängen, aber die Gnade der Taufe reichlich zu schenken: Da begriff der Feind aus den Dingen, die vorhergesagt waren, dass die Zeit da ist, und bewirkte diverse Spaltungen im Volk, damit – falls die erste Sünde vielleicht getilgt werden konnte – die zweite Schuld nicht korrigiert werden kann! Es gab also die erste Spaltung derer, die Sadduzäer genannt wurden; sie nahm ihren Anfang schon fast zu Zeiten des Johannes. Und diese fingen an, sich als gerechter als die Übrigen von der Versammlung des Volkes abzusondern und die Auferstehung der Toten zu leugnen; und das behaupteten sie mit einem Argument des Unglaubens, indem sie sagten, es sei nicht würdig, dass Gott quasi unter Aussicht auf Belohnung verehrt wird. Der Urheber dieser Meinung war als erster Dositheus, als zweiter Simon. Eine andere ist die Spaltung der Samariter; denn diese leugnen die Auferstehung der Toten und behaupten, man müsse Gott nicht in Jerusalem, sondern auf dem Berg Garizin anbeten. Die aber, obwohl sie den einen wahren Propheten aus den Weissagungen des Mose zu Recht erwarteten, wurden durch die Verdorbenheit des Dositheus daran gehindert zu glauben, dass dieser, den sie erwarteten, Jesus ist. Auch die Schriftgelehrten und Pharisäer werden in eine andere Spaltung geführt. Aber diese, getauft von Johannes, hielten das Wort der Wahrheit, das sie aus der Überlieferung des Mose empfangen hatten, wie einen Schlüssel zum Königreich der Himmel in der Hand – und verbargen es vor den Ohren des Volkes! Aber auch aus den Jüngern des Johannes sonderten sich welche ab, die groß zu sein schienen, trennten sich vom Volk und predigten ihren eigenen Meister, als wäre er der Christus. All diese Spaltungen aber sind vorbereitet worden, damit sowohl der Glaube an Christus durch sie behindert werde als auch die Taufe.
Aber dennoch, wie wir zu erzählen begonnen hatten: Als uns der Hohepriester durch seine Priester ständig gebeten hatte, dass wir uns endlich dem Streitgespräch über Jesus stellen, und als es uns passend erschien und der ganzen Kirche gefiel, da stiegen wir zum Tempel hinauf! Und während wir zusammen mit unseren gläubigen Brüdern auf den Stufen standen und tiefes Schweigen im Volk herrschte, fing der Hohepriester als Erster an, das Volk aufzufordern: Sie sollten geduldig und ruhig zuhören und zugleich Zeugen und Richter dessen werden, was gesagt wird. Dann aber pries er den Ritus der Opfer in den höchsten Tönen, der dem Menschengeschlecht angeblich von Gott zur Vergebung der Sünden gewährt worden sei, und wetterte gegen die Taufe unseres Jesus, als wäre sie erst kürzlich gegen diese Opfer eingeführt worden! Aber Matthäus trat seinen Behauptungen entgegen und bewies klipp und klar: Wenn jemand die Taufe Jesu nicht erlangt hat, dann wird er nicht nur um das Königreich der Himmel betrogen, sondern er wird auch bei der Auferstehung der Toten in Gefahr schweben – selbst wenn er sich auf den Vorzug eines guten Lebens und einer rechten Gesinnung berufen kann! Nachdem er dies und Ähnliches vorgebracht hatte, schwieg Matthäus.
Aber die Partei der Sadduzäer, die die Auferstehung der Toten leugnet, war empört! Es ging so weit, dass einer von ihnen mitten aus dem Volk herausbrüllte: Diejenigen würden sich gewaltig irren, die meinen, dass Tote irgendwann auferstehen! Dagegen antwortete mein Bruder Andreas und lehrte, dass es kein Irrtum ist, sondern der absolut richtige Glaube, dass die Toten auferstehen – gemäß dem, was der gelehrt hat, den Mose als den kommenden Propheten vorhergesagt hat. „Oder wenn es ihnen nicht so scheint, als sei er der, den Mose vorhergesagt hat“, sagte er, „dann soll man zuerst genau danach fragen! Damit, wenn er selbst eindeutig als dieser erwiesen ist, an dem Rest seiner Lehre absolut nicht mehr gezweifelt wird.“ Nachdem Andreas dies und vieles Ähnliche bezeugt hatte, schwieg er.
Ein gewisser Samariter aber redete gegen das Volk und gegen Gott; er behauptete, dass die Toten nicht auferstehen werden und man nicht am Gottesdienst in Jerusalem festhalten müsse, sondern den Berg Garizim verehren solle. Dazu fügte er gegen uns noch dies hinzu: Dass unser Jesus nicht der sei, den Mose als kommenden Propheten vorhergesagt habe! Gegen ihn und einen anderen, der mit ihm dasselbe vertrat, hielten die Zebedäus-Söhne Jakobus und Johannes mit aller Wucht dagegen. Und obwohl sie den Befehl hatten, deren Städte nicht zu betreten noch ihnen das Wort der Predigt zu bringen: Damit ihr Gerede – wenn es unwiderlegt bliebe – nicht den Glauben der anderen beschädigt, antworteten sie dennoch so klug und tapfer, dass sie sie für immer zum Schweigen brachten! Denn Jakobus legte unter dem Beifall des ganzen Volkes die Sache der Auferstehung der Toten dar. Johannes aber zeigte auf: Wenn sie vom Irrtum des Berges Garizim abließen, würden sie folgerichtig erkennen, dass Jesus genau der ist, dessen Kommen gemäß der Prophetie des Mose erwartet wurde; denn tatsächlich hat Jesus Zeichen und Wunder getan, genau wie Mose sie getan hat. Und es besteht kein Zweifel, dass die Ähnlichkeit der Zeichen bezeugt, dass er der ist, von dem er sagte, er werde kommen wie er selbst. Nachdem sie dies und vieles Ähnliche bezeugt hatten, schwiegen sie.
Und siehe da, einer der Schriftgelehrten schrie mitten aus dem Volk heraus: „Euer Jesus hat die Zeichen und Wunder, die er getan hat, als Magier vollbracht, nicht als Prophet!“ Dem trat Philippus heftig entgegen und zeigte auf, dass er mit dieser Begründung auch Mose anklagen würde. Denn da Mose in Ägypten Zeichen und Wunder getan hat und Jesus ebenso in Judäa, kann gar nicht bezweifelt werden: Was über Jesus gesagt wird, das scheint man damit auch über Mose zu sagen. Nachdem Philippus dies und vieles Ähnliche bezeugt hatte, schwieg er.
Ein gewisser Pharisäer aber, der das hörte, unterstellte Philippus, er würde Mose mit Jesus gleichstellen. Bartholomäus antwortete ihm und stellte unerschütterlich klar: „Wir sagen nicht, dass Jesus Mose nur gleich ist, sondern dass er größer ist! Denn Mose war zwar ein Prophet – was auch Jesus war –, aber was Jesus war, war Mose nicht: nämlich Christus! Und deshalb ist der zweifellos größer, der sowohl Prophet als auch Christus ist, als der, der nur Prophet ist.“ Nachdem er dies und vieles Ähnliche ausgeführt hatte, schwieg er. Nach ihm hielt Jakobus, der Sohn des Alphäus, eine Rede an das Volk, in der er aufzeigte: Man muss nicht deshalb an Jesus glauben, weil die Propheten über ihn vorhergesagt haben, sondern man muss den Propheten vielmehr deshalb glauben – dass sie wahre Propheten sind –, weil Christus ihnen das Zeugnis ausstellt! Denn die Gegenwart und die Ankunft Christi weist jene als wahre Propheten aus. Er sagte nämlich: „Nicht von den Geringeren wird dem Größeren das Zeugnis des Glaubens gegeben, sondern vom Größeren den Geringeren!“ Nachdem er dies und vieles Ähnliche ausgeführt hatte, schwieg auch Jakobus. Nach ihm fing Lebbäus an, das Volk heftig anzuklagen, weil sie Jesus nicht glaubten, der ihnen so viel genützt hatte, indem er lehrte, was Gottes ist, die Betrübten tröstete, die Kranken heilte und die Armen aufrichtete, sie ihm aber für all diese guten Taten Hass und Tod zurückgaben! Als er dies und vieles Ähnliche vor dem Volk bezeugt hatte, schwieg er.
Und siehe da, einer von den Jüngern des Johannes behauptete steif und fest, dass Johannes der Christus gewesen sei und nicht Jesus; „so sehr“, sagte er, „dass sogar Jesus selbst verkündet hat, Johannes sei größer als alle Menschen und Propheten.“ „Wenn er also“, fuhr er fort, „größer ist als alle, dann muss er zweifellos auch für größer als Mose und Jesus selbst gehalten werden! Und wenn er der Größte von allen ist, dann ist er der Christus!“ Darauf antwortete Simon der Kanaanäer und stellte klar, dass Johannes zwar größer war als alle Propheten und alle, die Söhne von Frauen sind, aber keineswegs größer als der Sohn des Menschen. „Und deshalb ist Jesus tatsächlich der Christus, Johannes aber nur ein Prophet; und der Unterschied zwischen ihm und Jesus ist so groß wie zwischen dem Vorläufer und dem, dem vorausgelaufen wird, und wie zwischen dem, der das Gesetz gibt, und dem, der das Gesetz einhält.“ Nachdem auch der Kanaanäer dies und Ähnliches ausgeführt hatte, schwieg er. Nach ihm fing Barnabas an – der auch Matthias heißt und der anstelle von Judas als Apostel nachgerückt ist –, das Volk zu ermahnen, Jesus nicht zu hassen und ihn nicht zu lästern. „Denn es ist viel korrekter“, sagte er, „ihn zu lieben als zu hassen, selbst für den, der nichts weiß oder an Jesus zweifelt. Denn auf die Liebe hat Gott eine Belohnung gesetzt, auf den Hass eine Strafe! Denn allein schon die Tatsache“, sagte er, „dass er einen jüdischen Körper angenommen hat und unter Juden geboren wurde: Wie hat euch das nicht allen einen Anreiz zur Liebe für ihn eingejagt?“ Als er dies und Ähnliches als Rede vorgetragen hatte, beendete er das Sprechen.
Da versuchte Kajaphas, die Lehre Jesu schlechtzumachen, und sagte, er habe nichtiges Zeug geredet: „Er hat nämlich die Armen seliggepriesen und versprochen, dass die Vergeltung irdisch sein werde; und den Gipfel der Gabe hat er in einem irdischen Erbe festgemacht und versprochen, dass die, die die Gerechtigkeit bewahren, mit Speise und Trank gesättigt werden sollen; und man überführt ihn, dass er vieles dergleichen gelehrt hat!“ Ihm antwortete Thomas und wies ihm nach, dass seine Vorwürfe völlig ins Leere gehen; er zeigte auf, dass vielmehr die Propheten – denen er ja selbst glaubt! – genau so gelehrt haben, aber dennoch nicht aufgezeigt haben, wie das geschehen oder wie es empfangen werden soll. Jesus aber hat dargelegt, wie dies verstanden werden muss. Und als er dies und vieles Ähnliche gesagt hatte, schwieg auch Thomas.
Danach fixierte mich Kajaphas wieder und sagte – mal warnend, mal beschuldigend –, ich solle für den Rest der Zeit aufhören, Christus Jesus zu predigen, damit ich das nicht zu meinem eigenen Verderben tue oder, selbst durch einen Irrtum getäuscht, auch noch andere mit meinem Irrtum betrüge. Dann warf er mir außerdem noch Dreistigkeit vor: Dass ich es wagen würde, das Amt eines Lehrers zu übernehmen, obwohl ich selbst ein Unwissender, ein Fischer und ein Bauer sei! Als er dies und noch viel mehr Ähnliches sagte, antwortete auch ich mit folgenden Worten: „Für mich besteht wohl weniger Gefahr, wenn dieser – wie er sagt – nicht der Christus ist, weil ich ihn immerhin als Lehrer des Gesetzes angenommen habe; für ihn aber ist das Risiko gewaltig, wenn genau dieser der Christus ist – was er ganz sicher ist! Ich glaube nämlich dem, der erschienen ist; wem aber glaubt er die Treue zu halten? Einem anderen, der überhaupt nicht erschienen ist? Wenn ich aber als Ungebildeter – wie du sagst – und Unwissender und Fischer und Bauer mehr verstehe als die weisen Ältesten: Das“, sagte ich, „sollte dir noch viel mehr Angst einjagen! Denn wenn ich in der Diskussion aufgrund irgendeiner Gelehrsamkeit über euch Weise und Gebildete siegen würde, dann sähe es natürlich so aus, als hätte mir das das Studium langer Jahre eingebracht und nicht die Gnade göttlicher Kraft; nun aber, da wir Unwissenden – wie ich sagte – euch Weise überführen und besiegen: Wem, der noch bei Verstand ist, ist da nicht offensichtlich, dass dies kein Werk menschlicher Schläue ist, sondern des göttlichen Willens und Geschenks?“
Nachdem wir also dies und Ähnliches ausgeführt hatten, haben wir folgerichtig bezeugt und gelehrt – wir, die Unwissenden und Fischer! –: die Priester über den einen einzigen Gott des Himmels; die Sadduzäer über die Auferstehung der Toten; die Samariter über die Heiligung Jerusalems, ohne jedoch ihre Stadt zu betreten, sondern indem wir öffentlich diskutierten; die Schriftgelehrten aber und Pharisäer über das Königreich der Himmel; die Jünger des Johannes, damit sie durch Johannes nicht zu Fall kommen; das ganze Volk aber darüber, dass Jesus der ewige Christus ist. Zuletzt aber habe ich sie ermahnt: Bevor wir zu den Heiden weiterziehen, um ihnen die Erkenntnis Gottes, des Vaters, zu predigen, sollten sie selbst sich mit Gott versöhnen, indem sie seinen Sohn annehmen! Denn ich habe ihnen gezeigt, dass sie auf gar keinen anderen Weg gerettet werden können, es sei denn, sie beeilen sich, durch die Gnade des Heiligen Geistes unter der dreifachen Anrufung in der Taufe reingewaschen zu werden und die Eucharistie Christi, des Herrn, zu empfangen, dem allein sie in dem glauben müssen, was er gelehrt hat, um so würdig zu werden, das ewige Heil zu erlangen; auf anderem Wege aber ist es absolut unmöglich, dass sie mit Gott versöhnt werden – selbst wenn sie ihm tausend Altäre und nochmals tausend Opferstätten anzünden!
„Denn wir“, sagte ich, „haben mit Sicherheit erfahren, dass Gott durch die Opfer, die ihr darbringt, noch viel mehr erzürnt wird – allein schon deshalb, weil die Zeit der Opfer abgelaufen ist! Und weil ihr nicht anerkennen wollt, dass die Frist für das Darbringen von Schlachttieren verstrichen ist: Deswegen wird auch der Tempel zerstört werden, und ‚der Gräuel der Verwüstung wird an heiliger Stätte aufgestellt‘7 , und dann wird ‚den Heiden das Evangelium gepredigt zum Zeugnis über euch‘8 , damit durch deren Glauben euer Unglaube gerichtet wird! Denn die ganze Welt leidet zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Krankheiten der Bosheit, entweder durch alle im Allgemeinen oder durch jeden Einzelnen im Speziellen, und deshalb braucht sie einen Arzt, der sie besucht, um sie zu retten. Wir also bezeugen es euch und verkünden, was jedem von euch verborgen war. Es liegt an euch zu überlegen, was euch nützt.“
Als ich das gesagt hatte, stöhnte die ganze Menge der Priester auf, weil ich ihnen die Zerstörung des Tempels vorhergesagt hatte. Als aber Gamaliel, der Fürst des Volkes – der heimlich unser Bruder im Glauben war, aber auf unseren Rat hin unter ihnen blieb –, sah, dass sie gewaltig tobten und von ungeheurer Raserei gegen uns getrieben wurden, stand er auf und sagte: „Gebt Ruhe für einen Moment, ihr Männer von Israel! Denn ihr bemerkt nicht die Prüfung, die euch droht; deshalb lasst ab von diesen Menschen! Und wenn das, was sie tun, einem menschlichen Plan entspringt, wird es schnell aufhören; wenn es aber von Gott ist: Warum sündigt ihr grundlos und erreicht rein gar nichts? Wer kann denn den Willen Gottes besiegen? Nun also, da der Tag sich dem Abend zuneigt: Morgen werde ich selbst genau an diesem Ort vor euren Ohren mit ihnen diskutieren, um jeden Irrtum offen bloßzustellen und glasklar zu widerlegen!“ Und durch diese Worte wurde ihre Raserei einigermaßen gedämpft, vor allem durch die Hoffnung, dass sie erwarteten, wir würden am morgigen Tag öffentlich des Irrtums überführt werden. Und so entließ er das Volk in Frieden.
Wir aber kamen zu unserem Jakobus, legten alles dar, was gesagt und getan worden war, und nachdem wir Speise zu uns genommen hatten, blieben wir bei ihm und flehten die ganze Nacht zum allmächtigen Gott, dass das Wort der künftigen Diskussion die unbezweifelbare Wahrheit unseres Glaubens beweisen möge. Also stieg am nächsten Tag Bischof Jakobus zusammen mit uns und der ganzen Kirche zum Tempel hinauf, wo wir eine gewaltige Menge vorfanden, die schon seit Mitternacht auf uns wartete! Wir stellten uns also an die gleichen Plätze wie zuvor, damit wir erhöht stehen und vom ganzen Volk gesehen werden konnten. Als tiefes Schweigen eingetreten war, da trat Gamaliel hervor – der, wie wir oben sagten, zu unserem Glauben gehörte, aber aufgrund einer besonderen Anordnung unter ihnen blieb, damit er, falls sie jemals etwas Ungerechtes oder Gottloses gegen uns aushecken sollten, sie entweder durch klug angepassten Rat zurückhält oder uns warnt, damit wir uns schützen oder ausweichen können. Er also, so tuend, als würde er gegen uns agieren, fixierte als allererster den Bischof Jakobus und sprach ihn auf folgende Weise an:
„Wenn ich, Gamaliel, es weder als Schande für meine Bildung noch für mein Alter betrachte, etwas von den Kleinen und Ungebildeten zu lernen – falls es da etwas zu holen gibt, das nützlich ist oder Heil bringt (denn wer vernünftig lebt, weiß, dass nichts kostbarer ist als die Seele) –: Wie sollte es dann nicht für alle liebenswert und von allen erwünscht sein, das zu lernen, was man nicht weiß, und das zu lehren, was man gelernt hat? Denn eines ist absolut sicher: Weder Freundschaft noch Verwandtschaft noch die Erhabenheit eines Königreichs darf dem Menschen wertvoller sein als die Wahrheit! Und deshalb ihr, Brüder: Wenn ihr mehr wisst, dann zögert nicht, es dem Volk Gottes, das hier anwesend ist, und auch euren Brüdern vorzutragen, während das ganze Volk gerne und in völliger Ruhe zuhört, was ihr sagt. Denn wie sollte das Volk das nicht tun, wenn es sieht, dass selbst ich zusammen mit ihnen von euch lernen will, falls Gott euch vielleicht mehr offenbart hat? Wenn es euch aber an etwas fehlt, dann lasst euch ebenso ohne Zögern von uns belehren, damit Gott auf beiden Seiten ergänzt, was fehlt. Falls euch aber jetzt vielleicht irgendeine Angst plagt wegen einiger von uns, die euch mit voreingenommenem Sinn begegnen, und ihr aus Furcht vor ihren Fallen nicht wagt, offener zu sagen, was ihr denkt: Um euch auch von diesem Grund der Furcht zu befreien, schwöre ich euch bei dem allmächtigen Gott, der in Ewigkeit lebt, dass ich niemandem erlauben werde, Hand an euch zu legen! Da ihr also dieses ganze Volk als Zeugen meines Eides habt und den Bund unseres Schwurs als sicheres Pfand in Händen haltet: Soll jeder von euch ohne jedes Zögern vortragen, was er gelernt hat; und wir Brüder wollen gespannt und schweigend zuhören.“
Als Gamaliel dies sagte, gefiel das Kajaphas ganz und gar nicht! Und da er ihn, wie es schien, im Verdacht hatte, fing er an, sich lieber selbst auf subtile Art in die Debatten einzumischen; er lächelte nämlich süffisant über das, was Gamaliel gesagt hatte, und als Fürst der Priester bat er Jakobus, den Fürsten der Bischöfe, dass das Gespräch über Christus aus keiner anderen Quelle als den Schriften geführt werden solle: „Damit wir wissen“, sagte er, „ob Jesus selbst der Christus ist oder nicht.“ Da sagte Jakobus: „Zuerst“, sagte er, „lasst uns klären, auf Grundlage welcher Schriften die Diskussion vorzugsweise geführt werden muss.“ Aber jener antwortete, als er endlich kaum noch ausweichen konnte und von der Vernunft selbst besiegt war: „Aus dem Gesetz!“ Und danach fügte er auch noch die Erwähnung der Propheten hinzu.
Da fing unser Jakobus an, ihm zu zeigen, dass auch die Propheten das, was sie sagen, aus dem Gesetz genommen haben und im Einklang mit dem Gesetz gesprochen haben. Aber auch über die Bücher der Könige legte er einiges dar: wie und wann und von wem sie geschrieben wurden und wie man sie benutzen muss. Und nachdem er über das Gesetz absolut erschöpfend diskutiert und jedes einzelne Detail über Christus durch eine glasklare Auslegung ans Licht gebracht hatte, bewies er mit einer Fülle von Beweisen, dass Jesus der Christus ist und dass in ihm alles erfüllt wird, was über seine niedrige Ankunft vorhergesagt worden war. Er lehrte nämlich, dass zwei Ankünfte von ihm vorhergesagt sind: die eine in Niedrigkeit, die er erfüllt hat; die andere in Herrlichkeit, deren Erfüllung erhofft wird, wenn er kommt, um denen das Königreich zu geben, die an ihn glauben und alles einhalten, was er befohlen hat. Und als er das Volk darüber eindeutig belehrt hatte, fügte er auch noch dies hinzu: Dass niemand die Vergebung der Sünden empfängt oder in das Königreich der Himmel eingeht, wenn er nicht im Wasser unter der Anrufung der dreifachen Seligkeit getauft wurde, wie es der wahre Prophet gelehrt hat! Und er bekräftigte, dass dies die Vorherbestimmung des ungezeugten Gottes ist. Ihnen fügte er auch noch dies hinzu: „Glaubt bloß nicht, wir würden von zwei ungezeugten Göttern reden oder dass der Eine in zwei geteilt sei oder – wie die Gottlosen sagen –, dass derselbe männlich und weiblich gemacht sei! Sondern wir reden vom eingeborenen Sohn Gottes: nicht aus einem anderen Anfang, sondern aus Ihm selbst auf unaussprechliche Weise geboren! Und genau so reden wir auch vom Parakleten.“ Aber nachdem er auch über die Taufe einiges gesagt hatte, überzeugte er sieben Tage lang ununterbrochen das ganze Volk und den Hohepriester, dass sie sofort eilen sollten, um die Taufe zu empfangen.
Und als die Sache schon so weit war, dass sie kommen und sich taufen lassen wollten, da betrat ein gewisser feindlicher Mensch den Tempel – zusammen mit nur ganz wenigen Leuten – und fing an zu brüllen: „Was macht ihr da, ihr Männer von Israel? Warum lasst ihr euch so leicht überrumpeln? Warum lasst ihr euch kopflos von diesen elendsten Menschen führen, die von dem Magier getäuscht wurden?“ Während er das sagte und noch eins draufsetzte, aber von Bischof Jakobus besiegt wurde, fing er an, das Volk aufzuwiegeln und Aufruhr zu stiften, damit die Menge bloß nicht hören konnte, was gesagt wurde. Er fing also an, alles mit Geschrei durcheinanderzubringen und das, was mit viel Mühe geordnet worden war, niederzureißen; zugleich klagte er die Priester an und fing an, sie mit Beleidigungen und Vorwürfen anzustacheln, und wie ein Rasender hetzte er jeden Einzelnen zum Mord auf und schrie: „Was tut ihr? Worauf wartet ihr? Ihr Faulen und Trägen! Warum gehen wir nicht mit eigenen Händen auf sie los und reißen sie alle in Stücke?“ Und als er das gesagt hatte, riss er als Erster ein schweres Holzscheit vom Altar und machte den Anfang mit dem Morden. Als die anderen ihn sahen, wurden sie sofort von demselben Wahnsinn mitgerissen: Ein Geschrei von allen bricht los, von den Schlagenden und den Geschlagenen zugleich; massenhaft Blut fließt, eine wilde Flucht bricht aus; währenddessen griff jener feindliche Mensch Jakobus an und stürzte ihn kopfüber von den obersten Stufen hinab! Und da er glaubte, er sei tot, kümmerte er sich nicht weiter darum, ihn noch mehr zuzurichten.
Unsere Leute aber hoben ihn auf und brachten ihn in Sicherheit; sie waren jenen nämlich an Zahl und an Tugend haushoch überlegen, aber aus Ehrfurcht vor Gott ließen sie sich lieber von einer Minderheit töten, als dass sie selbst andere töteten. Als der Abend da war, schlossen die Priester zwar den Tempel ab; wir aber kehrten zum Haus des Jakobus zurück, verbrachten dort die Nacht im Gebet und zogen noch vor Tagesanbruch hinab nach Jericho – an die fünftausend Mann! Nach drei Tagen aber kam einer der Brüder von Gamaliel zu uns – von dem wir oben sprachen – und überbrachte uns geheime Nachrichten: Jener feindliche Mensch habe vom Hohepriester Kajaphas eine Vollmacht erhalten, alle, die an Jesus glauben, zu verfolgen, und er sei mit seinen Briefen auf dem Weg nach Damaskus, um auch dort mithilfe der Ungläubigen den Gläubigen den Untergang zu bereiten; und deshalb eile er besonders nach Damaskus, weil er glaubte, Petrus sei dorthin geflohen. Und nach fast dreißig Tagen kam er durch Jericho und zog Richtung Damaskus; genau zu dieser Zeit waren wir zu den Gräbern zweier gewisser Brüder hinausgegangen, die jedes Jahr von ganz allein weiß wurden! Durch dieses Wunder wurde die Raserei vieler gegen uns gedämpft, da sie sahen, dass unsere Leute bei Gott im Gedächtnis bewahrt werden.
Während wir uns also in Jericho aufhielten und uns dort voll Eifer den Gebeten und dem Fasten widmeten, ließ mich Bischof Jakobus rufen und schickte mich von dort hierher nach Cäsarea. Er sagte: „Zacchäus aus Cäsarea hat mir geschrieben, dass ein gewisser Simon, ein samaritischer Magier, die meisten von uns zu Fall bringt! Er behauptet, er sei ein gewisser ‚Stehender‘ – das heißt mit anderem Namen: Christus! – und die höchste Kraft des höchsten Gottes, der sogar über dem Schöpfer der Welt steht; zugleich zeigt er unzählige Wunderdinge und hat bewirkt, dass die einen zweifeln, die anderen aber zu ihm überlaufen.“ Und Zacchäus hat alles sorgfältig von denen erfahren, die früher entweder seine Partner oder Schüler waren und sich danach zu ihm bekehrt haben, und hat es berichtet. „Es sind also viele, Petrus“, sagte Jakobus, „um deren Heils willen du aufbrechen musst! Überführe den Magier und lehre das Wort der Wahrheit! Aber zögere keine Sekunde und lass es dich nicht traurig machen, dass du allein aufbrichst, denn du weißt: Dein Begleiter und Helfer ist Gott durch Jesus! Und bald werden durch seine Gnade viele deine Verbündeten und eines Sinnes mit dir sein. Bemühe dich aber unbedingt, mir jedes einzelne Jahr die wichtigsten Dinge aus deinen Reden und Taten schriftlich zu schicken – und ganz besonders in den Jahrwochen!“ Und nachdem ich mit diesen Worten von ihm entlassen worden war, gelangte ich in sechs Tagen nach Cäsarea.
Als ich aber die Stadt betrat, kam mir unser geliebtester Bruder Zacchäus entgegen; er fiel mir um den Hals, führte mich zu der Herberge, in der er selbst wohnte, und fragte mich dabei nach jedem einzelnen Bruder aus, besonders aber nach unserem ehrwürdigen Bruder Jakobus. Und als er von mir gehört hatte, dass dieser immer noch auf einem Fuß hinke, und er sich sofort nach dem Grund erkundigte, erzählte ich ihm all das, was wir dir nun dargelegt haben: wie wir von den Priestern und dem Hohepriester Kajaphas zum Tempel gerufen worden waren und wie Erzbischof Jakobus auf den obersten Stufen stand und sieben Tage lang ununterbrochen dem ganzen Volk aus den Schriften des Herrn bewies, dass Jesus der Christus sei; und wie – als schon alle zustimmten, sich von ihm im Namen Jesu taufen zu lassen – jener feindliche Mensch all das anrichtete, was wir oben erzählt haben, damit wir es nicht noch einmal sagen müssen.
Nachdem Zacchäus dies erfahren hatte, legte er mir wiederum dar, was Simon trieb; und währenddessen ließ Simon selbst – da er, ich weiß nicht woher von meiner Ankunft erfahren hatte – mir ausrichten: „Lass uns morgen vor den Ohren des Volkes ein Streitgespräch führen.“ Ihm antwortete ich: „Es geschehe, wie es dir beliebt.“ Und diese meine Zusage wurde in der ganzen Stadt bekannt, sodass auch du, der du an ebendiesem Tag angekommen warst, erfuhrest, dass ich am nächsten Tag einen Wettkampf mit Simon austragen würde, und du, nachdem du unsere Herberge gemäß den Hinweisen, die du von Barnabas erhalten hattest, ausfindig gemacht hattest, zu uns kamst. Ich aber habe mich über dein Eintreffen so sehr gefreut, dass mein Geist – ich weiß nicht woher angetrieben – eilte, dir schnell alles darzulegen, besonders aber das, was im Glauben das Wichtigste ist: über den wahren Propheten, woran ich nicht zweifle, dass es als einziges und als Fundament der ganzen Lehre genügen kann; dann habe ich dir auch das verborgene Verständnis des geschriebenen Gesetzes erschlossen, in den einzelnen Kapiteln, wo es der Sinn verlangte, und dir auch die Güter der Überlieferungen nicht vorenthalten. Was aber noch übrig ist, das wirst du, beginnend mit morgen, aus den Dingen, die in den Streitfragen mit Simon zur Sprache kommen, Tag für Tag hören, bis man – so Gott will – zu der Stadt Rom selbst gelangt, wohin wir glauben, dass unsere Reise gelenkt werden muss. Und als ich auf diese seine Worte hin bekannte, dass ich ihm allen Dank schulde, und versprach, alles, was er anordne, bereitwilligst zu tun, hieß er uns nach dem Essen zu ruhen und begab sich selbst zur Ruhe.
Schriftstellen
- Röm 2,6
- Dtn 18,15-19
- Hos 6,6
- Mt 9,35
- Gen 49,10
- Gen 5,24
- Mt 24,15
- Mt 24,14
