Die ersten Christen

Das, was zuerst da war, ist wahr. Die Wahrheit ist von Anfang an.

Über das Heilige Pfingsten

Basilius von Seleucia ⏱️ 8 Min. Lesezeit
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Die Gnade, die heute die Zungen verteilt hat, verbietet mir, die Armut meiner eigenen Zunge zu fürchten. Sie ist es, die Ungebildete als Erzieher über die Welt gesetzt hat! Sie ist es, die Fischer zu Rednern geweiht hat und mit improvisierter Weisheit die Weisen der Welt beschämte. Denn woher sonst rannten die Menschenherden, krank an Götzenverehrung, zur Frömmigkeit? Woher sonst verlernten sie die Sklaverei der Dämonen mit ihren vielen Herren? Woher kämpfte eine winzige Zahl von Schülern gegen Phalanxen von Menschen und Dämonen zugleich an, wenn sie nicht mit dem Feuer der Gottheit bewaffnet war? Heute sprudelten die Quellen der Gnade durch das Feuer hervor, und eine Flamme, die durch die Lüfte raste, wurde vom Geist herabgesandt. Als Christus den Jüngern diese Gnade als frohe Botschaft verkündete, sagte er: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen; einen anderen Beistand sendet euch der Vater.“1 Denn der Aufstieg des Gebieters in den Himmel bürgt für den Abstieg des Geistes vom Himmel! Es mussten nämlich jene, die Jesus angenommen hatten, auch die Ankunft des Geistes empfangen, damit die Lehren der Gotteserkenntnis zu einem vollkommeneren Aufstieg eilen. Jesus also, der die menschliche Natur angenommen und sich in einen den Menschen verwandten Anblick gehüllt hatte, ließ die Menschen auferstehen, um den Geist zu empfangen. Denn er sagt: „Noch vieles habe ich zu sagen, aber ihr könnt es nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Beistand, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten.“2 Es wird nach mir kommen, was mir der Substanz nach entspricht; es wird bei euch eintreffen, was vom Vater stammt und dem Vater in der Substanz ebenbürtig ist. Was ihnen also in Worten als frohe Botschaft verkündet wurde, das erkannten sie in den Taten; auf das, wovon sie die Verheißung empfingen, warteten sie in der Erfahrung. „Als sich der Tag des Pfingstfestes erfüllte.“3 Nur eine kurze Zeit liegt inmitten des Aufstiegs, und schon geschieht der Abstieg des Geistes; das Versprechen des Retters fand in Taten sein Ende. Der Chor der Apostel also hielt sich an der Verheißung des Gebieters fest wie an einem Anker und erwartete die Gegenwart des Geistes.

Da der Lauf der Tage zur Zahl fünfzig hinaufgestiegen ist, wo der Kreis der sieben Wochen sich nach der Anordnung des Gesetzes dreht und von den Festen auf beiden Seiten begrenzt wird – genau dann geschieht der Abstieg des Geistes. Aber er nahm kein Fleisch an wie der Sohn! Er erschien nicht in menschlicher Gestalt! Auch nicht wie in den Strömen des Jordan, als die Gestalt der Taube die Gegenwart des Geistes anzeigte. Denn die Substanz des Gebieters erscheint, wie sie es will! Ein Donner brüllte wie eine Trompete vom Himmel herab und übertönte mit seinem Widerhall jede Kraft des Gehörs! Eine durch die Luft rasende Flamme gebar feurige Zungen. Die Teilung des Feuers wurde zur Mutter der Zungen; verteilte Zungen setzten sich auf die Häupter der Jünger. Das also ist die Art der Erscheinung des Geistes. Er wählt den Tag aus, indem er sich nach den anderen richtet. Nicht ohne Grund! Er nimmt das Fest weder zu früh, noch lässt er den Tag verstreichen, bevor er den Abstieg herbeiführt. Warum? Es gibt bei den Juden nur diese drei öffentlichen Feste. Erstens das Passah: Während sie das Schaf opferten, erkannten sie das wahre Lamm nicht! Indem sie das Vorbild ehrten, vergingen sie sich gegen den Urheber des Vorbilds. Denn dessen Schatten beteten sie an, aber dessen Gegenwart entehrten sie! Zweitens das Pfingstfest nach jenem, das seinen Namen vom Zeitabstand erhalten hat. Dazu kommen die Laubhütten, jene Schatten, die Nachahmung der Wüste. Diese Feste versammelten alle Juden zwangsweise in einer einzigen Stadt. Weil nun beim ersten Fest das Kreuz aufgerichtet und das Leiden erhöht wurde – und das ganze Volk der Juden war dabei Zuschauer –, sie aber das Wunder der Auferstehung absichtlich ignorierten, nicht glaubten, vertuschten und verleumdeten: Deshalb wird direkt nach dem ersten Fest, an dem alle Stämme der Juden durch den Zwang des Gesetzes wieder an denselben Ort getrieben wurden, die Gnade ausgegossen! Sie passte genau den Zeitpunkt ab und lenkt die Augen und Ohren aller auf sich, damit die Gabe, die auf die Jünger Christi herabfährt, bezeugt: Er ist auferstanden! Auch wenn sie nicht glaubten, dass Christus auferweckt wurde – Geschenke aus dem Himmel sehen sie! Diejenigen, die das Grab versiegelten, werden nun dazu gebracht, Zuschauer der himmlischen Schauspiele zu werden. Also: Ein Donnerklang und Feuer vom Himmel und eine Energie, die die Ankunft des Geistes beglaubigt.

Genau so zuckte einst auch am Berg Sinai die Flamme, und Mose wurde mitten im Feuer unterwiesen, Gesetze zu geben. Jetzt aber flog eine andere Flamme aus dem himmlischen Feuer herbei und steuerte die Häupter der Apostel an. Denn derselbe, der damals Moses zu den Gesetzgebungen für die Hebräer antrieb, hat diese nun zur Rettung der Völker gewendet! Deshalb vermischte sich auch die Erinnerung an alte Wunder mit den neuen. Und wieder tritt das Feuer als Vermittler auf! Durch den ähnlichen Anblick beglaubigt es den Anwesenden, dass es derselbe Gott ist. Aber es formt sich zu geteilten Zungen, um die Empfänger zu Lehrern zu machen, damit sie, im Feuer wandelnd, zu Erziehern des Erdkreises werden. Früher nämlich hatte die uralte Frechheit des Turmbaus die eine Stimme und Sprache, die allen gehörte, zerteilt, und der Kampf der Sprachen erschütterte sie, indem er den Krieg gegen den Himmel beendete. Zehntausend Zungen schlugen mit zehntausend Lauten um sich, fanden aber kein einziges Gehör, das dem Klang zustimmte. Nein, die zerschnittene Sprache spaltete auch die Gesinnungen, und die gelöste Zunge fesselte die Hände! Jetzt aber hat die Gnade die geteilten Zungen der Münder in der Sprache eines jeden Einzelnen versammelt, die Grenzen der Lehre erweitert und viele Wege des Glaubens gebahnt. Oh, was für unfassbare Wunder! Ein Apostel sprach, und ein Inder wurde belehrt! Ein Hebräer redete, und ein Barbar wurde erzogen! Die Gnade hallte wider, und das Gehör nahm das Wort auf. Goten erkannten die Stimme, und Äthiopier verstanden die Sprache. Perser staunten über den Redner, und barbarische Völker wurden von einer einzigen Zunge bewässert.

So weit sich die Natur in den Völkern ausbreitete, einen ebenso großen Reichtum an Sprachen setzte die Gnade dagegen. Die Natur des Feuers vervielfacht nämlich ihre Energie, wenn sie geteilt wird. Denn der Reichtum der Gnade ist eine Quelle des Lichts. Und noch einmal: Die Natur des Feuers kennt keine Verminderung durch Berührung; nein, die Weitergabe ist Wachstum! So vervielfacht das Ausgegossene den Strom. Eine einzige Fackel bringt zehntausend Leuchten hervor und zeigt sie alle voll strahlenden Glanzes, und doch lässt der Schimmer des Lichts nicht nach. So wandert die Gnade des Geistes von den einen zu den anderen, erfüllt die anderen und auch jene, von denen sie ausgeht. Zuerst also kam die Gnade über die Apostel, nahm sie ein wie eine Akropolis, und indem sie durch diese über die Gläubigen hinwegflutet, erfüllt sie alles, und die Ströme der Gnade ziehen sich nicht zurück. Die Zunge des Feuers flog herbei, doch jeder Jünger war ein Gefäß für zehntausend Zungen! Sie sprachen zu den Anwesenden und nahmen die Kämpfe der Lehre auf. Die Anwesenden wurden zum Publikum des Wunders; und die Menge der Zuhörer, obwohl nach ihrer Herkunft geteilt, entbehrte nicht einer apostolischen Zunge, die mit vertrauten Worten überzeugte. Denn wie durch eine Färbung nahmen sie durch die Berührung des Feuers die Stimme auf und empfingen ein zeitloses Wissen; Glaube wurde gelehrt, Gnade wurde bestaunt und Gott wurde erkannt! Aber der Jude spottete und klagte das Wunder der Trunkenheit an! Er bezeichnete das Mysterium der Gnade als eine Wirkung von Most. „Denn“, sagt er, „sie sind vollgefüllt mit Most.“4

Oh, diese den Juden so vertraute Undankbarkeit! Begreif doch die Zeit, Jude, und zügle deine verleumderische Zunge! Woher soll der Most kommen, wenn der Sommer schon vorüberzieht? Wo doch gerade erst der Frühling erschienen ist – wo hat da der Gedanke an Most einen Platz? Berechne die Stunde und zügle die Zunge. Was also macht Petrus, der Erste im Geist, der vor Gnade übersprudelt, der mit Feuer erfüllt ist? Er lässt seine Zunge als Verteidigerin für die Zungen los. Denn er sagt: „Nicht wie ihr vermutet, sind diese betrunken, sondern das ist das, was durch den Propheten Joel gesagt wurde: Ich werde von meinem Geist ausgießen.“5 Ein Ozean an Gnadengaben verkündet der Prophet als frohe Botschaft! Er sagt: „Ich werde von meinem Geist ausgießen.“6 Aber hat sich der Strom etwa wieder zusammengezogen? Oder beschränkt sich das Geschenk nur auf die Juden? Ganz und gar nicht! Er sagt: „Ich werde ausgießen auf alles Fleisch.“6 Da ihr die Vorhersage gelernt habt, seht nun das Ergebnis. Die Zunge des Geistes ist der Zunge des Propheten zuvorgekommen. Lasst uns erflehen, dass auch auf uns ein Tropfen jener Gnade herabkommt, damit wir das Gedächtnis der Wunder bewahren und den Gewinn der Gnade ernten! Denn das Geben ist leicht, wenn es auf Bereitschaft trifft. Denn es ist „derselbe Gott, der alles in allen bewirkt.“7 Ihm sei die Macht und die Kraft in die endlosen Zeitalter der Zeitalter. Amen.

Schriftstellen

  1. Joh 14,18; Joh 14,16
  2. Joh 16,12-13
  3. Apg 2,1
  4. Apg 2,13
  5. Apg 2,15-17
  6. Joel 3,1
  7. 1Kor 12,6