Über die Neugetauften
Wenn der Frühling die düstere Winterzeit ablöst, fliegen bunte Vögel durch den Äther und signalisieren den Menschen mit honigsüßen Liedern die Lieblichkeit der Zeit! Dann zerschneiden wohlklingende Schwalben mit messerscharfem Flug die Luft, streifen fast die Köpfe der Menschen und werfen ihren Ruf wie eine Blüte direkt in die Ohren. Da sieht man die Luft rein und windstill, und die Gesichter der Menschen hellen sich auf, sie passen sich der Windstille an; denn die Stimmen der Vögel erfreuen das Gehör, die reine Luft macht den Blick heiter, der Glanz der bunten Blumen versüßt das Sehen und der vielgemischte Hauch der Kräuter belebt den Geruchssinn. Und diesen Genuss liefert euch, Geliebte, der irdische Frühling, der dem Tod geweiht ist; aber der göttliche und unbefleckte Frühling ist unser Christus, der die Wiese der Kirche mit geistlichen Veilchen und Rosen und Lilien dicht bewachsen hat, den Blick erhellt und das Becken unserer Herzen mit göttlichen Aromen füllt! Wer von den Gläubigen jubelt jetzt nicht? Wer springt jetzt nicht vor Freude, wenn er die Neugetauften sieht, wie sie im Bild von Lilien in den strahlenden Kelchen ihrer Gewänder leuchten und mitten im Herzen den goldglänzenden Glauben besitzen? Hier wirst du finden, Geliebter, wenn du mit den Augen des Herzens hinschaust, wie sich das Herz der Gläubigen gleich einem tiefen Veilchen im Blut Jesu purpurrot färbt! Denn die Rose mit den flammenden Blättern blühte unversehrt aus der Jungfrau Maria auf. Welche Wiese besitzt einen solchen Duft, wie unser Garten die aromareiche Gnade des Geistes verströmt? Schnupper am Neugetauften und du wirst in ihm den unsterblichen Duft des Geistes finden, ich meine das Myrrhenöl der himmlischen Salbung! Hier duften die Palmen der Väter, bekränzt mit den Zweigen des Sieges, süßer nach den Früchten der Liebe; hier spielen die schönstimmigen Vögel der Psalmensänger einstimmig für Gott die Psalmen auf der Leier; hier freut sich die Jungfräulichkeit, die wie Storaxharz das reine Räucherwerk des Gebets zu Gott bringt; hier ergötzt sich die Besonnenheit, die den heiteren Zweig der Reinheit Gott opfert, so wie Abraham den Isaak; hier strecken die Stämme der Ölbäume den Armen den fruchtbaren Zweig der Wohltätigkeit entgegen, sie erfreuen den Herrn und ernähren den Bettler. Die Jungfräulichkeit soll singen und sagen: „Lass mein Gebet sich richten wie Räucherwerk vor deinem Angesicht, Herr.“1 Der Barmherzige soll sagen: „Ich aber bin wie ein fruchtbarer Ölbaum im Hause Gottes; denn der Gerechte wird blühen wie eine Palme, wie eine Zeder im Libanon wird er sich mehren.“2
Jetzt ist das düstere Gesicht des teuflischen Winters geflohen und das Heitere der himmlischen Wiese aufgeblüht; jetzt ist die Totentrauer getürmt, denn der Glanz der Auferstehung ist gekommen. Lasst uns alle zusammen das neue Lied singen, denn zur neuen Lebensordnung gehört das neue und glückselige Lied. Lasst uns das neue Lied singen, denn seht, Adam ist erneuert worden, denn die alte Sünde ist verschwunden, seht: „...alles ist neu geworden.“3 Lasst uns das neue Lied singen, denn seht, Adam ist erneuert und Eva in die Himmel hinaufgebracht worden, denn der Teufel ist ins Feuer gestürzt worden. Bedienen wir uns jenes Liedes von Maria, der Schwester von Mose, denn es passt jetzt zu uns genau wie damals zu ihnen. Der Chor jener Heiligen soll uns zur Seite stehen und das rufen, was er damals am Roten Meer geschrien hat, nämlich: „Lasst uns dem Herrn singen, denn herrlich ist er verherrlicht worden.“ 4 Denn was hat er getan? „Pferd und Reiter hat er ins Meer geworfen.“4 Pferd und Reiter: das Pferd, das ist die lüsterne Sünde, der Reiter aber der auf der Sünde sitzende Dämon – in der Taufe des Wasserbades hat er sie versenkt. Lasst uns also dem Herrn singen, „denn herrlich ist er verherrlicht worden“4 ; denn den Pharao und seine Streitmacht „hat er ins Meer geworfen“4 , das heißt den Teufel und sein finsteres und verfluchtes Dämonenheer hat er im Bad der Taufe ersäuft. Ich fürchte mich nicht mehr, den Satz zu hören: „Erde bist du und zur Erde wirst du weggehen.“5 Denn in der Taufe habe ich die Erde abgelegt und den Himmel angezogen und ich höre: Himmel bist du und in die Himmel wirst du weggehen! Denn „so viele ihr auf Christus getauft worden seid, ihr habt Christus angezogen“6 , und: „Wie der aus Staub ist, so sind auch die aus Staub, und wie der Himmlische, so sind auch die Himmlischen.“7 Wir müssen die Wolken besteigen und in die Himmel hinauflaufen; das Wort ist nicht ohne Zeugen, hör Paulus sagen: „Wir werden entrückt werden in Wolken zur Begegnung des Herrn in die Luft und so werden wir allezeit mit dem Herrn sein.“8 Deshalb, wie wir gerade eben den Psalmsänger gehört haben, der uns ermahnt und sagt: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; lasst uns jubeln und uns an ihm freuen.“ 9 Jubeln wir also, aber nicht benebelt durch Sauferei und Kater, denn das wäre keine Freude, sondern Dummheit und Finsternis des Herzens. Jubeln wir und springen im Geist, jubeln wir und schlemmen an der Liebe, freuen wir uns in der Hoffnung. Wenn man aber noch eine andere Freude des Herzens begreifen muss: Nehmen wir das himmlische Brot mit reinen Handflächen auf und schicken es der Seele als Wegzehrung für das ewige Leben hinüber; mit reinen Handflächen, sage ich, nicht mit solchen, die mit gewöhnlichem Wasser gewaschen, sondern die durch Wohltaten zum Glänzen gebracht sind. Und lasst uns den göttlichen und himmlischen Mischtrank mit rosengleichen Lippen schöpfen, nicht indem wir sie mit irgendeiner roten Farbe schminken, sondern indem wir sie mit dem Blut von Jesus Christus in Purpur tauchen.
Oh, wahrhaft großer und guter Tag, an dem das Lamm geschlachtet und die Welt freigekauft wird und unser Hirte lebt! Denn: „Ich bin“, sagt er, „der gute Hirte.“10 Oh, neues Geheimnis und unfassbares Wunder! Das Kreuz stand da und Christus wurde darauf ausgespannt; ein ungerechter Tod war das, was man sah, aber ein heiliges Brautgemach war das, was geschah; ein Kreuz war das, was man sah, aber ein Hochzeitsgemach war das, was vollzogen wurde. Gestern wurde das Brautgemach errichtet und heute wurde ein Volk geboren. Oh, Tod Christi, Tod des Todes, der du süßes Leben im bittersten Tod hervorsprudeln lässt! Oh, Geheimnis Abrahams, das in Christus vollendet wird! Isaak wurde auf dem Altar gefesselt und ein Lamm an seiner Statt geschlachtet, und der Sohn Gottes wurde am Kreuz dargebracht und im Fleisch für uns gekreuzigt, und während das Fleisch litt, litt die Gottheit nicht. Das Segel des Kreuzes stand auf dem Schiff der Welt und die Welt blieb ohne Schiffbruch. Wer mit diesem Segel des Kreuzes fährt, kennt keinen Schiffbruch des Todes, sondern segelt hinauf in die Himmel. Nicht mehr fürchtet Eva den Vorwurf Adams, denn in Maria ist deren Fehltritt geheilt worden. Nicht mehr fürchtet Adam die Schlange, denn Christus hat den Kopf des Drachen zertreten. Denn: „Du“, heißt es, „hast den Kopf des Drachen auf dem Wasser zertreten“11 – das heißt: in der Taufe. Ich trauere nicht mehr, ich weine nicht mehr und sage: „Ich wandte mich dem Elend zu, als mir ein Dorn eingetrieben wurde,“12 Denn Christus ist gekommen, hat den Dorn unserer Sünden ausgerissen und ihn sich auf sein eigenes Haupt gesetzt. Gelöst ist mein uralter Kummer, gelöst der alte Fluch, der sagt: „Dornen und Disteln wird dir die Erde hervorbringen.“13 Denn die Dornen sind vertrocknet, die Distel ist entwurzelt und eine dreifach geflochtene Krone wurde auf mein Haupt gesetzt. Wer von den Juden und Griechen glaubt, dass ein Holz dastand und Leben hervorblühte? Und jeden Tag wird es von Gläubigen abgeerntet und die Frucht bleibt unerschöpflich. Und jeder Stamm und jedes Volk von Gläubigen steigt mit dem Schritt der Seele auf diesen Baum hinauf und füllt den Bausch seines Verstandes mit unsterblicher Frucht; und der Baum trägt alle und sättigt alle und besiegelt und macht reich und schleudert sie danach in die Himmel.
Denn was hat Christus um unseretwillen nicht erduldet, genannt zu werden? Wir können seine Namen nicht durchzählen, aber ich mache mich daran, sie zu nennen, Geliebte: Tür, Weg, Schaf, Hirte, Wurm, Stein, Perle, Blüte, Engel, Mensch, Gott, Licht, Quelle, Sonne der Gerechtigkeit. Der vielnamige Christus, der doch einer ist; vielnamig ist der Sohn und ist doch einer, ohne sich zu wenden, ohne sich zu wandeln, denn die Gottheit ist unveränderlich. Sondern er passt sich jeder Sache gemäß ihrer Wirkweise an und hat für jede Wirkweise einen eigenen Namen festgesetzt. Und lasst uns sehen, Geliebte, ob wir für jeden Namen die Wirkweise aufzeigen können. Weg wurde er genannt. Denn: „Ich bin“, sagt er, „der Weg und die Wahrheit“14 , weil er selbst der Anführer aller Tugenden und des Aufstiegs in die Himmel geworden ist. Er selbst ist die Tür: „Ich bin die Tür der Schafe“15 , weil wir durch ihn wie durch eine Tür in das Königreich der Himmel hineingehen. Salz wurde er genannt, weil er den Gestank des Götzendienstes der Menschen abgewaschen und unsere Seelen durch den Glauben für die Heimkehr zur Frömmigkeit gewürzt und die erschlafften Glieder des Verstandes durch die Wahrheit gestrafft hat. Schaf wurde er genannt. Denn: „Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtung geführt und wie ein Lamm stumm vor dem, der es schert.“16 Schaf wurde er genannt wegen der Schlachtung und wegen der Teilhabe an seinen heiligen Gliedern und wegen seines unsterblichen Schutzes durch das Siegel seines heiligen Blutes.
Hirte wurde er genannt. Denn: „Ich bin“, sagt er, „der gute Hirte“10 , weil er die in die Irre gegangenen Schafe zurückgeholt und unseren Widersacher, den Löwen, mit dem Stab des Kreuzes erschlagen hat. Perle wurde er genannt, weil er wie eine Perle in einer Muschel zwischen den zwei Schalen von Körper und jungfräulicher Seele ohne die Saat eines Mannes geboren wurde, oder weil er der Schmuck der Seele ist, oder wegen seines strahlenden Glanzes, rein und von überall her blitzend im Glanz der Gottheit. Licht wurde er genannt, denn „er war das wahrhaftige Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt“17 , weil er den düsteren Irrtum der alten Finsternis aus unserem Verstand gejagt und die Augen unseres führenden Geistes aufgerissen hat, damit wir wahrhaftig sehen, was wir früher angebetet haben: dass es keine Götter sind, sondern Werke von Menschenhänden, Steine und Holz! Eckstein wurde er genannt, weil er die zwei Völker wie zwei Mauern durch den Glauben gebaut hat und nun oben auf ihnen liegt und sie zu einer Fuge der Rettung zusammenzieht. Sonne der Gerechtigkeit wurde er genannt wegen seiner Helle und Hitze – „denn es gibt nichts, das sich vor seiner Hitze verbergen könnte“18 – und wegen des zwölfstrahligen Lichts der Apostel.
Senfkorn wurde er genannt, weil er sich klein macht und zu unserer Verfassung herabsteigt bei den Anfängen des Glaubens; wenn er sich dann aber in die Ackerfurchen unserer Seele eingenistet und in der Tiefe ausgebreitet hat, erhebt er sich in himmelhohe Höhe und entbrennt zu Frömmigkeit und Klugheit. Wurm wurde er genannt. Denn: „Ich bin ein Wurm und kein Mensch“19 , weil er die herausblitzende Gottheit wie einen Angelhaken im Wurm des Körpers verborgen hat, ihn in diese Tiefe des Lebens hinabgelassen und wie ein guter Fischer wieder heraufgezogen hat, um das Geschriebene zu erfüllen: „Du wirst den Drachen am Haken heraufziehen.“20 Mensch wurde er genannt, weil er einen Körper getragen hat, der nicht aus Lust und Schlaf zusammengesetzt, sondern aus einer Jungfrau und heiligem Geist entstanden ist. Doch weil jeder von uns, Geliebte, auch die honigfließende Lehre der Väter erwartet, lasst uns hier unseren Geldbeutel der Worte mit dem heiligen Geist versiegeln, damit jene kommen und aus der honigtriefenden Weisheit unseres Herrn Jesus Christus die Zisternen unserer Herzen füllen und jeder von euch die reiche Frucht der Frömmigkeit sprießen lässt – der eine dreißigfach, der andere sechzigfach, der andere hundertfach –, den Kranz der Engel, in Christus Jesus, unserem Herrn, mit dem dem Vater die Herrlichkeit gehört, die Ehre und die Macht, zusammen mit dem heiligen und lebendigmachenden Geist, jetzt und in alle Ewigkeit der Ewigkeiten. Amen.
Schriftstellen
- Ps 140,2
- Ps 51,10; Ps 91,13
- 2Kor 5,17
- Ex 15,1
- Gen 3,19
- Gal 3,27
- 1Kor 15,48
- 1Thess 4,17
- Ps 117,24
- Joh 10,11
- Ps 73,13
- Ps 31,4
- Gen 3,18
- Joh 14,6
- Joh 10,7
- Jes 53,7
- Joh 1,9
- Ps 18,7
- Ps 21,7
- Hi 40,25
